Der Rhein ist gar nicht so romantisch

Manchmal läuft es nicht so gut, wie gedacht. Genauso war es bei meiner Tour entlang des Rheins Ende Juni. Eigentlich hätte alles perfekt sein können, aber haben irgendwie äußere Umstände zugeschlagen. Der Plan war simpel und einfach: Auf dem Rückweg aus dem Urlaub in der Pfalz in Bingen aus dem IC steigen, knapp 70 Kilometer den romantischen Rhein entlang fahren und dann in Koblenz wieder in den Zug und nach Hause. Soweit so gut, dann ging es aber irgendwie schief.
Zuerst bin ich einfach später in Bergzabern losgekommen als sinnvoll gewesen wäre. Dann schlug die Bahn mit aller Wucht des Chaos zu – der IC nach Bingen hat sich 45 Minuten Verspätung zwischen Karlsruhe und Mainz eingefahren – und in Bingen war der komplette Bahnhof wegen Oberleitungsschaden gesperrt. Also ging es mit der Regionalbahn nach Gau-Algesheim 10 Kilometer vor Bingen. Aber leider viel, viel zu spät – es war schon 14 Uhr, die Strecke hatte sich von 70 auf 80 Kilometer verlängert und in Koblenz wartete eine harte Deadline: Der Zug nach Hause. Koblenz ist noch einige Stunden von Ahlen entfernt und ab einer bestimmten Uhrzeit kommt man einfach nicht mehr gut zurück.
Aber egal, los ging’s durch Rheinhessen nach Bingen. In Bingen versteckt sich ein wahrer Schatz. Ein mittelalterlicher Hafenkran, einer der ältesten in der Welt und eine der technischen Meisterleistungen des Mittelalters. Wer abnerden will, kann sich auf dieser Seite einlesen.
Weiter ging es entlang des Rheins, der einfach wunderschön ist. Aber: Der Radweg war voll. Brutal voll. So viel Verkehr auf einem entsprechenden Weg habe ich noch nie erlebt. Verkehrsstau. Hunderte, ja tausende Radfahrer quetschten sich auf den Radweg. Selbst Überholen war häufig nicht möglich, weil es zu viel Gegenverkehr gab. Und das, was dort fuhr, zeigte, dass die deutschen Fahrradhändler in den letzten Jahren im Bereich eBikes massive Umsätze gefahren haben müssen. Der deutsche Senior fährt mittlerweile elektrisch.
Und nach 20 Kilometern bemerke ich, warum hier so viel Verkehr ist: Es ist Tal-to-Tal, eine Veranstaltung, bei der einmal im Jahr die Bundesstraßen im Rheintal für den Autoverkehr gesperrt und für Fahrräder freigegeben werden. Ich Trottel… die Ankündigung dafür stand wohl in Bingen am Bahnhof, aber da dieser gesperrt war, habe ich dies natürlich nicht gesehen und bin direkt auf den Radweg am Fluss.
Also auf die Bundesstraße und weiter geht’s. Es ist nett, auf einer leeren Straße zu fahren.
Aber: So wirklich will es nicht flutschen. Das Rheintal wird von heftigem Wind durchpeitscht, der natürlich kein Rückenwind ist. Es ist kalt. Es regnet streckenweise. Ich komm nicht so voran wie geplant. Die Zeit wird knapp. Es ist schon erstaunlich, was für schrottige Denkmäler in Deutschland so rumstehen, die an völlig absurde Ereignisse erinnern. Hier freut man sich gerade einen Ast, dass jemand im letzten Jahrtausend an dieser Stelle den Fluss überquert hat, um Franzosen zu töten.
Aber: Es flutscht nicht. Und so breche ich die Tour dann in Boppard ab, damit ich noch halbwegs passend nach Hause komme und nehme den Zug. Hier zeigt es sich dann, warum man eigentlich solche Veranstaltungen meiden sollte, auch wenn sie recht nett sind: Der Zug ist heillos verspätet. Nicht nur, weil es ja in Bingen den Oberleitungsschaden gab, sondern einfach, weil zehntausende Fahrradfahrer auf der Strecke unterwegs sind und davon natürlich einige mit dem Zug fahren wollen und der Einstieg entsprechend dauert. Der siffige Bahnhof an der Strecke ist natürlich nicht mit einem ebenerdigen Bahnsteig ausgestattet, so dass alle Räder erstmal fleißig gehoben werden müssen. Ich habe Glück: Mit dem eingeklappten Klapprad passe ich in den Zug. Aber andere haben weniger Glück: Höchst unfreundliche Securitys im Zug weisen ruppig sogar Familien mit kleinen Kindern am Bahnsteig ab. Die Atmosphäre ist gereizt.
Das wiederholt sich etwas abgeschwächt dann in Koblenz: Der EC aus der Schweiz ist ebenfalls zu spät und wird von Fahrrädern geflutet. Das Klapprad hat hier echt einen riesigen Vorteil. Großveranstaltungen wie diese müssen aber in Zukunft echt nicht mehr sein – die Idee klingt nett, aber leider machen die Menschenmassen dann die Abreise zur Qual.