Statuen oder Stalassen?

Spätestens nachdem Demonstranten eine Statue von Edward Colston medienwirksam im Hafen von Bristol versenkt haben und Black Lives Matter-Demonstranten die Statuen konföderierter Generäle in den Fokus nehmen, wird wieder heftigst um unsere Gedenkkultur gestritten. Hier ein paar Gedanken zum Thema.

Eine Statue ist immer eine Ehrung. Mir ist kein Beispiel einer „Anti-Statue“ bekannt, wo eine Statue eines schlechten Menschen aufgestellt wurde, um ihn zu verspotten. Als Statue dargestellt werden nur die Helden, die Vorbilder, die Großen und die Verehrenswerten. Es gibt Denkmäler und Gedenkstätten, die an schlimme Ereignisse erinnern. Die Menschen, welche diese schlimmen Dinge getan haben, werden dort nicht als Statue dargestellt. Man sieht auf sowjetischen Mahnmalen ab und an Nazisoldaten und -symbole, die von einem Rotarmisten in den Staub getreten werden, aber ein Mahnmal für die Verbrechen des Nationalsozialismus mit einer Hitler-Statue ist undenkbar.  

Eine Statue ist also eine andauernde Ehrung. Solange die Statue steht, wird die dargestellte Person geehrt – das ist der einzige Sinn und Zweck einer Statue. Ein Blick in Diktaturen mit großem Personenkult zeigt, wie das funktioniert: Da wird wirklich alles mit Darstellungen des großen Anführers versehen. In jedem Gebäude hängt ein Portrait, er ist auf den Münzen und Geldscheinen, er wird in Grußformeln („Heil Hitler“) integriert, es gibt jeden Tag Rituale, die ihn ehren und natürlich wird der öffentliche Raum mit Wandbildern, Plakaten und Statuen gepflastert. Daher stehen in Nordkorea überall Statuen der Kims.

Dahinter steckt eine ganz bewusste Politik, die gewissermaßen eine symbolische Landnahme vornimmt. Im Fall des Diktators ist das ganz klar – da wird dann der entsprechende „Große Vater“ überall platziert, um zu zeigen, dass all das seins ist und von ihm beherrscht wird. 

Daher ist auch eine Entfernung der entsprechenden Denkmäler regelmäßig ein Zeichen eines Regimewechsel. Nach Stalins Tod begann in der Sowjetunion die Phase der Entstalinisierung, in der u.a. auch genau das gemacht wurde: Es wurden die Symbole und Darstellungen Stalins flächendeckend beseitigt. Die Bilder verschwanden, die Plakate, die Stadt Stalingrad wurde wieder in Wolgograd umbenannt, Stalinstadt in Eisenhüttenstadt und die ganzen Denkmäler und Büsten Stalins verschwanden. Heute muss man schon lange suchen, um noch welche zu finden. 

Ähnlich wurde auch von den Alliierten mit den Symbolen des Nationalsozialismus verfahren. Hitlerbilder wurden entfernt, Hakenkreuzornamente von den Fassaden geholt und gemeißelt und natürlich auch die in jedem Ort zu findende Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Dass wir uns in Deutschland eine wilde Debatte um die Umbenennung von Hindenburg-Straßen und -plätzen liefern, liegt auch daran, dass die Alliierten hier gute Arbeit geleistet und diese symbolische Inbesitznahme des öffentlichen Raumes durch den Nationalsozialismus schon vor Jahrzehnten konsequent beseitigt haben. Wir streiten uns jetzt über die „Grauzonen“.

Wichtig bei der Bewertung von Statuen und ihrer Erhaltungswürdigkeit ist es daher, die Geschichte ihrer Aufstellung und die Intention der Aufsteller zu betrachten. So stellt es sich bei den aktuell in den USA so stark in der Kritik stehenden Denkmälern für Konföderierte heraus, dass diese schlicht und einfach nicht zeitgenössisch sind. Ein Großteil dieser Statuen wurde erst in den 1960ern aufgestellt und zwar ganz bewusst als Reaktion auf das Civil Rights Movement. Wenn man das weiß, dann führt dies quasi automatisch zu einem anderen Umgang mit der entsprechenden Statue. Es geht nicht darum, dass man den Parthenon-Fries zerstört, aber viele dieser Statuen haben ungefähr so viel mit Geschichte zu tun wie das „300“-Tattoo auf dem Bizeps eines Kampfsportlers.

Ich bin auch sehr skeptisch bezüglich des Argumentes, dass andere Zeiten andere moralische Einstellungen hatten und dass man historische Personen nicht mit heutigen moralischen Maßstäben messen kann. Zum einen darf natürlich jede Zeit selbst entscheiden, wen sie mit einer Statue ehrt und wen nicht. Es gibt kein Anrecht der Vergangenheit auf Zukunft – genau wie man die von Oma geerbte Wohnung umgestalten darf und das häßliche Sofa rauswerfen kann, darf eine Gesellschaft natürlich jederzeit den Umgang mit den Monumenten der Vergangenheit neu diskutieren und diese entfernen.

Zum anderen stellt es sich heraus, dass menschenfeindliches Verhalten, wilder Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Sklaverei, Völkermord und andere aktuell in der Kritik stehende Verhaltensweisen meistens auch schon zeitgenössisch in der Kritik waren. Es hat sich natürlich nicht jeder dieser Kritik angenommen und Profitgier siegte auch früher zu häufig über Moral. Aber wenn man genauer hinschaut, dann gab es meistens auch schon zeitgenössisch massive Kritik. Ein Christopher Kolumbus wurde wegen seiner Grausamkeiten zwischenzeitlich sogar von der spanischen Krone inhaftiert. Der belgische König Leopold II. war auch zu Lebzeiten schon wegen seiner Kolonialverbrechen berüchtigt. Die Sklaverei in den Amerikas wurde von Beginn an heftig kritisiert und spätestens in der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs, zur Zeit der Konföderation, gab es eine mehr als lebhafte „Debatte“ um die Sklaverei. Natürlich kann man die Sklaverei so toll finden, dass man um ihre Abschaffung zu verhindern einen offenen Bürgerkrieg beginnt, aber dann muss man sich auch dem Urteil nicht nur späterer Historiker stellen. Schaut man genauer hin, wurden fast all die aktuell in der Diskussion stehenden Statuen-Menschen auch schon zeitgenössisch heftig kritisiert.

Man darf auch gewisse Ambiguitäten und Grautöne nicht vergessen. In England wird gerade über Statuen von Winston Churchill diskutiert. Der hat natürlich im Zweiten Weltkrieg die Nation gegen die Nazis geführt und ist damit aus der Sicht vieler ein absoluter Held. Gleichzeitig war er aber auch ganz klar ein in der Tradition des Empires stehender Rassist, der gegenüber den kolonialen Subjekten nur Verachtung empfand („I hate Indians. They are a beastly people with a beastly religion“) und besonders bei der Hungersnot in Bengalen 1943 alle Kritik mehr als nur verdient hat. Das Gleiche gilt auch für Robert Koch – einerseits ein Arzt, der mit seiner Impfstoffforschung definitiv eine Statue verdient hat. Andererseits hat er mit seiner Kampagne gegen die Schlafkrankheit in Deutsch-Ostafrika ein großes Verbrechen begangen, für das er sich natürlich der Kritik stellen muss.

Das führt zum nächsten Thema: Der Begriff „Umstritten“. Es ist so, dass Menschen häufig unterschiedlicher Meinung sind. Weiße Südstaatenbewohner können die Konföderation toll finden, die Konföderierten Flagge auf ihren Pickup-Truck kleben und sich jedes Mal freuen, wenn sie eine Statue von General Robert E. Lee sehen. Schwarze Südstaatenbewohner werden dies anders sehen und das sind auch Themen, bei dem man nur schwer eine gesamtgesellschaftliche Einigkeit schaffen kann. Irgendein AfD-Politiker findet sicherlich auch die Umbenennung der Adolf-Hitler-Straßen blöd, andere wollen Stalin-Denkmäler neu errichten und die nächsten dann wieder andere Denkmäler abreißen. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist immer höchst umstritten, gerade da es häufig gar nicht um die Vergangenheit selbst geht, sondern um aktuelle politische Themen. Der Bau einer Statue für eine entsprechend umstrittene Person ist ein ganz bewusster Akt, der dieser Debatte gewissermaßen einen in Stein gemeißelten Endpunkt geben will. Dem ist natürlich nie so – die Debatte verlagert sich dann auf die Entfernung der Statue, geht aber eigentlich weiter um die historische Bewertung dieser Person, an der sich verschiedene politische Lager reiben und aktuelle Konflikte austragen können.

Statuen und sonstige Ehrungen wie Straßen- oder Institutionennamen erfüllen hier genau ihren Zweck. Sie „verewigen“ die damit geehrte Person und verhindern, dass sie in Vergessenheit gerät. Andere Sklavenhändler aus Bristol sind langsam in Vergessenheit geraten. Edward Colston hat eine Statue (und mehr) bekommen, die ihn ständig wieder in Erinnerung gerufen hat und die ihn so „unsterblich“ gemacht hat. Die Versenkung im Hafenbecken hat daher genau den passenden Symbolcharakter.

Gerade da Statuen so extrem aufgeladen sind und so extrem stark Geschichtspolitik betreiben, ist eine Entfernung immer eine Option. Es ist sogar relativ einfach, da man sie ja entfernen kann und dabei nicht wie Gebäude zerstören muss. Eine Statue kann man in ein Museumsdepot transferieren oder an einen anderen Platz versetzen. In einigen Ländern gibt es auch Statuenparks, in die all die ganzen alten, nicht mehr erwünschten Statuen gestellt wurden. Eine Gesellschaft darf aber immer wieder neu aushandeln, wen sie mit einer Statue ehren will und wen nicht. Es gibt genügend Menschen, die tolle und ehrenswerte Sachen gemacht haben und die nicht irgendwelche Verbrechen begangen haben oder glühende Antisemiten und Rassisten waren. Man muss Straßen und Plätze auch nicht nach Menschen oder historischen Ereignissen benennen: Pflanzen („Lilienstraße“) oder Tiere („Pferdegasse“) funktionieren auch und in den meisten Fällen ist allen mehr geholfen, wenn man Straßen danach benennt, wo sie hinführen („Mainzer Straße“). Ein Schlossplatz ist für Ortsfremde leichter zu verorten als ein Hindenburgplatz.

Was soll man also machen? Ich persönlich halte wenig davon, bestehende Statuen und Denkmäler irgendwie zu „brechen“, in dem man sie mit einem Schild begleitet oder durch Gegendenkmäler flankiert. Wenn es um Statuen für Verbrecher geht, dann sollte man diese umgehend entfernen. Denn Verbrecher, Völkermörder, Kriegstreiber oder Kolonialisten sollte man nicht ehren.

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Historische Kochrezepte

Es ist eine großartige Idee und eine grandiose Ressource: Die Rezeptdatenbank des Zentrums für Gastrosophie der Universität Salzburg versammelt über 9.000 Kochrezepte aus dem späten 15. bis ins 17. Jahrhundert. Hier gibt es viel zu entdecken und im Idealfall auch nachzukochen.

Die alten Kochrezepte sind etwas gewöhnungsbedürftig. Es gibt andere Zutaten, die man sich erst mal erschließen muss. Die Zubereitung ist nicht so genau ausgeführt wie bei Jamie Oliver. Es gibt logischerweise keine Hochglanzfotos. Die Ergebnisse werden sicherlich für unseren Gaumen ungewöhnlich schmecken. Aber ist das nicht auch mal ein Abenteuer?

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Kurz notiert: Pferdewechsel

Die Jubiläumitis ist in Deutschland weit verbreitet: Spätestens seit auch das letzte Tourismusbüro mitbekommen hat, dass ein zünftiges historisches Jubiläum Touristen anlockt, werden auch die wildesten Dinge gefeiert. Das Feiern eines krummen Jubiläum der Stadtgründung („775 Jahre Schmallenberg im Sauerland„) ist schon für Anfänger, Experten feiern natürlich direkt ein gefälschtes Gründungsdatum. Aber Zarten im Dreisamtal setzt dem Feiern völlig banaler Jubiläen die Krone auf: Vor 250 Jahren hat Marie Antoinette auf ihrem Brautzug nach Paris im Ort kurz die Pferde gewechselt. Der Coronavirus verhinderte die geplante Gedenkfeier.

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Archiviert die Coronakrise!

Irgendwann schreibt jemand eine Abschlussarbeit über unseren Klopapierfetisch

Es sind gerade unglaubliche Zeiten. Die letzte Woche hat sich unsere komplette Welt so vollkommen auf den Kopf gestellt, dass es unglaublich schwer ist, das alles zu verarbeiten. Selbst eine vor 14 Tagen noch völlig unglaublich wirkende Nachricht wie „Schleswig-Holstein verbietet Tourismus“ löst nur noch ein Achselzucken aus. Wir reden plötzlich über Todeszahlen, Risikogruppen und regen uns darüber auf, wenn sich andere Menschen bei gutem Wetter in ein Café setzen. Das dann urplötzlich auch nicht mehr öffnen darf.

Ich mag es normalerweise nicht, wenn etwas als „historisch“ bezeichnet wird, aber das hier ist es. Das ist so ein Moment, der in den Geschichtsbüchern auftauchen wird und zwar höchstwahrscheinlich als ganz böse Zäsur. Umso wichtiger ist es, dass jetzt zu dokumentieren und zu sichern. Unsere Nachrichtenseiten überschlagen sich nämlich und in 5, 10 oder 20 Jahren kann kein Historiker mehr nachvollziehen, was wie wann berichtet wurde. Die beliebten Bachelorarbeitsthemen wie „Die Coronakrise im Spiegel des Spiegels, 2020 bis 2024“ und „Die Coronakrise auf lokaler Ebene in Bad Mergentheim und Bergzabern im Vergleich“ auf Basis der gedruckten, lokalen Presse funktionieren nicht mehr für das Jahr 2020. Dafür braucht es den stundengenauen Stand der Nachrichtenseiten. Lokale WhatsApp-Gruppen. Die versendeten Pushnachrichten.

Daher habe ich einen kleinen Bot aufgesetzt, der automatisch jede Stunde die 67 wichtigsten und unwichtigsten deutschen Nachrichtenseiten im InternetArchive sichert. Und da es recht einfach ist und sicherlich auch für andere Nachrichtenseiten oder Webseiten interessant ist, dokumentiere ich hier mein Vorgehen für euch.

„Bot“ klingt kompliziert und ist in diesem Fall auch arg übertrieben. Webseiten lassen sich im InternetArchive über diese URL manuell speichern. Man kann diesen Prozess aber auch automatisch ansteuern, indem man folgende URL aufruft:

https://web.archive.org/save/www.example.com

Jetzt benötigen wir nur noch ein Gerät, das regelmäßig jede Stunde ca. 50x mit verschiedenen Adressen diese Seite aufruft und haben schon unseren „Bot“ gebaut. Ich habe hier eh einen Raspberry Pi laufen, der mit mit PiHole die Werbung aus dem Internet blockt und der es mit ioBroker meinen Pflanzen erlaubt meine Glühbirnen zu steuern. Dieser bietet schon von Haus aus die Möglichkeit, automatisiert Webseiten aufzurufen und läuft eh 24/7 mit geringem Stromverbrauch. Daher ist er das perfekte Gerät für dieses Projekt. Wenn Ihr keinen Raspberry zuhause habt, sollte aber auch ein handelsübliches Handy funktionieren.

Linux bietet von Haus aus die Möglichkeit, sogenannte Cronjobs zeitgesteuert auszuführen. Dies sind regelmäßig sich wiederholende Befehle. Dafür einfach in euer Terminal folgenden Befehl eingeben:

crontab -e

Und nun ist es „nur“ noch eine Frage der passenden Crondefinition. Hier sind meine:

Das sieht wild aus, ist aber recht einfach zu erklären: Die wilde Kombination aus Ziffern und Sternchen vorne sagt dem Cronjob wann er sich ausführen soll. Ein Generator für diese Befehle findet sich hier.

curl ruft einfach eine Webseite auf und wird normalerweise zum Herunterladen von Dateien benutzt. In diesem Fall funktioniert es aber auch wunderbar, um die Archivierung im InternetArchive zu starten. Das war’s auch schon.

Ich kann jedem nur empfehlen, jetzt möglichst viel zu dokumentieren. Die Schilder, die euren Spielplatz absperren. Die Sicherheitsmaßnahmen im Supermarkt. Die Ankündigungen im Gemeindeblatt. Die leeren Straßen. Das geschlossene Café. Führt Tagebuch. Schreibt eure Emotionen, Gefühle, Sorgen, Hoffnungen und Befürchtungen auf. Speichert wichtige Webseiten im InternetArchiv und sichert Seiten, die ich nicht sichere. Schlagt dort Seiten zur Archivierung vor. Sichert lokale Facebook-, WhatsApp- oder Telegram-Gruppen zur Krise und schickt diese nachher an euer Stadtarchiv. Spendet an das InternetArchiv, aber natürlich auch für die armen Leute, die dem Virus in irgendwelchen Flüchtlingslagern völlig schutzlos ausgeliefert sind. Tut was, das hilft auch in der Verarbeitung dieses Schocks.

Hier ist die Liste der von mir regelmäßig im InternetArchive gesicherten Seiten. Ich habe absichtlich einige hartrechte und verschwörungstheoretische Seiten mit dazu genommen, da diese fürchte ich noch eine arge Wucht entfalten können und daher leider wichtig sind. Wenn Ihr eure lokale Nachrichtenseite vermisst oder irgendwas anderes, dann schreibt mir eine Mail oder twittert mich an und ich nehme sie mit auf. Ich bin ja zuhause ;)

deutsch.rt.com
www.1live.de
www.achgut.com
www.badische-zeitung.de
www.bazonline.ch
www.bento.de
www.bgza.de
www.bild.de
www.br.de
www.bz-berlin.de
www.derstandard.at
www.derwesten.de
www.deutschlandfunkt.de
www.dw.de
www.epochtimes.de
www.express.de
www.faz.net
www.focus.de
www.fr-online.de
www.france24.com
www.freitag.de
www.general-anzeiger-bonn.de
www.gmx.de
www.guardian.co.uk
www.handelsblatt.com
www.haz.de
www.heute.de
www.hr-inforadio.de
www.jungewelt.de
www.jungle.world
www.krone.at
www.ksta.de
www.mdr.de
www.merkur.de
www.morgenpost.de
www.msn.de
www.n-tv.de
www.ndr.de
www.neues-deutschland.de
www.nytimes.com
www.nzz.ch
www.oe24.at
www.pi-news.net
www.rbb24.de
www.rki.de
www.rp-online.de
www.saechsische.de
www.spiegel.de
www.sr.de
www.stern.de
www.stuttgarter-nachrichten.de
www.sueddeutsche.de
www.suedkurier.de
www.swr.de
www.t-online.de
www.tag24.de
www.tagesschau.de
www.tagesspiegel.de
www.taz.de
www.tichyseinblick.de
www.tz.de
www.waz.de
www.wdr.de
www.web.de
www.welt.de
www.wn.de
www.zeit.de
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„Die ausreichende Produktion ist gesichert“

Das Tolle an der Arbeit an @die_reklame ist, dass man manchmal auf wirklich faszinierende Werbungen stolpert. Über den Inhalt dieser Werbung könnte man eine ganze Bachelorarbeit schreiben:

Aus: Wiener Illustrierte, 19.7.1944

Die möglichen Themen sprudeln einfach nur so aus der Werbung hervor:

  • Was steht überhaupt in einer Zeitung kurz vor Kriegsende?
  • Welches Frauenbild wird hier transportiert?
  • Wie hat sich das nationalsozialistische Frauenbild durch den Krieg verändert?
  • In welchen Bereichen mussten Frauen „ihre Pflicht“ ableisten?
  • Was versteckt sich hinter dem Satz „tut ihre Pflicht ganz gleich wo man sie hinstellt“?
  • Welche Vorstellungen von Menstruation wird hier vermittelt?
  • Wie sah die reale Lage wirklich aus? Wie wurde so etwas wie Menstruation gegen Kriegsende erlebt?
  • Generell Körperpflege: Wie erfolgte diese in Kriegszeiten?
  • Welche Vorstellung von Hygiene wird hier transportiert?
  • Welche Menstruationsprodukte gab es überhaupt zu der Zeit und wie funktionierten diese?
  • Was sind die angesprochenen „früheren Gewohnheiten und kleinen Annehmlichkeiten“, auf die die „deutsche Frau“ im Krieg verzichtet?
  • Wie lange konnte Camelia dann wirklich die Produktion aufrechterhalten?
  • Welche Geschichte hat die Firma eigentlich und was passierte mit ihr nach dem Krieg?
  • Welche Entscheidungen und Prozesse in den für die Kriegswirtschaft zuständigen Ministerien sorgten dafür, dass die „ausreichende Produktion an Damenbinden auch im 5. Kriegsjahr gesichtert“ war?
  • Und war sie überhaupt gesichert?
  • Was ist eine „ausreichende Produktion“?
  • Wie war die Lage für Zwangsarbeiterinnen?
  • Wie war die Lage in den anderen kriegsführenden Ländern?
  • Welche anderen Hygieneprodukte wurden noch beworben?
  • Wieso wird überhaupt noch geworben?

Genau das macht Werbung als Quelle so interessant und reichhaltig: Sie transportiert in so wenig so viel und ist daher ein wunderbarer Einstieg in die Geschichtsforschung.

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Das Fahrrad vervielfacht Ihre Schnelligkeit

Das Schöne an der „Arbeit“ an @die_reklame ist, dass in den ganzen Zeitungen so viele kleine Entdeckungen nur auf einen warten. Die AZ am Abend brachte kurzfristig diese gar wunderbaren Nicht-Ganz-Anzeigen zu Beginn der Fahrradrubrik, die man auch heute noch in jede Zeitschrift drucken sollte:

Die Überschrift der Sportrubrik ist auch einfach nur toll:

(Hier im Blog wird es in der nächsten Zeit häufiger solche kleinen Entdeckungen geben, denn sie sind viel zu schade, um sie nicht zu veröffentlichen)

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@geschichtslinks funktioniert wieder

Lange Wochenenden mit garstigem Wetter sind immer ein guter Anlass, um bereits etwas länger liegende Reperaturen vorzunehmen: Mein Twitter-Account @geschichtslinks funktioniert wieder. Ein kleiner technischer Fehler hatte dazu geführt, dass der Account seit einer Weile nichts mehr veröffentlicht hat. Ihr findet dort ab sofort wieder regelmäßig Links zu Onlineartikeln mit historischen Themen. 

Die Links werden auch automatisch in mein Subreddit /r/geschichte gepostet. Wenn Ihr also auf Reddit unterwegs seid, dürft Ihr dem Sub gerne beitreten. Es ist wohl der Ort im deutschsprachigen Web, an dem die meisten „populärhistorischen“ Artikel gepostet werden – wer sich für Geschichte interessiert ohne gleich H-Soz-Kult lesen zu wollen und zu faul ist, zum Kiosk zu gehen und die PM History zu kaufen, findet dort jede Menge Lesestoff. 

Ich kann übrigens die technische Umsetzung von @geschichtslinks nur weiterempfehlen: Die Links suche ich bei der täglichen Runde über diverse Nachrichtenseiten zusammen oder Twitter spült sie mir in die Timeline. Die Links bookmarke ich dann bei Diigo (was auch per App auf dem Handy sehr komfortabel geht – einfach den Link aus dem Browser per Teilen-Funktion an die Diigo-App senden). Mit IFTTT schicke ich sie dann zu Buffer, welches die Links sammelt und dann über den Tag verteilt postet. Auf die Weise verhindere ich, dass alle Links auf einmal die Timeline fluten und den Rest des Tages nichts passiert. Das ist einfacher zu bauen als es jetzt klingt – wer Interesse daran hat, etwas ähnliches zu bauen, darf sich gerne melden.

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Ahnenforscher – was tut ihr da gerade eigentlich?

Liebe Ahnenforscher… was tut ihr da gerade eigentlich? Es ist ja ein nettes Hobby, wenn man wissen will, wer seine Vorfahren waren und wo man herkommt. Es kann auch richtig Spaß machen, mit detektivischem Spürsinn die Lebenswege der Ahnen zu verfolgen, obskure Archive aufzusuchen, in alten Kirchenbüchern nach Hinweisen zu suchen, abwegige Spuren zu verfolgen und am Ende etwas mehr zu wissen. Ein nettes Hobby, am Ende kann man auf der Familienfeier im Zweifelsfall einen schick gestalteten Stammbaum zeigen und kann verkünden, dass ein Teil der Verwandtschaft aus dem Eichsfeld stammt. Soweit, so harmlos. 
Aber, liebe Genealogen: Was macht ihr denn bitte aktuell für einen Unsinn? Es sind zwei Berichte, die einen aufschrecken lassen.

Die eine ist die Verhaftung des Golden State Killers in den USA – dieser Serienmörder konnte von der Polizei aufgespürt werden, indem sie DNA-Spuren mit der Gendatenbank GEDmatch von Ahnenforschern verglichen hat.

Erklärvideo zu GEDmatch

Die dort gespeicherte DNA entfernter Verwandter des Mörders führte dann zur Verhaftung. Es ist natürlich gut, wenn ein Serienmörder gefasst wird. Der Aufbau einer DNA-Datenbank, über die quasi jeder Bürger identifiziert werden kann, in privater Hand ist aber eine dermaßen große Privatsphäreverletzung, dass man erschaudert. Entsprechende Datenbanken tauchen sonst nur in den schlimmsten Science Fiction-Dystopien oder in den süßen Träumen deutscher Innenminister auf. Die Einrichtung entsprechender Datenbanken, die nicht nur Kriminelle, sondern alle Bürger identifizierbar machen, sind in westlichen Demokratien zurecht bislang immer an verfassungsrechtlichen Bedenken und politischem Widerstand gescheitert. Das ist ein Projekt, das man vielleicht der chinesischen KP mit ihrem digitalen Überwachungsstaat oder einem Regime wie Nordkorea zutrauen würde, aber sowas einfach mal eben ohne öffentliche Debatte aus genealogischem Interesse quasi im Geheimen aufzubauen, ist eine Unverschämtheit. Es ist zu befürchten, dass entsprechende Datenbanken dann zunehmend missbraucht werden, wenn sie einmal erstellt wurden. Keine hat was dagegen, dass Serienmörder gefangen werden. Oder Mörder, die nur einmal gemordet haben. Oder sonstige Gewaltkriminelle. Aber wie die Geschichte gezeigt hat, wurden entsprechende Datenbanken irgendwann immer missbraucht. Die niederländischen Volkszählungsdaten dienten dann dem Holocaust, weil sie die Religionszugehörigkeit abfragten. Kontoabfragen, die gegen Terrorismusfinanzierung gedacht waren, dienten dazu, arme Bafög-Studenten zu schikanieren. Polizeibeamte nutzten Polizeidatenbanken, um die Daten von Prominenten, Familienmitgliedern und Nachbarn abzufragen. Ganz zu schweigen davon, was die Sicherheitsapparate eines Trump, Erdogan oder Orban damit anstellen könnten. Herzlichen Dank, liebe Ahnenforscher. Vielleicht wäre es doch besser, wenn ihr nicht hättet herausfinden wollen, wer euer Schwippschwager siebten Grades war.

Und wollt ihr wirklich eure Familiengeschichte per DNA-Analyse herausfinden? Es gibt interessante Fälle, in denen die Analyse dann die wohlbehüteten Geheimnisse einer jeden Familie aufdeckt. Die BBC warnt sogar davor, DNA-Tests zu verschenken: The Christmas present that could tear your family apart.

Jemand hatte eine Affäre. Irgendwer wurde innerhalb der Familie stillschweigend adoptiert. Ein Vorfahr war ein Sklavenhalter, der seine Sklavinnen vergewaltigte und schwängerte. Oder der Stammbaum erweist sich dann aufgrund von sexuellem Missbrauch als Kreis. Alles Dinge, über die die (häufig noch lebenden) Vorfahren einen Mantel des Schweigens gelegt haben. Genau wie die Zwerge aus Moria in Herr der Ringe kann man auch „zu tief graben“ und dann weckt man einen Balrog. Der wattebauschbewaffnete Ahnenforscher reißt diese alten Wunden wieder auf. Da kann man fast froh sein, wenn keiner aus der Verwandtschaft auf die Idee kommt, Ahnenforschung zu betreiben. 

Und grundsätzlich: Mit welchem Recht werden eigentlich Daten zu Verwandtschaftsverhältnissen ohne Zustimmung der Betroffenen in gigantische Onlinedatenbanken eingepflegt? Das sind eindeutig personenbezogene Daten, die zurecht einen besonderen Schutz genießen. So harmlos es in den meisten Fällen auch ist, die Abstammung ist hochbrisant. So will sicherlich nicht jeder in Osteuropa, dass man seine Abstammung als Roma oder Sinti direkt googlen kann – einfach, weil diese Minderheit brutal diskriminiert wird. Es gibt Menschen, die sich von ihrer buckeligen Verwandtschaft gelöst haben und nicht mehr mit dieser Horde von stadtbekannten Vollidioten in Verbindung gebracht werden wollen. Es gibt Menschen, die schlicht und einfach nicht im Internet auftauchen wollen und die kein Interesse daran haben, dass sie mit Vor- und Nachfahren, Wohnort, Geburtsdatum, Ehepartner, Beziehungsstatus, Kindern, Beruf und so weiter irgendwo gespeichert werden? 

Liebe Ahnenforscher, kann es sein, dass ihr euch da etwas verrennt?  Wisst ihr eigentlich, was für wertvolle Datenbanken ihr da gerade für diese Firmen aufbaut? Und habt ihr die Menschen gefragt, die ihr da in die Datenbanken eintragt? Nicht die toten Vorfahren, sondern die von eurem Tun betroffenen Verwandten. Erzählt ihnen doch mal, dass sie im Kern jetzt keine Zigarettenkippe mehr wegwerfen können ohne dass sie identifiziert werden können, weil ihr mit der gemeinsamen Familien-DNA Ahnenforschung betreibt. Das wäre doch mal eine interessante Unterhaltung auf der nächsten Familienfeier und sicherlich kontroverser als die Verkündung, dass ihr jetzt den Familienzweig von Tante Marie bis 1722 nachverfolgen könnt und dass da jemand Tagelöhner in Freckenhorst war. 

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Nir Eyal – Indistractable

Nir Eyal hat mit Hooked – How to build habit forming products eines der Standardwerke des Silicon Valley geschrieben. In diesem Buch beschreibt er ausführlich, wie man Softwareprodukte baut, welche von den Nutzern gewohnheitsmäßig benutzt werden ohne dass diese lange darüber nachdenken. Die dort vorgestellten Tricks findet man mittlerweile in fast jeder App und auf fast jeder Webseite. Denn eine App, die von den Nutzern gewohnheitsmäßig genutzt wird, ist eine erfolgreiche App. Gleichzeitig führt das dazu, dass fast alle Apps mit diesen Tricks versuchen, die Nutzer zu umwerben. Die Effekte kennt jeder: Man versumpft vor YouTube. Man aktualisiert wie blöde die Twitter-App. Man ruft ständig irgendeine App auf. Man klickt wie wild durch’s Internet und vernachlässigt dann andere Dinge. Manchmal ist es ein suchtähnliches Verhalten, dem andere, wichtige Dinge zum Opfer fallen. Eyal bringt in der Einleitung das Beispiel, dass er von seiner kleinen Tochter dabei erwischt wurde, dass er YouTube-Videos geschaut hat während er eigentlich mit ihr spielen wollte. Daher versucht er in seinem neuen Buch „Indistractable. How to control your attention and choose your life“ nun, den von ihm selbst in die Welt gesetzten Geist wieder zurück in die Flasche zu bringen.

Das Ergebnis ist etwas unterwältigend und für viele nur schwer umzusetzen: Seine Empfehlung ist „Timeboxing“, also eine bewusste Zeitplanung. Man soll sich feste Zeitslots setzen , in denen man z.B. Social Media checkt, Nachrichten 
liest oder seine Mails bearbeitet.

Der Rest ist … im Kern das Abschalten von Benachrichtigungen und der Versuch, sich an die festgelegten Zeiten zu halten. Die Mails werden dann nicht direkt gelesen, wenn die Benachrichtigung aufpoppt, die Pushnachricht stopft einem nicht mit voller Lautstärke irrelevante Themen ins Leben („Oktoberfest in München eröffnet“, „Ganz weit weg ist was passiert und wir wissen auch noch nix wollten dich aber trotzdem informieren“) und so soll dann Konzentration entstehen. Das ist natürlich alles nicht verkehrt und funktioniert auch. Es lohnt sich wirklich, alle Pushnachrichten am Handy zu deaktivieren, um nicht von Spiegel Online ständig Quatsch gepusht zu bekommen oder über jeden Retweet oder jeden 
Instagram-Kommentar direkt informiert zu werden. 

Aber gleichzeitig fühlt es sich auch etwas hohl und hilflos an – das Vorgehen erfordert eine so dermaßen große Willenskraft, so viel Planung und stößt in der Praxis auf so viele Widerstände, dass es quasi schon zum Scheitern verurteilt ist. Man kann versuchen, sich die Technikkonzerne und die Werbeindustrie vom Hals zu halten, aber deren Ziel in der „attention economy“ ist ja genau das erobern der Aufmerksamkeit von Menschen. Zigtausende furchtbar kluge und gut ausgebildete Menschen arbeiten den ganzen Tag daran, dass sie deine Aufmerksamkeit auf das gewünschte lenken können. Sei es Facebook, das ein Interesse daran hat, dich möglichst lange auf den eigenen Seiten surfen zu haben, sei es 
YouTube, die dir möglichst viel Videos (bzw. Werbung) zeigen wollen oder eine herkömmliche Werbeagentur, die dir ihre Werbung egal wie in den Schädel brennen will: Das Individuum ist hier fast machtlos. Die vorgeschlagenen Tricks haben ein eingebautes Verfallsdatum: Wenn sie funktionieren, wird jemand viel Zeit, Geld und Energie investieren, um sie wieder nutzlos zu machen.

Dazu kommt, dass nicht jeder auf seiner Arbeit so viele Freiheiten hat wie ein Akademiker und freier Buchautor wie Nir Eyal. Es ist natürlich total sinnvoll, das Telefon auszuschalten, wenn man sehr konzentriert an einer Sache arbeiten muss. Jeder Anruf reißt einen direkt aus dem Thema und man muss sich wieder neu eindenken. Ich weiß aber auch, dass ich in meinem letzten Job das Telefon nicht abstellen konnte – wer direkten Kundenkontakt hat, bekommt ganz schnell Ärger mit Chef und Kollegen, wenn man nicht ans Telefon geht. Das gilt auch für andere Ablenkungen: Natürlich ist es super, wenn man sich einen Zeitslot zum konzentrierten Arbeiten aufstellt und ein entsprechendes Schild aufstellt. Aber ob sich alle Kollegen daran halten? Klappt das im Großraumbüro? Oder im 4-Mann-Büro, wenn die Kollege gerade Langeweile haben und schwätzen? Klar, wie das Buch so schön formuliert: „Distraction is a sign of dysfunction“, aber was soll der normale Arbeitnehmer dann machen?

Im Buch wird der Fall einer Firma diskutiert, die ein enormes Problem mit Mitarbeiterfluktuation hatte und die groß vorgestellte Lösung war, dass die Mitarbeiter nach Feierabend (!) einen Tag (!) in der Woche nicht erreichbar sein durften. Aus so einer Arbeitskultur kann man eigentlich nur flüchten und da hilft dann auch nicht die Lektüre eines Selbsthilfebuches.

Ebenso hilflos ist der Rat, den Verlockungen von Newsfeeds zu entgehen, indem man einfach sein Bookmark z.B. auf den Nachrichteneingang setzt. Das geht, aber spätestens wenn man es mit Apps zu tun hat, landet man wieder bei jedem Start auf dem Newsfeed, der einem auch auf Teufel komm raus untergeschoben wird – und zwar auf mittlerweile fast jeder Seite. Selbst hier im Blog kannst du armer Leser dich fleißig bis zum Erbrechen an fast 10 Jahren meiner geistigen Ergüsse totlesen, wenn du willst. Da helfen dann auch keine Browser-Extentions, die auf YouTube die empfohlenen Videos ausblenden und dann beim nächsten Redesign eh nicht mehr funktionieren.

Es funktioniert natürlich auch, zum Arbeiten einfach das Internet auszuknipsen – solange bis man das Internet zum Arbeiten braucht. Onlinerecherchen, digitalisierte Quellen und Cloudzwang machen das zunehmend schwieriger. Wenn die benötigte Software aus Kopierschutzgründen nur mit bestehender Internetverbindung startet oder gleich eine Webseite ist, dannn scheitern alle entsprechenden Versuche.

Daher bleibt das Buch in sich hilflos: In einer Welt, in der jeden Tag tausende Ablenkungen auf uns warten, helfen solche Taschenspielertricks nur wenig weiter. Das klingt jetzt alles sehr negativ – ich glaube nämlich einfach nicht, dass man dem Individuum in einer bewusst auf süchtigmachende Ablenkungen optimierten Umgebung die Verantwortung geben kann. Genauso wie es nicht funktioniert, dem hungrigen Kind, das Nachts im Süßigkeitenladen eingeschlossen wurde, die Schuld daran zu geben, dass es sich überfuttert hat. Oder dem ehemaligen Raucher, der links und rechts mit Zigarettenwerbung „bespielt“ wird und an jeder Supermarktkasse und in jeder Kneipe auf dem Weg zur Toilette der Versuchung widerstehen muss. Solange die Geier überall auf unsere Aufmerksamkeit lauern, ist es dem Einzelnen auch nicht wirklich anzukreiden, dass er abgelenkt ist. Es ist halt schwer, sich auf das Lesen eines einzelnen Artikels zu konzentrieren, wenn nebendran zig Onlinewerbungen blinken und tönen. 

Ein Punkt ist aber sicherlich eine sehr hilfreiche Erkenntnis: Ablenkung und Prokrastination sind nicht nur externe Faktoren, sondern kommen auch von innen. Der Student, der gerade an seiner Abschlussarbeit scheitert, ist natürlich empfänglicher für Ablenkungen. Wenn es auf der Arbeit richtig ranzig läuft, die Kunden randalieren, die Kollegen nerven und der Chef hyperventiliert, dann ist es völlig normal, dass sich das Gehirn eine Pause sucht. Und wer in der Partnerschaft nur noch auf’s Handy glotzt, kann sich fragen, ob er wirklich noch in der Partnerschaft glücklich ist. Genau wie bei jeder anderen Sucht muss man die tiefergehenden Probleme beheben, um die Sucht in ihre Grenzen zu setzen. 

Der Alki trinkt nämlich nicht morgens Doppelkorn, weil das so gut schmeckt, sondern um einen inneliegenden Schmerz zu betäuben. Mit Smartphones geht das auch – und wer hier massive Probleme mit Ablenkungen, fehlender Konzentration und 
Prokrastination hat, darf gerne in sich gehen und schauen, was denn jetzt die wirktliche Ursache der Probleme ist. Auch wenn das schmerzhafter sein wird als mal eben eine App zu installieren, die ab 21 Uhr das Internet ausknipst.

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Der schwierige Zugang zu Archivgut

Mareike König fragt auf Twitter, welche Wünsche Archivnutzer an Archive für die Zukunft haben. 


Mein Wunsch wäre eine Möglichkeit, Archivgut einzusehen ohne gleich mehrere Urlaubstage und/oder mehrere Hundert Euro investieren zu müssen. 

Nach dem Studium hat es mich bekanntermaßen in die freie Wirtschaft gezogen mit all dem, was so Standard ist: 40 Tage Woche und 30 Tage Urlaubsanspruch. Das geschichtswissenschaftliche Interesse ist aber geblieben – der Gang ins Archiv ist aber deutlich schwieriger geworden. Als Student hatte ich die freie Zeiteinteilung und vorlesungsfreie Zeiten, in denen ein Archivaufenthalt möglich war. Als Arbeitnehmer sieht dies aber anders aus: Da arbeitet man unter der Woche und hat dann am Wochenende frei. Nehmen wir mal einen Besuch im Bundesarchiv in Koblenz. Das hat folgende Öffnungszeiten, die für ein Archiv schon recht großzügig sind:

Ich wohne in Freiburg und damit ganz ungünstig unten links in der Republik und damit ca. 3,5 Stunden bzw. 330 Kilometer entfernt. Nach Feierabend um 16:30 habe ich keine Chance, dort zu forschen. Ich muss also einen Urlaubs- oder Gleitzeittag nehmen, morgens sehr früh aufstehen und Abends sehr spät zurückkommen, um mir im Archiv etwas anzuschauen. 
Das Bundesarchiv habe ich jetzt als Beispiel genommen und hier sieht die Rechnung sogar noch ok aus. Will ich etwa in die Außenstelle des Bundesarchivs in Berlin Lichterfelde wird das ganze noch schlimmer:

Berlin ist mit 800 Kilometern deutlich weiter entfernt als Koblenz und schlechter zu erreichen. Eine Anreise am gleichen Tag ist wenig sinnvoll und daher käme hier noch eine Hotelübernachtung hinzu. Dazu kommen dann die Fahrtkosten. Auch bei Archiven vor Ort ist das häufig schwer: Das Freiburger Staatsarchiv hat Mo-Fr von 8-16 Uhr auf und damit genau zu den Zeiten, in denen mein Chef mich sehen will.
Das ist keine Forderung, dass Archivare alle am Wochenende und Abends arbeiten sollen. Klar, regelmäßige Samstags- oder Sonntagsöffnungszeiten könnten neue Benutzergruppen erschließen, aber die sind unter den Bedingungen des öffentlichen Dienstes wohl nur schwer umzusetzen. 

Und ja, als Arbeitnehmer hat man Urlaubstage. Aber die sind begrenzt und je nach persönlicher Situation nicht immer frei verfügbar. Wer etwa Familie und Kinder hat, muss eh arg mit seinen Urlaubstagen jonglieren, um Kita-Ferien, Schulferien, kranke Kinder und Familienurlaube abzudecken. Ein Archivbesuch ist dann … Luxus. Ein finanzieller und zeitlicher Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. 

Archivbesuche sind auch aus Klimaschutzgründen eigentlich der pure Wahnsinn: Da fährt man hunderte Kilometer quer durch die Republik und guckt sich dann einen Haufen altes Papier an. Wenn ich mir anschaue, wie häufig einige meiner ehemaligen Komilitonen für ihre Doktorarbeit sogar quer durch die Welt fliegen, nur um sich Papier anzuschauen, das auch problemlos einzuscannen wäre, dann ist das der pure Wahnsinn. Genauer gesagt fliegt da jemand dann tausende Kilometer in die USA, nach Korea, Israel, London, Paris oder Moskau, um in einem Archivraum zu sitzen und Akten abzufotografieren. Da muss es eine bessere Lösung geben: Es gibt Archivdienstleister, die einem Akten besorgen, aber die nehmen natürlich auch Premiumtarife. Ohne jetzt völlig berechtigte Entlohnung für Arbeitsstunden, Sozialabgaben, unternehmerisches Risiko und so weiter in Frage zu stellen: Bei Kosten von 50 Cent pro Seite, größeren Beständen und schreibewütigen Forschungssubjekten geht das ganz schnell ins Geld.

Ich bin skeptisch, ob Digitalisierung hier helfen kann. Dafür sind die Bestände der Archive zu groß und es gibt auch gute Gründe, etwa Prozessakten mit höchst persönlichen Informationen über normale Bürger nicht einfach ins Internet zu stellen. Die Forderung, einfach alles einzuscannen, kann aufgrund von begrenzter Möglichkeiten und Ressourcen nicht erfüllt werden.

Um es kurz zu formulieren: Ich wünsche mir eine Zugriffsmöglichkeit, die es auch normalen Arbeitnehmern erlaubt ohne großes Investment von Zeit, Urlaubstagen und Geld auf Archivgut zuzugreifen. Wie diese Lösung aussieht? Ich weiß es nicht. Deutlich günstigere Digitalisierungskosten? Eine Art Subito / Fernleihe für Archivalien? Ich höre den Aufschrei von Archivaren schon laut, aber wenn man neue Nutzerschichten jenseits von fest- und prekärangestellten Wissenschaftlern und Rentnern erschließen will, fehlt noch die zündende Idee.

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