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Author Archive for P. Alkuin

Neue Forschung über Abt Alois Wiesinger (1885-1955) brennend aktuell

Die Forschung über Abt Alois Wiesinger ist in keiner Weise abgeschlossen. Rudolf Pranzls Vortrag am 15. Oktober 2017 in Schlierbach brachte viele Themen ins Gespräch, die noch ausführlicher behandelt werden müssen. Wie die obige Schlagzeile vom Titelblatt der roten Zeitung Das Tagblatt (10. Jänner 1928) zeigt, war Wiesinger immer schon für unbequeme Lagerüberschreitungen gut (auch wenn er eigentlich immer Christdemokrat blieb). Er selber kam aus allerärmsten Verhältnissen und war daher zeitlebens für die Sorgen von Arbeitern und wirtschaftlich schlecht Gestellten offen; das war auch ein Grund für seine Missionsbegeisterung. 
In der Tat hat Wiesinger am Generalkapitel von 1925 (zusammen mit dem Wilhering Prior P. Justin Wöhrer) wesentlich dazu beigetragen, dass der Orden sich zur Missionsarbeit verpflichtete. Das Thema stand damals allerdings nicht auf der offiziellen Tagesordnung des Generalkapitels. Pranzls Forschung bringt etliche benachbarte Themen ans Licht, die zu wenig bekannt sind: Über Jahre hinweg bemühten sich Cistercienser der Allgemeinen Observanz um eine Eingliederung von P. Franz Pfanner OCSO, der aufgrund seiner missionarischen Arbeit in Südafrika mit seinen Oberen im Trappistenorden nicht zurecht kam. Später entwickelte sich Pfanners Gruppe zur eigenen Orden der Mariannhiller Patres: Sie hätten auch O.Cist. werden können! Ebenso gibt es eine Korrespondenz zwischen Wiesinger und dem Gründer der heute größten Cistercienserkongregation der Welt, P. Benedictus Thuan von Vietnam. 
Schlussendlich sei auf die ordenstheologischen Dimensionen dieser Forschung hindeutet: Wiesinger förderte die Cistercienser-Mission auch deswegen so intensiv, weil er damit das Erlöschen der Allgemeinen Observanz verhindern wollte. Dieser Flügel des Ordens war durch die Abspaltung der Trappisten im Jahr 1892 personell dezimiert. Wiesinger verstand die großen mittelalterlichen Epochen des Cistercienserordens als „Missionsgeschichte“. In seinem Denken ging eine Ordensreform in den Bereichen Liturgie, Armut, und reduzierter Pfarrseelsorge gemeinsam mit dem Missionsgedanken einher. Folglich erhielt er grünes Licht vom Generalkapitel, das die monastische Missionsarbeit aber nur mit Bedingungen erlaubte: Die Patres sollten nicht einzelne Missionsstationen übernehmen, sondern durch klösterliches Leben, liturgisches Apostolat und Schulen missionieren. Jede andere Art der Missionsarbeit (etwa Erstkontakte usw.) wurde damals ausgeschlossen. Das Themenkomplex Cistercienserorden und Mission ist auch für die Gegenwart brennend aktuell. 
Pranzls Aufsatz über Abt Alois Wiesinger erscheint in der 2018 Ausgabe der Analecta Cisterciensia.

Himmerod muss schließen, Berichterstattung lässt problematische Klischees erkennen

Die wahrharft traurigen Meldungen über Himmerods Schließung sind geschmückt mit irreführenden Worthülsen, die die Abtei u.a. als „das bedeutende Zisterzienserkloster aus dem Jahr 1135“ identifizieren, wie auf volksfreund.de zu lesen ist. Oder auf katholisch.de: „Nach fast 900 Jahren endet die Geschichte der Abtei.“ Der Text dient als Bildunterschrift zu einem Photo von der neobarocken Klosterkirche, deren Grundsteinlegung im Dritten Reich stattfand und die 1961 fertiggestellt wurde. Kein Kloster ist „aus dem Jahr 1135“, sondern es lebt in der Gegenwart, oder eben nicht. Der erste Konvent von Himmerod war seit 1802 aufgehoben. 1922 wurde es von der Abtei Marienstatt wieder gegründet; Großes wurde dort zum Lob Gottes geleistet, es war ein imposantes Kapitel der Ordensgeschichte mitsamt Blütezeiten und Niedergang, aber doch ein relativ kurzes: Himmerod II überlebte weniger als hundert Jahre.

Diese Relativierung ist angesichts der jüngsten Berichterstattung aus mehreren Gründen angebracht, erstens wegen der historischen Fakten. Von vielleicht noch größerer Dringlichkeit ist die Korrektur der problematischen Ekklesiologie. Als christliche Mönche streben Cistercienser nach der lebendigen Nachfolge des dreifaltigen Gottes und verstehen ihre Lebensaufgabe als Dienst und Geschenk in seiner Gegenwart. Diese Berufung konzentriert sich in klösterlicher Gemeinschaft und feierlicher Liturgie.

Die Andeutung, dass eine magische Ausstrahlung an einem Ort vorhanden ist, weil ein Heiliger ihn „gegründet“ hat, ist fragwürdig. Ein Bau allein kann nie die Nachfolge Christi verkörpern. Dieser Gedanke tröstet uns beim Abschied von einer hochherzigen Gründung, motiviert aber auch zu weiterem Tun! Auch wenn ein Heiliger jeden Stein des Klosters auf den anderen gelegt hätte, wäre damit keine „Aura“ entstanden, die für das Selbstverständnis der Mönche wirklich tragend wäre. Der lebende Mönch einer geschlossenen Abtei bleibt ein Berufener. Er lebt!

Romantisierende Vorstellungen aus einem platten Geschichtsverständnis sind besonders fehl am Platz, wo es gerade um den Cistercienserorden geht, der für Vereinfachung und Redlichkeit im Gottesdienst eintritt und bereit ist, sich von überholten Formen zu trennen. Der Orden ist nicht ein Verein zur Erhaltung von Kulturdenkmälern und denkmalgeschützten Sakralbauten, so erhebend ihre Schönheit sein mag.

Die aktuellen (und bevorstehenden) Klosterschließungen sind deswegen tragisch, weil sie eine Verarmung der Kirche darstellen und die religiöse Armut unserer Zeit dokumentieren, aber das Abgeschnittene wird wieder wachsen: Succisa virescit. Wie und wo, das ist Gottes Sache, und wir vertrauen darauf, dass er keinen im Stich lässt.

Grundsätzliches zum Begriff "Sakrallandschaft"

In seiner Keynote Ansprache zur Eröffnung der Tagung „Die Sakralisierung der Landschaft“ (Tagungsort Seitenstetten) am 11. Okt. 2017 ging der bekannte Kunsthistoriker Werner Telesko auf das Thema Sakrallandschaft ein. Im süddeutschen und österreichischen Raum ist an vielen Orten eine geistliche Topographie, vom Straßenkreuz über die Kreuzwege und Wallfahrtskirchen bis hin zum Gipfelkreuz eine religiöse Prägung, sofort auffällig. Die wissenschaftliche Reflexion darüber steht allerdings noch an ihrem Anfang. Telesko machte darauf aufmerksam, dass die Sakrallandschaft auf Erlebniszusammenhänge hin zu untersuchen sei, und nicht statisch im Sinne einer Ansichtskarte betrieben werden sollte.

Plastiken und Architektur machen die Landschaft in der Umgebung eines Klosters oder seiner Besitzungen zur Szene; aus der Natur wird Kunst geformt. In gewissen fällen wird sie auch zum Bühnenbild, etwa im Fall von Kalvarienbergen, Brücken mit Nepomukstatuen und Heiligen Stiegen.

Die Sakrallandschaft ist meist ein verhältnismäßig großflächiger Raum, in dem man wandern kann, ohne ein fixes Ziel zu haben. Diese Art Raumbegehung, so Telesko, sei auf ein unorthodoxes miteinander ausgerichtet. Da prägen diverse points de vue, Schrägansichten und von der Jahreszeit abhängige Perspektiven, die jedenfalls zu individualisierten Betrachtungen führen. Wallfahrts- und Pilgerwege sind dabei Frömmigkeitsfaktoren, die eine große Rolle spielen können.
Das Miteinander von Kunst und Natur ist bei Wallfahrtskirchen vor Bergkulissen besonders auffällig. Sie erzielen eine fiktive Harmonie von Kunst und Kultur, as ob die Bauten aus der Sakrallandschaft herauswachsen würden. Das Paradebeispiel dafür ist die Wieskirche im bayerischen „Pfaffenwinkel“: deren Dachprofil passt genau zum dahinter am Horizont stehenden Bergrücken.

Abschließend warnte der Keynote-Redner vor einer inflationären Anwendung des Begriffs Sakrallandschaft; viel eher müsste die Geschichtsforschung sich um historische „Sehegewohnheiten“ bemühen, die wiederum durch textliche und bildliche Quellen reflektieret werden. Der jetzige Zustand von Landschaften, die sich als sakral verstehen wollen, ist nicht zuverläßiges Indiz von dem, was sie früher waren. Auch „fachliche“ Restaurierung kann nicht sichern, wie die Landschaft früher wahrgenommen wurde. Gegenstände wie Votivbilder, Wallfahrtsandenken welcher Art auch immer und Klosterveduten seien zu berücksichtigen. Heinrich Scherers Atlas Marianus und Vischer Stiche sind gute Beispiele dafür. Trotz allem sei es nicht einfach, imaginäre und empirische Bereiche voneinander zu unterscheiden.

Schließlich erinnerte Telesko daran, dass eine Sakrallandschaft meist über Generationen hinweg gewachsen sei und bis in unsere Zeit nicht als abgeschlossen verstanden werden könne; daher sollen interpretative Systeme möglichst dynamisch bleiben.

Kolloquium über Abt Alois Wiesinger in Schlierbach

Abt Alois Wiesinger trug in einzigartiger Weise zum Missionswerk unter österreichischen Cisterciensern bei. Seine klösterliche Berufung war intensiv und von großer Ausstrahlung gesegnet; in seinem Stift Schlierbach leitete er einen regelrechten Eintritts-Boom ein, und zwar aus dem Geist strenger klösterlicher Disziplin, verbunden mit einem apostolischen Durst nach Seelen. Sein bescheidener familiärer Hintergrund verband ihn mit Arbeitern und ihren Sorgen; sein Studium in Innsbruck und seine Professorentätigkeit in Heiligenkreuz prägte ihn als Theologe und sein Feuer für die Mission hatte weitreichende Folgen für die Cistercienser in Lateinamerika bis zum heutigen Tag.
Vier Vorträge über zwei Tage (15./16. Okt. 2017) werden sich mit diesem großen Abt des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Mehr hier und unter bildungszentrum@stift-schlierbach.at


Ordensgeschichte(n) überschneiden sich fast immer


Viele haben festgestellt, dass die Ordensgeschichte in einer zu „exklusiven“ Weise betrieben wird. Dominikanerhistoriker schreiben nur über die Dominikaner, Jesuiten nur über Jesuiten, Cistercienser nur über Cistercienser. Das ist bedauerlich, weil es immer schon viele Überschneidungen gab und es sie fast immer geben muss.

Ein bekanntes Beispiel ist der Einfluss des Jesuitenordens auf die darniederliegenden monastischen Orden. Jesuiten dienten teilweise sogar als Novizenmeister in den monastischen Noviziaten. 
Aber das ist nur ein Anfang der Untersuchungen: Priester aus den Bettelorden wurden als Betreuer von Friedhöfen verwendet (Schwarzspanier in Wien), wo sie bei Laienbeerdigungen dienten. Ebenso wurden Mendikantenbrüder in Stiften für Aufgaben in Garten und Küche engagiert. Das konnten sie mit Seelsorge kombinieren, wie etwa die zwei Franziskaner-Eremiten, die 1760 als Konventdiener in Heiligenkreuz aktiv waren und dadurch ihren Lebensunterhalt verdienten. Sie wohnten wahrscheinlich im Häuschen am Kreuzweg, etwa 10 Gehminuten von der Klosterpforte entfernt, und haben dort (auch) Pilger betreut. Im Stift Kleinmariazell war 1760 der Franziskanerbruder Simeon Klein als Sakristan eingesetzt. 
Verfasser: P. Alkuin Schachenmayr. Belegstelle: Diözesanarchiv Wien, Protokoll der im Erzbistum befindlichen Eremiten, ohne Paginierung [3. beschriftete Seite].

Bart-Dispens für Jerusalemwallfahrt

P. Jakobus Mühlböck, ein junger Priester aus dem Stift Schlierbach, durfte vom 5. bis 29. April 1910 am Dritten Oberösterreichischen Pilgerzug ins Heilige Land teilnehmen. Zu diesem Anlass ließ er sich einen Bart wachsen, was sonst Cistercienserpriestern verboten war. Er trägt am linken Arm eine Armbinde, die ihn wahrscheinlich als Mitglied der Pilgergruppe 318 identifzierte. Weil er sich damit porträtieren lässt, deutet es darauf hin, dass Pilger ihre Binden stolz als Abzeichen verstanden haben. Reisen ins Heilige Land von großen Gruppen aus Österreich-Ungarn waren seit 1900 beliebt. Für die Teilnehmer war es ein Meilenstein, ein religiöses Erlebnis, auf das man ein Leben lang dankbar zurückschauen wollte. 

Für die Cistercienserforschung ist ein Foto eines Stiftsmitgliedes aus dieser Generation mit Bart sehr selten; allerdings waren Jerusalemwallfahrten schon lang ein Anlass für Dispensen: P. Wilhelm Neumann kleidete sich während einer Palästinareise (40 Jahre davor) als Beduin. 
Diese Cistercienser setzten mit ihrer Jerusalem-Begeisterung eine alte Tradition fort; die Spiritualität ihrer Ordensväter war auf die Inkarnation Jesu Christi besonders bedacht, daher war alles, was mit dem irdischen Leben Jesu zu tun hatte, für sie faszinierend. Der Kreuzzug-Gedanke (die heiligen Stätte zu schützen) entsprang dieser Faszination. Bis weit ins 20. Jh. verstand man die Kreuzzüge als romantisches, hochherziges religiöses Ideal. Freilich sind inzwischen die Erfahrungen von Tourismus und Exotik dazugekommen.

Der Mönch auf Urlaub?

Letztes Jahr gab es in der Erzabtei St. Peter eine Ausstellung zum Thema Mönche auf Reisen. Die Exponate aus 11 Jahrhunderten (!) belegten reichlich, dass Mönche auf Reisen keine junge Entwicklung ist. Die Sensation der Ausstellung war ein Reiseführer für Rom aus dem 9. Jh.; andere Exponate zeigten, dass mehrere Mönche den Vesuv bestiegen hatten und das Erlebnis als ein Höhepunkt ihrer Biographie verstanden. Diese Reiseziele sind auf Bildung und Entdeckung aus und nennen sich evtl. auch Wahlfart. 

In einem Aufsatz aus dem Jahr 2011 über die Mobilität der Konventualen des barocken Benediktinerstiftes Melk hat Thomas Stockinger gezeigt, dass in den drei Jahren 1709-1712 540 Teilnahmen eines Mönches an einer Reise stattfanden. Das Reiseziel war allermeistens innerhalb von Niederösterreich, denn die Reisen waren (auch) aus verwalterischen bzw. seelsorgerlichen Ursachen erfolgt.

Wie aber geht die Ordensgeschichte mit dem modernen Begriff Urlaub um? Mönche der Frühen Neuzeit besuchten auch Kurorte und Bäder; für sie waren in der Stadt Baden (NÖ) eigene Bäder reserviert. Kurorte sind nocht nicht Urlaubsziele, aber damit kommen wir dem modernen Begriff etwas näher. Das Thema Ferien und Urlaub wäre im Rahmen der Ordensgeschichte durchaus ergiebig, ist aber bislang nur wenig erforscht. Welche Art Reisen galten zu welchen Zeiten als erholsam und erbaulich? Mönchspriester, die in ein abgelegenes Frauenkloster reisen, um dort am Vormittag dem Schwesternkonvent geistliche Vorträge zu halten und am Nachmittag zu wandern, gilt als Reformvorbild in einigen Epochen. Es gibt auch Mönchsreisen, die weniger erbaulich sind bzw. von Oberen ungern gesehen werden. Vergleiche von Mönchsurlaubszielen und Abwesenheitsdauer in diversen Epochen wäre ein gewinnbringendes Projekt.

Wo war das Archiv in mittelalterlichen Cistercen?


Der in die Höhe gestreckte Speicher an der nordwestlichen Ecke des Heiligenkreuzer Hallenchors (siehe Bild) könnte ein mittelalterliches Archivdepot sein. Der nur über eine Wendeltreppe zugängliche Raum im Bereich des Querhauses ist generell schwer zu erklären. Ein ähnlicher Raum in Maulbronn wird von Matthias Untermann als Kapelle verstanden (Matthias Untermann, Gestapelte Kapellen: zum Ostbau der Maulbronner Klosterkirche, in: Stratigraphie und Gefüge, Stuttgart 2008, S. 189-198), aber andere, etwa Clemens Kosch, verstehen den schwer zugänglichen Raum eher als Schatzkammer, Aufbewahrungsort oder eben Archivdepot.

Katinka Häret-Krug hat uns auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, dass es sich hier, wie in Eberbach, um einen Aufbewahrungsort für kostbare Objekte für den Gottesdienst handeln könnte. Dafür spricht u.a., dass die Eberbacher Räume tonnengewölbt sind. Gewölbe wurden in Fällen der Aufbewahrung gerne verwendet, da sie feuersicherer sind als Holzdecken.

Anräume an und in Cistercienserkirchen sind ein Thema, dem sich die Forschung intensiver widmen sollte, da sie wörtliche „Randzonen“ sind, und gerade dort sind oft spannende Ergebnisse zu erwarten.

NACHTRAG: Folgendes Photo von Loccum ist an die EUCist News Redaktion geschickt worden: Hier wäre eventuell der Archivspeicher ähnlich gelegen, allerdings in der südöstlichen Ecke des Querschiffs.

Analecta Cisterciensia 66 (2016) erschienen!

In diesem Jahr werden zwei Ausgaben erscheinen; die 66 ist ab sofort lieferbar und die 67 kommt zur Jahreswende. Ganz neu und nirgendwo anders bald in irgendeiner annähernden Qualität und Dichte zu finden ist P. Pius Maurers Beitrag über Generalabt Gregorio Bartolini (1818–1890), sein Leben und sein Wirken. Maurer ist ohne jeden Zweifel der kompetenteste Forscher über das Generalat im 19. Jh., d.h. die Führung der Allgemeinen Observanz (O.Cist.) in äußerst schwierigen Zeiten. 
Ebenso so epochal ist die wissenschaftliche Einführung in den weiblichen Zweig des Ordens von den Anfängen bis 1350. David Williams hat in seinem bisherigen langen Forscherleben zahlreiche Publikationen vorgelegt; bei seinem letzten großen Werk geht es um Cistercienserinnen, deren Erforschung aus vielen Gründen schwer und zeitaufwendig ist. 
Ferner stellt Georg Schrott einen atemberaubenden (nicht baulich ausgeführten) Idealplan des Stiftes Waldsassen vor: eine wohl 1737 entstandene Radierung des böhmischen Malers Anton Smichäus.
Hinzu kommt die übliche große Auswahl an Rezensionen, Tagungsberichten und Nachrufen. Bestellungen bitte über bestellung[at]klosterladen-heiligenkreuz.at

Die Prostratio, Fortsetzung

Der erste Blogartikel zu diesem Thema (31. Jan. 2017) hat soviel Interesse hervorgerufen, dass die Redaktion sich für eine Fortsetzung entschieden hat…


Der große Usus-Forscher P. Gregor Müller O.Cist. hat für die Cistercienser-Chronik einiges über die Prostratio-Gebräuche verfasst. Die Ritualbücher liefern schließlich keine genaue Beschreibung darüber, wie die Prostratio konkret aussieht – abgesehen davon, dass man dabei auf dem Fußboden liegt. Die vor der Brust gekreuzten Arme während dieser Prostration scheint die korrekte Form bei den Cisterciensern zu sein, so Müller in CistC 11 (1899) 216. War sie auch selten (sie fand fast nur in den Beerdingungs- und Professriten statt), so lassen sich trotzdem zahlreiche schriftliche Belege lassen finden, etwa in folgenden Ritualbüchern: Liber Usum, Rituale O.Cist., Rituel françois pour les Religieuses und auch im Reglement de la Trappe
Bei Exsequien kommt die Prostratio in folgender Weise vor: Im letzten Teil der Beerdigungsliturgie, nach der Versenkung des Verstorbenen ins Grab, kehrt die Mönchsprozession in die Kirche zurück; die Mönche stellen sich der Seniorität nach entlang der Altarstufe auf und prosternieren sich mit dem Kopf zum Altar. Ist der Konvent groß, bildet sich eine zweite Reihe, eine Körperlänge dahinter, die sich ebenso zu Boden wirft. Der Abt kehrt, nachdem er in der Sakristei die Messgewänder abgelegt hat, an die Stufe zurück und nimmt seinen Platz auf dem Boden ein, den die ältesten Mönche ihm freihielten. Aus: CistC 27 (1915) 218-221.

EUCist11 am 17./18. Okt. 2017: Volkskunde der Stifte und Klöster

Das Europainstitut für Cistercienserforschung veranstaltet am 17./18. Oktober 2017 im Stift Heiligenkreuz eine Tagung zur religiösen Volkskunde der österreichischen Prälatenklöster. Schwerpunkte der mehr als 10 Referate sind Seelsorge und Grundherrschaft der Stifte, sowie Aspekte von Zeremoniell, Repräsentation und Ökonomie. Alle Vorträge beziehen sich auf die Zeit von 1600 bis 1800.

Hier geht’s zu den geplanten Vorträgen.

Osterzettel: Beleg für Beichte und Kommunionempfang

Das Bild zeigt einen Stapel von (vermutlich nicht ausgehändigten) Osterzetteln aus der Heiligenkreuzer Pfarre Steinbruch (heute Burgenland). Diese wurden im Jahr 1872 an die Katholiken verteilt, die ihre jährliche Beichtpflicht erfüllt und am Ostersonntag die Kommunion empfangen hatten.
Dieser Zettelentwurf ist verhältnismäßig schlicht; im ähnlichen Zusammenhang wurden reich bebilderte Zettel verteilt, auf denen eine breite Auswahl von religiösen Motiven (etwa biblische Szenen und Darstellungen des Pfarrpatrons) zu finden ist. Die Zettel sind eine deutliche Aussage über die enge Verbindung von Beicht- und Altarsakrament, die inzwischen in Westeuropa weitgehend vergessen worden ist. Es gibt heute nicht wenige Pfarreien, die auch in der Karwoche keine Beichtzeiten anbieten.
Freilich haben die Zettel auch etwas Beengendes an sich: Der Aufdruck des Namens der Pfarre zeigt, dass die Beichte ausschließlich beim lokalen Pfarrklerus abgelegt werden durfte; in einem kleinen Dorf war daher die Anonymität für den Pönitenten selten garantiert.

Reformationsausstellung in ehemaliger Cisterce mit Playmobil-Luther

Die aktuelle Ausstellung in Kloster Maulbronn, „Es begann mit Luther“, nimmt die Form einer Playmobil-Exhibition. Wem das wie eine große Werbung der Firma Playmobil erscheint, soll zur Kenntnis nehmen, dass die Ausstellung mit Plastikfiguren, die Luthers Leben und Wirken darstellen, vom Evangelischen Kirchenbezirk Mühlacker initiiert wurde. Durch das Spielzeug und die eigens dazu verfassten Begleittexte wollen Stationen die Reformation „ganz im Sinne Luthers“ veranschaulichen und zu „Aha-Effekten“ führen.

Der „Thesenanschlag“

Das Lutherjahr erreicht Ausmaße, die sich die zynischsten Kritiker seinerzeit nicht zu träumen erlaubt hätten, als sie gegen ein Gedenkjahr 1517–2017 rieten. Inzwischen sind nicht nur Playmobile, sondern auch Luther-Kondome (mit dem Aufdruck: „Hier stehe ich und kann nicht anders“) auf den Markt gekommen, die eindeutig belegen, wie wenig begabt unsere Zeit für das passende  Gedenken an die große Spaltung des Christentums ist.

Manche Cistercienserforscher werden über die Playmobil-Ausstellung in Maulbronn überrascht sein, einfach aus museumsdidaktischen Gründen. Man sollte die Ausstellung nicht überbewerten – sie dauert nur knappe zwei Wochen –, doch ist einiges bezeichnend. Der Thesenanschlag, der seit 50+ Jahren allseits als Mythos entpuppt worden ist, soll scheinbar an eine junge Generation als Mythos weitergereicht werden. Wozu solche Märchen weitertradieren? In der Auslegung der Geschichte ist man nicht so historisch-kritisch wie in der Auslegung der Bibel.

Da die Ausstellung Luther „nicht nur als Reformator, sondern auch als Familienvater“ zeigt, stellt sich die Frage, ob man bis 4. Mai 2017 auch eine Playmobil-Nonne Namens Katharina von Bora im Maulbronner Kreuzgang finden kann. Entsprechend dem Märchen, dass die zwei sich in der Klausur kennengelernt und aus heißer Liebe wenige Tage nach der Klosterflucht geheiratet hätten. Auch das sieht historisch-kritisch anders aus: Es hat zwei Jahre (und eine Absage von einem anderen Mann) gedauert, bis sie Luther zur Verehelichung überreden konnte.

Our Lady of Dallas: Beautiful Drama of Light in New Crypt

The Crypt

Our Lady of Dallas has gained another beautiful sacred space in keeping with the architectural success of the abbey Church built in 1992. The new crypt now nearing completion makes a clear statement about the resurrection of the dead by allowing a major slab of light to shine in and reach out toward the monks‘ coffins. Strong, clean and powerful forms assembled harmoniously in natural light are a hallmark of medieval Cistercian architecture; this style has lost none of its appeal. Even in our age the famous Modernist architect Le Corbusier stated: “Architecture is a learned game, correct and magnificent, of forms assembled in the light.” We can only congratulate the confreres in Dallas for continuing what was so auspiciously begun with their new abbey church 25 years ago. When finished in late April, 2017, a crucifix will be affixed to the rear wall of the crypt and a simple altar will stand there as well. It is designed to be a place of burial for 96 monks who will await their resurrection there.

Our Lady of Dallas: Beautiful Drama of Light in New Crypt

The Crypt

Our Lady of Dallas has gained another beautiful sacred space in keeping the with the architectural success of the abbey Church built in 1992. The new crypt now nearing completion makes a clear statement about the resurrection of the dead by allowing a major slab of light to shine in and reach out toward the monks‘ coffins. Strong, clean and powerful forms assembled harmoniously in natural light are a hallmark of medieval Cistercian architecture; this style has lost none of its appeal. Even in our age the famous Modernist architect Le Corbusier stated: “Architecture is a learned game, correct and magnificent, of forms assembled in the light.” We can only congratulate the confreres in Dallas for continuing what was so auspiciously begun with their new abbey church 25 years ago. When finished in late April, 2017, a crucifix will be affixed to the rear wall of the crypt and a simple altar will stand there as well. It is designed to be a place of burial for 96 monks who will await their resurrection there.

Reisen zum Generalkapitel um 1600


Das Generalkapitel der Cistercienser ist eine der wichtigsten Alleinstellungsmerkmale der Frühphase des Ordens, später wird ein jährliches Treffen in beinahe allen Orden zur Selbstverständlichkeit. Der regelmäßige Austausch und die dadurch ermöglichte europaweite Kommunikation waren geniale Neuerungen im Mittelalter. In der Frühen Neuzeit entsteht sogar eine eigene Textgattung dazu: Berichte über die Reise nach Cîteaux. Der älteste Reisebericht einer bayerischen Cisterce ist aus 1501. Eine der berühmtesten ist von P. Conrad Tachler, der in Raitenhaslach Kämmerer und Archivar war. Er vertrat 1605 und 1613 die die bayerische Ordensprovinz am Generalkapitel.

Die Reise von Bayern nach Burgund galt als beschwerlich und gefährlich, sie war ebenso recht teuer, denn man war mit Pferd (evtl. auch Kutsche) unterwegs und brauchte Begleitpersonen. Faszinierende Details aus der Alltagsgeschichte tauchen in Tachlers Bericht auf: Er trug einen schwarzen Umhang über seinem Ordensgewand, um wie ein Handelsreisender zu erscheinen, weil Mönche nicht reiten sollten. Männer hoch zu Ross galten als Mitglieder der überlegenen Klasse; das war für mittelalterliche und frühneuzeitliche Mönche, die sich zur Demut verpflichtete fühlten, peinlich.

Tachler und andere berichten über die sakralen Sehenswürdigkeiten, die sie unterwegs besichtigten und vom Abenteuer, das beim Reisen leicht zur Realität wird. Zum Beispiel war die Steinplatte, auf der die Leiche des hl. Bernhard gewaschen wurde, ein besonders beliebtes Verehrungsobjekt. Ebenso schätzten die Reisenden-bzw.-Pilger die Möglichkeit, die Hl. Messe am Grab des hl. Bernhard zu feiern und dabei „seine“ Kasel zu tragen.

Gründlich aufgearbeitet in: Klaus Wollenberg, Auf dem Weg nach Cîteaux. Erlebnisse und Ausgaben bayerischer und fränkischer Zisterziensermönche auf ihren Reisen zu den Generalkapiteln im 16. und 17. Jahrhundert, in Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 61 (1998) 255-294, besonders 274-194.

Schreibkunst im Stift Lambach

Die Werkstatt in Lambach

Im Mittelalter erlangte das oberösterreichische Benediktinerstift Bekannheit durch seine künstlerischen Handschriften und Klosterschule. Unter Abt Babo VIII. (1167-1194) gingen aus der Schreiberschule des Stifts einige ihrer schönsten Werke hervor, unter anderem das älteste Lambacher Nekrologium. Von den vielen kostbaren Handschriften wurden Anfang des 20. Jh.s einige veräußert. Erhalten sind jedoch u.a. die beiden “Lambacher Rituale” (in Lambach) und der “Lambacher Williram” von ca. 1175 mit einer Darstellung der Marienverkündigung (heute in Berlin).
Im 18. Jh. war Lambach ein Zentrum einer zum Jansenismus neigenden Gelehrsamkeit. Der 1764 indizierte Kanonist und Universitätslehrer P. Benedikt Oberhauser (1719-1786),  Stiftsbibliothekar P. Amand Greth (1724-1804) und schließlich Pater Comicus P. Maurus Lindemayr (1723-1783) waren alle provokante Denker.
Ganz im Sinne dieser gelehrten Tradition bietet das Stift für Schulgruppen eine „Schreibwerkstatt“ an, in welcher Jugendliche in die Welt der Kalligraphie eingeführt werden; sie erfahren dort über die Textproduktion des Mittelalters. In einem Zeitalter der Digitalisierung, in welchem Kursivschreibung mancherorts nicht mehr unterrichtet wird, Kinder nur mehr Blockbuchstaben verwenden können und Computertastaturen die Schreibkunst ruinieren, sind solche klösterliche Initiativen sehr zu begrüßen.
Anfragen über einen Besuch in Lambachs Bibliothek können an Dr. Christoph Stöttinger gerichtet werden (archiv@stift-lambach.at).

Bernhard und das Salve Regina

Das Gnadenbild im Dom zu Speyer 

Die Autorenschaft von marianischen Antiphonen ist besonders schwer festzustellen, weil das Mittelalter die Kategorie Autorenschaft nicht kennt. Wir haben im 21. Jh. immer noch unsere Probleme damit: Was ist schon geistiges „Eigentum“? Und wenn es geistlich ist, ist der Begriff Eigentum ganz verfehlt. Kann man die göttlich gegebene Inspiration juristisch festmachen?
Die zwei berühmten musikalischen Dichtungen, die Bernhard von Clairvaux zugeschrieben werden, sind das Jesus dulcis memoria (O liebster Jesu denk ich dein) und den Jubelzusatz zur Antiphon Salve Regina: o clemens, o pia, o dulcis virgo Maria! Beide Zuschreibungen sind (nach dem Urheberrecht zu schlussfolgern) unwahrscheinlich, doch die Überlieferungen sind für sich genommen wertvoll und vielsagend.
Die Legende vom Salve Regina meint zu wissen, dass als Bernhard zu Weihnachten 1146 in seiner Funktion als Legat im Dom zu Speyer den Kreuzzug predigte, er während des Singens des Salve Regina in Entzückung geriet. Er brach in Jubelrufen an Maria aus. Nach o clemens! sprang er 30 Fuß im Schiff in Richtung Altarraum, nach o dulcis! wieder, usw. Diese Stellen wurden im Dom mit drei Rosenzeichnungen im Fußboden gekennzeichnet.
Andere Überlieferungen, dass er sich alle 30 Fuß niederkniete, wären mindestens im Kontext der cisterciensischen Ritualgeschichte leichter einzuordnen, denn die benediktinische Professliturgie sieht vor, dass der Mönch sich dabei in drei langen Wegabschnitten dem Abt nähert, und bei jeder der drei Etappen den Ruf Suscipe me …! wiederholt. Dabei kam es in lokalen Abweichungen zu verschiedenen Körperhaltungen. Die Tradition kennt eine stehende mit entspannten Armen, eine mit den Armen in Kreuzesform ausgebreitet und eine kniende. Die Speyerer Legende zum Salve Regina könnte eine Verballhornung der monastischen Jubelrufe aus der Professliturgie sein.

Die Prostratio

Die Prostratio, sich im Altarraum mit dem Gesicht zu Boden ausstrecken, gilt als dramatisches Zeichen der Demut und Hingabe. Mit der Geste kann auch eine innige Bitte um Gebetserhöhrung zum Ausdruck kommen. Die Prostratio gibt es (heute) für den Mönch im Verlauf des üblichen Kirchenjahres nur einmal, und zwar bei der Kreuzverehrung am Karfreitag. Andere Anlässe sind seltener und mit der Übernahme gravierender Verantwortung verbunden, etwa die Abts-, Priester- und Diakonenweihe, wie auch die Feierliche und Zeitliche Profess, und auch (im privaten Kreis) während der Einkleidungszeremonie. In der heutigen Liturgie gibt es nie eine gemeinsame Prostratio, an der die ganze Klostergemeinschaft geschlossen teilnehmen würde.

Die Abbildung (oben) aus einer österreichischen Zeitung des späten 19. Jahrhunderts zeigt eine popularisierende Darstellung eines Trappistenkonventes, der die Prostratio gemeinsam ausübt. Die Frage stellt sich, ob die Abbildung nicht romantisierend zur Karikatur tendiert, oder ob die Trappisten diesen Brauch so ausübten. Was machten die Mitbrüder, die in der hinteren Reihe der Stallungen standen? Und was war der Anlass? Man beachte, dass in dieser Zeichnung aus der Romantik die Hände der Mönche vor der Brust gefaltet sind und nicht in der Kreuzigungsform ausgestreckt, wie man es heute gelegentlich sieht. 

Houellebecq begegnet während Kloster auf Zeit dem Mönch von Heisterbach

EUCist Leser, die Michel Houellebecqs vieldiskutierten Roman Unterwerfung lesen, werden darüber überrascht sein, dass eine Schlüsselszene des Romans im Benediktinerkloster Ligugé stattfindet. 

Der 44-jährige François, Professor für Literatur an der Pariser Sorbonne, hat sich auf Dekadenz spezialisert: Sein Forschungsschwerpunkt bildet seit mehr als 20 Jahren der Autor Joris-Karl Huysmans (1848-1907); über ihn hat er eine beinahe 800 Seiten starke Dissertation verfasst. Der Beamte Huysmans wäre heute so etwas wie ein pornosüchtiger Aktenschieber, der in einer sexuell-dekadenten Fantasiewelt lebt …. bis er 1892 das erste Mal „Kloster auf Zeit“ in der weltberühmten Benediktinerabtei Ligugé macht. Er bekehrt sich und wird Laienbruder.

Houellebecqs Erzähler François zieht sich auch nach Ligugé zurück, aber der Bekehrungseffekt bleibt aus. Damit schildert der Roman ein dumpfe Hoffnungslosigkeit, die in Richtung Islamkonversion geht, und macht somit einen Kommentar über Islams düstere Zukunft in Europa als Religion des apathischen Niedergangs.

Huysmans hat sich existentiell als Laienbruder für Buße und Sühne entschieden. Das Christentum gab ihm neues Leben; mit den Kategorien von Sünde und Heil konnte er neue Orientierung finden. Der gelehrte François, aber, bleibt auf der Oberfläche: Er empfindet die Klausur als Gefängnis, weil er dort nicht rauchen kann. Sogar die Sakrallandschaft ist hin: Im Garten rauscht der TGV vorbei. Die ihm als lectio divina empfohlenen Werke von Dom Jean-Pierre Longeat ekeln ihn an. Nach drei Tagen verlässt er das Kloster und kehrt zurück an die Sorbonne, die inzwischen zu einer muslimischen Uni umgepolt worden ist, von Saudi-Geld großzügig subventioniert, aber François steht nun vor der Bedingung, Muslim werden zu müssen, wenn er seinen Posten (mit verdreifachtem Gehalt) behalten will.

Der Katholizismus kommt in Houellebecqs Roman eigentlich nur am Rand vor, aber die Klosterszenen zeigen den sonst zynisch und sittlich heruntergekommenen François in einem neuen Licht. Die Schilderung des Mönches, der ihn einquartiert, ist eine einzige Lobeshymne auf die Vorteile klösterlicher Askese. Bruder Joël ist um die 50 aber viel gesünder als der Lebemann François und, was den Literaten „vollkommen verdutzt“: Joël kann sich an François‘ ersten Aufenthalt in Ligugé vor 20 Jahren erinnern. Die Schilderung ihrer Begegnung an der Klosterpforte ist eine zeitgenössische Version von Caesarius von Heisterbachs Mönch, der durch den Wald wandert und bei der Rückkehr zur Vesper feststellt, dass inzwischen 300 Jahre vergangen sind. Dem Herren ist ein Tag wie tausend Jahr.

Bibliotheks-Schätze in Zwischenkriegszeit verkauft

In den Jahren 1925 und 1926 wurde mehr als ein Drittel des Heiligenkreuzer Inkunabelbestandes verkauft, dazu kamen viele frühneuzeitliche Drucke. In einem spannenden neuen Aufsatz von Katharina Kaska (Angaben unten) wird beschrieben, wie zu dieser Zeit Händler wie Goldmann, Rosenthal und andere aus München, London und New York geradezu über die österreichischen Stifte herfielen. In Händlerkreisen hatte sich herumgesprochen, dass man dort leicht an wertvolles Material komme. 
Die ersten Heiligenkreuzer Verkäufe liefen direkt über Mitbrüder, die zwar die Erlaubnis ihres Abtes dazu hatten, nicht aber die Genehmigung von offiziellen Stellen wie Bundesdenkmalamt oder Nationalbibliothek. Auf ernsthafte Widerstände stieß man in Heiligenkreuz erst, als Patres versuchten, Handschriften zu verkaufen. Dem Historiker und Bibliothekar Ottokar Smital (1885-1932), Leiter der Handschriftensammlung der Nationalbibliothek, gebührt Anerkennung für seine Sorge um Heiligenkreuz: Er hat besonders kritische Verkäufe aus dem Wienerwaldkloster verhindert. Die Lage der Heiligenkreuzer Bibliothek (wo schließlich „nur“ drei Handschriften verkauft wurden) ist im Vergleich zu anderen Stiften verhältnismäßig gut verlaufen; die Verluste anderer Klöster waren viel schmerzlicher. Heute noch muss man beobachten, wie auf den Markt geratene Klosterhandschriften (etwa Lambachs Cml XVIII) für sechstellige Eurobeträge von Christie’s versteigert werden, wobei sie in den 1920ern von Stiften für einen Bruchteil dessen verkauft wurden. Das Schlimmste an der Angelegenheit ist, dass die Verkaufspreise damals so lächerlich gering waren und den Klöstern in ihrer wirtschaftlichen Not keine langfristige Hilfe darstellten. 
Siehe: Katharina Kaska, Also muss die Bibliothek dran glauben. Versuchte und gelungene Handschriften- und Inkunabelverkäufe des Stifts Heiligenkreuz in der Zwischenkriegszeit, in:
Mitteilungen aus dem Niederösterreichischen Landesarchiv / NÖLA 17 (2016) 387-417.

Barocke Festkultur: Abt von Heiligenkreuz tauft Muslime

Zur Feier seines fünfzehnten Wahltags taufte der Heiligenkreuzer Abt Gerhard Weixelberger im Jahr 1720 während eines feierlichen Pontifikalamtes in der Stiftskirche vier Muslime: Jeder bekam eine Reihe von neuen Vornamen, der erste war stets Carolus, bezogen auf den regierenden Kaiser, der sich in absentia als Taufpate zur Verfügung gestellt hatte. Die Konvertiten erhielten auch deutsche Familiennamen: Der erste hieß vor seiner Taufe Ibrahim Constantinopolitanus und danach Carolus Joseph Gerhard Weixelberger. Die anderen Familiennamen lassen sich in Bezug auf Heiligenkreuz bzw. Türkenklischees der damaligen Zeit erklären: Kreutzberger, Heylberger und Mohrenberger. Zur Gabenbereitung wurden die neuen Christen in Alben gekleidet und dienten dem Abt am Altar als Ministranten.

500 Mönchsgräber in Fountains gefunden – Journalisten verblüfft: Mönche glaubten offenbar an Auferstehung des Fleisches

In der berühmten, seit 1539 mehr oder weniger ruinösen nordenglischen Cistercienserabtei Fountains sind mehr als 500 Mönchsgräber gefunden worden. Besonders beachtenswert ist die Lagerung der unüberschaubaren Schar von Leichen in symmetrisch zusammengestellten, unterirdischen Steingehäusen, die bis zu vier Leichen in der Art von Lagerbetten übereinander stellten. Jüngste Technologie war bei dem Fund ausschlaggebend: Man hat mit geophysischen Messgeräten die genaue Aufstellung der Gräberreihen identifiziert. Sie erstrecken sich österlich der Abteikirche auf ein Areal von 60 m x 80 m.
Tragisch an der Berichterstattung in den englischen Medien ist der Hinweis in vielen Zeitungsberichten, dass der Fund den Auferstehungsglauben der Mönche bestätige. In einem Bericht hieß es: „Moderne christliche Theologie erwartet zwar die Auferstehung der Seele, nicht aber des Leibes. Islam und Judentum erwarten eine leibliche Auferstehung“. Zur Entschuldigung der theologischen Ignoranz der britischen Journalisten sei auf die erlaubte und immer populärere Urnenbestattung hingewiesen. Welche Religion, die an die Auferstehung des Fleisches glaubt, würde  die Verbrennung von Leichen erlauben?
Fountains gehört mit seinen mehr als 300.000 jährlichen Einzelbesuchern zu den meistfrequentierten Objekten des National Trust. Was erzählt man den Touristen über den Glauben, der zur Errichtung der atemberaubend schönen Bauten geführt hat? Scheinbar wenig.

Klösterliche Grabsteine und -kreuze

Klösterfriedhöfe sind eine Sonderkategorie, weil sie im Vergleich zu den meisten Friedhöfen länger bestehen und innerhalb einer stabilen Verwaltungsstruktur bleiben. Dazu kommt die Pietät der lebenden Mönche gegenüber ihren Vorgängern, auch wenn sie die Toten gar nicht kannten. Die Gräber werden traditionell sehr gut gepflegt und wohl etwas häufiger besucht als das der Fall ist in einem kommunalen Friedhof. Da alle Gräber in der Verantwortung des Konventes liegen, können einheitliche Entscheidungen getroffen werden, die für alle gelten. So können alle Grabsteine einheitlich und streng gestaltet werden, wie in diesem Beispiel aus dem größten Benediktinerkloster der Welt (St. John’s Abbey).

Hier fehlen bewusst Familienname und Lebensdaten

Verlgleichbare Gräberfelder sind auch in strengen europäischen Klöstern bekannt. In manchen Klöstern gibt es gar keine Grabsteine, sondern nur Holzkreuze, die bald wieder verschwinden. Die österreichischen Stifte machen einen Kompromiss: Der Klosterfriedhof ist gepflegt und symmetrisch angelegt, aber die Grabkreuze sind ganz unterschiedlich. Da lohnt es sich, jedes näher zu betrachten und sich von den verschiedenen Ebenen der Schriftlichkeit erbauen zu lassen, wie in den folgenden Beispielen aus Kremsmünster.