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Archaeologik

Kulturgüter in Syrien und Irak (März und April 2019)

Syrien arbeitet massiv daran, Restaurierungen und Wiedereröffnungen sowie eine Normalisierung des Tourismus in die Öffentlichkeit zu kommunizieren. Dabei sind die Kämpfe keineswegs zu Ende. In der Region Idlib, aus der schon in den Anfängen des Bürgerkrieges von Flüchtlingen in den antiken Ruinenstädten berichtet wurde, sollen die Flüchtlinge nun aus Angst vor den andauernden Luftangriffen durch Regierungstruppen in freiem Feld unter Olivenbäumen campieren – trotz entmilitarisierter Zone.

Aber auch aus dem Kurdengebiet kommen Meldungen über Restaurierungsmaßnahmen und Reparaturen. So meldet die kurdische „Authority of Tourism and Protection Antiquities“, dass bei Tell Bayedar im Gebiet von Jazair das Grabungshaus  innerhalb von zwei Wochen wieder hergerichtet wurde. 
Auch der Irak punktet – im Süden des Landes – mit der Wiedereröffnung von Museen:

Der eigentlich als besiegt geltende Daesh ist nach einem Bericht von http://www.arabnews.com/node/1485181/middle-east noch immer aktiv. Was allerdings an  Social-Media-Berichten vom 20.4. dran ist, wonach Daesh in den Bergen bei Palmyra wieder Fuß gefasst hätte, bleibt fraglich:  https://twitter.com/notwoofers/status/1119700848932728844 Allerdings haben auch die syrischen Regierungstruppen darauf reagiert und laut einer regierungsfreundlichen Quelle ihre Präsenz in der Region verstärkt. 

Meldungen zu einzelnen Kulturstätten in Syrien und Irak

Homs

Restaurierung der  Khalid Ibn al-Walid Moschee

Palmyra

Syria Times verkündet, Syrien sei wieder sicher für Touristen und verweist auf erste Besucher aus Frankreich, Kanada und der Schweiz in Palmyra:

Italienische Handwerker haben einen 3D-Druck einer Nische des zerstörten Baal-Tempels hergestellt, der dem Museum in Damaskus übergeben wird.

      Aleppo

      Der Saqatiya souk werden bis Juli restauriert. Sie sind nur einer von etwa  37 rund um die Zitadelle von Aleppo .

      Damaskus

      Wiedereröffnung des Museums für arabische Medizin und Wissenschaft am 14.4.

      Bosra

      Die syrische Altertumsbehörde konnte eine Schadensaufnahme in der antiken Stadt Bosra durchführen:
      Diese Schadensaufnahme erfolgt im Rahmen des Projekts „Recovery of the Ancient city of Bosra“ unter der Patronage of UNESCO.

      Mosul

      Schadensmeldungen

      Maßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit

      Digitalisierung

        Antikenhehlerei und Kunsthandel

        aus dem Südirak, wohl zwischen 1994 und 2002 illegal augegraben und nun am Flughafen London Heathrow aufgefunden, deklariert als “carved stone for home decoration”:

        Der Kunsthandel sieht sich nicht in der Verantwortung. Ein Artikel auf Quintessentially problematisiert die Käufer: 

          Weitere Berichte

          In Russland versucht Putin sein derzeit angekratztes innenpolitisches Image mit einer Propagandainszenierung der russischen Intervention in Syrien aufzubessern. Dazu fährt ein Zug mit erbeuteten Waffen durch Russland. Bei den Präsentationen treten Soldaten vor einem Banner mit Säulenmonumenten von Palmyra an – die Verteidigung von Kulturerbe als gute patriotische Tat, die Krieg rechtfertigt.

            Links

            frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

          • Fünf Jahre Syrienberichte. Archaeologik (4.5.2017)
            – Stand April 2017
          • Wie immer geht mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise.

            Leichenhandel

            Ein Würzburger Auktionshaus bietet heute – 9.3.2019 – auf einer Auktion einen übermodellierten Ahnenschädel aus Papua-Neuguinea an:https://www.tribal-art-auktion.de/de/objekt/uebermodellierter-ahnenschaedel-3045510/Das Angebot ist moralisch und rechtli…

            „Circulating artefacts“ – British Museum gründet Task Force gegen illegalen Handel mit Aegyptiaca

            Ein Beitrag von Jutta Zerres
            Das renommierte British Museum in London hat sich mit der Einrichtung eines internationalen Expertenteams zur Bekämpfung des illegalen Handels mit Antiken aus Ägypten und dem Sudan einer neue Aufgabe gestellt. Das Projekt beginnt offiziell im Februar und trägt den Namen „Circulatiing artefacts“. Es sollen sowohl frisch ausgegrabene Stücke aufgespürt als auch Provenienzgeschichten von Funden, die nach 1970 (also nach dem Inkraftreten des UNESCO-Übereinkommen über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut 1970“) in Umlauf gekommen sind, auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Basis der Recherche bildet eine Datenbank, die legale und illegale Fund sowie solche mit unbekanntem Status enthält und Querverweise ermöglicht. Sie soll öffentlich einsehbar sein und jedermann kann sich mit Hinwesen und Bildern an Aufbau beteiligen. Im Fokus der Beobachtung stehen neben Auktionshäusern und Sammlern auch Internetplattformen wie Ebay. Das Team steht in engem Kontakt zu Experten in Kairo und Khartoum und arbeitet mit Scotland Yard und den Zollbehörden zusammen. Britische Fachleute begrüßen unter Verweis auf ihre Erfahrungen mit der Nachlässigkeit des Kunsthandels bei der Überprüfung von Provenienzen die Einrichtung der Expertengruppe.
            Eingangshalle des British Museum London
            (CC0 via Pixabay.de)

            Nur ein einziger Fall aus Deutschland, der 2015 bekannt wurde, mag hier exemplarisch angeführt sein, der die Wichtigkeit dieser Massnahme unterstreicht:


            Änderungsvermerk (31.1.2019): Fehler im Titel und Text korrigiert (circulating statt falsch circulation)

            "Unsere Erinnerungskultur bröckelt" – #HolocaustRemembrance

            Zum Holocaust-Gedenktag am 27.1.2019 hat Bundesaußenminister Heiko Maas für die Welt am Sonntag einen Gastbeitrag verfasst. Er warnt vor einem Brökeln der Erinnerungskultur unter dem Druck der Rechtsextremen und beklagt das „Unwissen gerade der jungen Deutschen“. 
            Bald werden keine Zeitzeugen mehr von der Pogromnacht berichten können, bald wird es keine Holocaust-Überlebenden mehr geben. „Wir müssen die Geschichten der Menschen bewahren, die aus eigenem Erleben von dem Unfassbaren berichten können.“ Maas weisst aber auch auf die wachsende zeitliche Distanz hin, die dazu führt, dass für den, der heute geboren ist, für den (…) etwa die Pogromnacht zeitlich genauso weit entfernt“ sei, wie bei seiner Geburt ein Reichskanzler Bismarck.
            Die Konsequenz daraus ist, dass  die Gedenkkultur daran angepasst werden muss. Natürliche lassen sich mit dem Medium der Schrift, der Ton- und Filmdokumente Unterrichtsmaterialien schaffen, aber eine Betroffenheit lässt sich damit nicht erreichen. „Was wir jetzt brauchen, sind neue Ansätze, um historische Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen. Unsere Geschichte muss von einem Erinnerungs- noch stärker zu einem Erkenntnisprojekt werden.“
            Einfahrt ins KZ Auschwitz
            (Bundesarchiv, Bild 175-04413
            [CC-BY-SA] via WikimediaCommons)
            „Die Archäologie der Zeitgeschichte hebt verdrängte oder schlicht vergessene Vorgänge verschärft ins Bewußstein. Der Spaten holt Geschichte in die Gegenwart zurück.“ schrieb schon 1988 der Münchner Zeithistoriker Ulrich Linse mit Blick auf die NS-Zeit. „Geschichte meint eben nicht nur Tod und Ende, sondern auch die Pflege der Erinnerung, das Fortleben im Gedächtnis. Aufdecken und Rekonstruieren, Bewahren und Schützen sind hier Mittel, die das stete Verlebendigen und Vergegenwärtigen der Vergangenheit bewirken möchten.“ Das war damals schon ein Plädoyer für eine Archäologie der Zeitgeschichte, die inzwischen an Bedeutung gewonnen hat. Archäologie der Zeitgeschichte wurde hier in Zusammenhänge der Erinnerungsarbeit und der Geschichtsdidaktik gerückt, ein Thema, das in vielen neueren Publikationen zu Tatorten oder der Archäologie des Terrors ausgesprochen blass bleibt.
            Die Auseinandersetzung mit derVergangenheit – egal ob 6000 Jahre zurück oder 75 – hat immer eine gesellschaftspolitische Dimension, denn sie vermittelt immer auch Menschenbilder. Insofern ist Archäologie ein wichtiger Teil der Umweltbildung, wie auch der politischen Bildung. In der Archäologie der Zeitgeschichte ist dies eine immer wichtigere gesellschaftliche Aufgabe.
            Wenn Heiko Maas eine Anpassung der Gedenkkultur anmahnt, so gehört dazu, dass die jungen Generationen mit unmittelbaren Zeugnissen der NS-Zeit konfrontiert werden müssen, wenn sie keine Überlebenden mehr persönlich treffen können. Da reicht es aber nicht, wenn die Archäologie in gewohnter Weise ihre Notgrabungen durchführt und Fundkataloge publiziert. Hier müssen andere Formate gefunden werden, bei denen Wissenschaftler Schüler und Bürger an Fundorte der NS-Zeit heranführen – die Archäologie kann und muss sich in diese Anpassung der Gedenkkultur einbringen.

            Literatur

            Eine Million!

            Gestern hat Archaeologik nach der Google-Zählung die Marke von einer Million Zugriffe genommen. Die halbe Million war am 28.2.2016 erreicht worden. Nachdem ich laufenden Monat etwas mehr Blogposts eingestellt hab, liegen die täglichen Zugriffszahlen be…