Planet History

Kategorie: Das mediale Erbe der DDR

Der Prager Gemüsehändler und wir

Manchmal ist das Erbe des Sozialismus verschüttet, in den eigenen Erinnerungen genau wie im kollektiven Gedächtnis. Vaclav Havel zum Beispiel. Ich habe einen Anstoß von René Schlott gebraucht. Es war Anfang Juli und Zeit für eine erste Bilanz im Forschungsverbund „Das mediale Erbe der DDR“. Am Abend vor der Abschlusstagung gab mir Schlott einen Lesetipp: Versuch, in der Wahrheit zu leben. Die nächsten beiden Tage drehten sich dann um das neue Interesse an der DDR. Ist es die AfD? Die Coronapolitik? Russland? Was ist … „Der Prager Gemüsehändler und wir“ weiterlesen

Ein kleines bisschen wie im Westen

Musik ist ein mediales Erbe. Und ein Konsumgut. Und eine Einnahmequelle. Auch im Sozialismus. Was vielleicht nur wenige wissen: Analog zur bundesdeutschen GEMA etablierte sich in der DDR die „AWA“, „die Anstalt zur Wahrung der Ausführungs- und Vervielfältigungsrechte auf dem Gebiet der Musik“. Zu ihren Mitgliedern gehörten „Die Puhdys“, „Silly“ oder Reinhard Lakomy. Die Studentin der Kommunikationswissenschaft Christina Zander kennt die GEMA aus ihrem Berufsalltag. Um mehr über das DDR-Pendant zu erfahren, interviewte sie eine ehemalige AWA-Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte. Die Erkenntnisse aus … „Ein kleines bisschen wie im Westen“ weiterlesen

Ein unerhört Gehörter

Sein Leben ist einerseits typisch für eine DDR-Biografie. Und dann doch wieder nicht. Der Dramatiker Heiner Müller erlebte die Gräuel des Nationalsozialismus und feierte den Untergang des Regimes „mit dem Triumphgefühl eines feindlichen Ausländers“. Als seine Familie in den Westen ging, blieb er – aus Überzeugung. Nur um später feststellen zu müssen, dass die ersehnte sozialistische Freiheit in der DDR eine Chimäre blieb. Aber auch mit der Bundesrepublik fremdelte Müller, obwohl er dort schon früh Berühmtheit erlangte. Das vereinigte Deutschland verehrte ihn als Propheten … „Ein unerhört Gehörter“ weiterlesen

Wie der Westen über den Osten kam

Die Potsdamer Tagung des Forschungsverbundes zum medialen Erbe der DDR  (7. bis 8. Juli 2022) hat gezeigt: Es ist noch nicht alles gesagt, nicht alles verstanden, nicht alles ergründet. Aber wir sehen heute vieles klarer. Zum Einstieg vielleicht eine bemerkenswerte Anekdote über den Sommer 1990. Erzählt hat sie Susanne Lenz, Redakteurin bei der Berliner Zeitung. Sie war die erste Westdeutsche, die nach der Wende bei dem ehemaligen DDR-Blatt anfing. Sie war noch Praktikantin, als sie sich über einen Menschenauflauf in der Innenstadt wunderte und … „Wie der Westen über den Osten kam“ weiterlesen

Außer Stasi nix gewesen

Wenn das DDR- und Ostdeutschland-Bild der zehnten Klasse eines bayerischen Gymnasiums ein Indikator für die dominanten Diskursmuster im Land ist, bleibt festzuhalten: DDR steht für Stasi, Unterdrückung, Abschottung. Und Ostdeutschland = AfD. Alternativen Perspektiven wird zudem keine große Relevanz beigemessen. Die Schüler sehen es mehrheitlich so, wie es der ostdeutsche Journalist Alexander Osang frustriert formulierte: “Der Osten soll aus der Gesellschaft rauswachsen wie eine Dauerwelle.” (2019: 22) Eher eine Randnotiz: Für Ironie ist in unserer traumatisierten kollektiven Erinnerung wenig Platz. Schade um Leander Haußmanns … „Außer Stasi nix gewesen“ weiterlesen

Endlich Online: “Die DDR im Film”

Premiere am Ende: Die Abschlusstagung des Forschungsverbundes “Das mediale Erbe der DDR” Anfang Juli am ZZF in Potsdam war der perfekte Rahmen für den Launch des Projekt-Handbuchs. Ich zitiere aus dem “Klappentext”: “Man soll hier buchstäblich alles finden (auch: finden können!), was wir Anfang 2022 über “Die DDR im Film” wissen. Das heißt: Informationen zu jedem Film, der seit 1990 zu diesem Thema gedreht wurde, plus Kontext und Einordung – systematisch und verständlich aufbereitet sowie sauber belegt.” Das Handbuch ist dabei auf Wachstum angelegt: … „Endlich Online: “Die DDR im Film”“ weiterlesen

Evas an die Macht

In puncto Gleichberechtigung bedeutete die Wende 1989 für Millionen DDR-Frauen einen Rückschritt. Schwangerschaftsabbruch, Kinderbetreuung, Stellung von Alleinerziehenden – die alte Bundesrepublik hinkte hinterher und wollte daran nichts ändern. Dennoch sind Frauen im Osten Deutschlands bis heute stolz auf ihre Unabhängigkeit und ihr starkes Rollenbild, auch die jungen ohne DDR-Sozialisation. Maike Baumann wollte wissen, wo die Wurzeln dieses Selbstbewusstseins zu suchen sind. Welchen Einfluss hatte die Politik, welchen die Medien? Waren es vielleicht die seit den 1970er Jahren populären DDR-Frauenfilme mit ihren starken Frauenfiguren, die … „Evas an die Macht“ weiterlesen

Vielsagende Verse

Gerade, wenn es gefährlich ist, zu sagen, was man sagen will, kann Kunst unterdrückten Botschaften und Gefühlen Ausdruck verleihen. Die Lyrik der DDR ist deshalb ein besonders interessantes mediales Erbe. Janina Hart hat sich unter anderem mit Gedichten von Georg Maurer und Sarah Kirsch beschäftigt. Sie wagt eine Interpretation und kritische Würdigung dieser zum Teil recht ambivalenten Autoren – wohlwissend, dass die Außensicht der westdeutschen Nachgeborenen eine ebenso ambivalente und nicht zuletzt komfortable ist. Eine Erkenntnis der Analyse: Ohne Ost-Blick erscheint vieles unpolitisch, was … „Vielsagende Verse“ weiterlesen

Die DDR in der Stasikomödie

Ein bisschen viel Klamauk, sagt ein Kollege, der mit mir im Kino war. Dieser Kollege hat selbst viel geforscht in Sachen Film und ergänzt gleich noch eine Szene im Drogenrausch (Henry Hübchen) und die Musik. Passt nicht, hat er nicht nötig, muss nicht sein. Da sind wir noch gar nicht in der Filmgeschichte und bei dem Gespräch, das Leander Haußmann in der Stasikomödie mit sich selbst und seiner Sonnenallee (1999) führt sowie mit Florian Henckel von Donnersmarck und dem Leben der Anderen (2006). Die … „Die DDR in der Stasikomödie“ weiterlesen

Stolzer Osten

Sido hat sie lange verheimlicht. Clueso spielt mit ihr. Trettmann kokettiert. Rammstein provoziert. Aber KRAFTKLUB geht in die Offensive. Die fünfköpfige Band ist stolz auf ihre ostdeutsche Herkunft, thematisiert Ost-Themen ohne Scheu oder Minderwertigkeitskomplex. Julian Hammerer zeigt, dass die Musiker damit ein neues Ost-Narrativ möglich machen. Sie sind ein Erbe der DDR, das sich nicht mehr selbst im Weg steht, sondern Perspektiven eröffnet. Für alle, die folgen. Chemnitz. Indie-Band. KRAFTKLUB – Ein mediales Erbe der DDR Von Julian Hammerer Als Felix Kummer, Till Kummer, … „Stolzer Osten“ weiterlesen

Sidos Ossi-Sein

Musik transportiert die Emotionen des Komponisten und Interpreten. Sie löst aber auch Gefühle aus, lässt Erinnerungen wachwerden. Unter YouTube-Clips stehen oft Tausende von Kommentaren, die zeigen, wie vielschichtig diese Erinnerungen sein können. Das gilt auch – oder gerade – für DDR-Bezüge. Lukas Dürr hat sich für seine Analyse von YouTube-Kommentaren bewusst einen Interpreten ausgesucht, den er selbst bis dato nicht mit der DDR in Verbindung gebracht hatte: Sido. Sido`s Video zum Hit „Hey Du!“ wurde insgesamt fast 18 Millionen mal aufgerufen. Ein Stück persönliche … „Sidos Ossi-Sein“ weiterlesen

Ost-West-Liebe, ganz neu

München 2022: Die DDR gibt es eigentlich nicht auf diesem Dokfest. Kein Hashtag für die Suche und schon gar keine eigene Sektion. Ein paar Titel klingen deutsch-deutsch (Volksvertreter, ein Film über AfD-Abgeordnete) oder sogar ostdeutsch (Kalle Kosmonaut, ein Porträt aus dem großen Berlin), taugen aber nur bedingt für diesen Blog. Die Ausnahme hat es dafür in sich: Sorry Genosse erzählt eine Geschichte, die es so noch nicht ins Kino geschafft hat. Vera Brückner, Jahrgang 1988, hat einfach ins echte Leben gegriffen. Sorry Genosse. Drehbuch … „Ost-West-Liebe, ganz neu“ weiterlesen

Es gibt ihn immer noch

Krimis liegen in Deutschland laut einer Erhebung aus dem Jahr 2021 auf Platz 5 der beliebtesten TV-Formate. Den Tatort schalten durchschnittlich 8 Millionen Zuschauer ein, das entspricht einem Marktanteil von über 24 Prozent. Allerdings spielen die meisten Folgen in West-Städten, München hat die Nase vorne, sogar Wien kommt vor Leipzig. Ergo, der Osten ist unterrepräsentiert. Diese Lücke füllt das ehemalige DDR-Format Polizeiruf 100. Mit Ost-Ermittlern in Ost-Städten und ähnlichen Marktanteilen wie der Tatort. Allerdings ist gerade jüngeren Zuschauern gar nicht mehr bewusst, dass der TV-Hit ein mediales Erbe … „Es gibt ihn immer noch“ weiterlesen

A Tribute to “Godmother of Punk”

Es gibt ostdeutsche Medienmenschen, die hat der Westen quasi vereinnahmt. So geschehen bei Nina Hagen. Das schrille Multitalent wurde 1955 in Ost-Berlin geboren, avancierte nach ihrer Ausreise 1976 aber zur Vorzeige-Punkerin der BRD. Inklusive Berliner Schnauze. Im west-kollektiven Bewusstsein war Hagens Herkunft allenfalls an Einheits-Gedenktagen oder anlässlich ihres Geburtstags Thema – bis zum Großen Zapfenstreich der Kanzlerin. Angela Merkel hatte sich für ihren Abschied unter anderem Hagens Song „Du hast den Farbfilm vergessen“ gewünscht. Ein Grund dafür, dass sich Emma Britz mit dem Phänomen … „A Tribute to “Godmother of Punk”“ weiterlesen

Die DDR in Computerspielen

Im Ego-Shooter 1378 (km) – so lang war die Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR – kann sich der Spieler eine Rolle aussuchen: Als „Republikflüchtling“ muss er einen Weg durch den Todesstreifen finden, als „Grenzsoldat“ kann er Flüchtlinge von einem Wachturm erschießen (oder nur festnehmen). Die Studentin Lisa Göttler beschäftigt sich mit Computerspielen, die vor der DDR- bzw. Ostblock-Kulisse spielen, und fragt nach ihrer Rolle in der Erinnerungslandschaft. Warum sind Computerspiele mit DDR-Bezug so rar? Was sagen sie über den Stellenwert der DDR-Geschichte … „Die DDR in Computerspielen“ weiterlesen

Mediales Erbe der DDR und vieles mehr bei MDR Kultur

MDR Kultur taucht in die Blogosphäre ein und stellt zehn Empfehlungen zusammen, die das Reinschauen wert sind. „Das Mediale Erbe der DDR“ ist dabei, neben weiteren schönen Blogs aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Der eine portraitiert Musikerinnen, Journalisten und Aktivistinnen, die sich für Solidarität und Weltoffenheit einsetzen, der andere – weibliche und nicht-binäre Rappende aus der ganzen Welt. Auf einem Literaturblog finden sich Rezensionen von Romanen, Thrillern, Kinder- und Sachbüchern. Blogs mit einem regionalen bzw. lokalen Fokus wollen die Bekanntheit Sachsens vorantreiben, erzählen Kindern … „Mediales Erbe der DDR und vieles mehr bei MDR Kultur“ weiterlesen

DDR-Lesefutter

Frank Schlößer ist Journalist, sprich ein Medienmensch. Geboren ist er in Bad Saarow, aufgewachsen in Leipzig. Damit ist er einer unserer Medienmenschen. Geprägt haben ihn nicht nur seine Familie (überzeugte Sozialisten, beide Großväter waren im NS-Widerstand) und die damit einhergehende Früh-Politisierung, Schulzeit (inklusive Wandzeitungen und Pionierdienst), Ausbildung (als Maschinenbauer beim VEB Mikrosa) und Stasi-Dienst, sondern auch die vielen Bücher, die er schon als Jugendlicher regelrecht verschlungen hat. Viele davon sagen West-Bürgern gar nichts. Was noch immer bestehende Missverständnisse zwischen hüben und drüben erklären könnte. Ebenso … „DDR-Lesefutter“ weiterlesen

Von den Scheuklappen der Geschichtswissenschaft

Nun als auch die „Heavys“: Die DDR-Forschung ist im wahrsten Sinne des Wortes „ganz unten“ angekommen – bei einer Jugendkultur, die erst in den 1980er Jahren Formen annahm und nur sporadisch sichtbar wurde, weil ihre Anhänger nicht sehr zahlreich waren und allenfalls in Kneipen, in der Deutschen Reichsbahn oder bei Konzerten auffielen. Nikolai Okunew baut dieser Szene ein wuchtiges Denkmal und macht dabei zugleich überdeutlich, welche Grenzen die Diktaturbrille der Geschichtsschreibung setzt. Nikolai Okunew: Red Metal. Die Heavy-Metal-Subkultur der DDR. Berlin: Ch. Links Verlag … „Von den Scheuklappen der Geschichtswissenschaft“ weiterlesen

Bilder der Entkoppelung

Ein schweres Buch. 1,6 Kilogramm zeigt meine Körperwaage. Bei anderen Büchern reagiert sie vermutlich gar nicht erst. Dieser fünfte Teil der Reihe „Entkoppelte Gesellschaft“ fällt auch sonst aus dem Rahmen. „Zeugnisse“ steht auf dem Cover – ein Versprechen, das dann in jeder Hinsicht eingelöst wird. Fotos aus der DDR, Fotos aus den Neunzigern und aus den Nullern, Fotos von 2020. Großartige Fotos, aufgenommen von Menschen, die ihr Handwerk beherrschen und so Geschichte lebendig werden lassen können, eingeordnet von Texten, die entweder schon zum „medialen … „Bilder der Entkoppelung“ weiterlesen

Lebenswege on demand

Eine Buchempfehlung im Onlinemagazin Multipolar, herausgegeben von Stefan Korinth, Paul Schreyer und Ulrich Teusch: „1989. Alles auf Anfang“, ein Roman von Rainer Schneider. „Teil einer ganzen Reihe“, lese ich da. Der „ostdeutsche Autor und Theatermacher“ folge „den schlingernden Lebenswegen von fünf Menschen aus DDR und BRD in der Wendezeit ab 1989“. Das klingt nach medialem Erbe und Lesevergnügen, zumal der anonyme Tippgeber auf Multipolar mit einem Wortspiel schließt: „Das Ende ist nicht happy, aber realistisch“. Rainer Schneider: 1989. Alles auf Anfang. Roman. Bonn 2016 … „Lebenswege on demand“ weiterlesen

In der ZDF-DDR nichts Neues

Mit dem Palast verspricht das ZDF nicht nur „ein großes, genussvolles Film- und Showerlebnis“, sondern auch „einen neuen, andersartigen Blick auf die DDR und auf die Lebensleistung der Ostdeutschen“ (ZDF 2021). Der Mehrteiler erzählt eine deutsch-deutsche Familiengeschichte vor der Kulisse des Berliner Friedrichstadt-Palastes. „Liebevoll“ richte er den Fokus auf den „Showbetrieb, wo Künstlerkarrieren in relativer Freiheit des staatlich geförderten Prestigeprojektes möglich waren“, heißt es im Pressematerial. Doch mit jeder Folge schwindet die Hoffnung, dass Der Palast dieses Versprechen tatsächlich einhalten, Freiräume aufzeigen und damit … „In der ZDF-DDR nichts Neues“ weiterlesen

Produktive Uneinigkeit: zum ARD-Eventfilm 3 1/2 Stunden

Zwei Frauen – zwei Sichtweisen. Daria Gordeeva stammt aus Russland und schreibt ihre Dissertation zur Darstellung der DDR im Film. Sie beschäftigt sich mit dem medialen Erbe in Form des Medienprodukts. Bianca Kellner-Zotz stammt aus Westdeutschland und befragt Journalisten, Musiker und Schauspieler mit DDR-Sozialisation. Sie interessiert sich für den Medienmenschen hinter dem Produkt. Die beiden Kolleginnen tauschen sich aus, diskutieren, betreiben Wissenschaft. Und sind sich manchmal uneinig. Wie etwa beim im Sommer erstausgestrahlten Fernsehfilm 3 ½ Stunden. Im Ergebnis entstanden zwei ganz unterschiedliche Texte … „Produktive Uneinigkeit: zum ARD-Eventfilm 3 1/2 Stunden“ weiterlesen

“Von wegen Rotes Kloster!” – von einem, der auszog, Journalist zu werden

Hans-Jürgen Barteld war mittendrin. Geboren 1951, gehört er zur „integrierten Generation“: geprägt vom DDR-Sozialismus in all seinen Facetten, aufgewachsen in einer Zeit zunehmenden Wohlstands, voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Von 1970 bis 1974 studierte er an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Journalistik. Da war die DDR ein etablierter Staat, der seine Presseleute sorgfältig auswählte und ausbildete. Nach der Wende blieb von der einstigen Kaderschmiede kaum mehr etwas zurück als die ironisch-abwertende Rede vom „Roten Kloster“. Umso wertvoller ist Bartelds Zeitzeugenbericht. Der Bericht eines Medienmenschen … „“Von wegen Rotes Kloster!” – von einem, der auszog, Journalist zu werden“ weiterlesen

Hoyerswerdsche Innenansichten

Im September jährten sich die rassistischen Ausschreitungen von Hoyerswerda zum 30. Mal. Im selben Monat erschien Grit Lemkes dokumentarischer Roman Die Kinder von Hoy. Darin widmet Lemke, Jahrgang 1965, sich nicht nur den Gewaltexzessen im Nachgang der Wende, sie beschreibt ebenso ausführlich das Aufwachsen in der ostsächsischen Industriestadt. Vom MDR-Kulturkritiker Matthias Schmitt als „eines der besten Bücher, die über den Osten geschrieben wurden“ bezeichnet, schaffte es Lemkes literarisches Porträt einer Generation auch auf die Spiegel-Bestsellerliste. Grund genug für diese Rezension. Grit Lemke: Kinder von … „Hoyerswerdsche Innenansichten“ weiterlesen

Die Volkswacht lebt

Auch nach knapp drei Jahren Forschungsverbund staune ich immer wieder: Das mediale Erbe der DDR ist schier unüberschaubar. Und es wächst, ganz unabhängig von unserer Arbeit. Die beiden Stücke, die ich hier vorstelle, sind als Leserbrief gekommen. Hans-Jürgen Barteld, seit 1974 Diplomjournalist, hatte mein Buch über die Ausbildung in Leipzig gefunden und wies nun neben einem Dank ganz nebenbei auf zwei Dinge hin, die er selbst für die „Bibliothek zum Journalismus gestern und heute“ beigesteuert hat. Für Medien- und Alltagshistoriker sind diese Bücher eine … „Die Volkswacht lebt“ weiterlesen

Echt stark, Frau

Es ist ein Film, der eine Frau wie mich – westdeutsch, zum Mauerfall 14 Jahre alt – beschämt zurücklässt. Weil mir nicht bewusst war, welch tiefe Wunden die deutsche Einheit bei meinen Geschlechtsgenossinnen im Osten geschlagen hat. Und weil mir nicht klar war, welche historische Chance alle deutschen Frauen 1990 verpasst haben. Es ist der Autorin und Regisseurin Sabine Michel zu verdanken, dass die Dokumentation „Wendeman(n)över – Frauen und die Wiedervereinigung“ endlich einen weiblichen Blick auf die Wendezeit wirft. Ideologiefrei, authentisch, mitreißend. Der Beitrag … „Echt stark, Frau“ weiterlesen

Erbe-Echo

„Journalismus ist wie eine Schrotladung“, hat mir einmal Volker Kluge gesagt, in der DDR Sportchef der Jungen Welt. „Man feuert und weiß nicht, wo die Kugeln einschlagen. Ab und zu aber meldet sich dann so eine Kugel“ (Meyen/Fiedler 2011: 201). Nach meinem Buch Das Erbe sind wir kann ich ergänzen: Wissenschaft funktioniert ganz ähnlich. Und: Das Publikum ist Inspiration und Quelle zugleich, zumindest wenn man über das Leben schreibt. Die Schrotladung Fast ein Jahr ist dieses Buch nun alt, etwas zu spät erschienen zum … „Erbe-Echo“ weiterlesen

Eine Alternativgeschichte der Mauer

Als die Berliner Mauer am 13. August 1961 hochgezogen wurde, saßen Heinz Keßler und Fritz Streletz in der ersten Reihe. 50 Jahre später schilderten die beiden ranghöchsten DDR-Militärs ihren Blick auf die Ereignisse und konterten damit die tradierte Lesart. „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“, lautet die These auf dem Cover des Buches, das zum 60. Mauerbau-Jubiläum ein Revival erlebte. Im Vorwort zur Neuauflage prophezeit Streletz „Geschichtsverdrehungen (…), die um den 13. August 2021 ganz gewiss in den deutschen Medien verbreitet werden.“ Der … „Eine Alternativgeschichte der Mauer“ weiterlesen

Auf Schatzsuche

DEFA-Filme sind jetzt über die Mediathek der ARD, des MDR, der Bundeszentrale für politische Bildung (Dokumentarformate) und filmfriend  (Zugang über Bibliotheken) verfügbar. Nie hätte ich gedacht, dass ich für alte DDR-Produktionen tagelang auf Netflix verzichten würde. Mein erster Glücksmoment: „Jugend ohne Gott“. Den Roman von Öden von Horvath habe ich vor vielen Jahren im Deutschunterricht gelesen. In der Rolle des Lehrers Rockstroh ist Ulrich Mühe zu sehen. Mich hat Mühe schon nach wenigen Minuten gekriegt. Ganz im Gegenteil zur sehr viel neueren Verfilmung des … „Auf Schatzsuche“ weiterlesen

Medienmensch Scherzer

Das habe ich mir schon immer gewünscht: Hans-Dieter Schütt als Mitarbeiter. Schütt hat ein buchlanges Interview mit Landolf Scherzer geführt, das wir unbesehen für das Projekt „Medienmenschen“ übernehmen können. Mit Fotos und allem Drum und Dran. Ganz nebenbei ist ein Stück deutsche Geschichte entstanden, das mitten im Krieg beginnt, bis in die Gegenwart reicht und die Brüche nicht auslässt, die DDR-Biografien mit sich bringen. Landolf Scherzer im Gespräch mit Hans-Dieter Schütt: Weltraum der Provinzen. Ein Reporterleben. Berlin: Aufbau 2021 Eine Rezension von Michael Meyen … „Medienmensch Scherzer“ weiterlesen

Tod im Stasi-Sumpf

Franziska Stünkel möchte die Todesstrafe in der DDR im kollektiven Gedächtnis verankern und bringt die Geschichte der letzten vollstreckten Hinrichtung auf die Leinwände. Nahschuss ist der Titel und die Stasi ein verseuchter Sumpf, der jeden verschluckt, der hineinwatet. Franz Walter (Lars Eidinger) kann sein Glück kaum fassen: Traumfrau, Traumwohnung, Traumjob. Als junger Post-Doc darf er bald eine Wirtschaftsprofessur an der Berliner Humboldt-Universität übernehmen. „Es wird uns wahnsinnig gut gehen“, sagt Franz zu seiner Verlobten Corina (Luise Heyer). Aus den Plattenspielerboxen in ihrer neuen, schick … „Tod im Stasi-Sumpf“ weiterlesen

Ostberliner auf der Flucht, lebenslang

„Ich bin inzwischen tief eingetaucht“ in dieses Buch, schrieb mir kurz nach Ostern Sigrid Hoyer, eine Leipziger Journalistik-Dozentin, die Alexander Osang in den 1980er Jahren als Student erlebt hat. Dazu gab es ein Lob („es flankiert auf wundersame Weise Ihr Buch!“) und wenig später eine Leseaufforderung: „Mich würde schon interessieren, wie Sie die Sache sehen“. Nun, liebe Frau Hoyer: Meine Dankbarkeit ist grenzenlos. Die Stunden, die ich mit Alexander Osang verbringen durfte, gehören zu den schönsten in den letzten Jahren. Alexander Osang: Fast hell. … „Ostberliner auf der Flucht, lebenslang“ weiterlesen

„Reaktive Substanz“ als Erbe der DDR

Detlef Stapf spricht mir in vielen Punkten aus der Seele. Das Erbe der DDR, so lässt sich sein Buch zusammenfassen, liegt dem größeren Deutschland schwer im Magen. Ausgang ungewiss. In die Leitmedien hat es Stapf mit diesen Thesen nicht geschafft. So ein Text über „ein rein innerdeutsches Phänomen“ (S. 33) hat es schwer in diesen Tagen, erst recht, wenn er „Haltungsjournalismus“ (S. 56) oder „Nachrichtenkartelle“ attackiert (S. 122) und „die überwiegende Westsozialisierung der Journalisten“ (S. 70) dafür verantwortlich macht, dass die Redaktionen Kritik aus … „„Reaktive Substanz“ als Erbe der DDR“ weiterlesen

Von sich selbst berauscht

Die ARD setzt den Initiatoren der Leipziger Protestbewegung aus dem Herbst 1989 ein filmisches Denkmal. Die „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ ist ein Beitrag zum Erinnerungsdiskurs – allerdings ein mutloser, der dem Zuschauer wenig abverlangt. Die Rollen sind schnell verteilt (die Hippie-Umweltaktivisten sind die Guten, opportunistische Parteibonzen und der – natürlich – schmierige Stasi-Offizier die Bösen), für Zwischentöne ist wenig Platz. Die Feel-Good-Wir-retten-die-Welt-Story atmet den Geist der Fridays for Future Bewegung, der gerechte Kampf verkommt stellenweise zur Party. Ein Verdienst des Films: Er zeichnet … „Von sich selbst berauscht“ weiterlesen

Kommunikatives Gedächtnis verfilmt

Wer nach Filmen über die DDR sucht, stößt beim Stöbern im DOK.fest-Programm auf Heimatkunde (2021). Regisseur Christian Bäucker weckt seine alte Schule im brandenburgischen Bärenklau aus dem „Dornröschenschlaf“. Ehemalige Schüler und Lehrer füllen das Gebäude mit Leben. Sie reden, lachen, weinen, denken nach, lauschen alten Schallplatten, blättern in Lehrbüchern und Schulheften, verfallen der Nostalgie oder der Empörung. Ihre Erinnerungen sind dabei so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Der Film zeigt: Um spannend und differenziert über die Vergangenheit zu erzählen, braucht es weder einen gemeinsamen … „Kommunikatives Gedächtnis verfilmt“ weiterlesen

So geht Aufarbeitung heute

Jetzt also auch auf Instagram. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur – im Gründungsjahr 1998 erschien der etwas sperrige Name angesichts wenig ausgeprägter Internet-Aktivitäten wohl durchaus adäquat- hat ein neues Social-Media-Angebot etabliert. Auf dem „Bildungskanal ddr_verstehen finden sich gut recherchierte und modern gestaltete Posts“, „ebenso kurzweilig wie anschaulich“ bekommen junge Menschen zwischen 16 und 29 Informationen über die DDR. Selbst wenn man nicht (mehr) zur primären Zielgruppe gehört, lohnt es sich, einen Blick zu riskieren. Der Instagram-Ansatz hat nämlich durchaus seinen Charme, wenngleich der … „So geht Aufarbeitung heute“ weiterlesen

Die DDR in „Ku’damm 63“

Nach „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ nimmt die dritte Staffel der ZDF-Saga das Publikum mit ins Jahr 1963. Die Emanzipationsgeschichte der Schöllack-Schwestern wird mit neuen Herausforderungen gefüllt, und auch ihre Ehemänner müssen einiges durchmachen. Mitten durch die Stadt läuft die Mauer und trennt seit zwei Jahren Kudammer von Pankowern. Der erfolgreiche junge Anwalt Wolfgang von Boost verlässt West-Berlin in Richtung Osten. Freiwillig. Wagt das ZDF einen neuen Blick auf die DDR? Weit gefehlt. Fünf Minuten grün-grau Nicht einmal fünf Minuten spielt der viereinhalbstündige Dreiteiler … „Die DDR in „Ku’damm 63““ weiterlesen