Planet History

Autor: Monika Lehner

Ein Bild sagt mehr … (XXI): “Das ostasiatische Geschäft” (1914)

Großbritannien und Japan waren seit dem Vertrag von 30.1.1902 Verbündete – und im August 1914 forderte Großbritannien die Hilfe des Verbündeten. Japan trat an der Seite Großbritanniens in den Krieg ein. Das Deutsche Reich wurde per Ultimatum aufgefordert, alle Kriegsschiffe aus chinesischen und japanischen Hoheitsgewässern abzuziehen und die Kontrolle über ‘Tsingtao’ (Qingdao 青島) an Japan zu übergeben. Nach Ablauf des Ultimatus folgte die Kriegserklärung. Qingdao wurde am 7. November 1914 nach drei Monaten Belagerung besetzt. In der allgemeinen Presse (sowohl in deutschen als auch […]

千里之行,始於足下。10 Jahre ‘Wiener Chinabibliographie (1477-1939)’

“Eine tausend Meilen weite Reise beginnt vor deinen Füßen.”[1] Im April 2004 ging die “Wiener Chinabibliographie: Bücher über China in Wiener Bibliotheken (1477-1939)” online, im Dezember 2009 wurde daraus die Bibliotheca Sinica 2.0 – Zeit für einen Rückblick, eine Zwischenbilanz und einen Ausblick. Wie alles begann … Über die Jahre hatten sich – zuerst auf Notizzetteln und in Notizbüchern, später in Dateien auf vielen, vielen Disketten, in Text-Dateien und Excel-Tabellen bibliographische Daten angesammelt – Notizen und Anmerkungen noch aus Studienzeiten und aus ersten Forschungsarbeiten. […]

Ein Bild sagt mehr … (XX): M. Martini, “Situs provinciarum imperii Sinici” (1654)

Martino Martini (1614-1661) beschreibt in De bello tartarico (Amsterdam, 1654[1] ) den Übergang von der Ming 明- zur Qing 清-Dynastie – den er selbst als Zeitzeuge miterlebt hatte.[2] Einige der Ausgaben sind mit zahlreichen Illustrationen ausgeschmückt, die  erste Ausgabe, die 1654 in Antwerpen erschien, enthält eine einzige Abbildung:  “Sitvs provinciarvm imperii sinici. M. DC. LXIV” Auf dem kleinen Blatt – ein Faltblatt in einem Duodez-Bändchen – sind nur wenige Details eingefügt. Die Außengrenzen Chinas sind nichthervorgeben, von den Nachbarn sind “Corea” und “Giapon” verzeichnet, im […]

China-Comics: Yang, “Boxers” and “Saints”

Gene Luen Yang, der einem breiteren Publikum vor allem durch American Born Chinese bekannt wurde, legt mit Boxers & Saints eine zweibändige/zweiteilige Graphic Novel vor, die sich mit der Situation in China im späten neunzehnten Jahrhundert beschäftigt. Boxers & Saints wurde überwiegend positiv besprochen[1] und ist Anwärter für zahlreiche Preise. Jeder der Bände kann für sich gelesen werden, im Zusammenspiel ergeben sich zahlreiche neue Facetten. – was schon die Einbandgestaltung andeutet: Das Cover von Boxers zeigt im Hintergrund Qin Shihuangdi und die Hälfte des […]

Frühe Stimmen über das Chinesische (VI): Orientalisch- und occidentalische[r] Sprachmeister (1748)

In den sogenannten Vaterunser-Sammlungen des 17. und 18. Jahrhunderts wurde versucht,  Versionen des Gebets in möglichst vielen Sprachen zusammenzutragen. Zur Kompilation wurden häufig die von Missionaren gesammelten Sprachproben herangezogen, in einigen Fällen kommen dazu Bemerkungen zu den unterschiedlichsten Sprachen.[1] Keine Ausnahme bildet dabei der Orientalisch- und occidentalische[r] Sprachmeister[2], in dem 100 Alphabete und das Vaterunser in 200 Sprachen und Dialekten zusammengetragen sind. Die für China angeführten Vaterunser-Versionen (S. 111 f.) sind teilweise der 1710 erschienen Sammlung Oratio dominica …[3] entnommen – inklusive der dort enthaltenen […]

“Merken der Mandaryns” – Bilder chinesischer Rangabzeichen aus dem 17. Jh.

In der China-Literatur des siebzehnten Jahrhunderts sind Abbildungen selten,  die vorhandenen Illustrationen wurden häufig mehrfach verwendet[1]  – in der Regel ohne Quellenangaben. Manchmal werden Bildelemente aus verschiedenen Abbildungen zu einem neuen Bild kombiniert, manchmal wird 1:1 übernommen. Ein Beispiel dafür ist eine Tafel mit Abbildungen von Standarten, Wimpeln und anderen Gegenständen. Wohl zum ersten Mal wurde die Abbildung,  in Dappers Gedenkwaerdig bedryf …[2] von 1670 verwendet. Sie gehört (mit drei weiteren Tafeln) zum Abschnitt “Merken der Mandarins of Overheden, en dracht der Sinesen”[3] und […]

Ein Bild sagt mehr … (XIX): “Die verkehrten Verbeugungen” (1901)

Im Beitrag Sühne wurde eine Karikatur zur so genannten “Sühnegesandtschaft” diskutiert, die die Diskrepanz zwischen den Erwartungen an eine Sühnegesandtschaft und dem tatsächlichen Verlauf thematisierte. Nach dem eigentlichen Sühne-Akt überschlugen sich die Kommentare, wie das Ereigniss einzuschätzen wäre und warum sich wer wann wie verhalten hat. Eine sehr prägnante Interpretation findet sich in der Karikatur “Die verkehrten Verbeugungen.” im Kikeriki vom 15. September 1901: Die anonyme Karikatur, die knapp die Hälfte der Titelseite der Nummer ausfüllt, zeigt zwei Figuren: Rechts steht hoch erhobenen Hauptes […]

Ein Bild sagt mehr … (XVIII) : “Die Sühne” (1.9.1901)

Nach der Unterdrückung der Yìhétuán Yùndòng 義和團運動 [des so genannten „Boxer-Aufstands“] im Sommer/Herbst 1900 begannen die Friedensverhandlungen zwischen den Vertreter der Alliierten und den Vertretern Chinas. Diese Verhandlungen endeten mit der Unterzeichnung des so genannten “Boxer-Protokolls” am 7. September 1901.[1] Artikel I dieses Protokolls legte fest, dass China eine Sühne-Gesandtschaft nach Berlin schicken sollte, die sich offiziell für die Ermordung des deutschen Gesandten[2])) entschuldigen sollte.[3] Für die Leitung der Mission wurde Zàifēng 載灃 Prinz Chun [Chún Qīnwáng 醇親王] (1883-1951) ausgewählt, ein Halbruder des Guāngxù […]

Zur Arbeit mit Karikaturen

Eines der Themen dieses Blogs ist die Begleitung der Arbeit mit/an westlichen Karikaturen über China (einige Beispiele u.a. hier, hier, hier und hier). Das Blog dokumentiert die Arbeit an einem Korpus von mehreren hundert Karikaturen (und Witzzeichnungen) und Tausenden Textstellen aus österreichisch-ungarischen satirischen Periodika, vor allem die Herausforderung, Symbole, Attribute und Anspielungen richtig zu deuten. Das Medium Karikatur ist ein in der Geschichtswissenschaft unterschätztes Medium. Eine Ausnhame bildet die Geschichtsdidaktik, die in den letzten Jahren verstärkt Karikaturen als Mittel, Interesse an Geschichte zu wecken. […]

China-News: Nachrichten über den neuen Kaiser (1820/1821)

Nach dem Tod des Jiāqìng 嘉慶-Kaisers  am 2. September 1820 folgte ihm sein Sohn Miánníng 綿寧, dessen Name bei der Thronbesteigung in Mínníng 旻寧 geändert wurde, um eine Tabuisierung des Zeichen mián 綿 [„fortgesponnen“ nach Hauer[1]], das relativ häufig verwendet wird, zu vermeiden[2] Miánníng wurde am 9 Februar 1796 geboren, er war der zweite Sohn des Yǒngyǎn 永琰 / Yóngyǎn 顒琰, des noch 1796 unter der Devise Jiāqìng 嘉慶dem Qiánlóng-Kaiser folgte, und seiner Frau, Lady Hitara (posthumer Name: Xiàoshūruì Huánghòu 孝淑睿皇后, 1760-1797) unter der Devise Dàoguāng […]

Einmal Platz 2, einmal Platz 1 – #dehypoAward 2014

Die Freude ist groß: Mind the gap(s) landete bei der Jurywahl der Top-5 Blogs auf dem (mit  Ordensgeschichte und Pophistory) geteilten 2. Platz – in der Begründung heißt es: Die Jury findet: “Auch für Nicht-SinologInnen stets hoch spannend, mit wunderbaren kulturhistorischem Sinn und Stil. So geht Habilitation heute.”[1] Und es geht weiter: Der zweite Spezialpreis wird an das Blog verliehen, das mit den meisten Beiträge auf der Startseite vertreten war. Hier geht der Preis an: Mind the gap(s) – http://mindthegaps.hypotheses.org/ Glückwunsch an Monika Lehner, […]

China-News: Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus … (1871)

Die Wiener Weltausstellung 1873 war die erste im deutschsprachigen Raum – und die erste, an der sich China beteiligte. Die Vorbereitungen dafür begannen auf chinesischer Seite wohl unmittelbar nach dem Abschluss des ‘Freundschafts- Handels- und Schifffahrtsvertrags’ am 2.9.1869.  In den Wiener Blättern finden sich immer wieder Notizen zur Weltausstellung, darunter auch  Meldungen über die Vorbereitungen in China. Diese Texte geben Einblick in die Vorbereitungen und machen deutlich, welcher Anstrengungen es bedurfte, beovr am 1. Mai 1873 die Weltausstellung feierlich eröffnet werden konnte. Einer dieser […]

Werbung Anno 1776/1777: “Histoire générale de la Chine” (1777-1783)

Die Histoire générale de la Chine (1777-1783)[1] ) ist ein Monumentalwerk der China-Literatur des 18. Jahrhunderts. Diese lange Zeit[2] umfangreichste durchgehende Darstellung beschreibt die Geschichte Chinas von den legendären Kaisern bis in das Jahr 1780. Die ersten Bände sind eine (Auswahl-)Übersetzung des Tōngjiàn gāngmù 通鑒綱目, die von Joseph-Anne-Marie de Moyriac de Mailla (1669-1748) vor 1730 angefertigt und 1737 nach Paris geschickt worden war.  Band 9 behandelt die Dynastien Song 宋 und Yuan 元; die Bände 10 und 11 behandeln die Geschichte der Ming- und Qing-Zeit […]

China-News: Der Tod des Jiaqing-Kaisers (1820) in österreichischen Zeitungen

Die lose Reihe China-News widmet sich Zeitungsmeldungen, die Ereignisse in China behandeln. Am Beispiel der Meldungen über den Tod eines Kaisers in österreichischen Blättern sollen hier gezeigt werden, auf welchen Wegen Nachrichten aus Ostasien nach Wien kamen – und wie lange es dauerte, bis ein Ereignis in den österreichischen Zeitungen auftauchte. Am 25. Tag des 7. Monats des Jahres Jiaqing 25 (清仁宗嘉慶25年7月25日), am 2. September 1820 starb der Jiāqìng 嘉慶-Kaiser im kaiserlichen Sommerpalast (Bì Shŭ Shānzhuāng 避暑山庄) in Rèhé 热河.[1] Die konkrete Todesursache ist […]

Ein Bild sagt mehr … (XVII): “Das Schutz- und Trutzbündnis zwischen China und Japan” (1894)

Der Erste Chinesisch-Japanische Krieg 1894/95 endete mit der Unterzeichnung des Vertrags von Shimonoseki am 17. April 1895[1]. Während österreichisch-ungarische Blätter wie Kikeriki, Floh und Humoristische Blätter die Ereignisse in Ostasien intensiv kommentierten, finden sich  in den großen deutschen Blätter nur vereinzelt Texte und Karikaturen zum Thema. Ein Beispiel ist “Das Schutz- und Trutzbündnis zwischen China und Japan” im Kladderadatsch vom 28. April 1895[2], eine ganzseitige Karikatur von Gustav Brandt (1861-1919)[3]. Das Bild zeigt ein dösendes Nashorn ‘China’ im Bambus-Lehnstuhl, dem das Vögelchen ‘Japan’  ins […]

Ein Bild sagt mehr … (XVI): “Gelbe Jacken” (1894)

Eine Karikatur ‘funktioniert’, wenn sie spontan dekodiert werden kann, wenn also der Betrachter die Elemente der satirischen Darstellung mit Fakten- und Kontextwissen zu einem bestimmten Ereignis im Moment des Betrachtens verbindet. Die zeitliche Distanz lässt manche Karikatur kryptisch, mitunter unverständlich erscheinen. Manchmal sind einzelne Elemente nicht zu identifizieren, manchmal bleibt der Kontext (‘das Gemeinte’) unklar, manchmal sind alle Elemente klar, doch der Zusammenhang bleibt offen.  Ein Beispiel, das die Herausforderungen von Karikatur als Quelle deutlich macht,  ist das Blatt “Gelbe Jacken”, die Titelseite des […]

Ein Bild sagt mehr … (XV): En Chine (1898)

“En Chine” aus Le Petit Journal Nr. 374 vom 16. Januar 1898 ist ein Klassiker der China-Karikaturen des 19. Jahrhunderts[1] – Symbol für das Agieren der Mächte auf dem Höhepunkt des “Scramble for concessions”, des Wettlaufs um Konzessionen (und Einfluss) in China. Das Bild zeigt einen verweifelten Chinesen, der bei der Teilung Chinas, des “gâteau des Rois”, durch die Mächte zusieht: Großbritannien – verkörpert durch Königin Victoria das Deutsche Reich – verkörpert durch Kaiser Wilhelm II. Frankreich – verkörpert durch die Figur der Marianne Russland […]

Der “Marsch der Freiwilligen” 義勇軍進行曲: Vom Titelsong eines Films zur Nationalhymne

Fēngyǔn érnü 風雲兒女 [„Sons and Daughters in a Time of Storm“ oder „Children of Troubled Times“] aus dem Jahr 1935 erzählt die Geschichte eines Intellektuellen, der sein eher ‘westliches’ Leben aufgibt, um sich im Kampf gegen Japan zu opfern.  Die Handlung basiert auf einer Geschichte von Tian Han  田漢, der seit Anfang der 1930er Mitglied der Kommunisitischen Partei Chinas war, und der kurz nach der Veröffentlichung dieser Geschichte verhaftet worden war. Das Drehbuch schrieben  Tian Han 田漢 (1868-1968) and Xia Yan 夏衍 (1900-1995). Regisseur dieser […]

Ein Bild sagt mehr … (XIV): “Die junge Republik” (1912)

Mit dem 1. Januar 1912 –  guó chénglì jìniàn 國成立紀念 – begann offiziell die Republik China. Drei Tage vorher, am 29. Dezember 1911 war Sun Yat-sen 孫逸仙 zum provisorischen Präsidenten ernannt worden. In den europäischen Zeitungen waren die Entwicklungen in China eher Randnotizen, die Schlagzeilen dominierten andere Themen. Das spiegelt sich auch in deutschen satirisch-humoristischen Periodika[1], wo China nur selten groß thematisiert wird. Umso überraschender wirkt die Titelseite des Kladderadatsch vom 14. Januar 1912 mit “Die neue Republik”. Die Karikatur von Ludwig Stutz (1865-1917) […]

Ein Bild sagt mehr … (XIII): “Magot de la Chine” (1834)

Nach der Juli-Revolution (1830) begann die Blüte der satirisch-humoristischen Periodika mit La Caricature morale, religieuse, littéraire et scénique. Die erste Nummer der von Charles Philipon (1800-1862) herausgegebene Zeitschrift erschien 4. November 1830, das Blatt war nur im Abonnement erhältlich. Jede Nummer von La Caricature bestand aus vier Seiten Text und zwei ganzseitigen Lithographien, die herausnehmbar waren. Ein großer Teil dieser Blätter stammte von Honoré Daumier (1808-1879), einem der bedeutendsten Karikaturisten der Zeit. Daumier nutzte die exotische Verfremdung, um die aktuelle Situation in Frankreich zu […]

Geschichte Chinas im Bild: Fotosammlungen im Netz (IV)

In loser Folge werden Online-Fotosammlungen und Ressourcen zur Geschichte der Fotografie in China gesammelt, vgl. Teil 1, Teil 2 und Teil 3. Omaha Public Library: In der Charles Nelson Dietz Collection “World Stereoviews” finden sich ca. 80 Aufnahmen aus China – bereitgestellt in einem Album auf Flickr Commons[1] Photobibliothek.ch:  Photographien 1891-1900 > Bilder aus China Goethe-Institut China/China-Magazin: Vergessene Bilder – Deutsche Fotografen in China (vorgestellt von James Zeng-Huang (曾璜),China Features, Beijing)) Zum “Tank Man”: New York Times, The Lens – Photography, Video, and Visual […]

Formosanisch – Eine Fiktion des 18. Jahrhunderts

Die ‘Formosianischen Sprachen’ (langues formosanes, Formosan languages), die Sprachen der indigenen Völker Taiwans, sind für die Historische Linguistik von höchster Bedeutung. Sie bilden nach Blust mit etwa 300.000 Sprechern und 21 Sprachen 8-10 primäre Zweige des Austronesischen, während alle anderen austronesischen Sprachen (mehr als 1.100 Sprachen mit etwa 300 000 000 Sprechern) zu einem einzigen Primärzweig, dem Malaio-Polynesischen, gehören.[1] Während Blusts Theorien nicht unumstritten sind, herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass Taiwan einer der Ursprungsorte der austronesischen Sprachen ist.[2] Im Jahr 1703 –  lange bevor […]

Comment on Digitalisierte Zeitungen und OCR: Welche Forschungszugänge erlauben die digitalen Bestände? by Monika Lehner

Die Möglichkeit, „[c]omputergestützt […] große Korpora in kurzer Zeit aus[zu]werten“ ist ja verlockend … zumindest theoretisch. Praktisch steht und fällt die Auswertung mit der Qualität der Daten.
Ich habe unter <a href=“http://mindthegaps.hypotheses.org/796″ title=“China-News: Eine Zeitungsmeldung vom 28. April 1734″ rel=“nofollow“>China-News: Eine Zeitungsmeldung vom 28. April 1734</a> erste Spielereien mit der ANNO-Volltext-Suche dokumentiert.

Frühe Stimmen über das Chinesische (V)

Der niederländische Jesuit Cornelius Hazart (1617–1690)[1]war ein überaus produktiver Autor. Seine vierbändige Kerckelycke historie vande gheheele wereldt, namelyck vande voorgaende ende teghenwoordighe eevwe  (Antwerpen, 1667-1671)[2] erschien – versehen mit Ergänzungen anderer Jesuiten – in deutscher Übersetzung unter dem Titel Kirchen-Geschicht(e), das ist katholiches Christendum, durch die ganze Welt verbreitet (1678-1684)[3]. Im ersten Band der Kerckelycke historie  wird – neben zahlreichen anderen Staaten – China behandelt. Der Abschnitt beginnt mit einer kursorischen allgemeinen Beschreibung des Landes und seiner Bewohner. Ein kurzer Absatz ist der Sprache des […]

Das Leben einer Kaiserin im Film: Wu Zetian 武則天 (1939/1949/1963)

Die Kaiserin Wu – eigentlich  Wǔ Zétiān 武則天 (625-705, Wǔ Zhào 武曌 690-705) ist eine der umstrittenen Persönlichkeiten der chinesischen Geschichte – und eine, die immer wieder in der Literatur und in Filmen thematisiert wird. Wǔ Mèiniáng 武媚娘 war die Tochter eines Kaufmanns, die 637 als Konkubine an den kaiserlichen Hof des Tang Taizong kam. Sie wurde Konkubine des Kronprinzen, des späteren Tang Gaozong. Durch Intirgen und Mordkomplotte beseitigte sie ihre Gegner, um zur Haupfrau aufzusteigen. Nach dem Tod des Kaisers, den sie selbst […]

Politik und Agitation im Film: The Big Road 大路 (1934)

Dàlù 大路 [‚The Big Road“, „Breiter Weg“] von Sun Yu 孫瑜 entstand 1934, in der ersten Phase des Krieges gegen Japan.Der Film, in dem  Jin Yan and Li Lili die Hauptrollen spielen, verbindet lyrische Darstellung mit sozialen und politischen Themen. Der Film kommt ohne Dialoge aus, doch die Akteure singen bei der Arbeit am Straßenbau. Die besonderen Bildsprache soll in einer Zeit, in der der Krieg immer größere Teile Chinas erfasst, Mut machen und den Glauben an die Zukunft festigen[1]. Der Kampf gegen den Feind […]

Frühe & neue(re) China-Bilder – oder: Wo ist das 18. Jahrhundert?

Seit November 2012 sind auf  mind the gap(s) etwa 60 Beiträge entstanden, die sich vor allem mit (sehr) frühen China-Bildern und -texten oder mit Bildern des 19., 20. und 21. Jahrhunderts beschäftigen. Nur das 18. Jahrhundert erscheint weitgehend als ‘schwarzes Loch’. Es scheint an der Zeit, dem  “warum” nachzugehen … Auf den ersten Blick erscheint es paradox, dass mind the gaps(s) gerade das Jahrhundert, in dem die europäische Beschäftigung mit China bis dahin nicht gekannte Dimensionen erreichte, ausgeklammert wird, zumal allein die ‘Klassiker’ wie […]

Geschichte Chinas im Bild: Fotosammlungen im Netz (III)

In den letzten Jahren wurden einige Sammlungen erschlossen und (zumindest teilweise) digitalisiert (wenngleich noch viele verborgene Schätze in Bibliotheken und Archiven auf Bearbeitung und Erschließung warten). Die über Bibliotheken und Institutionen in aller Welt verstreuten Sammlungen eröffnen faszinierende Einblicke in die Geschichte Chinas. Einige dieser Sammlungen wurden bereits notiert (Teil I, Teil II), hier nun Teil III: Historical Photographs of China (Project Director: Robert Bickers, University of Bristol) Das Projekt lokalisiert und archiviert private Sammlungen von China-Fotos und macht sie zugänglich – derzeit etwa […]

Chinesische Namen für europäische Staaten: Wie entstehen “Tugend-Land”, “West-Klasse-Zahn” etc.?

Manches geistert monatelang durchs Netz – wie eine Landkarte, die am 25. April 2013 im blog haonawshaokao auftauchte und die es zuletzt sogar unter die The world explained: Maps revealing everything you need to know[1] schaffte. In dieser Karte werden die im Chinesischen geläufigen Bezeichnungen für die Staaten Europas ‘übersetzt’, indem die/eine wörtliche Bedeutung der zur Wiedergabe der Namen verwendeten Schriftzeichen angegeben wird. So wird aus 英國 Yīngguó [England] in der Karte “Braveland” – denn 英 yīng bedeutet (unter anderem) ‘Held/Heldin’ und 國 guó […]

Sozialkritik verpackt als Musical/Komödie: “Scenes of City Life” 都市風光 (1935)

Dūshì fēnguāng 都市風光 (“Scenes of City Life” oder “Cityscape”) ist eine der ersten chinesischen Musikkomödien in Spielfilmlänge. Der Film aus dem Jahr 1935 wurde im Westen erst in den letzten Jahren entdeckt.[1] Yuan Muzhi 袁牧之(1909-1978) verbindet in senem Regiedebüt unter anderem Action, Animation, Standbilder und Musical-Elemente, um eine Dreiecksgeschichte zu erzählen. ((S. auch: Laikwan Pang:  Building a new China in cinema: the Chinese left-wing cinema movement, 1932-1937  (Boston/Oxford: Rowman & Littlefield 2002), 54.)) Die Tochter eines Pfandleihers steht zwischen zwei Männern aus unterschiedlichen sozialen Schichten – […]

Glanz und Elend im Shanghai der 1930er: “Daybreak” 天明 (1933)

Der Stummfilm “Daybreak” – Tiānmíng 天明 (1933) ist ein typisches Beispiel für die sozialkritischen Filme der  Liánhuá yǐngyè gōngsī 聯華影業公司 [Lianhua Film Company]. Ling Ling (dargestellt von Li Lili 黎莉莉 (1915–2005) kommt mit ihrem Freund (dargestellt von Gao Zhanfei 高佔非) aus einem vom Krieg zerstörten Fischerdorf auf der Suche nach einem besseren Leben in die Metropole Shanghai. Weitab vom Glanz am Bund, den sie anfangs staunend besichtigt, erleben sie schnell die weniger glamourösen Seiten. Während er in revolutionäre Kreise gerät, landet sie als Arbeiterin […]

Ein Zeitdokument der ‘Bewegung Neues Leben’: “National Customs” 國風 (1935)

Die ‘Bewegung Neues Leben’ (Xīnshēnghuó yùndòng 新生活運動), die 1934 initiiert wurde, war ein Versuch der Guomindang 國民黨-Regierung sollte ein Gegengewicht zur kommunistischen Ideologie bilden. Das Programm erscheint als (mitunter bizarr anmutende) Mischung aus Konfuzianismus, christlichem Gedankengut, Nationalismus und Autoritarismus. Demokratie und Individualismus werden ins negative Licht gerückt, Sozialismus und Kommunismus scharf abgelehnt. Die Bewegung betonte moralische Werte und sollte Korruption und Opiummissbrauch bekämpfen. Vor dem Hintergrund dieser ‘Bewegung’ ist der Stummfilm  Guófēng 國風  (“National Customs”, 1935) von Luo Mingyou 羅明佑 und Zhu Shilin 朱石麟 (1899- […]

Die unerträgliche Schwierigkeit des Katalogisierens … und das dadurch verunmöglichte (Wieder-)Finden

An 25.10.2013 beschäftigte sich eine Konferenz an der Österreichischen Nationalbibliothek mit der Frage “Was können und was wollen Digital Humanities?” – mit der Verortung des Faches, mit konkreten Beispielen, aber auch mit der Frage nach der Rolle der Bibliotheken. Max Kaiser von der Österreichischen Nationalbibliothek stellte in seiner Präsentation Digital Humanities und die Österreichische Nationalbibliothek aktuell laufende DH-Projekte an der ÖNB (zum Teil in Kooperation mit anderen Institutionen) vor und umriss die Rolle von Bibliotheken in einem sich wandelnden Umfeld in durchaus schillernden Farben. […]

China-Bilder im Oktober 2013: “Die chinesische Prinzessin”

Der WDR-Tatort “Die chinesische Prinzessin” (Erstausstrahlung: Das Erste, 20.10.2013, 20:15) trug ziemlich dick auf. Im Drehbuch von Orkun Ertener werden viele Handlungsstränge miteinander verquickt. Der Münster-Tatort stellt die Protagonisten, Hauptkommisar Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Börne (Jan Josef Liefers) vor ganz neue Herausforderungen, die mit dem sonst für das Münsteraner Duo üblichen Slapstick-Akzenten, die sich aus der Gegensätzlichkeit des Duos ergeben, wenig zu tun haben; Die chinesische Künstlerin Songma stellt ihre Werke im Westfälischen Landesmuseum aus – und Börne ist begeistert. Am Morgen nach […]

This Life of Mine 我這一輩子 (1950)

Wo zhe yi bei zi 我這一輩子 (“This Life of Mine” oder “The Life of a Peking Policeman”) aus dem Jahr 1950 basiert auf dem Roman “Mein ganzes Leben”, den Lao She 老舍 (1899-1966)[1] im Jahr 1937, am Vorabend des Chinesisch-Japanischen Krieges, geschrieben hatte. In Rückblenden wird das Leben eines in den Straßen Beijings erfrierenden Bettlers erzählt, der einst Polizist war. Sein Leben erscheint als Querschnitt der chinesischen Geschichte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Shi Hui 石揮 (1915-1957)[2] zeigt das Schicksal des ‘kleinen Mannes’, […]

#AcWriMo 2013

Im November 2011 kreierte Charlotte Frost nach dem Muster des “NaNoWriMo”[1] die Aktion “AcBoWriMo”, den “Academic Book Writing Month” [2], die zum Teil kontrovers diskutiert wurde, zumeist mit dem Argument “Speed kills (quality)” – wobei Killer-Argumente wie ‘wissenschaftliches Schreiben braucht schlicht (mehr) Zeit’ und ‘ein Buch in einem Monat’ sich selbst disqualifizieren, denn niemand kann ernsthaft annehmen, dass ‘man’ in 30 Tagen von 0 auf 100 ein fertiges Buch schreibt … Seit 2012 heißt nun die Aktion “Academic Writing Monat”, kurz “AcWriMo” und spielt sich […]

Mr. Wong – ein chinesisch-amerikanischer Detektiv aus den 1930er Jahren

Nach dem durchschlagenden Erfolg von Earl Derr Biggers hawaiisch-chinesischem Detektiv Charlie Chan[1], tauchten bald weitere asiatisch-amerikanische Detektive auf – sowohl chinesisch-amerikanische als auch japanisch-amerikanische. Zu diesen asiatisch-amerikanischen Detektiven gehörte der von Hugh Wiley kreierte ‘James Lee Wong’. Der chinesisch-amerikanische Detektiv ist der Held einer Reihe von Kurzgeschichten, die zwischen 1934 und 1940 Collier’s Weekly[2] erschienen: “Medium Well Done (Collier’s Weekly 10.3.1934) “In Chinatown” (Collier’s Weekly, 30.6.19354) “The Thirty Thousand Dollar Bomb” (Collier’s Weekly, 28.7.1934) “Your Face Value by Hugh Wiley” (Collier’s Weekly, 4.8.1934) “Long Chance […]

Die Doppelte Zehn | 雙十

Shuangshi 雙十, die “doppelte Zehn” meint in der Regel den 10. Oktober 1911 – den Tag, an dem die  Xinhai-Revolution (xīnhài gémìng 辛亥革命)[1] begann.[2] Damals war der Aufstand in Wuchang 武昌 (heute Teil von Wuhan 武漢, Provinz Hubei 湖北), der am 10. Oktober 1911 begann, nur einer von zahlreichen Aufständen – dementsprechend gab es in den Tageszeitungen nur Kurzmeldungen, wie das Beispiel aus der Neuen Freien Presse vom 11. Oktober 1911 zeigt: Einnahme von Wutschang [i.e.: Wuchang 武昌] durch Revolutionäre. London, 11. Oktober. Das Reutersche Bureau meldet […]

Frühe Stimmen über das Chinesische (IV)

Mitte der 1680er Jahre kam der Missionar Philippe Couplet (1623-1693)[1]. mit  Michael Shen Fuzong 沈福宗 (m. 1691) und einem zweiten chinesischen Konvertiten nach Europa. Couplet und Shen wurden von europäischen Gelehrten unter anderem über die Natur der chinesischen Sprache ausgefragt. Claude Comiers beruft sich in seinem Traité de la parole, langues, et écritures[2] auf Couplet und “einen jungen Chinesen” (S. 2) namens “Mikelh Xín” (S. 4) für das kleine Kapitel, das sich mit der Sprache und der Schrift Chinas beschäftigt. Zunächst beschreibt der Autor […]

Street Angel 馬路天使 (1937)

Mǎlù tiānshǐ 馬路天使 (“Street Angel”, 1937) ist ein Klassiker des ‘linken’ Films der 1930er Jahre.  Der Film von Regisseur  Yuan Muzhi (1909-1978)  erscheint als Mischung aus Komödie und Melodram und erinnert an Hollywood-Tragikomödien der 1930er, zeichnet allerdings ein sehr pessimistisches Bild der Gesellschaft vor dem Krieg.[1]. Die Schwestern Xiao Hong und Xiao Yun waren auf der Flucht vor dem Krieg im Nordosten Chinas im Herbst 1935 nach Shanghai gekommen, wo sie von einem skrupellosen Paar ‘adoptiert’ wurden – de facto aber an das Paar, […]