Planet History

Archaeologik

Kulturgut in Syrien und Irak (Februar und März 2018)

Die Situation in Syrien ist mit den nunmehr komplexeren Koalitionen nochmals unübersichtlicher geworden – das gilt auch in Bezug auf Kulturgüter, die auch unter den neuen Voraussetzungen Spielball der Politik sind. Schuldzuweisungen sind in jeder Richtung mit großer Vorsicht zu geniesen.

Mari, Tell mit Schutzdach 1993
(Foto: M. Scholz)

Daesh-Zerstörungen in Mari

Tell Hariri an der Grenze zum Irak war lange Zeit im Machtgebiet des Daesh, jetzt liegen erste Beobachtungen nach deren Vertreibung vor. Die syrische Alterumsbehörde postete Bilder der Zerstörungen. Offenbar wurde die Fundstelle systematisch umgegraben, die Mauern des Palastes von Mari (s. Wikipedia), im 3. und 2. Jahrtausend v.Chr. Mittelpunkt eines wichtigen mesopotamischen Reiches wurden systematisch untergraben. Das Schutzdach, mit dem das langjährigen archäologische Grabungsareal geschützt worden war, ist eingestürzt.

Mari, Tell mit Schutzdach 1993
(Foto: M. Scholz)

Die Fundstelle ist wegen ihres Keilschriftenarchivs sowie einiger exzeptionelle Funde, von denen sich einige heute im Louvre befinden, bekannt. Es ist anzunehmen, dass sich die Plünderer  hier Funde versprochen haben, die bei Sammlern im Ausland begehrt sind. Es ist weiters anzunehmen, dass die Raubgräber ihre Ware inzwischen an Zwischenhändler verkauft haben und dabei an Daesh „Steuern“ bezahlt haben. Es dürfte Jahre dauern, bis die Funde irgendwo auf dem Markt auftauchen.
Zu vermerken ist, dass Daesh mit dieser Fundstelle, die auf der Tentativliste der UNESCO steht, keine Propaganda betrieben hat.

Die türkische Offensive in Nordsyrien

Das militärische Eingreifen der Türkei im Norden Syriens hat dem ehemaligen Bürgerkrieg in Syrien eine neue Dimension gegeben. Neben den zivilen Menschenopfern und den Angriffen auch auf zivile Einrichtungen in Afrin stehen auch die Angriffe auf archäologische Fundstellen in einem bemerkenswerten Gegensatz zu den Beteuerungen der Türkei, nur Terroristen zu verfolgen.

Nordbasilika in Brad
(Foto: Hani Simo [CC BY 2.0]
via WikimediaCommons [Version v. 27.3.2011])

Am 22.3. melden Quellen aus dem Umfeld des Assad-Regimes wie auch die syrische Altertumsbehörde Bombenangriffe auf die byzantinische Siedlung Brad, 15 km südlich von Afrin. Sie ist die nördlichste der Totenstädte, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

Die syrische Altertumsbehörde unterstellt der Türkei einen systematischen Plan syrisches Kulturerbe zu zerstören. Die Meldung nennt weitere Zerstörungen in Qurosh und Tal Jendyres.

Weitere Meldungen zu den türkischen Zerstörungen in Ain Dara

Schadensmeldungen

Nach den unmittelbaren Kriegsschäden gibt es nun zunehmend Meldungen über Folgeschäden durch Vernachlässigung und mangelnde materielle wie administrative Infrastruktur. Offenbar wird die Gelegenheit gerne genutzt, Altbauten zugunsten von Neuinvestitionen los zu werden.

Mosul

Abbrucharbeiten nach Daesh in Mosul:

Impressionen aus Mossul:

Zustand des Aleppo Museums

Ein facebook-Post auf Aleppo Archaeology zeigt Bilder angeblich des Museums von Aleppo (auf der angegebenen Quelle konnte ich sie nicht ausfindig machen). Erkennbar ist ein Hinterhof mit Müll und Autowracks, vor allem aber – geschätzt von den Autowracks – etwa 20 cm hoch stehendes, schon total veralgtes Wasser, das nach dem facebook-Post vermuten lässt, dass Funde im Museum ebenfalls im Wasser liegen.

Raubgrabungen & Antikenhehlerei

Im Kontext mit der Frage nach dem Schicksal der geplünderten Funde (der Kunsthandel hat jüngst darauf verwiesen, dass in Europa bisher keine Funde des IS aufgetaucht seien. – T.E. Schmidt, Kulturgutschutzgesetz ohne Grundlage. Weltkunst 23.2.2018), ist eine Meldung von Interesse, bei der es allerdings um Funde aus dem IS-Gebiet in Libyen geht: In Spanien wurden Funde sicher gestellt, die vom IS in Libyen geplündert worden sein sollen. Das wäre ein erster Nachweis, dass „Blutantiken“ tatsächlich den westlichen Markt erreichen – allerdings werden die angeblichen Beweise (noch?) nicht offen gelegt. Nach einem französischen Zeitungsartikel geht es um einen renommierten Händler aus Brüssel, der auch auf der angeblich mit höchsten Sorgfalt arbeitenden Brussels Art Fair ausgestellt hat. In Spanien soll Anklage wegen Terrorfinanzierung erhoben werden. Die Funde gingen von Libyen über Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate/Jordanien und Deutschland (! – mit was für Papieren?) nach Spanien und Belgien

Verdachtsfälle gab es aber schon zuvor:

Tagung der UNESCO in Paris mit dem (wahrscheinlich vergeblichen) Versuch, den Kunsthandel in die Maßnahmen gegen Antikenhehlerei und Raubgrabungen einzubinden

 Artikel

  • Neil Brodie & Isber Sabrine (2017) The Illegal Excavation and Trade of Syrian Cultural Objects: A View from the Ground. Journal of Field Archaeology, 43:1, 74-84, DOI: 10.1080/00934690.2017.1410919

Restaurierung & Wiederaufbau

Aleppo

Restaurierung der Omayaden-Moschee in Aleppo:

Der Damage Newsletter von Heritage for Peace vom 12.3.2018 weist auf einen arabischen Artikel zu den Baulizenzen in der Altstadt von Aleppo hin, die nach der Eroberung durch das Assad-Regime vergeben werden und weitere Substanzverluste befürchten lassen.
Es wird bemängelt, dass die Bestimmungen des Denkmalschutzes umgangen würden und der Wiederaufbau unsachgemäß mit Beton durchgeführt würde. Ein Problem scheint indes der Mangel an traditionellen Baumaterialien zu sein. Es gibt wohl Gespräche zwischen Stadtverwaltung und Denkmalschutz. Unter den aktuellen Bedingungen mit einer Kontrolle durch das Assadregime ist es kaum denkbar, dass all die im Ausland geschmiedeten Pläne (vergl. Archaeologik 19.5.2017) groß in den Wiederaufbau eingebracht werden können.

Palmyra

Weitere 3D-Rekonstruktionen

Buchpublikation:

  • M. Silver/G. Fangi/A. Denker, Reviving Palmyra in multiple dimensions. Images, ruins and cultural memory (2017). – ISBN 978-184995-296-5 
Eine syrische Delegation hat in Moskau eine Vereinbarung über Restaurierungsarbeiten unter russischer Beteiligung unterschrieben:

Irak

UNESCO-Statement zum Wiederaufbau im Irak:

Mosul
Neben den Meldungen über Trümmer und Tote – während noch die Leichen in den Straßen liegen – gibt es auch solche zu ersten Restaurierungen.

Resonanz

Diskussion in Wien:

Auswirkungen des deutschen Kulturgutschutzgesetzes:

Kunst in London

Schulung für syrische Museumsmitarbeiter in Beirut durch HTW Berlin

    Literatur

    Links

    frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

    Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

      Nahes und fernes Kulturerbe – Gedanken zu „Zweierlei Moral”

      Beitrag von Raimund Karl

      Abriss des Immenrather Doms 2018
      zur Erweiterung des Braunkohletagebaus
      (Foto: Raimond Spekking [CC BY-SA 4.0]
      via Wikimedia Commons)

      Der provokative Beitrag Zweierlei Moral? (Archaeologik [19.1.2018]) hat in der fb-Gruppe Archäologie in Deutschland zu einigen Reaktionen geführt. Einige Kommentatoren haben die Vergleichbarkeit der beiden Fälle bezweifelt oder das geringe Alter des „Immenrather Doms“ hingewiesen (was für dessen Bedeutung für die Dorfgemeinschaft und die Regionalgeschichte aber nicht wesentlich ist, zumal er nur exemplarisch für den ganzen Braunkohletagebau steht), doch wurde auch darauf verwiesen, dass es in Deutschland möglicherweise eine höhere Wertschätzung fremden Kulturgutes gäbe. Die recht ausführlichen Gedanken von Raimund Karl dazu möchte ich auch hier im Blog einstellen, da ich sie für eine überfällige Debatte als hilfreich empfinde [RS]:

      In diesem Fall sehe ich wenig Grund, die von Rainer Schreg in diesem Fall postulierte „Ungleichwertung“ von kulturellem Erbe bzw. die „Doppelmoral“ in der Bewertung der Zerstörung von Kulturgütern mit einer Überkompensation des Missbrauchs des „eigenen“ kulturellen Erbes Deutschlands während des 3. Reichs und einem dadurch verursachten „gestörten“ Verhältnis der „Deutschen“ mit diesem zu erklären. Eine solche Überkompensation hat es zweifellos gegeben und gibt es zweifellos auch immer noch, und der „Nationalstolz“ der „Deutschen“ auf das deutsche Kulturerbe ist in diesem Sinn tatsächlich gestört. Gerade im Fall des Vergleichs der Empörung über die Zerstörung Palmyras durch Daesh (oder wei auch immer man sie gerade nennen soll) und der weit geringeren Empörung über die Zerstörung des „Immenrather Doms“ (und anderem Kulturerbe im Braunkohletagbau, die sich, wenn man von dem gerade konkret herangezogenen Fall einmal absieht, tatsächlich in Anbetracht von 95% Zerstörungsquote bekannter archäologischer Fundstellen im Braunkohletagbau – um von den unbekannten gar nicht erst zu reden – durch vollständiges Fehlen öffentlich geäußerter Empörung auszeichnet) würde ich ganz andere Gründe für die „Ungleichwertung“ verantwortlich machen.

      Um zu zeigen, dass diese „Doppelmoral“ nicht durch „deutsche Überkompensation“ erklärbar ist, ein kurzer Blick nach Großbritannien, wo ich ja lebe, erhellend: hier hat die Zerstörung von Palmyra auch viel mehr Empörung „ausgelöst“ als z.B. die Pläne für die teilweise Verlagerung (für deren geplante Verbreiterung) der an Stonehenge vorbeiführenden Bundesstrasse in einen Tunnel und die – wenn es zur Umsetzung dieser Pläne kommt – damit verbundene radikale Umgestaltung der historisch gewachsenen Kulturlandschaft um Stonehenge (zu der natürlich auch die an diesem Denkmal vorbeiführende Strasse gehört, die somit auch Kulturerbe ist); geschweige denn die stetig vorkommende (ob nun ganz oder nur teilweise archäologisch dokumentierte) Vernichtung weit weniger prominenter archäologischer Fundstellen und anderer Kulturdenkmale im Kontext der normalen modernen Landschaftsnutzung. Und die Briten sind gerade auf Stonehenge besonders stolz und leiden auch auf ihr sonstiges kulturelles Erbe sicherlich nicht an einer „deutschen Überkompensation“. Es scheint mir also höchst unwahrscheinlich, dass die „Doppelmoral“, die Rainer Schreg hier kritisiert, irgendwas mit einem „gestörten“ Verhältnis zum „eigenen“ Kulturerbe oder einer ebenso „gestörten“ nationalen Identität zu tun hat.
      Ich sehe gerade im Fall dieser „Doppelmoral“ ganz andere und weit wichtiger Gründe, die die unterschiedliche Bewertung der (bzw. Empörung über die) Zerstörung Palmyras und des „Immenrather Doms“ weit besser erklären.

      Diese sind

      1. der Propagandakrieg zwischen Daesh und der restlichen („zivilisierten“ und auch nicht so „zivilisierten“) und insbesondere der „westlichen“ Welt. Dieser war keineswegs eine rein einseitige Sache, bei der der „bösen“ Propaganda des Daesh (und die Zerstörung von Palmyra war in erster Linie eine Propagandaaktion des Daesh) von der Gegenseite (zu der auch und insbesondere „wir“ in der „westlichen“ Welt gehören) nichts als die nackte Wahrheit entgegengestellt wurde. Vielmehr wurde die Zerstörung der „Weltkulturerbestätte“ Palmyra durch Daesh von „unserer Seite“ genauso zu (nur aus unserer Sicht „guten“) Propagandazwecken genutzt wie von Daesh.
        Der Punkt des Konzepts des „Weltkulturerbes“ ist, dass sich (idealerweise) Menschen in aller (aber insbesondere in der westlichen) Welt mit dem derart designierten Kulturerbe identifizieren, sowohl aus Gründen des (dadurch im Vergleich mit dem Schutz beliebiger anderer Kulturgüter im betreffenden Land normalerweise stark verbesserten) Kulturgüterschutzes für die so designierten Stätten, als auch aus beinharten ökonomischen Interessen im Bereich des Kulturtourismus, Die erwünschte Selbstidentifikation „aller“ (aber insbesondere „westlicher“) Menschen mit dem Weltkulturerbe führt nämlich letztendlich dazu, dass sich mehr (vor allem reiche „westliche“) Menschen die derart designierten Stätten anschauen wollen. Das macht es für (fast) jeden Staat und dessen Regierung attraktiv, diese Stätten besonders gut (und oft weit besser als anderes „nationales“ Kulturerbe) zu schützen, weil das Kohle auch in ihre Taschen spült, die sie sonst nicht hätten.
        Dadurch, dass sich „alle“ (und insbesondere „westliche“) Menschen selbst mit dem Weltkulturerbe identifizieren, macht es aber gerade in gewaltsamen Auseinandersetzungen (insbesondere solchen, in denen die eine Seite sich nicht zuletzt durch eine Abgrenzung gegenüber der „westlichen“ Welt definiert) zu einem extrem geeigneten Propagandamittel. Die, die sich gegen „den Westen“ (und auch „alle“ anderen) abgrenzen, können dadurch, dass sie Weltkulturerbe zerstören, zeigen dass sie „dem Feind“ damit „Schaden“ zufügen und somit bei ihren eigenen Anhängern punkten. Aber „der Westen“ (und „alle“ anderen auf der Gegenseite) können die Selbstidentifikation von Leuten auf der „westlichen“ (bzw. anderen) Seite mit diesem Kulturerbe ebenso nutzen, weil ein Angriff auf etwas, mit dem sich auch nur ein Teil der eigenen Bevölkerung identifiziert kann als Angriff auf die eigene Gemeinschaft (bzw. „die Menschheit“) in ihrer Gesamtheit dargestellt werden (und wurde es in diesem Fall auch; ebenso wie im Fall der Bamiyan Buddhas, wo sich genau dasselbe beobachten hat lassen).
        Die Medien spielen hier auch dankbar mit: „Skandale“, über die sich die Leute „empören“ können, verkaufen das Produkt der Medien besser als alles andere. Also wird in solchen Fällen – die bei uns im „Westen“ (und auch praktisch überall sonst auf der Welt) letztendlich gesellschaftlich weitestgehend folgenlos sind und bleiben (außer vielleicht, dass ein paar ArchäologInnen ein paar Millionen Euro für neue Forschungs- und vielleicht ein paar Wiederaufbauprojekte für das betroffene Kulturerbe bekommen, die dafür woanders im Kulturgüterschutz weggespart werden) – die propagandistisch gewollte „Empörung“ gehypt.
      2. In Deutschland wie auch in Großbritannien ist – selbst extreme – „Empörung“ über die Zerstörung „unseres gemeinsamen Welterbes“ vollkommen unproblematisch, wenn nicht sogar nützlich. „Wir Deutsche“ oder auch „wir Briten“ oder sogar „wir zivilisierten Menschen“ können uns alle vollkommen einig drüber sein, dass das „ein Skandal ist!!!!!!!!„, weil es hier praktisch niemanden gibt, der ein ernsthaftes Interesse daran haben kann, irgendwo in Syrien oder auch Afghanistan, wo 99% der Bevölkerung nicht nur nie waren, sondern auch nie hinkommen werden, irgendwelche alten Sachen in die Luft zu blasen. Die „Empörung“ über diese Zerstörung tut also niemandem weh und schweißt „uns“ zusammen. Mit der Zerstörung von „unserem eigenen“ Kulturerbe wie dem „Immenrather Dom“ (oder auch der historisch gewachsenen Kulturlandschaft um Stonehenge; oder auch der sonstigen Archäologie im deutschen Braunkohletagbau oder irgendwo in Großbritannien, die Baumaßnahmen zum Opfer fallen soll) ist das hingegen ganz anders. Weil die Erhaltung unseres „eigenen“ Kulturerbes bedeutet wenigstens für manche von „uns“ einen Verzicht auf irgendetwas. Im Fall des „Immenrather Doms“ (und des archäologischen Kulturerbes in den Braunkohlegebieten) hatte wenigstens das Unternehmen, das dort Braunkohle abbauen will (und wahrscheinlich auch dessen Angestellte, die ihren Job behalten und bezahlt werden wollen) ein gewisses Interesse daran, dass es dieses Kulturerbe zerstören darf. Und überhaupt ist der Denkmalschutz vielen Menschen ein gewisser Dorn im Auge, vor allem wenn er sie selbst und ihr Eigentum betrifft und eventuell ihre Pläne, wie sie dieses Eigentum nutzen (oder auch nur verändern) wollen behindert. Oder anders gesagt: es gibt in unserer jeweiligen („deutschen“, „britischen“, „westlichen“ etc.) Gesellschaft selbst eine nicht irrelevante Bevölkerungsgruppe, die zwar vielleicht nicht gegen, aber jedenfalls auch nicht für die Erhaltung des „eigenen“ Kulturerbes ist; und sogar in Fällen, in denen dieses sie selbst und die Verwirklichung ihrer eigenen Interessen behindern könnte, ganz konkret gegen die Erhaltung des (bzw. wenigstens dieses bestimmten) Kulturerbes ist.
        Das „eigene“ Kulturerbe spaltet also die „eigene“ Gesellschaft in zwei Lager; und diese beiden Lager können vielleicht gegeneinander Propagandafeldzüge führen, aber nicht einen gemeinsamen Propagandafeldzug gegen einen gemeinsamen „äußeren“ Feind. Daher ist auch die gesamtgesellschaftliche „Empörung“ und vor allem der diese zusätzlich anfeuernde Medienhype weitaus geringer.

      Die Folge dieser beiden Gründe ist, dass in einem Fall sich die „Empörung“ soweit aufschaukelt, wie es geht, während im anderen Fall die Empörung eher unterdrückt wird bzw. durch Unterstützung der Zerstörung ausgeglichen wird. Folge ist eine scheinbare „Doppelmoral“, die aber eigentlich gar keine ist, bzw. nur sehr bedingt eine ist.

      Der „innerdeutsche“ („innerbritische“ etc.) Interessenskonflikt wird noch dazu durch gesamtgesellschaftlich akzeptierte, bei uns noch dazu demokratisch legitimierte Interessensausgleichsmechanismen aufgefangen: es ist eben die Aufgabe der staatlichen Denkmalpflege, zwischen dem berechtigten Allgemeininteresse am Kulturgüterschutz und dem ebenso berechtigten Allgemein- und Individualinteresse an der wirtschaftlichen Nutzung der Landschaft und in dieser vorhandener Überreste der Vergangenheit abzuwägen. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert das letztendlich auch und regt sich daher nicht besonders darüber auf (wenn ihr nicht am konkret betroffenen Kulturdenkmal besonders viel liegt), wenn etwas weggebaggert wird, bei dem das Denkmalamt der Ansicht war, dass es „schon nicht so wichtig ist“. Folge: weniger Empörung.

      Es bedarf also keiner tiefenpsychologischen Kollektivschuldpsychose, um diese scheinbare „Doppelmoral“ zu erklären. Vielmehr erklärt sie sich dadurch, dass es daheim mehr weh tut, wenn man sich streitet, als wenn man sich gemeinsam daheim darüber empört, dass irgendwer irgendwo irgendwas macht, das man nicht will…

      Zweierlei Moral?

      Warum ist die eine Kulturgutzerstörung akzeptiert, die andere aber nicht?Abriss des Immenrather Doms zur Erweiterung des Braunkohletagebaus(Foto: Raimond Spekking [CC BY-SA 4.0] via Wikimedia Commons)Zerstörung des Baalshamin-Tempels in Palmyra(Propaga…

      Archaeologik 2017 – Rückblick und Ausblick

      Nach dem äußerst erfolgreichen Jahr 2016 (mit der Wahl zum Wissenschaftsblog 2015, extrem hohen Zugrffszahlen und wissenschaftlichen Publikationen über das Bloggen (vergl. Archaeologik 2016) scheint es so, als müsste 2017 als Jahr des Schrumpfens gelten. Zeit für den inzwischen üblichen Jahresrückblick, der diesmal aber auch Basis bilden wird, um über die Zukunft von Archaeologik in einem neuen Umfeld nachzudenken.

      Themen 2017

      Thematisch wurde Archaeologik von Themen aus dem Kulturgüterschutz bestimmt. Die häufigsten Labels im Blog sind nach wie vor Kulturgut, Antikenhehlerei und Raubgrabung. Insbesondere im November dominierten sie das Post-Geschehen:
      Vor allem im Septemberg und Oktober hingegen wurden einige Probleme der heimischen Denkmalpflege thematisiert:

      Im August gab es Posts zu einem bemerkenswerten Gerichtsurteil sowie einem skurrilen Fall, der die Unzulänglichkeit des neuen Kulturgutschutzgesetzes illustriert:

      International wurden die seit Mai 2012 laufenden monatlichen Medienberichte zu Syrien und Irak  bis September fortgesetzt, danach wurden Oktober und November in einem Post zusammengefasst. Da ein adäquates Angebot der laufenden Thematisierung und Zusammenstellung der Ereignisse in der Bürgerkiregsregion von berufenerer Seite immer noch fehlt, werden die Blogposts auch 2018 fortgesetzt, wenn auch in größeren zeitlichen Abständen. Daesh gilt zwar als besiegt, aber die Problematik des Kulturgutschutzes in Syrien und Irak hat damit wenig an Brisanz verloren.
      Raubgrabungsfunde werden erst in den kommenden Jahren verstärkt auf den Markt geworfen. Einzelne Posts thematisierten diesen Markt:

      Andere Krisengebiete wurden 2017 nur ausnahmsweise aufgegriffen:

      Blogposts zu anderen Aspekten einer kritischen Archäologie betrafen 2017 zunehmend die USA unter der Trump-Regierung:

      In diesem Kontext einer Bedrohung des wissenschaftlichen Denkens steht auch der March for Science, der weltweit im April stattgefunden hat und hier auf Archaeologik mehrfach aufgegriffen wurde:

      Viele dieser Postes wurden unter dem Label Wissenschaft in der Krise zusammengefasst.

      Rezensionen gab es 2017 sechs:

      Auch 2017 gab es wieder einige wenige Blogposts zu laufenden eigenen Projekten.

      Aus der Aufarbeitung der Sammlung Kley sind wiederum  einige kleinere Blogposts online gegangen:

      Die Beiträge

      Die zehn meist gelesenen Beiträge 2017. Die Zahlen der Seitenaufrufe beruhen auf GoogleAnalytics und beziehen sich ausschließlich auf das Jahr 2017, also auch bei den älteren Blogposts (Zahlen Stand 30.12.2017). In Klammern ist die Zählung laut Blogger angegeben, die sich ggf. aber auf die Gesamtlaufzeit des Blogposts beziehen.
      1. J. Zerres: „Frisch ausgegraben“ – Raubgrabungsgut in Hamburg sichergestellt
        21.9.2017 – 1150 Seitenaufrufe (3081 Seitenaufrufe in der Blogger-Zählung)
      2. I. Saev: Zur Diskussion über das „wilde Sondeln“ – Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Perspektiven des „Schleswiger Modells“
        7.8.2015  – 962 (4115) Seitenaufrufe 
      3. Mittelalterliche Keramik aus Geislingen
        14.12.2011, 921 (7244) Seitenaufrufe
      4. Archäologie ist überflüssig? Wissenschaft in den USA – politische Bevormundung, Schikane, Finanzstreichung und Abwicklung
        27.2.2017, 814 (3449) Seitenaufrufe
      5. Trump-Administration streicht den Schutz archäologischer Denkmäler
        12.10.2017, 786 (3468) Seitenaufrufe
      6. Zeichnerische Dokumentation von Keramikfunden
        26.2.2017, 757 (1850) Seitenaufrufe
      7. Die Archäologie hat die Marktkrankheit. Wir tun so, als würden wir Geschäfte machen und werfen die Geschichte weg.
        11.9.017, 755 (1935) Seitenaufrufe
      8. Die Maske fällt: Der kommerzielle Hintergrund von academia.edu
        12.2.2017, 472 (1284) Seitenaufrufe
      9. GESUCHT: Mittelalterliche Textamulette
        12.5.2017, 389 (1517) Seitenaufrufe, dazu die englische Fassung mit 213 (1485) Seitenaufrufen
      10. Eine mumifizierte Leiche legitimiert Antikenauktion
        22.8.2017, 386
        (1026) Seitenaufrufe  

      Nach der Zählung von Blogger wären allerdings die beiden folgenden noch Teil der TopTen (anstelle

      Insgesamt habe ich 2017 auf Archaeologik 127 Posts eingestellt, etwas weniger als 2016 (162 Posts, adventskalenderbereinigt 138) und 2015 (135 Posts). Im Dezember 2016 und endgültig – adventskalenderbereiigt – im Januar 2017 hat die Zahl der insgesamt auf Archaeologik publizierten Blogposts die 1000er Marke übersprungen.
      2017 wurden nur 3 Posts auf  Englisch eingestellt. Auch die Zahl der  Gastbeiträge beläuft sich wiederum auf 14 (Vorjahr: 13). Autoren waren Jutta Zerres (3 Beiträge), Miriam Steinborn (2 Beiträge), Constanze Röhl (2 Beiträge), Konrad Knauber (2 Beiträge), Detlef Gronenborn (1 Beitrag), Raimund Karl (1 Beitrag), László Matthias Simon (1 Beitrag), Mark Werner (1 Beitrag) und Maxi Maria Platz (1 Beitrag).

      Schwund

      Die monatlichen Zugriffszahlen zeigten im Jahr 2017 einen fallenden Trend. War im Dezember 2016 mit 34.000 Zugriffen – wohl auch aufgrund des Adventskalenders 2016 – ein Rekord erreicht, so fielen die Zugriffe auf ein Minimum von knapp über 8200 im Dezember. Nach der Blogger-Statistik sind 2017 gerade mal 193.417 Seitenaufrufe gegenüber 221.789 im Jahr 2016 zu verzeichnen. Das ist ein Rückgang um fast 13%.

      Entwicklung der Zugriffe seit Beginn von Archaeologik auf der Plattform Blogger, 2017 markiert
      (Quelle: Blogger Statistik)

      Vergleicht man die Zahlen, die GoogleAnalytics liefert, so ist auch dort ein Rückgang zu verzeichnen. Insgesamt zählt Google Analytics für den Zeitraum vom 1.1. bis 31.12.2017 rund 47.000 Seitenaufrufe (Vorjahr: 58.000).  Demnach ist der Rückgang sogar noch stärker und läge bei etwa 20% gegenüber dem Vorjahr.

      Die Diskrepanz zwischen den beiden Zählungen von Google Blogger und Google Analytics ist mir nach wie vor nicht ganz klar. Die Angaben aus Google Analytics scheinen mir realistischer. Schon im Jahresrückblick 2016 hatte ich die Größenordnung von 8000 bis 9000 Zugriffen im Monat als realistische Größe der Zugriffszahlen postuliert, wenn man das Crawler- und Spamaufkommen abzieht, das bei GoogleBlogger immer wieder aufscheint. Das ist besonders dann hoch, wenn viele Posts eingestellt werden. Hinweise auf solche automatisierte Zugriffe, wie sie sich beispielweise aus zahlreichen Zugriffen innerhalb einer Minute oder in der Liste der Quellseiten ergeben, blieben 2017 ausgesprochen selten. Die massive Schrumpfung der Zugriffe könnte also nicht real sein und die tatsächliche Zahl der monatlichen Zugriffe wäre dann vielleicht nur leicht zurück gegangen. Da aber GoogleAnalytics den Abwärtstrend noch viel deutlicher zeigt, ist das unwahrscheinlich.
      Tatsächlich ist ein Rückgang der Zugriffe auf Archaeologik leicht zu erklären. 2016 hatte insbesondere zu Jahresbeginn die Wahl zum Wissenschaftsblog 2015 eine deutliche Zunahme der Zugriffszahlen zur Folge und am Jahresende sorgte der Adventskalender für hohe Zugriffe, nachdem Mitte November 2016 bereits zwei Blogposts große Aufmerksamkeit gefunden hatten (http://archaeologik.blogspot.com/2016/11/der-ziggurat-von-nimrud-wurde.html und http://archaeologik.blogspot.com/2016/11/facharchaologische-argumente-gegen-die.html).  Auch die Zahl der eingestellten Blogposts ist aufgrund sich abzeichnender beruflicher Veränderungen um etwa 21% von 165 im Jahr 2016 auf 127 im Jahr 2017 zurück gegangen.

      Diese deutliche Abhängigkeit der Zugriffszahlen von der Anzahl der eingestellten Blogposts deutet darauf hin, dass es 2017 nicht gelungen ist, den Leserkreis weiter auszubauen. So stellt sich wieder die Grundfrage, wer den vorrangigen Adressatenkreis darstellt. Ich habe mich hier immer an einem interesierten, bereits informierten Leser orientiert und es nicht als Aufgabe von Archaeologik gesehen, eine Einführung für Laien zu bieten, wie das Museen sehr viel besser können. Es sind aber nicht die schwindenden Zugriffszahlen, die Anlaß geben, über die Zukunft von Archaeologik nachzudenken.

      Ausblick: neue Aufgaben, neues Umfeld

      Archäologik hat in den vergangenen Jahren viel von meiner Arbeit am RGZM in Mainz profitiert. Diese Ära ist nun zu Ende und ich werde die Kollegen und die spannenden Projekte dort sicher vermissen.

      https://www.uni-bamberg.de/amanz/Mit dem Jahreswechsel übernehme ich den Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Ich freue mich auf diese neue Herausforderung, auf den neuen Kollegenkreis, die Studierenden und viele neue spannende Projekte.

      Neue Forschungsschwerpunkte und neue Verpflichtungen werden sicherlich auch Auswirkungen auf die Ausrichtung und die Intensität des Bloggens haben. Es fällt mir im Augenblick noch schwer, eine konkrete Prognose abzugeben, wie es mit Archaeologik weiter geht. Das Anliegen von Archaeologik – eine kritische Archäologie, die sich mit methodisch-theoretischen, wissenschaftspolitischen und gesellschaftlichen Aspekten der Archäologie auseinandersetzt und die alltägliche Forschungspraxis reflektiert – ist mir natürlich nach wie vor wichtig, ebenso wie die Wissenschaftskommunikation. Beides sind auch wichtige Themen in der universitären Lehre, verbindet sich hier doch Theorie und Praxis in ganz besonderem Maß.  Vorerst wird Archaeologik möglichst wie gehabt weiter laufen, doch wird über kurz oder lang eine konzeptionelle Weiterentwicklung notwendig werden, um Archaeologik mit meinen neuen Aufgaben abzustimmen. Die Nachbarschaft zu den Denkmalwissenschaften im gemeinsamen Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte verspricht für die Thematik auf Archäologik  jedenfalls interessante Impulse.
       

      Ab 2018 der neue Standort von Archaeologik:
      Bamberg, Am Kranen 14, Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit
      (Foto R. Schreg)

       

      Interne Links

      Ritterspiele

      Werner MeyerRitterturniere im MittelalterLanzenstechen, Prunkgewänder, Festgelage(Mainz am Rhein: Nünnerich-Asmus-Verlag 2017)184 Seiten, 93 AbbildungenISBN 978-3-961760-08-424,90 €Werner Meyer, der Altmeister der deutschsprachigen Burgenforschung, ni…

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      Werner MeyerRitterturniere im MittelalterLanzenstechen, Prunkgewänder, Festgelage(Mainz am Rhein: Nünnerich-Asmus-Verlag 2017)184 Seiten, 93 AbbildungenISBN 978-3-961760-08-424,90 €Werner Meyer, der Altmeister der deutschsprachigen Burgenforschung, ni…