Analoge Workflows

Nachdem ich mich letztens etwas über unangenehme Änderungen bei IFTTT beschwert habe, möchte ich mich jetzt einfach mal allgemein beschweren: Die Digitalwirtschaft tut gerne so als würde ihre Software die Produktivität erhöhen. Manchmal stimmt dies auch – ohne Excel würde die deutsche Wirtschaft komplett zusammenbrechen. Gleichzeitig sind analoge Workflows und Arbeitsprozesse einfach viel, viel zukunftssicherer als jede Software. Software ist nämlich einem stetigen Verschlechterungsprozess ausgesetzt.

Trotz aller Versprechen, dass Digitalisierung die Zukunft ist und dass die Digitalisierung aller Arbeitsprozesse viel Zeit spart und alles effizienter macht, sind analoge Arbeitsweisen immer noch zukunftssicherer. Kaum eine Software schafft es, Datenformate, Prozesse und Arbeitsweisen über Jahre und Jahrzehnte konstant zu halten.

Betrachtet man die letzten Jahrzehnte, dann gab es eine stetige Veränderung in der Systemlandschaft: Von den Heimcomputern der 80er hin zu den DOS-Maschinen der 90er über Windows 3.11, 95, 98 hin zu Windows XP, Vista, 7, 8 und jetzt 10. Dabei ist vieles an Software verloren gegangen. Von den führenden Software-Anbietern der Commodore 64-Ära ist kaum noch einer übrig. Deren Produktivitäts- oder Notizensoftware ist dann meistens vom Markt verschwunden. Blöd, wenn man jahreland seine Notizen und Dokumente in einer Software auf dem C64 gespeichert hat und sie da nicht mehr herausbekommt. Oder wenn man jahrelang eine Literaturdatenbank gepflegt hat, die jetzt keine Zukunft mehr hat. Die Tagebuch-App aus dem PlayStore wird in wenigen Jahren keiner mehr auslesen können.

Aber auch Anbieter, die blieben – also Microsoft -, haben ihre Software stetig weiterentwickelt oder verschlimmbessert. In deutschen Büros sitzen immer noch Menschen, die über die „neue“ Benutzeroberfläche von Office 2007 schimpfen. Jetzt kann man natürlich laut darüber lästern, dass jemand nach 13 Jahren es nicht geschafft hat, sich an das neue Interface zu gewöhnen. Aber die Kernfrage ist ja, warum jemand sich überhaupt ständig an neue Interfaces gewöhnen sollen muss. Manchmal macht ein Redesign Sinn, aber in den meisten Fällen wird einfach viel Wissen obsolet gemacht, weil dann die Druckerverwaltung plötzlich an einem anderen Ort ist.

Webseiten und Onlinedienste sind da noch radikaler: Ohne große Ankündigung wird dann von heute auf morgen das komplette Layout geändert und der Nutzer muss damit zurecht kommen. Wohlgemerkt: Verändert, nicht unbedingt verbessert. Meistens gehen diverse Features verloren, gewohnte Klickwege verschwinden und Lesezeichen führen plötzlich in die Irre oder hinter eine Paywall. Prinzip: Friss oder Stirb.

Wenn die geliebte Notizenapp plötzlich anders aussieht und sich anders bedient, dann ist das ein harter Schlag für den Nutzer. Er muss sich aktiv umgewöhnen. Oder ihm wurde etwas für ihn elementares genommen. Wird die App gleich komplett eingestampft , steht der Nutzer alleine und verloren da. Eine Weiternutzung der vorhandenen Daten in anderen Anwendungen ist häufig nicht möglich.

Analoge Workflows haben dieses Problem nicht. Ein Notizbuch ist ein Notizbuch und es ist jedem überlassen, was er dort mit handelsüblichen Stiften hineinschreibt. Wer einmal ein System gefunden hat, dass ihm passt, der kann dieses bis an sein Lebensende nutzen. Ob BulletJournal oder Zettelkasten – es reicht, dies einmal zu lernen und gut ist. Da ändert keiner das Layout – außer der Nutzer will es aktiv. Da dreht keiner am Datenbankformat. Kein Hersteller geht pleite und wenn, dann kann man auch Notizbücher und Stifte eines anderen nutzen. Es gibt keinen Lock-in-Effekt, sondern einfach die volle Kontrolle. Ein papierbasiertes Notizsystem ist daher absurder Weise zukunftssicherer als ein digitales, softwarebasiertes Notizsystem.

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If this then Tod – vom Sterben eines Dienstes

Kommunikation aus der Hölle

Es ist so eine Nachricht, die einem schon etwas den Tag versauen kann: IFTTT, das Schweizer Taschenmesser der Webdienstverknüpfung, führt Premium Accounts ein und beschränkt gleichzeitig bestehende Accounts massiv. Ab sofort sind nur noch 3 selbsterstellte Applets möglich – für alles weitere muss man den Geldbeutel aufmachen.

Das ist natürlich unangenehm. Diverse meiner Webprojekte laufen mit IFTTT – so werden z.B. die Links, die ich in Diigo speichere, automatisch auf Twitter bei @geschichtslinks und bei Reddit in /r/geschichte veröffentlicht. Das spart Arbeit, ist praktisch und verbraucht jetzt schon zwei Applets.

Natürlich ist es ok, wenn eine Firma versucht, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu finden. Premiumfeatures und Bezahlmodelle gehören natürlich dazu. Völlig verständlich – aber es ist auch für mich als Otto-Normalverbraucher nötig, dass ich mich nach einer kostenlosen oder günstigeren Alternative umschaue. Die geforderten 3,99 Dollar pro Monat summieren sich nämlich auch auf immerhin 47,88 Dollar im Jahr hoch. Da kann die Corporate Propaganda noch so laut tönen, dass dies ja nur ein Kaffee pro Monat sei, aber zum einen ist mein Kaffee günstiger und zum anderen ist ein Fuffi am Ende des Jahres auch ein netter Abend.

Diese ganzen Abos, die einem von allen Seiten verkauft werden wollen, läppern sich am Ende doch arg hoch. Wer es sich hart gönnt und Netflix, Amazon Prime, YouTube Premium, Spotify Premium, Spiegel Plus, Strava Premium und was nicht alles sonst noch abonniert, der hat am Ende dann einfach jeden Monat mehrere hundert Euro auf dem Konto. Death by a thousand cuts – wer nicht auswählt, ist schon am Ende.

IFTTT hat leider die Auswahl nicht gepackt: So nett das auch ist, der Dienst hat sich leider in den letzten Jahren nicht richtig weiterentwickelt, es fehlen mir ein paar elementare Features und mal ehrlich: Die Ankündigung, dass man in zwei Wochen fast alle bestehenden Applets killt, wenn man nicht zahlt, ist mehr als dreist. Das macht jetzt kein gutes Gefühl – es klingt sogar nach argen Finanzierungsproblemen von IFTTT in der aktuellen Wirtschaftskrise.

Es muss also eine Alternative her und diesmal war klar: Es wird keiner der anderen Anbieter wie Zapier, die ebenfalls ähnliche Geschäftsmodelle besitzen oder sie irgendwann einführen werden, sondern es soll etwas eigenes werden. Die Wahl ist nach etwas Recherche auf NodeRed gefallen. Es gibt zwar auch andere Dienste wie h8n oder Beehive, aber NodeRed macht den besten Eindruck und scheint am flexibelsten zu sein.

Ich würde jetzt gerne großspurig hochkompetent klingende Erklärungen und Anleitungen veröffentlichen, wie man NodeRed als IFTTT-Ersatz verwendet, aber ich bin natürlich auch noch blutiger Anfänger. Da ist es besser, auf die offiziellen Anleitungen zu verweisen, denn Menschen mit mehr Erfahrung schreiben meist die besseren Anleitungen. Daher hier nur als kurzer Werkstattbericht ein paar Notizen:

  • Das ganze läuft bei mir nicht auf einem Webserver, sondern auf meinem Raspberry Pi 4. Das hängt einfach damit zusammen, dass NodeRed nicht auf dem All-Inkl-Hosting dieser Webseite läuft und der Raspberry Pi eh hier arbeitet und noch Ressourcen frei hat.
  • Die Installation selbst ist wirklich einfach: Im Kern gibt man nur einen Befehl ins Terminal ein. Dann wird NodeRed automatisch installiert und ist dann per Browser verfügbar.
  • Die einzelnen Workflows kann man sich dann per grafischer Benutzeroberfläche zusammenstöpseln. Wobei das einfacher klingt als es ist – wer komplizierte Datenverarbeitung machen will, muss auch mit einer grafischen Benutzeroberfläche komplizierte Dinge machen.
  • Hier gibt es im Standard recht wenig Optionen, aber jede Menge Plugins für diverse Dienste. Wie üblich, werden diese Plugins im Zweifelsfall von unbezahlten Freiwilligen entwickelt und sind mal von größerer und mal von schlechterer Qualität. Und wenn Dienste ihre APIs ändern, kann es sein, dass das Plugin angepasst wird oder nicht.
  • Generell zeigt es sich, dass diverse Dienste den API-Zugang deutlich restriktiver handhaben als es mal war. Einige Anbieter haben den Zugang zur API ganz gestrichen, andere haben nur noch eine für Geschäftskunden, andere prüfen jede Anmeldung genauestens. Das macht IFTTT wirklich besser, indem es dem Endnutzer diesen Schritt erspart.
  • Gerade Facebook zeigt sich hier sehr restriktiv: So gerne ich irgendwas mit Whatsapp oder Instagram integrieren würde, es werden keine Schnittstellen dafür angeboten. Die Daten sollen im Silo bleiben.
  • RSS ist leider auf dem absteigenden Ast. Und zwar nicht, weil das Format so schlecht ist, sondern weil es einfach für die Firmen nicht richtig zu monetarisieren ist. Die eigenen Daten will kaum noch einer kostenlos an alle herausgeben, sondern alle sollen auf die eigene Webseite gelockt werden. So großartig RSS ist, leider verschwinden die Feeds zunehmend.
  • Ich habe quasi versehentlich einen Telegram-Bot für PlanetHistory gebaut. Wer will, kann jetzt hier folgen.
  • Mir fehlen aktuell die wirklich zündenden Ideen, was man mit dem doch sehr mächtigen NodeRed noch alles anfangen kann. Der Telegram-Kanal für PlanetHistory ist zwar eine nette Idee, aber jetzt auch eher unsexy. Das gilt auch für andere Integrationen: Natürlich kann ich die Anzeigen von @die_reklame in noch eine Plattform kippen, aber am Ende ist das zwar nett, aber auch nicht gerade nobelpreisverdächtig.
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Wuppertal, Künstliche Intelligenz und warum das leider alles nicht so überzeugend ist

Vor ein paar Tagen habe ich hier ein Video gepostet, das eine Mitfahrt in der Wuppertaler Schwebebahn aus dem Jahr 1902 zeigt. Dieses tolle Video ging mittlerweile um die Welt.

Genauer gesagt ging nicht dieses Video um die Welt, sondern eine editierte Version. Diese wurde von Denis Shiryaev „optimiert“:

Upscaled to 4K; ✔ FPS boosted to 60 frames per second, I have also fixed some playback speed issues; ✔ Stabilized; ✔ Colorized – please, be aware that colorization colors are not real and fake, colorization was made only for the ambiance and do not represent real historical data.

Die farbige Version hat mittlerweile mehr Views auf YouTube als das Original und das wirft natürlich einige Fragen auf. In diesem Fall ist das natürlich arg harmlos, denn es handelt sich nur um eine alte Führerstandsmitfahrt und nicht um ein irgendwie wirklich historisches Video. Aber…

Es ist natürlich ganz offensichtlich kein korrektes historisches Arbeiten, wenn man per AI die Auflösung eines Videos erhöht. Bei diesem Upscaling werden dann Informationen in ein Video oder Foto gerechnet, die im Original nicht vorhanden sind. Das kann im Falle einer normalen Wand recht gut funktionieren, aber spätestens bei Gesichtern, Kleidung oder ähnlichen Dingen ist das nicht mehr angebracht. Damit wird das Original verfälscht und verliert damit seinen Quellenwert.

Das beliebte Colorizen erweist sich hier als besonders schwierig. Was als Hobby von Geschichtsfans begann, die mit großer Akribie historische Schwarz-Weiß-Fotos manuell einfärbten, wird mittlerweile auch mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz gemacht und das funktioniert mal gut und mal weniger gut. Dass ein Himmel blau oder grau ist und dass Wolken weiß oder grau sind, kann eine Software erkennen. Sie kann auch einen leichten Farbtupfer über alles legen, aber so wirklich überzeugend ist das alles nicht.

Zum einen scheitert die künstliche Einfärbung im Video bereit mehrfach daran, dass Bäume grüne Blätter haben. Zudem sind die Farben dort, wo die Bäume dann doch grün sind, arg ausgewaschen – denn überraschenderweise waren die Blätter von Bäumen früher genau so grün wie heute. Wir sind es nur aufgrund der früher mangelhaften Farbdarstellungen auf Filmen und der mittlerweile ausgeblichenen Farbpigmente auf alten Fotos gewöhnt, dass die Farben früher anders aussahen. Das passiert völlig unterbewusst: Logischerweise war der Himmel auch früher gleich blau wie heute und nicht so brutal überzeichnet blau wie in den Technicolor- und Kodacolor-Filmen aus den 1960ern. Der Film macht es, nicht das Gefilmte.

Schlimmer ist aber natürlich, dass hier einfach etwas erfunden wird. Während die Hobbyisten beim manuellen Einfärben von Fotos viel Arbeit in die Recherche stecken und z.B. recherchieren, welche korrekte Farbgebung getragene Orden oder Uniformen haben, kann eine AI das nicht wissen und macht daher einfach irgendwas. Sie färbt Häuser im Film ein, aber weiß nichts über die Originalfarbe. Das Ergebnis ist gut, irgendwie überzeugend und stimmig, aber grundfalsch. Ohne die zeitaufwändige Hintergrundrecherche, die dann doch so häufig ins Leere laufen wird, entsteht dabei dann realistisch aussehender Quatsch.

Ich habe zur Demonstration zwei Bilder durch Algorithmia laufen lassen, einen Dienst, der Schwarz-Weiß-Fotos einfärbt. Hier jeweils einmal ein Handybild vom Kaiserstuhl und einmal eine Stadtszene aus Eguisheim im Elsass, das wegen seiner farbigen Fachwerkhäuser ein besonders gemeines Beispiel ist. Ich habe das Originalfoto in ein Schwarzweiß-Foto umgewandelt und dieses dann von der Software einfärben lassen.

Das Original – übrigens immer eine Radtour wert!
Wie man sieht, sind die Blüten schwarz und das Grün hat einfach diesen „Retrotouch“. Ansonsten gibt es wenig zu meckern – die Straßen sind leicht zu gelb geworden, aber Himmel und der Schwarzwald im Hintergrund passen.
Das Original
Die Fälschung ist schon sehr gut gelungen – aber etwa die farbigen Fensterläden wurden komplett verschluckt und die Häuser haben alle die gleiche Farbe. Das Herbergen-Schild ist blau statt rot und hat seine farbigen Ornamente verloren. Das Gras zwischen den Pflastersteinen ist verschwunden. Der Blumenschmuck an den Häusern wirkt auch eher nach Friedhof als Frühling.

Die Demonstration zeigt, dass die Technik schon sehr gut ist, aber dann an kritischen Stellen daneben greift. Auf den ersten Blick wirkt es überzeugend, die Probleme erkennt man wie bei einem dieser „Finde die Unterschiede“-Suchbild aus der Fernsehzeitschrift nur bei genauerem Hinschauen. Es ist natürlich nicht nur schwer, sondern unmöglich, Farbinformation korrekt zu berechnen, wenn diese einfach nicht vorliegt.

Der Erfolg des Videos und anderer, vergleichbarer Projekte des gleichen Autoren zeigt, dass diese wichtige Differenzierung nicht in der breiten Öffentlichkeit ankommen. Bereits jetzt werden nachcolorierte Fotos fleißig als Original durch die Sozialen Netzwerke und WhatsApp-Gruppen gereicht. Es ist damit zu rechnen, dass sie irgendwann ungeprüft und ohne Kennzeichnung auch in seriösen Publikationen auftauchen. Die Quellenkritik wird hier noch wichtiger. Historiker müssen demnächst sehen lernen, solche Bildfärbungen zu erkennen.

Wer hingegen einmal richtig einen auf dicke Hose machen will, hier ein kurzer Software-Überblick:
Upscaling funktioniert mit Gigapixel AI von Topaz Labs für Fotos bzw. mit Topaz Video Enhance AI für Videos. Es gibt eine 30 Tage-Testversion, mit der man sich einen ersten Eindruck verschaffen kann.

Für das automatische Einfärben von Bildern gibt es etwa das oben genutzte Algorithmia. Einen Überblick über verfügbare Software gibt es hier. Es macht Spaß, mit dieser Software zu spielen und das ist wohl das größte Problem: Die eingefärbten Bilder wirken auf den ersten Blick überzeugend und daher verbreiten sie sich im Internet – und leider zu häufig ohne Kennzeichnung.

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Die Wuppertaler Schwebebahn im Jahre 1902

Es gibt Videos, zu denen man einfach gar nicht viel schreiben kann. Diese Mitfahrt auf der Wuppertaler Schwebebahn im Jahre 1902 in 1080p gehört dazu. Was für ein tolles Video! Und was gibt es alles zu entdecken!

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So schlimm war es noch nie

„Es war wie im Krieg“
„Ein noch nie dagewesenes Ausmaß an Gewalt“
„Eine neue Dimension der Gewalt“
„Wir haben es insgesamt mit einer Verrohung zu tun, der Umgangsformen, der Gewalt, die angewendet wird“
„Bürgerkriegsähnliche Zustände“

Immer, wenn es irgendwo in Deutschland einen Gewaltausbruch oder Krawalle gibt, fallen in den Medien solche Sätze. Sie sind wirkungsvoll und die Botschaft ist klar: Noch nie war es so schlimm wie jetzt und es wird immer schlimmer. Die Barbaren stehen vor den Toren und die Jugend von heute… schrecklich, Else! Da muss doch jemand was tun!

So eindrucksvoll das ist, so falsch ist das aber. Es wird natürlich schwer werden, das Level an Gewalt des Kriegsendes zu übertreffen mit marodierenden SS-Einheiten, Standgerichten und Massenmorden. Natürlich kann man jetzt auch ganz tief in die Geschichte eintauchen und auf den dreißigjährigen Krieg verweisen, in dem ebenfalls größere Teile Deutschlands verwüstet wurden. Das muss man aber gar nicht: Selbst in gar nicht so lang vergangenen Zeiten waren die Demonstrationen deutlich gewalttätiger.

Hier einfach mal ein Beispielsvideo aus der Hausbesetzerszene Berlins der 1980er:

Solche Bilder und so ein Ausmaß an Gewalt sind mittlerweile nicht mehr zu sehen.

Mittlerweile ist die Polizei zudem deutlich besser ausgerüstet. Schon ein Vergleich der individuellen Schutzausrüstung spricht Bände. Während bei den Krawallen der 1968er die Polizei nur mit normaler Ausrüstung unterwegs war, sind die Bereitschaftspolizisten mittlerweile gepanzert wie ein mittelalterlicher Ritter. Das macht einen gewaltigen Unterschied, wenn z.B. Steine fliegen. Alte Nachrichtenartikel und auch Videos zeigen deutlich, dass früher mehr Steine geworfen wurden.

Auch sonst: Demonstranten, die regelmäßig Steinschleudern mit Stahlkugeln mit auf Demos nehmen? Brennende Barrikaden? Randalierer, die mit Motorradhelmen und Stöcken herumlaufen? Viertägige Straßenschlachten mit 40.000 Teilnehmern? Polizisten, die während einer Demo erschossen werden? Mittlerweile in Deutschland eher undenkbar.

Jetzt ist natürlich jede Ausschreitung und jeder Krawall schlecht. Aber man sollte auch nicht völlig geschichtsvergessen sein und behaupten, dass es ein „noch nie dagewesenes Ausmaß an Gewalt“ war. Wir leben aktuell in Deutschland in einer Zeit, die so friedlich ist, wie noch nie zuvor. Gewaltkriminalität ist auf einem Rekordtief und daran ändern dann auch einzelne Fälle nichts. Mit entsprechender Rhetorik kann man natürlich die Oma in ihrem Reihenhaus in Panik versetzen – aber das ist nicht die Aufgabe von Polizei und Politik.

Anders gesagt: Wer historische Vergleiche zieht, der sollte auch etwas Ahnung von Geschichte haben. Ansonsten redet man nämlich ganz schnell Unfug. Und das will doch wirklich keiner.

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Statuen oder Stalassen?

Spätestens nachdem Demonstranten eine Statue von Edward Colston medienwirksam im Hafen von Bristol versenkt haben und Black Lives Matter-Demonstranten die Statuen konföderierter Generäle in den Fokus nehmen, wird wieder heftigst um unsere Gedenkkultur gestritten. Hier ein paar Gedanken zum Thema.

Eine Statue ist immer eine Ehrung. Mir ist kein Beispiel einer „Anti-Statue“ bekannt, wo eine Statue eines schlechten Menschen aufgestellt wurde, um ihn zu verspotten. Als Statue dargestellt werden nur die Helden, die Vorbilder, die Großen und die Verehrenswerten. Es gibt Denkmäler und Gedenkstätten, die an schlimme Ereignisse erinnern. Die Menschen, welche diese schlimmen Dinge getan haben, werden dort nicht als Statue dargestellt. Man sieht auf sowjetischen Mahnmalen ab und an Nazisoldaten und -symbole, die von einem Rotarmisten in den Staub getreten werden, aber ein Mahnmal für die Verbrechen des Nationalsozialismus mit einer Hitler-Statue ist undenkbar.  

Eine Statue ist also eine andauernde Ehrung. Solange die Statue steht, wird die dargestellte Person geehrt – das ist der einzige Sinn und Zweck einer Statue. Ein Blick in Diktaturen mit großem Personenkult zeigt, wie das funktioniert: Da wird wirklich alles mit Darstellungen des großen Anführers versehen. In jedem Gebäude hängt ein Portrait, er ist auf den Münzen und Geldscheinen, er wird in Grußformeln („Heil Hitler“) integriert, es gibt jeden Tag Rituale, die ihn ehren und natürlich wird der öffentliche Raum mit Wandbildern, Plakaten und Statuen gepflastert. Daher stehen in Nordkorea überall Statuen der Kims.

Dahinter steckt eine ganz bewusste Politik, die gewissermaßen eine symbolische Landnahme vornimmt. Im Fall des Diktators ist das ganz klar – da wird dann der entsprechende „Große Vater“ überall platziert, um zu zeigen, dass all das seins ist und von ihm beherrscht wird. 

Daher ist auch eine Entfernung der entsprechenden Denkmäler regelmäßig ein Zeichen eines Regimewechsel. Nach Stalins Tod begann in der Sowjetunion die Phase der Entstalinisierung, in der u.a. auch genau das gemacht wurde: Es wurden die Symbole und Darstellungen Stalins flächendeckend beseitigt. Die Bilder verschwanden, die Plakate, die Stadt Stalingrad wurde wieder in Wolgograd umbenannt, Stalinstadt in Eisenhüttenstadt und die ganzen Denkmäler und Büsten Stalins verschwanden. Heute muss man schon lange suchen, um noch welche zu finden. 

Ähnlich wurde auch von den Alliierten mit den Symbolen des Nationalsozialismus verfahren. Hitlerbilder wurden entfernt, Hakenkreuzornamente von den Fassaden geholt und gemeißelt und natürlich auch die in jedem Ort zu findende Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Dass wir uns in Deutschland eine wilde Debatte um die Umbenennung von Hindenburg-Straßen und -plätzen liefern, liegt auch daran, dass die Alliierten hier gute Arbeit geleistet und diese symbolische Inbesitznahme des öffentlichen Raumes durch den Nationalsozialismus schon vor Jahrzehnten konsequent beseitigt haben. Wir streiten uns jetzt über die „Grauzonen“.

Wichtig bei der Bewertung von Statuen und ihrer Erhaltungswürdigkeit ist es daher, die Geschichte ihrer Aufstellung und die Intention der Aufsteller zu betrachten. So stellt es sich bei den aktuell in den USA so stark in der Kritik stehenden Denkmälern für Konföderierte heraus, dass diese schlicht und einfach nicht zeitgenössisch sind. Ein Großteil dieser Statuen wurde erst in den 1960ern aufgestellt und zwar ganz bewusst als Reaktion auf das Civil Rights Movement. Wenn man das weiß, dann führt dies quasi automatisch zu einem anderen Umgang mit der entsprechenden Statue. Es geht nicht darum, dass man den Parthenon-Fries zerstört, aber viele dieser Statuen haben ungefähr so viel mit Geschichte zu tun wie das „300“-Tattoo auf dem Bizeps eines Kampfsportlers.

Ich bin auch sehr skeptisch bezüglich des Argumentes, dass andere Zeiten andere moralische Einstellungen hatten und dass man historische Personen nicht mit heutigen moralischen Maßstäben messen kann. Zum einen darf natürlich jede Zeit selbst entscheiden, wen sie mit einer Statue ehrt und wen nicht. Es gibt kein Anrecht der Vergangenheit auf Zukunft – genau wie man die von Oma geerbte Wohnung umgestalten darf und das häßliche Sofa rauswerfen kann, darf eine Gesellschaft natürlich jederzeit den Umgang mit den Monumenten der Vergangenheit neu diskutieren und diese entfernen.

Zum anderen stellt es sich heraus, dass menschenfeindliches Verhalten, wilder Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Sklaverei, Völkermord und andere aktuell in der Kritik stehende Verhaltensweisen meistens auch schon zeitgenössisch in der Kritik waren. Es hat sich natürlich nicht jeder dieser Kritik angenommen und Profitgier siegte auch früher zu häufig über Moral. Aber wenn man genauer hinschaut, dann gab es meistens auch schon zeitgenössisch massive Kritik. Ein Christopher Kolumbus wurde wegen seiner Grausamkeiten zwischenzeitlich sogar von der spanischen Krone inhaftiert. Der belgische König Leopold II. war auch zu Lebzeiten schon wegen seiner Kolonialverbrechen berüchtigt. Die Sklaverei in den Amerikas wurde von Beginn an heftig kritisiert und spätestens in der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs, zur Zeit der Konföderation, gab es eine mehr als lebhafte „Debatte“ um die Sklaverei. Natürlich kann man die Sklaverei so toll finden, dass man um ihre Abschaffung zu verhindern einen offenen Bürgerkrieg beginnt, aber dann muss man sich auch dem Urteil nicht nur späterer Historiker stellen. Schaut man genauer hin, wurden fast all die aktuell in der Diskussion stehenden Statuen-Menschen auch schon zeitgenössisch heftig kritisiert.

Man darf auch gewisse Ambiguitäten und Grautöne nicht vergessen. In England wird gerade über Statuen von Winston Churchill diskutiert. Der hat natürlich im Zweiten Weltkrieg die Nation gegen die Nazis geführt und ist damit aus der Sicht vieler ein absoluter Held. Gleichzeitig war er aber auch ganz klar ein in der Tradition des Empires stehender Rassist, der gegenüber den kolonialen Subjekten nur Verachtung empfand („I hate Indians. They are a beastly people with a beastly religion“) und besonders bei der Hungersnot in Bengalen 1943 alle Kritik mehr als nur verdient hat. Das Gleiche gilt auch für Robert Koch – einerseits ein Arzt, der mit seiner Impfstoffforschung definitiv eine Statue verdient hat. Andererseits hat er mit seiner Kampagne gegen die Schlafkrankheit in Deutsch-Ostafrika ein großes Verbrechen begangen, für das er sich natürlich der Kritik stellen muss.

Das führt zum nächsten Thema: Der Begriff „Umstritten“. Es ist so, dass Menschen häufig unterschiedlicher Meinung sind. Weiße Südstaatenbewohner können die Konföderation toll finden, die Konföderierten Flagge auf ihren Pickup-Truck kleben und sich jedes Mal freuen, wenn sie eine Statue von General Robert E. Lee sehen. Schwarze Südstaatenbewohner werden dies anders sehen und das sind auch Themen, bei dem man nur schwer eine gesamtgesellschaftliche Einigkeit schaffen kann. Irgendein AfD-Politiker findet sicherlich auch die Umbenennung der Adolf-Hitler-Straßen blöd, andere wollen Stalin-Denkmäler neu errichten und die nächsten dann wieder andere Denkmäler abreißen. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist immer höchst umstritten, gerade da es häufig gar nicht um die Vergangenheit selbst geht, sondern um aktuelle politische Themen. Der Bau einer Statue für eine entsprechend umstrittene Person ist ein ganz bewusster Akt, der dieser Debatte gewissermaßen einen in Stein gemeißelten Endpunkt geben will. Dem ist natürlich nie so – die Debatte verlagert sich dann auf die Entfernung der Statue, geht aber eigentlich weiter um die historische Bewertung dieser Person, an der sich verschiedene politische Lager reiben und aktuelle Konflikte austragen können.

Statuen und sonstige Ehrungen wie Straßen- oder Institutionennamen erfüllen hier genau ihren Zweck. Sie „verewigen“ die damit geehrte Person und verhindern, dass sie in Vergessenheit gerät. Andere Sklavenhändler aus Bristol sind langsam in Vergessenheit geraten. Edward Colston hat eine Statue (und mehr) bekommen, die ihn ständig wieder in Erinnerung gerufen hat und die ihn so „unsterblich“ gemacht hat. Die Versenkung im Hafenbecken hat daher genau den passenden Symbolcharakter.

Gerade da Statuen so extrem aufgeladen sind und so extrem stark Geschichtspolitik betreiben, ist eine Entfernung immer eine Option. Es ist sogar relativ einfach, da man sie ja entfernen kann und dabei nicht wie Gebäude zerstören muss. Eine Statue kann man in ein Museumsdepot transferieren oder an einen anderen Platz versetzen. In einigen Ländern gibt es auch Statuenparks, in die all die ganzen alten, nicht mehr erwünschten Statuen gestellt wurden. Eine Gesellschaft darf aber immer wieder neu aushandeln, wen sie mit einer Statue ehren will und wen nicht. Es gibt genügend Menschen, die tolle und ehrenswerte Sachen gemacht haben und die nicht irgendwelche Verbrechen begangen haben oder glühende Antisemiten und Rassisten waren. Man muss Straßen und Plätze auch nicht nach Menschen oder historischen Ereignissen benennen: Pflanzen („Lilienstraße“) oder Tiere („Pferdegasse“) funktionieren auch und in den meisten Fällen ist allen mehr geholfen, wenn man Straßen danach benennt, wo sie hinführen („Mainzer Straße“). Ein Schlossplatz ist für Ortsfremde leichter zu verorten als ein Hindenburgplatz.

Was soll man also machen? Ich persönlich halte wenig davon, bestehende Statuen und Denkmäler irgendwie zu „brechen“, in dem man sie mit einem Schild begleitet oder durch Gegendenkmäler flankiert. Wenn es um Statuen für Verbrecher geht, dann sollte man diese umgehend entfernen. Denn Verbrecher, Völkermörder, Kriegstreiber oder Kolonialisten sollte man nicht ehren.

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Historische Kochrezepte

Es ist eine großartige Idee und eine grandiose Ressource: Die Rezeptdatenbank des Zentrums für Gastrosophie der Universität Salzburg versammelt über 9.000 Kochrezepte aus dem späten 15. bis ins 17. Jahrhundert. Hier gibt es viel zu entdecken und im Idealfall auch nachzukochen.

Die alten Kochrezepte sind etwas gewöhnungsbedürftig. Es gibt andere Zutaten, die man sich erst mal erschließen muss. Die Zubereitung ist nicht so genau ausgeführt wie bei Jamie Oliver. Es gibt logischerweise keine Hochglanzfotos. Die Ergebnisse werden sicherlich für unseren Gaumen ungewöhnlich schmecken. Aber ist das nicht auch mal ein Abenteuer?

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Kurz notiert: Pferdewechsel

Die Jubiläumitis ist in Deutschland weit verbreitet: Spätestens seit auch das letzte Tourismusbüro mitbekommen hat, dass ein zünftiges historisches Jubiläum Touristen anlockt, werden auch die wildesten Dinge gefeiert. Das Feiern eines krummen Jubiläum der Stadtgründung („775 Jahre Schmallenberg im Sauerland„) ist schon für Anfänger, Experten feiern natürlich direkt ein gefälschtes Gründungsdatum. Aber Zarten im Dreisamtal setzt dem Feiern völlig banaler Jubiläen die Krone auf: Vor 250 Jahren hat Marie Antoinette auf ihrem Brautzug nach Paris im Ort kurz die Pferde gewechselt. Der Coronavirus verhinderte die geplante Gedenkfeier.

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Archiviert die Coronakrise!

Irgendwann schreibt jemand eine Abschlussarbeit über unseren Klopapierfetisch

Es sind gerade unglaubliche Zeiten. Die letzte Woche hat sich unsere komplette Welt so vollkommen auf den Kopf gestellt, dass es unglaublich schwer ist, das alles zu verarbeiten. Selbst eine vor 14 Tagen noch völlig unglaublich wirkende Nachricht wie „Schleswig-Holstein verbietet Tourismus“ löst nur noch ein Achselzucken aus. Wir reden plötzlich über Todeszahlen, Risikogruppen und regen uns darüber auf, wenn sich andere Menschen bei gutem Wetter in ein Café setzen. Das dann urplötzlich auch nicht mehr öffnen darf.

Ich mag es normalerweise nicht, wenn etwas als „historisch“ bezeichnet wird, aber das hier ist es. Das ist so ein Moment, der in den Geschichtsbüchern auftauchen wird und zwar höchstwahrscheinlich als ganz böse Zäsur. Umso wichtiger ist es, dass jetzt zu dokumentieren und zu sichern. Unsere Nachrichtenseiten überschlagen sich nämlich und in 5, 10 oder 20 Jahren kann kein Historiker mehr nachvollziehen, was wie wann berichtet wurde. Die beliebten Bachelorarbeitsthemen wie „Die Coronakrise im Spiegel des Spiegels, 2020 bis 2024“ und „Die Coronakrise auf lokaler Ebene in Bad Mergentheim und Bergzabern im Vergleich“ auf Basis der gedruckten, lokalen Presse funktionieren nicht mehr für das Jahr 2020. Dafür braucht es den stundengenauen Stand der Nachrichtenseiten. Lokale WhatsApp-Gruppen. Die versendeten Pushnachrichten.

Daher habe ich einen kleinen Bot aufgesetzt, der automatisch jede Stunde die 67 wichtigsten und unwichtigsten deutschen Nachrichtenseiten im InternetArchive sichert. Und da es recht einfach ist und sicherlich auch für andere Nachrichtenseiten oder Webseiten interessant ist, dokumentiere ich hier mein Vorgehen für euch.

„Bot“ klingt kompliziert und ist in diesem Fall auch arg übertrieben. Webseiten lassen sich im InternetArchive über diese URL manuell speichern. Man kann diesen Prozess aber auch automatisch ansteuern, indem man folgende URL aufruft:

https://web.archive.org/save/www.example.com

Jetzt benötigen wir nur noch ein Gerät, das regelmäßig jede Stunde ca. 50x mit verschiedenen Adressen diese Seite aufruft und haben schon unseren „Bot“ gebaut. Ich habe hier eh einen Raspberry Pi laufen, der mit mit PiHole die Werbung aus dem Internet blockt und der es mit ioBroker meinen Pflanzen erlaubt meine Glühbirnen zu steuern. Dieser bietet schon von Haus aus die Möglichkeit, automatisiert Webseiten aufzurufen und läuft eh 24/7 mit geringem Stromverbrauch. Daher ist er das perfekte Gerät für dieses Projekt. Wenn Ihr keinen Raspberry zuhause habt, sollte aber auch ein handelsübliches Handy funktionieren.

Linux bietet von Haus aus die Möglichkeit, sogenannte Cronjobs zeitgesteuert auszuführen. Dies sind regelmäßig sich wiederholende Befehle. Dafür einfach in euer Terminal folgenden Befehl eingeben:

crontab -e

Und nun ist es „nur“ noch eine Frage der passenden Crondefinition. Hier sind meine:

Das sieht wild aus, ist aber recht einfach zu erklären: Die wilde Kombination aus Ziffern und Sternchen vorne sagt dem Cronjob wann er sich ausführen soll. Ein Generator für diese Befehle findet sich hier.

curl ruft einfach eine Webseite auf und wird normalerweise zum Herunterladen von Dateien benutzt. In diesem Fall funktioniert es aber auch wunderbar, um die Archivierung im InternetArchive zu starten. Das war’s auch schon.

Ich kann jedem nur empfehlen, jetzt möglichst viel zu dokumentieren. Die Schilder, die euren Spielplatz absperren. Die Sicherheitsmaßnahmen im Supermarkt. Die Ankündigungen im Gemeindeblatt. Die leeren Straßen. Das geschlossene Café. Führt Tagebuch. Schreibt eure Emotionen, Gefühle, Sorgen, Hoffnungen und Befürchtungen auf. Speichert wichtige Webseiten im InternetArchiv und sichert Seiten, die ich nicht sichere. Schlagt dort Seiten zur Archivierung vor. Sichert lokale Facebook-, WhatsApp- oder Telegram-Gruppen zur Krise und schickt diese nachher an euer Stadtarchiv. Spendet an das InternetArchiv, aber natürlich auch für die armen Leute, die dem Virus in irgendwelchen Flüchtlingslagern völlig schutzlos ausgeliefert sind. Tut was, das hilft auch in der Verarbeitung dieses Schocks.

Hier ist die Liste der von mir regelmäßig im InternetArchive gesicherten Seiten. Ich habe absichtlich einige hartrechte und verschwörungstheoretische Seiten mit dazu genommen, da diese fürchte ich noch eine arge Wucht entfalten können und daher leider wichtig sind. Wenn Ihr eure lokale Nachrichtenseite vermisst oder irgendwas anderes, dann schreibt mir eine Mail oder twittert mich an und ich nehme sie mit auf. Ich bin ja zuhause ;)

deutsch.rt.com
www.1live.de
www.achgut.com
www.badische-zeitung.de
www.bazonline.ch
www.bento.de
www.bgza.de
www.bild.de
www.br.de
www.bz-berlin.de
www.derstandard.at
www.derwesten.de
www.deutschlandfunkt.de
www.dw.de
www.epochtimes.de
www.express.de
www.faz.net
www.focus.de
www.fr-online.de
www.france24.com
www.freitag.de
www.general-anzeiger-bonn.de
www.gmx.de
www.guardian.co.uk
www.handelsblatt.com
www.haz.de
www.heute.de
www.hr-inforadio.de
www.jungewelt.de
www.jungle.world
www.krone.at
www.ksta.de
www.mdr.de
www.merkur.de
www.morgenpost.de
www.msn.de
www.n-tv.de
www.ndr.de
www.neues-deutschland.de
www.nytimes.com
www.nzz.ch
www.oe24.at
www.pi-news.net
www.rbb24.de
www.rki.de
www.rp-online.de
www.saechsische.de
www.spiegel.de
www.sr.de
www.stern.de
www.stuttgarter-nachrichten.de
www.sueddeutsche.de
www.suedkurier.de
www.swr.de
www.t-online.de
www.tag24.de
www.tagesschau.de
www.tagesspiegel.de
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„Die ausreichende Produktion ist gesichert“

Das Tolle an der Arbeit an @die_reklame ist, dass man manchmal auf wirklich faszinierende Werbungen stolpert. Über den Inhalt dieser Werbung könnte man eine ganze Bachelorarbeit schreiben:

Aus: Wiener Illustrierte, 19.7.1944

Die möglichen Themen sprudeln einfach nur so aus der Werbung hervor:

  • Was steht überhaupt in einer Zeitung kurz vor Kriegsende?
  • Welches Frauenbild wird hier transportiert?
  • Wie hat sich das nationalsozialistische Frauenbild durch den Krieg verändert?
  • In welchen Bereichen mussten Frauen „ihre Pflicht“ ableisten?
  • Was versteckt sich hinter dem Satz „tut ihre Pflicht ganz gleich wo man sie hinstellt“?
  • Welche Vorstellungen von Menstruation wird hier vermittelt?
  • Wie sah die reale Lage wirklich aus? Wie wurde so etwas wie Menstruation gegen Kriegsende erlebt?
  • Generell Körperpflege: Wie erfolgte diese in Kriegszeiten?
  • Welche Vorstellung von Hygiene wird hier transportiert?
  • Welche Menstruationsprodukte gab es überhaupt zu der Zeit und wie funktionierten diese?
  • Was sind die angesprochenen „früheren Gewohnheiten und kleinen Annehmlichkeiten“, auf die die „deutsche Frau“ im Krieg verzichtet?
  • Wie lange konnte Camelia dann wirklich die Produktion aufrechterhalten?
  • Welche Geschichte hat die Firma eigentlich und was passierte mit ihr nach dem Krieg?
  • Welche Entscheidungen und Prozesse in den für die Kriegswirtschaft zuständigen Ministerien sorgten dafür, dass die „ausreichende Produktion an Damenbinden auch im 5. Kriegsjahr gesichtert“ war?
  • Und war sie überhaupt gesichert?
  • Was ist eine „ausreichende Produktion“?
  • Wie war die Lage für Zwangsarbeiterinnen?
  • Wie war die Lage in den anderen kriegsführenden Ländern?
  • Welche anderen Hygieneprodukte wurden noch beworben?
  • Wieso wird überhaupt noch geworben?

Genau das macht Werbung als Quelle so interessant und reichhaltig: Sie transportiert in so wenig so viel und ist daher ein wunderbarer Einstieg in die Geschichtsforschung.

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