Planet History

Das mediale Erbe der DDR

Deutsch-Deutsches durch die Brille der Werbung

„Der Westen verostet“ – und das schon 2007. Die Werbeagentur Fritzsch & Mackat hat damals zusammen mit der Superillu nach dem „deutsch-deutschen Geheimnis“ gesucht und dabei eine „Ost-Identität“ gefunden, die vieles von dem zu verstehen hilft, was seitdem passiert ist. Vielleicht sogar die Dankbarkeit (oder die Ergebenheit), mit der dieses Land auf die „angekündigte Krise“ reagiert hat, die durch ein Virus getriggert wurde (Schreyer 2020). Normalerweise ignoriert die akademische Sozialwissenschaft die Werbefuzzis. Alles Blendwerk, heißt das Vorurteil. Bunte Folien, die verdecken sollen, dass man … „Deutsch-Deutsches durch die Brille der Werbung“ weiterlesen

Von „Jammer-Wessis“ und Einheits-Vorreitern

Wissenslücken in Sachen DDR schließen und erkunden, was die Vergangenheit mit der Gegenwart zu tun hat: Seit knapp zwei Jahren fördert das BMBF dafür 14 Forschungsverbünde. Jetzt trägt diese Initiative erste Früchte. Das Mainzer Projekt zur psychischen Gesundheit hat eine Studie vorgelegt, die zeigt, wie sich die Bewertung der deutschen Einheit seit 1990 verändert hat und welche Rolle die Binnenmigration beim Zusammenwachsen spielen könnte (Heller et al. 2020). Elmar Brähler, Jahrgang 1946, der den Mainzer Verbund leitet, ist selbst so ein Binnenmigrant: Abitur in … „Von „Jammer-Wessis“ und Einheits-Vorreitern“ weiterlesen

Mensch Lippi

Lippi, natürlich. Komisch, dass mir das nicht sofort eingefallen ist, als ich begonnen habe, nach Medienmenschen aus der DDR zu suchen. Wolfgang Lippert, der erste gesamtdeutsche TV-Star, ein Mann, der schon vor der Wende ganz regulär im Westfernsehen auftreten durfte. Noch besser: Er hat ein Buch geschrieben über seinen Aufstieg und über seinen Fall und damit auch über die Schwierigkeiten mit der deutschen Einheit. Wolfgang Lippert: Wetten dass … Erna kommt?! Mein buntes Leben – schwarz auf weiß. Unter Mitarbeit von Karin Weingart. Berlin: … „Mensch Lippi“ weiterlesen

Es war einmal in Weissensee und in Deutschland 83… So oder anders.

Die Autorin ist lange nach dem Fall der Mauer geboren. Aber sie hat einen Fernseher und einen Laptop. Und natürlich geht sie ins Kino. Sie hat eine ganze Reihe von Filmen über die DDR gesehen, sie kennt das „mediale Erbe“. Sie sucht nach dem „Alten“ (Erbe) im „Neuen“ (Medien) und versucht Realität von Fiktion zu trennen, zum Beispiel im Hinblick auf Szenenbild, Ausstattung und Kostüme. Deshalb hat Sarah Thonig im Rahmen der Vorlesung zum medialen Erbe der DDR die Profis hinter den Kulissen befragt: … „Es war einmal in Weissensee und in Deutschland 83… So oder anders.“ weiterlesen

Die autoimmune Krankheit der DDR

Der Spielfilm Kranke Geschäfte erscheint im Umfeld des 30. Jubiläums der Wiedervereinigung. Erstausstrahlung zur Primetime auf Arte (25.9.) und im ZDF (28.9.), bis September 2021 in der Mediathek verfügbar. Nach Deutschland 86 kommt hiermit ein weiterer Film, der über Medikamentenversuche in der DDR erzählt und die Seilschaften zwischen DDR-Regierung, Kliniken und westlichen Pharmakonzernen aufzeigt. Kranke Geschäfte bemüht sich um einen ambivalenten Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte, doch eins schafft der Film nicht: sich vom „Problemkind DDR“-Narrativ zu lösen. Vom „Schild und Schwert“ zum Störfeuer … „Die autoimmune Krankheit der DDR“ weiterlesen

Gegen das Vergessen – ein Gespräch mit Zeitzeugen

Juni 2020. Man darf sich wieder treffen, wenn man ausreichend Abstand hält. Also halten alle Abstand: das Ehepaar, das aus Ostdeutschland stammt, ihr in Westdeutschland geborener Sohn, die Wissenschaftlerin aus Russland und die Studentin aus Armenien. Und trotzdem entsteht aus gegenseitiger Neugier bald ganz viel Nähe. Ashkhen Arakelyan hat schon in der Vorlesung zum „medialen Erbe der DDR“ viele neue Eindrücke gewonnen, hat sich Filme angesehen, z.B. Weissensee, Sonnenallee und Friendship. Aber dieses Gespräch, der Austausch mit den echten Menschen, berührt sie besonders. Sie hört, wie die Menschen … „Gegen das Vergessen – ein Gespräch mit Zeitzeugen“ weiterlesen

Einheitsroman

„89/90“ von Peter Richter heißt die Antwort auf die Frage, welcher Roman am besten zum runden Einheitsfest passt. Der Autor war selbst dabei, als alles passiert ist, und er kann schreiben. Außerdem lenkt die Lektüre nicht zu sehr von den hegemonialen Narrativen der Gegenwart ab. Peter Richter: 89/90. Roman. München: btb 2017. Eine Rezension von Michael Meyen Ich gebe zu: Ich bin ein wenig neidisch. Peter Richter, Jahrgang 1973 und damit nur ein paar Jahre jünger als ich, kennt all die Details noch, die … „Einheitsroman“ weiterlesen

Bautzen in Serie

Im Rahmen eines Sonderprogramms anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Wiedervereinigung zeigt Arte ab dem 28. September eine Dokumentationsreihe über die ostsächsische Kleinstadt Bautzen. Die zehn im Auftrag des ZDF produzierten Folgen können bereits jetzt online in der Arte-Mediathek abgerufen werden.   Bautzen gilt in der öffentlichen Wahrnehmung nicht erst seit dem Brandanschlag auf eine geplante Asylbewerberunterkunft im Februar 2016 als „braunes Nest“. Als Ort, an dem Neonazis, Identitäre und Rechtskonservative den Ton angeben. Diese Zuschreibung kommt sicher nicht von ungefähr. An den Häuserwänden finden … „Bautzen in Serie“ weiterlesen

Dieselbe Fluchtgeschichte, zwei Perspektiven, zwei Filme

Am 16. September 1979 überflogen zwei thüringische Familien in einem selbstgebauten Heißluftballon die innerdeutsche Grenze. Eine ebenso wahre wie dramatische und hochemotionale Geschichte. Die erste filmische Bearbeitung ließ deshalb nicht lange auf sich warten. Und sie kam natürlich aus Hollywood. Erst 2018, 36 Jahre nach der ersten Version, folgte ein deutscher Kinofilm. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit hat Stefanie Köppl die beiden Filme miteinander verglichen. Ihr Fazit: Die jeweiligen politischen Rahmenbedingungen und die Perspektive der Macher beeinflussten die inhaltliche und dramaturgische Bearbeitung stark. Jeder Film … „Dieselbe Fluchtgeschichte, zwei Perspektiven, zwei Filme“ weiterlesen

Ansichten eines Kameramanns

Leonie Lange wusste sofort, über wen sie ihren Essay schreiben würde. Ihr Beitrag zur Vorlesung „Das mediale Erbe der DDR“ ist ein ganz persönlicher. Denn ihr Vater, Jahrgang 1950, ist selbst ein Teil davon. Der Kameramann hat lange Jahre im Osten und später dann auch im Westen als Kameramann gearbeitet. Sozialisiert in einem Staat, in dem die Pressefreiheit nur auf dem Papier existierte. Und trotzdem oder gerade deshalb ein wichtiger Medienmensch. Mein Vater, der Medienmensch Von Leonie Lange Die Medienkarriere meines Vaters (1950 in … „Ansichten eines Kameramanns“ weiterlesen

Nochmal Techno, diesmal persönlich

„Ü“ oder „Ei“? Paul van Dyk hat diese Frage mitgeschleppt aus einer Jugend in der DDR, in der er noch Matthias Paul hieß und sich um die Aussprache von Namen keine Gedanken machen musste. Eisenhüttenstadt und der Osten Berlins haben der erfolgreichsten DJs der Welt hervorgebracht. Auch deshalb hat es Pauls Buch in diesen Blog geschafft, obwohl er eigentlich über seinen Unfall schreiben will und darüber, wie man selbst die härtesten Schläge des Schicksals verkraften kann, wenn man etwas Glück hat und vor allem … „Nochmal Techno, diesmal persönlich“ weiterlesen

Rammstein, Paul van Dyk und die deutsche Nation

Nazis, die KZ-Häftlinge foltern. Stasi-Bonzen, die saufen und huren. Neun Minuten voller Gewalt und Perversion. Das Video zum Titel Deutschland der ostdeutschen Band Rammstein ist ein verstörender Bilderrausch, der es schwer macht, sich mit dem Deutschsein auszusöhnen. Ein Beitrag zur Konstruktion nationaler Identität? Ja. Aber ein gänzlich anderer als das Video zu Wir sind Wir von DJ Paul van Dyk, das der Sehnsucht nach einer verbindenden Vaterlandsliebe eine Projektionsfläche bietet. Jakob Irler zeigt in seiner Analyse, dass Kunst Aushandlungsprozesse induziert, begleitet und spiegelt. Auch in Musikvideos.  „Im Geist getrennt, im Herz … „Rammstein, Paul van Dyk und die deutsche Nation“ weiterlesen

Das ZDF, der MDR und der DDR-Alltag

Wenn sich die Spielfilme an das Thema „DDR“ wagen, erzählen sie spektakuläre Geschichten über die Grausamkeiten der Diktatur. Im Wettlauf um Fördergelder und die Aufmerksamkeit des Publikums bleibt der „ganz normale Alltag“ ein blinder Fleck. Dokumentarfilme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks versuchen, diese Lücke zu schließen. Faktenbasiert, ausgewogen, unparteiisch? Fehlanzeige. Auch dort wird um Deutungsmacht über die DDR-Geschichte gerungen. „Spirit of 76“ ist am Start. Der Countdown läuft. Drei, zwei, eins… Los! Doch die Reise zu den Sternen endet nach nicht einmal einem Meter. In einem … „Das ZDF, der MDR und der DDR-Alltag“ weiterlesen

Von Ferienplätzen, Neubauwohnungen und Vertragsarbeitern

Auferstanden im Verbrechen. Max Annas, 1963 in Köln geboren, schreibt 30 Jahre nach dem Mauerfall Krimis, die in der DDR spielen. Gehört das zum medialen Erbe dieses verschwundenen Landes? Komische Frage, die niemand stellen würde, wenn es um Sonnenallee ginge oder um Das Leben der Anderen. Oberleutnant Otto Castorp gehört auf jeden Fall ins Kino. Bis es soweit ist, lesen wir die Bücher von Max Annas. Max Annas: Morduntersuchungskommission. Roman. Hamburg: Rowohlt 2019. Eine Rezension von Michael Meyen Ich bin kein großer Krimileser. Eigentlich … „Von Ferienplätzen, Neubauwohnungen und Vertragsarbeitern“ weiterlesen

Techno als DDR-Erbe?

In den Tagen nach dem Mauerfall schlug die Stunde des Techno. Die Begeisterung für diese elektronische Musikrichtung führte Jugendliche aus Ost und West zusammen, ließ sie gemeinsam von einer neuen Weltordnung, von Frieden und Grenzenlosigkeit träumen. Die Medien beschworen den Mythos vom „Sound der Wende“, Berlin entwickelte sich zur Welthauptstadt des Techno. Clara Löffler beschäftigte sich im Rahmen der Vorlesungsreihe „Das mediale Erbe der DDR“ mit dem „Freiheitstanz“.  Der Sound der Wende Von Clara Löffler In Zeiten, in denen Techno entweder der Kommerzialisierung oder … „Techno als DDR-Erbe?“ weiterlesen

Matthias Freihof: „Der Mauerfall war ein Rückschritt für alle Schwulen im Osten“

Paulina Krauth ist es gelungen, für ihr Essay in der Vorlesungsreihe „Das mediale Erbe der DDR“ mit „Coming-Out“-Star Matthias Freihof zu sprechen. Wer diesen Film von Heiner Carow nicht kennt: „Coming Out“ brachte das Thema Homosexualität auf die große DDR-Leinwand – und das ausgerechnet am 9. November 1989. Homosexualität und Medien in der DDR: das Beispiel „Coming Out“ (1989) Von Paulina Krauth Der Film „Coming Out“ war wie die ostdeutsche Schwulenrechtsbewegung kein Produkt einer koordinierten staatlichen Initiative. Vielmehr kann die Produktion Heiner Carow zugeschrieben … „Matthias Freihof: „Der Mauerfall war ein Rückschritt für alle Schwulen im Osten““ weiterlesen

Zwischenbilanz zur Einheit

Trotz Corona: Deutsch-deutsche Themen haben in der politischen Bildung weiter Konjunktur. Nicht einmal ein Jahr nach ihrer Wahl- und Jubiläumsausgabe mit dem Titel „Das letzte Jahr der DDR“ legt die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ nach und liefert in sieben Texten eine Bestandsaufnahme mit dem Titel „Deutsche Einheit“. Wer nicht viel Zeit hat und die Essenz einer solchen Nummer sucht, wird in aller Regel vom APuZ-Editorial sehr gut bedient. Anne-Sophie Friedel schreibt hier neben dem „Deutungskampf“, der gerade läuft (wer sagt was über Treuhand, … „Zwischenbilanz zur Einheit“ weiterlesen

Ein Riss, herbeigeschrieben

„Ein Erbe der DDR“ heißt gleich das vierte Kapitel in diesem Buch. Knapp 20 Seiten über „staatlich verordneten Antifaschismus“ (S. 56), über „aggressiven Nationalismus“ als Begleitmusik des 89er Herbstes (S. 57) und vor allem über das „rassistische Reinheitsgebot“ (S. 59), das Michael Kraske überall im Osten findet und auf eine Vergangenheit zurückführt, in der kaum jemand lernen konnte, wie bereichernd es sein kann, „Menschen anderer Herkunft“ um sich zu haben (S. 54). Michael Kraske: Der Riss. Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört. … „Ein Riss, herbeigeschrieben“ weiterlesen

Nicht mal in der Stasi…

Sie war auf keiner Demo, hat „immer die Klappe gehalten, weil man ja wusste, was sonst passieren konnte.“ Keine Fluchtversuche, keine oppositionelle Künstlerin, aber auch kein Parteimitglied, nicht mal in der Stasi. Die Mutter der Journalistin Katharina Thoms hat ihr halbes Leben in der DDR verbracht, hat sich mit dem System arrangiert, wie die meisten. Und trotzdem widmet ihr die Ost-West-sozialisierte Tochter – gleich nach dem Abitur 1999 ging Thoms zum Studium nach Tübingen – einen mehrteiligen Podcast. Einen mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Podcast. … „Nicht mal in der Stasi…“ weiterlesen

Zensur, der Sommer 1989 und die Forschung von heute

Auch das gehört offenbar zum Medienerbe der DDR: Christian Gläßel und Katrin Paula schauen in das Jahr 1989 und zeigen, dass mehr Zensur nicht automatisch mehr Stabilität erzeugt, sondern nach hinten losgehen kann – vor allem dann, wenn es glaubwürdige Alternativquellen gibt. Mit dieser Studie haben es die beiden Mannheimer Politikwissenschaftler in eine US-Zeitschrift und in das Grafik-Magazin Katapult geschafft (Ausgabe 17/2020). Das Problem: Sie schauen nur auf ihre Daten und blenden den Kontext aus. Historische Forschung geht anders. Okay: Das American Journal of … „Zensur, der Sommer 1989 und die Forschung von heute“ weiterlesen

Birk Meinhardt, die SZ und das Ende der Illusionen

Manchmal kommt das Glück per Post. „Ich schicke Ihnen heute dieses höchst bemerkenswerte Buch“, schreibt die Pressefrau vom Eulenspiegel-Verlag. Birk Meinhardt. Das klingt gut. Fast noch besser klingt das, was im Begleitbrief steht. „Kein Krach- und Skandalbuch“, sondern die Geschichte einer „zunehmenden persönlichen Enttäuschung“ – geschrieben von einem der Medienmenschen, um die es in meinem Forschungsprojekt geht. Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch. Berlin: Das Neue Berlin 2020 Eine Rezension von Michael Meyen In diesem Projekt möchte ich wissen, ob es … „Birk Meinhardt, die SZ und das Ende der Illusionen“ weiterlesen

Maxie Wander reloaded

Ein Buch über Männer. Ein Buch über Ost-Männer. Geht das nach alldem, was in den letzten Jahren passiert ist? Nach Pegida, AfD, MeToo? Es geht. Es macht sogar Spaß. Greta Taubert lässt 16 Ostdeutsche sprechen und wandelt dabei auf den Spuren der großen Maxie Wander. Greta Taubert: Guten Morgen, Du Schöner. Begegnungen mit ostdeutschen Männern. Berlin: Aufbau 2020 Eine Rezension von Michael Meyen Ich muss vorwegschicken, dass ich so ein Ost-Mann bin. Einer von denen, für die sich Greta Taubert hätte interessieren können. Ein … „Maxie Wander reloaded“ weiterlesen

Parteifunktionär, Zeitzeuge, Historiker

Egon Krenz ist ein vorbildlicher Zeitzeuge. Wer sich mit der DDR, mit dem Umbruch 1989/90 oder mit dem Schicksal von Spitzenfunktionären der SED beschäftigen möchte, findet in seinen Büchern Material und Perspektiven, die über die Archive hinausreichen. Krenz ist so zum medialen Erbe der DDR geworden. Egon Krenz: Wir und die Russen. Die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau im Herbst ’89. Berlin: edition ost 2019 Eine Rezension von Michael Meyen Dieses Buch hat es gleich zweimal in die Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung geschafft – … „Parteifunktionär, Zeitzeuge, Historiker“ weiterlesen

Die gängigen Narrative herausfordern

Seit Dezember 2018 gehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in München, Potsdam und Berlin dem medialen Erbe der DDR auf den Grund. Nach anderthalb Jahren Archivrecherchen und Medienanalysen präsentieren Kolleginnen und Kollegen vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) ihre ersten Ergebnisse auf dem Portal zeitgeschichte|online. Vier lesenswerte Beiträge stellen die gängigen Narrative der DDR-Forschung auf den Prüfstand und warnen: Vorsicht vor zu schnellen Urteilen im Eifer der Kritik. September 2019. Nach der Premiere des digitalen Schmalfilm-Archivs „Open Memory Box“ gab Ilka Brombach den Startschuss für das … „Die gängigen Narrative herausfordern“ weiterlesen

Rockgeschichte monumental

Dieses Buch fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. Das beginnt schon beim Format (30 mal 25 Zentimeter) und hört beim Gewicht nicht auf. Ein Ziegelstein, geeignet für jedes Aufbautraining. Lutz Kerschowski und Andreas Meinecke haben der Rockszene der DDR ein Denkmal gesetzt. Lutz Kerschowski, Andreas Meinecke (Hrsg.): Östlich der Elbe. Songs und Bilder 1970-2013. Berlin: Ch. Links Verlag 2020. Eine Rezension von Michael Meyen Ich weiß gar nicht, was ich zuerst loben soll. Die Bilder. Die Essays. Das Layout. Die Auswahl der Songtexte. … „Rockgeschichte monumental“ weiterlesen

Von den Schwierigkeiten mit der Vergangenheit

Der Titel dieses Dok-Films ist DDR-Erbe pur: „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“. Regisseur Florian Kunert, Jahrgang 1989, ist nach Neustadt in Sachsen gefahren und hat festgehalten, wie stark der untergegangene deutsche Staat selbst Nachgeborene wie ihn noch prägt. So ein Online-Festival hat auch Vorteile. Man kann die Filme perfekt in den Tagesablauf einbauen und verpasst vor allem das Q&A nicht. Wer weiß, ob Florian Kunert überhaupt zum Dokfest nach München gekommen wäre. So aber sitzt er jederzeit zum Interview bereit und kann die Geschichte … „Von den Schwierigkeiten mit der Vergangenheit“ weiterlesen

Zurück aus dem Exil

Yana Milev ist in diesem Blog schon gewürdigt worden – als Stimme in der Corona-Krise, die das Gestern und mit dem Heute verlinkt (vgl. Tröger 2020). In ihrem Buch „Das Treuhand-Trauma“ steckt mehr. Deshalb ein zweiter Aufschlag, der über das hinausgeht, was Verlag und Autorin im Netz und in Interviews dazu veröffentlicht haben. Yana Milev: Das Treuhand-Trauma. Die Spätfolgen der Übernahme. Berlin: Das Neue Berlin 2020. Eine Rezension von Michael Meyen „Ich bin Opfer“, sagt Yana Milev gleich zu Beginn. Sie muss das sagen, … „Zurück aus dem Exil“ weiterlesen

Warum die DDR entschwindet

Zeitläufte, Schule und Filmförderung leisten ganze Arbeit: Wer um 2000 geboren wurde, im Süden oder Westen aufgewachsen ist und jetzt in München Kommunikationswissenschaft studiert, hat zur DDR die größte denkbare Distanz. Ein graues Land, in jeder Hinsicht weit entfernt und ein guter Grund, das Leben in „Freiheit“ und mit den „richtigen“ Geschichtsbüchern zu lieben. Die Vergangenheitspolitik hat folglich ganze Arbeit geleistet. Für ein anderes DDR-Bild und mehr Interesse braucht es Zufälle, die immer mit Menschen zu tun haben: mit der eigenen Familie, mit dem … „Warum die DDR entschwindet“ weiterlesen

Die DDR bei Moritz von Uslar: Saufen gegen die Langeweile

Cornelius Pollmer hat Moritz von Uslar in der Süddeutschen Zeitung freigesprochen. Falsch der Vorwurf, der Reporter sei „ausschließlich fixiert auf Männlichkeitsquatsch“. Falsch auch der Vorwurf, er erhebe sich „über die Menschen in Zehdenick“. Das Buch „Nochmal Deutschboden“, sagt Cornelius Pollmer, sei „schlicht ein gutes Dokument unserer Zeit“. Also auf zu einer Dokumentenanalyse. Moritz von Uslar: Nochmal Deutschboden. Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2020. Eine Rezension von Michael Meyen Cornelius Pollmer ist natürlich Partei. Ein Jahr vor Moritz von Uslar … „Die DDR bei Moritz von Uslar: Saufen gegen die Langeweile“ weiterlesen

Bilanz der Deutschen Einheit beim „Warten auf’n Bus“

Seit dem 15. April ist in der ARD-Mediathek die neue RBB-Serie „Warten auf’n Bus“ abrufbar. Acht Folgen lang kann man dort den beiden Protagonisten Ralle (Felix Kramer) und Hannes (Ronald Zehrfeld) zusehen, wie sie Tag für Tag an einer Busendhaltestelle irgendwo in Brandenburg sitzen, trinken, streiten und über das Leben philosophieren. Insgesamt fielen die Kritiken zur neuen RBB-Produktion positiv aus. Die Berliner Morgenpost handelte sie als „Geheimtipp“. Die Welt gar als „großartigste deutsche Serie“. Doch wenn Welt-Autor Elmar Krekeler schreibt „Sie handelt von nichts. … „Bilanz der Deutschen Einheit beim „Warten auf’n Bus““ weiterlesen

Die Vorlesung im Zeichen von Corona: Läuft!

Gestern, am 23. April 2020, hätte Michael Meyen den Startschuss für die Vorlesungsreihe „Das mediale Erbe der DDR“ geben sollen, im ehemaligen Gebäude von Radio Free Europe am Englischen Garten. Doch Corona und Markus Söder diktieren seit Wochen auch den Uni-Alltag. Zum Start des Sommersemesters heißt es: alles digital. Und wir müssen das „Neuland“ entdecken. Hier die ersten Einblicke in eine Vorlesung im Zeichen der Corona-Krise. Als wir im Spätsommer 2019 angefangen haben, die Vorlesungsreihe „Das mediale Erbe der DDR“ zu konzipieren, hat noch … „Die Vorlesung im Zeichen von Corona: Läuft!“ weiterlesen

Trist, Trister, Tannbach

Ausgewogen, hat ein Kollege über diese Serie gesagt. Ost und West nehmen sich da irgendwie nichts. Es geht um „Tannbach“, zehn ZDF-Stunden, produziert 2015 und 2018, längst auf Netflix. Recht hat er, der Kollege. Nur: Leben möchte man in beiden deutschen Ländern nicht. Zur Erinnerung: „Tannbach“ ist ein Dorf, das in dieser Filmwelt direkt an der Grenze liegt, in Thüringen, da, wo sich nach einem kurzen Intermezzo im Frühsommer 1945 die Besatzungszonen der Sowjetunion und der USA treffen und später DDR und BRD. Das … „Trist, Trister, Tannbach“ weiterlesen

Frischer Ost-Blick

Die Idee war perfekt: Ein Buch über den Osten, geschrieben von einer jungen Frau, die erst nach und nach gemerkt hat, dass sie ein „Ossi“ ist, und genau deshalb den Diskurs verändern kann – jetzt, ein paar Wochen vor den Jubelfeiern zu 30 Jahren Einheit. Dann kam ein Virus, und niemand weiß, ob nicht auch das „Ostbewusstsein“ unter seinen Opfern sein wird. Valerie Schönian: Ostbewusstsein. Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die deutsche Einheit bedeutet. München: Piper 2020. Eine Rezension … „Frischer Ost-Blick“ weiterlesen

Die DDR in Unterleuten

„Meine Welt gibt es nicht mehr“, sagt Kron im dritten Teil zu Hilde Kessler, mit einem Blick, der so traurig ist wie die vielen Falten in seinem Gesicht. Hilde hat trotzdem kein Mitleid. „Das geht hier den meisten so.“ Krons „Welt“ war die DDR, die in „Unterleuten“ überhaupt nicht zu sehen ist und den Film doch trägt. Dieser Kron wird von Hermann Beyer gespielt, 1943 in Altenburg geboren und berühmt geworden an den Berliner Theatern der DDR. Gorki, Volksbühne, BE. Beyer weiß, wie man … „Die DDR in Unterleuten“ weiterlesen

Corona und 1989/1990

Laut der Soziologin Yana Milev sei der„Corona“-Ausnahmezustand vergleichbar mit 1989/1990. Geschaffen werde ein rechtsfreier Raum, in dem neoliberale Umverteilungen und Gesellschaftsumbau nach klaren Politik- und Wirtschaftsinteressen stattfinden würden. DDR-Bürger hätten das bereits erlebt. Yana Milev, 1964 in Leipzig geboren, ist Kultursoziologin. In ihrem Buch „Das Treuhand-Trauma. Die Spätfolgen der Übernahme“ seziert sie die Auswirkungen der „Bonner Abwicklungs- und Anschlusspolitik“ und analysiert deren mediale Begleitung. Ihre Thesen sind radikal und kontrovers. Milev widerspricht der Behauptung von der erfolgreichen „Transformation des Ostens“ und räumt mit liebgewonnenen … „Corona und 1989/1990“ weiterlesen

Im Osten nichts Neues: Von Ostalgikern, Tätern, Opfern und der DDR-Pleite

„Die verschwundene Heimat. Wie sich der Osten an die DDR erinnert.“ Der Titel einer 45-minütigen Doku in der ARD-Mediathek klingt vielversprechend. Wer nun, so wie ich, eine breite Palette von DDR-Erinnerungen erwartet, wird jedoch enttäuscht sein. Spätestens nach der Hälfte des von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geförderten Films wird klar: Hinter „dem Osten“ verbergen sich drollige Ostalgiker, Opfer des DDR-Regimes und ehemalige Funktionäre aka Täter. Trotz der Stimmenvielfalt (17 Interviewte!) erzählt der Film im Grunde nichts Neues und bewegt sich im gewohnten … „Im Osten nichts Neues: Von Ostalgikern, Tätern, Opfern und der DDR-Pleite“ weiterlesen