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Räume der Existenz / Buchstaben des Begehrens:Foucault, Lacan und das Subjekt des Diskurses

Die Feststellung, dass der Raum oder das Räumliche eine zentrale Rolle in Foucaults Denken spielt, wird vermutlich ebenso widerspruchslos hingenommen wie die Behauptung, dass sein Verhältnis zur Psychoanalyse stets ambivalent und problematisch war. Dass beides eng miteinander zusammenhängen könnte, überrascht aber auf den ersten Blick. Ein zweiter und genauer Blick auf Foucaults früheste Publikationen, die zur gleichen Zeit wie Lacans Pionierarbeiten für eine strukturalistische Psychoanalyse entstanden, bringt jedoch eine substanzielle Liaison ans Licht. Diese Liaison ist gleichsam als Übertragungssituation zu verstehen, deren „Widerstandsmomente“ eng mit dem Topos der Räumlichkeit verknüpft sind und die Foucaults Theoriebildung offenbar weit über die frühesten Texte hinaus prägte.

Distant Reading und Diskursanalyse

Mit der Publikation dieser Issue setzt der foucaultblog sein Experiment fort, das Denken Michel Foucaults zu aktualisieren. Lassen sich historische Diskursanalysen mithilfe von Computern durchführen? Um diese Frage zu untersuchen, vergleichen wir Franco Morettis distant reading mit Foucaults archäologischem Verfahren. Trotz der gemeinsamen Herkunft von der Annales-Schule unterscheiden sich die beiden Ansätze aber grundlegend: Während Moretti literarische Daten sozialgeschichtlich interpretiert, sucht Foucault nach der immanenten Bedeutung von Diskursen. Vorläufiges Fazit: Eine digitale Archäologie scheint an der Operationalisierung des Begriffs der Aussage zu scheitern.

Alles oder gar nichts lesen?Foucault, Moretti und die Verheißungen des Algorithmus

Es ist die schiere Menge an Texten, die eine ambitionierte Literaturwissenschaft, welche die engen Grenzen kanonisierten Schriftguts überwinden will, in eine Krise stürzt. Eine Krise, auf die Franco Moretti mit der Innovation des (digitalen) distant reading reagiert. Was damit gemeint ist, wird in diesem Beitrag anhand wesentlicher Aspekte kurz skizziert, um von da aus einen Vergleich mit dem Foucault’schen Unternehmen der Archäologie oder Diskursanalyse zu wagen und schließlich einige kritische Fragen aufzuwerfen, die sowohl prinzipielle Grundlagen wie auch die technische Umsetzbarkeit betreffen.

Was heißt: Foucault historisieren?

Man kann Foucault historisieren oder Foucault historisieren. Die erste Variante fragt nach den Kontexten, in die Foucaults Texte eingebettet sind. Was die zweite Option betrifft, so geht es um folgende Frage: Lässt sich unsere Gegenwart noch mit Foucaults Konzepten begreifen, oder ist sein Denken in einem so hohen Maß zeitgenössisch, dass es inzwischen veraltet ist? Der foucaultblog veranstaltete im März 2015 eine internationale Konferenz in Zürich, wo sowohl Foucault historisiert als auch Foucault historisiert wurde. Die Ergebnisse liegen nun in Form dieses digitalen Sammelbandes vor.

Macht – Stigmergie – Wissen ?

So klar es im Allgemeinen ist, dass Foucault eigentlich “nur” ein Thema beständig variiert – das diachrone und synchrone Verhältnis zwischen den Ordnungen des Wissens und den Ordnungen der Macht im Hinblick auf ein “produziertes”, “selbstsorgendes” oder als “Erfahrungstier” verstandenes Subjekt -, so unklar bleibt im Speziellen seine jenseits hermeneutischer, strukturalistischer und anderer Traditionen entwickelte Begrifflichkeit. Dabei wurde unlängst deutlich, dass sich in den Naturwissenschaften und besonders in der Biologie offenbar ein Schlüssel für ein besseres Verständnis von so zentralen Begriffen wie dem der “diskursiven Formation” finden lässt. Vielleicht lohnt sich deshalb ein weiterer Vergleich mit einem Konzept aus der modernen Biologie, das in verschiedener Hinsicht in Foucaults Nähe zu verorten ist – dem der Stigmergie.

„Sakralisierung des Sozialen“, „Parteienregierung“ und der „stets wesentliche Philosoph“

Anlässlich der Wahl von François Mitterand zum ersten sozialistischen Präsidenten der Fünften Republik gelingt es Didier Eribon erst nach drei Wochen und zweimaliger Nachfrage, Foucault eine Stellungnahme zu diesem politischen Grossereignis abzuringen. Dabei kommentiert Foucault den Regierungswechsel vor allem als „Denker“ und zeigt sich in seinem Urteil ebenso verhalten wie ambivalent.

„tertium non datur“

Gibt es so etwas wie „intellektuelle Konstanten“ bei Michel Foucault? Gibt es gleichbleibende Standpunkte oder Argumente in diesem schillernden Denken, das sich selbst als transformative Übung versteht? An erster Stelle wäre hier auf das sine qua non einer als „unerbittlich“ gedachten Historizität zu verweisen, gleich danach aber auf ein eng damit zusammenhängendes, zweites „Axiom“: Foucault akzeptiert kein primordiales oder übergeordnetes Drittes, und zwar weder im Sinne einer notwendigen dialektischen Vermittlung noch als spezifisch juridisch oder allgemein symbolisch verstandenes „Gesetz“.

Becker über Foucault über Becker – und Ewalds “Joker”

Becker über Foucault über Becker - und Ewalds “Joker”

Am 9. Mai 2012 und 15. Mai 2013 organisierte Bernard Harcourt an der University of Chicago zwei historisch anmutende Treffen zwischen Gary Becker und François Ewald. Thema der beiden conversations waren Foucaults Gouvernementalitäts-Vorlesungen von 1978/78 beziehungsweise deren ausführliche und vielkommentierte Referenz auf „die Neoliberalen“ im Allgemeinen und Beckers Humankapital- oder Verbrechenstheorien im Besonderen. Gleich zu Beginn der ersten Sitzung stellt Ewald die rhetorische Frage in den Raum, wie es überhaupt möglich war, „[..] dass ein Intellektueller, ein französischer Philosoph – jemand der vielleicht als linker französischer Philosoph bekannt ist, ein Radikaler – am Ende der 1970er-Jahre eine Vorlesung am Collège de France hält, in der er eine Apologie des Neoliberalismus bietet – speziell ein Apologie von Gary Becker [..]“ und spielt damit auf ein „Paradox“ an, das die Foucault-Rezeption (oder jedenfalls ihre genau lesenden Fraktionen) nachhaltig beschäftigt.

Husserl versus Foucault – „apriori“ revisited

Was an Foucault nachhaltig fasziniert, was ihn einzigartig macht und zugleich seine Rezeption oder das Arbeiten mit ihm oft erschwert – Clifford Geertz brachte es auf den Punkt, als er Foucaults Denken mit einem Escher-Bild verglich und damit auf die spannungsgeladene Verbindung von minuziöser historischer Forschung mit hohem philosophischen Reflexionsniveau anspielte. Diese Synthese von Geschichtsschreibung und Philosophie verdichtet sich in der Denkfigur des „historischen Apriori“: Der Begriff kommt vor allem in der Archäologie des Wissens explizit zum Tragen, man könnte ihn aber auch als „Geschäftsgrundlage“ für die meisten anderen Arbeiten sehen. Seinen Ursprung hat das „historische Apriori“ in Husserls Phänomenologie, von wo Foucault den Begriff übernimmt, indem er seine Semantik grundlegend umpolt. Damit ist auf Foucaults phänomenologische legacy verwiesen, deren Implikationen wohl gerade im Hinblick auf ihre Einbindung in den Horizont einer fundamentalen Historizität noch nicht vollständig ausgelotet sind. Es lohnt sich also, Husserl und Foucault in einer interessierten Relektüre zu konfrontieren.