Wie viel Nationalsozialismus steckt in unserem Arbeitsleben?

West-Berlin, 1955: Wicklungseinbau im Generatorenbau in der AEG-Turbinenfabrik
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Die aktuelle Coronakrise zeigt zuverlässig alles auf, das auch vorher schon nicht so richtig funktioniert hat. Wir wussten, dass es in der Kranken- und Altenpflege nicht besonders gut läuft. Wir wussten, dass unsere Schulen definitiv keine Vorreiter der Digitalisierung sind. Und die Krise zeigt auch ganz bittere Wahrheiten in unserer Arbeitswelt auf.

Nachdem jahrelang im Boom von Fachkräftemangel gesprochen wurde und von einem Wandel in der Arbeitswelt, einem kollegialen Umgang der Chefs mit ihren Mitarbeitern und eine netten Kuschel-Wohlfühl-Arbeitswelt propagiert wurde, zeigt diese nun wieder ihre hässliche Fratze. Nicht nur ein Tönnies spielt mit der Gesundheit und dem Leben seiner Mitarbeiter – dem trauen wir eh alles Schlimme zu. Natürlich wussten wir auch vorher, dass die Arbeitsbedingungen für ungelernte Arbeiter und gerade für ausländische Kräfte in unseren Fleischfabriken, Reinigungskolonnen oder Paketdiensten katastrophal sind. Aber jetzt trifft es auch die Mittelschicht in den Teppichetagen: Die Gefahr, direkt am Arbeitsplatz zu erkranken oder gar zu sterben. Corona ist gefährlich und es ist schon erklärungsbedürftig, wenn Chefs es nicht einsehen, dass Home Office Leben rettet und zudem verhindert, dass irgendwann der gesamte Innendienst flach liegt, weil jemand die Seuche eingeschleppt hat. Die Geschichten aus der Arbeitswelt sind streckenweise gruselig.

Das alles verstärkt dieses im Hinterkopf lauernde Gefühl, das die Arbeitswelt ein undemokratisch in unsere Demokratie ragendes Stück Autoritarismus ist. Denn die Arbeitswelt ist vom Prinzip her als Diktatur aufgebaut. Der Chef bestimmt – und die Mitarbeiter führen die Befehle aus und wenn sie nicht folgen, dann war es das ganz schnell mit dem Job. Die Organisationshierarchie manch einer Firma unterscheidet sich nicht von der eines autoritären Staates. Oben sitzt der alles bestimmende Herrscher und darunter gibt es dann verschiedene Lakaien/Abteilungsleiter, die seine Befehle an weitere Untergebene weiterreichen. Eine klassische Organisationshierarchie in Pyramidenform, wie man sie sehr häufig in den klassischen Familienunternehmen findet. Oben der Firmenchef und darunter dann der Rest der Pyramide. Manchmal ist die Rhetorik von inhabergeführten Firmenchefs auch nicht weit weg vom Führerprinzip.

Corona zeigt, wie brüchig die demokratischen Elemente der Arbeitswelt sind. Wenn der Chef dich ins Büro ruft, dann hast du wenig Chancen dem Ruf nicht zu folgen. Er kann dich in deiner Gesundheit und deinem Leben gefährden und du bist ihm ausgeliefert. Ich habe zum Glück gerade einen Arbeitgeber, der mir Home Office ermöglicht – mein voriger Chef hingegen schreibt gerade Leserbriefe an die Lokalzeitung, in denen er sich über die hohen Kosten für die Schnelltests für Mitarbeiter beschwert. Diese kosten im Aldi 3,99€ und weitere Fragen zu den Arbeitsbedingungen und sonstigen Corona-Schutzmaßnahmen erübrigen sich eigentlich.

Aber wo kommt das alles her? Mir ist das Buch „Gehorsam macht frei. Eine kurze Geschichte des Managements – von Hitler bis heute“ von Johann Chapoutot in die Hände gefallen und die Kernfrage des Klappentextes klang gerade sehr, sehr interessant: „Wie stark ist unsere Arbeitswelt noch heute vom Geist der NS-Zeit geprägt?“

Tja, diese Frage beantwortet das Buch leider nicht, es ist aber trotzdem spannend. Zuerst muss ich aber Propyläen etwas rügen – das Buchcover ist einfach etwas zu martialisch aufgemacht und der Titel „Gehorsam macht frei“ ist natürlich auch arg reißerisch. Das geht sicherlich auch etwas weniger dramatisch.

Chaopoutot untersucht den Werdegang des NS-Juristen Reinhard Höhn. In der Weimarer Republik ist dieser ein typischer nationalrevolutionärer Akademiker, der die Demokratie verachtet und zugleich Standesdünkel gegenüber den Nationalsozialisten hat. Diese sind ihm einfach zu plebejisch – was ihn aber nicht davon abhält nach 1933 kräftig Karriere zu machen und einer der profiliertesten NS-Rechts- und Staatswissenschaftler zu werden.

Nach Kriegsende taucht der SS-Oberführer zuerst unter und praktiziert als Heilpraktiker in Lippstadt. 1956 gründet er die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft Bad Harzburg, welche – große Überraschung – die Führungskräfte des Wirtschaftswunders ausgebildet hat. Über 600.000 Personen aus leitenden Positionen aus allen namhaften Firmen besuchten die Akademie im Laufe der Jahre und genau dies ist Chapoutots Untersuchungsgegenstand: Was wurde gelehrt? Und wie verhalten sich diese Lehrinhalte zu Höhns Inhalten aus dem Nationalsozialismus? Welche inhaltlichen Kontinuitäten gab es? Was lernten die Chefs der 50er beim SS-Mann?

Höhn entwickelte das Harzburger Modell:

Das Harzburger Modell[3] betrachtet die Mitarbeiter als selbstständig denkende, handelnde und entscheidende Individuen. Es handelt sich um ein leistungs- und zufriedenheitsorientiertes Modell, das Zielorientierung statt Verfahrensorientierung propagiert und Unternehmensziele und Mitarbeiterziele zu integrieren versucht. Dabei bestimmt es durch das Kaskadenverfahren (Zielsystem mit Ober- und Unterzielen) individuelle oder gruppenbezogene Ziele, die regelmäßig zu überprüfen und anzupassen sind (englisch Management by Objectives). Im Regelfall wird delegiert, der Vorgesetzte greift lediglich im Ausnahmefall ein (englisch Management by Exception), ansonsten beobachtet und kontrolliert er seine Mitarbeiter. Die Mitarbeiter übernehmen die Selbstkontrolle ihres in Stellenbeschreibungen fest umrissenen Aufgabenbereichs[4] und führen mit ihren Vorgesetzten eine gemeinsame Abweichungsanalyse durch. Die Verantwortung wird im Modell durch Aufteilung in Handlungs- und Führungsverantwortung getrennt. Letztere beruht auf der „Allgemeinen Führungsanweisung“, die über die Festlegung der Führungsgrundsätze das Verhältnis zwischen Vorgesetztem und seinen Mitarbeitern regelt. Insbesondere ist der Dienstweg einzuhalten, Stabsstellen ist keine Weisungsbefugnis zugeordnet. Der Stellvertreter und dessen Aufgabe der Stellvertretung sind wichtige Kriterien zur Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit.[5]

Dieses Modell fällt nicht vom Himmel: Er greift zum einen tief in die (Militär)Geschichte zu Scharnhorsts Auftragstaktik, bei der die Offiziere einen Auftrag bekamen und diesen dann mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln selbstständig erreichen sollten. Der Chef gibt die Anweisung, dass etwa eine bestimmte Stückzahl produziert werden soll und beschränkt sich dann auf die Beobachtung, ob auch diese bestimmte Stückzahl produziert wird. Wie dies geschieht, ist ihm egal. Höhn greift hier auf seine eigenen Überlegungen aus dem Nationalsozialismus zurück. Denn dieser war doch weiter von einem höchst effizienten und alles kontrollierenden Staatswesen entfernt als weithin bekannt ist. In einem langen – und für Laien höchstwahrscheinlich unlesbaren – Kapitel ergründet Chaopoutot die Staatsskepsis der Nationalsozialisten, welche die „Lebenskraft des deutschen Volkes“ vom preußischen Verwaltungswesen erstickt sahen. Es ist dieses gewissermaßen jugendliche Zerstören althergebrachter Vorschriften und Verwaltungsroutinen, das den Nationalsozialismus auszeichnet. Die moderne Digitalwirtschaft würde vielleicht davon sprechen, dass die Verwaltung „disrupted“ wurde.

Es ist aber nicht nur eine Skepsis gegen starre Regeln: Der nationalsozialistische Eroberungsfeldzug stellt die Verwaltung ganz konkrete Personalprobleme. Es gibt schlicht und einfach nicht genügend deutsches Verwaltungspersonal, um all die eroberten Gebiete so zu verwalten wie das Reich selbst. Die der Wehrmacht folgenden Verwaltungsbeamten müssen mit wenig Personal viel leisten und hier soll für Höhn wieder die Auftragstaktik greifen: Von oben kommt das Ziel und wie es dann vor Ort umgesetzt wird, ist Sache des Verwaltungsbeamten vor Ort. Möglichst wenig Regeln und Gesetze sollen dessen Handlungsfähigkeit einschränken. Wichtig ist nur, dass er sein Ziel erreicht. Egal wie.

Dieser Freiraum an Autonomie zog eine entsprechend größere Verantwortung nach sich: Den Auftrag erfolgreich abzuschließen wurde erwartet; daran zu scheitern bedeutete das persönliche Versagen desjenigen, der seiner Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen war. Die Autonomie war nichts als Fassade: Der Untergebene war zwar frei, die Mittel zu wählen, aber sicherlich nicht, das Ziel zu bestimmen.

Das funktioniert natürlich nicht: Gerade die Gebiete im Osten sind bekannt für die Exzesse, die Korruption und die persönliche Bereicherung durch die deutsche Verwaltungsspitze. Diese konkrete Umsetzung der Ideen Höhns vor Ort thematisiert Chaopoutot leider nicht stark.

Wirklich vage bleibt er auch bei seiner eigentlichen Fragestellung: Zum einen ist Höhns Harzburger Modell heute nicht mehr das Modell, welches in den Wirtschaftsakademien gelehrt wird. Gewisse Elemente kommen uns bekannt vor, aber im normalen Arbeitsleben wird man nicht mehr mit dem Harzburger Modell in Berührung kommen. Chaopoutot bleibt auch in seiner Analyse bei den Texten Höhns und geht nicht auf die wirklich interessante Frage ein, wie das Harzburger Modell dann in den Betrieben gelebt und wie diese Ideen dort umgesetzt wurden. Denn wir wissen alles, dass alle betriebswirtschaftlichen Organisationstheorien beim ersten Kontakt mit der Firmenrealität sofort zu brennen anfangen. Man kann sich wunderbar vorstellen, wie so manch ein Firmenpatriarch der 50er Jahre aus der Akademie in Bad Harzburg zurück kam und natürlich seinen Mitarbeitern keine (Schein)autonomie gegeben hat. Dies zu untersuchen wäre schwieriger als theoretische Texte auf Kontinuitäten zu der Zeit vor 1945 zu untersuchen. Hier dürfte eine passende Quellenbasis nur schwer zu finden sein.

In den 1970er Jahren holt seine Vergangenheit Höhn ein: Der Spiegel berichtet groß und breit über ihn und seine Tätigkeit vor 1945 als er gerade dabei war, lukrative Beratungstätigkeiten für die Bundeswehr einzufädeln. Und der Zeitgeist wandelt sich: Das Harzburger Modell sei zu starr, zu wenig flexibel, zu bürokratisch. Andere Modelle setzen sich durch, die zwar ähnlich sind, aber dann doch anders: So ist das „Management by Objectives“ (auch heute noch bekannt durch seine SMART-Ziele) im Kern nah an Höhn, aber dann doch eben völlig ohne einen nationalsozialistischen Kern: Entwickelt wurde es von Peter Drucker, einem ursprünglich jüdischen, zum Protestantismus konvertierten Managementberater, der vor den Nazis in die USA geflüchtet ist. Es bleibt daher leider offen, was hier dann wirklich der nationalsozialistische Kern der Theorie ist und wie dieser die Nachkriegsarbeitswelt geprägt hat. Was bleibt, ist ein weiterer Baustein in der Erforschung der Frage, wie stark 1945 ein Bruch war. Auch für den Falle Höhns zeigt sich, dass der Bruch nicht so radikal war, wie gerne behauptet wurde, sondern dass die Gedankenwelt, die Theorien und die Ideen rhetorisch abgerüstet dann doch in die BRD gerettet werden konnten. Der eigentliche Bruch kam dann erst später mit der Ablösung der NS-Funktionäre aus leitenden Positionen.

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Wiki überarbeitet

Einige haben es vielleicht schon bemerkt: Ich habe mein altes Wiki umgestellt und das MediaWiki abgeschaltet. Dieses hatte sich bereits seit einer Weile als zu aufwändig zu administrieren erwiesen. Die Software hinter der Wikipedia ist dann doch für einen Einzelkämpfer wie mich eine Runde zu groß und läuft auch auf einem vServer nicht ideal. Ich hatte es bereits vor einer Weile durch eine statische Version ersetzt und die dynamische Version nur in einem Verzeichnis mit Zugriffsschutz betrieben, aber auch das war kein Idealzustand. Ein Wiki als private Notizensammlung lebt ja gerade davon, dass man es schnell aktualisieren kann.

Nach langer Suche stellt sich zum einen heraus, dass das Softwaregenre der Wikis recht tot ist. Es gibt MediaWiki. Es gibt diverse Enterprise-Produkte zur firmeninternen Dokumentation und dann noch diverse OpenSource-Produkte, die wieder keinen perfekten Eindruck auf mich gemacht haben.

Daher habe ich jetzt den Schritt zu ZIM-Wiki gemacht, welches ein grundliegend anderes Konzept verfolgt. Es ist zuerst ein Desktop-Notiztool ohne Datenbank. Die Notizen liegen einfach in markdownähnlichem Format auf der Festplatte. Eine Textdatei pro Unterseite und die Bilder liegen dann in einem weiteren Unterordner. Daraus kann man dann alles als HTML exportieren und als Webseite benutzen. Das ist so denkbar simpel, dass es (hoffentlich) zukunftssicher ist. Reines HTML & CSS benötigt keine Sicherheitsupgrades, keine Datenbanken und da die Software selbst lokal läuft, sollte sie auch die nächsten zig Jahre funktionieren. Falls nicht, sind alle Daten nicht in einer kryptischen Datenbank ohne Exportfunktion gefangen, sondern in simplen Textdateien, die sich auch über andere Softwares verarbeiten lassen.

Ich habe noch nicht alle Seiten migriert und habe die Migration auch dazu genutzt, um einmal kräftig aufzuräumen. Aber es sind auch einige neue Dinge hinzugekommen – etwa eine umfangreiche Sammlung historischer und höchst lesenswerter Reportagen, ein paar Unterseiten zu @die_reklame wie z.B. meine Sammlung lesbarer Kurrent- und Sütterlinbeispiele und auch Excel-Tipps für fortgeschrittene Nutzer.

In der nächsten Zeit kommen noch ein paar weitere Sachen hinzu, denn nun macht das Aktualisieren auch wieder Spaß.

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Freitagabendgestaltung

Schritt 1: Die taz berichtet über Leo Heller, einen Journalisten und Chronisten der Berliner Unterwelt der 1920er Jahre. Genau mein Ding. Ich will was von ihm lesen.

Schritt 2: Seine Bücher sind aber nirgends online zu finden und antiquarisch auch nicht zu greifen. ZVAB & Co haben nichts im Angebot und die Bücher sind in den 1920ern in nicht allzu großer Auflage erschienen. Schlechte Karten also, etwas zum Lesen zu finden.

Schritt 3: Einen freundlichen Hinweis erhalten, dass das Zeitungsportal ANNO einige seiner Reportagen in seinen Zeitungsscans hat und die mit Freude gelesen.

Schritt 4) Auch die lokalen Bibliotheken hier in Freiburg haben seine Bücher nicht.

Schritt 5) Google Books hat das gesuchte Buch „Berliner Razzien“ gescannt, aber zeigt dieses aus Urheberrechtsgründen nicht an.

Schritt 6) Der KVK verweist auf HaitiTrust, welches das Buch zwar nachweist, aber mir auch aus Urheberrechtsgründen nicht anzeigt.

Schritt 7) VPN an und in die USA getunnelt: Jetzt ist das Buch im Volltext zu sehen! Ein kompletter Download ist aber nur möglich als „Mitglied einer Partnerinstitution“, was ich nicht bin. Ich könnte alle 209 Seiten als Einzel-PDF herunterladen und dann manuell zusammenfrickeln.

Schritt 8) Aber: Ein weiterer Downloadlink verweist wieder auf Google Books, welches mir als „VPN-Amerikaner“ einen Download ermöglicht.

Schritt 9) Oder auch nicht – zum Download benötige ich einen Google-Account und ich habe nur einen deutschen Account. Meine Motivation, mir einen weiteren Google-Account anzulegen, geht gegen null.

Schritt 10) Daher einen Google Books Downloader gesucht und neben diverser sehr dubioser Seiten und Angebote auf GitHub ein passendes Python-Skript gefunden. Dieses lädt mir jetzt das Buch von Google Books herunter und erstellt daraus direkt ein PDF.

Schritt 11) Jetzt kann ich endlich das Buch lesen. Was ein Quatschfug.

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LKW fahren, 1974

Diese alte Fernsehreportage aus der Sendung der Maus im lange vergangenen Jahr 1974 ist einfach ein wunderbares Zeitdokument.

Die Dokumentation zeigt den Arbeitsalltag eines Fernfahrers aus richtig melancholischer Sicht, aber es sind die kleinen Details, welche sie zum Kleinod machen: Diese Innenaufnahmen der Raststätte! Der Zigarettenautomat! Der Umgang mit dem Thema Ladungssicherung! Die Organisation einer Spedition vor Handys, GPS und Navigationsgeräten – wie da der Fernfahrer erst am Ziel die Gelegenheit hat, per Festnetz die Zentrale anzurufen. Das Luftgewehr über dem Bett des Sohnes! Der akkurat gebundene Schlips. Wie sie im Büro ganz selbstverständlich rauchen. Wie er mit der Kippe im Mund den Tank befüllt. Der Sendeschluss im Radio – die ganze Doku bringt ein völlig vergessenes Westdeutschland wieder ans Tageslicht und bietet gerade in Ihren kleinen Details unglaublich viel.

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Ein historischer Wahl-o-Mat zur Reichstagswahl 1919

Den Wahl-o-maten kennt mal von diversen Bundes- und Landtagswahlen. Das Bundesarchiv hat im Rahmen seines Projektes 100 Jahre Weimarer Republik einen historischen Wahl-o-maten für die Reichstagswahl 1919 online. Es funktioniert, wie man es gewohnt ist: Man bekommt einige Fragen gestellt und am Ende gibt es ein Ergebnis, welche Partei zu einem passen würde:

Vor 100 Jahren hätte ich anscheinend SPD gewählt.

Das ist ein wirklich wunderbares Tool, um in die Parteienlandschaft der Weimarer Republik einzusteigen. Die SPD kennt man ja. Aber wer war nochmal die DDP, die mir mit 62% empfohlen wird? Was macht die DNVP so wenig empfehlenswert für mich? Welche Positionen des Zentrums teile ich? Gerade für den Geschichtsunterricht ist das ein perfekter Einstieg ins Thema.

Der Wahl-o-Mat ist Teil eines großen Themenportals zur Weimarer Republik mit zahlreichen Quellendigitalisaten aus dem Bundesarchiv und weiteren Informationen.

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Mediendiät oder einfach mal abschalten

Warum nicht mal rausgehen?

Es sind gerade wilde Zeiten und es ist viel, viel los. Die Nachrichten überschlagen sich jeden Tag und es sind keine guten Nachrichten. COVID-19. US-Wahlen mit all dem, was Donald Trump so produziert. Kriege. Terrorismus. Schwankende Potentaten, die zündeln, um die eigene Macht zu erhalten. Das Eis im Nordmeer kommt nicht mehr, die Klimakatastrophe nimmt also gigantisch an Fahrt zu. Die Wirtschaft wackelt, die Wälder brennen und all das kommt schön per Pushnachricht rein. Und das ist auf Dauer nicht gesund.

Das stetige Bombardement mit schlechten Nachrichten macht etwas mit den Menschen: Fast egal mit wem man redet, am Ende merkt man, dass sich etwas aufstaut und dann platzt es aus den Leuten heraus. Ich habe das Glück, (noch?) keinen Coronaleugner im Bekanntenkreis zu haben, aber auch so merkt man deutlich, dass eine aufgestaute Wut herrscht. Die Maßnahmen sind nicht genug. Die Maßnahmen sind schlecht umgesetzt. Dies und das könnte besser umgesetzt werden. Und warum tut denn keiner mal was gegen dies und das? 

Fiebrig sitzt die Nation vor den Livetickern, stetig steigende, schlechte Zahlen prasseln herein und aus den Nachbarländern kommen Katastrophennachrichten und Bilder, die schlimmes für einen selbst ahnen lassen. Die Tagesschau um 20 Uhr könnte auch der Vorspann eines Horrorthrillers sein. Auf Twitter, Facebook & Co wird ein Aufreger nach dem nächsten durchs Dorf getrieben. Wirre Wirrköpfe bekommen eine Bühne, weil alle deren Aussagen weiterverbreiten, um zu kommentieren, dass die natürlich völlig wirr sind. Trotzdem bekommen die geistigen Ergüsse von Veganköchen, Musikern und sonstigen Experten-Virologen enorme Reichweite. In den Telegram-Gruppen der Schlagerbarden herrscht ein Tonfall, der so aufgeheizt ist, dass man jederzeit befürchten muss, dass die ganze Verschwörerszene in den bewaffneten Untergrund geht. Dieses Geschwurbel wird einem täglich ins Gehirn gespült – und selbst wenn man die Naidoos noch ignorieren kann, den Blödfug des US-Präsidenten kann man nicht ignorieren, denn er wird wirklich auf allen Kanälen durch die Medien gepumpt.

Das ist auf Dauer nicht gesund. Diese stetige Aufgeregtheit macht keine gute Stimmung. Achtet mal auf euch: Wann war das letzte Mal als ihr in Twitter geschaut habt und mit besserer Laune herausgekommen seid? Das letzte Mal, dass ihr wirklich Spaß und Freunde beim Checken von Facebook-Nachrichten hattet? Wann war das letzte Mal, dass ihr die Tagesschau geschaut habt und gedacht habt, dass das jetzt eine wirklich gute Nachricht ist? 

Ich will kein allgemeines Plädoyer dafür halten, gar keine Nachrichten mehr zu lesen. Aber es macht aktuell Sinn, den Konsum zu reduzieren und sich ganz bewusst zu fragen, ob man sich jetzt wirklich einen bestimmten Aufreger geben will oder ob man sich nicht dann doch lieber auf sein Sofa zurückzieht und ein gutes Buch liest. Muss man den Artikel “Bei Niederlage von Trump: US-Rechtswissenschaftler warnt vor „totalem System-Zusammenbruch” lesen? Oder kann man damit nicht doch einfach warten und schauen, ob der Kerl wiedergewählt wird und dann schauen, was passiert? Beeinflussen kann man die US-Wahl von Deutschland aus eh nicht, man ist nicht wahlberechtigt und auch wenn man jede Debatte des Wahlkampfes fiebrig verfolgt, ändert das trotzdem nichts. Warum sich also aufregen? Einfach ausblenden und am Mittwoch Morgen wissen wir, wer gewählt wurde.

Das gilt auch für Corona: Es gibt gerade zwei Dinge, die man nicht ignorieren darf: Das lokale Infektionsgeschehen, um die eigene Gefährdung zu beurteilen und die aktuell geltenden Regelungen und Gesetze, damit man sich dran halten kann. Aber alles andere? Muss man jetzt die Zahlen verschiedener Länder vergleichen? Muss man sich noch eine Talkshow reinziehen, in der Vertreter der Gastronomie erzählen, wie schrecklich alles ist? Ja, das ist schrecklich, aber ganz ehrlich: Beeinflussen kannst du das auch nicht. Die Politik kann Hilfen beschließen. Oder auch nicht. Du kannst halt mal zum Restaurant um die Ecke schlurfen und dir was zum Mitnehmen holen – das hilft viel mehr als noch eine Folge Markus Lanz schauen und sorgt für bessere Laune. Futter das Takeout und schau lieber einen guten Film.

Kannst du beeinflussen, ob irgendwelche Nasen in Berlin irgendwelche Coronademo-Superspreaderereignisse veranstalten? Nein. Du kannst auf deine Crowd aufpassen und die darauf hinweisen, wie wichtig es ist, jetzt vorsichtig zu sein. Zieh dir nicht den Irrsinn von Attilla Wirrkopf rein, denn auch das belastet. Vertraue oder hoffe darauf, dass irgendwann die zuständigen Stellen diesem Treiben ein Ende bereiten. Wenn du dich in deinem Wohnzimmer vor dem Laptop aufregst, bringt das absolut gar nichts außer dich selbst zu belasten

Gute Laune ist nämlich gerade rar – und daher ist es auch völlig okay, wenn man sich selbst in eine Gute Laune-Wohlfühlblase zurückzieht und mal nicht irgendwelche Videos vom Krieg in Bergkarabach schaut oder auch mal den nächsten von US-Polizisten erschossenen Schwarzen ignoriert. Da kannst du nämlich eh nichts machen und es ist in Ordnung, wenn du das nicht in dich reinfrisst bis die Wut überkocht. Spende einen Fuffi an Black Lives Matter, aber schau dir nicht in HD und Farbe an, wie jemand langsam erstickt wird und um sein Leben bettelt. Das bringt nur eins – dass du dich aufregst, dass du die Schlechtheit der Welt in dich reinfrisst und dass du dich von all dem Schrecklichen überwältigt fühlst.

Eine so krasse und dynamische Nachrichten- und Weltlage hat von uns wohl kaum einer erlebt. Daher gibt es auch keine Erfahrungen damit – die früheren Krisen sind nicht mit einer so dermaßigen Wucht ins Leben geknallt. Damals gab es andere Medien und man muss sagen, dass Zeitungen, Radio oder Fernsehen nicht diese unglaubliche stetige Berieselung erzeugen können wie die geballte Macht des Echtzeit-Internets.

Pass daher auf dich auf – die nächste Zeit wird nicht gerade lustig werden, es wird sich alles noch eine Weile hinziehen und es können noch ganz bittere Schicksalsschläge kommen. Daher ist es wichtig, dass du deine Kräfte behältst und dir auch mal eine Auszeit gönnst. Wenn es regnet, darf man sich auch mal unterstellen. Schau genau drauf, was du an Medien konsumierst.

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Analoge Workflows

Nachdem ich mich letztens etwas über unangenehme Änderungen bei IFTTT beschwert habe, möchte ich mich jetzt einfach mal allgemein beschweren: Die Digitalwirtschaft tut gerne so als würde ihre Software die Produktivität erhöhen. Manchmal stimmt dies auch – ohne Excel würde die deutsche Wirtschaft komplett zusammenbrechen. Gleichzeitig sind analoge Workflows und Arbeitsprozesse einfach viel, viel zukunftssicherer als jede Software. Software ist nämlich einem stetigen Verschlechterungsprozess ausgesetzt.

Trotz aller Versprechen, dass Digitalisierung die Zukunft ist und dass die Digitalisierung aller Arbeitsprozesse viel Zeit spart und alles effizienter macht, sind analoge Arbeitsweisen immer noch zukunftssicherer. Kaum eine Software schafft es, Datenformate, Prozesse und Arbeitsweisen über Jahre und Jahrzehnte konstant zu halten.

Betrachtet man die letzten Jahrzehnte, dann gab es eine stetige Veränderung in der Systemlandschaft: Von den Heimcomputern der 80er hin zu den DOS-Maschinen der 90er über Windows 3.11, 95, 98 hin zu Windows XP, Vista, 7, 8 und jetzt 10. Dabei ist vieles an Software verloren gegangen. Von den führenden Software-Anbietern der Commodore 64-Ära ist kaum noch einer übrig. Deren Produktivitäts- oder Notizensoftware ist dann meistens vom Markt verschwunden. Blöd, wenn man jahreland seine Notizen und Dokumente in einer Software auf dem C64 gespeichert hat und sie da nicht mehr herausbekommt. Oder wenn man jahrelang eine Literaturdatenbank gepflegt hat, die jetzt keine Zukunft mehr hat. Die Tagebuch-App aus dem PlayStore wird in wenigen Jahren keiner mehr auslesen können.

Aber auch Anbieter, die blieben – also Microsoft -, haben ihre Software stetig weiterentwickelt oder verschlimmbessert. In deutschen Büros sitzen immer noch Menschen, die über die „neue“ Benutzeroberfläche von Office 2007 schimpfen. Jetzt kann man natürlich laut darüber lästern, dass jemand nach 13 Jahren es nicht geschafft hat, sich an das neue Interface zu gewöhnen. Aber die Kernfrage ist ja, warum jemand sich überhaupt ständig an neue Interfaces gewöhnen sollen muss. Manchmal macht ein Redesign Sinn, aber in den meisten Fällen wird einfach viel Wissen obsolet gemacht, weil dann die Druckerverwaltung plötzlich an einem anderen Ort ist.

Webseiten und Onlinedienste sind da noch radikaler: Ohne große Ankündigung wird dann von heute auf morgen das komplette Layout geändert und der Nutzer muss damit zurecht kommen. Wohlgemerkt: Verändert, nicht unbedingt verbessert. Meistens gehen diverse Features verloren, gewohnte Klickwege verschwinden und Lesezeichen führen plötzlich in die Irre oder hinter eine Paywall. Prinzip: Friss oder Stirb.

Wenn die geliebte Notizenapp plötzlich anders aussieht und sich anders bedient, dann ist das ein harter Schlag für den Nutzer. Er muss sich aktiv umgewöhnen. Oder ihm wurde etwas für ihn elementares genommen. Wird die App gleich komplett eingestampft , steht der Nutzer alleine und verloren da. Eine Weiternutzung der vorhandenen Daten in anderen Anwendungen ist häufig nicht möglich.

Analoge Workflows haben dieses Problem nicht. Ein Notizbuch ist ein Notizbuch und es ist jedem überlassen, was er dort mit handelsüblichen Stiften hineinschreibt. Wer einmal ein System gefunden hat, dass ihm passt, der kann dieses bis an sein Lebensende nutzen. Ob BulletJournal oder Zettelkasten – es reicht, dies einmal zu lernen und gut ist. Da ändert keiner das Layout – außer der Nutzer will es aktiv. Da dreht keiner am Datenbankformat. Kein Hersteller geht pleite und wenn, dann kann man auch Notizbücher und Stifte eines anderen nutzen. Es gibt keinen Lock-in-Effekt, sondern einfach die volle Kontrolle. Ein papierbasiertes Notizsystem ist daher absurder Weise zukunftssicherer als ein digitales, softwarebasiertes Notizsystem.

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If this then Tod – vom Sterben eines Dienstes

Kommunikation aus der Hölle

Es ist so eine Nachricht, die einem schon etwas den Tag versauen kann: IFTTT, das Schweizer Taschenmesser der Webdienstverknüpfung, führt Premium Accounts ein und beschränkt gleichzeitig bestehende Accounts massiv. Ab sofort sind nur noch 3 selbsterstellte Applets möglich – für alles weitere muss man den Geldbeutel aufmachen.

Das ist natürlich unangenehm. Diverse meiner Webprojekte laufen mit IFTTT – so werden z.B. die Links, die ich in Diigo speichere, automatisch auf Twitter bei @geschichtslinks und bei Reddit in /r/geschichte veröffentlicht. Das spart Arbeit, ist praktisch und verbraucht jetzt schon zwei Applets.

Natürlich ist es ok, wenn eine Firma versucht, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu finden. Premiumfeatures und Bezahlmodelle gehören natürlich dazu. Völlig verständlich – aber es ist auch für mich als Otto-Normalverbraucher nötig, dass ich mich nach einer kostenlosen oder günstigeren Alternative umschaue. Die geforderten 3,99 Dollar pro Monat summieren sich nämlich auch auf immerhin 47,88 Dollar im Jahr hoch. Da kann die Corporate Propaganda noch so laut tönen, dass dies ja nur ein Kaffee pro Monat sei, aber zum einen ist mein Kaffee günstiger und zum anderen ist ein Fuffi am Ende des Jahres auch ein netter Abend.

Diese ganzen Abos, die einem von allen Seiten verkauft werden wollen, läppern sich am Ende doch arg hoch. Wer es sich hart gönnt und Netflix, Amazon Prime, YouTube Premium, Spotify Premium, Spiegel Plus, Strava Premium und was nicht alles sonst noch abonniert, der hat am Ende dann einfach jeden Monat mehrere hundert Euro auf dem Konto. Death by a thousand cuts – wer nicht auswählt, ist schon am Ende.

IFTTT hat leider die Auswahl nicht gepackt: So nett das auch ist, der Dienst hat sich leider in den letzten Jahren nicht richtig weiterentwickelt, es fehlen mir ein paar elementare Features und mal ehrlich: Die Ankündigung, dass man in zwei Wochen fast alle bestehenden Applets killt, wenn man nicht zahlt, ist mehr als dreist. Das macht jetzt kein gutes Gefühl – es klingt sogar nach argen Finanzierungsproblemen von IFTTT in der aktuellen Wirtschaftskrise.

Es muss also eine Alternative her und diesmal war klar: Es wird keiner der anderen Anbieter wie Zapier, die ebenfalls ähnliche Geschäftsmodelle besitzen oder sie irgendwann einführen werden, sondern es soll etwas eigenes werden. Die Wahl ist nach etwas Recherche auf NodeRed gefallen. Es gibt zwar auch andere Dienste wie h8n oder Beehive, aber NodeRed macht den besten Eindruck und scheint am flexibelsten zu sein.

Ich würde jetzt gerne großspurig hochkompetent klingende Erklärungen und Anleitungen veröffentlichen, wie man NodeRed als IFTTT-Ersatz verwendet, aber ich bin natürlich auch noch blutiger Anfänger. Da ist es besser, auf die offiziellen Anleitungen zu verweisen, denn Menschen mit mehr Erfahrung schreiben meist die besseren Anleitungen. Daher hier nur als kurzer Werkstattbericht ein paar Notizen:

  • Das ganze läuft bei mir nicht auf einem Webserver, sondern auf meinem Raspberry Pi 4. Das hängt einfach damit zusammen, dass NodeRed nicht auf dem All-Inkl-Hosting dieser Webseite läuft und der Raspberry Pi eh hier arbeitet und noch Ressourcen frei hat.
  • Die Installation selbst ist wirklich einfach: Im Kern gibt man nur einen Befehl ins Terminal ein. Dann wird NodeRed automatisch installiert und ist dann per Browser verfügbar.
  • Die einzelnen Workflows kann man sich dann per grafischer Benutzeroberfläche zusammenstöpseln. Wobei das einfacher klingt als es ist – wer komplizierte Datenverarbeitung machen will, muss auch mit einer grafischen Benutzeroberfläche komplizierte Dinge machen.
  • Hier gibt es im Standard recht wenig Optionen, aber jede Menge Plugins für diverse Dienste. Wie üblich, werden diese Plugins im Zweifelsfall von unbezahlten Freiwilligen entwickelt und sind mal von größerer und mal von schlechterer Qualität. Und wenn Dienste ihre APIs ändern, kann es sein, dass das Plugin angepasst wird oder nicht.
  • Generell zeigt es sich, dass diverse Dienste den API-Zugang deutlich restriktiver handhaben als es mal war. Einige Anbieter haben den Zugang zur API ganz gestrichen, andere haben nur noch eine für Geschäftskunden, andere prüfen jede Anmeldung genauestens. Das macht IFTTT wirklich besser, indem es dem Endnutzer diesen Schritt erspart.
  • Gerade Facebook zeigt sich hier sehr restriktiv: So gerne ich irgendwas mit Whatsapp oder Instagram integrieren würde, es werden keine Schnittstellen dafür angeboten. Die Daten sollen im Silo bleiben.
  • RSS ist leider auf dem absteigenden Ast. Und zwar nicht, weil das Format so schlecht ist, sondern weil es einfach für die Firmen nicht richtig zu monetarisieren ist. Die eigenen Daten will kaum noch einer kostenlos an alle herausgeben, sondern alle sollen auf die eigene Webseite gelockt werden. So großartig RSS ist, leider verschwinden die Feeds zunehmend.
  • Ich habe quasi versehentlich einen Telegram-Bot für PlanetHistory gebaut. Wer will, kann jetzt hier folgen.
  • Mir fehlen aktuell die wirklich zündenden Ideen, was man mit dem doch sehr mächtigen NodeRed noch alles anfangen kann. Der Telegram-Kanal für PlanetHistory ist zwar eine nette Idee, aber jetzt auch eher unsexy. Das gilt auch für andere Integrationen: Natürlich kann ich die Anzeigen von @die_reklame in noch eine Plattform kippen, aber am Ende ist das zwar nett, aber auch nicht gerade nobelpreisverdächtig.
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Wuppertal, Künstliche Intelligenz und warum das leider alles nicht so überzeugend ist

Vor ein paar Tagen habe ich hier ein Video gepostet, das eine Mitfahrt in der Wuppertaler Schwebebahn aus dem Jahr 1902 zeigt. Dieses tolle Video ging mittlerweile um die Welt.

Genauer gesagt ging nicht dieses Video um die Welt, sondern eine editierte Version. Diese wurde von Denis Shiryaev „optimiert“:

Upscaled to 4K; ✔ FPS boosted to 60 frames per second, I have also fixed some playback speed issues; ✔ Stabilized; ✔ Colorized – please, be aware that colorization colors are not real and fake, colorization was made only for the ambiance and do not represent real historical data.

Die farbige Version hat mittlerweile mehr Views auf YouTube als das Original und das wirft natürlich einige Fragen auf. In diesem Fall ist das natürlich arg harmlos, denn es handelt sich nur um eine alte Führerstandsmitfahrt und nicht um ein irgendwie wirklich historisches Video. Aber…

Es ist natürlich ganz offensichtlich kein korrektes historisches Arbeiten, wenn man per AI die Auflösung eines Videos erhöht. Bei diesem Upscaling werden dann Informationen in ein Video oder Foto gerechnet, die im Original nicht vorhanden sind. Das kann im Falle einer normalen Wand recht gut funktionieren, aber spätestens bei Gesichtern, Kleidung oder ähnlichen Dingen ist das nicht mehr angebracht. Damit wird das Original verfälscht und verliert damit seinen Quellenwert.

Das beliebte Colorizen erweist sich hier als besonders schwierig. Was als Hobby von Geschichtsfans begann, die mit großer Akribie historische Schwarz-Weiß-Fotos manuell einfärbten, wird mittlerweile auch mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz gemacht und das funktioniert mal gut und mal weniger gut. Dass ein Himmel blau oder grau ist und dass Wolken weiß oder grau sind, kann eine Software erkennen. Sie kann auch einen leichten Farbtupfer über alles legen, aber so wirklich überzeugend ist das alles nicht.

Zum einen scheitert die künstliche Einfärbung im Video bereit mehrfach daran, dass Bäume grüne Blätter haben. Zudem sind die Farben dort, wo die Bäume dann doch grün sind, arg ausgewaschen – denn überraschenderweise waren die Blätter von Bäumen früher genau so grün wie heute. Wir sind es nur aufgrund der früher mangelhaften Farbdarstellungen auf Filmen und der mittlerweile ausgeblichenen Farbpigmente auf alten Fotos gewöhnt, dass die Farben früher anders aussahen. Das passiert völlig unterbewusst: Logischerweise war der Himmel auch früher gleich blau wie heute und nicht so brutal überzeichnet blau wie in den Technicolor- und Kodacolor-Filmen aus den 1960ern. Der Film macht es, nicht das Gefilmte.

Schlimmer ist aber natürlich, dass hier einfach etwas erfunden wird. Während die Hobbyisten beim manuellen Einfärben von Fotos viel Arbeit in die Recherche stecken und z.B. recherchieren, welche korrekte Farbgebung getragene Orden oder Uniformen haben, kann eine AI das nicht wissen und macht daher einfach irgendwas. Sie färbt Häuser im Film ein, aber weiß nichts über die Originalfarbe. Das Ergebnis ist gut, irgendwie überzeugend und stimmig, aber grundfalsch. Ohne die zeitaufwändige Hintergrundrecherche, die dann doch so häufig ins Leere laufen wird, entsteht dabei dann realistisch aussehender Quatsch.

Ich habe zur Demonstration zwei Bilder durch Algorithmia laufen lassen, einen Dienst, der Schwarz-Weiß-Fotos einfärbt. Hier jeweils einmal ein Handybild vom Kaiserstuhl und einmal eine Stadtszene aus Eguisheim im Elsass, das wegen seiner farbigen Fachwerkhäuser ein besonders gemeines Beispiel ist. Ich habe das Originalfoto in ein Schwarzweiß-Foto umgewandelt und dieses dann von der Software einfärben lassen.

Das Original – übrigens immer eine Radtour wert!
Wie man sieht, sind die Blüten schwarz und das Grün hat einfach diesen „Retrotouch“. Ansonsten gibt es wenig zu meckern – die Straßen sind leicht zu gelb geworden, aber Himmel und der Schwarzwald im Hintergrund passen.
Das Original
Die Fälschung ist schon sehr gut gelungen – aber etwa die farbigen Fensterläden wurden komplett verschluckt und die Häuser haben alle die gleiche Farbe. Das Herbergen-Schild ist blau statt rot und hat seine farbigen Ornamente verloren. Das Gras zwischen den Pflastersteinen ist verschwunden. Der Blumenschmuck an den Häusern wirkt auch eher nach Friedhof als Frühling.

Die Demonstration zeigt, dass die Technik schon sehr gut ist, aber dann an kritischen Stellen daneben greift. Auf den ersten Blick wirkt es überzeugend, die Probleme erkennt man wie bei einem dieser „Finde die Unterschiede“-Suchbild aus der Fernsehzeitschrift nur bei genauerem Hinschauen. Es ist natürlich nicht nur schwer, sondern unmöglich, Farbinformation korrekt zu berechnen, wenn diese einfach nicht vorliegt.

Der Erfolg des Videos und anderer, vergleichbarer Projekte des gleichen Autoren zeigt, dass diese wichtige Differenzierung nicht in der breiten Öffentlichkeit ankommen. Bereits jetzt werden nachcolorierte Fotos fleißig als Original durch die Sozialen Netzwerke und WhatsApp-Gruppen gereicht. Es ist damit zu rechnen, dass sie irgendwann ungeprüft und ohne Kennzeichnung auch in seriösen Publikationen auftauchen. Die Quellenkritik wird hier noch wichtiger. Historiker müssen demnächst sehen lernen, solche Bildfärbungen zu erkennen.

Wer hingegen einmal richtig einen auf dicke Hose machen will, hier ein kurzer Software-Überblick:
Upscaling funktioniert mit Gigapixel AI von Topaz Labs für Fotos bzw. mit Topaz Video Enhance AI für Videos. Es gibt eine 30 Tage-Testversion, mit der man sich einen ersten Eindruck verschaffen kann.

Für das automatische Einfärben von Bildern gibt es etwa das oben genutzte Algorithmia. Einen Überblick über verfügbare Software gibt es hier. Es macht Spaß, mit dieser Software zu spielen und das ist wohl das größte Problem: Die eingefärbten Bilder wirken auf den ersten Blick überzeugend und daher verbreiten sie sich im Internet – und leider zu häufig ohne Kennzeichnung.

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