Digitalisierter Werbemüll aus der Vergangenheit und für die Zukunft

Ted Nelson’s Junkmail Cartons gehören zu den wohl interessantesten Sammlungen auf archive.org. Ted Nelson füllte über Jahre die Antwortkarten in Magazinen aus, mit denen man mehr Informationen über Produkte von Firmen anfordern konnte. Und damit geriet er natürlich in so ziemlich jeden Werbeverteiler der amerikanischen Tech-Industrie.

Ted hat also im Laufe der Jahre jede Menge Werbung bekommen. Diese hat er aber nicht weggeworfen, sondern in Kartons gelagert und aufbewahrt. Diese Kartons sind irgendwann in die Hände des Internet Archive geraten, welches sie einfach eingescannt und online gestellt hat.

Das Ergebnis ist eine umfassende Sammlung, die einen detaillierten Einblick nicht nur in die technische Entwicklung, sondern etwa auch in Werbestrategien, die Ästhetik der Technologiewerbung und damit auch in Zukunftsvorstellungen und das damals Mögliche. Denn man kann es mittlerweile kaum glauben: So manches, was mittlerweile völlig selbstverständlich war, war vor 20, 30 Jahren noch Zukunftsmusik. Oder halt extrem teure Technik für Firmenkunden. Und wo sonst findet man einen Katalog mit altem Druckerwerkzeug? Einen zu alten Frankiermaschinen? Von Filmkameras? Oder einen alten Werbegeschenke-Katalog?  Ted Nelson hat die Prospekte davon gesammelt, die sonst wohl für immer verloren wären.

Denn kaum eine Technologiefirma aus den Anfängen des Computerzeitalters hat überlebt. Bei der schnellen Entwicklung der Technik genügte häufig eine falsche Entscheidung, ein falsch platziertes Produkt oder das setzen auf das falsche Pferd/die falsche Computerplattform, um eine Firma in die Insolvenz schlittern zu lassen. Außerdem hat kaum eine Firma das Firmenarchiv wirklich gepflegt.

Für den deutschsprachigen Raum gibt es eine entsprechende Sammlung meines Wissens nicht. Vielleicht haben einige Museen etwas Vergleichbares im Depot, aber deutsche Museen und große Scanprojekte auf urheberrechtlich wackeligem Terrain funktionieren nicht zusammen.

Aber wie würde man selbst ein entsprechendes Projekt aufbauen? Man könnte es machen wie Ted und einfach eine gigantische Menge Werbepost an die eigene Hausadresse schicken lassen und erstmal in Kartons lagern. Das ist aber natürlich nicht nur für Leute mit Mitbewohnern wenig ideal. Es ist auch wenig wahrscheinlich, dass man die Kartons dann jemals einscannen wird.

Man könnte auch regelmäßig die erhaltene Post scannen und dann entsorgen, aber dann quillt nach dem Urlaub der Briefkasten trotzdem über. Und ich wage es zu bezweifeln, dass man ernsthaft jeden Werbebrief dann auch scannt, wenn man abends müde von der Arbeit kommt. Dafür bräuchte man einen wirklich guten Workflow.

Eine wirklich interessante Alternative wären externe Dienstleister, welche Briefe scannen. Diese richten sich an Leute, die wirklich viel unterwegs sind oder an Firmen, die keine Lust auf Zettelwirtschaft haben und komplett digital arbeiten. Das Prinzip ist einfach: Man lässt seine Mail zu einem dieser Dienstleister umleiten und dieser öffnet die Briefe, scannt sie ein, schreddert das Original und leitet einem die Scans weiter.

Mit  Hilfe dieser Anbieter könnte man ein entsprechendes Projekt problemlos umsetzen: Die Werbepost wird direkt zum Anbieter bestellt, dieser öffnet und scannt sie ein. Die Scans landen dann bereits digital aufbereitet bei einem. Wenn man das noch mit einem DMS mit Texterkennung koppelt, hat man ein fast vollständig automatisiertes Archivierungssystem gebaut.

Preistabelle eines Anbieters

Wohlgemerkt: Könnte. Denn die Dienstleister lassen sich Ihre Dienste gut bezahlen. Die Privatkundentarife sind bei Grundgebühren von um die 20 Euro monatlich meistens mit 20-30 Inklusivbriefen ausgestattet. Weitere Briefe kosten dann gerne mal über einen Euro pro Stück. Bei einem entsprechenden Werbevolumen geht eine entsprechende Lösung schnell ins Geld. So reizvoll ein entsprechendes Projekt auch klingt, mit den entsprechenden Nebenkosten ist das als Hobbyprojekt nur schwer umzusetzen. Größere Institutionen mit ordentlichem Budget oder Firmen können sich sowas leisten – der Aufbau einer Datenbank über die Werbeaktivitäten der Konkurrenz ist auf jeden Fall ein paar Euro wert.

Mittlerweile ist der Versand von Werbung per Post völlig out und wird zunehmend von Mailnewslettern und Social Media verdrängt. Es wäre kaum ein Problem, ein entsprechendes Archiv an Newslettern anzulegen. Das ist jetzt völlig uninteressant – aber in 20 oder 30 Jahren ist das sicherlich höchst spannend.

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3 Kommentare zu Digitalisierter Werbemüll aus der Vergangenheit und für die Zukunft

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  3. Da sehen wir wieder mal das alte Problem mit der Archivierung. Wie du ja sagst, E-Mail Newsletter sind heute „völlig uninteressant“. Da braucht es schon einiges an Weitsicht (und verdammt viel Geduld), diese angemessen zu archivieren. Vor dreißig Jahren dachte man naturgemäß das gleiche über postalische Werbung. Umso spannender, dass Herr Nelson das alles aufbewahrt hat!

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