Von Basel durch den Harthwald

Es ist eine Weile her seit dem letzten Beitrag hier – nicht, dass ich nicht Fahrrad gefahren wäre, aber es blieb einfach keine Zeit für die großen Erkundungstouren. Regelmäßige Posts zu meinem Weg von Pfaffenweiler nach Freiburg rein wären herzlich sinnlos. Jetzt aber – der letzte Sonntag im September hat mit Temperaturen um die 20° gelockt und das war der Anlass, endlich mal eine bereits länger geplante Tour in Angriff zu nehmen: Von Basel aus die Rheinebene hoch zurück nach Pfaffenweiler zu fahren. Hier hat man gleich die Auswahl zwischen mehreren Routen: Man kann den Rhein entlang fahren, man kann sich am Rande des Schwarzwaldes über Badenweiler und Staufen durch die Weinberge quälen oder man düst durch den Harthwald. Der Harthwald ist eines der größten Waldgebiete der Region und das größte im Flachland. Hier sieht man ihn vom Blauen aus in der Ebene liegen:
Eigentlich wollte ich dem Rennrad einen der wohl letzten Ausritte vor dem Winter gönnen. Ohne Schutzbleche fährt es sich nicht sehr angenehm bei Regen, die dünnen Reifen mögen Kastanien und Blätter gar nicht und ich sehe es auch gar nicht ein, das Rad kurz vor seinem 30. Geburtstag im winterlichen Straßensalz zu töten. Aber: Das Rennrad wollte nicht und hatte vorne einen Platten. Daher durfte dann nach etwas Ärger das Klapprad auf die Tour.
Zuerst ging es von Pfaffenweiler zum Bahnhof nach Bad Krozingen. Die Rheintalbahn bietet ab 9:00 und an Wochenenden eine kostenlose Fahrradmitnahme und das Klapper fährt natürlich eh umsonst mit. 
Basel lasse ich direkt links liegen. Ein schickes Foto zum Start am Rathaus, dann geht es den Rhein hinab. 
Blick auf das schöne Basel
Blick auf das weniger schöne Basel
Das linke Rheinufer ist gut zu befahren, es gibt dort einen durchgehenden Radweg. Allerdings wurde dort am Samstag Abend wohl kräftig gefeiert und daher liegen doch einige Scherben herum – noch ein Platter direkt zu Beginn wäre natürlich besonders ärgerlich. Und ich weiß auch nicht, warum Architekten und Stadtplaner sowas hier für erstrebenswert halten. Ein Flussufer kann man sicherlich schöner gestalten.
Aber jetzt wird es Zeit, die Schweiz zu verlassen. Der Canal de Huningue zweigt wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt vom Rhein ab und diesem folgen wir auf einem gut ausgebauten Radweg mit Sandbelag. 
Die Strecke führt direkt parallel zum Kanal, ist richtig schön und führt auch am Naturschutzgebiet „Petite Carmargue alsace“ vorbei.
Es gibt zahlreiche Schleusen zu sehen und der Radweg wird gut angenommen. Hier ist richtig was los.
Ab Rosenau gab es zwei mögliche Wege: Entweder weiter entlang des Kanals nach Kembs oder direkt in den Harthwald. Ich habe mich dazu entschieden, direkt in den Wald zu fahren und das war eindeutig die richtige Entscheidung.
Was für ein Radfahrerparadies! Der Harthwald ist ein noch recht urtümlicher Wald, der früher v.a. als Jagdgebiet genutzt wurde. Daher ist die Bewirtschaftung auch nicht so stark gewesen wie in manch anderen Wäldern, die eher Baumplantage als Wald sind. Hier stehen die Bäume noch wild durcheinander.Das gesamte Waldgebiet ist ca. 7km breit und zieht sich ca. 45km nord-südlich entlang des Rheins. Es wird von zahlreichen Autobahnen, Landstraßen, Eisenbahnen und Kanälen durchschnitten und auch der EuroAirport Basel grenzt direkt an.
Man erkennt auf dem Foto, dass der Radweg sich schnurgerade durch den Wald zieht. Und das nicht nur eine kurze Strecke, sondern man kann fast 40km einfach nur schnurgerade durch den Wald düsen. Ich habe selten mein Rennrad so vermisst wie auf dieser Strecke. Schnurgerade, nur alle paar Kilometer mal eine Kreuzung mit einer Straße und nur moderate Steigungen machen das zu einem echten Geheimtipp. Und es ist anscheinend wirklich ein absoluter Geheimtipp: Während viele Radfahrer am Kanal entlang fuhren, war hier praktisch gar nichts los. An einem Sonntag bei bestem Rennradwetter habe ich bis zur Pont du Bouc gerade mal zwei weitere Radfahrer gesehen.
Es ist krass, was dem Wald angetan wurde: Er wird von riesigen Schneisen durchschnitten, in denen Strommasten stehen. Von Straßen, Eisenbahnlinien und Kanälen. Hier wurde wenig Rücksicht auf die Natur genommen. Oder wurde hier doch Rücksicht auf die Natur genommen, denn woanders wurden entsprechende Wälder abgeholzt und zwar nicht nur, um dort Braunkohle zu fördern. Früher war ja ganz Europa bewaldet, heute ist es nur noch ein kleiner Teil und der Harthwald ist eher einer dieser Wälder, die nicht komplett misshandelt und abgeholzt wurden. 
Aber auch das ist der Harthwald: Es gibt an vielen Stellen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Schaut man sich diese genauer an, merkt man, welch heftige Kämpfe hier im Wald geführt wurden. Im Zuge der allgemeinen alliierten Offensive gelangten sie Ende 1944 auch ins Elsass, wo sie auf heftige Gegenwehr der Wehrmacht stießen. Ein Waldgebiet, direkt an den Rhein grenzend, mit wichtigen Verkehrsachsen und dem Kanal, der die Rhone mit der wichtigen Industriestadt Moulhouse mit dem Rhein verbindet und direkt an Basel grenzend ist natürlich ein strategisch wichtiges Ziel. In diesem Bunker sieht man die Treffer:
Im ganzen Wald gibt es Erinnerungsstätten an die Kämpfe, die damals bei bitterer Kälte von bis zu -25°C geführt wurden. Es sind 4500 Menschen während dieser Kämpfe im Wald geblieben. Im sommerlichen Frühherbst im idyllischen Wald ist das kaum vorstellbar. Am Pont du Bouc gibt daher ein Denkmal, einen Sherman-Panzer und eine alte Kanone. Zusätzlich gibt es zahlreiche weitere Erinnerungsorte und Hinweistafeln im Wald.
Weiter geht’s: Ein Schild weist den Weg zu einem „besonders bemerkenswerten Baum“. Und dieser ist wirklich mächtig und prächtig!
Und weiter, immer weiter den Wald entlang. Nach 45km machen sich dann langsam die Beine und die Hände etwas bemerkbar. Das Klapprad hält sich gut, fährt super, ist aber natürlich auf kürzere Strecken im Stadtverkehr ausgelegt. 10 Kilometer macht es locker, 20 Kilometer sind kein Problem, aber ab 40-50 Kilometern Strecke wird es dann doch leicht unbequem. Zeit für eine Pause.
Völlig zerstörte Bunker stehen im Wald am Rande des Radweges.
Dann geht es raus aus dem Wald dahin, wo früher einmal Wald war und nun Mais angebaut wird.
Dann ging es wieder in Richtung nach Hause.
Der Weg führte dann nach Fessenheim, wo gerade eine lokale Gewerbeschau stattfand. Es ist immer wieder irritierend für mich, wenn ich sehe, wie andere Länder schon kleinen Kindern Waffen in die Hände drücken, um sie für den Kriegsdienst du begeistern und die Eltern dann freudig daneben stehen und Fotos schießen. 
Auf jeden Fall habe ich mich nicht für die französische Armee anwerben lassen, sondern bin dann über die Rheinbrücke am Flugplatz Bremgarten vorbei nach Hartheim gefahren und habe dann dort den Zug nach Ebringen genommen. Und das Fazit? Durch den Harthwald will ich auf jeden Fall nochmal mit dem Rennrad düsen. Und ich will den gesamten Canal du Rhône au Rhin bzw. den Canal de Huningue einmal von Moulhouse nach Basel fahren. Und dann lockt auch noch der Weg direkt am Rhein bzw. die deutsche Seite des Rheintals entlang – aber höchstwahrscheinlich erst nächstes Jahr, denn schon am heutigen Montag hat es 14° und Regen.