Der Publikationsort

Man lernt es im Tutorat des ersten Proseminars und es ist fest verankert in diversen Zitationsregeln: Die Angabe des Publikationsortes. Berlin. Leipzig. München. New York. Aber ist das nicht eigentlich Quatsch?

Bei den meisten Angaben gibt es wenig zu kritisieren: Den Namen des Autoren benötigt man. Titel und Untertitel des Werkes sind auch höchst hilfreich. Die Auflage erscheint auch sinnvoll, da sich ja zwischen Auflagen inhaltlich etwas ändern kann, auch wenn sich das natürlich etwas mit dem ebenfalls höchst sinnvollen Erscheinungsjahr überschneidet. Die Angabe eines Verlages, die übrigens nicht in allen Zitiervorgaben Pflicht ist, erscheint auch sinnvoll, da man so natürlich gerade in vordigitalen Zeiten wusste, wo und wie man ein Buch bestellen kann und Verlage natürlich immer eine gewisse Ausrichtung besitzen. Es macht einen Unterschied, ob ein historisches Buch im C.H. Beck-Verlag oder bei Propyläen erschienen ist, in der Edition Ost oder im Kopp-Verlag.

Nur der Publikationsort: Zum einen doppelt es sich mit dem Verlag. Der Verlag sitzt natürlich so oder so an einem Ort. Der Ort sagt einem grob, in welchem Land ein Buch erschienen ist, wenn man unbekannte Kleinstädte Ländern zuordnen kann. Mittlerweile gibt es auch global agierende Verlage mit mehreren Firmensitzen, was dann zu Quatschangaben wie „New York, Dubai, Delmenhorst“ führt. Der sonstige Erkenntnisgewinn ist gering: Ich kann nicht wie früher als berittener Buchhändler in den Publikationsort reiten und mich dann in der örtlichen Taverne zum jeweiligen Verleger durchfragen. Das würde zwar ein sehr unterhaltsamer Trip nach Berlin, aber wirklich praxistauglich ist ein derartiges Vorgehen nicht. Ich kann auch auf Basis der Ortsangabe eine Liste der örtlich ansässigen Verlage durchforsten, aber logischerweise finde ich den Verlag natürlich schneller, wenn man einfach den Verlagsnamen angibt und dann googlet.

Ansonsten kann der Ort grob als „ideologischer Filter“ im Zeitalter der Extreme dienen: Ein Text mit der Ortsangabe „New York 1972“ ist etwas anderes als einer mit „Berlin 1937“, „Moskau 1951“ oder „Pjöngjang 2021“. Aber – der gute Wissenschaftler bewertet eine Quellenangabe natürlich erst nach dem Lesen der Quelle und nicht nach dem Publikationsort dieser. Ein Beleg ist ein Beleg und er taugt entweder etwas oder nicht, aber ein untauglicher Beleg ergibt sich nicht zwangsläufig aus dem Publikationsort.

Dann gibt es noch Spezialfälle wie etwa den Reclam-Verlag, den es in Zeiten der deutschen Teilung zweimal gab. Aber auch dieser ist jetzt seit drei Jahrzehnten wieder vereint und es macht natürlich keinen Sinn, aufgrund solcher Spezialfälle jede Quellenangabe mit dem Ort zu versehen. Bei namensgleichen, nicht zusammengehörigen Verlagen ist eine entsprechende Zusatzangabe natürlich sinnvoll.

Und dann gibt es noch etwas, das gerne vergessen wird: Es gibt mit der ISBN eine international standardisierte Buchidentifikationsnummer und mit der ISSN eine international standardisierte Identifikationsnummern für fortlaufende Sammelwerke. Will man also ein Buch als Quellenangabe exakt angeben, würde eine ISBN-Angabe deutlich sinnvoller sein als Ort oder Verlag. Die üblichen Bibliotheks- und Buchhandelskataloge erlauben natürlich eine Suche nach dieser Nummer, denn genau dafür wurde sie in den 1960er Jahren geschaffen.

Der einzige Grund, der mir spontan einfällt: „Das haben wir schon immer so gemacht“. Auch Tradition genannt. Klar ist es schwierig, die gesamte Zitiertradition eines Faches zu ändern. Zeitschrift für Zeitschrift. Verlag für Verlag. Und das passiert natürlich nicht. Dank moderner Bibliotheksdatenbanken findet man verfügbare Literatur ja auch problemlos, selbst wenn man nur Autor und Jahr angeben würde oder nur den Titel. Oder gar nur den Verlag und den Untertitel.

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