Planet History

Author Archive for Barbara Leisner

Funerale 7

Titelmotiv des Flyers zur Funerale 7 in Rostock [Sargladen A. Opiolka, Wertach]In Rostock findet vom 22.–24. Februar 2018 zum siebten Mal die „Funerale“ statt, eine Tagung der Theologischen Fakultät der Universität und der Verbraucherinitiative Aeterni…

Förderverein in Dortmund restauriert Kindergräber

In Dortmund wurde im September des letzten Jahres ein Förderverein für den Nordfriedhof gegründet.  Joachim vom Brocke hat darüber in einem Post auf seinem Blog „Nordstadtblogger: Aus der Nordstadt – über die Nordstadt – Nachrichten aus Dortmund“ ausführlich berichtet. Leider scheint der Verein keine weitreichende Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, denn bisher habe ich noch keine Website von ihm gefunden.

Grabmal in Grottenform für die einjährig verstorbene
Wilhelmine Bach, gest. 1905, Foto: Ole Steen (Quelle)

Dafür berichteten aber die Nordstadtblogger im Juli dieses Jahres über einen ersten Erfolg des Vereins: Ein Bestattungsunternehmen die Restaurierung von fünf Grabmalen für Kinder vom Anfang des letzten Jahrhunderts restaurieren lassen. Aufgrund der Initiative des Friedhofsverwalters wurden sie zudem neu entlang des Hauptwegs zur Trauerhalle aufgestellt.

Bei den Grabmalen handelt es sich um zeittypische schlichte kleine „Grottengrabmale“, deren Form aus einem Rahmen besteht – meistens aus Sandstein gehauen oder aus Kunststein gegossen -, der oft die Form von Steinquadern hat, sowie einer darin eingelassenen Schriftplatte aus schwarzem Glas oder Granit, bzw. weißem Marmor. Die Schrift ist häufig noch vergoldet. Viele Grotten haben zudem einen Aufsatz z.B. in Form eines Kreuzes. Bei zwei Grabmalen sieht man auf dem Bild, dass solche Aufsätze einstmals vorhanden waren.

Der Förderverein plant außerdem zwei Ruhebänke an diesem Weg aufzustellen, damit ältere Friedhofsbesucher auf dem Weg vom Parkplatz bis zur Trauerhalle eine Pause einlegen können.

Traurig sind die Mitglieder des Fördervereins immer noch über einen Bronzediebstahl, bei dem im letzten Jahre eine historische Bronzestatue und eine Bronzeplatte vom Friedhof entfernt wurden. Man überlegt, wie die Leerstelle gefüllt werden könnte.

Transmortale VIII – Call for paper

Knochenkapelle in Evora, Portugal
(Foto Leisner)

Die transmortale VIII findet 2018 wieder im Museum für Sepulkralkultur in Kassel statt. Wie immer
ist das Ziel des Workshops, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen die Möglichkeit zu geben, ihre neuen Forschungsperspektiven in Kurzreferaten vorzustellen und diese in einer größeren Runde zu diskutieren. So können aktuelle Fragen und Ergebnisse interdisziplinär beleuchtet und inhaltliche Gemeinsamkeiten transdisziplinär zusammengeführt werden.

Der Workshop findet am Samstag, den 10. März 2018 statt und wird gemeinsam von der Universität Hamburg (Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie und Historisches Seminar) und dem Museum/Institut für Sepulkralkultur veranstaltet.

Wer sein Forschungsprojekt in einem Vortrag oder einer Präsentation vorstellen möchte (max. 20 Minuten), sendet seinen Themenvorschlag (mit Abstract von max. einer Seite nebst Curriculum Vitae) bis zum 3. November 2017 an: niedermeyer@sepulkralmuseum.de  

Macht und Pracht – der Tag des offenen Denkmals 2017

Das Innere des Mausoleums Riedemann auf
dem Ohlsdorfer Friedhof
(Foto Peter Schulze 2008)

Wer an diesem Wochenende noch nicht weiß, was er oder sie tun soll, dem kann man auch dieses Jahr wieder den Tag des offenen Denkmals empfehlen. Diesmal steht er unter dem Motto „Macht und Pracht“ und passt damit wie angegossen auf die vielen großen Mausoleen und aufwändigen Grabmale, die auf historischen Friedhöfen zu entdecken sind.

Jasmin Dickel hat dazu auf ihrem Friedhofsblog eine ganze Reihe von Veranstaltungen zusammengetragen, die in ihrem Umkreis stattfinden. ich füge hier noch den Hinweis auf die Führungen des Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V. hinzu, die ich schon auf der Seite des Vereins bei Facebook veröffentlicht habe, sowie die Möglichkeit die Fritz-Schumacher-Halle des Forums Ohlsdorf näher kennenzulernen.

Wer weitere Veranstaltungen sucht, sei auf das allgemeine Programm verwiesen, in dem aber offenbar nicht alle Teilnehmer ihre Veranstaltungen gemeldet haben den Ohlsdorfer Friedhof findet man dort z.B. nicht!). Deswegen bietet es sich an nach der eigenen Stadt im Internet mit dem Stichwort „Tag des offenen Denkmals“ zu suchen. Viele Orte geben nämlich ihre eigenen Programme heraus. So findet sich z.B. im Hamburger Programm auch der Historische Mennonitenfriedhof in Altona; die von Fritz Schumacher 1926 entworfene Kapelle auf dem Alten Friedhof Finkenwerder; die Kirche St. Severini zu Kirchwerder mit einem Friedhof, der über den umfangreichsten Bestand wertvoller Grabplatten des 16.–19. Jh. in den Vier- und Marschlanden verfügt; die Christianskirche in Ottensen, mit ihrem Friedhof, auf dem sich das Grab des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock befindet, und das Schimmelmann-Mausoleum und der historische Friedhof der Christuskirche in Wandsbek.

Highgate Cemetery at a crossroads – eine Ausstellung in London und im Internet

Bildausschnitt aus der Online-Ausstellung
des Highgate-Friedhofs in London

Der Highgate Cemetery in London ist einer der ersten, für den sich ein eigener Freundeskreis gebildet hat. Die „Friends of Highgate Cemetery“ haben aufgrund ihres Engagement für die Erhaltung ihres Friedhof schließlich sogar die Verwaltung und damit ganzen Betrieb übernommen. Nun haben sie vor Ort und im Internet eine Ausstellung zusammengestellt, weil sie den Eindruck haben, dass nach 178 Jahren Friedhofsbetrieb heute ein Punkt erreicht ist, an dem – ähnlich übrigens wie beim Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg – wichtige Entscheidungen über die Zukunft getroffen werden müssen.

Sie schreiben in ihrem Vorwort zur Ausstellung, dass die Flächen für die Bestattung bald zu Ende gehen und dass Bäume Gräber und Denkmäler zerstören. Da Nichtstun keine Option sei, bitten Sie ihre Besucher mitzuhelfen die richtigen Antworten zu finden. In zahlreichen Gegenüberstellungen von historischen Fotos mit dem heutigen Zustand, zeigt die Ausstellung im Internet, wie stark sich der Friedhof sich im Laufe der Zeit verändert hat. Auf anderen Bildern sieht man den teilweise traurigen Zustand der Grabmale in bestimmten Bereichen. Die Ausstellung wirft auch die Frage auf, wie viele Besucher der Friedhof verträgt.

Die Freunde des Friedhofs haben einerseits durch ihre Arbeit schon viel für den Friedhof erreicht, doch andererseits fürchten sie, dass er langsam durch Bäume, Efeu und die Auswirkungen der Zeit zerstört wird. Um an die die nächste Generation einen historischen Ort weiterzugeben, der seine Bedeutung gewahrt hat und zugleich finanziell tragfähig bleibt, wollen sie einen Entwicklungsplan erstellen. Deshalb bitten sie ihre Besucher einen Fragebogen auszufüllen, der bei der Planung helfen soll.

Bestattungskulturen im Wandel

Seit mehreren Jahren findet an der Hamburger Universität im Rahmen des Allgemeinen Vorlesungswesens eine Ringvorlesung statt, die sich mit Themen rund um Sterben, Tod und Bestattung beschäftigt. Die Vorträge des Sommersemester 2016 sind jetzt in dem Band „Bestattungskulturen im Wandel“ der Online-Zeitschrift „Ethnoscripts“ Band 19, 2017, Nr. 1 nachzulesen. Diese Zeitschrift lässt sich kostenlos von der Website der Hamburger Staatsbibliothek herunterladen.

Folgende Beiträge sind dort versammelt: Daniela Hofmann: Endstation Friedhof? Bestattung und materielle Kultur im Wandel; Andreas Ströbl: Sarg und Grabmal – Wechselspiele zwischen Repräsentation und Verhüllung; Jan Budniok/Andrea Noll: Tod und Druckerschwärze. Begräbnisbroschüren als Erinnerungsorte der ghanaischen Mittelklasse; Frank André Weigelt: Kein Platz unter der Sonne. Über Wandel und Beständigkeit bei der Bestattung zoroastrischer Parsen in Hongkong; Norbert Fischer: Körper – Asche – Natur: Über Transformationen des Leichnams durch
Krematoriumsbau und Feuerbestattung vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart; Gerrit Spallek: Friedhof und Bestattung in den Augen der katholischen Kirche und als Ort der Theologie.

Die Grabmalkunst von Karl Friedrich Schinkel

Buchcover: Rehberger, Schinkel

Mit diesem Buch hat Lena Rebakka Rehberger erstmals einen breit angelegten wissenschaftlichen Katalog der von Schinkel entworfenen Grabmäler vorgelegt, verbunden mit einer ausführlichen kunsthistorischen und gesellschaftspolitischen Einordnung dieser sepulkralen Werke. Dabei besticht ihr Werk als opulenter Bild- und Textband durch seine zahlreichen exzellenten Abbildungen, die teilweise in Farbe wiedergegeben sind.

In der Einleitung definiert Rehberger als die Entwurfszeichnungen Schinkels für Grabmale und Mausoleen sowie die davon ausgehenden ausgeführten Werke als ihren Untersuchungsgegenstand. Bis dato waren diese Kunstwerke noch nie als Konvolut behandelt worden. Deshalb nennt sie als Ziel, „durch Analyse und Deutung von Schinkels gesamter Grabmalkunst mit Bezugnahme auf die zeitgenössische Trauerbewältigung und den kulturpolitischen Hintergrund die spezifische Rolle“ des Künstlers für die Entwicklung der Sepulkralkunst herauszuarbeiten.

Dabei vergisst Rehberger nicht den bisherigen Forschungsstand zu umreißen und ihre Quellen zu benennen, deren Fülle beeindruckend ist. Die Autorin hat sowohl die in Stein oder in Metall ausgeführten Grabmale und Mausoleen in ganz Deutschland und Polen ermittelt und persönlich besichtigt, wie bei der Zuordnung der Entwurfszeichnungen zu den ausgeführten Werken zahlreiche Archive und Museen zu Rate gezogen.

Einführend widmet sich die Autorin dem „Ästhetischen Blick auf die Vergänglichkeit“ und stellt dabei die Verbindung zwischen der sich wandelnden Erinnerungskultur und der Verbreitung des englischen Gartens um 1800 heraus. In der Folge ihrer Untersuchung knüpft sie daran immer wieder an, wenn sie die Aufmerksamkeit auf die landschaftliche Rahmung der Schinkel’schen Mausoleums- und Grabmalentwürfe lenkt.

Farbabbildungen aus Rehberger, Die Grabmalkunst von Karl Friedrich
Schinkel, S. 196-7; li: Entwurfzeichnung für Grabmal an der
 Cestiuspyramide, re: Grabmal Witzleben, Invalidenfriedhof Berlin,
re unten: Entwurf Grabmal von Klinggräf 

In den frühen Entwurfszeichnungen arbeitet Rehberger besonders die Nähe zu den Werken von Gilly heraus, dem Lehrer und Freund des Künstlers. Ein erstes Hauptkapitel gilt dann den Grabmälern aus Gusseisen. Von ihnen wurde ein wesentlicher Teil auf einen konkreten Auftrag hin konzipiert und in der Königlichen Eisengießerei zu Berlin, für die Schinkel als einer der führenden Künstler arbeitete, ausgeführt. Gusseisen hatte im Kontext der Befreiungskriege gegen Napoleon eine neue patriotische Bedeutung erhalten. Das eigentlich preiswerte Material wurde durch das von Schinkel entworfene Eiserne Kreuz als Zeichen der Opferbereitschaft legitimiert und dadurch stark aufgewertet. Rehberger zeigt, wie Schinkel die filigranen Möglichkeiten des Material sowohl für neugotische Entwürfe mit zierlichen krabben-besetzten Fialen als auch für schlichte klassizistische Monumente nutzt. Auch hier werden wieder Verbindungen zum Landschaftspark gezogen, wenn zum Beispiel baldachinartige Grabmale mit Gartenpavillons und Brunnenaufbauten (S. 58/59) konfrontiert werden. Überraschend ist dabei, dass aus gusseisernen Platten auch große Grabmalaufbauten zusammengesetzt wurden, wie z.B. der tempel-ähnliche Aufbau für die Majorin von Klinggräff auf dem Kirchhof in Chemnitz.oder der Kenotaph für Karl Friedrich Baath im Gutspark Behlendorf in Brandenburg. Rehberger zeigt dabei immer wieder die Entwicklungsschritte auf, die sich an Schinkels verschiedenen Entwürfen nachvollziehen lassen. Sie weist zudem darauf hin, auf welche konkreten antiken Vorbilder der Künstler zurückgreifen konnte, teilweise weil sie in Stichwerken publiziert waren, z.T, aber auch, weil er sie auf seinen Reisen selbst gesehen und skizziert hatte. Dabei ist die Fülle unterschiedlicher Entwürfe nicht nur für die Grabmale aus Gusseisen beeindruckend. Ebenso eindrucksvoll ist zu sehen, dass besonders die einfachen Grabmale Schinkels – die Kreuzform mit Dreipass-Enden oder der Zippus mit Bekrönung – vorbildhaft wirkten und im 19. Jahrhunderts vielfach wiederholt wurden.

Das zweite umfangreiche Hauptkapitel gilt Schinkels Entwürfen für Mausoleen, Gruftbauten und Grabmale aus Stein. Dabei geht es hauptsächlich um Monumente für Mitglieder der preußischen Oberschicht; berühmte Grabmale, wie das für den Staatskanzler Karl August Freiherr von Hardenberg in Neuhardenberg, für die Ehefrau Wilhelm von Humboldts im Tegeler Schlosspark oder auch das Denkmal für General Scharnhorst in Berlin werden dabei ebenso wie unbekanntere Bauten und Grabmale ausführlich vorgestellt und in ihren historischen Kontext gestellt; beginnend mit der Auftragsvergabe über die unterschiedlichen Entwürfe bis zur Ausführung. Durch ihre akribische Forschungsarbeit ist es der Autorin dabei möglich selbst zu den bekannten Denkmalen noch eine Vielzahl neuer Erkenntnisse zu präsentieren.

Das folgende Kapitel befasst sich mit den Grabmalentwürfen für das Preußische Königshaus, dem Schinkel besonders eng verbunden war. Eindrucksvoll interpretiert Rehberger den ersten gotisierenden Entwurf für das Mausoleum der Königin Luise. Ideengeschichtliche Zusammenhänge – z.B. die religiöse Symbolik der Farben in Runges Farbenlehre – fließen in diese Deutung ebenso ein wie die zeitgenössische Architekturideen der vegetabilen Gestaltung des Innenraumes, die schon in den Palmsäulen der Leipziger Nikolaikirche vorgebildet war. Da der König diesen „traumhaften“ Entwurf ablehnte, entstand das Mausoleum – nach einer königlichen Skizze – als antiker Tempel im Schlosspark von Charlottenburg. Mit zahlreichen Abbildungen von Entwürfen wie mit Fotos der ausgeführten Grabmäler vermag die Autorin zudem die enge Verbindung zwischen dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm (IV.) und dem Architekten zu belegen. Bei der Ausgestaltung der Grabmale, die der Kronzprinz seinen verehrten Erziehern und Lehrern – Johann Friedrich Gottlieb Delbrück in Zeitz, Barthold Georg Niebuhr in Bonn und Jean Pierre Frédéric Ancillon in Berlin – stiftete, arbeiteten sie sozusagen Hand in Hand.

Abschließend kann die Autorin ihre These belegen, dass „sich die Harmonisierung von Architektur und Natur wie ein roter Faden“ durch die Grabmalkunst Schinkels zieht. Dabei überwiegt gerade bei den aus Stein gearbeiteten Grabmonumenten und Mausoleen die Idee des intimen „sakralen“ Bereiches als „ein aus der umgebenden Landschaft ausgegrenzter >heiliger< Raum“, der der privaten Trauer und „melancholischen Kontemplation“ gewidmet war (S. 284). Schinkel wirkte mit seiner individuell an die Wünsche seiner Auftraggeber angepassten Grabmalkunst in hohem Maße stilbildend für die nachfolgenden Künstlergeneration, was die Autorin am Schluss noch einmal an den Werken von Martin Gropius verdeutlichen kann. Abschließend öffnet die Autorin ihr Forschungsfeld in die Zukunft, wenn sie darauf hinweist, dass eine umfassende Untersuchung der nach Schinkels Zeit, also für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts noch aussteht, auch wenn es schon Einzeluntersuchung wie das Werk von Anna Götz über das „Schlagbild“ der Trauernden gibt.

Ein ausführlicher Anhang mit Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis vervollständigt diese umfassende Studie. Mit ihrer Vielfalt und Fülle von Informationen und Interpretationen bildet dieses Werk eine großartige Bereicherung für das Verständnis der Sepulkralkultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.  

Lena Rebekka Rehberger, Die Grabmalkunst von Karl Friedrich Schinkel. Deutscher Kunstverlag 2017, 312 Seiten mit 31 farbigen und 324 schwarzweißen Abbildungen, 39,90 €  

Audiowalk über den Alten Friedhof in Gießen

Webseite mit dem neuen Audiowalk für den Gießener Alten Friedhof

Vor wenigen Tagen haben Studierende der Fachjournalistik Geschichte ihren neuen Audiospaziergang „Erzählungen vom Tod – Begräbniskultur und Mentalität im Wandel der Zeit“ auf dem Alten Friedhof in Gießen vorgestellt.

Das Projekt ist im letzten Semester an der Justus Liebig Universität entstanden, geleitet von der Historikerin Dr. Eva Maria Gajek und dem Redakteur des Hessischen Rundfunks Kevin Arnold. Zusammengearbeitet haben die Studenten zudem mit einer Produktionsfirma und dem Garten- und Friedhofsamt der Stadt Gießen.

Der Audiowalk ist im Internet veröffentlicht und kann so auch mit Smartphone oder Tablet vor Ort abgerufen werden. In insgesamt zwölf Audios von bis zu sechs Minuten Länge erzählen die Studierenden Geschichten über bekannte Persönlichkeiten der Stadt, aber auch über die Baugeschichte und die Begräbniskultur auf dem Alten Friedhof. Erarbeitet wurden die Beiträge anhand von Dokumenten im Stadtarchiv Gießens, Interviews, zeitgenössischen Berichten und Literatur.

Mit eindrucksvollen Audios, in denen die Erzählstimmen mit unterschiedlichen Klangkulissen hinterlegt sind, werden Geschichte und Gegenwart an Ort und Stelle akustisch erfahrbar. Auch wenn mir beim Ansehen der neuen Internetseite auffiel, dass auf der Seite mit dem Friedhofsplan unter dem Punkt „Stationen des Audiowalks“ nur sieben Audios zu erkennen und anzuklicken sind, und auch wenn ich anfangs verwirrt war, als ich beim Audio „Friedhofssymbolik“ erst einmal etwas über die Figur des Thanatos hörte, aber auf dem Bild einen Engel sah – auf den im Audio später dann noch eingegangen wird, beglückwünsche ich die Studenten zu ihrer gelungenen Arbeit und wünsche mir solche Audiospaziergänge für mehr historische Friedhöfe!

Neue Ideen – Friedhofsführungen und Veranstaltungen 2017

Grabmal auf dem Ohlsdorfer Friedhof (Foto Leisner)

Ich versuche immer mal wieder aus dem Internet neue Ideen zu fischen und darauf hinzuweisen, welche interessanten Aktivitäten die Fördervereine für historische Friedhöfe anbieten. Manchmal kann man ja auch von anderen etwas lernen!

Besonders phantasievoll ist diesem Jahr zum Beispiel das Programm des Stahnsdorfer Südwestkirchhofes. Dort gibt es Anfang Juli dreimal einen Musikalischen Sommerabend mit dem Titel „Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden“ zu erleben, in dem in einer Symbiose aus Poesie, Tanz, Musik und Videoprojektionen versucht wird, dem Geheimnis von Leben und Tod nachzuspüren. Verbunden ist diese Veranstaltung mit Kurzführungen, Jazzmusik & Catering in der norwegischen Holzkapelle, sowie einer Bilderausstellung im Mausoleum Caspary.

Aufgefallen ist mir auch das Programm der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Alten Friedhofes in Bonn e.V., die 2017 bei ihren Führungen ausgesuchte Themen anbieten, so gibt es dort zum Beispiel eine Führung zu Frauengräbern, zu Ruhestätten von Musikerinnen und Musikern, es werden Grabstätten als Spiegelbild geistiger Strömungen des 19. Jahrhunderts besucht, Portrait-Darstellungen besichtigt, die Denkmalpflege als neue kulturpolitische Aufgabe des 19. Jhs. an neugotischen Grabmalen erläutert oder die Geschichte der Bonner Universität an Hand von Professorengräbern vorgestellt. Besonders ungewöhnlich finde ich aber, dass es nicht nur regelmäßig Konzerte und Lesungen auf dem Friedhof gibt, sondern auch zu einer musikalischem Führung mit dem Bläserquintett Eigelstein Brass und Mitgliedern des Philharmonischen Chores der Stadt Bonn eingeladen wird. Auf diesem Rundgang gibt es Wissenswertes zu den verschiedenen Kunst- und Grabdenkmälern ebenso zu hören wie musikalische Beiträge.

Die weibliche Seite der Bestattungskultur ist auch anderswo Thema. Hier nurnoch ein Beispiel: Die Freunde der Zwölf-Apostel-Kirchhöfe in Berlin werden zu einer Führung mit dem Titel „Weibliche Symbole in der Begräbniskultur“ eingeladen. Dazu heißt es im Informationsstext unter anderem: Im 19. Jahrhundert waren Grabgestaltungen mit Frauenskulpturen weit verbreitet. Warum war das so? Welches Frauenbild vermitteln sie? Und warum gibt es erotische Darstellungen auf Friedhöfen? Besucht werden auch Gräber von interessanten Frauenpersönlichkeiten. Und es wird an Frauen erinnert, deren Gräber verschwunden sind.

Auf demselben Friedhof werden auch „Pflanzenerlebnisführungen“ angeboten, bei denen man auf dem Friedhof Pflanzen entdecken, sich über ihre Heilwirkung informieren und sie sogar gleich vor Ort verkosten kann, da viele essbar sind. Und es gibt sogar Führungen zum Thema Honig, da sich auf diesem Friedhof eine Imkerin um die Bienen kümmert.

Natürlich veranstaltet auch Dr. Anja Kretschmer wieder ihr Friedhofsgeflüster, das inzwischen auf immer mehr Friedhöfen stattfindet. Aber darauf habe ich hier ja schon öfter hingewiesen.

Versunkene Seelen – Begräbnisplätze ertrunkener Seeleute im 19. Jahrhundert

Cover von Jürgen Hasse, Versunkene Seelen

Schon in meinem Post zu dem Buch „Das Mittelmeer und der Tod“ habe ich auf den Beitrag von Jürgen Hasse über den Umgang mit Strandleichen im Mittelmeerraum hingewiesen. Dadurch bin ich auf sein Buch über den Umgang mit vom Meer angeschwemmten Toten aufmerksam geworden, das im letzten Jahr im Herder Verlag erschienen ist. Das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung sind im Internet nachzulesen.

Hasse verortet seine Untersuchung theoretisch in der Phänomenologie. Das heißt, dass er für die Erkenntnisgewinnung unmittelbar von gegebenen Erscheinungen, also den Phänomenen, ausgegeht. Er setzt dabei auf das Konzept der „leiblichen Kommunikation“ als eine grundlegende Form der menschlichen Wahrnehmung. Das Fernbleiben des Seemanns und sein immer wahrscheinlicher werdender Tod ist deshalb für ihn nicht ein „einfaches Beispiel für die Trauer; es steht vielmehr für die tragische Trauer“.  In diesem Fall spende die Kunst in besonderer Weise Trost, „indem sie dem Gefühl der Trauer durch Innewerden zu Autorität und Geltung verhelfe“ (S. 39). So gibt er denn auch schon in seiner Einleitung einen – sehr knappen – Überblick über „Schiffbruch und Seemannstod im Spiegel der Kunst“ und erkennt in den Kunstwerken die „Ästhetische Veredelung des Grauen im Erhabenen“ und die „Evozierung von Stimmungen“.

Ein ausführlicheres Kapitel ist danach der Geschichte der Seeschifffahrt gewidmet. Da die „Begäbniskultur Ertrunkener“ auch hier im Zentrum steht (S. 51), geht es ihm dabei vorrangig um den Schrecken der Meere, das Schiff als Heterotopie, die Wahrnehmung „des“ Seemanns, sowie Schiffbruch und Seemannstod. In dem folgenden Kapitel „Weiße Räume des Wissen“ formuliert der Autor drei Thesen, die erklären sollen, warum das Thema „Bestattung Ertrunkener“ eine Leerstelle im Schrifttum und in der Kunst bildet. Als Gründe nennt er die Selbstverständlichkeit des anonymen Seemanstodes, den Mangel an Wissen und – für ihn von besonderer Bedeutung – die Tabuisierung.

Ausführlich setzt er sich sodann mit der Strandung und dem Fund von Strandleichen auseinander und führt dem Leser das Grauen vor Augen, das seiner Ansicht nach mit der Entdeckung von Toten einherging, die lange im Wasser gelegen hatten. Erst nach dieser langen Hinführung kommt Hasse dann zu seinem im Titel genannten Thema: den Begräbnisplätzen für Namenlose im Allgemeinen und ihrem Begräbnis auf der Nordseeinsel Borkum im Besonderen. Er stützt sich dabei auch auf die Forschungen von Norbert Fischer; widerspricht diesem aber in Bezug auf den direkten Zusammenhang der Schaffung von Namenslosen-Friedhöfen mit den Anfängen des Seebäderwesens. Vielmehr stellt er die These auf, dass „Friedhöfe für Ertrunkene auf den der Nordsee vorgelagerten Inseln bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingerichtet worden sein müssen“ (S. 206). Allerdings scheint mir die Beweislage für eine frühere Gründung des Namenslosen-Friedhofs auf der Insel Borkum relativ dünn zu sein, auch wenn die Belege dafür, dass Ertrunkene auf der Insel stets beerdigt wurden, eindeutig sind. Ein letztes Kapitel, das sich dem Vergessen und Vergessen-Machen des Seemannstodes widmet, schließt diesen Bereich thematisch ab. Ganz zum Schluss dann kommt Hasse noch im „Sinne einer architekturtheoretischen Nachbemerkung“ auf die gestalterische Rolle der Landschaftsarchitektur und ihre ästhetisierende Raumgestaltung zu sprechen.

Insgesamt legt der Autor damit eine faktenreiche Untersuchung seines Themas vor. Allerdings leuchtet mir persönlich seine phänomenologische Einordnung nicht immer ganz ein; besonders da ich mir nicht so sicher bin, dass es möglich ist, das Gefühlsleben früherer Zeiten auf der Grundlage der gegenwärtigen Gefühlslagen zu interpretieren. Gerade der Ekel scheint mir ein sehr stark von der jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Situation geprägtes Gefühl zu sein (ein Beispiel aus meiner persönlichen Kenntnis: Ich kann mich nicht erinnern, dass Haare in meiner Jugend zu Ekelgefühlen Anlass gegeben hätten. Tatsächlich hat man im 19. Jahrhundert sogar aus den Haaren von Verstorbenen Andenkenbilder, sowie Ketten und Ringe hergestellt. Für heutige Jugendliche ist das ein ekelerregender Gedanke!)  

Jürgen Hasse, Versunkene Seelen. Begräbnisplätze ertrunkener Seeleute im 19. Jahrhundert. Verlag Herder, 2016, gebunden, 296 Seiten, zahlr. schw.-w. Abb., 29,99 €

140 Jahre Ohlsdorfer Friedhof

Im Förderverein Ohlsdorfer Friedhof e.V. haben wir das zweite Heft unserer vierteljährlichen Zeitschrift dem 140. Jubiläum der Friedhofseinweihung gewidmet.

Wir berichten nicht nur von der Friedhofsgeschichte und der gegenwärtigen Entwicklung (siehe auch meinen Tagungsbericht), sondern auch von den ersten beiden Friedhofsdirektoren, deren Tod einhundert bzw. siebzig Jahre zurück liegt, sowie von anderen Hamburger Persönlichkeiten, deren Todesdaten sich ebenfalls jähren.

Wie immer kann man das Heft im Druck vom Förderkreis beziehen und auch Internet lesen (der Förderkreis freut sich natürlich über Spenden!)

140 Jahre Ohlsdorfer Friedhof

Im Förderverein Ohlsdorfer Friedhof e.V. haben wir das zweite Heft unserer vierteljährlichen Zeitschrift dem 140. Jubiläum der Friedhofseinweihung gewidmet.

Wir berichten nicht nur von der Friedhofsgeschichte und der gegenwärtigen Entwicklung (siehe auch meinen Tagungsbericht), sondern auch von den ersten beiden Friedhofsdirektoren, deren Tod einhundert bzw. siebzig Jahre zurück liegt, sowie von anderen Hamburger Persönlichkeiten, deren Todesdaten sich ebenfalls jähren.

Wie immer kann man das Heft im Druck vom Förderkreis beziehen und auch Internet lesen (der Förderkreis freut sich natürlich über Spenden!)

Friedhof der Unschuldigen – Ein „Friedhofsroman“

Cover von Miller, Friedhof
der Unschuldigen

Diesmal habe ich kein Sachbuch gelesen, sondern einen spannenden Roman, der im Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts spielt und die Räumung des Cimetière des Innocents zum Thema hat.  Der englische Autor Andrew Miller ist dazu durch die Lektüre von Philippe Ariès berühmter „Geschichte des Todes“ angeregt worden. Er beschreibt, wie der junge Ingenieur Jean-Baptiste Baratte beauftragt wird, den Friedhof und die angrenzende Kirche zu zerstören.

Der Roman ist spannend zu lesen und enthält dazu eine ganze Menge Information über die Ausräumung des überbelegten Friedhofs, der seine Umgebung verpestete und mit dem eine Welle von Friedhofs-Verlegungen in Frankreich begann, die auf ganz Europa übergriff.

Andrew Miller, Nikolaus Stingl (Übersetzer), Friedhof der Unschuldigen. Roman bzw. Hörbuch. Das Original erschien 2011 unter dem englischen Titel „Pure“ (auf Französisch heißt er „Dernier Requiem pour les innocents“)