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Vom „Queer Mekka“ zur „Klitoris der USA“

Monika Treuts Dokumentarfilm ‚Genderation‘ als Follow-Up von ‚Gendernauts‘
Alina Müller
9. Juni 2021

Für den Dokumentarfilm „Genderation“ besuchte die Filmemacherin Monika Treut einige ihrer Freund*innen wieder, die im San Francisco der 1990er Jahre in der trans*[1]Community aktiv waren. Namentlich sind das Annie Sprinkle, Beth Stephens, Stafford, Sandy Stone, Susan Stryker und Max Wolf Valerio, die sie schon einmal im Jahr 1998 portraitiert hatte. Monika Treuts Ziel war es damals, „to visit some extraordinary people who are broadening our understanding of gender & gender roles.“ Die aus dem Besuch entstandene Dokumentation „Gendernauts“ lief 1999 auf der Berlinale in der Sektion Panorama.

Zwischen den Dokumentarfilmen Gendernauts und dem dieses Jahr produzierten und auf der Berlinale gezeigten Film Genderation, liegen mehr als zwanzig Jahre, in denen die Protagonist*innen älter geworden sind und einiges erlebt haben. Auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind andere. Ist in Gendernauts noch die Rede von Cyborgs und den Möglichkeiten von Internet und Computern, so wird nun die Bedrohung durch den menschengemachten Klimawandel spürbarer, die Rede ist vom Anthropozän und die Tech-Giganten haben das Stadtbild vereinheitlicht und viele marginalisierte Gruppen aus der Stadt verdrängt. War San Francisco in den 90ern noch „the queer Mekka“, ist es jetzt höchstens „the clitoris of the US“. Als Folge der Verdrängung haben sich auch die Schauplätze in Genderation ausdifferenziert. Durch die Dokumentation zieht sich die Frage, was vom aktivistischen „Pioniergeist“ noch übriggeblieben ist oder wie sich dieser womöglich auch verändert hat.

Bewusst ist hier vom Besuch bei Freund*innen die Rede, was sowohl durch die sensible Erzählweise Treuts als auch aus den Reaktionen der meisten Protagonist*innen hervorgeht, wenn diese aufeinandertreffen. Sie selbst beschreibt ihre Filme auch als „Home movies“[2]. In Gendernauts nehmen die Zuschauer*innen beispielsweise an Dinnerparties teil und die Gespräche wirken ungezwungen oder beiläufig aufgenommen. In Genderation ruft während eines Gesprächs mit Sandy Stone deren Ex-Partnerin, „beloved-ex“ und Maklerin an und überbringt die Nachricht, Stone hätte just in diesem Moment ein Haus gekauft. Die Kamera läuft einfach weiter, Stone spricht in ihr Handy: „We`re making a film right now“. 

 

 

Wechselnd werden in Genderation Einblicke in die aktuellen Lebensrealitäten der einzelnen Portraitierten gezeigt. Stafford, der in Gendernauts auf die Frage, ob Stafford ein Mann oder eine Frau sei, noch mit „Ja“ antwortete, hat nun ein Umzugsunternehmen und plant ein Wohnprojekt in der Wüste aufzubauen. Er hat seine Transition[3] abgeschlossen, versteht sich aber als „ambassador of trans*“ und klärt die Menschen in seinem Umfeld auf. Annie Sprinkle, unter anderem promovierte Pornoaktivistin, Autorin, Künstlerin und ihre Lebensgefährtin Beth Stephens sind nun in der Ökosexbewegung aktiv und stellen ihre politische Kunst auf der documenta in Kassel aus. Die beiden beschäftigen sich auf eine für sie neue Art und Weise mit Sexualitäten, möchten diese redefinieren, weil sie meinen, dass sie zu Normen und Stereotypen verkommen sind. Max Wolf Valerio hat eine Biografie geschrieben: „The Testosterone Files“. Für ihn ist die Transititon ebenfalls abgeschlossen und er betont, dass er diese nicht gemacht habe, um das binäre Gendersystem aufzubrechen, sondern für sich. Darin schwingt Kritik an denen mit, die allen trans* Personen automatisch Aktivismus unterstellen und Einzelpersonen zu Repräsentant*innen einer Gruppe stilisieren. In Genderation werden, mehr noch als Gendernauts, Nuancen in den Einzelbiographien sichtbar und es wird klar, dass nicht alle mit den gleichen Privilegien ausgestattet sind, um permanent aktivistisch zu sein.

 

Wenn in Genderation über das San Francisco der 1990er Jahre reflektiert wird, ist spürbar, dass sich untereinander damals weniger als heute über Zukunftsvorstellungen ausgetauscht wurde. Greifbar wird dieses Gefühl, im Hier und Jetzt zu leben, in einer Szene aus Gendernauts. Susan Stryker schaut mit einem Jungen, der die Haare lang und eine Schleife im Haar trägt, die Sesamstraße, in der eine Drag Queen auftritt. Beseelt spricht sie in die Kamera: „that is what gender has come to in the late 20th century.” Susan Stryker, Professorin für Gender Studies, Gründerin der Transgender Studies Initiative an der Universität Arizona und Filmemacherin, beschreibt ihre damalige Szene sicher treffend als „brief cultural moment“, und hat eine gewisse Nostalgie übrig für diesen Lebensabschnitt, einen der „peak moments of your live“.

Im Rückblick wirkt diese Zeit in San Francisco für viele jedoch auch wie eine von mehreren wichtigen Lebensphasen, es gab womöglich noch andere ‚peak moments‘. Das wird deutlich, wenn Sandy Stone von der Trauer um ihren Lebenspartner spricht. Ein interessanter Aspekt, der in der Machart von Genderation als Follow-Up angelegt ist, ist auch die Frage, wie die Personen den Moment, den sie Ende der 90er miterlebten und mitgestalteten, in ihren Biografien verorten. Ähnlich wie bei einem Oral History-Interview und mit der gleichen Nähe und Offenheit wie in Gendernauts, besucht Monika Treut die Portraiterten und lässt diese selbst bestimmen, was und wie sie erzählen. Somit liegt die Deutungshoheit bei den Sprecher*innen und eine Einordnung geschieht, wenn überhaupt, eher beiläufig: Beispielsweise wenn Stafford während einer LKW-Fahrt darauf hinweist, dass unter der Trump-Regierung viele der erkämpftem LGBTQ-Rechte wieder eingeschränkt wurden[4]. Plötzlich fühlt sich der Freiraum auf der „Insel“ San Francisco Ende der 1990er Jahren, der ausschnittsweise in Gendernauts gezeigt wird, so auch für die Zuschauer*innen sehr fern an.

 

 

Um vermehrte Diskriminierung von trans* Personen, unter anderem im Rechtssystem, festzustellen, müssen wir nicht unbedingt in die USA schauen. Besonders gesundheitspolitisch wurden in Deutschland in den letzten Jahren immer wieder queerpolitische Anträge abgelehnt, wie beispielsweise Entschädigungszahlungen für Zwangs-Operationen (u.a. medizinische Operationen im Säuglingsalter). Erst kürzlich standen zwei Gesetzentwürfe zur Abstimmung, die das Transsexuellengesetz (TSG) durch ein Selbstbestimmungsrecht zu ersetzten ersuchten.[5] Die Entwürfe sahen unter anderem vor, die teure und entwürdigende Begutachtungspflicht durch eine selbstbestimmte Erklärung zu Geschlecht und Namen zu ersetzen. Nach einer Debatte, die auch gängige Klischees und Mythen über trans* Personen reproduzierte, wurden die Anträge abgelehnt.[6]

 

Der enge Fokus auf San Francisco und die Portraitierten, der das Bild in Gendernauts geprägt hat, öffnet sich nun in Genderation ein wenig. Nicht nur werden die Lebenserzählungen differenzierter und die Schauplätze durch die verschiedenen Wohnorte pluraler. Auch Interaktionen mit der jeweiligen Umwelt werden festgehalten, wie etwa Annie Sprinkles Performance auf der Documenta oder Staffords Austausch mit seinen neuen Nachbarn.

Klar muss jedoch sein, dass die Portraitierten aus Gendernauts und Genderation nur einen Ausschnitt queerer Kämpfe abbilden, die begonnen haben, lange bevor es die Bezeichnung queer überhaupt gab. Diese Informationen bleiben stellenweise außen vor, sie sind jedoch auch nicht das Ziel der Dokumentationen. Nicht nur die Aktivist*innen aus Monika Treuts Dokumentarfilmen versuchten oder versuchen, gegen festgefahrene Geschlechterbilder anzukämpfen, die ganz konkret in Pathologisierung, Diskriminierung oder offenem Hass gegenüber trans* Personen mündete und mündet. Deutlich wird dies allein, wenn man sich die wechselvolle Geschichte der LGBTQ-Bewegung in San Franciscos im Detail anschaut, wo beispielsweise schon in den 1960er Jahren trans* Personen im Lokal „Comptons Cafeteria“ gegen die Polizei rebellierten.[7] Lediglich an einer Stelle wird sich in Gendernauts in eine historische Kontinuität gestellt, als Texas Tomboy das San Francisco Ende der 90er Jahre mit dem (populären Bild des) Berlin der 20er Jahre vergleicht.

Die Dokumentationen machen den Zuschauer*innen, trotz des Fokus auf Einzelpersonen, das Angebot, sich weiter mit der trans*Bewegung zu beschäftigen. Die Portraitierten haben Bücher geschrieben, Filme[8] und Kunst gemacht oder sich wissenschaftlich mit der Geschichte der LGBTQ-Bewegung(en)[9] und Gendertheorien[10] auseinandergesetzt. Folgen aufmerksame Zuschauer*innen diesen Querverweisen, stoßen sie auf spannende Geschichten und gut aufgearbeitete, digitalisierte Primärquellen der LGBTQ Archive in den USA, woran in Deutschland ebenfalls gearbeitet wird – leider oft unterfinanziert.

Auf die Frage, was das Älterwerden nun schlussendlich bedeutet, findet Sandy Stone gegen Ende des Films die passenden Worte: „they grow into themselves but that means differently [sic!] for different people. Some people settle, some people never give up […] adventuring, questioning, that`s a journey they take all their lives and they are always going to be gendernauts.”

 

 

‚Genderation‘ von Monika Treut, Deutschland 2021, 88 Minuten.

 

Der Dokumentarfilm Genderation wird am 10. Juni im Freiluftkino Kreuzberg und am 17. Juni im Freiluftkino Biesdorfer Parkbühne gezeigt.

 


[1]„Trans* ist ein Überbegriff für Personen, die sich nicht oder nur teilweise mit dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht identifizieren. Das Wort trans kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „jenseits/darüber hinaus“. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Selbstbezeichnungen, die in verschiedenen Kontexten und Zeiten entstanden sind. Beispielsweise gibt es Begriffe wie transgender, Mann bzw. Frau (mit trans* Vergangenheit), nicht-binär, transgeschlechtlich, transident, transsexuell und weitere (siehe unten). Grundlegend wichtig ist es, Menschen nach der eigenen Selbstbezeichnung zu fragen und diese zu respektieren. Manche trans* Personen möchten geschlechtsangleichende medizinische Maßnahmen oder eine Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrags. Andere möchten keine oder nur bestimmte medizinische Maßnahmen oder ändern ihren Namen nicht“ (Erklärung der Trans* Inter* Beratungsstelle München).

[2] Tobias Nagl: Sexuelle Avantgarde, in: taz, 10.03.1999.

[3] „Als Transition wird der Prozess bezeichnet, in dem eine trans* Person soziale, körperliche und/oder juristische Änderungen vornimmt, um die eigene Geschlechtsidentität auszudrücken. Dazu können Hormontherapien und Operationen gehören, aber auch Namens- und Personenstandsänderungen, ein anderer Kleidungsstil und vieles andere.“ (Erklärung aus dem Queer Lexikon, Lizenz: CC BY-NC-ND 3.0).

[4] Vgl. Wyatt Ronan: 2021 Slated to Become Worst Year for LGBTQ State Legislative Attacks as Unprecedented Number of States Poised to Enact Record-Shattering Number of Anti-LGBTQ Measures Into Law, in: Human Rights Campaign, 22.04.2021.

[5] Weiterführende Literatur zum TSG: Adrian de Silva: Interactions between the regulation of homosexuality and transsexuality since the enactment of the Transsexual Act, in: History|Sexuality|Law, 19.05.2021, (besucht am: 01.06.2021).

[6] Plenarprotokoll 19. Wahlperiode, 229. Sitzung, Berlin 19.05.2021, S. 98 ff.

[7] Sam Levin: Compton’s Cafeteria riot: a historic act of trans resistance, three years before Stonewall, in: The Guardian, 21.06.2019.

[8] Victor Silverman und Susan Stryker: Screaming Queens. The Riot at Compton’s Cafeteria (2005); Jude Dry: FX’s Sweeping ‘Pride’ Docuseries Is an Engaging and Substantive Historical Record, in: IndieWire, 29.05.2021.

[9] Susan Stryker: Transgender History, Berkeley 2008.

[10] Sandy Stone: The “Empire” Strikes Back. A Posttranssexual Manifesto, in: Kristina Straub und Julia Epstein (Hrsg.): „Body Guards: The Cultural Politics of Gender Ambiguity“ (New York: Routledge 1991).

 

Politische Eingriffe in die Holocaustforschung in Polen

Der Fall Engelking/Grabowski
Grzegorz Rossoliński-Liebe
30. März 2021

Polnische Historiker*innen, die zum Thema Holocaust forschen, haben es nicht leicht. Einerseits stoßen ihre Publikationen auf Unverständnis in Deutschland, weil sie das etablierte Bild der Shoah als einen nationalsozialistischen Judenmord korrigieren. Andererseits werden sie in Polen von der polnischen Regierung und ihr nahestehenden Stiftungen, Zeitungen und Institute angegriffen und neuerdings gesetzlich belangt. So entschied am 9. Februar 2021 das Warschauer Bezirksgericht in einem Verleumdungsprozess gegen die Wissenschaftler*innen Barbara Engelking und Jan Grabowski zugunsten der 81-jährigen Klägerin, Filomena Leszczyńska. In der Folge müssen sich die Angeklagten bei ihr „wegen Ungenauigkeiten“ entschuldigen. Obwohl die Richterin die geforderte Entschädigung von 100.000 Złoty (23.000 Euro) zurückwies, hinterließ das Gerichtsverfahren einen schlechten Beigeschmack, schon allein weil es überhaupt stattfinden konnte.

Gegen den Prozess protestierten weltweit Mitarbeiter*innen wissenschaftlicher Institute und Historikerverbände, die zusammengenommen über 15.000 Geschichtswissenschaftler*innen vereinen. Darunter die die Israelitische Akademie der Wissenschaften, das Yad Vashem, das Warschauer Museum der Geschichte der polnischen Juden, das United States Holocaust Memorial Museum, der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, die Fondation pour la Mémoire de la Shoah, die American Historical Association und die Association of Slavic, East European, and Eurasian Studies. Sie verurteilten die Art des Umgangs mit Engelking und Grabowski und riefen dazu auf, den Prozess sofort zu beenden. Aber worum ging es bei dem Gerichtsverfahren und warum konnte es überhaupt stattfinden?

Barbara Engelking und Jan Grabowski zählen zu den weltweit führenden Wissenschaftler*innen, die den Holocaust erforschen. Engelking ist Soziologin und Mitbegründerin des Polnischen Zentrums für Holocaustforschung an der Polnischen Akademie der Wissenschaften, das sie seitdem leitet. Sie spezialisierte sich in ihren Forschungen auf die Berichte von Überlebenden, publizierte mehrere Monographien und leitete einige große wissenschaftliche Projekte. Grabowski studierte Geschichte an der Universität Warschau, bevor er 1988 nach Kanada emigrierte, wo er 1994 an der Universität Ottawa seine Dissertation über den Umgang mit der einheimischen Bevölkerung in der Kolonisationszeit verteidigte. In den letzten Jahren publizierte er unter anderem die Studie „Jagd auf Juden 1942-1945. Forschungen über die Geschichte eines Kreises“, die mit dem Yad Vashem International Book Prize ausgezeichnet wurde. 

Der erste und zweite Band von „Dalej jest noc. Losy Żydów w wybranych powiatach okupowanej Polski [Danach ist nur Nacht. Das Schicksal der Juden in ausgewählten Landkreisen des besetzten Polens].

       

Am 17. Juni 2019, ein Jahr nachdem die beiden Wissenschaftler*innen die zweibändige und über 1600 Seiten zählenden Studie „Dalej jest noc. Losy Żydów w wybranych powiatach okupowanej Polski” (Danach ist nur Nacht. Das Schicksal der Juden in ausgewählten Landkreisen des besetzten Polens) veröffentlichten, wurden sie wegen einer Passage in Engelkings Textteil angeklagt. Die Klage reichte Filomena Leszczyńska ein, die den guten Ruf ihres Onkels Edward Malinowski verteidigen wollte, was das polnische Zivilrecht im Fall einer Verleumdung grundsätzlich zulässt. Ihr längst verstorbener Onkel diente im Krieg als Ortsvorsteher in dem Dorf Malinowo, im Bezirk Bialystok. Wie viele andere Dorfschulzen, Vögte und Bürgermeister nahm er sowohl an der Rettung wie auch Verfolgung der Juden teil.

Leszczyńska war die Publikation von Engelking und Grabowski nicht bekannt. Darauf aufmerksam gemacht wurde sie von der rechtsnationalen Stiftung „Reduta – Festung des guten Namens“ (Reduta Dobrego Imienia), die unter anderem von der polnischen Regierung unterstützt wird. Die „Reduta“ suchte Leszczyńska auf, machte sie auf die Passage aufmerksam und unterstützte Leszczyńska finanziell und medial. Ein wichtiger Grund für die Einreichung der Klage war offensichtlich auch die Möglichkeit, eine Entschädigung in Höhe von 100.000 Złoty (23.000 €) zu erhalten, falls das Gericht Engelking und Grabowski der Verletzung ihrer Privatrechte schuldig finden würde. Entscheidend dabei war die Frage, ob Engelking und Grabowski das Recht auf den „Kult des Gedenkens an einen Verstorbenen“ verletzten beziehungsweise dem Verstorbenen Taten zuschrieben, die er nicht begangen hatte.  

In Engelkings Passage, welche den Anlass zur Klage gab, wurde erklärt, dass der Dorfschulze Edward Malinowski der Jüdin Estera Drogicka zu überleben half, indem er sie als polnische Zwangsarbeiterin nach Rastenburg in der Provinz Ostpreußen deportieren ließ. Engelking schrieb allerdings auch, dass derselbe Dorfschulze zur Ermordung von Juden im Jahr 1943 beitrug. Beide Aussagen sind im Band ausreichend belegt und lassen keinen Raum für Zweifel, selbst wenn Engelking eine wichtige Quelle in der Fußnote ausließ. Bei dieser Quelle handelte es sich um ein Interview mit Estera Drogicka (zur Zeit des Interviews: Maria Wiltgren), das die Shoah Foundation im Jahr 1996 aufgenommen hatte. Im Gegensatz zum Gerichtsverfahren, das im Jahr 1950 in Polen stattgefunden hatte und in dem Malinowski freigesprochen wurde, sagte Drogicka im Jahr 1996, dass er zu der Ermordung der Juden beitrug. Im Jahr 1950 sagte sie dies nicht aus, weil sie ihren damaligen Helfer nicht belasten wollte. Bewohner*innen des Dorfes, die über die Taten Malinowskis Bescheid wussten, sagten ebenfalls nicht gegen ihn aus, weil sie von einer polnischen, antisowjetischen Untergrundorganisation eingeschüchtert worden waren.

Was Engelking beim Schreiben der Studie nicht wusste, was aber für die Frage der Kollaboration des Dorfschulzen auch irrelevant ist, ist die Tatsache, dass in Malinowo zwei Edward Malinowskis lebten. Mit dem anderen Malinowski nahm Estera nach ihrer Deportation nach Rastenburg zufällig Kontakt auf und tauschte mit ihm Lebensmittel aus. Dass es jedoch der andere Edward Malinowski war, der im Jahr 1943 den deutschen Besatzern half, Juden aufzuspüren, geht aus keinem Dokument hervor. Die Rolle des Dorfschulzen bestand unter anderem darin, eine Gruppe von Helfern zu organisieren, die versteckte Juden aufspüren sollten. Eine entscheidende Rolle unter den Helfern spielte damals offensichtlich ein Förster, der für diese Taten von sowjetischen Partisanen erschossen wurde. 

Unter anderen politischen Umständen wären diese „Fehler“ wahrscheinlich nicht einmal Expert*innen aufgefallen. Falls es dennoch dazu gekommen wäre, hätte man die Autorin in einer Rezension darauf hingewiesen oder bei einer Konferenz angesprochen. Die Stiftung „Reduta“, das Polnische Institut für Nationales Gedenken, das Witold Pilecki Institut in Berlin und weitere der polnischen Regierung nahestehende Organisationen beauftragten jedoch Forscher*innen, Publikationen wie Engelkings und Grabowskis Studie auf mögliche Unstimmigkeiten zu untersuchen. Darüber hinaus polemisieren sie auch öffentlich gegen Engelking, Grabowski und weitere Historiker*innen, die den Holocaust, Besatzung und Kollaboration untersuchen.

Die Angriffe auf die Holocaust-Forschung in Polen nahmen in den letzten Jahren zu und wurden schließlich gesetzlich legitimiert, als die populistische und nationalkonservative Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (Prawo i Sprawiedliwość, PiS) die Präsidentschafts- und Abgeordnetenwahlen im Jahr 2015 gewann. Bereits damals ergänzte die PiS den polnischen Strafgesetz-Kodex um den §133, der besagt, dass „wer […] öffentlich das polnische Volk oder die polnische Republik herabwürdigt“, mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu rechnen hat. Der erste Wissenschaftler, der schon im Jahr 2015 aufgrund des §133 verhört wurde, war der renommierte amerikanisch-jüdisch-polnische Soziologe Jan Tomasz Gross. Anlass dazu bot sein in der „Welt“ veröffentlichter Artikel unter dem Titel „Die Osteuropäer haben kein Schamgefühl“,[1] in dem er auf die Zusammenhänge zwischen Antisemitismus und Angst vor der Aufnahme von Flüchtlingen in Polen hinwies und die These aufstellte, dass Polen im Zweiten Weltkrieg mehr Juden als Deutsche ermordeten: „Die Polen beispielsweise waren zwar zu Recht stolz auf den Widerstand ihrer Gesellschaft gegen die Nazis, haben aber tatsächlich während des Krieges mehr Juden als Deutsche getötet.“[2]

Die Anklage gegen Gross fand nicht zufällig statt. Vierzehn Jahre zuvor trug er mit seiner Studie „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“ wie bisher kein(e) andere(r) Wissenschaftler*in dazu bei, dass die internationale Holocaust-Forschung sich für die nichtdeutschen Täter*innen zu interessieren begann und Engelkings Zentrum für Holocaustforschung in Polen entstand. Ein Zentrum, das bis heute in sehr beengten räumlichen Verhältnissen in der Akademie der Wissenschaften untergebracht ist. Gross wies nach, dass in der Kleinstadt Jedwabne am 10. Juli 1941, zu einer Zeit als sich keine deutschen Einheiten im Ort befanden, polnische Bewohner*innen ein Massaker an ihren jüdischen Nachbarn begingen und dabei über 400 Personen ermordeten.

Der Prozess gegen Engelking und Grabowski zeigt, dass Kollaboration in Polen und auch vielen anderen Ländern, ein kaum erforschter Aspekt des Holocaust ist. Die Forschung zu Kollaboration lässt sich in Osteuropa leicht von rechtsnationalen Organisationen instrumentalisieren, zumal das Bild des Holocaust als eines nationalsozialistischen Judenmords vorherrscht, was auf eine einseitige Aufarbeitung der Shoah zurückzuführen ist. Komplexere Herangehensweisen an die Täterschaft in der Shoah machen leider nur einen Bruchteil der Forschung aus und stoßen auf Unverständnis sowohl in Deutschland als auch in Osteuropa. Die Reaktionen auf das Gerichtsverfahren verdeutlichen aber auch, dass geschichtswissenschaftliche Institutionen in Europa und den USA gegen politische Eingriffe in die Wissenschaft und Einschüchterungsversuche vorgehen können.       

 

 


[1] „Die Osteuropäer haben kein Schamgefühl, 13.9.2015“, Die Welt (Zugang: 17.2.2021).

[1]Ebd.

Courage

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