Planet History

Author Archive for Michael Meyen

Diskursive Einheitskämpfe

Titel und Setting sind leicht irreführend. Wenn ein Buch „Umbruchserfahrungen“ heißt, „Geschichten des deutschen Wandels von 1990 bis 2020“ verspricht und ausdrücklich als reines Ostprodukt daherkommt, dann erwarte ich eigentlich Persönliches. Herausgeber Michael Hofmann wirbt stattdessen mit der „Kompetenz“ seines Autorenteams, mit „methodischer Exaktheit“ sowie mit „Sensibilität und Sachkenntnis“ (S. 7). Wissenschaft pur sozusagen – verbunden mit der Frage, was die biografische Brille aus den Stoffen macht. Michael Hofmann (Hrsg.): Umbruchserfahrungen. Geschichten des deutschen Wandels von 1990 bis 2020. Münster: Westfälisches Dampfboot 2020 Eine … „Diskursive Einheitskämpfe“ weiterlesen

Gegen die Okkupation der Geschichte

Zwei Bilder gibt es in diesem Buch. Zweimal Wolfgang Mattheuer. Vorn „Der Jahrhundertschritt“, hinten „Was nun?“ (S. 8, 400). Damit ist der Rahmen gesetzt für den zweiten Versuch von Gunnar Decker, der DDR über ihre intellektuelle Produktion auf die Spur zu kommen. Nach „1965“ (vgl. Decker 2015) geht es diesmal um das Ende. Gunnar Decker: Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR. Berlin: Aufbau 2020 Eine Rezension von Michael Meyen So „ein mitteldickes Buch“, sagt Gunnar Decker auf Seite 401, müsse einfach ganz … „Gegen die Okkupation der Geschichte“ weiterlesen

Rock hinter der Mauer

Der Verlag hat ganze Arbeit geleistet. Ein Titel, der Enthüllungen verspricht oder wenigstens ein bisschen Nervenkitzel („Wie die Westmusik ins Ostradio kam“), ein Cover, das DDR und weite Welt versöhnt, eine dpa-Rezension und Werbe-Interviews mit Autor Wolfgang Martin (Radio eins, Antenne Brandenburg). Für den Historiker ist das Buch einerseits enttäuschend (weil Distanz und Reflexion fehlen), andererseits aber zugleich eine Quelle, wenn man sich für den Hörfunk in der DDR interessiert oder ganz generell für das Musikgeschäft. Wolfgang Martin: Wie die Westmusik ins Ostradio kam. … „Rock hinter der Mauer“ weiterlesen

Der Think Tank Yana Milev

Im Schatten der historischen Forschung an Universitäten und Leibniz-Instituten entsteht ein monumentales Werk, das die hegemonialen Narrative über die Zeit der Teilung, über die Wiedervereinigung und damit auch über die deutsch-deutsche Gegenwart herausfordert. Pünktlich zum runden Jubiläum hat Yana Milev ihre Trilogie „Ostdeutschland seit 1989/90“ fertiggestellt. Yana Milev: Entkoppelte Gesellschaft – Ostdeutschland seit 1989/90. Drei Bände: Anschluss, Umbau, Exil. Berlin: Peter Lang 2019, 2020 Eine Rezension von Michael Meyen Vor diesem Werk muss jeder Rezensent schrumpfen. Yana Milev kippt eine Unmenge an Material vor … „Der Think Tank Yana Milev“ weiterlesen

Deutsch-Deutsches durch die Brille der Werbung

„Der Westen verostet“ – und das schon 2007. Die Werbeagentur Fritzsch & Mackat hat damals zusammen mit der Superillu nach dem „deutsch-deutschen Geheimnis“ gesucht und dabei eine „Ost-Identität“ gefunden, die vieles von dem zu verstehen hilft, was seitdem passiert ist. Vielleicht sogar die Dankbarkeit (oder die Ergebenheit), mit der dieses Land auf die „angekündigte Krise“ reagiert hat, die durch ein Virus getriggert wurde (Schreyer 2020). Normalerweise ignoriert die akademische Sozialwissenschaft die Werbefuzzis. Alles Blendwerk, heißt das Vorurteil. Bunte Folien, die verdecken sollen, dass man … „Deutsch-Deutsches durch die Brille der Werbung“ weiterlesen

Von „Jammer-Wessis“ und Einheits-Vorreitern

Wissenslücken in Sachen DDR schließen und erkunden, was die Vergangenheit mit der Gegenwart zu tun hat: Seit knapp zwei Jahren fördert das BMBF dafür 14 Forschungsverbünde. Jetzt trägt diese Initiative erste Früchte. Das Mainzer Projekt zur psychischen Gesundheit hat eine Studie vorgelegt, die zeigt, wie sich die Bewertung der deutschen Einheit seit 1990 verändert hat und welche Rolle die Binnenmigration beim Zusammenwachsen spielen könnte (Heller et al. 2020). Elmar Brähler, Jahrgang 1946, der den Mainzer Verbund leitet, ist selbst so ein Binnenmigrant: Abitur in … „Von „Jammer-Wessis“ und Einheits-Vorreitern“ weiterlesen

Mensch Lippi

Lippi, natürlich. Komisch, dass mir das nicht sofort eingefallen ist, als ich begonnen habe, nach Medienmenschen aus der DDR zu suchen. Wolfgang Lippert, der erste gesamtdeutsche TV-Star, ein Mann, der schon vor der Wende ganz regulär im Westfernsehen auftreten durfte. Noch besser: Er hat ein Buch geschrieben über seinen Aufstieg und über seinen Fall und damit auch über die Schwierigkeiten mit der deutschen Einheit. Wolfgang Lippert: Wetten dass … Erna kommt?! Mein buntes Leben – schwarz auf weiß. Unter Mitarbeit von Karin Weingart. Berlin: … „Mensch Lippi“ weiterlesen

Einheitsroman

„89/90“ von Peter Richter heißt die Antwort auf die Frage, welcher Roman am besten zum runden Einheitsfest passt. Der Autor war selbst dabei, als alles passiert ist, und er kann schreiben. Außerdem lenkt die Lektüre nicht zu sehr von den hegemonialen Narrativen der Gegenwart ab. Peter Richter: 89/90. Roman. München: btb 2017. Eine Rezension von Michael Meyen Ich gebe zu: Ich bin ein wenig neidisch. Peter Richter, Jahrgang 1973 und damit nur ein paar Jahre jünger als ich, kennt all die Details noch, die … „Einheitsroman“ weiterlesen

Nochmal Techno, diesmal persönlich

„Ü“ oder „Ei“? Paul van Dyk hat diese Frage mitgeschleppt aus einer Jugend in der DDR, in der er noch Matthias Paul hieß und sich um die Aussprache von Namen keine Gedanken machen musste. Eisenhüttenstadt und der Osten Berlins haben der erfolgreichsten DJs der Welt hervorgebracht. Auch deshalb hat es Pauls Buch in diesen Blog geschafft, obwohl er eigentlich über seinen Unfall schreiben will und darüber, wie man selbst die härtesten Schläge des Schicksals verkraften kann, wenn man etwas Glück hat und vor allem … „Nochmal Techno, diesmal persönlich“ weiterlesen

Von Ferienplätzen, Neubauwohnungen und Vertragsarbeitern

Auferstanden im Verbrechen. Max Annas, 1963 in Köln geboren, schreibt 30 Jahre nach dem Mauerfall Krimis, die in der DDR spielen. Gehört das zum medialen Erbe dieses verschwundenen Landes? Komische Frage, die niemand stellen würde, wenn es um Sonnenallee ginge oder um Das Leben der Anderen. Oberleutnant Otto Castorp gehört auf jeden Fall ins Kino. Bis es soweit ist, lesen wir die Bücher von Max Annas. Max Annas: Morduntersuchungskommission. Roman. Hamburg: Rowohlt 2019. Eine Rezension von Michael Meyen Ich bin kein großer Krimileser. Eigentlich … „Von Ferienplätzen, Neubauwohnungen und Vertragsarbeitern“ weiterlesen

Matthias Freihof: „Der Mauerfall war ein Rückschritt für alle Schwulen im Osten“

Paulina Krauth ist es gelungen, für ihr Essay in der Vorlesungsreihe „Das mediale Erbe der DDR“ mit „Coming-Out“-Star Matthias Freihof zu sprechen. Wer diesen Film von Heiner Carow nicht kennt: „Coming Out“ brachte das Thema Homosexualität auf die große DDR-Leinwand – und das ausgerechnet am 9. November 1989. Homosexualität und Medien in der DDR: das Beispiel „Coming Out“ (1989) Von Paulina Krauth Der Film „Coming Out“ war wie die ostdeutsche Schwulenrechtsbewegung kein Produkt einer koordinierten staatlichen Initiative. Vielmehr kann die Produktion Heiner Carow zugeschrieben … „Matthias Freihof: „Der Mauerfall war ein Rückschritt für alle Schwulen im Osten““ weiterlesen

Zwischenbilanz zur Einheit

Trotz Corona: Deutsch-deutsche Themen haben in der politischen Bildung weiter Konjunktur. Nicht einmal ein Jahr nach ihrer Wahl- und Jubiläumsausgabe mit dem Titel „Das letzte Jahr der DDR“ legt die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ nach und liefert in sieben Texten eine Bestandsaufnahme mit dem Titel „Deutsche Einheit“. Wer nicht viel Zeit hat und die Essenz einer solchen Nummer sucht, wird in aller Regel vom APuZ-Editorial sehr gut bedient. Anne-Sophie Friedel schreibt hier neben dem „Deutungskampf“, der gerade läuft (wer sagt was über Treuhand, … „Zwischenbilanz zur Einheit“ weiterlesen

Ein Riss, herbeigeschrieben

„Ein Erbe der DDR“ heißt gleich das vierte Kapitel in diesem Buch. Knapp 20 Seiten über „staatlich verordneten Antifaschismus“ (S. 56), über „aggressiven Nationalismus“ als Begleitmusik des 89er Herbstes (S. 57) und vor allem über das „rassistische Reinheitsgebot“ (S. 59), das Michael Kraske überall im Osten findet und auf eine Vergangenheit zurückführt, in der kaum jemand lernen konnte, wie bereichernd es sein kann, „Menschen anderer Herkunft“ um sich zu haben (S. 54). Michael Kraske: Der Riss. Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört. … „Ein Riss, herbeigeschrieben“ weiterlesen

Zensur, der Sommer 1989 und die Forschung von heute

Auch das gehört offenbar zum Medienerbe der DDR: Christian Gläßel und Katrin Paula schauen in das Jahr 1989 und zeigen, dass mehr Zensur nicht automatisch mehr Stabilität erzeugt, sondern nach hinten losgehen kann – vor allem dann, wenn es glaubwürdige Alternativquellen gibt. Mit dieser Studie haben es die beiden Mannheimer Politikwissenschaftler in eine US-Zeitschrift und in das Grafik-Magazin Katapult geschafft (Ausgabe 17/2020). Das Problem: Sie schauen nur auf ihre Daten und blenden den Kontext aus. Historische Forschung geht anders. Okay: Das American Journal of … „Zensur, der Sommer 1989 und die Forschung von heute“ weiterlesen

Birk Meinhardt, die SZ und das Ende der Illusionen

Manchmal kommt das Glück per Post. „Ich schicke Ihnen heute dieses höchst bemerkenswerte Buch“, schreibt die Pressefrau vom Eulenspiegel-Verlag. Birk Meinhardt. Das klingt gut. Fast noch besser klingt das, was im Begleitbrief steht. „Kein Krach- und Skandalbuch“, sondern die Geschichte einer „zunehmenden persönlichen Enttäuschung“ – geschrieben von einem der Medienmenschen, um die es in meinem Forschungsprojekt geht. Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch. Berlin: Das Neue Berlin 2020 Eine Rezension von Michael Meyen In diesem Projekt möchte ich wissen, ob es … „Birk Meinhardt, die SZ und das Ende der Illusionen“ weiterlesen

Maxie Wander reloaded

Ein Buch über Männer. Ein Buch über Ost-Männer. Geht das nach alldem, was in den letzten Jahren passiert ist? Nach Pegida, AfD, MeToo? Es geht. Es macht sogar Spaß. Greta Taubert lässt 16 Ostdeutsche sprechen und wandelt dabei auf den Spuren der großen Maxie Wander. Greta Taubert: Guten Morgen, Du Schöner. Begegnungen mit ostdeutschen Männern. Berlin: Aufbau 2020 Eine Rezension von Michael Meyen Ich muss vorwegschicken, dass ich so ein Ost-Mann bin. Einer von denen, für die sich Greta Taubert hätte interessieren können. Ein … „Maxie Wander reloaded“ weiterlesen

Parteifunktionär, Zeitzeuge, Historiker

Egon Krenz ist ein vorbildlicher Zeitzeuge. Wer sich mit der DDR, mit dem Umbruch 1989/90 oder mit dem Schicksal von Spitzenfunktionären der SED beschäftigen möchte, findet in seinen Büchern Material und Perspektiven, die über die Archive hinausreichen. Krenz ist so zum medialen Erbe der DDR geworden. Egon Krenz: Wir und die Russen. Die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau im Herbst ’89. Berlin: edition ost 2019 Eine Rezension von Michael Meyen Dieses Buch hat es gleich zweimal in die Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung geschafft – … „Parteifunktionär, Zeitzeuge, Historiker“ weiterlesen

Rockgeschichte monumental

Dieses Buch fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. Das beginnt schon beim Format (30 mal 25 Zentimeter) und hört beim Gewicht nicht auf. Ein Ziegelstein, geeignet für jedes Aufbautraining. Lutz Kerschowski und Andreas Meinecke haben der Rockszene der DDR ein Denkmal gesetzt. Lutz Kerschowski, Andreas Meinecke (Hrsg.): Östlich der Elbe. Songs und Bilder 1970-2013. Berlin: Ch. Links Verlag 2020. Eine Rezension von Michael Meyen Ich weiß gar nicht, was ich zuerst loben soll. Die Bilder. Die Essays. Das Layout. Die Auswahl der Songtexte. … „Rockgeschichte monumental“ weiterlesen

Von den Schwierigkeiten mit der Vergangenheit

Der Titel dieses Dok-Films ist DDR-Erbe pur: „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“. Regisseur Florian Kunert, Jahrgang 1989, ist nach Neustadt in Sachsen gefahren und hat festgehalten, wie stark der untergegangene deutsche Staat selbst Nachgeborene wie ihn noch prägt. So ein Online-Festival hat auch Vorteile. Man kann die Filme perfekt in den Tagesablauf einbauen und verpasst vor allem das Q&A nicht. Wer weiß, ob Florian Kunert überhaupt zum Dokfest nach München gekommen wäre. So aber sitzt er jederzeit zum Interview bereit und kann die Geschichte … „Von den Schwierigkeiten mit der Vergangenheit“ weiterlesen

Zurück aus dem Exil

Yana Milev ist in diesem Blog schon gewürdigt worden – als Stimme in der Corona-Krise, die das Gestern und mit dem Heute verlinkt (vgl. Tröger 2020). In ihrem Buch „Das Treuhand-Trauma“ steckt mehr. Deshalb ein zweiter Aufschlag, der über das hinausgeht, was Verlag und Autorin im Netz und in Interviews dazu veröffentlicht haben. Yana Milev: Das Treuhand-Trauma. Die Spätfolgen der Übernahme. Berlin: Das Neue Berlin 2020. Eine Rezension von Michael Meyen „Ich bin Opfer“, sagt Yana Milev gleich zu Beginn. Sie muss das sagen, … „Zurück aus dem Exil“ weiterlesen

Warum die DDR entschwindet

Zeitläufte, Schule und Filmförderung leisten ganze Arbeit: Wer um 2000 geboren wurde, im Süden oder Westen aufgewachsen ist und jetzt in München Kommunikationswissenschaft studiert, hat zur DDR die größte denkbare Distanz. Ein graues Land, in jeder Hinsicht weit entfernt und ein guter Grund, das Leben in „Freiheit“ und mit den „richtigen“ Geschichtsbüchern zu lieben. Die Vergangenheitspolitik hat folglich ganze Arbeit geleistet. Für ein anderes DDR-Bild und mehr Interesse braucht es Zufälle, die immer mit Menschen zu tun haben: mit der eigenen Familie, mit dem … „Warum die DDR entschwindet“ weiterlesen

Die DDR bei Moritz von Uslar: Saufen gegen die Langeweile

Cornelius Pollmer hat Moritz von Uslar in der Süddeutschen Zeitung freigesprochen. Falsch der Vorwurf, der Reporter sei „ausschließlich fixiert auf Männlichkeitsquatsch“. Falsch auch der Vorwurf, er erhebe sich „über die Menschen in Zehdenick“. Das Buch „Nochmal Deutschboden“, sagt Cornelius Pollmer, sei „schlicht ein gutes Dokument unserer Zeit“. Also auf zu einer Dokumentenanalyse. Moritz von Uslar: Nochmal Deutschboden. Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2020. Eine Rezension von Michael Meyen Cornelius Pollmer ist natürlich Partei. Ein Jahr vor Moritz von Uslar … „Die DDR bei Moritz von Uslar: Saufen gegen die Langeweile“ weiterlesen

Trist, Trister, Tannbach

Ausgewogen, hat ein Kollege über diese Serie gesagt. Ost und West nehmen sich da irgendwie nichts. Es geht um „Tannbach“, zehn ZDF-Stunden, produziert 2015 und 2018, längst auf Netflix. Recht hat er, der Kollege. Nur: Leben möchte man in beiden deutschen Ländern nicht. Zur Erinnerung: „Tannbach“ ist ein Dorf, das in dieser Filmwelt direkt an der Grenze liegt, in Thüringen, da, wo sich nach einem kurzen Intermezzo im Frühsommer 1945 die Besatzungszonen der Sowjetunion und der USA treffen und später DDR und BRD. Das … „Trist, Trister, Tannbach“ weiterlesen

Frischer Ost-Blick

Die Idee war perfekt: Ein Buch über den Osten, geschrieben von einer jungen Frau, die erst nach und nach gemerkt hat, dass sie ein „Ossi“ ist, und genau deshalb den Diskurs verändern kann – jetzt, ein paar Wochen vor den Jubelfeiern zu 30 Jahren Einheit. Dann kam ein Virus, und niemand weiß, ob nicht auch das „Ostbewusstsein“ unter seinen Opfern sein wird. Valerie Schönian: Ostbewusstsein. Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die deutsche Einheit bedeutet. München: Piper 2020. Eine Rezension … „Frischer Ost-Blick“ weiterlesen

Die DDR in Unterleuten

„Meine Welt gibt es nicht mehr“, sagt Kron im dritten Teil zu Hilde Kessler, mit einem Blick, der so traurig ist wie die vielen Falten in seinem Gesicht. Hilde hat trotzdem kein Mitleid. „Das geht hier den meisten so.“ Krons „Welt“ war die DDR, die in „Unterleuten“ überhaupt nicht zu sehen ist und den Film doch trägt. Dieser Kron wird von Hermann Beyer gespielt, 1943 in Altenburg geboren und berühmt geworden an den Berliner Theatern der DDR. Gorki, Volksbühne, BE. Beyer weiß, wie man … „Die DDR in Unterleuten“ weiterlesen

O-Töne aus dem Osten, ungefiltert

Erfurter Protokolle, sagt Klaus Dörre in seinem Vorwort zu einem Buch, das jeden Rahmen sprengt und förmlich nach Einordnung und Erklärung ruft. Dörres Vergleichsobjekt sind die Bottroper Protokolle – eine Interviewserie von Erika Runge (1968), die damals Menschen aus dem Ruhrgebiet sprechen ließ und so eine Quelle schuf, die jeder braucht, der sich mit der Arbeiterklasse im Ruhrgebiet beschäftigen will. Nun also der Osten. Wenn man so will: ein Stück mediales Erbe der DDR. Uta Heyder (Hrsg.): Born in the GDR. Angekommen in Deutschland. … „O-Töne aus dem Osten, ungefiltert“ weiterlesen

Gundermann lebt und mit ihm eine DDR im Aufbruch

Die sozialistische Utopie in München, in einem Keller zwar, aber trotzdem großartig. Ihr Film werde im Westen noch etwas zögerlich gebucht, sagt Grit Lemke, die Regisseurin, im Monopol-Kino. Hier könne man nicht so viel anfangen mit Gerhard Gundermann, dem Liedermacher aus der DDR. Vermutlich ist es nicht nur das. Lemkes Dokumentarfilm Gundermann Revier kämpft an gegen den hegemonialen Diktatur- und Individualismusdiskurs. Grit Lemke, Jahrgang 1965, ist in Hoyerswerda aufgewachsen. Gerhard Gundermann, zehn Jahre älter, saß bei ihr am Abendbrot-Tisch. Zumindest wurde dort oft über … „Gundermann lebt und mit ihm eine DDR im Aufbruch“ weiterlesen

Fernsehballett: Erbe verspielt

“Sterbender Schwan”: Unter dieser Überschrift ordnet Hans Hoff am 4. Februar auf der Medienseite der Süddeutschen Zeitung eine Meldung  ein, die nicht nur ihm bekannt vorkommt. Wir dokumentieren den Text hier im Wortlaut und lassen dabei notgedrungen das Foto weg, das das Ensemble bei einer Weihnachtssendung in Chemnitz zeigt. Das Deutsche Fernsehballett steht vor dem Aus. Mal wieder. Ende 2020 sollen zum letzten Mal vor Kameras die Beine geschwungen werden. Ende 2021 soll dann nach einer Abschiedstournee endgültig Schluss sein mit dem Gruppentanz. Dann … „Fernsehballett: Erbe verspielt“ weiterlesen

Der Mauerfall als Geschichtskrimi

Der Klappentext verspricht nicht zu viel. „Spannend wie ein Krimi“ ist dieses Buch und „höchst anschaulich“ noch dazu. Pünktlich zum 30. Jahrestag hat Hans-Hermann Hertle seine „Chronik des Mauerfalls“ aufpoliert. Man weiß, wie alles ausgeht, und muss doch immer weiterlesen. Für den Medienforscher wartet am Ende sogar noch eine Belohnung. Hans-Hermann Hertle: Sofort, unverzüglich. Die Chronik des Mauerfalls. Berlin: Ch. Links Verlag 2019. Eine Rezension von Michael Meyen Hans-Hermann Hertle hat mit allen gesprochen, die irgendwie wichtig waren an diesem Tag, und jedes Blatt … „Der Mauerfall als Geschichtskrimi“ weiterlesen

Resozialisierung, unvollendet

„Die Westdeutschen verstehen nicht, dass sie Westdeutsche sind“, sagt Timothy Snyder im Spiegel Spezial zu 30 Jahren Mauerfall. „Sie denken, sie seien einfach Deutsche. Sie definieren, wie die Ostdeutschen deutsch zu sein haben.“ Nun: Der Spiegel definiert schon mit. Er lässt in diesem Heft auch Ostdeutsche sprechen. Und er fragt, was die Medienmenschen ausmacht, die aus dem Osten kommen. So ein Heft füllt viele Abende. Gespräche (mit Wolf Biermann und Timothy Snyder), Interviews (Rainald Grebe und erfolgreiche „Ostfrauen“ von Karola Wille bis Johanna Wanka), … „Resozialisierung, unvollendet“ weiterlesen

Mädchen aus Ost-Berlin

Schade. Schade um Udo. Schade vor allem um diese Chance, deutsch-deutsch zu erinnern. Ein Ausrufezeichen haben die Macher in den Filmtitel hineingemogelt, aber „Lindenberg! Mach dein Ding“ erzählt dann doch nur eine ganz normale Aufsteigergeschichte West, mit Mama-Papa-Kitsch und ganz viel Schnaps. Es gibt die DDR in diesem Film, ein paar Minuten wenigstens. Udo besoffen auf einem Parkplatz unterm Fernsehturm. Petra. Eine verrauchte Wohnung, mit den Tapeten, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, mit Nachbarn und Freunden und genauso viel Alkohol wie … „Mädchen aus Ost-Berlin“ weiterlesen

Der kalte Atem des DDR-Diskurses

Das Cover macht Angst. Ein Plattenbau, grau, nass, ohne Anfang und ohne Ende. Aus diesem Haus kann niemand entkommen. In der Mitte hat die Fassade einen Knick, der auch die großen gelben Buchstaben des Buchtitels trifft. NACHWENDEKINDER. Johannes Nichelmann ruft nach Hilfe. Er will, dass seine Generation gehört wird. Dass endlich das Loch verschwindet, in dem er und seine Freunde nach sich selbst suchen. Ein Buch über eine Identitätskrise, die im hegemonialen DDR-Diskurs und damit in der Geschichtspolitik wurzelt. Johannes Nichelmann: Nachwendekinder. Die DDR, … „Der kalte Atem des DDR-Diskurses“ weiterlesen

Geschichtstheater in Dresden

Früher war alles. Großartig, dieser Titel. Dirk Laucke erzählt am Staatsschauspiel Dresden „Geschichten von Träumen und Abwicklungen aus Freital“. Früher: Das ist die DDR. Und „alles“ ist das, was von da in die Gegenwart ragt. Die Kunst ist den Historikern voraus. Vielleicht weil sie da produziert wird, wo die Menschen wohnen. Dirk Laucke und Regisseur Jan Gehler stellen diese Menschen einfach auf die Bühne. Wie erzählt man heute Geschichte? Wie schafft man es, an einem nasskalten Novemberabend den Saal mit jungen Leuten zu füllen … „Geschichtstheater in Dresden“ weiterlesen

DDR-Museum Dresden

“Die Welt der DDR” liegt in einem Einkaufszentrum, ein paar Meter weg vom Albertplatz. Gute Lage, sozusagen. Zehn Minuten bis zum Goldenen Reiter und nochmal zehn zur Frauenkirche, wo sich die Touristen drängen an diesem 1. November. Bei der DDR ist das Interesse überschaubar. Rolltreppe hoch und nicht zu Aldi oder Rossmann, sondern rechts abbiegen. Vier Euro Eintritt, und schon ist man mittendrin in einem Sammelsurium, das eher an einen Dachboden bei Oma und Opa erinnert als an ein Museum. Vermutlich geht es genau … „DDR-Museum Dresden“ weiterlesen