Mediendiät oder einfach mal abschalten

Warum nicht mal rausgehen?

Es sind gerade wilde Zeiten und es ist viel, viel los. Die Nachrichten überschlagen sich jeden Tag und es sind keine guten Nachrichten. COVID-19. US-Wahlen mit all dem, was Donald Trump so produziert. Kriege. Terrorismus. Schwankende Potentaten, die zündeln, um die eigene Macht zu erhalten. Das Eis im Nordmeer kommt nicht mehr, die Klimakatastrophe nimmt also gigantisch an Fahrt zu. Die Wirtschaft wackelt, die Wälder brennen und all das kommt schön per Pushnachricht rein. Und das ist auf Dauer nicht gesund.

Das stetige Bombardement mit schlechten Nachrichten macht etwas mit den Menschen: Fast egal mit wem man redet, am Ende merkt man, dass sich etwas aufstaut und dann platzt es aus den Leuten heraus. Ich habe das Glück, (noch?) keinen Coronaleugner im Bekanntenkreis zu haben, aber auch so merkt man deutlich, dass eine aufgestaute Wut herrscht. Die Maßnahmen sind nicht genug. Die Maßnahmen sind schlecht umgesetzt. Dies und das könnte besser umgesetzt werden. Und warum tut denn keiner mal was gegen dies und das? 

Fiebrig sitzt die Nation vor den Livetickern, stetig steigende, schlechte Zahlen prasseln herein und aus den Nachbarländern kommen Katastrophennachrichten und Bilder, die schlimmes für einen selbst ahnen lassen. Die Tagesschau um 20 Uhr könnte auch der Vorspann eines Horrorthrillers sein. Auf Twitter, Facebook & Co wird ein Aufreger nach dem nächsten durchs Dorf getrieben. Wirre Wirrköpfe bekommen eine Bühne, weil alle deren Aussagen weiterverbreiten, um zu kommentieren, dass die natürlich völlig wirr sind. Trotzdem bekommen die geistigen Ergüsse von Veganköchen, Musikern und sonstigen Experten-Virologen enorme Reichweite. In den Telegram-Gruppen der Schlagerbarden herrscht ein Tonfall, der so aufgeheizt ist, dass man jederzeit befürchten muss, dass die ganze Verschwörerszene in den bewaffneten Untergrund geht. Dieses Geschwurbel wird einem täglich ins Gehirn gespült – und selbst wenn man die Naidoos noch ignorieren kann, den Blödfug des US-Präsidenten kann man nicht ignorieren, denn er wird wirklich auf allen Kanälen durch die Medien gepumpt.

Das ist auf Dauer nicht gesund. Diese stetige Aufgeregtheit macht keine gute Stimmung. Achtet mal auf euch: Wann war das letzte Mal als ihr in Twitter geschaut habt und mit besserer Laune herausgekommen seid? Das letzte Mal, dass ihr wirklich Spaß und Freunde beim Checken von Facebook-Nachrichten hattet? Wann war das letzte Mal, dass ihr die Tagesschau geschaut habt und gedacht habt, dass das jetzt eine wirklich gute Nachricht ist? 

Ich will kein allgemeines Plädoyer dafür halten, gar keine Nachrichten mehr zu lesen. Aber es macht aktuell Sinn, den Konsum zu reduzieren und sich ganz bewusst zu fragen, ob man sich jetzt wirklich einen bestimmten Aufreger geben will oder ob man sich nicht dann doch lieber auf sein Sofa zurückzieht und ein gutes Buch liest. Muss man den Artikel “Bei Niederlage von Trump: US-Rechtswissenschaftler warnt vor „totalem System-Zusammenbruch” lesen? Oder kann man damit nicht doch einfach warten und schauen, ob der Kerl wiedergewählt wird und dann schauen, was passiert? Beeinflussen kann man die US-Wahl von Deutschland aus eh nicht, man ist nicht wahlberechtigt und auch wenn man jede Debatte des Wahlkampfes fiebrig verfolgt, ändert das trotzdem nichts. Warum sich also aufregen? Einfach ausblenden und am Mittwoch Morgen wissen wir, wer gewählt wurde.

Das gilt auch für Corona: Es gibt gerade zwei Dinge, die man nicht ignorieren darf: Das lokale Infektionsgeschehen, um die eigene Gefährdung zu beurteilen und die aktuell geltenden Regelungen und Gesetze, damit man sich dran halten kann. Aber alles andere? Muss man jetzt die Zahlen verschiedener Länder vergleichen? Muss man sich noch eine Talkshow reinziehen, in der Vertreter der Gastronomie erzählen, wie schrecklich alles ist? Ja, das ist schrecklich, aber ganz ehrlich: Beeinflussen kannst du das auch nicht. Die Politik kann Hilfen beschließen. Oder auch nicht. Du kannst halt mal zum Restaurant um die Ecke schlurfen und dir was zum Mitnehmen holen – das hilft viel mehr als noch eine Folge Markus Lanz schauen und sorgt für bessere Laune. Futter das Takeout und schau lieber einen guten Film.

Kannst du beeinflussen, ob irgendwelche Nasen in Berlin irgendwelche Coronademo-Superspreaderereignisse veranstalten? Nein. Du kannst auf deine Crowd aufpassen und die darauf hinweisen, wie wichtig es ist, jetzt vorsichtig zu sein. Zieh dir nicht den Irrsinn von Attilla Wirrkopf rein, denn auch das belastet. Vertraue oder hoffe darauf, dass irgendwann die zuständigen Stellen diesem Treiben ein Ende bereiten. Wenn du dich in deinem Wohnzimmer vor dem Laptop aufregst, bringt das absolut gar nichts außer dich selbst zu belasten

Gute Laune ist nämlich gerade rar – und daher ist es auch völlig okay, wenn man sich selbst in eine Gute Laune-Wohlfühlblase zurückzieht und mal nicht irgendwelche Videos vom Krieg in Bergkarabach schaut oder auch mal den nächsten von US-Polizisten erschossenen Schwarzen ignoriert. Da kannst du nämlich eh nichts machen und es ist in Ordnung, wenn du das nicht in dich reinfrisst bis die Wut überkocht. Spende einen Fuffi an Black Lives Matter, aber schau dir nicht in HD und Farbe an, wie jemand langsam erstickt wird und um sein Leben bettelt. Das bringt nur eins – dass du dich aufregst, dass du die Schlechtheit der Welt in dich reinfrisst und dass du dich von all dem Schrecklichen überwältigt fühlst.

Eine so krasse und dynamische Nachrichten- und Weltlage hat von uns wohl kaum einer erlebt. Daher gibt es auch keine Erfahrungen damit – die früheren Krisen sind nicht mit einer so dermaßigen Wucht ins Leben geknallt. Damals gab es andere Medien und man muss sagen, dass Zeitungen, Radio oder Fernsehen nicht diese unglaubliche stetige Berieselung erzeugen können wie die geballte Macht des Echtzeit-Internets.

Pass daher auf dich auf – die nächste Zeit wird nicht gerade lustig werden, es wird sich alles noch eine Weile hinziehen und es können noch ganz bittere Schicksalsschläge kommen. Daher ist es wichtig, dass du deine Kräfte behältst und dir auch mal eine Auszeit gönnst. Wenn es regnet, darf man sich auch mal unterstellen. Schau genau drauf, was du an Medien konsumierst.

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