Planet History

Author Archive for Michael Meyen

Rockgeschichte monumental

Dieses Buch fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. Das beginnt schon beim Format (30 mal 25 Zentimeter) und hört beim Gewicht nicht auf. Ein Ziegelstein, geeignet für jedes Aufbautraining. Lutz Kerschowski und Andreas Meinecke haben der Rockszene der DDR ein Denkmal gesetzt. Lutz Kerschowski, Andreas Meinecke (Hrsg.): Östlich der Elbe. Songs und Bilder 1970-2013. Berlin: Ch. Links Verlag 2020. Eine Rezension von Michael Meyen Ich weiß gar nicht, was ich zuerst loben soll. Die Bilder. Die Essays. Das Layout. Die Auswahl der Songtexte. … „Rockgeschichte monumental“ weiterlesen

Von den Schwierigkeiten mit der Vergangenheit

Der Titel dieses Dok-Films ist DDR-Erbe pur: „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“. Regisseur Florian Kunert, Jahrgang 1989, ist nach Neustadt in Sachsen gefahren und hat festgehalten, wie stark der untergegangene deutsche Staat selbst Nachgeborene wie ihn noch prägt. So ein Online-Festival hat auch Vorteile. Man kann die Filme perfekt in den Tagesablauf einbauen und verpasst vor allem das Q&A nicht. Wer weiß, ob Florian Kunert überhaupt zum Dokfest nach München gekommen wäre. So aber sitzt er jederzeit zum Interview bereit und kann die Geschichte … „Von den Schwierigkeiten mit der Vergangenheit“ weiterlesen

Zurück aus dem Exil

Yana Milev ist in diesem Blog schon gewürdigt worden – als Stimme in der Corona-Krise, die das Gestern und mit dem Heute verlinkt (vgl. Tröger 2020). In ihrem Buch „Das Treuhand-Trauma“ steckt mehr. Deshalb ein zweiter Aufschlag, der über das hinausgeht, was Verlag und Autorin im Netz und in Interviews dazu veröffentlicht haben. Yana Milev: Das Treuhand-Trauma. Die Spätfolgen der Übernahme. Berlin: Das Neue Berlin 2020. Eine Rezension von Michael Meyen „Ich bin Opfer“, sagt Yana Milev gleich zu Beginn. Sie muss das sagen, … „Zurück aus dem Exil“ weiterlesen

Warum die DDR entschwindet

Zeitläufte, Schule und Filmförderung leisten ganze Arbeit: Wer um 2000 geboren wurde, im Süden oder Westen aufgewachsen ist und jetzt in München Kommunikationswissenschaft studiert, hat zur DDR die größte denkbare Distanz. Ein graues Land, in jeder Hinsicht weit entfernt und ein guter Grund, das Leben in „Freiheit“ und mit den „richtigen“ Geschichtsbüchern zu lieben. Die Vergangenheitspolitik hat folglich ganze Arbeit geleistet. Für ein anderes DDR-Bild und mehr Interesse braucht es Zufälle, die immer mit Menschen zu tun haben: mit der eigenen Familie, mit dem … „Warum die DDR entschwindet“ weiterlesen

Die DDR bei Moritz von Uslar: Saufen gegen die Langeweile

Cornelius Pollmer hat Moritz von Uslar in der Süddeutschen Zeitung freigesprochen. Falsch der Vorwurf, der Reporter sei „ausschließlich fixiert auf Männlichkeitsquatsch“. Falsch auch der Vorwurf, er erhebe sich „über die Menschen in Zehdenick“. Das Buch „Nochmal Deutschboden“, sagt Cornelius Pollmer, sei „schlicht ein gutes Dokument unserer Zeit“. Also auf zu einer Dokumentenanalyse. Moritz von Uslar: Nochmal Deutschboden. Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2020. Eine Rezension von Michael Meyen Cornelius Pollmer ist natürlich Partei. Ein Jahr vor Moritz von Uslar … „Die DDR bei Moritz von Uslar: Saufen gegen die Langeweile“ weiterlesen

Trist, Trister, Tannbach

Ausgewogen, hat ein Kollege über diese Serie gesagt. Ost und West nehmen sich da irgendwie nichts. Es geht um „Tannbach“, zehn ZDF-Stunden, produziert 2015 und 2018, längst auf Netflix. Recht hat er, der Kollege. Nur: Leben möchte man in beiden deutschen Ländern nicht. Zur Erinnerung: „Tannbach“ ist ein Dorf, das in dieser Filmwelt direkt an der Grenze liegt, in Thüringen, da, wo sich nach einem kurzen Intermezzo im Frühsommer 1945 die Besatzungszonen der Sowjetunion und der USA treffen und später DDR und BRD. Das … „Trist, Trister, Tannbach“ weiterlesen

Frischer Ost-Blick

Die Idee war perfekt: Ein Buch über den Osten, geschrieben von einer jungen Frau, die erst nach und nach gemerkt hat, dass sie ein „Ossi“ ist, und genau deshalb den Diskurs verändern kann – jetzt, ein paar Wochen vor den Jubelfeiern zu 30 Jahren Einheit. Dann kam ein Virus, und niemand weiß, ob nicht auch das „Ostbewusstsein“ unter seinen Opfern sein wird. Valerie Schönian: Ostbewusstsein. Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die deutsche Einheit bedeutet. München: Piper 2020. Eine Rezension … „Frischer Ost-Blick“ weiterlesen

Die DDR in Unterleuten

„Meine Welt gibt es nicht mehr“, sagt Kron im dritten Teil zu Hilde Kessler, mit einem Blick, der so traurig ist wie die vielen Falten in seinem Gesicht. Hilde hat trotzdem kein Mitleid. „Das geht hier den meisten so.“ Krons „Welt“ war die DDR, die in „Unterleuten“ überhaupt nicht zu sehen ist und den Film doch trägt. Dieser Kron wird von Hermann Beyer gespielt, 1943 in Altenburg geboren und berühmt geworden an den Berliner Theatern der DDR. Gorki, Volksbühne, BE. Beyer weiß, wie man … „Die DDR in Unterleuten“ weiterlesen

O-Töne aus dem Osten, ungefiltert

Erfurter Protokolle, sagt Klaus Dörre in seinem Vorwort zu einem Buch, das jeden Rahmen sprengt und förmlich nach Einordnung und Erklärung ruft. Dörres Vergleichsobjekt sind die Bottroper Protokolle – eine Interviewserie von Erika Runge (1968), die damals Menschen aus dem Ruhrgebiet sprechen ließ und so eine Quelle schuf, die jeder braucht, der sich mit der Arbeiterklasse im Ruhrgebiet beschäftigen will. Nun also der Osten. Wenn man so will: ein Stück mediales Erbe der DDR. Uta Heyder (Hrsg.): Born in the GDR. Angekommen in Deutschland. … „O-Töne aus dem Osten, ungefiltert“ weiterlesen

Gundermann lebt und mit ihm eine DDR im Aufbruch

Die sozialistische Utopie in München, in einem Keller zwar, aber trotzdem großartig. Ihr Film werde im Westen noch etwas zögerlich gebucht, sagt Grit Lemke, die Regisseurin, im Monopol-Kino. Hier könne man nicht so viel anfangen mit Gerhard Gundermann, dem Liedermacher aus der DDR. Vermutlich ist es nicht nur das. Lemkes Dokumentarfilm Gundermann Revier kämpft an gegen den hegemonialen Diktatur- und Individualismusdiskurs. Grit Lemke, Jahrgang 1965, ist in Hoyerswerda aufgewachsen. Gerhard Gundermann, zehn Jahre älter, saß bei ihr am Abendbrot-Tisch. Zumindest wurde dort oft über … „Gundermann lebt und mit ihm eine DDR im Aufbruch“ weiterlesen

Fernsehballett: Erbe verspielt

“Sterbender Schwan”: Unter dieser Überschrift ordnet Hans Hoff am 4. Februar auf der Medienseite der Süddeutschen Zeitung eine Meldung  ein, die nicht nur ihm bekannt vorkommt. Wir dokumentieren den Text hier im Wortlaut und lassen dabei notgedrungen das Foto weg, das das Ensemble bei einer Weihnachtssendung in Chemnitz zeigt. Das Deutsche Fernsehballett steht vor dem Aus. Mal wieder. Ende 2020 sollen zum letzten Mal vor Kameras die Beine geschwungen werden. Ende 2021 soll dann nach einer Abschiedstournee endgültig Schluss sein mit dem Gruppentanz. Dann … „Fernsehballett: Erbe verspielt“ weiterlesen

Der Mauerfall als Geschichtskrimi

Der Klappentext verspricht nicht zu viel. „Spannend wie ein Krimi“ ist dieses Buch und „höchst anschaulich“ noch dazu. Pünktlich zum 30. Jahrestag hat Hans-Hermann Hertle seine „Chronik des Mauerfalls“ aufpoliert. Man weiß, wie alles ausgeht, und muss doch immer weiterlesen. Für den Medienforscher wartet am Ende sogar noch eine Belohnung. Hans-Hermann Hertle: Sofort, unverzüglich. Die Chronik des Mauerfalls. Berlin: Ch. Links Verlag 2019. Eine Rezension von Michael Meyen Hans-Hermann Hertle hat mit allen gesprochen, die irgendwie wichtig waren an diesem Tag, und jedes Blatt … „Der Mauerfall als Geschichtskrimi“ weiterlesen

Resozialisierung, unvollendet

„Die Westdeutschen verstehen nicht, dass sie Westdeutsche sind“, sagt Timothy Snyder im Spiegel Spezial zu 30 Jahren Mauerfall. „Sie denken, sie seien einfach Deutsche. Sie definieren, wie die Ostdeutschen deutsch zu sein haben.“ Nun: Der Spiegel definiert schon mit. Er lässt in diesem Heft auch Ostdeutsche sprechen. Und er fragt, was die Medienmenschen ausmacht, die aus dem Osten kommen. So ein Heft füllt viele Abende. Gespräche (mit Wolf Biermann und Timothy Snyder), Interviews (Rainald Grebe und erfolgreiche „Ostfrauen“ von Karola Wille bis Johanna Wanka), … „Resozialisierung, unvollendet“ weiterlesen

Mädchen aus Ost-Berlin

Schade. Schade um Udo. Schade vor allem um diese Chance, deutsch-deutsch zu erinnern. Ein Ausrufezeichen haben die Macher in den Filmtitel hineingemogelt, aber „Lindenberg! Mach dein Ding“ erzählt dann doch nur eine ganz normale Aufsteigergeschichte West, mit Mama-Papa-Kitsch und ganz viel Schnaps. Es gibt die DDR in diesem Film, ein paar Minuten wenigstens. Udo besoffen auf einem Parkplatz unterm Fernsehturm. Petra. Eine verrauchte Wohnung, mit den Tapeten, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, mit Nachbarn und Freunden und genauso viel Alkohol wie … „Mädchen aus Ost-Berlin“ weiterlesen

Der kalte Atem des DDR-Diskurses

Das Cover macht Angst. Ein Plattenbau, grau, nass, ohne Anfang und ohne Ende. Aus diesem Haus kann niemand entkommen. In der Mitte hat die Fassade einen Knick, der auch die großen gelben Buchstaben des Buchtitels trifft. NACHWENDEKINDER. Johannes Nichelmann ruft nach Hilfe. Er will, dass seine Generation gehört wird. Dass endlich das Loch verschwindet, in dem er und seine Freunde nach sich selbst suchen. Ein Buch über eine Identitätskrise, die im hegemonialen DDR-Diskurs und damit in der Geschichtspolitik wurzelt. Johannes Nichelmann: Nachwendekinder. Die DDR, … „Der kalte Atem des DDR-Diskurses“ weiterlesen

Geschichtstheater in Dresden

Früher war alles. Großartig, dieser Titel. Dirk Laucke erzählt am Staatsschauspiel Dresden „Geschichten von Träumen und Abwicklungen aus Freital“. Früher: Das ist die DDR. Und „alles“ ist das, was von da in die Gegenwart ragt. Die Kunst ist den Historikern voraus. Vielleicht weil sie da produziert wird, wo die Menschen wohnen. Dirk Laucke und Regisseur Jan Gehler stellen diese Menschen einfach auf die Bühne. Wie erzählt man heute Geschichte? Wie schafft man es, an einem nasskalten Novemberabend den Saal mit jungen Leuten zu füllen … „Geschichtstheater in Dresden“ weiterlesen

DDR-Museum Dresden

“Die Welt der DDR” liegt in einem Einkaufszentrum, ein paar Meter weg vom Albertplatz. Gute Lage, sozusagen. Zehn Minuten bis zum Goldenen Reiter und nochmal zehn zur Frauenkirche, wo sich die Touristen drängen an diesem 1. November. Bei der DDR ist das Interesse überschaubar. Rolltreppe hoch und nicht zu Aldi oder Rossmann, sondern rechts abbiegen. Vier Euro Eintritt, und schon ist man mittendrin in einem Sammelsurium, das eher an einen Dachboden bei Oma und Opa erinnert als an ein Museum. Vermutlich geht es genau … „DDR-Museum Dresden“ weiterlesen