75km Griechenland

Ich versuche ja, auch im Urlaub mindestens eine Radtour unterzukriegen. Ich liebe es, neue Gegenden und Strecken zu erkunden und am Wegesrand allerlei interessantes zu entdecken und das geht in einer fremden Umgebung natürlich viel besser als in der bereits abgegrasten Heimat. Der diesjährige Resturlaub führte mich auf die griechische Insel Kos und auch hier kann man Radfahren. Ich starte in Kardameina und hatte eigentlich eine Tour auf die Westseite der Insel nach Kefalos geplant. Die ersten Kilometer gehen auch gut voran und im Hintergrund blicke ich bei etwas wolkigem Wetter auf die Vulkaninsel Nisyros.

Das wird aber nichts: Zum ersten Mal in zigtausend Kilometern Radfahren haben mich sowohl Google Maps als auch OpenStreetMap betrogen: Es wird ein Weg angezeigt, der existiert aber schlicht und einfach nicht. Irgendwo hier endet der Weg: Typisch sind irgendwelche Touristenbauten, karge, verbrannte Felder und einfach mitten auf ihnen angepflockte Kühe:

Also Planänderung. Es geht es in die andere Richtung: Auf in die Berge und nach Kos Stadt!

Auf dem Weg nach Kardameina warten die traurigen Ruinen des antiken Alasarna. Diese machen einen traurigen Eindruck – aus irgendwelchen Gründen wurde ein massives Betonpodest mitten in die Ausgrabungsstätte gebaut, auf dem ein paar Steinbrocken und Säulenreste drappiert wurden. Ein rostiger Zaun sperrt das Gelände ab und das Eingangstor ist mit einem ebenso rostigen Schloss abgesperrt. Und auf dem Nachbargelände kommen wild kläffende Hunde angerannt, die mich verscheuchen wollen.

Es ist irgendwie traurig, wie man eine antike Stätte so verschandeln kann – die Hinweisschilder auf diesen Ort hätte sich die Stadt Kardameina echt sparen können.

Kardameina ist auch nicht gerade eine der pittoresken griechischen Dörfer, sondern eine leicht angeranzte Touristenstadt mit häßlichen Bauten, die jetzt, Ende Oktober, praktisch leer ist.

Es gibt natürlich keinen Radweg, aber da die Straße wenig befahren ist, geht es.

Die ganze Insel ist voller Bauruinen, die Zeugnis von der aktuellen Wirtschaftskrise geben – von einem Bauboom, einem Aufschwung, der ganz jäh endete und dessen betonierte Ruinen jetzt in der Landschaft stehen. Schöner macht es die Gegend nicht, die gesamte Insel ist irgendwie zersiedelt.

Und das war es jetzt mit der Ebene – ab geht es ins Gebirge. Passend zum Anstieg fängt es an zu nieseln. In der Nachbetrachtung ist es sicherlich keine besonders gute Idee, bei beginnendem Nieselregen nur mit kurzer Hose und T-Shirt bekleidet in ein Gebirge zu fahren, aber das fällt einem dann erst nachher auf.

Der Blick in die Ebene. Irgendwie kahl, braun, verbrannt und zersiedelt.

Weiter geht es den Berg hoch:

Es laufen Ziegen völlig frei durch die Berglandschaft.

Ein letzter Blick auf Nisyros und die Ebene von Kardameina.

Und dann der Blick auf die andere Seite der Insel und andere Inseln.

Die Sicht an diesem Tag war richtig mies, es war bewölkt, nieselte und war diesig. Zwei Tage später waren wir mit einem Mietwagen unterwegs und eigentlich sieht die Sicht so aus:

Aber: Auch nicht schlimm, denn immerhin war es jetzt nicht so brutal heiß und es fuhr sich sehr angenehm.

Ein Schild wies mir in Pyli den Weg zu „Charmilos‘ Grave“, das in seiner Absonderlichkeit irgendwie schon wieder sehenswert ist. Es ist eine orthodoxe Kapelle über einem antiken Grabbauwerk. In der Kapelle sitzt ein uralter Mann, der mir eine Kerze und Weintrauben in die Hand drückt, vor sich hin grunzt und redet, aber auch nicht ansatzweise erklären kann, wer dieser Charmilos denn genau war. Eine spätere Internetrecherche verrät, dass es sich hierbei um eine der „interessantesten archäologischen Stätten der Insel“ handelt und dass der Charmilos angeblich irgendwann mal Herrscher auf der Insel war. Mehr weiß man nicht – aber der alte Mann bewacht weiterhin sein Grab.

Direkt neben dem Grab gibt es diese wunderbare Szene zu bewundern:

Auf solchen Straßen geht es weiter den Berg runter in die Ebene und in Richtung Hauptstraße:

Die Hauptstraße. Puh. Schwierig. Hier fährt es sich wirklich nicht gut. Sie ist viel befahren, der Seitenstreifen eng und häufig hoppelig. Wer hier fährt, wird auch schnell von den Vorteilen moderner Abgasnormen überzeugt. Irgendwelche AfD-Wirrköpfe und Dieselfreaks dürfen ja gerne behaupten, dass Feinstaub und Stickoxide gar nicht so schädlich sind, aber wenn man die Abgase von alten LKWs und alten Bussen einatmet, dann merkt man, dass sie unrecht haben.

Interessant: Es gibt nicht nur kaputte antike Aquädukte, sondern auch kaputte moderne Aquädukte. Ungefähr so muss das mit den römischen Wasserleitungen damals auch angefangen haben:

Ich biege daher von der Hauptstraße ab in Richtung Tigaki. So wirklich glücklich machen Straße und Landschaft hier auch nicht:

Tigaki ist einer der Hauptziele des Tourismus auf der Insel. Der Strand ist wirklich nett, aber bei bewölktem Himmel in der Nebensaison praktisch ausgestorben. Es sitzen aber noch einige verlorene Griechen an diesen Kassenhäuschen am Eingang und versuchen den nicht vorhandenen Touristen eine Liege und WLAN anzubieten. Aber was soll man auch sonst machen, wenn der Tourismus die Haupteinnahmequelle ist und kaum Touristen da sind?

Fahrrad am Meer. Das Mietmountainbike fuhr übrigens recht ordentlich.

Die Straße führt direkt am Meer entlang. Das ist so ein Feature, das dem Breisgau leider fehlt.

Die ganze Insel ist irgendwie zersiedelt. Weit und breit keine Stadt, aber überall stehen kleine und größere Häuschen in verschiedenen Fertigstellungs- und Verfallsgraden. 

Kos Stadt ist erreicht und auf dem Weg in die Innenstadt wartet ein antikes Theater. Früher war dieses komplett überdacht. 

Nebenan gibt es größere archäologische Ausgrabungen

Kos wurde 2017 von einem Erdbeben erschüttert, welches größere Zerstörungen angerichtet hat. Die Folgen sind auch heute noch im Stadtbild sichtbar und zeigen „wunderbar“, wie die ganzen alten, griechischen Tempel und Bauwerke im Laufe der Jahrhunderte zu Ruinen wurden.

Die Römische Villa ist das vielleicht interessanteste Bauwerk in Kos. In den meisten Fällen sieht man von römischen Bauwerken immer nur die Fundamente. Ausnahmen sind z.B. der archäologische Park in Xanten und natürlich Pompeji. Hier wurde eine römische Villa originalgetreu rekonstruiert und das bietet gleich einen ganz anderen Raumeindruck als nur die Fundamente.
Davon hätten die Architekten dieser komischen Villa Urbana in Heitersheim sich eine Scheibe abschneiden können.

Auch am Baum des Hippokrates hat das Erdbeben seine Spuren hinterlassen. Es werden noch Postkarten verkauft, die zeigen, wie nett das alles vor dem Beben ausgesehen hat.

Weiter geht’s zum Hafen. Die Johanniter-Festung dort ist auch erdbebenbedingt gesperrt.

Die Wucht des Bebens erkennt man auch am Hafen. Der Kai wurde gespalten.

Andere Attraktionen von Kos lasse ich jetzt links liegen, denn ich will in den nächsten Tagen auch noch mit dem Mietwagen nochmal kommen und dann  muss man ja auch was zum Anschauen haben. Der Rückweg führt zuerst wieder auf die wenig überzeugende Hauptstraße:

Daher biege ich recht schnell wieder ab und nutze eine Nebenstraße, bei der ich recht froh bin, dass ich das Mountainbike gemietet habe und kein Rennrad. Keine Ahnung, wo die Leute fahren, die sich bei den Fahrradverleihern Rennräder kaufen. Ich hab keine passenden Pisten gefunden.

Auch hier gibt es überall einfach nur merkwürdige Gebäude.

Ich hatte eine Sache nicht bedacht: Wenn man auf dem Hinweg eine Gebirgskette überquert, muss man sie auf dem Rückweg nochmal überqueren. Der Anstieg ist nicht nur lang, sondern auch noch richtig steil. Die kleinen Kias und Fiats, die als Mietwagen überall auf der Insel fahren, werden ganz schön langsam und ich auch.

So einsam, ärmlich und irgendwie trostlos kann Landwirtschaft auf der Insel sein.

Auf dem Rückweg wartet noch die Festung von Antimachia auf mich. Was für ein gigantisches Festungsbauwerk!

In der Landschaft: Die Ruinen diverser Gewächshäuser. Hier hat mal jemand versucht, etwas aufzubauen und jetzt ist das ganze Investment futsch und die Ruinen verschandeln die Landschaft. Und es sind noch nicht mal besonders spannende Ruinen, die Urban Explorer anziehen würden, sondern es ist einfach nur ein Nicht-Ort.

Ich hatte mich schon auf eine schöne Downhill-Tour mit dem Mountainbike gefreut (das habe ich noch nicht gemacht), aber der Weg ist plötzlich gepflastert und führt als richtig schöne Route den Berg hinab nach Kardameina. Im Sommer sollte man hier wohl lieber nicht fahren, weil es wohl eher ein Wanderweg ist, aber aktuell begegnet mir nur ein einsamer Wanderer.

Der Rest sind dann nur noch ein paar gemütliche Kilometer durch Kardameina zurück zum Hotel. Würde ich nochmal nach Kos fahren zum Radfahren? Auf keinen Fall, dafür ist zum einen die Insel irgendwie nicht hübsch genug und die Fahrradinfrastruktur ist auch nicht wirklich überzeugend. Gerade im Sommer in der Hauptsaison dürfte es auf der Hauptstraße echt unangenehm und gefährlich werden. Andere Gegenden sind zum Radfahren sicherlich besser geeignet. Aber wenn man schonmal da ist, kann man sich für die 10€ pro Tag auch mal ein Rad leihen und eine Runde drehen. Wenn man dann keinen diesigen Tag erwischt, bietet die Insel auch richtig schöne Ausblicke.