Planet History

Das mediale Erbe der DDR

Neue Helden braucht das Land

Die Schriftstellerin Monika Maron ist ein ostdeutscher Medienmensch, ein prominenter noch dazu. Das macht sie und ihr Werk für uns interessant. In ihrem jüngsten Roman „Artur Lanz“ stellt sie eindeutige Bezüge zu ihrer DDR-Vergangenheit her. Die Ich-Erzählerin ist so wertvoll für den namensgebenden (Anti-)Helden des Buches, weil sie über Erfahrungen verfügt, die er nicht hat. Erfahrungen mit Propaganda, Zensur, Rädelsführern, Mitläufern, Denunziantentum, Ausgrenzung, Unterdrückung. Da ist er, der Ost-Blick, der nicht selten nüchterner, analytischer und ehrlicher ist als die durch den Anspruch an Haltung … „Neue Helden braucht das Land“ weiterlesen

Diskursive Einheitskämpfe

Titel und Setting sind leicht irreführend. Wenn ein Buch „Umbruchserfahrungen“ heißt, „Geschichten des deutschen Wandels von 1990 bis 2020“ verspricht und ausdrücklich als reines Ostprodukt daherkommt, dann erwarte ich eigentlich Persönliches. Herausgeber Michael Hofmann wirbt stattdessen mit der „Kompetenz“ seines Autorenteams, mit „methodischer Exaktheit“ sowie mit „Sensibilität und Sachkenntnis“ (S. 7). Wissenschaft pur sozusagen – verbunden mit der Frage, was die biografische Brille aus den Stoffen macht. Michael Hofmann (Hrsg.): Umbruchserfahrungen. Geschichten des deutschen Wandels von 1990 bis 2020. Münster: Westfälisches Dampfboot 2020 Eine … „Diskursive Einheitskämpfe“ weiterlesen

Tanz um das sozialistische Kalb

Opfer, Opportunistin, Lebenskünstlerin, Genie. Die Tänzerin Gret Palucca ist eine schillernde Persönlichkeit, die durch ihr Wirken einen nachhaltigen Beitrag zum „medialen Erbe der DDR“ geleistet hat. Mara Heckmann hat sich mit der Frau beschäftigt, die sich gegen ein Leben im Westen und für eine Karriere im Osten Deutschlands entschied. Die durch geschicktes Taktieren ihrer Palucca Hochschule für Tanz Dresden das Überleben sicherte. Und die einen ganz eigenen Tanzstil entwickelte, der bis heute gelehrt und bewundert wird. Dabei war Ausdruckstanz in der DDR eigentlich verpönt – war … „Tanz um das sozialistische Kalb“ weiterlesen

Flashback per Mausklick

Musik ist ein zeitgeschichtliches Dokument – und ein Teil des kollektiven Gedächtnisses. Sie kann spontane Erinnerungen und Gefühle auslösen, die rational kaum zu erschließen sind. Lukas Joas beleuchtet diesen affektiven Effekt von DDR-Hits als Beitrag zum „medialen Erbe der DDR“. Materialbasis sind Nutzerkommentare unter YouTube-Videos bekannter Bands. Die inhaltsanalytische Herangehensweise erlaubt eine Kategorisierung. Joas unterscheidet Kommentare, die historische Details liefern, nostalgische Gefühle auslösen oder die Erfahrungen mit Unterdrückung und Zensur thematisieren. Es zeigt sich, dass die Kommentare authentische Einblicke in das Leben und Denken … „Flashback per Mausklick“ weiterlesen

Das DDR-Stigma

Man kennt sie nicht, man sieht sie nicht, man liest nichts über sie. Nur selten spielen DDR-Künstler im Diskurs eine Rolle und wenn, dann werden sie auf bekannte Narrative reduziert. Sogar von den eigenen Kollegen. Auftragskunst, Staatskunst, Diktaturkunst. Kein Beitrag zur politischen Veränderung. Mut- und kraftlos. Ohne Wert für heute. Ein ewiges Stigma. Dominik Bingger will das so nicht stehen lassen. Er beschäftigte sich deshalb im Rahmen der Vorlesung zum „medialen Erbe der DDR“ mit DDR-Kunst und DDR-Künstlern und fand deutliche Bezüge zum monotonen … „Das DDR-Stigma“ weiterlesen

Die Nachwendekinder und der Helmut

Der Titel macht Sinn, ist aber erklärungsbedürftig. Der Ost-West-Podcast von Friederike Schicht (Ost) und Jule Wasabi (West) heißt „KOHL KIDS“. Kids, na ja. Wasabi und Schicht sind Ende 20 (sprechen aber jünger und gendern Gast in Gästin). Sie wurden nach dem Mauerfall geboren. Und deshalb auch der Kohl. Es ist nicht das Gemüse gemeint, sondern Helmut Kohl. Der Kanzler der Einheit, der mit den blühenden Landschaften. Der Kanzler der Nachwendekinder. Abgesehen vom Titel (schöne Alliteration, vermutlich wichtiger als ein weniger umständlicher Bezug) ist vom … „Die Nachwendekinder und der Helmut“ weiterlesen

Gegen die Okkupation der Geschichte

Zwei Bilder gibt es in diesem Buch. Zweimal Wolfgang Mattheuer. Vorn „Der Jahrhundertschritt“, hinten „Was nun?“ (S. 8, 400). Damit ist der Rahmen gesetzt für den zweiten Versuch von Gunnar Decker, der DDR über ihre intellektuelle Produktion auf die Spur zu kommen. Nach „1965“ (vgl. Decker 2015) geht es diesmal um das Ende. Gunnar Decker: Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR. Berlin: Aufbau 2020 Eine Rezension von Michael Meyen So „ein mitteldickes Buch“, sagt Gunnar Decker auf Seite 401, müsse einfach ganz … „Gegen die Okkupation der Geschichte“ weiterlesen

Weniger „Wir sind wir“, mehr „Honigfrauen“

Sara Ritterbach Ciuró hat keine Beziehung zur ehemaligen DDR. Wie das im Osten heute so ist, kann sie nur schwer beurteilen. Aber die Vorlesung zum „medialen Erbe der DDR“ hat ihr Interesse geweckt. An „Ost“-Liedern und an den Menschen aus dem Osten. An ihren Gefühlen, ihren Erinnerungen und ihren Blick auf Wende und Wiedervereinigung. Deshalb suchte die Studentin das Gespräch mit einer heute 50-jährigen ehemaligen DDR-Bürgerin. Und revidierte schließlich ihr ganz persönliches DDR-Bild – teilweise. Der Osten zweimal anders: in der Musik und der … „Weniger „Wir sind wir“, mehr „Honigfrauen““ weiterlesen

Der Sandmann und der kalte Krieg

Der Sandmann und der kalte Krieg Das Sandmännchen ist ein Klassiker. Für Kinder gemacht, avancierte die Vorabendsendung in den 1950er Jahren zum Politikum. Denn die Redakteurin, die das „Abendlied“ – den Vorläufer des Sandmännchens – ins DDR-Radio gebracht hatte, trieb einige Jahre nach ihrem Wechsel vom Berliner Rundfunk (Ost-Teil der Stadt) zum Sender Freies Berlin (SFB, West-Teil der Stadt) die Entwicklung eines ähnlichen Formats in Westdeutschland voran. Es kam zu einem Wettrennen, das die DDR-Fernsehleute für sich entschieden: Das Sandmännchen ging im Osten am … „Der Sandmann und der kalte Krieg“ weiterlesen

Der bessere DDR-Unterricht

Die DDR stand im Westen (und später auch in den neuen Bundesländern) selbstredend auf dem gymnasialen Stundenplan. Als Negativbeispiel für kommunistische Unterdrückung und ineffiziente Planwirtschaft. Daten und Fakten zur Wiedervereinigung. Dann in der 10. Klasse die Fahrt nach Berlin. Da bekam Sophie Engelhart erstmals ein Gefühl für die Vergangenheit, für das geteilte Deutschland. Viel hilfreicher waren die Gespräche der Autorin mit der Zeitzeugen in der eigenen Familie, der Großmutter, die kurz vor dem Mauerbau noch fliehen konnte. Ihre Erzählungen machten den in der Schule … „Der bessere DDR-Unterricht“ weiterlesen

Rock hinter der Mauer

Der Verlag hat ganze Arbeit geleistet. Ein Titel, der Enthüllungen verspricht oder wenigstens ein bisschen Nervenkitzel („Wie die Westmusik ins Ostradio kam“), ein Cover, das DDR und weite Welt versöhnt, eine dpa-Rezension und Werbe-Interviews mit Autor Wolfgang Martin (Radio eins, Antenne Brandenburg). Für den Historiker ist das Buch einerseits enttäuschend (weil Distanz und Reflexion fehlen), andererseits aber zugleich eine Quelle, wenn man sich für den Hörfunk in der DDR interessiert oder ganz generell für das Musikgeschäft. Wolfgang Martin: Wie die Westmusik ins Ostradio kam. … „Rock hinter der Mauer“ weiterlesen

„Kummer“ über das Ostdeutsch-Sein

Kann ein (fast) Nach-Wende-Geborener Teil des „medialen Erbes der DDR“ sein? Ja. Felix von den Hoff zeigt anhand der Texte des Chemnitzer Künstlers „Kummer“ – Jahrgang 1989 – wie stark das Ostdeutsch-Seins das Bewusstsein einer ganzen Generation junger Bundesbürger geprägt hat. Wie sie darunter leiden und trotzdem ihre Heimat lieben. Wie sie um Akzeptanz kämpfen und gegen die unübersehbaren Fliehkräfte in ihrer eigenen Mitte. Im Fokus der Analyse stehen zwei Songs aus Kummers Debütalbum: „Schiff“ und „9010“. Beides Beispiele für „populäre Geschichtsrepräsentation“. Und dafür, … „„Kummer“ über das Ostdeutsch-Sein“ weiterlesen

Absturz auf Ostdeutsch

Episch. Prosaisch. Thilo Krause lässt sich Zeit für die Entwicklung seines Plots. Investiert viele Zeilen in die Beschreibung des trockenen ostdeutschen Sommers, die reifenden Himbeeren, die staubigen Straßen in der sächsischen Schweiz, die Festung über der „Stadt-die-keine-ist“, den Dreck der Wismut. Er arbeitet sich ab an der innerdeutschen, der innerdörflichen und der innermenschlichen Zerrissenheit und findet in der Szenerie allenthalben Metaphern zur nicht gelingen wollenden deutsch-deutschen Vereinigung. Schon zu Beginn heißt es: „Ich sehe den Putz nicht bröckeln an der westlichen Wand“, und später: … „Absturz auf Ostdeutsch“ weiterlesen

Eine Hymne, die Erinnerungen weckt

Zu DDR-Zeiten war Ostrock Kult, ein Medium leiser Systemkritik und Ausdruck einer ganz großen Sehnsucht – nach der Wende krähte (fast) kein Hahn mehr danach, nur wenige ostdeutsche Künstler konnten an die alten Erfolge anknüpfen. Dabei ist Musik ein wesentlicher Teil des kollektiven Gedächtnisses. Zum 30. Jubiläum des Mauerfalls hat die Band „Hardy and Heroes“ den Titel „im Osten geboren“ herausgebracht. Für Autorin Theresa Lang ein wichtiger Beitrag zum medialen Erbe der DDR. Sie selbst hat zwar keinen Bezug zur DDR, ihre Familie lebt … „Eine Hymne, die Erinnerungen weckt“ weiterlesen

Der Think Tank Yana Milev

Im Schatten der historischen Forschung an Universitäten und Leibniz-Instituten entsteht ein monumentales Werk, das die hegemonialen Narrative über die Zeit der Teilung, über die Wiedervereinigung und damit auch über die deutsch-deutsche Gegenwart herausfordert. Pünktlich zum runden Jubiläum hat Yana Milev ihre Trilogie „Ostdeutschland seit 1989/90“ fertiggestellt. Yana Milev: Entkoppelte Gesellschaft – Ostdeutschland seit 1989/90. Drei Bände: Anschluss, Umbau, Exil. Berlin: Peter Lang 2019, 2020 Eine Rezension von Michael Meyen Vor diesem Werk muss jeder Rezensent schrumpfen. Yana Milev kippt eine Unmenge an Material vor … „Der Think Tank Yana Milev“ weiterlesen

Wenn Ost-Radio Kult wird – von DT64 und MDR Sputnik

West-Sender hören. Das war in der DDR verpönt, zum Teil gefährlich – und damit für die Jugend hochattraktiv. Der staatliche DT64 galt bei vielen als zweitbeste Alternative. Zu viel Propaganda, zu wenig angesagte Musik. Nach der Wende stand der Sender vor dem Aus. Und wurde schließlich wiederentdeckt. Denise Prodell hat sich im Rahmen der Vorlesung zum „medialen Erbe der DDR“ mit dem Medium Radio als Teil der Jugendkultur beschäftigt. In Gesprächen mit Zeitzeugen und jungen Menschen aus dem Osten erlebte sie, wie Radio Identität … „Wenn Ost-Radio Kult wird – von DT64 und MDR Sputnik“ weiterlesen

Deutsch-Deutsches durch die Brille der Werbung

„Der Westen verostet“ – und das schon 2007. Die Werbeagentur Fritzsch & Mackat hat damals zusammen mit der Superillu nach dem „deutsch-deutschen Geheimnis“ gesucht und dabei eine „Ost-Identität“ gefunden, die vieles von dem zu verstehen hilft, was seitdem passiert ist. Vielleicht sogar die Dankbarkeit (oder die Ergebenheit), mit der dieses Land auf die „angekündigte Krise“ reagiert hat, die durch ein Virus getriggert wurde (Schreyer 2020). Normalerweise ignoriert die akademische Sozialwissenschaft die Werbefuzzis. Alles Blendwerk, heißt das Vorurteil. Bunte Folien, die verdecken sollen, dass man … „Deutsch-Deutsches durch die Brille der Werbung“ weiterlesen

Von „Jammer-Wessis“ und Einheits-Vorreitern

Wissenslücken in Sachen DDR schließen und erkunden, was die Vergangenheit mit der Gegenwart zu tun hat: Seit knapp zwei Jahren fördert das BMBF dafür 14 Forschungsverbünde. Jetzt trägt diese Initiative erste Früchte. Das Mainzer Projekt zur psychischen Gesundheit hat eine Studie vorgelegt, die zeigt, wie sich die Bewertung der deutschen Einheit seit 1990 verändert hat und welche Rolle die Binnenmigration beim Zusammenwachsen spielen könnte (Heller et al. 2020). Elmar Brähler, Jahrgang 1946, der den Mainzer Verbund leitet, ist selbst so ein Binnenmigrant: Abitur in … „Von „Jammer-Wessis“ und Einheits-Vorreitern“ weiterlesen

Mensch Lippi

Lippi, natürlich. Komisch, dass mir das nicht sofort eingefallen ist, als ich begonnen habe, nach Medienmenschen aus der DDR zu suchen. Wolfgang Lippert, der erste gesamtdeutsche TV-Star, ein Mann, der schon vor der Wende ganz regulär im Westfernsehen auftreten durfte. Noch besser: Er hat ein Buch geschrieben über seinen Aufstieg und über seinen Fall und damit auch über die Schwierigkeiten mit der deutschen Einheit. Wolfgang Lippert: Wetten dass … Erna kommt?! Mein buntes Leben – schwarz auf weiß. Unter Mitarbeit von Karin Weingart. Berlin: … „Mensch Lippi“ weiterlesen

Es war einmal in Weissensee und in Deutschland 83… So oder anders.

Die Autorin ist lange nach dem Fall der Mauer geboren. Aber sie hat einen Fernseher und einen Laptop. Und natürlich geht sie ins Kino. Sie hat eine ganze Reihe von Filmen über die DDR gesehen, sie kennt das „mediale Erbe“. Sie sucht nach dem „Alten“ (Erbe) im „Neuen“ (Medien) und versucht Realität von Fiktion zu trennen, zum Beispiel im Hinblick auf Szenenbild, Ausstattung und Kostüme. Deshalb hat Sarah Thonig im Rahmen der Vorlesung zum medialen Erbe der DDR die Profis hinter den Kulissen befragt: … „Es war einmal in Weissensee und in Deutschland 83… So oder anders.“ weiterlesen

Die autoimmune Krankheit der DDR

Der Spielfilm Kranke Geschäfte erscheint im Umfeld des 30. Jubiläums der Wiedervereinigung. Erstausstrahlung zur Primetime auf Arte (25.9.) und im ZDF (28.9.), bis September 2021 in der Mediathek verfügbar. Nach Deutschland 86 kommt hiermit ein weiterer Film, der über Medikamentenversuche in der DDR erzählt und die Seilschaften zwischen DDR-Regierung, Kliniken und westlichen Pharmakonzernen aufzeigt. Kranke Geschäfte bemüht sich um einen ambivalenten Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte, doch eins schafft der Film nicht: sich vom „Problemkind DDR“-Narrativ zu lösen. Vom „Schild und Schwert“ zum Störfeuer … „Die autoimmune Krankheit der DDR“ weiterlesen

Gegen das Vergessen – ein Gespräch mit Zeitzeugen

Juni 2020. Man darf sich wieder treffen, wenn man ausreichend Abstand hält. Also halten alle Abstand: das Ehepaar, das aus Ostdeutschland stammt, ihr in Westdeutschland geborener Sohn, die Wissenschaftlerin aus Russland und die Studentin aus Armenien. Und trotzdem entsteht aus gegenseitiger Neugier bald ganz viel Nähe. Ashkhen Arakelyan hat schon in der Vorlesung zum „medialen Erbe der DDR“ viele neue Eindrücke gewonnen, hat sich Filme angesehen, z.B. Weissensee, Sonnenallee und Friendship. Aber dieses Gespräch, der Austausch mit den echten Menschen, berührt sie besonders. Sie hört, wie die Menschen … „Gegen das Vergessen – ein Gespräch mit Zeitzeugen“ weiterlesen

Einheitsroman

„89/90“ von Peter Richter heißt die Antwort auf die Frage, welcher Roman am besten zum runden Einheitsfest passt. Der Autor war selbst dabei, als alles passiert ist, und er kann schreiben. Außerdem lenkt die Lektüre nicht zu sehr von den hegemonialen Narrativen der Gegenwart ab. Peter Richter: 89/90. Roman. München: btb 2017. Eine Rezension von Michael Meyen Ich gebe zu: Ich bin ein wenig neidisch. Peter Richter, Jahrgang 1973 und damit nur ein paar Jahre jünger als ich, kennt all die Details noch, die … „Einheitsroman“ weiterlesen

Bautzen in Serie

Im Rahmen eines Sonderprogramms anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Wiedervereinigung zeigt Arte ab dem 28. September eine Dokumentationsreihe über die ostsächsische Kleinstadt Bautzen. Die zehn im Auftrag des ZDF produzierten Folgen können bereits jetzt online in der Arte-Mediathek abgerufen werden.   Bautzen gilt in der öffentlichen Wahrnehmung nicht erst seit dem Brandanschlag auf eine geplante Asylbewerberunterkunft im Februar 2016 als „braunes Nest“. Als Ort, an dem Neonazis, Identitäre und Rechtskonservative den Ton angeben. Diese Zuschreibung kommt sicher nicht von ungefähr. An den Häuserwänden finden … „Bautzen in Serie“ weiterlesen

Dieselbe Fluchtgeschichte, zwei Perspektiven, zwei Filme

Am 16. September 1979 überflogen zwei thüringische Familien in einem selbstgebauten Heißluftballon die innerdeutsche Grenze. Eine ebenso wahre wie dramatische und hochemotionale Geschichte. Die erste filmische Bearbeitung ließ deshalb nicht lange auf sich warten. Und sie kam natürlich aus Hollywood. Erst 2018, 36 Jahre nach der ersten Version, folgte ein deutscher Kinofilm. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit hat Stefanie Köppl die beiden Filme miteinander verglichen. Ihr Fazit: Die jeweiligen politischen Rahmenbedingungen und die Perspektive der Macher beeinflussten die inhaltliche und dramaturgische Bearbeitung stark. Jeder Film … „Dieselbe Fluchtgeschichte, zwei Perspektiven, zwei Filme“ weiterlesen

Ansichten eines Kameramanns

Leonie Lange wusste sofort, über wen sie ihren Essay schreiben würde. Ihr Beitrag zur Vorlesung „Das mediale Erbe der DDR“ ist ein ganz persönlicher. Denn ihr Vater, Jahrgang 1950, ist selbst ein Teil davon. Der Kameramann hat lange Jahre im Osten und später dann auch im Westen als Kameramann gearbeitet. Sozialisiert in einem Staat, in dem die Pressefreiheit nur auf dem Papier existierte. Und trotzdem oder gerade deshalb ein wichtiger Medienmensch. Mein Vater, der Medienmensch Von Leonie Lange Die Medienkarriere meines Vaters (1950 in … „Ansichten eines Kameramanns“ weiterlesen

Nochmal Techno, diesmal persönlich

„Ü“ oder „Ei“? Paul van Dyk hat diese Frage mitgeschleppt aus einer Jugend in der DDR, in der er noch Matthias Paul hieß und sich um die Aussprache von Namen keine Gedanken machen musste. Eisenhüttenstadt und der Osten Berlins haben der erfolgreichsten DJs der Welt hervorgebracht. Auch deshalb hat es Pauls Buch in diesen Blog geschafft, obwohl er eigentlich über seinen Unfall schreiben will und darüber, wie man selbst die härtesten Schläge des Schicksals verkraften kann, wenn man etwas Glück hat und vor allem … „Nochmal Techno, diesmal persönlich“ weiterlesen

Rammstein, Paul van Dyk und die deutsche Nation

Nazis, die KZ-Häftlinge foltern. Stasi-Bonzen, die saufen und huren. Neun Minuten voller Gewalt und Perversion. Das Video zum Titel Deutschland der ostdeutschen Band Rammstein ist ein verstörender Bilderrausch, der es schwer macht, sich mit dem Deutschsein auszusöhnen. Ein Beitrag zur Konstruktion nationaler Identität? Ja. Aber ein gänzlich anderer als das Video zu Wir sind Wir von DJ Paul van Dyk, das der Sehnsucht nach einer verbindenden Vaterlandsliebe eine Projektionsfläche bietet. Jakob Irler zeigt in seiner Analyse, dass Kunst Aushandlungsprozesse induziert, begleitet und spiegelt. Auch in Musikvideos.  „Im Geist getrennt, im Herz … „Rammstein, Paul van Dyk und die deutsche Nation“ weiterlesen

Das ZDF, der MDR und der DDR-Alltag

Wenn sich die Spielfilme an das Thema „DDR“ wagen, erzählen sie spektakuläre Geschichten über die Grausamkeiten der Diktatur. Im Wettlauf um Fördergelder und die Aufmerksamkeit des Publikums bleibt der „ganz normale Alltag“ ein blinder Fleck. Dokumentarfilme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks versuchen, diese Lücke zu schließen. Faktenbasiert, ausgewogen, unparteiisch? Fehlanzeige. Auch dort wird um Deutungsmacht über die DDR-Geschichte gerungen. „Spirit of 76“ ist am Start. Der Countdown läuft. Drei, zwei, eins… Los! Doch die Reise zu den Sternen endet nach nicht einmal einem Meter. In einem … „Das ZDF, der MDR und der DDR-Alltag“ weiterlesen

Von Ferienplätzen, Neubauwohnungen und Vertragsarbeitern

Auferstanden im Verbrechen. Max Annas, 1963 in Köln geboren, schreibt 30 Jahre nach dem Mauerfall Krimis, die in der DDR spielen. Gehört das zum medialen Erbe dieses verschwundenen Landes? Komische Frage, die niemand stellen würde, wenn es um Sonnenallee ginge oder um Das Leben der Anderen. Oberleutnant Otto Castorp gehört auf jeden Fall ins Kino. Bis es soweit ist, lesen wir die Bücher von Max Annas. Max Annas: Morduntersuchungskommission. Roman. Hamburg: Rowohlt 2019. Eine Rezension von Michael Meyen Ich bin kein großer Krimileser. Eigentlich … „Von Ferienplätzen, Neubauwohnungen und Vertragsarbeitern“ weiterlesen

Techno als DDR-Erbe?

In den Tagen nach dem Mauerfall schlug die Stunde des Techno. Die Begeisterung für diese elektronische Musikrichtung führte Jugendliche aus Ost und West zusammen, ließ sie gemeinsam von einer neuen Weltordnung, von Frieden und Grenzenlosigkeit träumen. Die Medien beschworen den Mythos vom „Sound der Wende“, Berlin entwickelte sich zur Welthauptstadt des Techno. Clara Löffler beschäftigte sich im Rahmen der Vorlesungsreihe „Das mediale Erbe der DDR“ mit dem „Freiheitstanz“.  Der Sound der Wende Von Clara Löffler In Zeiten, in denen Techno entweder der Kommerzialisierung oder … „Techno als DDR-Erbe?“ weiterlesen

Matthias Freihof: „Der Mauerfall war ein Rückschritt für alle Schwulen im Osten“

Paulina Krauth ist es gelungen, für ihr Essay in der Vorlesungsreihe „Das mediale Erbe der DDR“ mit „Coming-Out“-Star Matthias Freihof zu sprechen. Wer diesen Film von Heiner Carow nicht kennt: „Coming Out“ brachte das Thema Homosexualität auf die große DDR-Leinwand – und das ausgerechnet am 9. November 1989. Homosexualität und Medien in der DDR: das Beispiel „Coming Out“ (1989) Von Paulina Krauth Der Film „Coming Out“ war wie die ostdeutsche Schwulenrechtsbewegung kein Produkt einer koordinierten staatlichen Initiative. Vielmehr kann die Produktion Heiner Carow zugeschrieben … „Matthias Freihof: „Der Mauerfall war ein Rückschritt für alle Schwulen im Osten““ weiterlesen

Zwischenbilanz zur Einheit

Trotz Corona: Deutsch-deutsche Themen haben in der politischen Bildung weiter Konjunktur. Nicht einmal ein Jahr nach ihrer Wahl- und Jubiläumsausgabe mit dem Titel „Das letzte Jahr der DDR“ legt die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ nach und liefert in sieben Texten eine Bestandsaufnahme mit dem Titel „Deutsche Einheit“. Wer nicht viel Zeit hat und die Essenz einer solchen Nummer sucht, wird in aller Regel vom APuZ-Editorial sehr gut bedient. Anne-Sophie Friedel schreibt hier neben dem „Deutungskampf“, der gerade läuft (wer sagt was über Treuhand, … „Zwischenbilanz zur Einheit“ weiterlesen

Ein Riss, herbeigeschrieben

„Ein Erbe der DDR“ heißt gleich das vierte Kapitel in diesem Buch. Knapp 20 Seiten über „staatlich verordneten Antifaschismus“ (S. 56), über „aggressiven Nationalismus“ als Begleitmusik des 89er Herbstes (S. 57) und vor allem über das „rassistische Reinheitsgebot“ (S. 59), das Michael Kraske überall im Osten findet und auf eine Vergangenheit zurückführt, in der kaum jemand lernen konnte, wie bereichernd es sein kann, „Menschen anderer Herkunft“ um sich zu haben (S. 54). Michael Kraske: Der Riss. Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört. … „Ein Riss, herbeigeschrieben“ weiterlesen

Nicht mal in der Stasi…

Sie war auf keiner Demo, hat „immer die Klappe gehalten, weil man ja wusste, was sonst passieren konnte.“ Keine Fluchtversuche, keine oppositionelle Künstlerin, aber auch kein Parteimitglied, nicht mal in der Stasi. Die Mutter der Journalistin Katharina Thoms hat ihr halbes Leben in der DDR verbracht, hat sich mit dem System arrangiert, wie die meisten. Und trotzdem widmet ihr die Ost-West-sozialisierte Tochter – gleich nach dem Abitur 1999 ging Thoms zum Studium nach Tübingen – einen mehrteiligen Podcast. Einen mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Podcast. … „Nicht mal in der Stasi…“ weiterlesen