Planet History

Archaeologik

USA: Politik beugt wissenschaftliche Freiheit der Archäologie

Der DGUF-Newsletter vom 31.5.2018 (PDF) berichtet ausführlich darüber, wie die Trump-Administration wissenschaftliche Kritik an seinen Maßnahmen unterdrückt. Ich zitiere den Newsletter:

“US-Behörde verhindert Teilnahme von Archäologen an Fachtagung der SAA

Das Bureau of Land Management (BLM), eine dem US-amerikanischen Innenministerium unterstellte Behörde zur Verwaltung und wirtschaftlichen Verwertung von öffentlichem Land, hat die Teilnahme von mindestens 14 BLM-Archäologen und weiterer BLM-Fachleute an der 83. Jahrestagung der Society for American Archaeology (SAA) im April verhindert; nur drei ausgewählte Kollegen wurden entsandt. Als Grund gab das BLM laut Washington Post die hohen Reisekosten an. Die BLM-Archäologen wollten ein Symposium mit dem Titel „Tough Issues in Land Management Archaeology“ veranstalten; Chairs hätten die Kollegen Byron Loosle (beim BLM oberster Beauftragter für Kulturgut) und Laura Hronec (ebenfalls BLM) sein sollen. 

Im SAA-Programmheft sind 24 Teilnehmer für das Symposium aufgelistet, wovon laut Washington Post 17 Mitarbeiter des BLM sind. Die Veranstaltung musste abgesagt werden. Das Symposium sollte verschiedene umstrittene Themen behandeln, einschließlich der Durchsetzung des Antikengesetzes von 1906. Dabei hatte Barack Obama zahlreiche neue nationale Denkmäler benannt, die jetzt von Innenminister Ryan Zinke geprüft werden. Das von Theodore Roosevelt unterzeichnete Gesetz ermöglicht es, öffentliches Land einschließlich archäologischer Stätten für ökologischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Schutz zu sperren. Die damaligen Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton taten genau das, als sie in Utah die Nationaldenkmäler Bears Ears und Grand Staircase-Escalante errichteten; einer der Gründe war der Schutz kulturhistorischer Stätten für Ureinwohner. Ende 2017 beschloss Donald Trump, Bears Ears um 81% bzw. mehr als 1,1 Millionen Acres (knapp 4.500 Quadratkilometer) und Grand Staircase-Escalante um knapp 50% bzw. mehr als 800.000 Acres (mehr als 3.200 Quadratkilometer) zu verkleinern. Das begründete er am 4.12.2017 den Gesetzgebern und Bürgern Utahs u. a. mit diesen Worten: „Your timeless bond with the outdoors should not be replaced with the whims of regulators thousands and thousands of miles away. They don’t know your land, and truly, they don’t care for your land like you do. But from now on, that won’t matter. I’ve come to Utah to take a very historic action to reverse federal overreach and restore the rights of this land to your citizens.“

Einige Verbände werten den aktuellen Vorgang laut Washington Post als weiteren Beleg für das Bemühen des US-amerikanischen Innenministeriums, die Kommunikation von Forschern mit der Öffentlichkeit und Fachkollegen zu unterbinden. Die Zeitung benennt eine Quelle, die „aus Angst vor Vergeltung“ anonym bleiben wolle und gesagt habe, dass die Mitarbeiter schon zu Obamas Zeiten ihre Konferenzbesuche über das Büro des BLM-Direktors zur Genehmigung vorgelegt hätten. Auch zuvor sei das Reisebudget eine Überlegung gewesen, aber unter Trump „wurden einzelne Ereignisse selbst und Themen, die abgedeckt werden sollten, genauer untersucht“. SAA-Präsidentin Susan Chandler äußerte in einem öffentlichen Statement ihr Bedauern. U. a. sagte sie: „Preserving the US archaeological record is a charge entrusted to all Americans, often via our government agencies. BLM archaeologists handle large-scale, complex issues involving multiple stakeholders, and we were sorry to lose the chance to learn from their experience.“

Interne Links

 

 

Ungarn listet unliebsame Wissenschaftler

Nur kurz nach der Wiederwahl von Viktor Orbáns Fideszpartei für das ungarische Parlament veröffentlicht die regierungstreue Zeitung Figyelő; eine Liste mit unliebsamen Journalisten, NGO-Vertretern und Wissenschaftlern. Viele der 200 Gelisteten haben Verbindungen zur Central European University (CEU), die von Orban in irrationalem Verschwörungswahn schon länger schikaniert wird.
  • Die Liste: A spekuláns emberei. Figyelő (4/2018)

Mit auf der Liste steht Patrick Geary, ein in Archäologenkreisen wohlbekannter Historiker. Er ist Professor für Geschichte des abendländischen Mittelalters am Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey und war von 2008 bis 2009 Präsident der Medieval Academy of America. Derzeit leitet Geary ein Forschungsprojekt zu Migrationen während des frühen Mittelalters. Im Mittelpunkt stehen die Langobarden, die bis ins 6. Jahrhundert auch Bevölkerungsruppen im heutigen Ungarn zugerechnet werden, ehe sie 568 nach Norditalien abgewandert seien. Geary’s Projekt analysiert die DNA aus Gräberfeldern aus Ungarn und Italien.

Ebenfalls auf der Liste steht der renommierte ungarische Mittelalterhistoriker Gábor Klaniczay, der erst vor Kurzem als Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt wurde. Klaniczay ist Professor an der CEU in Budapest und arbeitet vor allem zu Religionsgeschichte, aber auch zur Rezeption von Antike und Mittelalter in der Gegenwart.

Es ist unklar, was diese Liste zu bedeuten hat. Sicher geht es um Einschüchterung, vielleicht aber auch um noch Schlimmeres? Soll Wissenschaft auf solche Forschungsergebnisse getrimmt werden, die das krude Geschichtsbild der Nationalisten stützen?
Entscheidend dafür, dass Wissenschaftler auf der Liste stehen sind derzeit wohl generell deren Verbindungen zur CEU, weniger inhaltliche Positionen. Dass Letzteres zumindest indirekt aber durchaus auch eine Rolle spielen mag, zeigt die angekündigte Gründung des László Gyula Őstörténeti Intézet (László Gyula Institut für [ungarische] Frühgeschichte). Das neue Institut wird finanziell von einem Politiker der Fideszpartei, Sándor Lezsák, Vizepräsident des Parlaments und Vertrauter von Viktor Orbán. Das Institut wurde vor den Wahlen gegründet, wohl um Stimmen im rechtsextremen Lager zu sammeln, ist aber noch nicht öffentlich sichtbar.
Das Kurultaj – ein angeblich traditionelles, tatsächlich erst 2007
begründetes – Festival der Steppenvölker propagiert die
wissenschaftlich nicht gedeckte These
einer Abstammung der Ungarn von Hunnen und Skythen.
(Foto: Derzsi Elekes Andor [CC BY SA 4.0]
via Wikimedia Commons)

Propagiert wird hier ein parawissenschaftliches Geschichtsbild des Ursprungs der Ungarn (vgl. Simon-Nanko 2017). Die sprachwissenschaftlich erwiesene Verbindung des Ungarischen zum Finnischen wird abgelehnt, weil sie zu wenig Größe ausstrahlt. Da wird zwar richtig darauf verwiesen, dass die Kategorien Sprache und Volk nicht deckungsgleich sein müssen, zugleich wird aber an einer grundsätzlich falschen Vorstellung von Volk und Nation als natürlicher, weitgehend unveränderlicher Größe festgehalten. Vorwissenschaftliche Mutmaßungen mittelalterlicher Autoren, die eine Verbindung der Ungarn zu Hunnen und Skythen postulierten, werden trotz fehlender wissenschaftlicher Argumente zum Paradigma erhoben und um die absurde These ergänzt, dass die Sumerer als erste Hochkultur Mesopotamiens ungarisch gewesen sei. Unter anderen hat  Gábor Klaniczay auf die mangelnden Grundlagen dieses nationalistischen Geschichtsbildes hingewiesen.

Ein Artikel, ebenfalls kurz nach der Wahl in einer rechten Zeitung erschienen, greift eine alte Verschwörungstheorie auf (vergl. Simon-Nanko 2017) und sieht in der sprachwissenschaftlichen Klassifikation des Ungarischen in einer finno-ugrischen Sprachgruppe eine Verschwörung der Habsburgermonarchie, der insbesondere die Ungarische Akademie der Wissenschaften bis heute verpflichtet sei. Künftig müsse Wissenschaft die ungarische Seele und die historischen Traditionen stärker berücksichtigen.

Die CEU bezeichnet die Liste in einer ersten Reaktion als inakzeptabel.

Im Ausland hat dieser ungeheuerliche Vorgang, bei dem Menschen ob ihrer wissenschaftlichen Interessen und Forschungen persönlich bedroht werden, offenbar kaum Beachtung gefunden. Hier wäre ein klares Statement der EU gefragt!

    Literatur

    Simon-Nanko 2017
    L. Simon-Nanko, Politische Mythologie in Ungarn? Zu Kontinuitäten paralleler Geschichtsschreibung im Kontext von Archäologie und Sprachwissenschaft. In: I. Götz/K. Roth/M. Spiritova (Hrsg.), Neuer Nationalismus im östlichen Europa (Bielefeld 2017) 139-148.

    Interne Links

    Es scheint besser, für Auskünfte und Übersetzungshilfen, die ich aus Ungarn erhalten habe, nicht namentlich zu danken.

      Kulturgut in Syrien und Irak (Februar und März 2018)

      Die Situation in Syrien ist mit den nunmehr komplexeren Koalitionen nochmals unübersichtlicher geworden – das gilt auch in Bezug auf Kulturgüter, die auch unter den neuen Voraussetzungen Spielball der Politik sind. Schuldzuweisungen sind in jeder Richtung mit großer Vorsicht zu geniesen.

      Mari, Tell mit Schutzdach 1993
      (Foto: M. Scholz)

      Daesh-Zerstörungen in Mari

      Tell Hariri an der Grenze zum Irak war lange Zeit im Machtgebiet des Daesh, jetzt liegen erste Beobachtungen nach deren Vertreibung vor. Die syrische Alterumsbehörde postete Bilder der Zerstörungen. Offenbar wurde die Fundstelle systematisch umgegraben, die Mauern des Palastes von Mari (s. Wikipedia), im 3. und 2. Jahrtausend v.Chr. Mittelpunkt eines wichtigen mesopotamischen Reiches wurden systematisch untergraben. Das Schutzdach, mit dem das langjährigen archäologische Grabungsareal geschützt worden war, ist eingestürzt.

      Mari, Tell mit Schutzdach 1993
      (Foto: M. Scholz)

      Die Fundstelle ist wegen ihres Keilschriftenarchivs sowie einiger exzeptionelle Funde, von denen sich einige heute im Louvre befinden, bekannt. Es ist anzunehmen, dass sich die Plünderer  hier Funde versprochen haben, die bei Sammlern im Ausland begehrt sind. Es ist weiters anzunehmen, dass die Raubgräber ihre Ware inzwischen an Zwischenhändler verkauft haben und dabei an Daesh „Steuern“ bezahlt haben. Es dürfte Jahre dauern, bis die Funde irgendwo auf dem Markt auftauchen.
      Zu vermerken ist, dass Daesh mit dieser Fundstelle, die auf der Tentativliste der UNESCO steht, keine Propaganda betrieben hat.

      Die türkische Offensive in Nordsyrien

      Das militärische Eingreifen der Türkei im Norden Syriens hat dem ehemaligen Bürgerkrieg in Syrien eine neue Dimension gegeben. Neben den zivilen Menschenopfern und den Angriffen auch auf zivile Einrichtungen in Afrin stehen auch die Angriffe auf archäologische Fundstellen in einem bemerkenswerten Gegensatz zu den Beteuerungen der Türkei, nur Terroristen zu verfolgen.

      Nordbasilika in Brad
      (Foto: Hani Simo [CC BY 2.0]
      via WikimediaCommons [Version v. 27.3.2011])

      Am 22.3. melden Quellen aus dem Umfeld des Assad-Regimes wie auch die syrische Altertumsbehörde Bombenangriffe auf die byzantinische Siedlung Brad, 15 km südlich von Afrin. Sie ist die nördlichste der Totenstädte, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

      Die syrische Altertumsbehörde unterstellt der Türkei einen systematischen Plan syrisches Kulturerbe zu zerstören. Die Meldung nennt weitere Zerstörungen in Qurosh und Tal Jendyres.

      Weitere Meldungen zu den türkischen Zerstörungen in Ain Dara

      Schadensmeldungen

      Nach den unmittelbaren Kriegsschäden gibt es nun zunehmend Meldungen über Folgeschäden durch Vernachlässigung und mangelnde materielle wie administrative Infrastruktur. Offenbar wird die Gelegenheit gerne genutzt, Altbauten zugunsten von Neuinvestitionen los zu werden.

      Mosul

      Abbrucharbeiten nach Daesh in Mosul:

      Impressionen aus Mossul:

      Zustand des Aleppo Museums

      Ein facebook-Post auf Aleppo Archaeology zeigt Bilder angeblich des Museums von Aleppo (auf der angegebenen Quelle konnte ich sie nicht ausfindig machen). Erkennbar ist ein Hinterhof mit Müll und Autowracks, vor allem aber – geschätzt von den Autowracks – etwa 20 cm hoch stehendes, schon total veralgtes Wasser, das nach dem facebook-Post vermuten lässt, dass Funde im Museum ebenfalls im Wasser liegen.

      Raubgrabungen & Antikenhehlerei

      Im Kontext mit der Frage nach dem Schicksal der geplünderten Funde (der Kunsthandel hat jüngst darauf verwiesen, dass in Europa bisher keine Funde des IS aufgetaucht seien. – T.E. Schmidt, Kulturgutschutzgesetz ohne Grundlage. Weltkunst 23.2.2018), ist eine Meldung von Interesse, bei der es allerdings um Funde aus dem IS-Gebiet in Libyen geht: In Spanien wurden Funde sicher gestellt, die vom IS in Libyen geplündert worden sein sollen. Das wäre ein erster Nachweis, dass „Blutantiken“ tatsächlich den westlichen Markt erreichen – allerdings werden die angeblichen Beweise (noch?) nicht offen gelegt. Nach einem französischen Zeitungsartikel geht es um einen renommierten Händler aus Brüssel, der auch auf der angeblich mit höchsten Sorgfalt arbeitenden Brussels Art Fair ausgestellt hat. In Spanien soll Anklage wegen Terrorfinanzierung erhoben werden. Die Funde gingen von Libyen über Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate/Jordanien und Deutschland (! – mit was für Papieren?) nach Spanien und Belgien

      Verdachtsfälle gab es aber schon zuvor:

      Tagung der UNESCO in Paris mit dem (wahrscheinlich vergeblichen) Versuch, den Kunsthandel in die Maßnahmen gegen Antikenhehlerei und Raubgrabungen einzubinden

       Artikel

      • Neil Brodie & Isber Sabrine (2017) The Illegal Excavation and Trade of Syrian Cultural Objects: A View from the Ground. Journal of Field Archaeology, 43:1, 74-84, DOI: 10.1080/00934690.2017.1410919

      Restaurierung & Wiederaufbau

      Aleppo

      Restaurierung der Omayaden-Moschee in Aleppo:

      Der Damage Newsletter von Heritage for Peace vom 12.3.2018 weist auf einen arabischen Artikel zu den Baulizenzen in der Altstadt von Aleppo hin, die nach der Eroberung durch das Assad-Regime vergeben werden und weitere Substanzverluste befürchten lassen.
      Es wird bemängelt, dass die Bestimmungen des Denkmalschutzes umgangen würden und der Wiederaufbau unsachgemäß mit Beton durchgeführt würde. Ein Problem scheint indes der Mangel an traditionellen Baumaterialien zu sein. Es gibt wohl Gespräche zwischen Stadtverwaltung und Denkmalschutz. Unter den aktuellen Bedingungen mit einer Kontrolle durch das Assadregime ist es kaum denkbar, dass all die im Ausland geschmiedeten Pläne (vergl. Archaeologik 19.5.2017) groß in den Wiederaufbau eingebracht werden können.

      Palmyra

      Weitere 3D-Rekonstruktionen

      Buchpublikation:

      • M. Silver/G. Fangi/A. Denker, Reviving Palmyra in multiple dimensions. Images, ruins and cultural memory (2017). – ISBN 978-184995-296-5 
      Eine syrische Delegation hat in Moskau eine Vereinbarung über Restaurierungsarbeiten unter russischer Beteiligung unterschrieben:

      Irak

      UNESCO-Statement zum Wiederaufbau im Irak:

      Mosul
      Neben den Meldungen über Trümmer und Tote – während noch die Leichen in den Straßen liegen – gibt es auch solche zu ersten Restaurierungen.

      Resonanz

      Diskussion in Wien:

      Auswirkungen des deutschen Kulturgutschutzgesetzes:

      Kunst in London

      Schulung für syrische Museumsmitarbeiter in Beirut durch HTW Berlin

        Literatur

        Links

        frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

        Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

          Nahes und fernes Kulturerbe – Gedanken zu „Zweierlei Moral”

          Beitrag von Raimund Karl

          Abriss des Immenrather Doms 2018
          zur Erweiterung des Braunkohletagebaus
          (Foto: Raimond Spekking [CC BY-SA 4.0]
          via Wikimedia Commons)

          Der provokative Beitrag Zweierlei Moral? (Archaeologik [19.1.2018]) hat in der fb-Gruppe Archäologie in Deutschland zu einigen Reaktionen geführt. Einige Kommentatoren haben die Vergleichbarkeit der beiden Fälle bezweifelt oder das geringe Alter des „Immenrather Doms“ hingewiesen (was für dessen Bedeutung für die Dorfgemeinschaft und die Regionalgeschichte aber nicht wesentlich ist, zumal er nur exemplarisch für den ganzen Braunkohletagebau steht), doch wurde auch darauf verwiesen, dass es in Deutschland möglicherweise eine höhere Wertschätzung fremden Kulturgutes gäbe. Die recht ausführlichen Gedanken von Raimund Karl dazu möchte ich auch hier im Blog einstellen, da ich sie für eine überfällige Debatte als hilfreich empfinde [RS]:

          In diesem Fall sehe ich wenig Grund, die von Rainer Schreg in diesem Fall postulierte „Ungleichwertung“ von kulturellem Erbe bzw. die „Doppelmoral“ in der Bewertung der Zerstörung von Kulturgütern mit einer Überkompensation des Missbrauchs des „eigenen“ kulturellen Erbes Deutschlands während des 3. Reichs und einem dadurch verursachten „gestörten“ Verhältnis der „Deutschen“ mit diesem zu erklären. Eine solche Überkompensation hat es zweifellos gegeben und gibt es zweifellos auch immer noch, und der „Nationalstolz“ der „Deutschen“ auf das deutsche Kulturerbe ist in diesem Sinn tatsächlich gestört. Gerade im Fall des Vergleichs der Empörung über die Zerstörung Palmyras durch Daesh (oder wei auch immer man sie gerade nennen soll) und der weit geringeren Empörung über die Zerstörung des „Immenrather Doms“ (und anderem Kulturerbe im Braunkohletagbau, die sich, wenn man von dem gerade konkret herangezogenen Fall einmal absieht, tatsächlich in Anbetracht von 95% Zerstörungsquote bekannter archäologischer Fundstellen im Braunkohletagbau – um von den unbekannten gar nicht erst zu reden – durch vollständiges Fehlen öffentlich geäußerter Empörung auszeichnet) würde ich ganz andere Gründe für die „Ungleichwertung“ verantwortlich machen.

          Um zu zeigen, dass diese „Doppelmoral“ nicht durch „deutsche Überkompensation“ erklärbar ist, ein kurzer Blick nach Großbritannien, wo ich ja lebe, erhellend: hier hat die Zerstörung von Palmyra auch viel mehr Empörung „ausgelöst“ als z.B. die Pläne für die teilweise Verlagerung (für deren geplante Verbreiterung) der an Stonehenge vorbeiführenden Bundesstrasse in einen Tunnel und die – wenn es zur Umsetzung dieser Pläne kommt – damit verbundene radikale Umgestaltung der historisch gewachsenen Kulturlandschaft um Stonehenge (zu der natürlich auch die an diesem Denkmal vorbeiführende Strasse gehört, die somit auch Kulturerbe ist); geschweige denn die stetig vorkommende (ob nun ganz oder nur teilweise archäologisch dokumentierte) Vernichtung weit weniger prominenter archäologischer Fundstellen und anderer Kulturdenkmale im Kontext der normalen modernen Landschaftsnutzung. Und die Briten sind gerade auf Stonehenge besonders stolz und leiden auch auf ihr sonstiges kulturelles Erbe sicherlich nicht an einer „deutschen Überkompensation“. Es scheint mir also höchst unwahrscheinlich, dass die „Doppelmoral“, die Rainer Schreg hier kritisiert, irgendwas mit einem „gestörten“ Verhältnis zum „eigenen“ Kulturerbe oder einer ebenso „gestörten“ nationalen Identität zu tun hat.
          Ich sehe gerade im Fall dieser „Doppelmoral“ ganz andere und weit wichtiger Gründe, die die unterschiedliche Bewertung der (bzw. Empörung über die) Zerstörung Palmyras und des „Immenrather Doms“ weit besser erklären.

          Diese sind

          1. der Propagandakrieg zwischen Daesh und der restlichen („zivilisierten“ und auch nicht so „zivilisierten“) und insbesondere der „westlichen“ Welt. Dieser war keineswegs eine rein einseitige Sache, bei der der „bösen“ Propaganda des Daesh (und die Zerstörung von Palmyra war in erster Linie eine Propagandaaktion des Daesh) von der Gegenseite (zu der auch und insbesondere „wir“ in der „westlichen“ Welt gehören) nichts als die nackte Wahrheit entgegengestellt wurde. Vielmehr wurde die Zerstörung der „Weltkulturerbestätte“ Palmyra durch Daesh von „unserer Seite“ genauso zu (nur aus unserer Sicht „guten“) Propagandazwecken genutzt wie von Daesh.
            Der Punkt des Konzepts des „Weltkulturerbes“ ist, dass sich (idealerweise) Menschen in aller (aber insbesondere in der westlichen) Welt mit dem derart designierten Kulturerbe identifizieren, sowohl aus Gründen des (dadurch im Vergleich mit dem Schutz beliebiger anderer Kulturgüter im betreffenden Land normalerweise stark verbesserten) Kulturgüterschutzes für die so designierten Stätten, als auch aus beinharten ökonomischen Interessen im Bereich des Kulturtourismus, Die erwünschte Selbstidentifikation „aller“ (aber insbesondere „westlicher“) Menschen mit dem Weltkulturerbe führt nämlich letztendlich dazu, dass sich mehr (vor allem reiche „westliche“) Menschen die derart designierten Stätten anschauen wollen. Das macht es für (fast) jeden Staat und dessen Regierung attraktiv, diese Stätten besonders gut (und oft weit besser als anderes „nationales“ Kulturerbe) zu schützen, weil das Kohle auch in ihre Taschen spült, die sie sonst nicht hätten.
            Dadurch, dass sich „alle“ (und insbesondere „westliche“) Menschen selbst mit dem Weltkulturerbe identifizieren, macht es aber gerade in gewaltsamen Auseinandersetzungen (insbesondere solchen, in denen die eine Seite sich nicht zuletzt durch eine Abgrenzung gegenüber der „westlichen“ Welt definiert) zu einem extrem geeigneten Propagandamittel. Die, die sich gegen „den Westen“ (und auch „alle“ anderen) abgrenzen, können dadurch, dass sie Weltkulturerbe zerstören, zeigen dass sie „dem Feind“ damit „Schaden“ zufügen und somit bei ihren eigenen Anhängern punkten. Aber „der Westen“ (und „alle“ anderen auf der Gegenseite) können die Selbstidentifikation von Leuten auf der „westlichen“ (bzw. anderen) Seite mit diesem Kulturerbe ebenso nutzen, weil ein Angriff auf etwas, mit dem sich auch nur ein Teil der eigenen Bevölkerung identifiziert kann als Angriff auf die eigene Gemeinschaft (bzw. „die Menschheit“) in ihrer Gesamtheit dargestellt werden (und wurde es in diesem Fall auch; ebenso wie im Fall der Bamiyan Buddhas, wo sich genau dasselbe beobachten hat lassen).
            Die Medien spielen hier auch dankbar mit: „Skandale“, über die sich die Leute „empören“ können, verkaufen das Produkt der Medien besser als alles andere. Also wird in solchen Fällen – die bei uns im „Westen“ (und auch praktisch überall sonst auf der Welt) letztendlich gesellschaftlich weitestgehend folgenlos sind und bleiben (außer vielleicht, dass ein paar ArchäologInnen ein paar Millionen Euro für neue Forschungs- und vielleicht ein paar Wiederaufbauprojekte für das betroffene Kulturerbe bekommen, die dafür woanders im Kulturgüterschutz weggespart werden) – die propagandistisch gewollte „Empörung“ gehypt.
          2. In Deutschland wie auch in Großbritannien ist – selbst extreme – „Empörung“ über die Zerstörung „unseres gemeinsamen Welterbes“ vollkommen unproblematisch, wenn nicht sogar nützlich. „Wir Deutsche“ oder auch „wir Briten“ oder sogar „wir zivilisierten Menschen“ können uns alle vollkommen einig drüber sein, dass das „ein Skandal ist!!!!!!!!„, weil es hier praktisch niemanden gibt, der ein ernsthaftes Interesse daran haben kann, irgendwo in Syrien oder auch Afghanistan, wo 99% der Bevölkerung nicht nur nie waren, sondern auch nie hinkommen werden, irgendwelche alten Sachen in die Luft zu blasen. Die „Empörung“ über diese Zerstörung tut also niemandem weh und schweißt „uns“ zusammen. Mit der Zerstörung von „unserem eigenen“ Kulturerbe wie dem „Immenrather Dom“ (oder auch der historisch gewachsenen Kulturlandschaft um Stonehenge; oder auch der sonstigen Archäologie im deutschen Braunkohletagbau oder irgendwo in Großbritannien, die Baumaßnahmen zum Opfer fallen soll) ist das hingegen ganz anders. Weil die Erhaltung unseres „eigenen“ Kulturerbes bedeutet wenigstens für manche von „uns“ einen Verzicht auf irgendetwas. Im Fall des „Immenrather Doms“ (und des archäologischen Kulturerbes in den Braunkohlegebieten) hatte wenigstens das Unternehmen, das dort Braunkohle abbauen will (und wahrscheinlich auch dessen Angestellte, die ihren Job behalten und bezahlt werden wollen) ein gewisses Interesse daran, dass es dieses Kulturerbe zerstören darf. Und überhaupt ist der Denkmalschutz vielen Menschen ein gewisser Dorn im Auge, vor allem wenn er sie selbst und ihr Eigentum betrifft und eventuell ihre Pläne, wie sie dieses Eigentum nutzen (oder auch nur verändern) wollen behindert. Oder anders gesagt: es gibt in unserer jeweiligen („deutschen“, „britischen“, „westlichen“ etc.) Gesellschaft selbst eine nicht irrelevante Bevölkerungsgruppe, die zwar vielleicht nicht gegen, aber jedenfalls auch nicht für die Erhaltung des „eigenen“ Kulturerbes ist; und sogar in Fällen, in denen dieses sie selbst und die Verwirklichung ihrer eigenen Interessen behindern könnte, ganz konkret gegen die Erhaltung des (bzw. wenigstens dieses bestimmten) Kulturerbes ist.
            Das „eigene“ Kulturerbe spaltet also die „eigene“ Gesellschaft in zwei Lager; und diese beiden Lager können vielleicht gegeneinander Propagandafeldzüge führen, aber nicht einen gemeinsamen Propagandafeldzug gegen einen gemeinsamen „äußeren“ Feind. Daher ist auch die gesamtgesellschaftliche „Empörung“ und vor allem der diese zusätzlich anfeuernde Medienhype weitaus geringer.

          Die Folge dieser beiden Gründe ist, dass in einem Fall sich die „Empörung“ soweit aufschaukelt, wie es geht, während im anderen Fall die Empörung eher unterdrückt wird bzw. durch Unterstützung der Zerstörung ausgeglichen wird. Folge ist eine scheinbare „Doppelmoral“, die aber eigentlich gar keine ist, bzw. nur sehr bedingt eine ist.

          Der „innerdeutsche“ („innerbritische“ etc.) Interessenskonflikt wird noch dazu durch gesamtgesellschaftlich akzeptierte, bei uns noch dazu demokratisch legitimierte Interessensausgleichsmechanismen aufgefangen: es ist eben die Aufgabe der staatlichen Denkmalpflege, zwischen dem berechtigten Allgemeininteresse am Kulturgüterschutz und dem ebenso berechtigten Allgemein- und Individualinteresse an der wirtschaftlichen Nutzung der Landschaft und in dieser vorhandener Überreste der Vergangenheit abzuwägen. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert das letztendlich auch und regt sich daher nicht besonders darüber auf (wenn ihr nicht am konkret betroffenen Kulturdenkmal besonders viel liegt), wenn etwas weggebaggert wird, bei dem das Denkmalamt der Ansicht war, dass es „schon nicht so wichtig ist“. Folge: weniger Empörung.

          Es bedarf also keiner tiefenpsychologischen Kollektivschuldpsychose, um diese scheinbare „Doppelmoral“ zu erklären. Vielmehr erklärt sie sich dadurch, dass es daheim mehr weh tut, wenn man sich streitet, als wenn man sich gemeinsam daheim darüber empört, dass irgendwer irgendwo irgendwas macht, das man nicht will…

          Zweierlei Moral?

          Warum ist die eine Kulturgutzerstörung akzeptiert, die andere aber nicht?Abriss des Immenrather Doms zur Erweiterung des Braunkohletagebaus(Foto: Raimond Spekking [CC BY-SA 4.0] via Wikimedia Commons)Zerstörung des Baalshamin-Tempels in Palmyra(Propaga…