140 Kilometer Sicht

Nach einer Woche Scheißwetter gab es diesen Samstag wieder Prachtwetter, aber viel Wind. Also ging es wieder raus in den Breisgau – erst über den Batzenberg und dann in die Ebene.

Ich bin kein Fan davon, größere Teile der Landschaft unter Plastik zu verstecken. Da kann man noch so sehr mit regionalen Produkten werben – wenn man dafür die Region mit Plastik bedecken muss, ist es vllt. doch besser, die Produkte aus etwas weiter entfernten, wärmeren Gegenden anzuliefern.
Am Radfahren liebe ich diese kleinen Entdeckungen am Wegesrand wie diese Plakette an einem Baum, so tragisch-traurig ihr Inhalt auch ist.

Zwei Weltkriege später steht der Baum immer noch und jetzt ist wenigstens seit Jahrzehnten Frieden. Keiner, der den Baum damals gepflanzt hat, dürfte das noch erlebt haben.

Die Sicht war bombastisch – selten sieht man Tuniberg und Kandel so klar zusammen.
Der Weg führte über die Breisgau-Metropolen Norsingen, Biengen und Feldkirch nach Grezhausen und dann nach Hartheim und in Richtung Rhein. Das wäre normalerweise keine Strecke, die ich so gefahren wäre, aber hier gab es noch ein paar unbesuchte Tiles zu jagen. 

Außerdem ist hier das Gebiet der begnadeten Dichter – eine Bürgerinitiative engagiert sich gegen den geplanten Ausbau der Rheintalbahn und hat großflächig plakatiert.

Auch in Hartheim gibt es am Rhein eine NATO-Rampe, über die der Fluss im Kriegsfall schnell zu überqueren wäre. Der Baum hat auch diese Kriegsvorbereitungen miterlebt

Eine andere Bürgerinitiative streitet hier gegen das Hochwasserschutz-Baumaßnahmen. Entlang des Rheins sollen im Hochwasserfall Wälder geflutet werden und auch Gebiete großflächig tiefergelegt werden (sprich: alles weggebaggert werden). Was für die Anwohner weiter den Rhein herunter etwa in Mainz oder Köln gut ist, bedeutet hier eine Belastung. Ich selbst bin mir hier sehr unsicher – so schön dieser Wald ist, es ist auch sehr doof, wenn weiter unten Städte überflutet werden. Und diese Bürgerinitiative hat sich mit Forderungen wie „Wir fordern den Wirksamsnachweis mit einem instationären zweidimensionalen mathematischen Modell“ dann auch arg in Detailfragen verfranzt

Aber noch ist hier Wald: Ich hatte überhaupt keine Lust wieder umzudrehen und nach Hause zu fahren. Das Wetter war gut, die Beine gerade richtig in Fahrt und der Radweg entlang des Rheins lockte. 
Hier fährt es sich sehr gut und auf den Kilometern hoch nach Fessenheim wuchs der Entschluss, demnächst mal komplett von Basel aus am Rheinufer zu fahren.

Die CDU-Vorsitzende AKK hat vor kurzem nur gesagt, dass Schengen nur von Kriminellen genutzt würde. Also bin ich in Fessenheim zum Kriminellen geworden: Das Elsass hat gelockt und ich hatte völlig vergessen, dass ich überhaupt keinen Ausweis dabei hatte. Also habe ich in höchst krimineller Weise einen illegalen Grenzübertritt nach Frankreich gemacht – manche Sachen wie der freie Grenzübertritt sind so normal geworden, dass man sich fragt, welche illegalen Räucherwerke manche CDU-Politiker den ganzen Tag rauchen, um solche Aussagen zu machen.

Dann, kurz hinter Blodelsheim der Knaller: Ich fahre um eine Kurve und… Alpenblick! Links der Schwarzwald mit dem Blauen, geradeaus die Alpen, rechts die Vogesen und hinter mir der Kaiserstuhl. Was für eine Aussicht! Ich bin mehrere Minuten einfach nur begeistert.
Und es treibt mich weiter. Der Harthwald beginnt und lockt. Also die geplante Strecke etwas abgeändert und noch eine Runde gedreht

Dann in Munchhouse… bin ich wieder auf den Canal du Rhin au Rhône gestoßen. Hier musste ich mich dann doch arg zurückhalten, nicht auch hier noch eine weitere Extrarunde zu fahren. Dann wäre ich am Ende in Moulhouse gelandet, was dann doch etwas zu weit wäre. 

Die Vogesen boten natürlich auch ein tolles Panorama, man konnte die Funkstation oben auf dem Grand Ballon erkennen und entlang der gesamten Gebirgskette zahlreiche Burgen. 

Aber diese Extrarunde habe ich mir nicht verkneifen können: Die schnurgeraden Radwege im Harthwald sind toll und meine Beine freuen sich schon auf den kommenden Frühling und Sommer.
Und dann wurde es Zeit für den Rückweg. In Neuenburg ging es über den Rhein und dann erstmal in eine Eisdiele.

65km standen schon auf dem Tacho und da diese lange Tour nicht geplant war, hatte ich nichts zu futtern dabei. 

Und dann ging es mit tollem Blick auf den Schwarzwald in der Abendsonne nochmal 28km nach Hause. Am Ende standen 93 Kilometer auf dem Tacho.