Weltminderung

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Pierre-Auguste Renoir – Bal du moulin de la Galette, 1878

In den letzten Wochen las ich Alfred Kerrs „Zwischen Paris und Rom“, eine Sammlung von Reiseberichten. Der vielleicht prominenteste Theaterkritiker des Kaiserreichs reiste um die Jahrhundertwende durch Europa und veröffentlichte seine Reiseberichte und -notizen. Diese sind … nicht so wirklich toll. Sie sind schwärmerisch. Fühlen sich an wie ein euphorischer Fiebertraum. Der ältere Mann lechzt den jungen französischen und italienischen Mädchen nach. Wie ein textgewordenes Gemälde von John William Godward. Er schwärmt, er ist romantisch, er romantisiert die Welt, berichtet praktisch nicht negatives. Das klingt interessant, verliert aber schnell seinen Reiz, da unter dem Schwärmen gerade in seinen Berichten aus Italien zu wenig Substanz steckt. Man merkt ihm die Begeisterung an, die Freude am Reisen, die Freude am Lesen, aber gleichzeitig bringt er doch wenig vom Land mit nach Hause und zum Leser. Er ist wie jemand, der im Urlaub war und dann zuhause allen groß und breit erzählt „Dubrovnik! Wunderschön! Muss man gesehen haben!“, aber der nicht beschreiben kann, warum man denn jetzt Dubrovnik gesehen haben muss, aber dass die Frauen da hübsch waren und dass das Essen lecker war. Es gibt aufmerksamere Beobachter der Welt.

Aber dann gibt es einen Nachtrag, fast nur eine Fußnote in seinem Text über Paris, die dieses Buch so bemerkenswert macht. Kerr veröffentlicht diesen 1901 geschriebenen Text dann im Jahr 1920. Dazwischen war bekanntlicherweise etwas:

„Da kam die große Neuschichtung: Der Weltkrieg; der ihre Lebensfrist mehrt – wenn auch nicht ihre Lebenskraft.
Wir waren siebzig, sie nur vierzig Millionen. An Toten haben beide fast gleichviel. Die Sieger sind besiegter als die Besiegten.
Und ich empfinde den Schmerz darüber so stark wie den Schmerz um eignen Verlust. Wie den tiefen Schmerz um den Aderlaß der Heimat. Eine Weltminderung; hier wie dort.
Rüde Schurken und verantwortungslose Trottel (die stets über zersetzenden Einfluß klagten!!) haben zwei solche Völker zu geistesschwachem Mord gepeitscht.
Ins Gesicht spucken soll man ihnen, öffentlich; jeder, der will; der Reihe nach: Dem ehrlosen Prahlgesindel dieser spät Entafften.
Ins Gesicht spucken; öffentlich; jeder der will.“

Weltminderung. Was für Worte! Was ein Ausdruck des Schmerzes über die Verluste des Weltkrieges!

Weltminderung – das trifft wohl auch das, was wir jetzt gerade erleben. Die Welt ist in den letzten zwei Jahren rauher, garstiger, gefährlicher geworden. Optionen und Möglichkeiten haben sich verschlossen. Viele Länder sind nicht mehr wirklich zu bereisen. Der Optimismus ist auf einem Tiefpunkt. Die Welt ist weniger. Gemindert. Ein Verlust für uns alle. Vielleicht fand ich diesen Nachtrag im Text so beeindruckend.

(Warum schreibe ich hier eigentlich sonst nichts über den russischen Angriff auf die Ukraine oder auch den Coronavirus? Ich habe dazu erstaunlich wenig wirklich gehaltvolles zu sagen. Ich bin kein Osteuropa-Experte, bin nur vor jetzt sieben Jahren mal 14 Tage durch die Ukraine gereist. Ich bin nicht der Experte für irgendwelche geopolitischen Themen oder gar für Militärstrategien. Ich bin auch kein Virologe und weiß nur das, was man sich während der Pandemie so angelesen hat. Daher kann ich zu den aktuellen Debatten wenig Gehaltvolles beitragen. Und so nett es ist, Historiker zu sein, manchmal bringen einen auch Erklärungen tief aus der Geschichte nicht weiter. Daher halte ich mangels Expertise einfach mal die Klappe)

Wer übrigens vielleicht auch die Klappe halten hätte sollen: Alfred Kerr. Denn zu den rüden Schurken und verantwortungslosen Trotteln, die Deutsche und Franzosen zu geistesschwachem Mord gepeitscht haben, gehört auch er.

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