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Sommer 1848: Bremer Perspektiven

Ein deutscher Sommer umgab den erfolgreichen Journalisten Althaus, als er auf dem Oberdeck eines Eisenbahnwagens von Frankfurt nach Hanau fuhr. Ihm war, als wäre eine drückende Schwere von ihm gewichen. Das herrliche Land und die republicanischen Menschen, Alles kam mir so zweckmäßig, so menschlich, so interessant vor, nichts vergeblich oder unnöthig. Die Felder, die Aehren, jeder Pflug, jede Egge, jeder gebahnte Weg und alle Spuren der Menschenthätigkeit waren meinem Herzen und meinen Sinnen näher als zuvor. Alles hatte Sprache gewonnen – eine Heimath freier Bürger, ein Vaterland!, schwärmte er in seiner Erinnerung.

Dieses Gefühl der Leichtigkeit brachte er mit ins Elternhaus, wo er auf dem Weg nach Bremen einen Tag lang Station machte. Bei herrlichem Sommerwetter unternahm die Familie einen Ausflug durch Fichten- und Buchenwälder zum Forsthaus Hartröhren. Weil die Mutter das ganze Frühjahr hindurch krank gewesen und noch immer sehr schwach war, fuhr man mit dem Wagen und als der Weg zu Fuß steil bergauf ging, blieb Theodor neben ihr sitzen, behielt sie im Arm und erzählte von seinen Neuigkeiten und Plänen, bis die anderen zurückkamen. Sollte ihr Ältester nun endlich seinen Weg gefunden haben? Es sah gut aus.

Als er sich schließlich in Bremen am 5. Juli 1848 in seinem Zimmer in der kleinen Straße Contrescarpe nahe dem Herdentore eingerichtet hatte, blickte er aus dem Fenster zwischen den Kastanienbäumen über Wall und Stadtgraben hinweg und entdeckte den Turm von St. Ansgarii. Dort hatte Großvater Johann Heinrich Bernhard Dräseke im Jahre 1815 eine Predigerstelle angetreten und mit seiner Familie in der Nähe des Ansgariitores gewohnt, bis er im Jahre 1832 vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. zum Bischof ernannt und Domprediger von Magdeburg wurde.  Außerdem war Dräseke Vorsitzender der Freimaurerloge Zum Ölzweig und Ehrenbürger der Stadt Bremen geworden. Der Enkel wohnte also nicht weit entfernt von der Kirche, in dem der Großvater gewirkt, und dem Hause, in dem der Vater Georg Friedrich Althaus bei einem Besuch des Predigers dessen älteste Tochter kennengelernt hatte, seine Mutter Julie Dräseke.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Theodor das Gefühl, eine Lebenssituation zu haben, in der er auf festem Boden frei und ohne Zensur leben und wirken konnte. Zum ersten Mal auch ging ihm der Gedanke an ein sweet home durch Kopf und Herz. Nach der Arbeit wanderte er zum Punkendeich, nahm sich einen Kahn, ruderte die Weser hinauf und badete im Fluss. Als leitender Redakteur einer überregionalen Tageszeitung hatte er eine berufliche Aufgabe, in der er sich verwirklichen konnte. Die politische Richtung der Bremer Zeitung, geprägt von dem erfahrenen Journalisten Karl Andree, stimmte mit seinen Vorstellungen von Volkssouveränität und Demokratie überein. Der Schwerpunkt lag auf den ganz Deutschland bewegenden aktuellen Entwicklungen zu einem deutschen Staatswesen mit parlamentarischen Strukturen. So war ihm das wichtigste Anliegen, in seinem Organ den Bemühungen der Abgeordneten in Frankfurt um Verwirklichung und Gestaltung der deutschen Nation eine Stimme zu geben. An seiner Seite hatte er in Dr. Wohlbrück einen hervorragenden Mitarbeiter, der weitgehend mit ihm konform ging und sich im Wesentlichen der auswärtigen Angelegenheiten annahm.

Nach den Entscheidungen für die provisorische Zentralgewalt, Reichsverweser und Reichsministerium wurde im Frankfurter Parlament in diesen ersten Julitagen des Jahres 1848 heftig über den kriegerischen Konflikt zwischen Deutschland und Dänemark um die Herzogtümer Schleswig und Holstein debattiert. Im Rahmen der nationalen Bestrebungen war die Frage der Zugehörigkeit dieser beiden nördlichen Gebiete in den Fokus geraten. Wegen komplizierter Erbfolge- und ungeklärter Verfassungsregelungen auf beiden Seiten war die Lage verworren. Preußen war in den umkämpften Regionen mit Truppen unter Friedrich von Wrangel präsent und hatte von der Bundesversammlung die Vollmacht erhalten, einen Waffenstillstand mit Dänemark anzustreben, was angesichts des stagnierenden deutschen See- und Küstenhandels nicht von der Hand zu weisen war. Allerdings hatte die Bundesversammlung ihre Befugnisse an die provisorische Zentralgewalt weitergegeben.

Althaus mag an Blums leidenschaftliche Junirede zu den Grenzen der provisorischen Zentralgewalt gedacht haben, als er schon bald nach Beginn seiner redigierenden Tätigkeit einen entschiedenen Standpunkt zu diesem geplanten Waffenstillstand einnahm. Im Leitartikel der Bremer Zeitung vom 8. Juli 1848 sprach er Preußen schlichtweg die Legitimation ab, Deutschland nach außen zu vertreten: Der Auftrag, den Preußen vom Bundestag empfangen hatte, ist erloschen mit der in Frankfurt beschlossenen Aufhebung des Bundestages. Nach dem neuen Gesetz über die Bundeszentralgewalt könne der Vertrag zwischen Deutschland und Dänemark nicht in Berlin, sondern nur in Frankfurt ratifiziert werden, und zwar vom Reichsverweser im Einverständnis mit der Nationalversammlung. Mit Rücksicht auf die in Bremen befürchteten Handelseinschränkungen hieß es am Schluss des Artikels besänftigend: Wir bedauern im Interesse des deutschen Handels diese neue Verzögerung; aber wir erinnern auch daran, dass die hier fortwährenden Störungen auf der andern Seite reich ersetzt werden durch das allen Verkehr beflügelnde innere Vertrauen, wenn im Einklang mit der großen Mehrheit der Nationalversammlung unsere neue Centralgewalt gleich mit ihrem ersten Schritt die laute und allgemeine Anerkennung sich  v e r d i e n t , die ihr bis jetzt nur in Erwartung und Hoffnung entgegenkommt.

In der Erwartung, die Zentralgewalt möge der Nationalversammlung und ihren Beschlüssen die Anerkennung verschaffen, die sie verdiente, wurde der sechsundfünfzigjährige Erzherzog Johann von Österreich am 11. Juli 1848 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Frankfurt empfangen, um das Amt des Reichsverwesers anzutreten und eine provisorische Zentralregierung zu bilden. Die Freude über dieses Ereignis schwappte in alle Regionen von Deutschland über, so auch nach Bremen in das Althaus’sche Tagebuch: Bei der Reichsverweserfeier war ich auf dem Kanonenboot. Bei der Illumination die ‚Bremer’ und die ‚Weserzeitung’, erstere schmeichelhaft kühn dargestellt.

Kühn musste der leitende Redakteur sich auch bei einem regionalen Zwischenspiel vorgekommen sein, als er eines Abends mit den Setzern seiner Zeitungsdruckerei ein Vermittlungsgespräch über deren Lohnforderungen und Androhung eines Streiks führte. Zumindest handelte er einen Kompromiss aus dahingehend, dass am Sonntag keine Zeitung mehr erscheinen sollte. Über finanzielle Forderungen musste der Druckereibesitzer, Prinzipale genannt, entscheiden. Dieser Ruhetag kam auch ihm selbst zugute, denn auf seinem Schreibtisch türmten sich Berge von Zeitungen und Manuskripten, sodass er kaum einmal dazu kam, private Kontakte zu pflegen. Einen Besuch bei Familie Wohlbrück erlebte er schon fast als Störung der Arbeitsabläufe. Und ein Treffen mit Adolph Stahr, der ihm nicht nur einen Artikel anbieten wollte, sondern auch noch seine Mährchen kritisierte, empfand er als ärgerliche Zumutung. Ja, das Arbeitspensum in der Redaktion war enorm. Er hatte dafür zu sorgen, dass täglich zwei Ausgaben seines Organs erschienen und diese Verantwortung brachte ihn oft bis an die Grenze der Belastbarkeit. Zudem nahm er die Dinge sehr genau und hätte am liebsten vom Korrekturlesen bis zum Setzen alles selbst gemacht. Der Schwester berichtete er am 26. August 1848 über den nachlässig arbeitenden Korrektor, den genervten Drucker, der auch noch krank wurde, und Wohlbrück, der sich auf Reisen befand, sodass er zu dem innenpolitischen auch noch den Bereich der auswärtigen Politik zu bearbeiten hatte. Da nahm ich gestern Nachmittag auch die englischen und französischen Zeitungen, und als ich nach Hause kam, besah ich mich im Spiegel. Heute Mittag um halb zwei, als es Alles fertig war, glaubte ich gerade so lange geträumt zu haben, und morgen werde ich beim Kaffee die Zeitung lesen, die ich heute gemacht habe, um doch auch zu wissen, was drin steht.

Zu diesen enormen Belastungen durch Aufrechterhaltung und Organisation des Betriebes der Bremer Zeitung beschäftigten ihn weiterhin und zuvörderst die Angelegenheiten, die auf der großen politischen Bühne gespielt wurden, derentwegen er ein Zeitungsmann geworden war. Aktuell war es die auf Drängen von Frankreich, Großbritannien und Russland unmittelbar bevorstehende Ratifizierung des Waffenstillstandsvertrages zwischen Preußen und Dänemark. Im Leitartikel Die schleswig-holsteinische Angelegenheit, der am 21. August 1848 mit dem Untertitel Rückblick und Resultate erschien, beklagte Althaus, wie schon einige Wochen zuvor, dass dieses ohne Einbeziehung des vom Volk gewählten Parlamentes und den von diesem gewählten Vertretern der deutschen Nation, also dem Reichsverweser im Einvernehmen mit der Nationalversammlung, verhandelt wurde. Gegenüber England, Frankreich und Russland, die sogar im Falle des Nichtzustandekommens des Waffenstillstandes mit militärischen Maßnahmen drohten, nahm Deutschland nicht die Stellung ein, die seiner wirklichen Macht entspräche. Blum hatte recht gehabt mit seinen Bedenken und der Forderung nach einem Vollziehungsausschuss. Um politische Ziele durchzusetzen, fehlten der provisorischen Zentralregierung jegliche Mittel. Die Ohnmacht nach innen und außen war offensichtlich. Wo stand Heinrich von Gagern, wo der Reichsverweser Johann von Österreich, wo der provisorische Ministerpräsident Karl zu Leiningen und sein Ministerium? Wo stand die deutsche Nation? Was nützten Gebietsgewinne, war doch in Althaus Formulierung erst einmal wichtig: … unsere Ehre ist der Respekt, den wir vor der Berechtigung  j e d e r  Nationaleinheit und Nationalunabhängigkeit beweisen; sei’s auch um den Preis, daß Deutschland nicht bis zur Königsau geht, und einige Abgeordnete der dänischen Bezirke die Paulskirche verlassen müssen.

Nach der erfolgten Ratifizierung des Vertrages am 26. August 1848 unter Vermittlung von Schweden in Malmö wurde das eigenmächtige Verhalten der preußischen Regierung sowohl in der deutschen Öffentlichkeit als auch in der Presse, den verschiedenen politischen Gruppen und der Nationalversammlung so heftig und kontrovers diskutiert, dass es am 5. September 1848 in der Paulskirche zur Abstimmung kam, bei der 238 Parlamentarier mit 221 Gegenstimmen den Waffenstillstand von Malmö in dieser Form ablehnten, was bedeutete, dass alle Maßnahmen zur Umsetzung gestoppt wurden. Daraufhin trat das Ministerium Leiningen zurück und Friedrich Christoph Dahlmann, der besonders leidenschaftlich für die Ablehnung plädiert hatte, wurde vom Reichsverweser Erzherzog Johann mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Preußen hat im Namen des Bundes  u n d  in seinem eignen den Waffenstillstand abgeschlossen, die Nationalversammlung hat seine Ausführung sistirt, und so muß  P r e u ß e n  b i e g e n  oder die  C e n t r a l g e w a l t  muß  b r e c h e n, resümierte Althaus am 8. September 1848 im Leitartikel Die Entscheidung. Im Namen des Bundes! Was hatte Blum prophezeit? Rückschritt in die Metternichära. Und Preußen als Vorreiter. Ja, Preußen müsste sich fügen und die parlamentarische Abstimmung gegen den Vertrag, für Einheit und Freiheit, akzeptieren. Sie war ein Sieg der Demokratie.

In den darauffolgenden Tagen erfuhr der leitende Redakteur der auflagenstarken Bremer Zeitung schmerzlich, wie wenig im Moment die Demokratie und die während der Märzrevolution erlangte Pressefreiheit wert waren. Nachdem er sich am 11. September 1848 von der Haltung Waffenstillstand zugunsten des Handels um jeden Preis deutlich distanzierte und sich klar hinter das Votum der Nationalversammlung stellte, gab es eine Vielzahl von Kündigungen der Abonnements. Für viele Bremer Bürger waren Handel und Gewerbe Größen, denen sich die Politik unterzuordnen hatte. Für Althaus hingegen hatten Einheit, Ehre und Freiheit des Vaterlandes oberste Priorität, auch um den Preis der Aufgabe von territorialen Zugewinnen an der Grenze zu Dänemark und Verzögerungen des Küsten- und Seehandels. Besonders das Letztere, Beeinträchtigungen des Seehandels, dürfte in Bremen für großen Unmut gesorgt haben.

Der Rückgang der Abonnenten brachte Althaus eine Menge Ärger mit dem Verleger, der sich in dem Zusammenhang auch um das Anzeigengeschäft sorgen musste. Er wollte diese bitteren Realitäten nicht so recht an sich heranlassen, wenn er am 13. September 1848 im Tagebuch notierte: Diese Gesichter des Himmelseinsturzes, wenn ein Abonnent gekündigt hat! Doch die Misstöne drückten schwer auf seine Stimmung: So in’s Blaue hineinzuschreiben, wenn Dein Leben von nirgendher Dir wieder entgegenkommt – so gar keine Frucht zu sehen, gar keine Genugthuung als die innere, zu der man keine Zeit hat, und die sich endlich auf das leere Gefühl der vollbrachten Arbeit beschränkt! Das ging vorbei. Hart werden und Ausharren, sagte er sich. Er würde daraus lernen.

Es vergingen nur ein paar Tage bis zur nächsten Härteprüfung. Im Frankfurter Parlament war mit dem Ablehnungsvotum keine Ruhe eingekehrt. Wie sollte es weitergehen? Wie konnte man die preußische Vorherrschaft stoppen? Wie sollte man den demokratischen Karren aus dem Sand bekommen? Hektisches Agieren bestimmte das politische Geschehen. Dahlmanns Bemühen um ein neues Reichsministerium schlug fehl und er gab den Auftrag zur Regierungsbildung an den Reichsverweser zurück. Weitere Diskussionen und Parlamentsdebatten führten zu Verschiebungen von Mehrheiten, sodass die Nationalversammlung in einer erneuten Abstimmung am 16. September 1848 den Waffenstillstandsvertrag schließlich doch akzeptierte und mit 257 gegen 236 Stimmen für die Ratifizierung zwischen Preußen und Dänemark votierte. Damit hatte das erste frei gewählte deutsche Parlament das Vertrauen seiner Wähler und das potentieller Verhandlungspartner verspielt. Außerdem hatte es sich selbst als politische Kraft matt gesetzt, indem es den Beschluss über die Errichtung der Zentralgewalt nicht umsetzte, obwohl Im Erlass vom 28. Juni 1848 der vierte Absatz lautete: Ueber Krieg und Frieden und über Verträge mit auswärtigen Mächten beschließt die Zentralgewalt im Einverständnisse mit der Nationalversammlung.

Theodor Althaus konnte es nicht fassen. Über das leere Blatt auf seinem Stehpult hinweg blickte er auf die grünen stacheligen Kugeln der Kastanien vor seinem Fenster. Wie sollte er beginnen? Sie würden darauf schauen, was da nun morgen geschrieben stand in seinem Leitartikel. Viel hatte er noch nicht erfahren, zwei Tage nach dem parlamentarischen Donnerschlag. Die Informationen aus Frankfurt flossen spärlich. Die Entscheidung war knapp gewesen und das ließ hoffen. Es war noch nicht aller Tage Abend. Tumultartige Szenen vor der Paulskirche, hieß es. Kein Wunder, dass die Menschen sich Luft machten in ihrer patriotischen Leidenschaft. Wenigstens das Volk wusste, was es seinem Vaterland schuldig war, im Gegensatz zur Frankfurter Majorität. Der Beschluß der Nationalversammlung über den Waffenstillstand, schrieb er in die Kopfzeile. Das klang sachlich und würde niemanden provozieren. Und doch. Nur schreiben, was sie lesen wollten? Um den Verleger nicht zu verärgern? Dass er überhaupt darüber nachdachte. Nein, ungeschönt und in voller Klarheit würde er das Dilemma in der Paulskirche aufzeigen. Zum ersten Mal hätte die Nation als Einheit agieren können und hatte es nicht getan. Dänemark hätte die Zentralgewalt anerkennen müssen und hatte es nicht getan. Stattdessen diffuses Gerede von Verständigung und Modifikationen. Wer? Wo? Wie? Nichts als diplomatisches Geschwätz. Wer sollte eine Regierung denn auch ernst nehmen, die sich selbst nicht ernst nahm, seine selbst gegebenen Gesetze feige verleugnete? Wer sollte so einem Land völkerrechtliche Anerkennung gewähren? Und was war mit der Ehre Deutschlands und der Ehre der Zentralgewalt? Wer hatte daran gedacht? All das schrieb er und machte zum Schluss noch eine Bemerkung zur wichtigen materiellen Frage. Zumindest die könnte ja jetzt in der bremischen Kaufmannsstadt in Ruhe und gedeihlich gelöst werden.

Die Kritik an seinem Artikel in der Bremer Bürgerschaft, weitere Kündigungen von Abonnenten und die neuesten Nachrichten aus Frankfurt bereiteten ihm dann doch heftiges Kopf- und Bauchweh. Er wurde krank, arbeitete aber weiter bis nach Mitternacht, um die nächste Ausgabe einschließlich seiner Kommentare vorzubereiten, deren Inhalte er sich trotz allem nicht vorschreiben ließ. Die tumultartigen Ausbrüche vor der Paulskirche hatten sich an diesem 18. September 1848 in den Frankfurter Straßen und Gassen ausgeweitet. Abgeordnete der Nationalversammlung wurden angefeindet und als Verräter beschimpft. Der nach dem Rücktritt von Leiningens neu ernannte dreiundvierzigjährige Reichsminister Anton Ritter von Schmerling aus Österreich hatte, angeblich auf Bitten des Frankfurter Senats, preußische Truppen aus Mainz angefordert, was zur Eskalierung der Unruhen und zum Barrikadenbau führte, der allerdings ziemlich halbherzig und chaotisch angelegt war. Mit dem Eintreffen weiterer Truppen, auch österreichischen, war der Aufstand am selben Abend niedergeschlagen.

Außer schweren Schäden an Straßen und Gebäuden hatten die Kämpfe viele Verletzte und mehr als vierzig Todesopfer gefordert, darunter Aufständische, Zivilisten, Soldaten und Offiziere. Die preußischen Abgeordneten Hans von Auerswald und Felix Fürst von Lichnowsky wurden von einer Gruppe äußerst gewaltbereiter Fanatiker verfolgt, gejagt und mit unvorstellbarer Brutalität ermordet. Das war eine Bilanz, die in jedem Falle innehalten ließ. Vor allem die brutalen Morde an Auerswald und Lichnowsky beherrschten die öffentliche Diskussion und die Medien. Auch Theodor Althaus zeigte sich in der Ausgabe vom 22. September 1848 schockiert von diesen empörenden Grausamkeiten, die jenen Tag als einen Schandfleck unsrer Geschichte hinstellen, wollte jedoch das Geschehen nicht weiter kommentieren, bevor gerichtliche Untersuchungen die wahren Tatbestände aufgeklärt hätten. Auch wollte er den Septembertag nicht nur als fluchbeladenen sehen. Bei aller Schrecklichkeit des Geschehens wollte er sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass an den revolutionären Aktivitäten die Diskrepanz zwischen dem deutschen Volk und der Nationalversammlung deutlich wurde, das sich von dem im Mai gewählten Parlament nicht mehr vertreten fühlte.

Außerdem müssten endlich auch in den Ländern demokratische Strukturen geschaffen werden, forderte Althaus: Diese Revolution, die innerlich und ohne viel gewaltsame Ausbrüche gereift ist, macht eine neue Form, eine neue  V e r t r e t u n g  des wesentlich umgewandelten Volkswillens nothwendig, und wer ihr gesetzliches Zustandekommen verhindert, wird, wie einst und immerfort, die Schuld des gewaltsamen Weges tragen. Die festeste Stütze der Nationalversammlung aber werden nicht Truppenconcentrationen und Belagerungszustand sein, sondern  c o n s t i t u i e r e n d e  L a n d t a g e, die den Particularismus brechen und die Oberhoheit der deutschen Centralgewalt anerkennen werden.

Die Frage nach Ursachen und Schuld für die Hintergründe der Ausschreitungen beschäftigte nicht nur die Presse und die verschiedenen Gruppierungen im Umfeld der Frankfurter Nationalversammlung. Nachdem die neue provisorische Reichsregierung mit ihren von Preußen und Österreich unterstützten militärischen Maßnahmen mehr als eindrucksvoll vorgeprescht und in die Kritik geraten war, sah sie sich veranlasst, eine offizielle Darstellung zum Geschehen herauszugeben. Im Erlaß der Zentralregierung vom 22. September 1848 wollte von Schmerling nicht näher genannten Verschwörern die Schuld zuschieben, wenn er formulierte: Die unter dem längst verführten Volke verbreiteten falschen Auslegungen über den Beschluß der Nationalversammlung vom 16. September 1848 – wodurch der zu Malmö abgeschlossene Waffenstillstand nicht ferner zu beanstanden sei – brachten lange vorbereitete Pläne zur Ausführung. Am 17. September 1848 wurde nächst Frankfurt eine große Volksversammlung abgehalten, dabei der Aufruhr offen gepredigt und zum Sturme gegen die Majorität des Parlaments aufgefordert. Es trafen von allen Seiten Bewaffnete ein […]. Unter dem Schutze zweier aus Mainz beigezogener Bataillone hielt die Nationalversammlung am 18. September 1848 vormittags Sitzung, umringt von drohenden Haufen, deren Versuch, gewaltsam in den Sitzungssaal einzudringen, durch Reichstruppen vereitelt wurde. Von 2 Uhr bis gegen 9 Uhr abends dauerte der Straßenkampf gegen die zahlreich errichteten Barrikaden […]. Erst am 19. morgens war die gesetzliche Macht vollständig Meister der Stadt.

Beweise oder wenigstens schlüssige Antworten auf die Frage, wer falsche Auslegungen verbreitete, das Volk verführte und lange vorbereitete Pläne ausgeführt haben sollte, gab Reichsminister von Schmerling nicht. Stattdessen machte er einen diffusen Rundumschlag, meinte aber wohl vor allem die in der Paulskirche auf der linken Seite sitzenden republikanisch gesinnten Demokraten. Für diese sogenannten Linken stellten sich die Hintergründe ganz anders dar. Sie wehrten sich gegen die Kritik. In einer Kundmachung der Vereinigten Linken in der Frankfurter Nationalversammlung über die Septemberkrise“ vom selben Tage formulierten sie eine Gegendarstellung: Nicht die Schwäche oder Niederlage Deutschlands, sondern hauptsächlich eine unheilvolle Nachgiebigkeit gegen die Sondergelüste der preußischen Regierung hat uns diesen Waffenstillstand aufgedrungen […]. War es ein Wunder, wenn das Volk sich dasselbe Recht beilegte, welches sich die  E i n z e l r e g i e r u n g e n  durch wiederholte   M i ß a c h t u n g  der Beschlüsse der Nartionalversammlung angemaßt hatten? Blutige Szenen haben sich unter unsern Augen entwickelt, die wir eben so tief bedauern, als wir fest überzeugt sind, daß sie hätten vermieden werden können, wenn man zur rechten Zeit die geeigneten Maßregeln ergriffen hätte, welche wir nach Kräften anrieten  […]. Frankfurt steht jetzt unter der ehernen Zuchtrute des Belagerungszustandes und Kriegsgesetzes, d.h. der Rechtlosigkeit […].

Wie die geeigneten Maßregeln zur Verhinderung der Ausschreitungen ausgesehen hätten, wurde in einem Artikel der von Robert Blum und Georg Günther redigierten Deutschen Reichstagszeitung erläutert, den Althaus in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung vom 23. September 1848 wortgetreu abdrucken ließ. Demnach sprachen an jenem Montag, dem 18. September 1848, die Abgeordneten Ernst Schilling, Ludwig Simon von Trier und Robert Blum mit Vermittlungsabsichten im Reichsministerium vor, nachdem sie sich mit den Demonstranten vor der Paulskirche ausgetauscht hatten. Dem Reichsverweser Erzherzog Johann und Reichsminister von Schmerling rieten sie dringend, die Truppen aus Frankfurt zurückzuziehen. Man könne nach ihrer Einschätzung darauf vertrauen, dass sich die Demonstration ohne militärischen Einsatz friedlich auflösen werde. Davon habe jedoch Schmerling überhaupt nichts wissen wollen. Mit herzloser Kälte und grinzendem Lächeln habe er einen Truppenabzug abgelehnt. Kurz nach diesen Friedensbemühungen der drei Abgeordneten sei der erste Schuss gefallen und die verhängnisvollen Kämpfe hätten begonnen. So wurde es im Artikel  der Reichstagszeitung und in der Bremer Zeitung publiziert.

Je mehr Wahrheiten über die Frankfurter Ereignisse zum Ende des Monats hin offenbar wurden, desto klarer wurde selbst den in der Paulskirche rechts sitzenden Konservativen, dass in der Tat sechstausend Soldaten gegen vierhundert Barrikadenkämpfer ein lächerliches Missverhältnis war. Ebenfalls wurde der Unterschied zwischen brutaler Mordlust und Empörung des beleidigten Nationalgefühls, als der wahren Quelle des Kampfes, wie Althaus ihn im Artikel Zur Orientierung am 3. Oktober 1848 herausstellte, inzwischen emotionsloser gesehen. Und nicht zuletzt war auch klar, dass das heraufbeschworene Komplott wohl außer Schmerling niemandem bekannt war, denn Beweise gab es nicht. Schon einige Tage zuvor hatte Althaus festgestellt, dass dieser unheilvolle Septembertag einen Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Revolution darstellte. Wieder einmal wurde ihm klar, wie recht Robert Blum mit seiner Junirede zur Zentralgewalt gehabt hatte. Gagern war als erster Mann der Nation vom Thron herabgestiegen in die Partei der Konservativen und hatte mit seiner Zustimmung zum Waffenstillstand das Vertrauen des Volkes verloren. Den kühnen Griff hatte er Schmerling überlassen, der sich mit Belagerungszustand und Kartäschen diktatorisch gegen Blums diplomatische Vermittlungsversuche gestellt hatte. Man befinde sich in einer Übergangsphase, in der man das Vertrauen des Volkes zurückgewinnen müsse, resümierte Althaus. Doch anstatt zügig die konstituierende Arbeit vor allem in den Ländern zu tun, werde derzeit  die Agitation für demokratische Gesetze als Anarchie denunzirt und in politischen Streitigkeiten die Zeit vergeudet.

Juni 1848: Robert Blum und die Zentralgewalt

Ein weiterer Freund aus Leipziger Zeit hatte in Frankfurt eine Bühne gefunden. Robert Blum ließ ihn mit einer unglaublich leidenschaftlich vorgetragenen Rede in der Nationalversammlung schon fast erschrocken aufhorchen. In den Frankfurter Tagen war Theodor dem vielbeschäftigten Mann schon einige Male begegnet. Die bereits in Leipzig erlebte Kraft seiner Aktivitäten und Worte übertraf Blum am 20. Juni 1848 mit seiner Rede zur Zentralgewalt, wie man die von Gagern ins Spiel gebrachte und zur Diskussion stehende provisorische Regierung für Deutschland nannte. In Form eines Direktoriums oder Ministeriums sollte diese Zentralgewalt installiert werden. Die Schärfe des Tones der Rede übertraf alles, was Theodor bisher von Blum erlebt hatte. Der verglich die Nationalversammlung mit dem an den Felsen angeketteten Prometheus, stark wie er, doch an ihren Zweifeln angekettet.

Blum war gegen ein Direktorium. Weder sei so ein Gremium legitimiert, noch habe es die Mittel, Deutschland zu vertreten. Er und seine Partei sahen die Gefahr, dass eine Zentralgewalt, die ja notgedrungen schwach sein müsste, die Fürstenmacht in den Einzelstaaten wieder stärken und die gerade errungene parlamentarische Macht in Gefahr bringen würde. Er und seine Mitstreiter schlugen einen Vollziehungsausschuss vor. Der sollte sich darum kümmern, dass die gefassten Beschlüsse der Nationalversammlung ausgeführt würden. Andernfalls sah er die erkämpfte Freiheit wie ein Himmelsauge brechen. In unbeschreiblicher Intensität trug er seinen Appell an die Abgeordneten vor: Wollen Sie der Anarchie entgegentreten. Sie können es nur durch den innigen Anschluß an die Revolution und ihren bisherigen Gang. Das Direktorium, das Sie schaffen wollen, ist aber kein Anschluß daran; es ist Widerstand, es ist Reaktion, es ist Konterrevolution – und die Kraft erregt die Gegenkraft. Man wirft mitunter schielende Blicke auf einzelne Parteien und Personen und sagt, daß sie die Anarchie, die Wühlerei und was weiß ich wollen. Diese Partei läßt sich den Vorwurf der Wühlerei gern gefallen; sie hat gewühlt und ein Menschenalter lang, mit Hintansetzung von Gut und Blut mindestens von allen Gütern, die diese Erde gewährt; sie hat den Boden ausgehöhlt, auf dem die Tyrannei stand, bis sie fallen mußte, und Sie wären nicht hier, wenn nicht gewühlt worden wäre. Bei diesen Worten reagierten die Anwesenden in der Paulskirche mit stürmischem, anhaltendem Beifall und dann noch einmal nach dem leidenschaftlich vorgetragenen Schlusssatz: So schaffen Sie Ihre Diktatur.

Waren die Abgeordneten zu gutgläubig? Sah Blum zu schwarz? Jedenfalls blieben seine Warnungen erfolglos. Am 28. Juni 1848 beschloss die Frankfurter Nationalversammlung das Gesetz über die Einführung einer provisorischen deutschen Zentralgewalt, die bis zur Ausführung der Reichsverfassung tätig sein sollte. Und am Folgetag wählte sie, wiederum auf Vorschlag Heinrich von Gagerns, der ihn selbst als kühnen Griff  bezeichnete, Erzherzog Johann von Österreich zum Reichsverweser als Oberhaupt eines zu bildenden Ministeriums. Althaus konnte sich mit der Konstruktion Zentralgewalt mit Reichsverweser und Reichsministerium arrangieren. Er hatte eher Bedenken gegen Blums Strategie. Wie sollte ein Vollziehungsausschuss funktionieren?

Beim Zweiergespräch in der stillen Ecke eines Frankfurter Wirtshauses konnte Theodor seine Zweifel ansprechen. Im Gegensatz zu seinem Freund hatte er zu Gagern und dessen politischem Handeln ungetrübtes Vertrauen, der würde das Schiff schon in die richtige Bahn lenken. Blum hingegen sprach spöttisch vom Reichsverweser als Johann von Gagerns Gnaden. Der Jüngere musste zugestehen, dass er Blums Befürchtungen, diese Konstruktion Zentralgewalt könnte einen Rückschritt in Metternichzeiten nach sich ziehen, nicht einfach wegwischen konnte, zumal bereits erste Anzeichen aufkommender Reaktion zu erkennen waren. Die durch die Revolution geschwächten Landesregierungen eroberten ihre verlorene Macht allmählich zurück. Mit dem Antrag des Kölner Parlamentariers Franz Raveaux nach Klärung der Priorität bei gleichzeitiger Mitgliedschaft in der preußischen und der Frankfurter Nationalversammlung sowie einem tödlichen Konflikt in Mainz zwischen preußischem Militär und Bürgerwehr war deutlich geworden, dass im monarchischen System die Priorität der deutschen Nation gegenüber den einzelnen Ländern nicht gegeben war. Im Falle der Doppelmandate wurde keine eindeutige Regelung zugunsten der Nationalversammlung geschaffen. So konnte mittels Einberufung der preußischen Landstände durch die Regierung in Berlin die Parlamentsarbeit in Frankfurt in erheblichem Maße gestört werden. Auch im Falle des Mainzer Konflikts war die Gewichtung klar. Die Bürgerwehr zog sich zurück und das preußische Militär behielt die Oberhand. Die Frage, wie Blum sich denn nun seinen Mitstreitern gegenüber verhalten werde, wenn er in der provisorischen Zentralregierung ein Ministeramt angeboten bekäme, beantwortete der mit beeindruckender Konsequenz. Er würde in das erste Ministerium nur eintreten, um es nachher bei Gelegenheit sprengen zu können.

Ende des Monats Juni 1848 war für Theodor Althaus nach sechs Wochen die Zeit als politischer Beobachter im Frankfurter Sommer zu Ende. Ihn lockte ein Angebot, bei der Bremer Zeitung als Nachfolger von Karl Theodor Andree die Stelle als leitender Redakteur zu übernehmen. Andree wollte Bremen verlassen, in seiner Heimatstadt Braunschweig die „Deutsche Reichszeitung“ redigieren und sich verstärkt seinen Studien und Publikationen im geographischen Bereich widmen. 


31. März 1848: Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche

Märzrereignisse in Frankfurt

Ehe sich dieses Problem [familiäres Problem der Familie von Meysenbug] klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.

Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 


24. Februar 1848: Revolution in Frankreich



Der germanische Winterschlaf war die berühmte Ruhe vor dem großen Sturm. Als Theodor Althaus am 27. Januar 1848 im Leipziger Theater einer Vorstellung von Glucks Iphigenie in Aulis beiwohnte, war es ihm unmöglich, seine Aufmerksamkeit auf die Opernbühne zu lenken, denn unmittelbar zuvor hatte er die Nachricht vom erfolgreichen Aufstand der Bevölkerung in Palermo gegen den bourbonischen König Ferdinand II. am 12. Januar 1848 erhalten. Das war die größte Freude, die er seit langem erlebt hatte. Die Lichter von Palermo, nachts um drei angezündet, sah er während der gesamten Vorstellung vor sich. Ich hoffe, du hast unseren ersten Sieg in diesem Jahr gehörig genossen und den 12. Januar roth angestrichen, schrieb er seiner Schwester nach Detmold.

Ein paar Tage später stand er im gedrängt vollen Konversationssaal des Museums, eine gerade eingetroffene Zeitung in den Händen, die Indépendance Belge, aus der er fast atemlos einen Artikel über Sturmglocken von Notre Dame, dem Sturz von König Louis Philippe am 24. Februar 1848, vorlas. Das war weit mehr als Sizilien, das konnte umwerfende Auswirkungen auf die Länder des Deutschen Bundes haben. Wie sah die neue Regierung in Frankreich aus? Gab es eine Republik? Ungeduldig fiebernd wartete man auf weitere Nachrichten, auf Journale oder Reisende mit dem Zug aus Brüssel oder aus Köln.
Am 5. März 1848 konnte er endlich die befreienden Informationen in seinem Tagebuch notieren. Einen Tag nach dem Sturz des Monarchen war in Paris die Republik ausgerufen und eine provisorische Regierung gebildet worden: Ich habe Angst gehabt, wie eine Mutter um ihr Kind, bis endlich, allendlich das Ja und Amen kam – keine Regentschaft, sondern Republik, keine Freude, sondern Enthusiasmus, kein neues Ministerium – eine neue Welt! Ich habe kaum Zeit zu denken […]. Ich kann mich nicht satt lesen an den Verordnungen der provisorischen Regierung. Als ich zum erstenmal die Ueberschrift las, hab ich geweint vor Freude:

Republique Francaise,

Liberté, Egalité, Fraternité


Als die Freudentränen versiegt waren, stellte sich für den jungen Heißsporn die Frage: Und jetzt? Da war einer schon längst aktiv. Robert Blum versammelte Gleichgesinnte um sich und hatte auch konkrete Pläne. Zuerst wollte er in Leipzig und Sachsen Einfluss nehmen, im Stadtparlament und im Redeübungsverein. Es hieß Forderungen und in Broschüren publizieren: Geschworenengerichte, Presse- und Versammlungsfreiheit, Rücktritt der sächsischen Regierung, Wahlreform, Volksbewaffnung anstelle von Soldaten. Blum war in seinem Element. Sonst immer mit Reden vorneweg, saß Althaus jetzt nur still dabei. Er musste die neuen Entwicklungen erst einmal begreifen. Wie sollte ein freies einheitliches Deutschland aussehen? Noch ehe er sich über seinen Anteil an Blums Aktivitäten klar werden konnte, bekam er ein Angebot von der Weser-Zeitung. Jetzt wollte man ihn als Leitartikler in Bremen sehen.
Am 9. März war er unterwegs nach Norddeutschland. Doch er hatte kaum Zeit, sich in Bremen zu etablieren, als der nächste Donnerschlag durch das Land hallte. Der kam aus Wien. Nach einem Sturm auf das Ständehaus war der vierundsiebzigjährige Staatskanzler Fürst Metternich am Abend des 13. März 1848 ins Exil geflohen. In der Bremer Redaktion wurde die neue Situation in den Ländern des deutschen Bundes erörtert und die politische Richtung der Weser-Zeitung festgelegt. Sollte Deutschland eine parlamentarische Monarchie oder eine Republik werden? Letzteres würde die Abschaffung der Königs-, Fürsten- und Herzogtümer bedeuten. Als glühender Verfechter der Republik konnte Althaus sich nichts anderes vorstellen. Die Redakteure der Weser-Zeitung hingegen wollten einen gemäßigten Kurs fahren. Somit kam eine enge Mitarbeit in der Bremer Redaktion für beide Seiten nicht mehr in Betracht. An seinen Artikeln war man jedoch nach wie vor interessiert.

So fuhr Althaus zurück nach Leipzig, um weitere Nachrichten zu den Ereignissen in Wien einzuholen und von dort nach Bremen zu berichten. Als er am 19. März im Leipziger Museumssaal ankam, schlug bereits die nächste Bombe ein. Die Extraausgaben der Zeitungen brachten erste Berichte von heftigsten Straßenkämpfen in Berlin. Mit dem Abendzug machte er sich auf den Weg in die preußische Hauptstadt, kam aber nur bis Magdeburg und übernachtete im Hotel Stadt London.

Leseprobe aus: 

22. Februar 1841: Rosenmontag in Köln

„Nachmittags um vier Uhr am 21. Februar [Sonntag] führte nach langem Warten der Ludwig von Nassau, mit carnevallustigen Reisenden bis zum Sinken überladen, Cruel, Müller und mich nach Köln, wo er uns ganz durchfroren gegen sechs Uhr absetzte. Wir fragten uns glücklich bis zur Brückenstraße durch, um dort zu erfahren, daß die jungen Herren nicht zu Hause wären und wahrscheinlich im Theater sein würden. Dahin begaben wir uns denn auch, bewunderten in Robert dem Teufel die Höflichkeit des Kölner Publicums gegen die Spieler und kamen um zehn Uhr glücklich gegenüber der Columbakirche an, obwohl das vierstündige Stehen unsre Unterthanen nicht wenig angegriffen hatte. Zu unsrer größten Zufriedenheit machte Weerth senior die Thüre selbst auf, kurz darauf taumelte Sancho Pansa in Kemper’s Gestalt die Treppe herunter und bald saßen wir, nachdem auch der jüngere Weerth angekommen war, friedlich auf der alterthümlichen Kneipe unter dem Phaetonsgemälde, bei einigen Flaschen Moseler, die uns bis Mitternacht, und, mit Durchsprechen der gegenseitigen Schicksale und Neuigkeiten und dessen, was da kommen sollte, noch hielten. Hierauf verfügten wir Beglückten uns in unsere respectiven Betten, Weerth senior und Kemper gingn nach des letztern Kneipe, um dort ein Obdach zu suchen. Nach einer halben Stunde jedoch überraschten sie uns mit der Trauerbotschaft, daß das Haus verschlossen sei. Sie fingen also an, ihre Charaktere zu spielen: der Don Quichote bettete sich auf den Fußboden in einen Winkel, mit einigen Mänteln, während Sancho Pansa zu Cruel in’s Bett kroch und uns noch ein halbes Stündchen mit Witzen, wie sie einem Angerissenen ziemen, belustigte, ärgerte und endlich einschläferte. Gegen acht Uhr Morgens ging, noch während des Kaffeetrinkens, die Rumpelei los und die Costümirung begann. Eine Stunde wenigstens erforderte es, bis die rothe Jacke, der Panzer, der Helm Manbrino’s und die übrigen Attribute des Herrn und Meisters angelegt waren, die zweite verfloß mit der Bepinselung desselben und seines Knappen, Warten auf die Reitpferde und einem mit lebhaftem Eifer fortgeführten Zank, ob sie um zehn, elf oder zwölf im kaiserlichen Hof sich versammeln müßten. Endlich, nach einigen verunglückten Versuchen, die Zügel der Rosinante richtig in die Hand zu bekommen, setzte sich Don Quichote, furchtbar anzusehen mit seiner Hellebarde von 1661, seinem hölzernen Schwert und seinen mächtigen roth und gelben Stulpenstiefeln, langsam in Bewegung; ihm folgte Sancho Pansa auf einem Esel, der leider so störrig war, daß die wiederholte Anwendung meines Teutoburgers nicht hinreichte, sondern der Herr des Thiers, der aus zärtlicher Sorgfalt mitgegangen war, es am Zaum nachführen mußte. Auf dem Halse des Thiers vor dem Reiter, dessen schwarzsammtenes Wamms mit aufgeschlitzten Aermeln, kurzer Hose und grauen Strümpfen zu den mächtigen Schnallen auf den Schuhen und dem Strohhut mit rothem Band wohl paßten, hing ein großer Quersack, dessen eine Seite sechs Flaschen Wein zierten, denen auf der andern Seite ein Brod, Aepfel, Zwiebeln und sonstiger Mundvorrath das Gleichgewicht hielten. So verzog sich das edle Paar allmählich und wir folgten ihm auf den Neumarkt, wo schon in dem durch Seile abgeschlossenen und von Soldaten bewachten Raume, unter den in den buntesten Farben flatternden Carnevalsfahnen, ein noch bunteres Gewimmel herrschte.
Allmächlich zogen, unter Musik und eigenen und fremden Beifallsrufen, die einzelnen Wagen und Reiter auf den Platz, neugierig von der umstehenden Menge angegafft, während ein Kreis von Schönen auf den Balconen der größten Häuser stolz auf die geringeren Sterblichen herabsah und einzelne Schaulustige sogar die platten Dächer occupirt hatten. Aber nun – wer zählt die Völker und mehr noch, wer nennt, ohne die ausgestreuten, aber von Unbekannten schwer zu erhaltenden Gedichte, alle die wirklichen und imaginirten Witze, Anspielungen, Satiren und Charactere? Da thronte auf einem Sonnenwagen der Hanswurst, der sich voriges Carneval verlobt hatte, dessen Verbindung aber in diesem kurzen Zeitraum schon mit drei hoffnungsvollen Sprößlingen gesegnet war, die von Blumen bekränzt, auf den weißen, die Sonne umgebenden Wolken hingegossen, oder, um die prosaische Wahrheit zu sagen, fest angebunden waren. Wie bei den alten Helden, wurde auch hier gerechter Tadel den Uebermüthigen erheilt, denn die Darstellung der Bäckersoirée war eine beißende Satire auf die ehrenwerthe Zunft, die sich zu einem eigenen Comité hatte vereinigen wollen, das sich tragisch in Schlägereien aufgelöst hatte. Höhere Verhältnisse travestirte der gordische Knoten, in Form einer phantastisch bemalten Kugel, zu dessen Lösung aber nicht Alexander, sondern der Hanswurst, und nicht auf den Flügeln des Sieges, sondern an einem langen Strick von einem Thürmchen herabschwebte und ihn nicht durch das antike Schwert, sondern durch die moderne Knallrakete löste. Trauriges Schicksal prophezeite die grüne Schanze von dürrem Heu, mit der pappenen Kanone, als Abbild der Befestigung von Paris; denn so oft das Hauptgebäude angewackelt kam, blitzte das Pulver der Kanone aus guten Gründen ab, und wenn nach langem Trommeln und Kriegsgeschrei drinnen der gallische Hahn auf der Zinne seine Flügel ausbreiten wollte, so hielt der verwünschte kleine Junge in englischer Uniform ihn zurück. Gleicher Hohn traf die französische Propaganda, welche auf einem anderen Wagen unumwunden für Marktschreierei erklärt wurde: denn auf diesem saß der treue deutsche Rhein, und in dieser Qualität hatte er allerdings genügenden Vorwand, von seinem Sohn, dem treuen deutschen Rheinwein, den sie auch nicht haben sollen, eine Flasche nach der anderen zu leeren. Geistreich deuteten auf der Rückseite des Wagens sechs große Teller das Ehrengeschenk an den Nationaldichter an. Drei Tyroler Scharfschützenn machten ihrem Gewerbe Ehre; wenigstens wenn man nah dem schloß, was aus ihren enormen Waidtaschen an kalter Küche zum Vorschein kam mußten sie gute Jagd gehabt haben. Große Kunstfertigkeit in der Musik bewiesen die Hunde-, Affen- und Löwen-Masken, welche die Stadtmusiker verdeckten; furchtbare Gefühle flößten die geharnischten Reiter und der grimmige Türkenritter ein, die sich aber in sanftere Empfindungen auflösten, wenn man die friedfertigen kölnischen Stadtsoldaten, mit dem Schmauchstengel im Mund, im Costüm des 19. Jahrhunderts aufmarschiren sah; Mitleid überwältigte endlich ein zartfühlendes Herz, wenn man zuschaute, wie die guten altdeutschen Herren und Damen sechs Stunden lang auf dem harten Pflaster ihre Menuett aufführten. Erinnerungen an vergangene Herrlichkeiten erweckte nicht minder ein Wagen, auf dem ein Schiff mit vielen am Mast aufgezogenen Flaggen thronte, das sogenannte ‚Alaaf Köllen‘, ein Refrain, an dem sich der patriotische kölnische Spießbürger den ganzen Tag über recht was zu gute that. Und welches kölnische Herz eines Bonvivant schlug nicht höher, wenn er den Karren betrachtete, worauf das mit Stroh gedeckte Häuschen mit der Ueberschrift: ‚Zur schönen Aussicht‘ als Parodie einer renommirten Restauration gleichen Namens stand. So fühlte sich auch Jeder, der sich bewußt war, für Freiheit und Humanität zu glühen, freudig bewegt, wenn er auf einem großen Gefährt die Stange mit der Inschrift; ‚Emancipation der Pudel‘ stehen sah und darunter die Pudelmasken in den verschiedensten menschlichen Beschäftigungen – freilich kein Wunder, da unter dem Pudelfell lauter junge Menschlein steckten. Selbst ein Timon hätte gelacht, hätte er das Hanswursttheater passiren sehen, wo die Acteurs, die bis an den Gürtel im Bretterverschlag standen, sich um den Leib kleine fußlange Beinchen befestigt hatten und so, wenn sie diese heraushängen ließen, die possirliche Figur bildeten. Welcher Hagestolz hätte nicht geschmunzelt, wenn er die drei alten Jungfern sah, die um Beiträge zur Erweiterung des Gereonsstiftes baten, da dieses seit geraumer Zeit die vielen alten Jungfern, die es jetzt habe, nicht mehr fasse. Jeder, der in der deutschen Literatur bewandert war, mußte sich an Faust erinnern, wenn er die mit Meerkatzen, Katern, Kochlöffeln, Kesseln und Kräuterbündeln ausstaffirte Hexenküche gewahrte und zog seine Lorgnette hervor, um zu sehen, ob an dem sechseckigen, bloß mit Inschriften versehenen Kasten etwas Interessantes oder Witziges zu finden sei – ich vermuthe aber, daß er sie bald wieder in die Tasche gesteckt hat.“

Theodor Althaus im Brief an die Eltern in Detmold im Februar 1841.

Friedrich Althaus. Theodor Althaus. Ein Lebensbild. 
Bonn Verlag von Emil Strauß 1888, S. 33-37

„Der gordische Knoten und seine Lösung“ war das Motto des Kölner Rosenmontagszuges 1841

Bild: Von William Tombleson – scan by User:Manfred Heyde, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2447200 [Köln 1840]

Theodors letztes Weihnachtsfest



Kurz vor Weihnachten fühlte er sich immerhin so kräftig, dass er seiner Schwester nach Berlin einen langen Brief schreiben konnte. Er bedankte sich für die Köstlichkeiten und die warme Decke, die sie ihm in einem großen Paket geschickt hatte und beschrieb, wie er im Sofa saß und es sich mit schönen warmen Füßen unter der Decke und Elisabeths Leckereien gemütlich machte. Er berichtete von der lieben Frau Seebach, der Krankenwärterin, die abends beim Zubettgehen auch immer darauf achtete, dass er schöne warme Füße habe. Mit Wehmut dachte er an das bevorstehende Weihnachtsfest und schrieb von einer schlank gewachsenen dunklen Tanne vor seinem Fenster gerade so hoch, daß sie mit ihrer schönen Krone wohl Platz hätte zum Fest in einem hohen weiten Saale, wo ganze Scharen von Kindern in ihrem Lichterkranz tanzen könnten.

Obwohl Verwandte und Freunde ihn zu Weihnachten wieder mit Geschenken und Aufmerksamkeiten erfreuten, vermisste er seine Lieben weit mehr als im Vorjahr im Gefängnis. Er fühlte sich sehr einsam, war aber getröstet durch einen stillen jungen Mann, mit dem Frau Seebach ihn zusammengebracht hatte und der am zweiten Feiertag bei Tee und Kuchen ein paar Stunden mit ihm verbrachte, wobei Theodor ihm eingehend von vergangenen Zeiten erzählen musste, als er noch mit Arnold Ruge, Moritz Hartmann und Eduard Meißner in Leipzig gemeinsame Träume hatte.

Nach Weihnachten besuchte ihn Malwida von Meysenbug. In ihren Memoiren berichtete sie darüber: „Ich fand ihn auf dem Sofa liegend, er schien tief gerührt, mich zu sehen. Ich war bis in das Innerste erschüttert von seinem Anblick und dachte, dass das nicht die einzigen Helden sind, die auf dem Schlachtfeld für die Freiheit sterben. Er starb ja auch, ein Kämpfer, an den Folgen des Kampfes. Sein Zimmer war gross und luftig, aber es war doch das Zimmer eines Hospitals, und er war allein da, fern von allen, die er liebte. Er war noch nicht dreissig Jahr, aber er schien mindestens vierzig; ein langer schwarzer Bart hob seine Blässe und Magerkeit noch mehr hervor, und wenn ein Lächeln auf seine Lippen kam, so war es traurig zum Weinen.“

Die Freundin hatte sich in einem Gasthof eingemietet und blieb eine Woche in Gotha. Täglich besuchte sie Theodor und blieb so lange, bis er sich ausruhen musste. Auch den Silvesterabend verbrachten sie mit Erinnerungen an ihre Zeit in Detmold, ihre gemeinsamen Ideale von Liebe und Freiheit und an seine Mutter. Bevor Malwida Gotha verließ, besorgte sie ihm einen bequemen Lehnstuhl, weil ihr aufgefallen war, wie schwer das Sofasitzen ihm fiel. Malwida erinnert sich:  „Er war sehr gerührt, und als er mir die Hand zum Abschied reichte, sagte er mit bewegter Stimme: ‚Man hat behaupten wollen, dass die demokratischen Frauen kein Herz hätten; es ist an mir, dem zu widersprechen.’“

Auszug aus:

Schwere Tage in Bremen

Indes waren in Bremen die Kämpfe gegen die Bremer Zeitungvollends ausgebrochen. Der leitende Redakteur [Theodor Althaus] wurde offen angefeindet, darauf angesprochen, wie ein Enkel von Dräseke so heillose Sachen schreiben könne und provokativ gefragt, wie er sich denn die Einheit und Republik eigentlich denke. Und es kam noch schlimmer. Mit Flugschriften und offenen Briefen agitierte man gegen die Zeitung und speziell gegen die Artikel von Theodor Althaus. Im Tagebuch notierte er: Das Complott brach endlich an der entscheidenden Erklärung los. Haufenweis kamen die Absagebriefe im echten Bourgeoisstil. Die Principale bleich, niedergeschlagen, sahen voraus, dass die ‚Bremer Zeitung’ für Bremen verloren sei […]. Da half es auch nicht, dass zwei mitgliederstarke Bremer Vereine sich vehement für die freisinnige Tendenz der Leitartikel von Althaus einsetzten und in offenen Briefen diese Art von Pressezensur anprangerten. Der Bürgerverein äußerte sich empört über die Angriffe und Demonstrationen von Aristokraten und Reaktionären, die vor den unparteiischen Richterstuhl der öffentlichen Meinung gehörten. Noch schärfer formulierte der demokratische Verein. Die längst beseitigte Staatszensur werde von jenen Finsterlingen als Privatzensur wieder eingeführt und die Menschen somit um die glücklich errungene Pressefreiheit gebracht. Die Solidaritätserklärungen der beiden Bremer Vereine wurden von der Redaktion wunschgemäß publiziert und am 4. Oktober 1848 in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung gedruckt.

Als Agitation und Boykott über die Zeitung hinaus sogar gegen die traditionelle Heyse’sche Verlagsbuchhandlung ausgedehnt wurden, entschied der Verleger, einen Schlussstrich zu ziehen und sich von der Zeitung zu trennen. Die Bremer Zeitung wurde an die Gebrüder Jänecke in Hannover verkauft, im Einvernehmen mit Theodor Althaus, der sie dort unter dem Namen Zeitung für Norddeutschland weiter redigieren würde. Schwere Tage, notierte er, durch die unsittliche Finesse und die ganze Perfidie mich indirect als Rothen zu schildern, fühlte ich die letzten Fäden reißen. Dem bevorstehenden Ortswechsel konnte er durchaus positive Aspekte abgewinnen. Hannover war besser an das Eisenbahnnetz angebunden als Bremen und somit erreichten die neuesten Nachrichten die Redaktion schneller als bisher.

Doch so richtig wollte der Blick nach vorne und das Entwickeln von Perspektiven noch nicht gelingen. Zu tief saß der verletzende Stachel. Die bittere Enttäuschung brachte sein inneres Gleichgewicht ins Wanken. Theodor bekam Husten und wurde krank. Konnte nicht schreiben, fühlte mich mit kurzen Unterbrechungen wie todt, wie vernichtet, sah mit Grauen dem Winter und mit Ekel dem Leben entgegen. Trost fand er in der Korrespondenz mit seiner Cousine Minna Schmitson in Frankfurt, die er auch seinerseits trösten musste, weil ihr Vater als Angestellter bei der Bundesmilitärkommission während des Straßenkampfes am 18. September eine Verwundung davongetragen hatte: Aber es gilt auszuharren und treu zu bleiben. Ein Frühling kommt, in Menschenwelt und in Natur wird er uns wiederkehren!
De Traurigkeit war stärker als die Hoffnung auf Frühlingserwachen. Als an seinem Geburtstag Schwester Elisabeth ihn an sich drückte, wusste er nicht, ob er sich freuen oder heulen sollte. Die treue Seele war extra nach Bremen gekommen. Sechsundzwanzig Jahre alt wurde er und kam sich vor, als hätte er das ganze Leben schon hinter sich. Ihr gegenüber gab er zwar sich optimistisch, wusste er doch, sie würde alles der Mutter erzählen und die sollte sich nicht beunruhigen, doch wie er sich wirklich fühlte, vertraute er seinem Tagebuch an: Ich habe verloren, ich weiß nicht mehr zu sprechen wie sonst, seit ich so viel lese und schreibe. Ich kenne die Herzen nicht mehr so, seit ich mir selbst so wenig, so fast niemals angehöre.

Frankfurt 18. September 1848

Hier ein Auszug aus der Lebensgeschichte von Theodor Althaus, der als leitender Redakteur der „Bremer Zeitung“ das Frankfurter Desaster von Bremen aus beobachtet und sich mit seinen Leitartikeln aus dem Fenster gehängt hatte. Damit hatte er sich bei den Abonnenten mächtig in die Nesseln gesetzt, denn vielen Bremer Bürgern waren ihre Geschäfte wichtiger als demokratische Strukturen. Angesichts fieser Stimmungsmache gegen seine Person kostete es unglaubliche Mühe, jeden Tag zwei Ausgaben herauszubringen:
„Zu diesen enormen Belastungen durch Aufrechterhaltung und Organisation des Betriebes der Bremer Zeitung beschäftigten ihn [Theodor Althaus] weiterhin und zuvörderst die Angelegenheiten, die auf der großen politischen Bühne gespielt wurden, derentwegen er ein Zeitungsmann geworden war. Aktuell war es die auf Drängen von Frankreich, Großbritannien und Russland unmittelbar bevorstehende Ratifizierung des Waffenstillstandsvertrages zwischen Preußen und Dänemark. Im Leitartikel Die schleswig-holsteinische Angelegenheit, der am 21. August 1848 mit dem Untertitel Rückblick und Resultate erschien, beklagte Althaus, wie schon einige Wochen zuvor, dass dieses ohne Einbeziehung des vom Volk gewählten Parlamentes und den von diesem gewählten Vertretern der deutschen Nation, also dem Reichsverweser im Einvernehmen mit der Nationalversammlung, verhandelt wurde. Gegenüber England, Frankreich und Russland, die sogar im Falle des Nichtzustandekommens des Waffenstillstandes mit militärischen Maßnahmen drohten, nahm Deutschland nicht die Stellung ein, die seiner wirklichen Macht entspräche. Blum hatte recht gehabt mit seinen Bedenken und der Forderung nach einem Vollziehungsausschuss. Um politische Ziele durchzusetzen, fehlten der provisorischen Zentralregierung jegliche Mittel. Die Ohnmacht nach innen und außen war offensichtlich. Wo stand Heinrich von Gagern, wo der Reichsverweser Johann von Österreich, wo der provisorische Ministerpräsident Karl zu Leiningen und sein Ministerium? Wo stand die deutsche Nation? Was nützten Gebietsgewinne, war doch in Althaus Formulierung erst einmal wichtig: „… unsere Ehre ist der Respekt, den wir vor der Berechtigung  j e d e r  Nationaleinheit und Nationalunabhängigkeit beweisen; sei’s auch um den Preis, daß Deutschland nicht bis zur Königsau geht, und einige Abgeordnete der dänischen Bezirke die Paulskirche verlassen müssen.“

Nach der erfolgten Ratifizierung des Vertrages am 26. August 1848 unter Vermittlung von Schweden in Malmö wurde das eigenmächtige Verhalten der preußischen Regierung sowohl in der deutschen Öffentlichkeit als auch in der Presse, den verschiedenen politischen Gruppen und der Nationalversammlung so heftig und kontrovers diskutiert, dass es am 5. September 1848 in der Paulskirche zur Abstimmung kam, bei der 238 Parlamentarier mit 221 Gegenstimmen den Waffenstillstand von Malmö in dieser Form ablehnten, was bedeutete, dass alle Maßnahmen zur Umsetzung gestoppt wurden. Daraufhin trat das Ministerium Leiningen zurück und Friedrich Christoph Dahlmann, der besonders leidenschaftlich für die Ablehnung plädiert hatte, wurde vom Reichsverweser Erzherzog Johann mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Preußen hat im Namen des Bundes  u n d  in seinem eignen den Waffenstillstand abgeschlossen, die Nationalversammlung hat seine Ausführung sistirt, und so muß  P r e u ß e n  b i e g e n  oder die  C e n t r a l g e w a l t  muß  b r e c h e n, resümierte Althaus am 8. September 1848 im Leitartikel Die Entscheidung. Im Namen des Bundes! Was hatte Blum prophezeit? Rückschritt in die Metternichära. Und Preußen als Vorreiter. Ja, Preußen müsste sich fügen und die parlamentarische Abstimmung gegen den Vertrag, für Einheit und Freiheit, akzeptieren. Sie war ein Sieg der Demokratie.

In den darauffolgenden Tagen erfuhr der leitende Redakteur der auflagenstarken Bremer Zeitung schmerzlich, wie wenig im Moment die Demokratie und die während der Märzrevolution erlangte Pressefreiheit wert waren. Nachdem er sich am 11. September 1848 von der Haltung Waffenstillstand [von Malmö] zugunsten des Handels um jeden Preis deutlich distanzierte und sich klar hinter das Votum der Nationalversammlung stellte, gab es eine Vielzahl von Kündigungen der Abonnements. Für viele Bremer Bürger waren Handel und Gewerbe Größen, denen sich die Politik unterzuordnen hatte. Für Althaus hingegen hatten Einheit, Ehre und Freiheit des Vaterlandes oberste Priorität, auch um den Preis der Aufgabe von territorialen Zugewinnen an der Grenze zu Dänemark und Verzögerungen des Küsten- und Seehandels. Besonders das Letztere, Beeinträchtigungen des Seehandels, dürfte in Bremen für großen Unmut gesorgt haben.

Der Rückgang der Abonnenten brachte Althaus eine Menge Ärger mit dem Verleger, der sich in dem Zusammenhang auch um das Anzeigengeschäft sorgen musste. Er wollte diese bitteren Realitäten nicht so recht an sich heranlassen, wenn er am 13. September 1848 im Tagebuch notierte: „Diese Gesichter des Himmelseinsturzes, wenn ein Abonnent gekündigt hat! “ Doch die Misstöne drückten schwer auf seine Stimmung: „So in’s Blaue hineinzuschreiben, wenn Dein Leben von nirgendher Dir wieder entgegenkommt – so gar keine Frucht zu sehen, gar keine Genugthuung als die innere, zu der man keine Zeit hat, und die sich endlich auf das leere Gefühl der vollbrachten Arbeit beschränkt!“ Das ging vorbei. Hart werden und Ausharren, sagte er sich. Er würde daraus lernen.

Es vergingen nur ein paar Tage bis zur nächsten Härteprüfung. Im Frankfurter Parlament war mit dem Ablehnungsvotum keine Ruhe eingekehrt. Wie sollte es weitergehen? Wie konnte man die preußische Vorherrschaft stoppen? Wie sollte man den demokratischen Karren aus dem Sand bekommen? Hektisches Agieren bestimmte das politische Geschehen. Dahlmanns Bemühen um ein neues Reichsministerium schlug fehl und er gab den Auftrag zur Regierungsbildung an den Reichsverweser zurück. Weitere Diskussionen und Parlamentsdebatten führten zu Verschiebungen von Mehrheiten, sodass die Nationalversammlung in einer erneuten Abstimmung am 16. September 1848 den Waffenstillstandsvertrag schließlich doch akzeptierte und mit 257 gegen 236 Stimmen für die Ratifizierung zwischen Preußen und Dänemark votierte. Damit hatte das erste frei gewählte deutsche Parlament das Vertrauen seiner Wähler und das potentieller Verhandlungspartner verspielt. Außerdem hatte es sich selbst als politische Kraft matt gesetzt, indem es den Beschluss über die Errichtung der Zentralgewalt nicht umsetzte, obwohl Im Erlass vom 28. Juni 1848 der vierte Absatz lautete: „Ueber Krieg und Frieden und über Verträge mit auswärtigen Mächten beschließt die Zentralgewalt im Einverständnisse mit der Nationalversammlung.“

Theodor Althaus konnte es nicht fassen. Über das leere Blatt auf seinem Stehpult hinweg blickte er auf die grünen stacheligen Kugeln der Kastanien vor seinem Fenster. Wie sollte er beginnen? Sie würden darauf schauen, was da nun morgen geschrieben stand in seinem Leitartikel. Viel hatte er noch nicht erfahren, zwei Tage nach dem parlamentarischen Donnerschlag. Die Informationen aus Frankfurt flossen spärlich. Die Entscheidung war knapp gewesen und das ließ hoffen. Es war noch nicht aller Tage Abend. Tumultartige Szenen vor der Paulskirche, hieß es. Kein Wunder, dass die Menschen sich Luft machten in ihrer patriotischen Leidenschaft. Wenigstens das Volk wusste, was es seinem Vaterland schuldig war, im Gegensatz zur Frankfurter Majorität. „Der Beschluß der Nationalversammlung über den Waffenstillstand“, schrieb er in die Kopfzeile. Das klang sachlich und würde niemanden provozieren. Und doch. Nur schreiben, was sie lesen wollten? Um den Verleger nicht zu verärgern? Dass er überhaupt darüber nachdachte. Nein, ungeschönt und in voller Klarheit würde er das Dilemma in der Paulskirche aufzeigen. Zum ersten Mal hätte die Nation als Einheit agieren können und hatte es nicht getan. Dänemark hätte die Zentralgewalt anerkennen müssen und hatte es nicht getan. Stattdessen diffuses Gerede von Verständigung und Modifikationen. Wer? Wo? Wie? Nichts als diplomatisches Geschwätz. Wer sollte eine Regierung denn auch ernst nehmen, die sich selbst nicht ernst nahm, seine selbst gegebenen Gesetze feige verleugnete? Wer sollte so einem Land völkerrechtliche Anerkennung gewähren? Und was war mit der Ehre Deutschlands und der Ehre der Zentralgewalt? Wer hatte daran gedacht? All das schrieb er und machte zum Schluss noch eine Bemerkung zur wichtigen materiellen Frage. Zumindest die könnte ja jetzt in der bremischen Kaufmannsstadt in Ruhe und gedeihlich gelöst werden.

Die Kritik an seinem Artikel in der Bremer Bürgerschaft, weitere Kündigungen von Abonnenten und die neuesten Nachrichten aus Frankfurt bereiteten ihm dann doch heftiges Kopf- und Bauchweh. Er wurde krank, arbeitete aber weiter bis nach Mitternacht, um die nächste Ausgabe einschließlich seiner Kommentare vorzubereiten, deren Inhalte er sich trotz allem nicht vorschreiben ließ. Die tumultartigen Ausbrüche vor der Paulskirche hatten sich an diesem 18. September 1848 in den Frankfurter Straßen und Gassen ausgeweitet. Abgeordnete der Nationalversammlung wurden angefeindet und als Verräter beschimpft. Der nach dem Rücktritt von Leiningens neu ernannte dreiundvierzigjährige Reichsminister Anton Ritter von Schmerling aus Österreich hatte, angeblich auf Bitten des Frankfurter Senats, preußische Truppen aus Mainz angefordert, was zur Eskalierung der Unruhen und zum Barrikadenbau führte, der allerdings ziemlich halbherzig und chaotisch angelegt war. Mit dem Eintreffen weiterer Truppen, auch österreichischen, war der Aufstand am selben Abend niedergeschlagen.

Außer schweren Schäden an Straßen und Gebäuden hatten die Kämpfe viele Verletzte und mehr als vierzig Todesopfer gefordert, darunter Aufständische, Zivilisten, Soldaten und Offiziere. Die preußischen Abgeordneten Hans von Auerswald und Felix Fürst von Lichnowsky wurden von einer Gruppe äußerst gewaltbereiter Fanatiker verfolgt, gejagt und mit unvorstellbarer Brutalität ermordet. Das war eine Bilanz, die in jedem Falle innehalten ließ. Vor allem die brutalen Morde an Auerswald und Lichnowsky beherrschten die öffentliche Diskussion und die Medien. Auch Theodor Althaus zeigte sich in der Ausgabe vom 22. September 1848 schockiert von diesen empörenden Grausamkeiten, die jenen Tag als einen Schandfleck unsrer Geschichte hinstellen, wollte jedoch das Geschehen nicht weiter kommentieren, bevor gerichtliche Untersuchungen die wahren Tatbestände aufgeklärt hätten. Auch wollte er den Septembertag nicht nur als fluchbeladenen sehen. Bei aller Schrecklichkeit des Geschehens wollte er sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass an den revolutionären Aktivitäten die Diskrepanz zwischen dem deutschen Volk und der Nationalversammlung deutlich wurde, das sich von dem im Mai gewählten Parlament nicht mehr vertreten fühlte.“

200. Geburtstag von Gottfried Kinkel


Theodor Althaus war 18 Jahre alt, als er an einem Oktobertag des Jahres 1840 die Wohnstube des Pfarrhauses Unter der Wehme in Detmold verließ, zu Fuß nach Paderborn ging und von dort mit der Postkutsche an den Rhein fuhr. Der älteste Sohn des lippischen Generalsuperintendenten hatte ein glänzendes Abiturexamen abgelegt und wollte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Theologie zu studieren. Und es war schon etwas Besonderes, von einer der ersten Amtshandlungen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu profitieren und bei der Einschreibung vom gerade rehabilitierten Rektor Ernst Moritz Arndt persönlich begrüßt zu werden. Berechtigte Hoffnung auf ein einheitliches, freies und demokratisches Deutschland lag in der Luft. Doch in den beiden Vertretern der theologischen Fakultät, den Professoren Nitzsch und Bleek, sah der junge Stürmer aus dem Fürstentum Lippe diese Hoffnungen nicht erfüllt. Das sah er lediglich in den überzeugenden Vorträgen des fünfundzwanzigjährigen Dozenten Gottfried Kinkel.  Bei ihm hörte er Kirchengeschichte und das mit Begeisterung und großem Respekt. Später gehörte er zum studentischen Kreis der wöchentlichen Kränzchen, zu denen Kinkel eine kleine Anzahl seiner Schüler in das Poppelsdorfer Schloss einlud. Die Verehrung des Theologiestudenten aus Detmold ging so weit, dass er seinem Dozenten bei bestimmten Themen seines Unterrichtsfaches inhaltlich zuarbeitete. So entwickelte sich über die Kränzchenabende hinaus eine Freundschaft, die auch nach Beendigung des Studiums anhielt.

Im Sommer des Jahres 1846 trafen sie wieder zusammen. Drei Jahre nach Beendigung des Theologiestudiums hatte sich für den Kandidaten Theodor Althaus keine berufliche Perspektive ergeben. Als Schriftsteller und Journalist  lebte er im Detmolder Elternhaus und hatte gerade eine längere Schrift über die Zukunft des Christenthums verfasst. Während einer Wanderreise an den Rhein besuchte er seinen ehemaligen Dozenten Gottfried Kinkel in Bonn. Der war nach seiner Heirat mit der geschiedenen Johanna Mockel umhabilitiert worden und unterrichtete inzwischen das Fach Kunstgeschichte. Im vertrauten Gespräch stellten die beiden fest, wie wenig sich die Hoffnungen auf ein einheitliches demokratisches Deutschland erfüllt hatten. Deutschland war nach wie vor zersplittert in 36 Einzelstaaten, in denen der jeweilige König, Fürst  oder Großherzog auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse mehr oder weniger despotisch gegen seine Untertanen regierte.  Wenige besaßen viel und weite Teile der Bevölkerung litten Not und hungerte.

In ihren jeweiligen Zusammenhängen kämpften Kinkel und Althaus gegen diese Ungerechtigkeiten. Unabhängig voneinander wurden sie im Strom des Revolutionsjahres 1848 mitgerissen und gehörten zu denjenigen, deren Laufbahn im Zusammenhang mit den Reichsverfassungskämpfen im Mai 1849 schicksalhaft endete. Kinkel landete nach der Teilnahme am Sturm auf das Siegburger Zeughaus sowie am badischen Aufstand im pommerschen Zuchthaus Naugard und Althaus als Redakteur der Zeitung für Norddeutschland wegen eines Artikels mit Aufruf zur Bildung eines Ausschusses zur Durchführung der in Frankfurt vollendeten Reichsverfassung im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim. Hier schrieb er im Jahre 1850 seine persönlichen Erinnerungen Aus dem Gefängniß, in denen er neben Robert Blum, Heinrich von Gagern und Julius Fröbel seinem Freund Gottfried Kinkel ein Kapitel widmete.

Als E-Book verfügbar: 
Kurzbiografie von Gottfried Kinkel:

1815 am 11. August wird Gottfried Kinkel in Oberkassel als Sohn eines evangelischen Theologen geboren

1831 Studium der Theologie an der Universität Bonn

1834 Studium der Theologie an der Universität Berlin

1837 Dozent für Kirchengeschichte an der Universität Bonn

1843 Heirat mit Johanna Mockel, katholisch und geschieden, somit kann Kinkel in der theologischen Fakultät nicht mehr lehren

1845 Professor für Kunst- und Literaturgeschichte in Bonn

1848 Redakteur der Bonner Zeitung

1848 gründet den demokratischen Verein Bonn

1849 nimmt im Mai am Siegburger Zeughaussturm und im Juni am badisch-pfälzischen Aufstand teil (Reichsverfassungskämpfe)

1849 am 4. August wird er zu lebenslanger Festungshaft verurteilt und inhaftiert, zunächst in Bruchsal, dann im pommerschen Naugard

1850 im Mai wird er in das Zuchthaus Spandau überwiesen

1850 am 6. November wird er in einer spektakulären Aktion von Carl Schurz befreit, flüchtet über Rostock und Warnemünde nach England und lässt sich in London nieder

1851 folgt Johanna Kinkel mit den vier Kindern nach

1852 Professor für Literaturgeschichte am Hyde-Park- und am Bedford-College

1858 Johanna Kinkel stirbt in London

1860 heiratet Minna Werner aus Königsberg

1861 Vorträge zur Kunstgeschichte im South-Kensington-Museum

1863 Examinator an der Universität London

1866 Professor für Kunstgeschichte am Polytechnikum Zürich

1882 am 13. November stirbt Gottfried Kinkel nach einem Schlaganfall, ohne vorherige Amnestie




Rheinfahrt im August

Der August des Jahres 1846 bescherte wunderbare Sommertage. Der fast vierundzwanzigjährige Theodor Althaus hatte sein Studium in Bonn, Jena und Berlin beendet, hatte jedoch auf Grund seiner politischen und religiösen Überzeugungen keine Chance auf eine Anstellung. Ihm blieb die Sprache in Predigten, Vorträgen und dem geschriebenen Wort. Für seine längere Schrift „Die Zukunft des Christenthums“, in der er seine progressiven religiösen Vorstellungen ausführlich darstellte, hatte er einen Verleger gefunden. Und nach Wanderungen im Harz und an der Weser zog es ihn an den Rhein, seinerzeit wichtiges Symbol der deutschen Freiheitsbewegung.  Gerne erinnerte sich Althaus an seine Studienzeit an der Bonner Friedrich Wilhelms Universität, an Weinfelder, das Siebengebirge, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, den schroffen Loreleyfelsen, die glitzernden Wellen am Ufer und an den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, die dasselbe Ziel verfolgten wie er: ein einheitliches demokratisches Deutschland, in dem es allen Menschen gut ging, nicht nur den Königen und Fürsten.
In Köln traf er Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann von der „Kölnischen Zeitung“, Levin Schücking und ein paar Kilometer rheinaufwärts seinen Bonner Dozenten Gottfried Kinkel,  mit dem ihn inzwischen eine enge Freundschaft verband.
Mit dem Dampfboot fuhr er weiter flussaufwärts bis nach Bingen, unternahm eine mehrtägige Wanderung entlang der Nahe bis  nach Kreuznach, wo er bei seinen Beobachtungen den Eindruck hatte, er stoße mit jedem Schritt an eine „faule Frucht der Geschichte“. Die krassen Gegensätze zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm unerträglich.
Hinter Bad Münster am Stein ging es bergauf zur Ebernburg, wo er sich beim Gang zwischen den Ruinen um einige Jahrhunderte zurück versetzt fühlte in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen, Freund des Volkes und Martin Luthers, hier gewohnt und entgegen allen Anfeindungen seiner Fürstenkollegen, verfolgten Reformatoren Asyl gewährt hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte der Burg den Beinamen „Herberge der Gerechtigkeit“.
Eine weitere Unternehmung führte den Wanderer in das wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in Hütten hausten. Welch ein Widerspruch!
In dieser „Profeteneinsamkeit“ fochten die Gedanken in seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von „Eine Rheinfahrt im August“ erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen und stellte fest, das „fluchbeladene Metall“ richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten.
Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem Rheinwasser.
Außer in den gereimten Zeilen  „Eine Rheinfahrt im August“ bearbeitete Theodor Althaus seine Erlebnisse während dieser Wanderungen in den zwei Erzählungen „Herberge zur Gerechtigkeit“ und „Eine Nacht der Gegenwart“, die er in der Anthologie „Mährchen aus der Gegenwart“ publizierte. Der letzte Text in dieser kleinen Sammlung, überschrieben „Vom Rhein“, ist ein Auszug aus Theodor Althaus längerer Schrift „Aus dem Gefängniß“ die er während seiner Haftzeit im Staatsgefängnis in Hildesheim verfasste. 

Rheinfahrt im August

Der August des Jahres 1846 bescherte wunderbare Sommertage. Der fast vierundzwanzigjährige Theodor Althaus hatte sein Studium in Bonn, Jena und Berlin beendet, hatte jedoch auf Grund seiner politischen und religiösen Überzeugungen keine Chance auf eine Anstellung. Ihm blieb die Sprache in Predigten, Vorträgen und dem geschriebenen Wort. Für seine längere Schrift „Die Zukunft des Christenthums“, in der er seine progressiven religiösen Vorstellungen ausführlich darstellte, hatte er einen Verleger gefunden. Und nach Wanderungen im Harz und an der Weser zog es ihn an den Rhein, seinerzeit wichtiges Symbol der deutschen Freiheitsbewegung.  Gerne erinnerte sich Althaus an seine Studienzeit an der Bonner Friedrich Wilhelms Universität, an Weinfelder, das Siebengebirge, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, den schroffen Loreleyfelsen, die glitzernden Wellen am Ufer und an den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, die dasselbe Ziel verfolgten wie er: ein einheitliches demokratisches Deutschland, in dem es allen Menschen gut ging, nicht nur den Königen und Fürsten.
In Köln traf er Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann von der „Kölnischen Zeitung“ und ein paar Kilometer rheinaufwärts seinen Bonner Dozenten Gottfried Kinkel,  mit dem ihn inzwischen eine enge Freundschaft verband.
Mit dem Dampfboot fuhr er weiter flussaufwärts bis nach Bingen, unternahm eine mehrtägige Wanderung entlang der Nahe bis  nach Kreuznach, wo er bei seinen Beobachtungen den Eindruck hatte, er stoße mit jedem Schritt an eine „faule Frucht der Geschichte“. Die krassen Gegensätze zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm unerträglich.
Hinter Bad Münster am Stein ging es bergauf zur Ebernburg, wo er sich beim Gang zwischen den Ruinen um einige Jahrhunderte zurück versetzt fühlte in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen, Freund des Volkes und Martin Luthers, hier gewohnt und entgegen allen Anfeindungen seiner Fürstenkollegen, verfolgten Reformatoren Asyl gewährt hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte der Burg den Beinamen „Herberge der Gerechtigkeit“.
Eine weitere Unternehmung führte den Wanderer in das wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in Hütten hausten. Welch ein Widerspruch!
In dieser „Profeteneinsamkeit“ fochten die Gedanken in seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von „Eine Rheinfahrt im August“ erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen und stellte fest, das „fluchbeladene Metall“ richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten.
Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem Rheinwasser.
Außer in den gereimten Zeilen  „Eine Rheinfahrt im August“ bearbeitete Theodor Althaus seine Erlebnisse während dieser Wanderungen in den zwei Erzählungen „Herberge zur Gerechtigkeit“ und „Eine Nacht der Gegenwart“, die er in der Anthologie „Mährchen aus der Gegenwart“ publizierte. Der letzte Text in dieser kleinen Sammlung, überschrieben „Vom Rhein“, ist ein Auszug aus Theodor Althaus längerer Schrift „Aus dem Gefängniß“ die er während seiner Haftzeit im Staatsgefängnis in Hildesheim verfasste. 


18. Mai 1848: Erste Sitzung der Nationalversammlung

Am 18. Mai 1848 fand die erste Sitzung des ersten vom deutschen Volke gewählten Parlamentes in der Frankfurter Paulskirche statt. Malwida war inzwischen wieder mit Mutter und Schwester in Detmold, nachdem sie an einer der Versammlungen des Vorparlamentes knapp zwei Monate zuvor hinter einem Vorhang zugegen war. Ihr Freund Theodor Althaus dagegen war als Korrespondent der „Bremer Zeitung“ dabei. Hier ein Auszug aus Theodor Althaus – Revolutionär in Deutschland:
Unerwartet flatterte plötzlich wieder ein Angebot in die elterliche Wohnstube. Wieder kam es aus Bremen, doch diesmal war es die Bremer Zeitung, die nach ihm verlangte. Der leitende Redakteur Karl Theodor Andree machte Althaus den Vorschlag, für die Bremer Zeitung über die Frankfurter Nationalversammlung zu berichten. Da gab es nichts zu überlegen. Auf nach Frankfurt!
Welche Gefühle und Gedanken mussten ihn bewegt haben, als er in der Stadt ankam, in der seit Wochen die politische Musik spielte, gerade rechtzeitig, um am 18. Mai 1848 dabei zu sein, als 400 Abgeordnete der verfassunggebenden Nationalversammlung bei Kirchengeläute und Kanonendonner, umsäumt von schwarz-rot-goldenen Fahnen, Girlanden und Parolen, zwischen dem Jubelspalier von Tausenden vom Kaisersaal zur Paulskirche zogen? Und was mag in ihm vorgegangen sein, als er seine Mitstreiter aus Leipzig, Robert Blum, Georg Günther, Moritz Hartmann und Arnold Ruge in der Menge der Gewählten entdeckte? Er war einer der vielen Zuschauer auf der Tribüne des eigens für den Zweck umgestalteten runden Kirchenraumes, mit deutschen Farben geschmückt und dem Bild der Germania hoch oben thronend über Sitzreihen, Podium und Galerie. Trotz wilder Debatten einigte man sich in dieser ersten Versammlung auf den vorübergehenden Alterspräsidenten Lang aus Hannover und auf den Termin für die nächste Sitzung des Parlamentes.

Am 19. Mai 1848 wurde der neunundvierzigjährige Heinrich von Gagern mit überragender Mehrheit zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt. Als ehemaliger Burschenschaftler, Mitglied des Hallgartenkreises und seit der Märzrevolution Ministerpräsident von Hessen-Darmstadt genoss er Respekt und großes Vertrauen durch alle Gruppierungen. Man traute ihm zu, dieses schwierige Amt zu meistern. Weder fehlte es ihm an Fachkompetenz und Glaubwürdigkeit, noch an Selbstbewusstsein und persönlicher Ausstrahlung. Seine Antrittsrede mit dem Versprechen, eine Verfassung für Deutschland auf der Grundlage der Souveränität der Nation zu schaffen, wurde mit heftigem Beifall von Versammlung und Publikum aufgenommen. Am 31. Mai wurde Gagern mit einem Fackelzug vor dem Mumm’schen Haus geehrt. Darüber berichtete Korrespondent Althaus nach Bremen. Es gebe auch kritische Stimmen, doch sei es Gagerns Glaube und Hoffnung, dass man mit ihm schöne Zeiten erleben werde. Er sei ein Mann des Volks, las man am 5. Juni 1848 in der Bremer Zeitung.

Nach den Beobachtungen in den ersten zwei Wochen des Frankfurter Politgeschehens war dem Visionär aus der Detmolder Dichterstube mehr denn je klar geworden, wie verworren die politische Situation war und wie schwierig es werden würde, einen Konsens für ein deutsches Staatsgebilde zu finden. Gab es doch so viele verschiedene Bedürfnisse und Interessen, so viele unterschiedliche Auslegungen von Begriffen, so viele unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen. Ueberall Konfusion und Gegeneinanderzücken von Parteiungen und provinziellen Sonderinteressen, sah er in seinen Genrebildern aus Frankfurt, die am 7. Juni 1848 auf der Titelseite der Bremer Zeitung erschienen, Impressionen von sogenannten Klubversammlungen in der Sokrates-Loge, im Hof von Holland, Deutschen Haus und im Weidenbusch.

Wie sollte man das Werk auf die Füße stellen, so dass es stehen bleibe und auch gehen könne, fragte er sich und seine Leser. Nach seiner Meinung gab es unter den Abgeordneten zu viele, die Konfrontation anstatt Ausgleich suchten und denen Profilierung um jeden Preis wichtiger war als das gemeinsame Ziel. Und es gab zu wenige Männer, die aufgrund ihrer Begabung, sachlicher Herangehensweise und persönlicher Ausstrahlung Respekt und Sympathie gewannen. Zu Letzteren gehörte unbedingt Julius Fröbel. Im Juni gab es ein herzliches Wiedersehen mit dem verehrten Freund aus Dresden. Nicht als Mitglied der Nationalversammlung war Fröbel in Frankfurt, sondern als Deputierter des ersten Demokratenkongresses, der am 14. Juni 1848 imDeutschen Hof begann. Fröbel redete so glaubwürdig und überzeugend, dass er mit großer Mehrheit zum Präsidenten des demokratischen Vereins gewählt wurde. Die Arbeit am Programm machte er hervorragend, so dass man auch über die Vereinsmitglieder hinaus auf ihn aufmerksam wurde. Bald war er für kurze, doch sachgerechte Diskussionen mit schnellen und guten Ergebnissen bekannt. Voller Bewunderung für diesen integren Mann verfolgte Althaus die Veranstaltung.“

Rezension im Jahrbuch Vormärz Forschung 2014

Dieses Buch vom Aisthesis Verlag hatte ich gerade in der Post. Warum? Es beinhaltet eine wunderbare Rezension der von mir herausgebrachten „Zeitbilder 1840 – 1850“ mit ausgewählten Texten von Theodor Althaus. Frank Stückemann aus Soest-Meiningsen hat sie geschrieben. Er kommt zu dem Fazit:
„Renate Hupfeld bietet in mancherlei Hinsicht einen für alle Geisteswissenschaftler unbedingt lesenswerten Querschnitt aus dem Schaffen von Theodor Althaus: chronologisch, thematisch und hinsichtlich der unterschiedlichen literarischen Genres. Eine umfassende Textedition mit den Werken Althaus‘ dürfte der Literaturkommission für Westfalen eine lohnende Aufgabe sein. Es bleibt die offene Frage, warum es gerade in Lippe-Detmold mit Grabbe, Weerth, Freiligrath und eben auch Althaus soviel Geist gegeben hat. Neben der Überschaubarkeit der Verhältnisse dürfte deren Freisinnigkeit eine entscheidende Rolle gespielt haben, jedenfalls bis zum Revolutionsjahr 1848“
aus: „Religion – Religionskritik – Religiöse Transformation im Vormärz“ im Jahrbuch 2014 „Forum Vormärz Forschung“, erschienen im Aisthesis Verlag Bielefeld.
Das besprochene Buch (mit Inhaltsangabe) im Aisthesis Verlag : Theodor Althaus: Zeitbilder 1840 – 1850
Und hier gibt es einen Blick in das besprochene Buch: Theodor Althaus: Zeitbilder 1840 – 1850

1845: Ausflug zum Burgberg in Hyères



Ausflug zum Burgberg in Hyères

Im Schatten der hohen Palmen, die diesem Platz seinen Namen gegeben hatten, ging sie zum Palais von Bürgermeister Denis. Auch an ihn und seine Vorträge über die Erkundung der hiesigen pittoresken Landschaft würde sie sich gerne erinnern. Alphonse Denis hatte jahrelang Geschichten, Bilder, Geschichten und Informationen über seinen Ort gesammelt. Ein wunderbares Buch über Hyères, die Umgebung und die Inseln war daraus entstanden, das ihnen im Hause Arnauld zur Verfügung stand. Im Bürgermeisterhause wohnte Pauline. Sie kam aus Straßburg und hatte ebenfalls den Winter in der Provence verbracht. Zusammen wollten die Freundinnen einen Ausflug in die Berge machen, wie sie es oft getan hatten in den vergangenen Monaten.

Durch das geöffnete Fenster drang Musik nach draußen, eine Klaviersonate von Beethoven. Das war Pauline. Im Schatten einer Palme blieb Malwida stehen und stellte sich vor, wie die Freundin mit unglaublicher Leichtigkeit ihre Finger über die Tasten gleiten ließ. Klavierspielen war eine der Leidenschaften dieser talentierten jungen Frau. Die Melodie klang nach Abschied. Auch Pauline war in Abschiedsstimmung. Sie und ihre Schwester würden auch bald dieses gastliche Haus verlassen und abreisen.

Erst als das Musikstück verklungen war, ging Malwida hinein und ließ sich vom Hausdiener zu Pauline führen. Wie erwartet, saß die in Gedanken versunken vor dem Klavier. So kannte sie dieses sensible Wesen. Manchmal war die Freundin beim Musizieren so ergriffen, dass ihr Tränen über das Gesicht liefen. Malwida verstand das gut, erinnerte sie sich doch an die Zeit, als sie selbst achtzehn gewesen war, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Lieber war ihr die heitere Pauline. Die wanderte plaudernd neben ihr, sammelte Pflanzen für ihre biologischen Forschungen und war immer auf der Suche nach Motiven zum Zeichnen.

Vorsichtig näherte sie sich der Pianospielerin und strich ihr sanft über die Schulter. Pauline schnellte herum und sprang auf. Sofort erhellte sich ihr Gesicht. Die Freundinnen schlossen einander in die Arme.

„Lass uns keine Zeit verlieren. Es ist ein Frühlingstag wie im Bilderbuch. Ich hole nur schnell Tasche und Sonnenhut aus meinem Zimmer. Wir treffen uns vor dem Haus“, rief sie und lief zur Tür.

Die beiden Frauen schlenderten durch die Gassen der Altstadt, vorbei an dem mächtigen runden Turm, überquerten den Marktplatz und gingen hinaus aus der Stadt, wo der Weg auf den Burgberg führte. Mit großen Steinen war er gepflastert und sehr holprig. Als sie eine Weile steil bergauf gegangen waren, blieb Pauline stehen.

„Puh, ist das anstrengend“, hechelte sie, „fühle mal mein Herz.“ Sie nahm Malwidas Hand und drückte sie an ihre Brust.

„Es pocht heftig, meine Kleine. Du brauchst eine Pause. Doch die paar Meter bis zu unserer Nische schaffst du noch“, ermunterte die Ältere und zog ihre Freundin hinter sich her, bis sie die Klostermauer erreicht hatten, wo sie sich im Schatten der bogenförmigen Mauernische ausruhen konnten.

„Wie schön es hier wieder ist und so still, als sei nichts geschehen“, sagte Pauline. „Kaum vorstellbar, dass hier noch vor einer Woche ein Derwisch an der Pinie gezerrt hat, weißt du noch?“

„Sicher. Der Mistral gehört zu dieser Gegend wie Felsen, Sand und Meer. Ich hatte auch Angst um den zierlichen Baum. Deshalb habe ich ihn schnell gemalt.“

Sie holte ihr Skizzenbuch hervor und blätterte darin, bis sie die Zeichnung gefunden hatte. „Hier siehst du das stürmische Intermezzo. Gut, dass es Papier und Bleistift gibt.“ Sie blätterte weiter. „Und das da bist du, Pauline. Wie dir der Sturm den Rock über den Kopf fegt.“

Sie lachten.

„Und das bist du auch“, fuhr Malwida fort, „am Bachufer sammelst du Pflanzen.“

„Für mein Herbarium. Da hast du mich heimlich gemalt, du kleine liebe Freundin. Du, jetzt juckt es mich in den Fingern. Lass uns auf Motivsuche gehen“, schlug Pauline vor.

„Einverstanden“

Sie wanderten hoch bis zum alten Gemäuer der Burganlage von wo sie in der südlichen Richtung das Meer mit den Inseln sahen und nach Osten hin endlos scheinende Bergketten.

Was hältst du von diesem Blickwinkel?“, fragte Malwida und zeigte auf die weite Ebene mit einem von Zypressen und Laubbäumen gesäumten Flusslauf, einer Kirche zwischen vereinzelten Häusern, idyllisch eingebettet vor der Kulisse des Massivs.

„Ausgezeichnet“, bestätigte die Freundin.

Auf einer Mauer ließen sie sich nieder und packten ihre Zeichensachen aus. Malwida hatte  eine Idee. Sie legte ihr Skizzenbuch der Freundin in den Schoß.

 „Heute machen wir es einmal ganz anders. Du zeichnest in mein Buch und ich in deines. Dann hat jede eine schöne Erinnerung an diesen Tag und all die gemeinsamen Tage vorher.“
Den Vorschlag fand Pauline ausgezeichnet und so zauberte jede Strich für Strich mit spitzem Bleistift das unbeschreibliche Panorama in das Buch der anderen.
‚Erinnerung an gemeinsam verbrachte Stunden in Freiheit und Liebe’, schrieb Malwida unter das ihrer Weggefährtin gewidmete Bild.

Auch Pauline schrieb eine Widmung unter ihr Werk:

‚Dort erhebt sich niemals Lärm….

Seinen Traum kann man träumen,

bis er endet

und ihn dann von vorne beginnen,

4. Mai 1845, P.’

Jede sah sich noch einmal die gesamte Bildersammlung der anderen an und ließ die provençalische Winterreise an sich vorbeiziehen. Dann tauschten sie die Bücher zurück und blieben schweigend nebeneinander sitzen, bis die Sonne sich schon zur Felsspitze hinuntersenkte.

„Kann eine Landschaft schöner sein? Berge, Täler und herrliche Gärten bis zum Meer. Ich kann mich gar nicht satt sehen“, begann Malwida.

„Die Sonne geht im Meer auf und in den Bergen unter. Das fällt mir jetzt erst auf. Traumhaft schön ist es hier oben, ich könnte ewig so sitzen bleiben“, schwärmte auch die Jüngere.

„Das Zusammenspiel von Formen, Farben und Licht, gerade zu dieser Stunde der tief stehenden Sonne. Genauso wie mein Lehrer es beschrieb“, erinnerte sich Malwida. „Jetzt erst verstehe ich, was Carl Morgenstern damit gemeint hat, das Schweben in der einzigartigen Landschaft, als wären wir selbst ein Teil davon. Wäre er doch jetzt hier! “

„Schweben in der Landschaft. Das hört sich gut an. Er muss ein faszinierender Lehrer sein. Du hast eine Menge von ihm gelernt.“

„Stimmt. Einige seiner Gemälde haben mich so gefesselt, dass ich sie unter seiner Anleitung nachgemalt habe. Terraccina zum Beispiel, mein Lieblingsbild von ihm.“

„War Carl Morgenstern auch hier in Südfrankreich zum Malen?“

„In Italien war er, aber die Landschaften auf seinen Bildern sind dieser hier sehr ähnlich. Felsen, Meer und Weite, Kompositionen in Orange- und Violetttönen, wie es sie in unseren nördlichen Gegenden gar nicht gibt.“

„War er nur dein Lehrer oder hat er dir mehr bedeutet?“

„In Frankfurt hatte ich einen Winter lang Unterricht bei ihm. Im vergangenen Jahr war das. 
Die Stunden hatte ich meinem Vater abgetrotzt. Von den Ölfarben habe ich ihm nichts erzählt. Für die habe ich eine goldene Kette und noch anderen Schmuck verkauft.“

„So etwas macht man doch nur, wenn man sich etwas ganz stark wünscht. Warst du in Carl Morgenstern verliebt?“

„In der Familie wurde gemunkelt. Du kennst das vielleicht, Pauline. Die Verbindung zu einem Maler hätte man nicht gern gesehen. Brotlose Kunst nannte man seine Arbeit.“

„Ja, ja, das kenne ich. Doch erzähl weiter.“

„Oft habe ich meinen Malerfreund im Stillen beobachtet in seinem Atelier auf der Zeil, wenn er an der Staffelei stand, in seine Arbeit versunken, ein schöner Mann. Ein bisschen war ich verliebt in ihn. Aber jetzt ist es vorbei.“

Pauline legte den Arm um Malwidas Schultern und drückte sie fest an sich.
„Und dann?“

„Es gibt nicht mehr viel. Ich bewunderte ihn. Ja, ich mochte ihn sehr. Der Abschied tat weh, als ich mit Mutter und Schwester zurückkehren musste nach Detmold. Von dort habe ich ihm einmal Skizzen geschickt und er hat mir per Brief Ratschläge gegeben.“

„Konntest du nicht in Frankfurt bleiben?“

„Das hätte mein Vater niemals erlaubt, Pauline. Niemals.“

„In Detmold hast du weiter gemalt.“

„Manchmal bin mit Malutensilien in der Tasche hinauf gewandert in den Palaisgarten, wo ich einen schönen Blick auf Stadt und Umgebung hatte.“

„Na, siehst du.“

„Beim Malen fehlte er mir sehr.“

„Wer? Ach ja, dein Morgenstern“, scherzte die Freundin.

„Jetzt bist du mein Abendstern, Pauline“, entgegnete Malwida lachend. „Schau mal, wie tief die Sonne steht.“



Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat


Bild aus: Promenades pittoresques a Hyères von M. Alph. Denis (um 1845)

31. März 1848: Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche

Auf der Rückfahrt nach Leipzig war von anarchischer Schwüle [in Berlin nach der Blutnacht vom 18. zum 19. März 1848] nichts mehr zu spüren. Deutsche Fahnen wehten auf den Bahnhöfen und viele Menschen trugen Bänder in Schwarz-Rot-Gold. Nach den Aufständen in Palermo, Paris, Wien, Baden und Berlin gingen die Menschen auf die Straße, wo sich die Empörung über die Knechtschaft der vergangenen Jahrzehnte entlud. Der Anbruch einer neuen Zeit wurde gefeiert, ein deutscher Frühling. Aus Furcht vor weiteren Unruhen erteilten die Könige und Fürsten in den Ländern eiligst Lockerungsregelungen von den Karlsbader Beschlüssen, wie Friedrich Wilhelm IV. in Preußen, Friedrich August in Sachsen und Ernst August in Hannover mit beschwichtigenden Proklamationen, Aufhebung von Pressezensur und Versammlungsverbot, Ministerien wurden eiligst ausgewechselt und Versprechungen gemacht hinsichtlich Bürgerwehren anstelle von gehorsamem Militär.
Althaus‘ Freunde in Leipzig hatten unterdessen nicht geschlafen. Robert Blum hatte auf dem Marktplatz vor Hunderten Zuhörern vom Balkon des Rathauses eine bejubelte Rede gehalten, in der er den Rücktritt der sächsischen Regierung forderte und dafür plädierte, das derzeitige Soldatentum abzuschaffen und alle Bürger zu bewaffnen, damit man mit den jungen Brüdern Hand in Hand gehen könne. Arnold Ruge hatte Die Reformgegründet, ein Organ für eine breite Leserschaft mit dem Ziel, bei allem Enthusiasmus über die errungenen Erfolge Klarheit in das Chaos der verschiedenen Meinungen, Begriffe und Sprachregelungen zu bringen.
Auf der großen politischen Bühne hieß es jetzt zügig handeln, damit das durch die revolutionären Erhebungen gewonnene Potential nicht verpuffte. Einundfünfzig Männer hatten bereits Vorarbeit geleistet. Auf Einladung von Johann Adam Itzstein aus Hallgarten waren sie zusammen gekommen und hatten am 5. März 1848 die sogenannte Erklärung der Heidelberger Versammlung formuliert, in der sie auf Vorschlag von Theodor Welcker sieben Mitglieder benannten, die für alle Länder des Deutschen Bundes eine Nationalvertretung vorbereiten sollten. Dieser Siebenerausschuss tagte am 12. März 1848 und brachte eine Einladung an die Ständemitglieder und eine Auswahl von Vertrauensmännern aus allen Ländern zu einem Vorparlament auf den Weg. Das berufene Gremium sollte die Grundlagen zur Wahl der Mitglieder einer gesamtdeutschen Nationalversammlung schaffen und am 31. März 1848 in Frankfurt  zusammen kommen.
Im Wohnzimmer von Robert Blum tagte wieder ein kleiner Kreis, um vor seiner Abreise nach Frankfurt zur Teilnahme am Vorparlament die dort zu vertretende politische Richtung zu besprechen. Man diskutierte wild durcheinander und kam stundenlang nicht auf den Punkt, bis schließlich der Hausherr das Wort ergriff und kurz erklärte, wo es lang gehen sollte. Wer konnte das besser einschätzen als Blum? Er hatte als jahrlanges Mitglied des Hallgartenkreises sowie des Leipziger Stadtparlaments den Überblick, genoss das Vertrauen der Bevölkerung und war ein Meister der Rede, der Organisation und der Beschaffung von Mehrheiten nach demokratischen Prinzipien. Seine Überzeugungskraft suchte ihresgleichen. Wenn er sprach, hörte jeder zu. Das stellte auch Althaus an jenem Abend in Blums Wohnung bewundernd fest.

Das Vorparlament mit 574 Teilnehmern tagte vom 31. März bis zum 3. April 1848 in der Frankfurter Paulskirche. Es sah seine Aufgabe darin, die Art und Weise der Bildung einer parlamentarischen Nationalversammlung mit dem Ziel der Erarbeitung einer Verfassung für ganz Deutschland festzulegen und wählte aus seinen Reihen einen Fünfzigerausschuss, der in Absprache mit der Bundesversammlung den Wahlmodus für die Mitglieder der Nationalversammlung festlegen sollte. Robert Blum gehörte diesem Fünfzigerausschuss an. Die Leipziger Angelegenheiten regelte er während seiner Abwesenheit zusammen mit Vertrauten aus der Entfernung. Auch Theodor gehörte dazu. Blum wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Seinem Schwager und engem Mitarbeiter Georg Günther schrieb er am 13. April 1848: Wenn Althaus etwas schreibt, dann ist das gewiss gut, und ich bin im voraus damit einverstanden.


1848 Märzereignisse in Frankfurt


Ehe sich dieses Problem [Unstimmigkeiten nach dem Tod des Vaters im Dezember 1847] klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.

Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 

"Es ist wieder März geworden …" Wohnzimmerlesung


„Es ist wieder März geworden …“
Ein Wohnzimmer-Abend mit Geschichten und Liedern aus Vormärz und Revolution

Das Folk-Duo „Lauscher“ und die Autorin Renate Hupfeld gestalteten einen Abend mit Musik und Lesung.

Renate Hupfeld las Auszüge aus ihrem Buch „Theodor Althaus – Revolutionär in Deutschland“, spannende Episoden aus seinem kurzen bewegten Leben, wie in Berlin, wo er das revolutionäre Geschehen um den 18. März 1848 miterlebte oder das Drama um seinen Freund Robert Blum, am 9. November 1848 ohne Prozess hingerichtet. Mit ihren umfangreich recherchierten Hintergrundinformationen spannte sie den Bogen von den Karlsbader Beschlüssen über das erste vom deutschen Volk gewählte Parlament in der Frankfurter Paulskirche bis zum Jahre 1849, in dem die Realisierung der Reichsverfassung an monarchischen Betonmauern scheiterte.

Die Volkslieder aus der Vormärzzeit, wie das „Bürgerlied“, „Ein schwerer Traum“ und „Trotz alledem“, unterstrichen stimmungsvoll die Leseanteile und ließen das Kämpfen und Fühlen der Menschen der 1848er Zeit lebendig werden. Mit Waldzither, singender Säge und zweistimmigem Gesang interpretierten die Musiker Christine Walterscheid und Dominique M.Täger die Aufbruchstimmung des Vormärz, die Wirren des Kampfes um Freiheit, Einheit und Demokratie und ließen diese spannende Phase der deutschen Geschichte lebendig werden.

Die anschließende Diskussion zeigte, wie sehr die Zuhörer berührt waren vom Schicksal des Protagonisten und von den Schwierigkeiten, mit denen die Menschen im zersplitterten Auswanderungsland Deutschland zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu kämpfen hatten, im Ringen nach demokratischen Strukturen, die für uns heute selbstverständlich sind. 

Zum Abschluss gab es auf Wunsch noch ein kleines Konzert mit Eigenkompositionen von „Lauscher“.


Freitag, den 13. März 2015 in Hupfelds Wohnzimmer in Hamm

Sturmglocken von Notre Dame

Der germanische Winterschlaf war die berühmte Ruhe vor dem großen Sturm. Als Theodor Althaus am 27. Januar 1848 im Leipziger Theater einer Vorstellung von Glucks Iphigenie in Aulis beiwohnte, war es ihm unmöglich, seine Aufmerksamkeit auf die Opernbühne zu lenken, denn unmittelbar zuvor hatte er die Nachricht vom erfolgreichen Aufstand der Bevölkerung in Palermo gegen den bourbonischen König Ferdinand II. am 12. Januar 1848 erhalten. Das war die größte Freude, die er seit langem erlebt hatte. Die Lichter von Palermo, nachts um drei angezündet, sah er während der gesamten Vorstellung vor sich. Ich hoffe, du hast unseren ersten Sieg in diesem Jahr gehörig genossen und den 12. Januar roth angestrichen, schrieb er seiner Schwester nach Detmold.

Ein paar Tage später stand er im gedrängt vollen Konversationssaal des Museums, eine gerade eingetroffene Zeitung in den Händen, die Indépendance Belge, aus der er fast atemlos einen Artikel über Sturmglocken von Notre Dame, dem Sturz von König Louis Philippe am 24. Februar 1848, vorlas. Das war weit mehr als Sizilien, das konnte umwerfende Auswirkungen auf die Länder des Deutschen Bundes haben. Wie sah die neue Regierung in Frankreich aus? Gab es eine Republik? Ungeduldig fiebernd wartete man auf weitere Nachrichten, auf Journale oder Reisende mit dem Zug aus Brüssel oder aus Köln.
Am 5. März 1848 konnte er endlich die befreienden Informationen in seinem Tagebuch notieren. Einen Tag nach dem Sturz des Monarchen war in Paris die Republik ausgerufen und eine provisorische Regierung gebildet worden: Ich habe Angst gehabt, wie eine Mutter um ihr Kind, bis endlich, allendlich das Ja und Amen kam – keine Regentschaft, sondern Republik, keine Freude, sondern Enthusiasmus, kein neues Ministerium – eine neue Welt! Ich habe kaum Zeit zu denken […]. Ich kann mich nicht satt lesen an den Verordnungen der provisorischen Regierung. Als ich zum erstenmal die Ueberschrift las, hab ich geweint vor Freude:

Republique Francaise,

Liberté, Egalité, Fraternité


Als die Freudentränen versiegt waren, stellte sich für den jungen Heißsporn die Frage: Und jetzt? Da war einer schon längst aktiv. Robert Blum versammelte Gleichgesinnte um sich und hatte auch konkrete Pläne. Zuerst wollte er in Leipzig und Sachsen Einfluss nehmen, im Stadtparlament und im Redeübungsverein. Es hieß Forderungen und in Broschüren publizieren: Geschworenengerichte, Presse- und Versammlungsfreiheit, Rücktritt der sächsischen Regierung, Wahlreform, Volksbewaffnung anstelle von Soldaten. Blum war in seinem Element. Sonst immer mit Reden vorneweg, saß Althaus jetzt nur still dabei. Er musste die neuen Entwicklungen erst einmal begreifen. Wie sollte ein freies einheitliches Deutschland aussehen? Noch ehe er sich über seinen Anteil an Blums Aktivitäten klar werden konnte, bekam er ein Angebot von der Weser-Zeitung. Jetzt wollte man ihn als Leitartikler in Bremen sehen.
Am 9. März war er unterwegs nach Norddeutschland. Doch er hatte kaum Zeit, sich in Bremen zu etablieren, als der nächste Donnerschlag durch das Land hallte. Der kam aus Wien. Nach einem Sturm auf das Ständehaus war der vierundsiebzigjährige Staatskanzler Fürst Metternich am Abend des 13. März 1848 ins Exil geflohen. In der Bremer Redaktion wurde die neue Situation in den Ländern des deutschen Bundes erörtert und die politische Richtung der Weser-Zeitung festgelegt. Sollte Deutschland eine parlamentarische Monarchie oder eine Republik werden? Letzteres würde die Abschaffung der Königs-, Fürsten- und Herzogtümer bedeuten. Als glühender Verfechter der Republik konnte Althaus sich nichts anderes vorstellen. Die Redakteure der Weser-Zeitung hingegen wollten einen gemäßigten Kurs fahren. Somit kam eine enge Mitarbeit in der Bremer Redaktion für beide Seiten nicht mehr in Betracht. An seinen Artikeln war man jedoch nach wie vor interessiert.

So fuhr Althaus zurück nach Leipzig, um weitere Nachrichten zu den Ereignissen in Wien einzuholen und von dort nach Bremen zu berichten. Als er am 19. März im Leipziger Museumssaal ankam, schlug bereits die nächste Bombe ein. Die Extraausgaben der Zeitungen brachten erste Berichte von heftigsten Straßenkämpfen in Berlin. Mit dem Abendzug machte er sich auf den Weg in die preußische Hauptstadt, kam aber nur bis Magdeburg und übernachtete im Hotel Stadt London.

Leseprobe aus: 

Warum Theodor Althaus?



Fragen zur Lebensgeschichte von Theodor Althaus, die die Autorin gerne beantwortet:

Wie kommt man dazu, ein Buch über Theodor Althaus zu schreiben? 
Bei der Konfrontation mit der Frage ‚Wie sah es im Deutschland zur Mitte des 19. Jahrhunderts aus, wenn so viele Menschen ihr Heimatland verließen und nach England, Amerika oder sogar Australien auswanderten?’ entdeckte ich vor einigen Jahren im „Museum für Westfälische Literatur“ in Oelde-Stromberg die Schriftstellerin Malwida von Meysenbug. In deren „Memoiren einer Idealistin“ faszinierte mich besonders ihr Detmolder Freund Theodor Althaus. Bei einer Tagung zum Thema „Vormärz“ in Wolfenbüttel ergab sich ein Kontakt mit dem Aisthesis Verlag Bielefeld, bei dem ich im Januar 2010 eine Auswahl seiner Texte mit dem Titel „Zeitbilder 1840 – 1850“ herausgeben konnte. Aus den Recherchen zu dieser Anthologie entwickelte sich das Projekt Biografie. Ich wollte die schicksalhafte Lebensgeschichte des Theologen, Schriftstellers und Journalisten Theodor Althaus, der nicht einmal dreißig Jahre alt geworden war, aufschreiben und einem möglichst breiten Leserkreis zugänglich machen.
Was ist faszinierend an ihm? 
Die Geradlinigkeit, mit der er seine Ideen und Ziele verfolgte. Er kämpfte für ein freies, einheitliches Deutschland mit demokratischen Strukturen. Als Meister des gesprochenen und geschriebenen Wortes nutzte er jede Gelegenheit, um den Menschen seine Botschaft nahe zu bringen. Zeit seines Lebens vertrat er beharrlich seinen Standpunkt, selbst wenn es ihm Nachteile und ihn ja auch letztendlich ins Gefängnis brachte.
Für wen ist das Buch geschrieben? 
Es ist kein wissenschaftliches Werk, sondern im weitesten Sinne eine dokumentarische Erzählung. Dokumentarisch deshalb, weil die Begegnungen, Zeiten und Orte der Handlung, Umstände wie das Wetter und natürlich Zitate entsprechend recherchiert sind und ich jede Einzelheit nachweisen kann. Ich erzähle die Lebensgeschichte von Theodor Althaus und beim Schreiben kam es mir auf den Erzählfluss an, das heißt ich bleibe nahe am Protagonisten in seinen jeweiligen Lebenszusammenhängen, einschließlich der politischen, die zum Teil ziemlich kompliziert und für uns heute schwer nachvollziehbar sind. Geschehnisse im Revolutionsjahr 1848, wie die Eröffnung des ersten deutschen Parlamentes in der Paulskirche, die blutigen Aufstände in Berlin, Wien und Frankfurt oder das äußerst zähe Ringen der demokratisch gesinnten Untertanen des Königs Ernst August in Hannover, versuche ich den Lesern nahezubringen, und zwar immer eingebunden im Erleben meines Protagonisten.
Gibt es einen Aktualitätsbezug? 
Theodor Althaus lebte in einer Zeit, als Einheit, Freiheit und Demokratie in Deutschland laufen lernen wollten. Leidenschaftlich kämpfte er um eine gerechtere Welt. Alle Menschen sollten in den Stand versetzt werden, mitzureden und an den irdischen Gütern teilzuhaben. Davon war man weit entfernt. Wenige besaßen viel, die meisten waren arm und wussten nicht, wie sie den nächsten Tag überleben sollten. Althaus Kampf um Demokratie und gerechte Verteilung der irdischen Güter kann man heute noch immer nachvollziehen. Seine Visionen und Botschaften haben somit nichts an Aktualität eingebüßt.
Das Buch wurde ohne Beteiligung eines Verlages herausgegeben. 
Stimmt. Nach Fertigstellung habe ich es verlagsunabhängig als E-Book in der Kindle Edition und als Taschenbuch veröffentlicht, weil ich zunächst die vollen Rechte am Manuskript behalten wollte. Das hat den Vorteil, dass zum Beispiel die Preisgestaltung in meinen Händen liegt. Mir war es wichtig, leserfreundlich zu kalkulieren. Viele von Verlagen herausgebrachte Bücher finde ich zu teuer, vor allem die E-Books. Zugegeben, die Vermarktung ist kein Selbstläufer. Dazu nutze ich die Möglichkeiten des Internets, zum Beispiel mit Informationen auf meinen Homepages, in entsprechenden Foren und natürlich von Lesungen und Pressenotizen. Allerdings will ich auch betonen, dass ich die Zusammenarbeit mit einem Verlag, in dessen Programm der Stoff passt, grundsätzlich nicht ablehne.

Theodor Althaus – Revolutionär in Deutschland

1846 Geld sollte man besser im Rhein versenken



Rheinfahrt im August

Der August des Jahres 1846 geizte nicht mit wunderbaren Sommertagen. Theodor stand am Fenster seiner Studierstube und betrachtete den Sonnenuntergang über der Grotenburg. Mit der leichten Bewegung der zart angehauchten Wölkchen träumte er sich über den Horizont hinaus bis an den Rhein. Märchenhafte Bilder und Farben kamen ihm ins Gedächtnis. Erinnerungen an sanft ansteigende Weinfelder, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, der schroffe Loreleyfelsen im Abendlicht, glitzernde Wellen im Ufersand und der Gedankenaustausch mit Menschen, die genauso dachten und fühlten wie er und die gleichen Hoffnungen hegten.

Einige Tage später machte er seinen Traum wahr und fuhr an den Rhein, wo er jetzt, sechs Jahre nach dem hoffnungsvollen Studienbeginn, eine Zeit der heftigen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten seines Vaterlandes erlebte. In Köln traf er sich mit zwei Redakteuren der Kölnischen Zeitung, und zwar mit Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann, dem er zwei Jahre zuvor in Waßmanns Lokal in Berlin nach seiner ersten politischen Rede begegnet war. Mit seinem Freund Gottfried Kinkel saß er hoch über dem Fluss mit Blick auf das Siebengebirge, um festzustellen, dass die Rheingegend noch genauso schön war wie drei Jahre zuvor und dass dennoch so vieles verändert war. Nachdem Gottfried Kinkel die geschiedene Künstlerin Johanna Mockel geheiratet hatte, war er für eine Lehrtätigkeit in der theologischen Fakultät war untragbar geworden und lehrte nur noch im Fach Kunstgeschichte.

Mit dem Dampfboot fuhr Theodor in Etappen flussaufwärts nach Bingen. Von dort aus unternahm er eine Wanderung entlang der Nahe bis nach Kreuznach, wo er bei den Begegnungen mit Menschen den Eindruck hatte, er stoße mit jedem Schritt an eine faule Frucht der Geschichte. Die krassen Gegensätze zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm unerträglich. Von Kreuznach aus wanderte er weiter und hinter Bad Münster am Stein bergauf zur Ebernburg. Beim Gang zwischen den Ruinen fühlte er sich um einige Jahrhunderte zurückversetzt in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen, Freund des Volkes und von Martin Luther, hier gewohnt und entgegen allen Anfeindungen seiner Fürstenkollegen verfolgten Reformatoren Asyl gewährt hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte der Burg den Beinamen Herberge der Gerechtigkeit.
Eine weitere Unternehmung führte den vierundzwanzigjährigen Wanderer in das wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in Hütten hausten. Welch ein Widerspruch! In dieser Profeteneinsamkeit  fochten die Gedanken in seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von Eine Rheinfahrt im August erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen, und stellte fest, das fluchbeladene Metall  richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten. Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem Rheinwasser.
Ende September 1846 wurde Eine Rheinfahrt im August mit dem Untertitel Den Kölnern, den Schleswigholsteinern, Allen die den Rhein lieben gewidmet gedruckt, auch diesmal wieder beim Schünemann Verlag in Bremen. In dem Zusammenhang erfolgte eine Einladung von den Redakteuren der Weser-Zeitung, deren Verleger ja auch Schünemann war. Man wollte den jungen Literaten, der seit zwei Jahren regelmäßig brillante Texte für ihr Blatt lieferte, persönlich kennenlernen und mit ihm über eine ständige Mitarbeit in der Redaktion reden. Das waren attraktive Aussichten und eine Übersiedlung nach Bremen hatte zudem wegen der Erinnerung an die jahrelange Tätigkeit von Großvater Dräseke an der dortigen Gemeinde St. Ansgarii einen ganz besonderen Stellenwert. Drei Tage brauchte die Miethskutsche durch Sand- und Heidewege. Das Gespräch fand statt, doch die Redakteure der Weser-Zeitung  waren keinesfalls in allen Punkten mit Theodor einig. Seine politischen Ziele gingen weit über das hinaus, was eine Tageszeitung in Bremen sich leisten konnte. Man einigte sich auf eine befristete Mitarbeit, zunächst für ein halbes Jahr. Der Vertrag sollte sofort in Kraft treten.

Doch dann traf Theodor Althaus das Missgeschick gleich in zweierlei Weise. Er wurde ernsthaft krank und war monatelang nicht arbeits- und noch weniger reisefähig. Und noch schlimmer war, dass die Rheinfahrt vom Oberzensurgericht Preußen verboten wurde. Schünemann wurde aufgefordert, die Vertreibung der Schrift sofort zu stoppen, andernfalls würden gegen das Verlagshaus Sanktionen erfolgen. Eine schriftliche Eingabe des Verfassers an den preußischen Innenminister blieb trotz glänzender Argumentation ohne Erfolg. Schünemann distanzierte sich von Althaus, um weiteren Schwierigkeiten mit den preußischen Behörden aus dem Weg zu gehen. Man verschob das Inkrafttreten des Vertrages bis auf Weiteres. Die Zusammenarbeit in der bisherigen Art und Weise wurde jedoch beibehalten und es erschienen weiterhin Artikel von Althaus in der Weser-Zeitung, unter anderem einer über seine Gedanken bei der Wanderung auf die Ebernburg.


„Rheinfahrt im August“, Kapitel aus:

1849 "Pressefreiheit" in Hannover

Gefängniß vor dem Cleverthor

Zwar empfand Althaus die politische Situation als persönliches Dilemma, doch es ging nicht nur ihm so. Weite Teile der Bevölkerung standen uneingeschränkt hinter der Reichsverfassung. Die Enttäuschung und Verbitterung angesichts der unerträglichen Missachtung des Volkswillens machte die tiefe Kluft zwischen Fürsten und Volk allzu deutlich sichtbar. Das absolute monarchische Prinzip stand dem so hart erkämpften demokratischen Prinzip gegenüber. Die starre Haltung der Herrschenden, die vor brutaler Härte nicht Halt machten, schürte das Gefühl der Ohnmacht gegen selbstgefällige Machtausübung. So war es kein Wunder, dass die Menschen wieder unruhig wurden. In allen Ländern gab es friedliche Demonstrationen und Aktionen zur Anerkennung und Umsetzung des Frankfurter Gesetzeswerkes in Form von Kundgebungen und Petitionen, so in Bayern, Franken und in der linksrheinischen Pfalz. Im pfälzischen Kaiserslautern wurde ein Landesausschuss gebildet zur Verteidigung der Reichsverfassung, die man gegen rechtsbrüchige Regierungen durchsetzen müsse.Ge
Als die Machthaber angesichts dieser Willensäußerungen aus dem Volke auf ihrem hohen Ross sitzen blieben und noch immer nicht einsahen, dass das absolute monarchische System dem Prinzip der Volkssouveränität weichen musste, passierte das Unausweichliche. Am 3. Mai 1849 fiel in Dresden der erste Schuss für die Durchsetzung der Reichsverfassung. Nachdem das Zeughaus gestürmt und die Aufständischen bewaffnet waren, flüchtete der sächsische König Friedrich August II. am folgenden Tage mit Familie und Ministern auf die Festung Königstein und die Rebellen proklamierten eine provisorische Regierung für Sachsen auf der Grundlage der Reichsverfassung.
Neue Hoffnung keimte auf. War das der Weg? War der Krieg zwischen Fürsten und Volk offen ausgebrochen? Dann müsste die deutsche Einheit mit Blut erkauft werden. Auch in Bayern, im Rheinland, in Westfalen, Württemberg, Baden, der Pfalz und in vielen anderen Gegenden Deutschlands kam es zu blutigen Volkserhebungen. Theodor Althaus fühlte sich wie erlöst vom Gefühl der Ohnmacht gegen die brutale monarchische Militärmaschinerie. Und er hatte Mitstreiter, die weitaus deutlichere Worte sprachen, als er es sich in Hannover herausgenommen hatte. Die Verfassung, welche die Vertreter des Volkes beschlossen und endgültig verkündet haben, soll durch die Gewalt rebellischer Regierungen umgestürzt, vernichtet werden, hieß es im Aufruf an das Deutsche Volk vom Kongress der Märzvereine Deutschlands am 6. Mai 1849 in Frankfurt, an der Spitze Julius Fröbel und Franz Raveaux. Alle Männer wurden aufgefordert, der Verfassung Treue zu schwören, sich zu bewaffnen und gemeinsam die Durchführung zu erkämpfen.
Vergleichsweise harmlos las sich dagegen der leitende Artikel Der zehnte Mai in Frankfurt am 13. Mai 1849 in der Zeitung für Norddeutschland. Inzwischen war der Dresdner Aufstand mit Hilfe von preußischen Truppen blutig niedergeschlagen worden. Die Nationalversammlung hatte daraufhin den Vertreter der Zentralgewalt aufgefordert, dem preußischen Reichsfriedensbruch entgegenzutreten und die Reichsverfassung gegen jeden Zwang und Unterdrückung in Schutz zu nehmen. Als der Reichsverweser Erzherzog Johann, als Vertreter der Zentralgewalt, sich weigerte, diesen mehrheitlich beschlossenen Auftrag des deutschen Parlamentes auszuführen, sah sich das Ministerium Gagern mit seiner Arbeit am Ende und bot seinen Rücktritt an, den der Reichsverweser auch annahm. Althaus folgerte, dass das Verfassungsprojekt in Frankfurt gescheitert war und er forderte, dass sich nun Gremien, Vereine und Bevölkerung in den Ländern verstärkt um die Durchsetzung des Frankfurter Verfassungswerkes bemühen sollten. Da das hannoversche Ministerium mit Preußen, Bayern und Sachsen zu denen gehörte, die die Verfassung nicht anerkannten, rief er am 13. Mai 1848 im Leitartikel Der zehnte Mai in Frankfurt auf, es müsse jetzt ein Landesausschuss für Vertheidigung und Durchführung der deutschen Reichsverfassung in Hannovereingesetzt werden.
Konnte er ahnen, dass sich Innenminister Stüve, in jenen Tagen als Mitglied des vom preußischen König einberufenen Kongresses zwecks Oktroyierung einer zu erstellenden gesamtdeutschen Verfassung in Berlin eingebunden, nun ausgerechnet am Tage des Erscheinens jenes Artikels in Nr. 132 der Zeitung für Norddeutschland in Hannover aufhielt? Das jedenfalls hatte für den aufmüpfigen Redakteur fatale Folgen. War es die Furcht vor Unruhen im Königreich Hannover oder das Verlangen, es dem unbequemen Kritiker heimzuzahlen? Vorstellbar, dass Stüve schon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, Althaus auszuschalten. Nach dem Vorspiel mit Beleidigungsklage schlug er nun einen Tag nach Erscheinen des Artikels gnadenlos zu. Theodor Althaus wurde am Montag, dem 14. Mai 1849, nach Denunzierung von Innenminister Stüve, verhaftet und vom Stadtgericht Hannover in das Gefängnis vor dem Clevertor eingewiesen.

Wie sollte er das begreifen? Sechs Schritte hin, sechs Schritte zurück. Von Wand zu Wand. Stunde um Stunde. Wer hatte eigentlich das Recht, ihn einzusperren? Welchen Staat sollte er verraten haben? Lächerlich! Mit dem Artikel hatte er nichts anderes getan als sein Vaterland zu verteidigen. Und diejenigen, die das Dilemma von Deutschland zu verantworten hatten, die wahren Staatsverräter, sollten sich nicht zu früh freuen. Ja, sie hatten es geschafft, ihn hinter Schloss und Riegel zu bringen. Doch den Triumph hatten sie nicht verdient, seine Widersacher hier in der Stadt. Das war nicht das Ende. Die Arbeit von Monaten konnte nicht umsonst gewesen sein. Jede Formulierung hart erkämpft und endlich fertig gestellt das Werk. Eine Verfassung für ganz Deutschland. Er blieb stehen, Männerstimmen da draußen, rannte zum Fenster und machte sich an dem eisernen Hebel zu schaffen, bis der Flügel offenstand. Maispitzen vor blauem Himmel, gleichmäßig aufgeteilt im Kreuzgitter. Jedes kleine Quadrat ein Frühlingsbild in grün. Unten im Hof ein Meer von Blüten. Weiß, zartrosa angehaucht. Jemand rief einem anderen etwas zu, der rief zurück, von Gitter zu Gitter. Niemand hinderte sie. Häftlinge im Gefängnis vor dem Clevertor. Wie er. Doch vielleicht war für ihn morgen schon der Spuk vorbei. Er griff eine Zigarre aus der Schachtel, zündete sie an und schaute zu, wie der Rauch in Wölkchen hinauszog in Richtung Westen, dorthin, wo ein paar Eisenbahnstunden von Hannover entfernt sein Elternhaus stand. Noch wussten sie nichts in Detmold. Was würde sie tun, wenn sie es erführen? Und die Mutter noch kein Jahr in ihrem kalten Grab. Bei allem Schmerz ein kleiner Trost, dass sie dieses Unglück nicht mehr erleben musste. Würde sie verstehen, warum er den Artikel genauso schreiben musste? Für das Vaterland? Bedingungslos würde sie zu ihm halten, ebenso wie der Vater und seine kleine Schwester.
Noch am selben Nachmittag verfasste er in seiner Zelle den letzten Artikel als leitender Redakteur, versehen mit seinem Zeichen, dem Sternchen:

* Hannover, 14. Mai. Heute Mittag wurde ich als verantwortlicher Redakteur der Zeitung für Norddeutschland und Verfasser des leitenden Artikels in der Sonntagsnummer dieses Blattes vom Ministerium des Innern beim Stadtgericht ‚als  S t a a t s v e r r ä t h e r’ denuncirt und verhaftet. In dem erwähnten Artikel wurde aufgefordert: in Gemäßheit des Beschlusses der Nationalversammlung vom 10. Mai einen Landesausschuß in Hannover zu bilden mit denselben Befugnissen, welche die Centralgewalt durch ihren Commissar dem pfälzischen Landesausschuß übertragen hatte, d.h. wie ausdrücklich hinzugefügt war, ohne Eingreifen in die Befugnisse der bestehenden Behörden. Der Untersuchungsrichter äußerte unter Anderem auf einen ihm gemachten Einwand: „Die Centralgewalt sei keineswegs als oberste Instanz in allgemeindeutschen Angelegenheiten von Hannover anerkannt. Th. Althaus.




1. Januar 1849: Am Jahreswechsel




*Der Rückblick und das Vorwärtschauen zu dem uns beim Uebergange vom alten in das neue Jahr die  S i t t e  auffordert, erscheint uns heute als  eine selten so sehr empfundene  N o t h w e n d i g k e i t. Die Weltbewegung des großen Jahres löste in den Geistern die alte Ordnung der Gedanken, und wechselnd gewann einer nach dem andern von ihnen die ungemessene Herrschaft; die Arbeit an dem allgemeinen Werke der Erneuung forderte einen so rastlosen Dienst, daß die Parteien oft ohne viel Besinnen die Werkzeuge wählten und die wahren Mittel und Kräfte wiederholt verkannten. Diese Rastlosigkeit, dieses Ueberstürzen von ungeahnten Entwicklungen und Ereignissen Schlag auf Schlag, ließ mehr als einmal das Ziel aus den Augen verlieren, wenn von den erschütternden Stimmen der Revolution Herzen und Geister überwältigend bewegt wurden.

Für diesen Blick auf das große Ganze der nächsten Vergangenheit und Zukunft unsers Vaterlandes ist es jetzt, wo die letzten Entscheidungen auf eine Weile vertagt und die Gemühter zu einer Art von Erbebung in die Macht der Verhältnisse zurückgekehrt sind, ein günstiger Zeitpunkt. Die Ruhe fördert die gute Sache nicht weniger als die Leidenschaft, die Klarheit arbeitet für sie nicht schlechter, als die aufgeregte Begeisterung. Die Schüler und Meister der alten Diplomatie haben nur dadurch den alten Bau wieder zusammenfügen und die kühnen Pläne zum neuen zerstören können, weil sie, niemals von eignem Herzensdrang beirrt, und stets ungläubig an eine nachhaltige Macht der Geistesbewegungen, ruhig die bestehenden Verhältnisse berechneten und mit den organisirten, disciplinirten Kräften wirkten. Und darum, weil diese Umschau und ein  R e s u l t a t  bringen soll zur Kräftigung und Sammlung unserer Politik, versagen wir es uns, die Stimmen aus allen Höhen und Tiefen, die Schlachtrufe, die Triumphlieder und Grabgesänge aus der deutschen und europäischen Geschichte dieses Jahres in einen ergreifenden Chor zu sammeln. Wir glauben zu der  E r k e n n t n i ß  mitwirken zu müssen, welche jetzt mächtiger ist, als Schmerz und Hoffen. –
Eine neue Welt ging uns Deutschen auf; es war natürlich, daß wir zu viel auf das Allgemeine, auf alle höchsten Güter der Menschheit blickten; aber das Viele, was wir erfassen wollten, konnten wir nicht zugleich festhalten. Die edle menschliche Theilnahme an den verwandten Völkerschicksalen ließ uns die ganze Bewegung zu sehr als eine überall gleiche und dieselbe erscheinen. Wir vergaßen darüber das  E i g e n t h ü m l i c h e  und  U n t e r s c h e i d e n d e  der  d e u t s c h e n  Bewegung stets im Auge zu behalten, aber gerade  d i e s  müssen wir jetzt erkennen, weil nur aus diesem  e i g e n s t e n  Charakter die neuen Kräfte zu entwickeln sind, deren wir nach so bittern Niederlagen bedürfen.
Uns erschien nach der Schmach unserer politischen Zustände die  F r e i h e i t  als das wesentliche Ziel und der eigentliche Charakter der deutschen Revolution. Sie war und ist uns freilich so nothwendig wie die Lebenslust, und immer bleibt die Ausbildung der Demokratie ein wesentliches Ziel. Aber – in einem demokratischen Blatte dürfen wir es ohne Furcht vor Missverständnissen sagen: – es war ein theilweiser Irrthum, wenn man in der Freiheit das  E i g e n t h ü m l i c h e  dieser Bewegung vorherrschend erkennen wollte. Sie war es vielmehr, die Deutschland mit allen Völkern  g e m e i n s a m  hatte; nicht die deutsche, sondern die französische Revolution des vorigen Jahrhunderts hat die Printzipien der Freiheit und Gleichheit, und diese allein, den Mächten der alten Welt blutig abgerungen. Wir kannten sie, wir hatten sie allen liberalen Glaubensbekenntnissen; und ohne große Kämpfe, ohne kräftigen Widerstand haben wir diese Fahnen zum Siege getragen. Die demokratischen Institutionen , in den Grundrechten der conservativen Reichsversammlung festgestellt, in die meisten Einzelverfassungen schon übergegangen, ja selbst von der monarchischen Gewalt in Preußen octroyirt,  s i n d  e r r u n g e n  für Deutschland. Wir haben in ihnen die Mittel, diesen Geist im ganzen Umfang der politischen  F o r m e n  von einer Stufe zur andern, und vom Mittelpunkt bis in alle Spitzen des Lebens durchzubilden, und wer mit freiem Blick an der Schwelle des neuen Jahres die großen Züge des Ganzen erfasst, wird diese Kräfte zu stolz empfinden, als daß er dem Fastnachtsspiel des Belagerungszustandes, den Chicanen der Processe, und allen widerwärtigen Kämpfen, in denen die alten Gewlaten einen Scheinconstitutionalismus zurückzuerobern suchen, noch die Ehre anthäte, ihre Besiegung für das wesentliche und hauptsächliche Ziel unsers Strebens zu halten. Diesen Unwürdigkeiten werden die ersten Worte in den preußischen Kammern ein Ende machen. Was an jenen Grundmauern der Demokratie noch fehlt, wird bald vollendet sein; und dahin blickt kein banges und zweifelndes Auge.
Noch im alten Jahre sind diese Grundrechte als Reichsgesetz verkündet, und wo sie Widerstand finden, richtet er sich nicht gegen die Bestimmungen, in denen freie Völker die genügende Gewähr der Freiheit erkennen. Aber lasst sie eingeführt sein, lasst in ihrem Sinne die gesetzgebende Arbeit in den Einzelstaaten beginnen: damit ist unsere Aufgabe nicht geschlossen und unser Ziel nicht erreicht. Mit diesen Freiheiten sind die Schranken noch nicht gefallen, die uns gehemmt und eingeengt haben; mit ihnen hat Deutschland noch keine Macht, in die große Arbeit der Völkerbefreiung, der internationalen Verbrüderung und Gerechtigkeit ebenbürtig einzutreten; mit ihnen mag der Preuße wie der Baier frei sein, – aber  D e u t s c h l a n d  ist noch keine  N a t i o n. Das volle Gefühl unserer Selbstständigkeit, das hohe Ziel unseres eigensten Berufs, und endlich die von Geist zu Geist entzündete, von Hand zu Hand verbundene Kraft zum öffentlichen Leben und großen Schaffen –  f e h l t  uns, so lange uns die  E i n h e i t  fehlt!
Die Einheit Deutschlands! Sie war es, gegen die der Haß am tiefsten wurzelte, für die die Liebe am nachhaltigsten gedauert hat. Sie ist das Wort unserer Zukunft, das wir nicht ererbt noch gelernt haben und deren Gesetze wir aus keiner Constitution herübernehmen können wie die andern, — weil ihre Erscheinung die  n e u e  Gestalt des Jahrhunderts, eine neue Form im Völkerleben sein wird, wie weder Amerika noch Frankreich sie gebildet haben. Was Deutschlands  e i n i g e r  G e i s t  für Europas Bildung geleistet hat, das hat bis heute Deutschlands  p o l i t i s c h e  U n e i n i g k e i t  an der  F r e i h e i t  gesündigt; und wie ein getheiltes Deutschland das Ziel und Mittel des europäischen Despotismus war, so wird nur ein einiges Deutschland das Schwerdt und Schild der europäischen Freiheit und Gerechtigkeit sein.
Wir werden daran zu Schanden werden, wenn wir noch länger kurzsichtig, wie oft die Besten, diesen Kern unserer Revolution und unserer Zukunft zerrütten lassen durch den Kampf um  F o r m e n  der Freiheit, die sich doch unfehlbar in ihrer Entwickelung gleichmäßig demokratisch ausbilden werden. Diese Gleichmäßigkeit der inneren Verfassung hat höchstens in freier Uebereinstimmung ihren Werth, aber sie ist keine Nothwendigkeit. Lassen wir der Zeit, was langsam wächst und für den Moment zu entbehren [ist?] aber  s c h a f f e n  wir um  j e d e n  P r e i s, was nur durch die unbeugsame Energie gegen die noch widerstrebenden Kräfte geschaffen oder  g e z w u n g e n  werden muß, weil es  n i c h t  zu entbehren ist. Das ist der  B u n d e s s t a a t, in welchem es nur  e i n  Ministerium des Kriegs und nur  e i n  Ministerium des Auswärtigen giebt, und in dem nur  e i n e  Gewalt,  e i n  Wille an der Spitze steht. Einzig, geschlossen, fest, daß keine fremde Macht an den Interessen von Staaten oder Dynastien  i n n e r h a l b  Deutschlands Handhaben finde, um Deutschland  s e l b s t  zu zerreichßen zum Vortheil des Egoismus oder des Wehrgeizes andrer Nationen.
Wer soll dieß Deutschlandschaffen? Die souveraine Nationalversammlung hat noch heute wie damals die Vollmacht dazu durch die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, daß es  a n d e r s  zu Stande komme. Ist das so, dann müssten wir demnach mit Verzagen die Umkehr der Verhältnisse sich vollenden sehn, durch welche alle Einzelstaaten erstarkt sind und Frankfurt geschwächt ist?
Nein, wir schließen nicht mit dieser Furcht. Was dem Reichstage nicht glücken könnte, das würden die Landtage wieder aufnehmen, und wenn er Hülfe braucht, so werden diese organisirten öffentlichen Kräfte, in edlem Wetteifer verbündet, das zu Ende führen, was aus den kleinen Zusammenkünften von Hallgarten und Heidelberg in wenig Monaten zu einer Macht gewachsen ist, mit der zu brechen doch selbst den Uebermüthigen der Muth fehlt. –
So mögen denn die, deren letzte Ziele noch weit über die Resultate dieses Jahres hinausliegen, sich jetzt mit uns zu denen stellen, die eine solche Einheit gründen wollen. Wir verlangen diese Entsagung und Selbstbeherrschung von unsren Freunden, wie wir sie selbst auch ferner üben werden. Und wie man am Menschen nicht das stets bewegliche Herz achtet, sondern den Charakter: so wird die einzig  d a u e r n d e  Empfehlung für eine Zeitung darin liegen, wenn sie durch ihre Vergangenheit bewährt hat, daß das Vaterland ihr höher al die Parteien, und die Ueberzeugungstreue mehr als Freundschaft und Feindschaft gilt. Zu einem jubelnden „Glückauf“! ist es nicht die Zeit, aber einen Gruß und Handschlag bringen wir Allen entgegen, die uns in der ernsten Arbeit begleiten und fördern wollen!

1848/49 "Grundrechte des Deutschen Volkes"

Trotz der Bedenken des Hannoverschen Ministeriums waren die „Grundrechte des Deutschen Volkes“ mit Einführungsgesetz, datiert am 27. Dezember 1848 und unterschrieben vom Reichsverweser Erzherzog Johann sowie von den Reichsministern H. v. Gagern, v. Peucker, v. Beckerath, Duckwitz und R. Mohl, in Frankfurt verkündet worden. Die Bestimmungen in den acht Artikeln bildeten die Grundlage für das Zusammenleben im demokratischen Staatengebilde, vor allem die Freiheit der Person, Aufhebung der Standesunterschiede, Freiheit der Meinungsäußerung, der Presse, des Glaubens, der Wissenschaft und Lehre, Versammlungsfreiheit und nicht zuletzt die Unabhängigkeit der Gerichte.
In den Druckereien der verschiedenen deutschen Länder, u.a.  bei J. G. Heyse in Bremen und bei Lehnhardt in Mainz, war der Gesetzestext in aufwändiger Gestaltung verlegt  und in den Ländern verteilt worden. Die Abonnenten der „Zeitung für Norddeutschland“ erhielten als Gratisbeilage ein schön gestaltetes Plakat mit Wappenvogel und Zierrahmen, gedruckt bei den Gebrüdern Jänecke. Dieses Schmuckstück wurde zu Hunderten in den Buchhandlungen verkauft und hing nun in Hannover an allen öffentlichen Orten aus. Auch in dem Café, in dem Althaus seit den Ermahnungen der Schwester jeden Abend nach Fertigstellung der Ausgabe für den nächsten Tag ein Ruhestündchen verbrachte, war es an der Wand angebracht. Mit Genugtuung stellte er fest, dass es ständig abgehängt und studiert wurde und von Hand zu Hand ging. Es war nun Sache der einzelnen Regierungen, das gesamtdeutsche Gesetzeswerk in den jeweiligen Ländern zu publizieren und umzusetzen.
Der 21. Januar 1849 war ein Sonntag. Nicht nur wegen des strahlenden Winterwetters war es ein ganz besonderer Tag. Nach einem Aufruf Adolf Menschings vom Hannoveraner Volksverein, der nach dem März 1848 aus den wöchentlichen Versammlungen im Ballhof hervorgegangen war, sollte in der Stadt die Anerkennung der Grundrechte des deutschen Volkes gefeiert werden. Theodor berichtete seiner Schwester von dem „herrlichen politischen Sonnenschein“, den Hannover an dem Tage erlebte. Am liebsten hätte er ihr die helle Morgensonne mit dem Brief hinüber nach Detmold geschickt. Und noch viel lieber hätte er Elisabeth dabei gehabt, als er nachmittags losging auf den Marktplatz, wo sich Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen versammelten, um für die Verkündung und Publizierung des Reichsgesetzes im Königreich Hannover zu demonstrieren. Er war auch dabei, als an die dreitausend Menschen vom Rathaus durch die Kramerstraße über den Holzmarkt zum Neustädter Markt zogen, wo die Grundrechte für das deutsche Volk öffentlich verlesen wurden.
Dieses eindrucksvolle Votum der Hannoverschen Bevölkerung führte jedoch keineswegs dazu, dass die gesamtdeutschen Grundrechte von der Regierung des Königreichs Hannover anerkannt und publiziert wurden.
Auch die Presse kämpfte für das Reichsgesetz, mit Ausnahme der „Hannoverschen Zeitung“, die als Sprachrohr der Regierung galt. Innenminister Stüve selbst verfasste regelmäßig Artikel für dieses Organ. Er hielt nach wie vor an seinen Bedenken fest und wartete, wie in den Aktenstücken vom Dezember 1848 angekündigt, auf die Entscheidung der Ständemitglieder, deren Wahl in diesen kalten und schneereichen Januartagen in vollem Gange war.

Leseprobe aus:

Neubeginn in Hannover


Theodor war zuversichtlich, als er am Freitag, dem 22. Dezember 1848 das großzügig angelegte Bahnhofsgebäude von Hannover verließ und ein Zimmer im nahe gelegenen Hotel Royal bezog. So wenige Abschiedsbesuche wie in Bremen hatte er in keiner Stadt vorher gemacht. Er hoffte sehr, die Menschen in dieser Stadt weniger zugeknöpft vorzufinden. Weil er wusste, dass sich seine Mutter nach den Bremer Rückschlägen um ihn sorgte, schrieb er ihr gleich einen Brief, in dem er sich einerseits optimistisch gab, ihr andererseits jedoch ankündigte, dass er weiterhin in seinen Leitartikeln schreiben müsse, was er denke, schon allein angesichts der reaktionären Entwicklungen in Österreich und Preußen, die er sarkastisch sanfte preußisch-österreichische Sonnenwärme nannte und die eine Rückkehr monarchischer Strukturen befürchten ließen.

Nach einem winterlichen Rundgang vorbei an Bauernhäusern in den Randbereichen, Militärgebäuden am Waterloo Platz, Fabrikanlagen und durch Bereiche mit aristokratischen Prachtbauten fand er den Weg zum Druck- und Verlagshaus der Gebrüder Jänecke in der Osterstraße. Dort sollte seine Zeitung verlegt und gedruckt werden. In dem einundzwanzigjährigen Georg, dem Sohn von Christian Jänecke, hatte er einen Ansprechpartner, der die Revolution in Wien erlebt hatte und politisch in die gleiche Richtung dachte wie er. Im Übrigen waren die Jäneckes überaus innovationsfreudige und grundsolide Unternehmer, die mit gutem Geschäftssinn für Verbesserungen und Erweiterungen in die Zukunft planten. Um das Verlegen einer Tageszeitung hatten sie sich bei den hannoverschen Ämtern seit Jahren vergeblich bemüht. Nach Erlangen der Pressefreiheit im März 1848 konnten sie das Projekt nun endlich angehen. So kamen ihnen die geschäftlichen Probleme des Heyse’schen Verlages sogar gelegen. In ihrem Hause sollte die „Bremer Zeitung“ weitergeführt werden und ab 1. Januar 1849 als „Zeitung für Norddeutschland“ erscheinen. Theodor Althaus wurde als leitender Redakteur mit seinen Mitarbeitern übernommen.
Nach der ersten Orientierung im neuen Wirkungskreis begann er schon bald, in den entsprechenden Stellen erste Kontakte zu knüpfen und sich als neuer Redakteur in Hannover vorzustellen. Einer seiner ersten Besuche galt Innenminister Stüve aus Osnabrück, der nach den Märzereignissen das Ministerium übernommen hatte. Der Empfang war alles andere als freundlich. Stüve schien das Erscheinen einer neuen Tageszeitung in der Hauptstadt des Königreichs Hannover nicht sonderlich zu interessieren. Jedenfalls gab er sich anderweitig beschäftigt und war äußerst abweisend. Der tiefere Grund dafür waren seine Vorbehalte gegenüber dem engagierten Zeitungsmann. Stüves Bemerkung, die Redakteure der Bremer Zeitung hätten den norddeutschen Charakter auf die Probe gestellt, wies darauf hin, dass er über die Vorgänge in Bremen informiert war.  Er selbst hatte nach der Übernahme des Amtes im Märzministerium einen Rechtsruck gemacht und vermittelte den Eindruck, als sei es ihm am liebsten, wenn das bestehende System beibehalten würde. In seiner gewohnten Art, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, scheute Althaus nicht davor zurück, das brisante Thema Reichsverfassung direkt anzusprechen. Stüve wehrte das Gespräch ab. Der fünfzigjährige Minister des Königreichs Hannover und der ungestüme Redakteur der Zeitung für Norddeutschland brachten es nicht fertig, sich sachlich auseinanderzusetzen. Es klang zugleich trotzig und zynisch, wenn Theodor seiner Schwester versicherte: Ich bin für mein Theil sehr zufrieden, denn ich habe Alles, was ich erwarten konnte: ihn nämlich kennen gelernt und einigen Stoff für meine Combinationen.  
Nachdem er in die unmittelbare Nachbarschaft des Druckhauses in die Osterstraße Nr. 89 umgezogen war, ging die Zeitungsarbeit erst richtig los. Bis zum Erscheinen der ersten Ausgabe war noch jede Menge vorzubereiten und nicht alle technischen und organisatorischen Gegebenheiten in Druckerei und Büro waren fertig gestellt. Letzteres war vorerst nur provisorisch eingerichtet und außerdem ungemütlich kalt, was der vorweihnachtlichen Stimmung nicht gerade zuträglich war.
Nach dem Weihnachtsfest mit morgendlichem Besuch der Wohlbrücks und der Setzer sowie einem nachmittäglichen seinerseits bei den Jäneckes war dann am letzten Tag des Jahres 1848 das zukunftsweisende neue Projekt startfertig. Die erste Ausgabe der Zeitung für Norddeutschland ging in den Druck. Doch genau an dem Tage erreichte Theodor Althaus die Nachricht von der plötzlich aufgetretenen schweren Erkrankung seiner Mutter. So erschütternd diese Botschaft auch war, so konnte er doch nicht alles liegen lassen und Knall auf Fall nach Detmold fahren.
Es kam noch schlimmer. Zwei Tage später erfuhr er, dass seine liebste kleine Mama gestorben war. Das war ein Schlag, der ihm fast das Herz brach. Mit äußerster Beherrschung und Mühe machte er noch einen Leitartikel druckfertig und fuhr die ganze Nacht hindurch, um morgens bei der Beerdigung dabei zu sein.

Leseprobe aus: 



Robert Blum

Leitartikel von Theodor Althaus in der von ihm redigierten „Bremer Zeitung“ vom 14. November 1848 zum Tode von Robert Blum: 



R o b e r t  B l u m.

* Die Männer, die das Volk zu Wortführern und Kämpfern … seine Freiheit und des Vaterlandes Ehre gewählt, sind das …. Ziel der feindlichen Macht. In Frankfurt sind sie im Verhör, …  in Berlin ist ihre Versammlung des Hochverraths angeklagt, in Wien ist Robert Blum, der Führer und der Abgesandte der Partei, der das Vertrauen des Volkes hat, standrechtlich verurtheilt, erschossen. Nach dem Flügelschlag der Revolution vom Süden bis zum Norden, schließt der Belagerungszustand einen Heerd der ….heit nach dem andern ein, und dieser letzte erschütternde Schlag ist das Aeußerste der Rechtlosigkeit, der Niederlagen, von denen wir in unaufhaltsamer Folge gebeugt sind. Wer noch nicht glauben wollte, daß um Tod und Leben in diesen Tagen gerungen wird, den werden die Schüsse aus der Brigittenau durchbeben, daß er ….: Es wird Ernst, der fürchterliche Ernst der Contrerevolution! Und wenn die Freiheit jetzt  u n t e r l i e g t, so wird sie auch in den Staub  z e r t r e t e n  werden!
Sie unterliegt nicht! wir sind nur in einer sinkenden Welle in dem wogenden Meerstrom des Jahrhunderts, und die nächste wird gewaltiger steigen als die ersten. Die Brust senkt sich einen Moment, aber der Athem der Revolution ist nicht erstickt  u n d  sie rudert die neuen Lasten um so wilder ab, je unerträglicher sie aufgebürdet wurden.
Sie schafft sich ihre Männer selbst, und in diesem unerschütterlichen Glauben wird Robert Blum mit festem Blick seine Brust den …..geln geboten haben; vielleicht mit dem letzten Gedanken an die Worte seines Gefährten Julius Fröbel, unseres edlen Freundes, um dessen Schicksal wir noch in Sorge schweben, – an die Worte:
                   Die Freiheit ist des Blutes werth,
                   Und fällt für sie ein starkes Haupt, so richten
                   Begeistert neue Häupter sich empor! –
Nur einen Moment haben wir, ihm nachzublicken; einen Moment, in dem noch Keiner weiß, ob er den Gefallenen beklagen oder glücklich preisen soll, die Tage der nächsten Zukunft nicht mehr gesehen zu haben.
Vor einem Jahr in diesen Novembertagen sahen wir ihn auf dem Fest des deutschen Freiheitsdichters, das Leipzig feiert, das er mitbegründet hat. Wie viele sind, die ihn von Ministern und Kammern, von Reaction und Revolution reden gehört! Und Andere verstanden das so gut wie er. Aber wer vergisst dieses Fest, wo er draußen im niedrigen Saal zu den Bauerkindern sprach, wo er … der Schule und den Büchern in einfachster Weise die jungen ….stellungen heraufleitete bis zur Ordnung in der Gemeinde, bis zum Gesetz im Staat, zur Freiheit und Liebe im Vaterland; wie samt der inneren Lust, die stets sein Reden und Wirken begleitete, die Keime des Hohen und Edlen, die unser Dichter und Prophet hier ausgestreut, hier jedes Jahr von neuem den Kindern des Volks in die Herzen legte! Die unermüdete Treue, mit der er im kleinsten Kreise wirkte, wie er ja auch gedient und gearbeitet hatte von unten auf, wird sein bleibender Ruhm sein; aber wer ihn nicht kannte – und sehr wenige haben ihn ganz gekannt – ahnte weder in diesen gemüthlichen Reden, noch in der Ruhe, die er im …. Leben stets bewahrte, die gewaltigen Leidenschaften, die seine Seele gebändigt hatte.
Von ihnen war sein Inneres stärker als je bewegt in jener Märznacht, nach den Tagen von Berlin, als in einem engen Kreise der politischen Freunde der Feldzugsplan zum Vorparlament berathen wurde. Die kleine Gesellschaft war bei ihm versammelt; manche von weiter her eben angekommen; die Erregtheit stieg, der revolutionäre Ungestüm brach aus den Tiefen hervor und in den …igen Forderungen und Entgegnungen verlor sich die Debatte mehr als einmal aus ihren Gränzen und stürmte über ihren Zweck hinaus. Es verstand sich von selbst, daß Blum präsidirte; er war es, der jedesmal im rechten Moment die Zügel ergriff, das Hauptziel ins Auge faßte und frisch blieb bis zuletzt, als seine Rede wie  …te eines Feldherrn klang, und seine junge Schwester, die neben seinem Stuhle stand, so stolz auf ihren Bruder sah!
Die Zeiten hatten sich erfüllt; Blum war der Führer der Linken in der Nationalversammlung geworden. Noch waren die Spaltungen nicht so unversöhnlich weit wie jetzt gerissen, die Hoffnungen noch stark, das Vertrauen größer, der Haß ungewisser, und mit neuem Muth sah die große Mehrzahl der neuen Macht, der Centralgewalt entgegen. Damals war Blum fast der Einzige, der unbeirrt von dem Lächeln und Schweigen der „ehrlichen Freiheitsfreunde“, den Charakter der neuen Macht erkannte und sich nicht scheute, seine Rede leidenschaftlich zu enden: „Wollen Sie das Himmelsauge der Freiheit brechen sehen und die alte Macht heraufführen:  s c h a f f e n  Sie Ihre  D i c t a t u r!“
Damals wurde er verlacht wegen der „Phrase.“ Vier Monat später, am Morgen des neunten November, hat er vielleicht an sie zurückgedacht, einst als er, so oft von Tausenden begleitet und begrüßt, nun allein, verlassen, preisgegeben, ohne Freunde, ohne Volk, in der Brigittenau draußen vor Wien den letzten Gang gethan zwischen den czechischen und polnischen Bajonetten! – Ein sehr naher Gedanke!
Oder ist nicht etwa die Centralgewalt in der That zur Dictatur geworden? Ist nicht von  F r a n k f u r t  der Belagerungszustand nach Wien gekommen, und haben nicht die Minister der Centralgewalt in diesen Tagen aus vollem Herzen das Lob des Standrechts und des Generals verkündigt, von denen über Blum das Todesurtheil gesprochen wurde? Und erleben wir es nicht, daß in Berlin der Hochverrath der Krone gegen das Volk „eine zweckmäßige Maßregel“ genannt wird von dem Reichscommissar, den die Centralgewalt dahin gesandt?
Ist zwischen Olmütz und Potsdam, ist zwischen Windischgrätz und Wrangel ein Unterschied?
Was kann Bassermann nach dieser Erklärung anders, als in die Fußstapfen der wiener Commissare treten, die einzig noch zu sorgen übrig hatten, „daß die Entscheidung nicht  a l l z u  b l u t i g  werde“?!
Nein, es ist  k e i n  U n t e r s c h i e d  zwischen Wien und Berlin, es sind die Kämpfe der Freiheit im  e i n i g e n  D e u t s c h l a n d, ihre Niederlagen und ihre Siege zucken elektrisch durch das ganze Land.
Das fühlt das Volk, und das wird ein Trost sein, denn aus diesem Bewußtsein werden Thaten und ein einiger Aufschwung der Revolution hervorgehen. Wir bedürfen dieses Trostes, denn der Schmerz über unsre Schmach ist zu groß. Einen Mann, von dem der Haß nicht läugnen kann, daß er für Volk und Freiheit alle Kräfte aufgeboten, – einen von den Vertretern der deutschen Nation haben sie gerichtet ohne Recht, haben ihn erschossen und begraben ohne Sang und Klang, und ein trotziger Soldat schleudert dem schützenden Gesetz der Nationalversammlung diesen Hohn entgegen, während im Vaterlande der Mann, der für die Freiheit treu hinter seiner Barrikade ausgehalten hat, von der hohen und niedern Pöbelpresse mit Schimpf und Schande zu Grab geleitet ist. Erst höhnten ihn die Weisen als einen Mann der vulgären Phrasen; dann fiel ihn das Gezücht seiner heimlichen und offenen Feinde mit hämischen Verläumdungen an, verkündete mit Triumph: er sei feige entflohn; und endlich, da sie ihm die Ehre des Muths und der Todesverachtung nicht rauben konnten, suchten sie ihn wenigstens als Bluthund zu brandmarken; voran, wie immer, das Organ der Centralgewalt, und der Chor hintendrein. – J e t z t  werden sie heulen, denn sie  f ü r c h t e n. Wie Simson kann er in seinem fall die letzte gelobte „Säule des Staats“ mit umreißen.
Denn wenn seine Freunde in Frankfurt noch ihre Ehre waren und die Gesetze der Nationalversammlung nicht verhöhnen lassen wollen, so müssen sie den zur Strafen ziehenm der sie verhöhnt hat. „Wir werden es, er trage eine Blouse oder eine Krone“! jubelte einst das ganze Parlament. Wohlan, auch jetzt denn, da er einen  F e l d h e r r n s t a b  trägt!
Die Volkspartei muß verlangen:  d a ß  W i n d i s c h g r ä t z,  d e r  a u f  d e u t s c h e m  B o d e n  e i n e n  d e u t s c h e n  V o l k s v e r t r e t e r  p o l i t i s c h  g e m o r d e t  u n d  a n  e i n e m  d e u t s c h e n  R e i c h s g e s e t z  d o p p e l t  u n d  d r e i f a c h  g e f r e v e l t  h a t,   s o f o r t  v o n  s e i n e m  C o m m a n d o  e n t h o b e n  u n d  z u r  V e r a n t w o r t u n g  u n d  S t r a f e  g e z o g e n  w i r d. 
Windischgrätz aber ist die Säule des Reichsministeriums, und die Nationalversammlung will das Reichsministerium nicht fallen lassen?
Dann kann ein letzter Schritt geschehen, und wenn die Angst und Muthlosigkeit jammernd fragt: was wollt Ihr machen? – so wird die Antwort kommen, die jener Bursch hinter der Barrikade in Frankfurt gab:
„Was wir machen wollen?  E i n  P a r l a m e n t,  d a s  E h r e  i m  L e i b  h a t!“
A u f f o r d e r u n g.

Robert Blum hinterläßt eine Frau und mehrere unerwachsene Kinder. Mögen Alle, die in den Jahren des Druckes und in den Tagen der Erhebung die freien und beredten Worte des Mannes gerühmt haben, ihm jetzt die letzte Ehre erweisen, und durch die Sorge für seine Familie ihm den Dank abstatten, den das Volk ihm schuldig ist.
Wir erklären uns zur Annahme und Weiterbeförderung von Beiträgen bereit.
                                               D i e  R e d a k t i o n  d e r  B r e m e r  Z e i t u n g.

Die Deutsche Einheit und die Parteien der Gegenwart

Leitartikel von Theodor Althaus in der Bremer Zeitung am 10. November 1848
* In der Geschichte der deutschen Einheit sind wir seit einiger Zeit auf einem Wendepunkte angelangt, wo eine Orientirung zur Nothwendigkeit wird. Rasch ändern mit den fortschreitenden revolutionären Begebenheiten die Worte ihre Bedeutung, und so verwirren sich die alten und neuen Leidenschaften in deren Anwendung. Je beweglicher die öffentliche Meinung und die Herzen des Volks dem Einfluß der großen einfachen Gedanken, der weitschallenden Losungsworte hingegeben sind, desto schärfer muß man stets von neuem untersuchen, ob der Inhalt des Gedankens, die Bedeutung des Wortes noch dieselbe geblieben ist, ob der alte Kampfruf noch gegen denselben Feind, die alte begeisternde Losung noch zu demselben Ziele führt.
Ein Blick in die Gegenwart zeigt uns, daß die  „d e u t s c h e  E i n h e i t“, wie sie jetzt im Kampf als Waffe gilt, nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie im Anfang der Revolution. Das Ziel, für welches die absolutistische Rechte in Berlin schwärmt, für welches die preußische Camarilla und das Ministerium der bewaffneten Reaction dieselben preußischen Truppen zur Disposition stellen, mit denen sie die Conterrevolution zerschmetternd einführen wollen, kann unmöglich dasselbe sein, nach welchem die Demokraten streben. Jene Losung passt für uns nicht mehr von dem Augenblicke an, wo unsere Feinde sie in den Mund genommen und uns damit den offenbarsten Beweis gegeben haben, daß sie nur ein  M i t t e l  für andere  Z w e c k e  ist.
In der ersten Periode unserer Revolution war die  w i r k l i c h e  Einheit das Ziel der Patrioten und zugleich das  M i t t e l  der  D e m o k r a t e n; in der gegenwärtigen zweiten Periode ist die  f o r m e l l e  Einheit das  M i t t e l  der  R e a c t i o n, während die Sache noch immer das Ziel der Demokraten geblieben ist. Sie haben sich nur augenblicklich gegen die Form gewendet, eben weil diese Form grade von der Reaction mit Erfolg als Mittel benutzt wird. Die  V e r w i r r u n g, wo man Freund und Feind nicht mehr erkennt, entsteht dadurch, daß man die  S a c h e  nicht von der  F o r m  unterscheidet. Es ist im Interesse der Reaction, diese Verwirrung zu erhalten, um die Demokraten in der öffentlichen Meinung und in den patriotischen Herzen der Menge zu ruiniren; eben darum ist es in  u n s t e m  höchsten Interesse, diese Verwirrung aufzuklären, um die Reaction zu entlarven und die Demokraten zu vertheidigen.
Die  w i r k l i c h e  Einheit Deutschlands besteht darin, daß in der definitiven Verfassung des Bundesstaats die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten, die Handelspolitik und Zollgesetzgebung, Krieg und Frieden, Verwendung des Heers und der Flotte von einer souveränen Reichsgewalt abhängen, ohne irgendwelche Vereinbarung mit den Einzelstaaten. Das sind die wesentlichen Lebensbedingungen für Deutschland, das ist die Sache, um die es sich bei der deutschen Einheit handelt; und der  w i r k l i c h e, unter allen Umständen zu vernichtende  P a r t i k u l a r i s m u s  ist nur das Bestreben, den Einzelstaaten eine Selbstständigkeit zu erhalten, welche diese Einheit irgendwie beeinträchtigen kann.
Gegen diesen Partikularismus richtete sich der Kampf zweier in Bezug auf Freiheitsfragen sehr getrennter Parteien in der ersten Periode unserer Revolution; ein Kampf gegen die Regierungen und die Conservativen. Der einen der beiden damals verbundenen Parteien war es um die  E i n h e i t – und Freiheit, der anderen um  D e m o k r a t i e  –  und Einheit zu thun.
Diesen Kampf dürfen wir in dem nichtösterreichischen Deutschland wohl getrost als einen siegreich  b e e n d i g t e n  bezeichnen; die Verfassungsdebatten in Frankfurt geben Zeugniß davon, daß nur eine geringe Minorität im sinne des Particularismus noch hier und da ein kleines Recht zu retten sucht; die Sache der wirklichen Einheit wird von einer weit überwiegenden Majorität geführt,“ in deren Reihen die Republikaner überall voran sind.
Ihnen also wirklichen Particularismus vorzuwerfen, ist eine bloße Parteioperation. Auch gebraucht man gegen sie nur das  W o r t, weil es aus seiner Zeit noch einen gehässigen Klang hat; aber selbst die feindseligsten Blätter haben ihnen niemals den Vorwurf machen können, daß sie auf eine definitive Bundesverfassung hinarbeiteten, in welcher die doch nothwendige Souveränetät der Reichsgewalt des einen Deutschland durch die Selbstständigkeit der Einzelstaaten beeinträchtigt werden könnte, und nur  d a s  wäre  w i r k l i c h e r  Particularismus.
Vielmehr beziehn sich diese Vorwürfe alle nicht auf die  d e f i n i t i v e  Verfassung, sondern auf den   p r o v i s o r i s c h e n  Zustand; nicht auf die  w i r k l i c h e, sondern auf die  f o r m e l l e  Einheit, und endlich weit weniger auf  G e s e t z e  der  N a t i o n a l v e r s a m m l u n g, als vielmehr auf  M a ß r e g e l n  des  R e i c h s m i n i s t e r i u m s.
Die  f o r m e l l e  Einheit besteht gegenwärtig erstens darin, daß die Einzelstaaten die in Frankfurt beschlossene Reichsverfassung ohne weiteres annehmen, und zweitens, sich allen Maßregeln und Beschlüssen des Reichsministeriums unbedingt fügen sollen.
W a r u m  nun die demokratische Partei, vor allem in der berliner Versammlung, gegen diese Form aufgetreten ist, warum in Sachsen die Linke sich mit den „gewissenhaften“ Ministern in diesem Sinne vereinigt hat: das liegt doch sonnenklar vor jedem Blick, der nur die Wahrheit sehen  w i l l. die Demokraten haben es gethan, weil sie am Centralsitz dieser Einheit sehr oft schlecht für die  F r e i h e i t  gesorgt sahen; sie wollten ein eventuelles Veto gegen die Reichsverfassung sich vorbehalten, weil sie Grund zu dr Furcht hatten, daß diese Verfassung nicht demokratisch sondern altconstitutionell ausfallen würde; sie protestirten gegen die Maßregeln der Centralgewalt, weil sie Maßregeln der Reaction darin sahen, – mit einem Wort: sie nahmen  f ü r  d e n  A u g e n b l i c k  Position gegen die  p r o v i s o r i s c h e  f o r m e l l e  E i n h e i t, weil sie nicht wie es schon einmal geschah, mit diesem Losungsworte das Vaterland um die  w i r k l i c h e  u n d  d e f i n i tt i v e  F r e i h e i t  gebracht sehn wollten. Es war und ist nicht der zähe Geiz des herzlosen Particularismus, sondern die schmerzliche Nothwehr des Lebens und der Freiheit. Und ebenso war bei den Conservativen die plötzliche Parteinahme gegen den sogenannten souveränen Nationalwillen, sondern die hämische Berechnung, der Demokratie mit ihren eignen früheren Waffen den Todesstreich zu versetzen; ihre Gemeinschaft in der deutschen Einheit war nichts als ihr Complott zu Gunsten der Reaction, für die ihnen die Centralgewalt äußerst brauchbar schien.
S o  liegen die Sachen, und diese Sachlage muß man um so kräftiger darstellen und wiederholen, je mehr sie mit Treulosigkeit verdreht, je mehr die politische und gegenwärtige Bedeutung des Einheitsgedankens durch die juristische Form verhüllt werden soll.
Wem das noch nicht klar geworden ist, den weisen wir auf den Conflict zwischen  F r a n k f u r t  und  B e r l i n. Jeder weiß, daß wir den über die  p o s e n s c h e  Angelegenheit meinen.
Sollen wir in ihr die Fehler und die Schuld auf beiden Seiten finden oder müssen wir es ein  V e r h ä n g n i ß  nennen, daß auf diesem Gipfelpunkt die Einheit und die Freiheit sich zum verderben begegnen! Fast unvermeidlich scheint es.
In Frankfurt ward – um der deutschen Einheit willen – beschlossen, Posen zu theilen. In Berlin geben die Freiheitssympathien für die Posen den letzten (nicht den einzigen) Ausschlag zu dem Beschluß: Posen soll ungetheilt bleiben.
Daß die Nationalversammlung – wenn auch nur durch motivirte Tagesordnung – nun den berliner Beschluß für ungültig erklärt hat, war eine Nothwendigkeit; sie konnt ihre Souveränetät, zumal sie kein gutes Gewissen gegen Oesterreich hatte, nicht selbst morden. Daß sie dieß aber  j e t z t  beschloß, ist ein Verhängniß, daß sie vielleicht nur zu bald bitter bereuen wird als eine schwere Schuld.
J e t z t, wo jede Stunde das Wort zur Contrerevolution in Potsdam reifen kann; j e t z t, wo der Absolutismus von Gottes Gnaden, der nicht geradezu mit seiner Willkür der Volksvertretung entgegentreten mag, nur auf einen  p o p u l ä r e n  Anlaß, nur auf eine  G e l e g e n h e i t wartet, das kaum verhaltene Wort: ich sanctionire nicht! Zum erstenmal zu sprechen! – j e t z t  giebt die Nationalversammlung den Reiz und Anlaß, unter dem edlen revolutionär gesetzlichen Schild der deutschen Einheit – den Stoß zu führen, der die Demokratie ins Herz treffen soll!
Ihr Beschluß lockt, das erste protestirende Wort zu sprechen, dem nur der Geschützdonner des Bürgerkriegs den vollen Klang und nur der Belagerungszustand von Berlin die Unverletzlichkeit verschaffen kann! Und wenn  o h n e  diese Mittel, dann desto schlimmer, dann ist es eine  m o r a l i s c h e  Niederlage der demokratischen Partei.
So oder so! dem Absolutismus ist nun weit das Thor geöffnet, durch das er heuchlerisch als Diener des Gesetzes, als Beschützer der deutschen Einheit, den langersehnten Triumphzug an der Spitze seiner treuen Garden halten kann.
Was im Namen der  F r e i h e i t  geschah, pflegt man an Frankreich zu lernen; für Deutschland scheint das Blatt der Geschichte vorbehalten: was alles im Namen der  E i n h e i t  geschah.

28. Oktober 1816

Am 28. Oktober 1816 wurde Malwida von Meysenbug in Cassel (Kassel schrieb man derzeit mit C) geboren. Sie war das neunte von zwölf Kindern der Familie. Ihre Mutter Ernestine Hansell kam aus einer hochangesehenen Bürgersfamilie und ihr Vater Phillippe Rivalier war höchster Minister des hessischen Kurfürsten, der ihm neun Jahre später den Adelstitel von Meysenbug verlieh. Nach schweren vormärzlichen Unruhen zog der Vater im Gefolge des Kurfürsten an verschiedene Orte in Hessen. Die Mutter zog mit den Kindern in die lippische Residenzstadt Detmold. Hier entdeckte Malwida ihre Liebe zu dem sechs Jahre jüngeren Pfarrerssohn Theodor Althaus, einem leidenschaftlichen Kämpfer für ein demokratisches Deutschland. Trotz ihrer Zugehörigkeit zum Adelsstand entwickelte sie sich zu einer überzeugten Demokratin. Nach dem Scheitern der deutschen Revolution 1848/49 stand sie zu ihren Überzeugungen und nahm die bittere Konsequenz einer Trennung von der Familie in Kauf. Ihrer Liebe zu Theodor Althaus blieb sie auch nach seinem frühen Tod treu. Unermüdlich kämpfte Malwida von Meysenbug um wirtschaftliche Unabhängigkeit und für die Gleichstellung der Frau. Nach dem Londoner Emigrantenleben zog es sie zunächst nach Florenz und schließlich nach Rom, wo sie eine Heimat fand und im Jahre 1903 starb. 


In ein offenes Herz hatte er [Theodor Althaus] ein Jahr zuvor gesät. Die sechs Jahre ältere Malwida von Meysenbug hatte nicht vergessen, was der große junge Mann mit den langen dunklen Locken ein Jahr zuvor [1843] von der Kanzel der Detmolder Stadtkirche gepredigt hatte. Seine Botschaften hatten ihre aristokratisch geprägten Ansichten ins Wanken gebracht, Zweifel ausgeräumt, Fragen beantwortet und ihr den Impuls zu einer für eine junge Frau in ihren Kreisen ungewöhnliche Aktion gegeben. Sie gründete einen Verein für Arme, in dem Mädchen und junge Frauen der besser gestellten Gesellschaft sich zusammenfanden, um mit Hilfe von Sammlungen und Spenden arme Familien zu unterstützen, von denen es nicht wenige in Detmold gab. Im Rahmen dieser Treffen entstand eine Freundschaft zwischen ihr und der siebzehnjährigen Elisabeth, der Schwester ihres Apostels, so nannte Malwida den verehrten Prediger insgeheim. Es blieb nicht aus, dass im vertrauten Gespräch hin und wieder über ihren Bruder und dessen Gedanken und Ideen geredet wurde.
Als Malwida von Meysenbug zusammen mit ihrer Schwester Laura eines Abends in die Althaus’sche Wohnstube eingeladen war, erfolgte die erste persönliche Begegnung mit Theodor Althaus. Beide fühlten sich sofort einer vom anderen angezogen und empfanden eine auffallende Übereinstimmung ihrer Gedanken zu vielen Themen aus Gesellschaft, Religion und Politik.. Beim nächsten Treffen, das im Meysenbug’schen Palais stattfand, konnte die im Gedankenaustausch erlebte Nähe nicht intensiviert werden, weil Malwida in der elterlichen Umgebung eine seltsame Befangenheit spürte. Jedoch stellten beide weitere Gemeinsamkeiten fest. Und sie teilten ihre Zuneigung zu Theodors Schwester Elisabeth, die sie die Kleinenannten. Die Kleine war dann auch in den folgenden Sommerwochen immer dabei, wenn die beiden sich trafen. Sie war ihre Vertraute und spielte den Briefboten vom Pfarrhaus zum Palais der Meysenbugs in der Hornschen Straße. Elisabeth war auch dabei, als Theodor den ersten Schritt auf seine Freundin zuging, um ihr zu zeigen, wie sehr er sie mochte. Überraschend standen Bruder und Schwester eines frühen Morgens an der Post, um Malwida zu verabschieden, die sich auf den Weg in südliche Gegenden machte, um zusammen mit ihrer Schwägerin, deren Kindern und Dienstpersonal den Winter in angenehmem Klima zu verbringen. Theodor übergab ihr einen Blumenstrauß mit Briefanhang, auf dem ein Zitat aus einem Gedicht von Torquato Tasso zu lesen war: I suoi pensieri in lui dormir non ponno. Die Botschaft war zwar in italienischer Sprache verfasst, jedoch klar. Er wollte der Angebetenen mitteilen, dass er immer an sie dachte und sie ihm schlaflose Stunden bereitete.
Der Zweiundzwanzigjährige hatte sich verliebt und die Geliebte war viele Tagesreisen entfernt in Hyères an der französischen Mittelmeerküste. Er vermisste ihre Zuneigung, die vertrauten Gespräche, in denen er sich mit seinen Ideen und Vorstellungen verstanden fühlte. Sie war diejenige, die bedingungslos hinter ihm stand, wenn jemand ihn kritisierte. Und Kritiker hatte er nicht wenige. Es war schwierig für ihn im beschaulichen Detmold. Die meiste Zeit verbrachte er am Schreibtisch in seiner Studierstube mit Ausblick in südwestliche Richtung, wo hoch über den Buchenwäldern auf der Grotenburg der Sockel des Hermannsdenkmals entstand. Häufig schaute er sehnsüchtig nach links hinüber zum Haus der von Meysenbugs in der Hornschen Straße mit dem Fenster von Malwida, der er so oft in einsamen Nachtstunden seine Wolkenträume herübergeschickt hatte. In gereimter Form  bewahrte er sie nun in seinem Nordischen Wintergarten auf, um sie ihr nach ihrer Rückkehr im nächsten Frühjahr zu schenken.
Gedichte für Malwida: Nordischer Wintergarten

Oktober 1848: Trauerspiel in Wien



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Ruhe gab es nicht. In jenen Oktobertagen des Jahres 1848 sorgte die österreichische Hauptstadt für Schlagzeilen. Da die blaugelbe Habsburgermonarchie so viele verschiedene Volksstämme unter sich vereinigte, waren die revolutionären Zentren entsprechend weit gestreut. Neben Wien waren das zum Beispiel auch Prag, Mailand und vor allem Ungarn. Unter dem Titel  Revolution in Wien am 6. und 7. Octoberließ Althaus am 10. Oktober zwei Korrespondentenberichte vom Schauplatz des Geschehens in Wien abdrucken. Demnach gab es eine Meuterei von Angehörigen zweier Bataillone, die auf Anordnung des Kriegsministers Latour gegen die aufständischen Ungarn ausrücken sollten. Den Verweigerern schlossen sich Arbeiter und Studenten an und unterstützten sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. In der Nähe des Nordbahnhofs wurden Eisenbahngleise zerstört und die Taborbrücke durch Entfernen eines Jochs und den Bau einer stabilen Barrikade unpassierbar gemacht. Mit weiteren Barrikaden versuchten sie den Nachschub der Armee zu stoppen. Eine aufgebrachte Menge stürmte zum Kriegsgebäude. Dort wurde Latour aufgespürt und ermordet. Nach Eroberung des Zeughauses waren die Aufständischen bewaffnet. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verletzte. Kaiser Ferdinand I. verließ mit seinem gesamten Hof das Schloss Schönbrunn und der Wiener Reichstag übernahm sowohl die konstituierende als auch die exekutive Gewalt. Fazit des Wiener Korrespondenten: Beim Schlusse dieses Berichtes war ganz Wien bewaffnet und, eine übrig gebliebene Aufregung abgerechnet, ruhig. Grund zum Jubeln? Nein, meinte der leitende Redakteur der Bremer Zeitung und erinnerte tags darauf an die gemeinsame Zugehörigkeit der Slaven und Magyaren zur Habsburger Dynastie und die Bedeutung dieses Mehrvölkerlandes für Deutschlands demokratische Entwicklung. Die sei weder in der slavischen Affinität zur Monarchie ausgeschlossen noch sei sie im magyarischen Unabhängigkeitsstreben garantiert. Die Kämpfe in Wien wertete er nicht als revolutionären Erfolg, sondern als beginnenden Bürgerkrieg mit gräulichen Bildern wie die Blutlachen im Stephansdom und den ermordeten Minister Latour aufgehängt an einer Laterne vor dem Kriegsgebäude. Wir sehen mit tiefem Schmerze und noch ohne versöhnende Hoffnung für die wahre deutsche Einheit, den Beginn des Bürgerkriegs und den Wiederausbruch der kaum versöhnten Völkerfeindschaft in den Octobertagen von Wien.

Dabei hatte das Trauerspiel Oesterreich so vielversprechend begonnen mit einem Frühlingsschauer von Liebe, Dank, Jubel und stolzer Freude, der Metternich, den verhassten Drahtzieher des Deutschen Bundes, verjagt hatte. Althaus dachte an seine vor der Knute Metternichs geflüchteten österreichischen Dichterfreunde in Leipzig und deren Erzählungen von jungen Märtyrern der Freiheit und von Klagelauten jenseits der schwarzgelben Schranken, die am 13. März 1848 gefallen waren. In diesem Wiener Frühling war sowohl der Zusammenhalt der österreichischen Volksgruppen als auch die Zugehörigkeit zu Deutschland in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegeben. Doch mit den Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Volksgruppen und der militärischen Einmischung der Deutschen war das gemeinsame Ziel völlig verwischt und für Althaus in weite Ferne gerückt.
Das Trauerspiel hatte den Höhepunkt noch nicht erreicht. Die Stadt Wien wurde von kaiserlichen Truppen unter Windischgrätz eingekesselt und am 31. Oktober 1848 zurückerobert. Zweitausend Todesopfer, viele Verletzte und schreckliche Verwüstungen hatte der Aufstand gekostet. Und die herrschenden Rächer wüteten gnadenlos mit Verhaftungen, Verhören und Todesurteilen.
Leseprobe aus:



Hier der Leitartikel von Theodor Althaus zur Wiener Tragödie in der Bremer Zeitung vom 16. Oktober 1848

Trauerspiel Österreich
* Oesterreich war von uns getrennt, so lange die Freiheitskräfte der deutschen Welt in unruhigem Schlummer dem Erwachen entgegenrangen. Wien war die bittere Erinnerung an die geraubten Früchte des Freiheitskrieges, Wien war das Centrum der eisernen Fäden die uns nach jedem halbgelungenem Aufschwung von neuem umspannten und zu Boden hielten. Wir hörten die Klagelaute von jenseits der schwarzgelben Schranken her, wir begrüßten die flüchtigen Dichter, die jugendlichen Mätirer der Freiheit – und eine bittere Verwünschung klang nach, über das Volk des feigen Wohllebens und des gemüthlichen Slaventhums.
Als aber dies Volk sich im März erhob und gegen seinen alten Tyrannen zusammenströmte, als es vor den angeschlagenen Gewehren rief: „stehen, stehen bleiben!“ und stand, bis die Freiheit gewahrt, der Mann des allgemeinen Hasses verjagt war; da brach ein Frühlingsschauer von Liebe, Dank, Jubel und stolzer Freude über unsere deutschen Brüder in Oesterreich los. Der Anschluß verstand sich von selbst, Oesterreich mußte eins sein mit uns – so weit die deutsche Zunge klingt, das soll es sein! Was that’s, daß nur zwei von seinen Söhnen mit ihm Vorparlamente tagten? Die Wahlen zur deutschen Nationalversammlung wurden ausgeschrieben, österreichische Abgeordnete erschienen in Frankfurt, die Souveränetät der Nation ward proclamirt, der erste Beschluß der Einheit gefaßt: die Verfassung, die in Frankfurt gegeben wird, soll das höchste Gesetz für alle Einzelstaaten sein!
Das alles war wie im Taumel geschehen, die  g e r m a n i s c h e  W e l t  erschien gegründet und zzsammengeschlossen in  e i n  Reich. Das politische Losungswort dieses Reichs in Europa war: Feindschaft mit Rußland! Und worin wurzelte Rußlands Macht, als in seiner  s l a v i s c h e n  Nationalität, mit deren Anziehungskraft es alles gleichartige zu vereinen und als eine  s l a v i s c h e  Welt der deutschen gegenüber zu treten drohte! Seit Jahren sahen wir wie ein dunkel schwankendes Gespenst den Gedanken des  P a n s l a v i s m u s  im Osten sich regen; und wenn das Slaventhum genannt wurde, dachten wir nur an Feindschaft auf Tod und Leben gegen Deutschland, gegen den Geist, die Bildung, die Völkerfreiheit. Unser  H a ß  nahm  d i e s e n  Namen zum Symbol, und je weiter nach Osten, desto inniger ward diese Verbindung; wer die Freiheit liebte in Wien, glühte von  H a ß  gegen das Slaventhum. Unsere Jahrtausendlange Bildung und unsere einen Frühling junge Freiheit gaben uns ein Recht zu diesem Hasse, der jetzt das  V e r h ä n g n i ß  Deutschlands geworden ist.
Denn als in Wien Freiheit und Constitution proclamirt war: da regte sich die slavische Welt, da tauchte es wie eine Entdeckung einer unerhörten Thatsache auf, daß von Oesterreichs Völkern die überwiegende Zahl nicht deutsch, sondern slavisch war. Die Slaven ….en das Haupt der neuen Erlösung entgegen, sie fühlten sich als Nation wie wir, sie berauschten sich an dem ersten Freiheitstrank nach dem langen Schmachten, wie wir. In Prag tagte ihr Slavencongreß, wie unser Vorparlament in Frankfurt, und dort wie hier kam alles Neue, Gährende, Ungewisse und Ueberschwängliche zu leidenschaftlichen Worten und Beschlüssen, denen die ungestümen Thaten folgten, wie in Baden der Republikanerzug, so die Insurrection in Prag.
Aber wie ein Wunder und ein Triumph der Freiheit trat bald aus diesen panslavistischen Herrschaftsgelüsten ein andrer Charakter hervor; mit aller Glut des ersten Enthusiasmus umfassten die slavischen Völker den Freiheitsgedanken; eine Provinz um die andere erhob ihre fordernde Stimme für das, was sie Deutschen in Wien errungen hatten; Gleichberechtigung der Nationalitäten war das letzte Wort, die Bürgschaft, die sie hinzusetzten. „E i n  e i n i g e s  O e s t e r r e i c h,  i n  F r e i h e i t,  G l e i c h h h e i t  u n d  B r ü d e r l i c h k e i t  aller seiner Völker!“
Ja,  d i e s e n  Gedanken durften die kroatisch-slavonischen Deputirten vor dem Erzherzog Johann in Wien damals mit Recht „einen erhabenen Gedanken“ nennen, „der uns begeistert, fügten sie hinzu, und der nach unsrer Ueberzeugung allein werth ist, sich an die Seite der weltgeschichtlichen Ereignisse in Frankfurt zu stellen.“
So gelang; der souveräne Reichstag Oesterreichs kam zusammen in Wien; die Slaven wählten als ein Zeichen ihrer Freundschaft zum ersten Präsidenten einen Deutschen; die deutsche Sprache, die natürliche Vermittlerin der Nationalitäten, fand keinen Widerspruch.
Vor uns schien eine glückliche Zukunft ihre Thore zu öffnen. Wenn es gelang, die Verheißuungen zu constituiren und mehr als achtzehn Millionen Slaven durch das letzte und stärkste Band der Freiheit und Gleichberechtigung an das deutsche Oesterreich zu knüpfen, dann waren sie durch die Macht des deutschen Geistes, durch unsere Bildung, durch ein enges völkerrechtliches Bündniß mit Deutschland unwiederbringlich von dem Zuge nach Russland losgerissen; nicht nur hatten wir kein verstärktes Russland, sondern nicht einmal ein von Deutschland ganz getrenntes selbstständiges Slavenreich zu fürchten; durch Oesterreich und die Freiheit wuchsen wir mit diesen slavischen Elementen zu einer unerschütterlichen Macht in Europa’s Mitte zusammen; und wenn Oesterrreich constituirt war, konnte jener kühne Gedanke seines  G e s a m m t a n s c h l u s s e s  an Deutschland stets näher der Wirklichieit kommen.
Das alles war so neu, so überraschend,; der Einritt in die Civilisation und die Freiheit und die Erlangung eines Mittelpunktes für ihre Nationalität schien den Slaven noch so wenig gesichert, daß sie festhalten mussten an dem, was die einige  B ü r g s c h a f t  dafür schien. Dies zerrissene zusammengewürfelte, bedrohte Oesterreich fand seine Einheit nur in der  D y n a s t i e, und nur in dem  e i n i g e n  O e s t e r r e i c h  fanden die Slaven ihre Freiheit und Nationalität.
Sie hatten ein Recht dazu; der Kaiser hatte ihnen die Freiheit und das einige Oesterreich; die Berechtigung ihrer Nationalität, die politische Vereinigung ihrer Stämme gegeben.  D a ß  d i e  D y n a s t i e  u n d  d i e  G e s a m m t m o n a r c h i e  den Slaven das  L o s u n g s w o r t  für die höchsten Güter ihres jungen Volkslebens sein mußten und müssen, ist das  V e r h ä n g n i ß,  welches den fürchterlichen Zusammenstoß vorbereitete.
Denn die Partei der  R e a c t i o n, die aus der Umgebung des alten blödsinnigen Monarchen nie verterieben war, bemächtigte sich dieser Losungsworte, um mit der Einheit Oesterreichs – gerade wie jetzt eine Partei in Frankfurt mit der  E i n h e i t  Deutschlands – Oesterreich um die  F r e i h e i t  zu betrügen, um unter dem Schilde der  M o n a r c h i e  den Todesstoß der  D e m o k r a t i e  zu versetzen. So verstärkte sie ihre an sich sehr schwache Paertei; in dies Lügennetz lockten die Stadion’s die slavischen Bauern und flüsterten ihnen zu: wenn ihr für die Souveränetät des Reichstags stimmt, jagt ihr den Kaiser fort! den Kaiser, der Euch die  F r e i h e i t  gegeben hat! Und mit ihm fällt Oesterreich, und mit Oesterreich Eure Nationaleinheit!-
Es gelang nur allzu gut. Die deutschen Demokraten sahen mit jedem Tage mehr in den Slaven die Feinde der Freiheit, weil sie das Losungswort gerade wie die Reaction und Camarilla führten: Dynastie und Gesammtmonarchie! Die unbedingte Einheit mit Deutschland war für die Aula nur der Feldruf der Freiheit.
So wurden durch die alte Mischgestaltung Oesterreichs und durch die neue unerhörte That, daß ein Monarch die Freiheit gab, die Losungsworte der Freiheit und Nationalität durcheinander gewirrt, gemischt, getrennt, bis jetzt die Lösung durch einen Bürgerkrieg und Völkerkrieg blutig droht. Das nannten wir das V e r h ä n g n i ß, und das  T r a u e r s p i e l  i n  O e s t e r e i c h,
Denn was uns auf der Bühne erschüttert und bewegt, ein Kampf wo jeder für sein Recht in glühender Begeisterung aufsteht, und doch jedem durch ein Verhängniß der klare Blick verwirrt ist, das sehen wir jetzt herzzerreißend in Wien und vor seinen Thoren wie in Ungarns Ebenen geschehen. Wofür sind denn Kroaten und Serben aufgstanden, als für ihr ewiges Recht gegen ihre magyarischen Tyrannen? Aber weil sie es nur in einem  e i n i g e n  Oesterreich und durch die Dynastie erlangen zu können glauben, ist ihr Feldgeschrei das der Reaction geworden. Und warum begannen die Deutschen in Wien den Bürgerkrieg zu Gunsten jener Tyrannen? Weil diese magyarische Nation sich von der Gesammtmonarchie losgerissen, weil sie der Reaktion ein Dorn im Auge, weil der Reichstag in Pesth von der Camarilla als  D e m o c r a t e n c o n g r e ß  gehasst war! Die Feindschaft gegen die Magyaren war das Werk der Reaction, die Magyaren  v e r t r a t e n  gegen diese die Demokratie: d a r u m  ergriffen die deutschen Demokraten die Waffen für sie.
Aber können wir, kann Deutschland in müssigen Klagen verzweifelt diesem Trauerspiel zusehn? Nein, das ist unmöglich, den höheren Herzschlag niederzuhalten bei dem Anblick dieser Stadt in Waffen, dieses ganzen Volks, in dem jeder Arbeiter bewehrt, alle Stände gemischt, alle öffentlichen Gewalten demokratisch, in dem von unten auf all’ und jede Kraft emporgehoben ist, um nie wieder gebeugt zu werden, wenn dieß einemal der Sieg errungen wird. Zu ihm ist alles aufgeboten, in der höchsten Noth ist auch den Urhebern jenes fürchterlichen Mords Amnestie und Waffenrecht gegeben; es ist ein Zeichen der Revolution, die Alles einsetzen muß um alles zu gewinnen. Das  P r o l e t a r i a t  ist zum erstenmal in Deutschland bewaffnet.
Bitter und rasch werden die enttäuscht werden, die nur eine Bewegung für die Einheit Deutschlands, nur einen Nationenkampf in dieser Volkserhebung sehn. Das war ein Theil des Anfangs, aber  j e t z t  ist die Demokratie mächtig an die Spitze voran getreten. Das Reichsministerium in Frankfurt hat Beschlüsse in dieser Angelegenheit gefaßt, die zu veröffentlichen es noch nicht für gut befunden hat. Wohin sie zielen, kann kaum ein Geheimniß sein, – man braucht sich nur zu erinnern, daß Frankfurt noch in Belagerungszustand ist.
Es ist ein und dieselbe Sache überall, und in Wien, in Oesterreich fällt nun der Hauptschlag. Wenn das einige Oesterreich dabei in Trümmern ginge und statt des angebahnten Friedens- und Freiheitsbündnisses zwischen der deutschen und slawischen Welt der Völkerkrieg entflammt würde, so wäre dieser Schlag für Deutschland herber und dieß Unglück größer, als es die formelle Reichseinheit mit den deutsch-österreichischen Theilen ihm je ersetzen könnte. Und doch, selbst dieser Schmerz, der uns zuerst überwältigte, muß bezwungen werden, weil es sich um Tod und Leben für die Demokratie handelt. Die siegende Freiheit wird als erste Parole die Gleichberechtigung der Nationalitäten geben und die Hand zum brüderlichen Frieden von neuem den Slaven bieten; aber wenn sie erläge, dann würde die leer Einheit ein elender Trost für den Verlust sein.





Rheinfahrt im August

Der August des Jahres 1846 bescherte wunderbare Sommertage. Der fast vierundzwanzigjährige Theodor Althaus hatte sein Studium in Bonn, Jena und Berlin beendet, hatte jedoch auf Grund seiner politischen und religiösen Überzeugungen keine Chance auf eine Anstellung. Ihm blieb die Sprache in Predigten, Vorträgen und dem geschriebenen Wort. Für seine längere Schrift „Die Zukunft des Christenthums“, in der er seine progressiven religiösen Vorstellungen ausführlich darstellte, hatte er einen Verleger gefunden. Und nach Wanderungen im Harz und an der Weser zog es ihn an den Rhein, seinerzeit wichtiges Symbol der deutschen Freiheitsbewegung.  Gerne erinnerte sich Althaus an seine Studienzeit an der Bonner Friedrich Wilhelms Universität, an Weinfelder, das Siebengebirge, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, den schroffen Loreleyfelsen, die glitzernden Wellen am Ufer und an den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, die dasselbe Ziel verfolgten wie er: ein einheitliches demokratisches Deutschland, in dem es allen Menschen gut ging, nicht nur den Königen und Fürsten.

In Köln traf er Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann von der „Kölnischen Zeitung“, Levin Schücking und ein paar Kilometer rheinaufwärts seinen Bonner Dozenten Gottfried Kinkel,  mit dem ihn inzwischen eine enge Freundschaft verband.

Mit dem Dampfboot fuhr er weiter flussaufwärts bis nach Bingen, unternahm eine mehrtägige Wanderung entlang der Nahe bis  nach Kreuznach, wo er bei seinen Beobachtungen den Eindruck hatte, er stoße mit jedem Schritt an eine „faule Frucht der Geschichte“. Die krassen Gegensätze zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm unerträglich.

Hinter Bad Münster am Stein ging es bergauf zur Ebernburg, wo er sich beim Gang zwischen den Ruinen um einige Jahrhunderte zurück versetzt fühlte in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen, Freund des Volkes und Martin Luthers, hier gewohnt und entgegen allen Anfeindungen seiner Fürstenkollegen, verfolgten Reformatoren Asyl gewährt hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte der Burg den Beinamen „Herberge der Gerechtigkeit“.

Eine weitere Unternehmung führte den Wanderer in das wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in Hütten hausten. Welch ein Widerspruch!

In dieser „Profeteneinsamkeit“ fochten die Gedanken in seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von „Eine Rheinfahrt im August“ erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen und stellte fest, das „fluchbeladene Metall“ richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten.

Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem Rheinwasser.

Außer in den gereimten Zeilen  „Eine Rheinfahrt im August“ bearbeitete Theodor Althaus seine Erlebnisse während dieser Wanderungen in zwei Erzählungen; „Herberge zur Gerechtigkeit“ und „Eine Nacht der Gegenwart“, die er in der Anthologie „Mährchen aus der Gegenwart“ publizierte. Der letzte Text in dieser kleinen Sammlung, überschrieben „Vom Rhein“, ist ein Auszug aus Theodor Althaus längerer Schrift „Aus dem Gefängniß“ die er während seiner Haftzeit im Staatsgefängnis in Hildesheim verfasste.


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Foto: RH im Mai 2012 am Rhein bei Remagen

Robert Blum und die Zentralgewalt

Ein weiterer Freund aus Leipziger Zeit hatte in Frankfurt eine Bühne gefunden. Robert Blum ließ ihn mit einer unglaublich leidenschaftlich vorgetragenen Rede in der Nationalversammlung schon fast erschrocken aufhorchen. In den Frankfurter Tagen war Theodor dem vielbeschäftigten Mann schon einige Male begegnet. Die bereits in Leipzig erlebte Kraft seiner Aktivitäten und Worte übertraf Blum am 20. Juni 1848 mit seiner Rede zur Zentralgewalt, wie man die von Gagern ins Spiel gebrachte und zur Diskussion stehende provisorische Regierung für Deutschland nannte. In Form eines Direktoriums oder Ministeriums sollte diese Zentralgewalt installiert werden. Die Schärfe des Tones der Rede übertraf alles, was Theodor bisher von Blum erlebt hatte. Der verglich die Nationalversammlung mit dem an den Felsen angeketteten Prometheus, stark wie er, doch an ihren Zweifeln angekettet.
Blum war gegen ein Direktorium. Weder sei so ein Gremium legitimiert, noch habe es die Mittel, Deutschland zu vertreten. Er und seine Partei sahen die Gefahr, dass eine Zentralgewalt, die ja notgedrungen schwach sein müsste, die Fürstenmacht in den Einzelstaaten wieder stärken und die gerade errungene parlamentarische Macht in Gefahr bringen würde. Er und seine Mitstreiter schlugen einen Vollziehungsausschuss vor. Der sollte sich darum kümmern, dass die gefassten Beschlüsse der Nationalversammlung ausgeführt würden. Andernfalls sah er die erkämpfte Freiheit wie ein Himmelsauge brechen. In unbeschreiblicher Intensität trug er seinen Appell an die Abgeordneten vor: Wollen Sie der Anarchie entgegentreten. Sie können es nur durch den innigen Anschluß an die Revolution und ihren bisherigen Gang. Das Direktorium, das Sie schaffen wollen, ist aber kein Anschluß daran; es ist Widerstand, es ist Reaktion, es ist Konterrevolution – und die Kraft erregt die Gegenkraft. Man wirft mitunter schielende Blicke auf einzelne Parteien und Personen und sagt, daß sie die Anarchie, die Wühlerei und was weiß ich wollen. Diese Partei läßt sich den Vorwurf der Wühlerei gern gefallen; sie hat gewühlt und ein Menschenalter lang, mit Hintansetzung von Gut und Blut mindestens von allen Gütern, die diese Erde gewährt; sie hat den Boden ausgehöhlt, auf dem die Tyrannei stand, bis sie fallen mußte, und Sie wären nicht hier, wenn nicht gewühlt worden wäre. Bei diesen Worten reagierten die Anwesenden in der Paulskirche mit stürmischem, anhaltendem Beifall und dann noch einmal nach dem leidenschaftlich vorgetragenen Schlusssatz: So schaffen Sie Ihre Diktatur.
Waren die Abgeordneten zu gutgläubig? Sah Blum zu schwarz? Jedenfalls blieben seine Warnungen erfolglos. Am 28. Juni 1848 beschloss die Frankfurter Nationalversammlung das Gesetz über die Einführung einer provisorischen deutschen Zentralgewalt, die bis zur Ausführung der Reichsverfassung tätig sein sollte. Und am Folgetag wählte sie, wiederum auf Vorschlag Heinrich von Gagerns, der ihn selbst als kühnen Griff bezeichnete, Erzherzog Johann von Österreich zum Reichsverweser als Oberhaupt eines zu bildenden Ministeriums. Althaus konnte sich mit der Konstruktion Zentralgewalt mit Reichsverweser und Reichsministerium arrangieren. Er hatte eher Bedenken gegen Blums Strategie. Wie sollte ein Vollziehungsausschuss funktionieren?

Beim Zweiergespräch in der stillen Ecke eines Frankfurter Wirtshauses konnte Theodor seine Zweifel ansprechen. Im Gegensatz zu seinem Freund hatte er zu Gagern und dessen politischem Handeln ungetrübtes Vertrauen, der würde das Schiff schon in die richtige Bahn lenken. Blum hingegen sprach spöttisch vom Reichsverweser als Johann von Gagerns Gnaden. Der Jüngere musste zugestehen, dass er Blums Befürchtungen, diese Konstruktion Zentralgewalt könnte einen Rückschritt in Metternichzeiten nach sich ziehen, nicht einfach wegwischen konnte, zumal bereits erste Anzeichen aufkommender Reaktion zu erkennen waren. Die durch die Revolution geschwächten Landesregierungen eroberten ihre verlorene Macht allmählich zurück. Mit dem Antrag des Kölner Parlamentariers Franz Raveaux nach Klärung der Priorität bei gleichzeitiger Mitgliedschaft in der preußischen und der Frankfurter Nationalversammlung sowie einem tödlichen Konflikt in Mainz zwischen preußischem Militär und Bürgerwehr war deutlich geworden, dass im monarchischen System die Priorität der deutschen Nation gegenüber den einzelnen Ländern nicht gegeben war. Im Falle der Doppelmandate wurde keine eindeutige Regelung zugunsten der Nationalversammlung geschaffen. So konnte mittels Einberufung der preußischen Landstände durch die Regierung in Berlin die Parlamentsarbeit in Frankfurt in erheblichem Maße gestört werden. Auch im Falle des Mainzer Konflikts war die Gewichtung klar. Die Bürgerwehr zog sich zurück und das preußische Militär behielt die Oberhand. Die Frage, wie Blum sich denn nun seinen Mitstreitern gegenüber verhalten werde, wenn er in der provisorischen Zentralregierung ein Ministeramt angeboten bekäme, beantwortete der mit beeindruckender Konsequenz. Er würde in das erste Ministerium nur eintreten, um es nachher bei Gelegenheit sprengen zu können.

Ende des Monats Juni 1848 war für Theodor Althaus nach sechs Wochen die Zeit als politischer Beobachter im Frankfurter Sommer zu Ende. Ihn lockte ein Angebot, bei der Bremer Zeitung als Nachfolger von Karl Theodor Andree die Stelle als leitender Redakteur zu übernehmen. Andree wollte Bremen verlassen, in seiner Heimatstadt Braunschweig die Deutsche Reichszeitung redigieren und sich verstärkt seinen Studien und Publikationen im geographischen Bereich widmen. 
Leseprobe aus:

Theodor Althaus – Revolutionär in Deutschland (Taschenbuch)



Fotos: © Renate Hupfeld (Frankfurt Römerberg am 14. April 2011)

18. Mai 1848 Parlament in der Paulskirche

Unerwartet flatterte plötzlich wieder ein Angebot in die elterliche Wohnstube. Wieder kam es aus Bremen, doch diesmal war es die Bremer Zeitung, die nach ihm verlangte. Der leitende Redakteur Karl Theodor Andree machte Althaus den Vorschlag, für die Bremer Zeitung über die Frankfurter Nationalversammlung zu berichten. Da gab es nichts zu überlegen. Auf nach Frankfurt!

Welche Gefühle und Gedanken mussten ihn bewegt haben, als er in der Stadt ankam, in der seit Wochen die politische Musik spielte, gerade rechtzeitig, um am 18. Mai 1848 dabei zu sein, als 400 Abgeordnete der verfassunggebenden Nationalversammlung bei Kirchengeläute und Kanonendonner, umsäumt von schwarz-rot-goldenen Fahnen, Girlanden und Parolen, zwischen dem Jubelspalier von Tausenden vom Kaisersaal zur Paulskirche zogen? Und was mag in ihm vorgegangen sein, als er seine Mitstreiter aus Leipzig, Robert Blum, Georg Günther, Moritz Hartmann und Arnold Ruge in der Menge der Gewählten entdeckte? Er war einer der vielen Zuschauer auf der Tribüne des eigens für den Zweck umgestalteten runden Kirchenraumes, mit deutschen Farben geschmückt und dem Bild der Germania hoch oben thronend über Sitzreihen, Podium und Galerie. Trotz wilder Debatten einigte man sich in dieser ersten Versammlung auf den vorübergehenden Alterspräsidenten Lang aus Hannover und auf den Termin für die nächste Sitzung des Parlamentes.


Am 19. Mai 1848 wurde der neunundvierzigjährige Heinrich von Gagern mit überragender Mehrheit zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt. Als ehemaliger Burschenschaftler, Mitglied des Hallgartenkreises und seit der Märzrevolution Ministerpräsident von Hessen-Darmstadt genoss er Respekt und großes Vertrauen durch alle Gruppierungen. Man traute ihm zu, dieses schwierige Amt zu meistern. Weder fehlte es ihm an Fachkompetenz und Glaubwürdigkeit, noch an Selbstbewusstsein und persönlicher Ausstrahlung. Seine Antrittsrede mit dem Versprechen, eine Verfassung für Deutschland auf der Grundlage der Souveränität der Nation zu schaffen, wurde mit heftigem Beifall von Versammlung und Publikum aufgenommen. Am 31. Mai wurde Gagern mit einem Fackelzug vor dem Mumm’schen Haus geehrt. Darüber berichtete Korrespondent Althaus nach Bremen. Es gebe auch kritische Stimmen, doch sei es Gagerns Glaube und Hoffnung, dass man mit ihm schöne Zeiten erleben werde. Er sei ein Mann des Volks, las man am 5. Juni 1848 in der Bremer Zeitung.
Nach den Beobachtungen in den ersten zwei Wochen des Frankfurter Politgeschehens war dem Visionär aus der Detmolder Dichterstube mehr denn je klar geworden, wie verworren die politische Situation war und wie schwierig es werden würde, einen Konsens für ein deutsches Staatsgebilde zu finden. Gab es doch so viele verschiedene Bedürfnisse und Interessen, so viele unterschiedliche Auslegungen von Begriffen, so viele unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen. Ueberall Konfusion und Gegeneinanderzücken von Parteiungen und provinziellen Sonderinteressen, sah er in seinen Genrebildern aus Frankfurt, die am 7. Juni 1848 auf der Titelseite der Bremer Zeitung erschienen, Impressionen von sogenannten Klubversammlungen in der Sokrates-Loge, im Hof von Holland, Deutschen Haus und im Weidenbusch.

Wie sollte man das Werk auf die Füße stellen, so dass es stehen bleibe und auch gehen könne, fragte er sich und seine Leser. Nach seiner Meinung gab es unter den Abgeordneten zu viele, die Konfrontation anstatt Ausgleich suchten und denen Profilierung um jeden Preis wichtiger war als das gemeinsame Ziel. Und es gab zu wenige Männer, die aufgrund ihrer Begabung, sachlicher Herangehensweise und persönlicher Ausstrahlung Respekt und Sympathie gewannen. Zu Letzteren gehörte unbedingt Julius Fröbel. Im Juni gab es ein herzliches Wiedersehen mit dem verehrten Freund aus Dresden. Nicht als Mitglied der Nationalversammlung war Fröbel in Frankfurt, sondern als Deputierter des ersten Demokratenkongresses, der am 14. Juni 1848 im Deutschen Hof begann. Fröbel redete so glaubwürdig und überzeugend, dass er mit großer Mehrheit zum Präsidenten des demokratischen Vereins gewählt wurde. Die Arbeit am Programm machte er hervorragend, so dass man auch über die Vereinsmitglieder hinaus auf ihn aufmerksam wurde. Bald war er für kurze, doch sachgerechte Diskussionen mit schnellen und guten Ergebnissen bekannt. Voller Bewunderung für diesen integren Mann verfolgte Althaus die Veranstaltung.

Leseprobe aus:


Theodor Althaus – Revolutionär in Deutschland (Taschenbuch)



Fotos: © Renate Hupfeld (Frankfurt Paulskirche am 14. April 2011)



März 1848 Robert Blum in Leipzig

Althaus Freunde in Leipzig hatten unterdessen nicht geschlafen. Robert Blum hatte auf dem Marktplatz vor Hunderten Zuhörern vom Balkon des Rathauses eine bejubelte Rede gehalten, in der er den Rücktritt der sächsischen Regierung forderte und dafür plädierte, das derzeitige Soldatentum abzuschaffen und alle Bürger zu bewaffnen, damit man mit den jungen Brüdern Hand in Hand gehen könne. Arnold Ruge hatte Die Reformgegründet, ein Organ für eine breite Leserschaft mit dem Ziel, bei allem Enthusiasmus über die errungenen Erfolge Klarheit in das Chaos der verschiedenen Meinungen, Begriffe und Sprachregelungen zu bringen.

Auf der großen politischen Bühne hieß es jetzt zügig handeln, damit das durch die revolutionären Erhebungen gewonnene Potential nicht verpuffte. Einundfünfzig Männer hatten bereits Vorarbeit geleistet. Auf Einladung von Johann Adam Itzstein aus Hallgarten waren sie zusammen gekommen und hatten am 5. März 1848 die sogenannte Erklärung der Heidelberger Versammlung formuliert, in der sie auf Vorschlag von Theodor Welcker sieben Mitglieder benannten, die für alle Länder des Deutschen Bundes eine Nationalvertretung vorbereiten sollten. Dieser Siebenerausschuss tagte am 12. März 1848 und brachte eine Einladung an die Ständemitglieder und eine Auswahl von Vertrauensmännern aus allen Ländern zu einem Vorparlament auf den Weg. Das berufene Gremium sollte die Grundlagen zur Wahl der Mitglieder einer gesamtdeutschen Nationalversammlung schaffen und am 31. März 1848 in Frankfurt  zusammen kommen.

Im Wohnzimmer von Robert Blum tagte wieder ein kleiner Kreis, um vor seiner Abreise nach Frankfurt zur Teilnahme am Vorparlament die dort zu vertretende politische Richtung zu besprechen. Man diskutierte wild durcheinander und kam stundenlang nicht auf den Punkt, bis schließlich der Hausherr das Wort ergriff und kurz erklärte, wo es lang gehen sollte. Wer konnte das besser einschätzen als Blum? Er hatte als jahrlanges Mitglied des Hallgartenkreises sowie des Leipziger Stadtparlaments den Überblick, genoss das Vertrauen der Bevölkerung und war ein Meister der Rede, der Organisation und der Beschaffung von Mehrheiten nach demokratischen Prinzipien. Seine Überzeugungskraft suchte ihresgleichen. Wenn er sprach, hörte jeder zu. Das stellte auch Althaus an jenem Abend in Blums Wohnung bewundernd fest.

Das Vorparlament mit 574 Teilnehmern tagte vom 31. März bis zum 3. April 1848 in der Frankfurter Paulskirche. Es sah seine Aufgabe darin, die Art und Weise der Bildung einer parlamentarischen Nationalversammlung mit dem Ziel der Erarbeitung einer Verfassung für ganz Deutschland festzulegen und wählte aus seinen Reihen einen Fünfzigerausschuss, der in Absprache mit der Bundesversammlung den Wahlmodus für die Mitglieder der Nationalversammlung festlegen sollte. Robert Blum gehörte diesem Fünfzigerausschuss an. Die Leipziger Angelegenheiten regelte er während seiner Abwesenheit zusammen mit Vertrauten aus der Entfernung. Auch Theodor gehörte dazu. Blum wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Seinem Schwager und engem Mitarbeiter Georg Günther schrieb er am 13. April 1848: Wenn Althaus etwas schreibt, dann ist das gewiss gut, und ich bin im voraus damit einverstanden.


Leseprobe aus:


Foto: © Renate Hupfeld (Leipzig, Rathaus mit Balkon im März 2011)


31. März 1848 Vorparlament in der Paulskirche

31. März 1848 Vorparlament in der Paulskirche

31. März 1848 Vorparlament in der Paulskirche

31. März 1848 Vorparlament in der Paulskirche

Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 


Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat

Fotos: Renate Hupfeld in Frankfurt 2011

Und hier geht’s zur Zeitreise aus dem Jahre 2048 in das Jahr 1848:
TimeTravelTerminal … Achtundvierziger (Kurzgeschichte)

Berlin 21. März 1848 Umritt des Königs

Am 20. März 1848 erreichte er [Theodor Althaus, Korrespondent der Bremer Weser-Zeitung] gegen Mittag Berlin. Es war ein seltsames Szenario in der Stadt. Männer, Frauen und Kinder liefen zwischen Barrikaden und herausgerissenen Pflastersteinen. Die meisten feierten einen Sieg. Doch andere suchten verzweifelt nach vermissten Angehörigen.
Theodor ging von Kirche zu Kirche, schaute in die jungen Gesichter der dort aufgebahrten Toten, die schrecklichen Wunden, die stille Siegesgewissheit in den bleichen Zügen. Auf der Straße sprach er die Menschen an, hörte ihre Berichte über die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag und setzte das Puzzle zusammen über die friedliche Versammlung vor dem Schloss, die Proklamation des Königs, laute Rufe aus der Menge, die Forderung nach Abzug der Soldaten, zunehmende Unruhe, plötzlich ein Schuss von irgendwoher, noch ein Schuss und dann der fürchterliche Sturm. Unaufhaltsam tobte der in Straßen und auf Plätzen. Alle machten mit beim Bau der Barrikaden, vom einfachen Tagelöhner und Handwerker bis zum Beamten, Studenten, Arzt und Advokaten. Frauen, Kinder und Greise waren dabei. Mit allen Mitteln kämpften sie, beschafften Material für den Barrikadenbau, besorgten Waffen, gossen Kugeln, steckten deutsche Fahnen auf, Frauen versorgten die Kämpfenden mit Speisen und Getränken, Unaufhörlich tönten die Sturmglocken in der Stadt. Die ganze Nacht. Bis zum nächsten Morgen. Bis kein Soldat einziger mehr zu sehen war.
In einer Kirche fand er ein stilles Plätzchen, wo er ungestört verweilen konnte. Nachdem er sich ein wenig gefangen hatte, zog er Papier und Feder aus der Tasche und schrieb einen Artikel für die  „Weser-Zeitung“. Das war er den Toten schuldig. Ihr mutiger Kampf durfte nicht umsonst gewesen sein.
Es war schon dunkel, als er am Abend vor dem Haus des Großvaters in Potsdam stand. Obwohl das Fenster des Balkonzimmers hell erleuchtet war, musste er lange auf Einlass warten. Später erfuhr er den Grund. Dräseke war vor Übergriffen von Aufständischen gewarnt worden und die im Hause Anwesenden, des Großvaters jüngere Tochter, Enkelin Elisabeth aus Detmold und ein Diener, fürchteten den dunklen Mann an der Tür und waren heilfroh, als es dann der älteste Enkel war. Der berichtete von den Spuren der Berliner Horrornacht, bevor er sich völlig erschöpft zurückzog. Elisabeth machte sich Sorgen und folgte dem Bruder in sein Zimmer. Der hatte sich schon ins Bett gelegt: Sie erinnerte sich: „Ich setzte mich zu ihm und sah nun erst, wie verändert, wie von Erregung und Schmerz durchwühlt, seine Züge waren.“
Am nächsten Tag war Theodor dabei, als König Friedrich Wilhelm IV. mit schwarz-rot-goldener Armbinde durch die Straßen von Berlin ritt und vor Studenten der Berliner Universität eine Rede hielt, wobei er sich zu der Formulierung hinreißen ließ: „Preußen geht fortan in Deutschland auf.“
Und er nahm am 22. März auf dem Gendarmenmarkt an der Trauerfeier für die 183 Toten teil, folgte dem unbeschreiblich langen Leichenzug mit den bekränzten Särgen, zunächst bis zum Schloss, wo sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf Verlangen des Volkes mit gezogenem Hut vor den toten Revolutionären verbeugen musste, dann vor die Tore der Stadt zur Beisetzung auf dem eigens eingerichteten „Friedhof der Märzgefallenen“ auf einem Hügel in Friedrichhain.
„Der Leichenzug. Die seidenen, schwarzrothgoldenen Trauerfahnen […] nach den Thränen stumpfte sich alles ab. Zu lang. Die anarchische Schwüle über Berlin“, notierte er im Tagebuch.
Er sei ein Mann geworden, meinte Großvater Dräseke und da hatte er recht. Die harte Konfrontation mit den menschlichen Tragödien, die rohe Gewalt gegen die eigenen Brüder, Söhne eines Volkes, hatte ihn in tiefster Seele getroffen.
Der Weg würde ein harter und steiniger werden. Die „faulen Früchte der Geschichte“ waren mächtiger, als er es sich in seinen idealistischen Vorstellungen ausgemalt hatte. So einfach fielen die nicht in sich zusammen. Wie sonst wäre es möglich, dass Soldaten als Spielzeug eines konzeptlosen Monarchen mit vorgeblicher Gottes-Gnaden-Legitimation ein so schreckliches Blutbad anrichteten?
Althaus Artikel  erschien unter der Überschrift  „D i e  B e r l i n e r  R e v o l u t i o n“  am 22. März 1848 auf der Titelseite der „Weser-Zeitung“. Er hatte den historischen Stellenwert des Geschehens als „Bluttaufe der deutschen Freiheit“ erkannt und eine überaus sensible Würdigung des leidenschaftlich entschlossenen Kampfes gegen die starre Willkürherrschaft des schwachen preußischen Königs verfasst: „Die giftige Saat, die Untergrabung alles Vertrauens, das schwankende Spielen zwischen der persönlichen Willkür und den gerechtesten Forderungen des Volkes, die Demoralisation der höchsten Staatsgewalten, welche sich durch den Schein und die Heuchelei eine erträumte Macht zu sichern wähnten, ist nun so blutig aufgegangen. Deutschland wird den achtzehnten März dieses Jahres nie vergessen.“

Leitartikel in der Bremer Weser-Zeitung vom 22. März 1848: Die Berliner Revolution

 Leseprobe aus:



Theodor Althaus – Revolutionär in Deutschland (Taschenbuch)

Fotos: © Renate Hupfeld … auf dem Friedhof der Märzgefallenen, fotografiert am 19. September 2013 in der Ausstellung „Grundstein der Demokratie“


Auf seinen Spuren

Auf seinen Spuren
Nach drei Stunden Fahrt mit dem ICE 545 und einem Café Mokka im Berliner Hauptbahnhof überquerte ich die Spree, streifte den Bundestag, den mit schwarzrotgoldener Fahne geschmückten Reichstag und ging den Parkweg zum Platz vor dem Brandenburger Tor. Platz des 18. März heißt er inzwischen und genau dieser 18. März war der Grund, warum ich vor dem Schild stand. Gemeinsam mit Frauen und Männern einer Initiative wollte ich mich daran erinnern, warum ich dieses Datum für den wahren Tag der deutschen Einheit halte.

Vor 165 Jahren, am 18. März 1848,  befanden sich hier und im gesamten Bereich östlich des Brandenburger Tores Barrikaden. In unbeschreiblichem Aufruhr waren sie aufgebaut worden. Heftigster Tumult herrschte in der Stadt. Die Soldaten sollten verschwinden, forderte das Volk. Alle kämpften mit, Männer, Frauen, Kinder, Greise, Arbeiter und Apotheker. Alle waren sich einig in ihrer Empörung über des Königs Militärdespotie und Ignoranz. Was war geschehen? Wenige Kilometer von hier auf dem Schlossplatz wollte Friedrich Wilhelm IV. seine Untertanen beruhigen, doch stattdessen fielen Schüsse. In dem Moment ging der Sturm los, wurde zum Orkan und war nicht mehr aufzuhalten, die ganze Nacht hindurch, bis in der Stadt kein einziger Soldat mehr zu sehen war. Hatte das Volk über Monarchenwillkür gesiegt?

Theodor Althaus war als Korrespondent der Bremer Weser-Zeitungin die preußische Hauptstadt geeilt, stand in der Menge, als der König einlenkte, mit schwarzrotgoldener Binde durch die Straßen ritt und vor Studenten der Berliner Universität die Parole Preußen geht fortan in Deutschland auf verkündete.Auch am folgenden Tag war er Augenzeuge, als der Monarch sich barhäuptig vor den gefallenen Revolutionären verneigte und im langen Trauerzug folgte er den 183 Särgen zur Bestattung auf dem Hügel in Friedrichshain.

Tief erschüttert von den schrecklichen Folgen der blutigen Barrikadennacht und als hätte er sein eigenes Dilemma voraus geahnt, berichtete er in einem bewegenden Leitartikel in der Weser-Zeitung am 22. März 1848: Die giftige Saat, die Untergrabung alles Vertrauens, das schwankende Spielen zwischen der persönlichen Willkür und den gerechtesten Forderungen des Volkes, die Demoralisation der höchsten Staatsgewalten, welche sich durch den Schein und die Heuchelei eine erträumte Macht zu sichern wähnten, ist nun so blutig aufgegangen, schrieb er und kam zu dem Fazit: Deutschland wird den achtzehnten März dieses Jahres nie vergessen.
Diesen Satz hatte ich im Kopf, als ich am 18. März 2013 vor dem Brandenburger Tor stand. Und was ist mit  dem jungen Verfasser? Wer erinnert sich heute an Theodor Althaus aus Detmold? Er war einer der ehrlichsten und unermüdlichsten Kämpfer für deutsche Einheit und Demokratie. Mir begegnete er bei der Konfrontation mit der Frage: Wie sah es im Deutschland zur Mitte des 19. Jahrhunderts aus, wenn so viele Menschen ihr Heimatland verließen? So entdeckte ich vor einigen Jahren die Schriftstellerin Malwida von Meysenbug, in deren Memoiren einer Idealistin mich besonders ihr Detmolder Freund berührte. Wer war dieser junge Mann, der für seine Überzeugungen alles gab und nicht einmal dreißig Jahre alt wurde? Ich begab mich auf Spurensuche an den Orten seines Wirkens, in Archiven, Museen und Bibliotheken und bekam Einblicke in ein Leben, das geprägt war von einem wunderbaren Elternhaus, herausragender Begabung, interessanten Begegnungen und dem Kampf um eine gerechte Welt, den Theodor Althaus als Theologe, Schriftsteller und Journalist mit den Mitteln des gesprochenen und geschriebenen Wortes beharrlich führte. Er hat es verdient, dass seine Lebensgeschichte erzählt wird.


Vorwort aus:



18. März 1848 Revolution in Berlin

18. März 1848 Revolution in Berlin

Am 20. März 1848 erreichte er gegen Mittag Berlin. Es war ein seltsames Szenario in der Stadt. Männer, Frauen und Kinder liefen zwischen Barrikaden und herausgerissenen Pflastersteinen. Die meisten feierten einen Sieg. Doch andere suchten verzweifelt nach vermissten Angehörigen.
Theodor ging von Kirche zu Kirche, schaute in die jungen Gesichter der dort aufgebahrten Toten, die schrecklichen Wunden, die stille Siegesgewissheit in den bleichen Zügen. Auf der Straße sprach er die Menschen an, hörte ihre Berichte über die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag und setzte das Puzzle zusammen über die friedliche Versammlung vor dem Schloss, die Proklamation des Königs, laute Rufe aus der Menge, die Forderung nach Abzug der Soldaten, zunehmende Unruhe, plötzlich ein Schuss von irgendwoher, noch ein Schuss und dann der fürchterliche Sturm. Unaufhaltsam tobte der in Straßen und auf Plätzen. Alle machten mit beim Bau der Barrikaden, vom einfachen Tagelöhner und Handwerker bis zum Beamten, Studenten, Arzt und Advokaten. Frauen, Kinder und Greise waren dabei. Mit allen Mitteln kämpften sie, beschafften Material für den Barrikadenbau, besorgten Waffen, gossen Kugeln, steckten deutsche Fahnen auf, Frauen versorgten die Kämpfenden mit Speisen und Getränken, Unaufhörlich tönten die Sturmglocken in der Stadt. Die ganze Nacht. Bis zum nächsten Morgen. Bis kein Soldat einziger mehr zu sehen war.
In einer Kirche fand er ein stilles Plätzchen, wo er ungestört verweilen konnte. Nachdem er sich ein wenig gefangen hatte, zog er Papier und Feder aus der Tasche und schrieb einen Artikel für die  „Weser-Zeitung“. Das war er den Toten schuldig. Ihr mutiger Kampf durfte nicht umsonst gewesen sein.
Es war schon dunkel, als er am Abend vor dem Haus des Großvaters in Potsdam stand. Obwohl das Fenster des Balkonzimmers hell erleuchtet war, musste er lange auf Einlass warten. Später erfuhr er den Grund. Dräseke war vor Übergriffen von Aufständischen gewarnt worden und die im Hause Anwesenden, des Großvaters jüngere Tochter, Enkelin Elisabeth aus Detmold und ein Diener, fürchteten den dunklen Mann an der Tür und waren heilfroh, als es dann der älteste Enkel war. Der berichtete von den Spuren der Berliner Horrornacht, bevor er sich völlig erschöpft zurückzog. Elisabeth machte sich Sorgen und folgte dem Bruder in sein Zimmer. Der hatte sich schon ins Bett gelegt: Sie erinnerte sich: „Ich setzte mich zu ihm und sah nun erst, wie verändert, wie von Erregung und Schmerz durchwühlt, seine Züge waren.“
Am nächsten Tag war Theodor dabei, als König Friedrich Wilhelm IV. mit schwarz-rot-goldener Armbinde durch die Straßen von Berlin ritt und vor Studenten der Berliner Universität eine Rede hielt, wobei er sich zu der Formulierung hinreißen ließ: „Preußen geht fortan in Deutschland auf.“
Und er nahm am 22. März auf dem Gendarmenmarkt an der Trauerfeier für die 183 Toten teil, folgte dem unbeschreiblich langen Leichenzug mit den bekränzten Särgen, zunächst bis zum Schloss, wo sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf Verlangen des Volkes mit gezogenem Hut vor den toten Revolutionären verbeugen musste, dann vor die Tore der Stadt zur Beisetzung auf dem eigens eingerichteten „Friedhof der Märzgefallenen“ auf einem Hügel in Friedrichhain.
„Der Leichenzug. Die seidenen, schwarzrothgoldenen Trauerfahnen […] nach den Thränen stumpfte sich alles ab. Zu lang. Die anarchische Schwüle über Berlin“, notierte er im Tagebuch.
Er sei ein Mann geworden, meinte Großvater Dräseke und da hatte er recht. Die harte Konfrontation mit den menschlichen Tragödien, die rohe Gewalt gegen die eigenen Brüder, Söhne eines Volkes, hatte ihn in tiefster Seele getroffen.
Der Weg würde ein harter und steiniger werden. Die „faulen Früchte der Geschichte“ waren mächtiger, als er es sich in seinen idealistischen Vorstellungen ausgemalt hatte. So einfach fielen die nicht in sich zusammen. Wie sonst wäre es möglich, dass Soldaten als Spielzeug eines konzeptlosen Monarchen mit vorgeblicher Gottes-Gnaden-Legitimation ein so schreckliches Blutbad anrichteten?
Althaus Artikel  erschien unter der Überschrift  „D i e  B e r l i n e r  R e v o l u t i o n“  am 22. März 1848 auf der Titelseite der „Weser-Zeitung“. Er hatte den historischen Stellenwert des Geschehens als „Bluttaufe der deutschen Freiheit“ erkannt und eine überaus sensible Würdigung des leidenschaftlich entschlossenen Kampfes gegen die starre Willkürherrschaft des schwachen preußischen Königs verfasst: „Die giftige Saat, die Untergrabung alles Vertrauens, das schwankende Spielen zwischen der persönlichen Willkür und den gerechtesten Forderungen des Volkes, die Demoralisation der höchsten Staatsgewalten, welche sich durch den Schein und die Heuchelei eine erträumte Macht zu sichern wähnten, ist nun so blutig aufgegangen. Deutschland wird den achtzehnten März dieses Jahres nie vergessen.“

Leitartikel in der Bremer Weser-Zeitung vom 22. März 1848: Die Berliner Revolution

 Leseprobe aus:




So war es am 18. März 2013 vor dem Brandenburger Tor: Berlin: Mein Tag des 18. März

Bildquelle: Adolph Menzel, Aufbahrung der Märzgefallenen, 1848
http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAdolf_Friedrich_Erdmann_von_Menzel_005.jpg

24. Februar 1848: Liberté, Egalité, Fraternité

24. Februar 1848: Liberté, Egalité, Fraternité

Der germanische Winterschlaf war die berühmte Ruhe vor dem großen Sturm. Als Theodor Althaus am 27. Januar 1848 im Leipziger Theater einer Vorstellung von Glucks Iphigenie in Aulis beiwohnte, war es ihm unmöglich, seine Aufmerksamkeit auf die Opernbühne zu lenken, denn unmittelbar zuvor hatte er die Nachricht vom erfolgreichen Aufstand der Bevölkerung in Palermo gegen den bourbonischen König Ferdinand II. am 12. Januar 1848 erhalten. Das war die größte Freude, die er seit langem erlebt hatte. Die Lichter von Palermo, nachts um drei angezündet, sah er während der gesamten Vorstellung vor sich. Ich hoffe, du hast unseren ersten Sieg in diesem Jahr gehörig genossen und den 12. Januar roth angestrichen, schrieb er seiner Schwester nach Detmold.

Ein paar Tage später stand er im gedrängt vollen Konversationssaal des Museums, eine gerade eingetroffene Zeitung in den Händen, die Indépendance Belge, aus der er fast atemlos einen Artikel über Sturmglocken von Notre Dame, dem Sturz von König Louis Philippe am 24. Februar 1848, vorlas. Das war weit mehr als Sizilien, das konnte umwerfende Auswirkungen auf die Länder des Deutschen Bundes haben. Wie sah die neue Regierung in Frankreich aus? Gab es eine Republik? Ungeduldig fiebernd wartete man auf weitere Nachrichten, auf Journale oder Reisende mit dem Zug aus Brüssel oder aus Köln.
Am 5. März 1848 konnte er endlich die befreienden Informationen in seinem Tagebuch notieren. Einen Tag nach dem Sturz des Monarchen war in Paris die Republik ausgerufen und eine provisorische Regierung gebildet worden: Ich habe Angst gehabt, wie eine Mutter um ihr Kind, bis endlich, allendlich das Ja und Amen kam – keine Regentschaft, sondern Republik, keine Freude, sondern Enthusiasmus, kein neues Ministerium – eine neue Welt! Ich habe kaum Zeit zu denken […]. Ich kann mich nicht satt lesen an den Verordnungen der provisorischen Regierung. Als ich zum erstenmal die Ueberschrift las, hab ich geweint vor Freude:



Republique Francaise,

Liberté, Egalité, Fraternité


Leseprobe aus:


Foto: © Renate Hupfeld (Museum Coffe Baum in der Leipziger Fleischergasse)

24. Februar 1848: Liberté, Egalité, Fraternité

24. Februar 1848: Liberté, Egalité, Fraternité

Der germanische Winterschlaf war die berühmte Ruhe vor dem großen Sturm. Als Theodor Althaus am 27. Januar 1848 im Leipziger Theater einer Vorstellung von Glucks Iphigenie in Aulis beiwohnte, war es ihm unmöglich, seine Aufmerksamkeit auf die Opernbühne zu lenken, denn unmittelbar zuvor hatte er die Nachricht vom erfolgreichen Aufstand der Bevölkerung in Palermo gegen den bourbonischen König Ferdinand II. am 12. Januar 1848 erhalten. Das war die größte Freude, die er seit langem erlebt hatte. Die Lichter von Palermo, nachts um drei angezündet, sah er während der gesamten Vorstellung vor sich. Ich hoffe, du hast unseren ersten Sieg in diesem Jahr gehörig genossen und den 12. Januar roth angestrichen, schrieb er seiner Schwester nach Detmold.

Ein paar Tage später stand er im gedrängt vollen Konversationssaal des Museums, eine gerade eingetroffene Zeitung in den Händen, die Indépendance Belge, aus der er fast atemlos einen Artikel über Sturmglocken von Notre Dame, dem Sturz von König Louis Philippe am 24. Februar 1848, vorlas. Das war weit mehr als Sizilien, das konnte umwerfende Auswirkungen auf die Länder des Deutschen Bundes haben. Wie sah die neue Regierung in Frankreich aus? Gab es eine Republik? Ungeduldig fiebernd wartete man auf weitere Nachrichten, auf Journale oder Reisende mit dem Zug aus Brüssel oder aus Köln.
Am 5. März 1848 konnte er endlich die befreienden Informationen in seinem Tagebuch notieren. Einen Tag nach dem Sturz des Monarchen war in Paris die Republik ausgerufen und eine provisorische Regierung gebildet worden: Ich habe Angst gehabt, wie eine Mutter um ihr Kind, bis endlich, allendlich das Ja und Amen kam – keine Regentschaft, sondern Republik, keine Freude, sondern Enthusiasmus, kein neues Ministerium – eine neue Welt! Ich habe kaum Zeit zu denken […]. Ich kann mich nicht satt lesen an den Verordnungen der provisorischen Regierung. Als ich zum erstenmal die Ueberschrift las, hab ich geweint vor Freude:



Republique Francaise,

Liberté, Egalité, Fraternité


Leseprobe aus:


Foto: © Renate Hupfeld (Museum Coffe Baum in der Leipziger Fleischergasse)

24. Februar 1848: Liberté, Egalité, Fraternité

24. Februar 1848: Liberté, Egalité, Fraternité

Der germanische Winterschlaf war die berühmte Ruhe vor dem großen Sturm. Als Theodor Althaus am 27. Januar 1848 im Leipziger Theater einer Vorstellung von Glucks Iphigenie in Aulis beiwohnte, war es ihm unmöglich, seine Aufmerksamkeit auf die Opernbühne zu lenken, denn unmittelbar zuvor hatte er die Nachricht vom erfolgreichen Aufstand der Bevölkerung in Palermo gegen den bourbonischen König Ferdinand II. am 12. Januar 1848 erhalten. Das war die größte Freude, die er seit langem erlebt hatte. Die Lichter von Palermo, nachts um drei angezündet, sah er während der gesamten Vorstellung vor sich. Ich hoffe, du hast unseren ersten Sieg in diesem Jahr gehörig genossen und den 12. Januar roth angestrichen, schrieb er seiner Schwester nach Detmold.

Ein paar Tage später stand er im gedrängt vollen Konversationssaal des Museums, eine gerade eingetroffene Zeitung in den Händen, die Indépendance Belge, aus der er fast atemlos einen Artikel über Sturmglocken von Notre Dame, dem Sturz von König Louis Philippe am 24. Februar 1848, vorlas. Das war weit mehr als Sizilien, das konnte umwerfende Auswirkungen auf die Länder des Deutschen Bundes haben. Wie sah die neue Regierung in Frankreich aus? Gab es eine Republik? Ungeduldig fiebernd wartete man auf weitere Nachrichten, auf Journale oder Reisende mit dem Zug aus Brüssel oder aus Köln.
Am 5. März 1848 konnte er endlich die befreienden Informationen in seinem Tagebuch notieren. Einen Tag nach dem Sturz des Monarchen war in Paris die Republik ausgerufen und eine provisorische Regierung gebildet worden: Ich habe Angst gehabt, wie eine Mutter um ihr Kind, bis endlich, allendlich das Ja und Amen kam – keine Regentschaft, sondern Republik, keine Freude, sondern Enthusiasmus, kein neues Ministerium – eine neue Welt! Ich habe kaum Zeit zu denken […]. Ich kann mich nicht satt lesen an den Verordnungen der provisorischen Regierung. Als ich zum erstenmal die Ueberschrift las, hab ich geweint vor Freude:



Republique Francaise,

Liberté, Egalité, Fraternité


Leseprobe aus:


Foto: © Renate Hupfeld (Museum Coffe Baum in der Leipziger Fleischergasse)