Planet History

Die Anachronistin

#39 – Zwei Sommer in Amsterdam

Fast 30 Grad im Schatten. Um mich herum wuseln Menschen mit Regenbogenflaggen und wackelnden Penis-Hörnchen-Haarreifen. Sie plappern fröhlich. Ein Mix aus Sprachen. Hinter mir rattert eine Bahn vorbei, Fahrräder, Bromfietsen … mir wird ganz schwindelig, während ich auf das Haus starre, in dem die Widerstandszeitschrift Kameradschaft entstanden ist. Es ist eingehüllt in eine riesige, weißgraue

Continue Reading

Das Wettrennen ist zu Ende

Heute Nacht hat mein Vater Dietrich Hespers, der Sohn des Widerstandskämpfers Theo Hespers, seine letzte große Reise angetreten. Oder wie man in seinen bündischen Kreisen sagt: die letzte große Fahrt. Er war ein ebenso unterhaltsamer wie streitbarer Mensch. Ein wacher Geist. Unbequem, unangepasst, provokant – aber eben auch ein großer und großartiger Erzähler, ein Glücksritter,

Continue Reading

#35 – Die Kameradschaft: Schriften junger Deutscher. Teil 3

Eigentlich galt mein Interesse in der ersten Ausgabe der Kameradschaft nur den beiden Artikeln von Plato und meinem Großvater. Aber weil mich in Sachen niederländisch ein bisschen der Ehrgeiz gepackt hat, hab ich mir auch noch die “Einleitenden Worte zu einer Besprechung zwischen niederländischen und deutschen Jugendleitern” durchgelesen. In dieser Einleitung erklärt der niederländische Jugendleiter

Continue Reading

#34 – Die Kameradschaft: Schriften junger Deutscher. Teil 2

Während sich Plato vor allem mit dem militärischen Teil und den innenpolitischen Querelen des NS-Regimes auseinandersetzt, liegt der Fokus von meinem Großvater ganz klar auf dem, was der katholischen Jugend passiert. Beziehungsweise mit den Leitern der katholischen Jugendgruppen. Sein Artikel beschäftigt sich mit dem Rossaint-Prozess. Am 28. April 1937 steht in Berlin ein katholischer Priester

Continue Reading

#33 – Die Kameradschaft – Schriften junger Deutscher. Teil 1

November 1937 – der erste Versuch der Widerstandsgruppe, sich im niederländischen Exil gegen die Nazis zu verbünden ist gescheitert. Aber mein Großvater Theo und sein Freund Plato alias Dr. Hans Ebeling denken gar nicht daran aufzugeben. Im Gegenteil. Es ist ihnen gelungen, genug Geld aufzutreiben, um eine eigene Zeitschrift zu gründen: “Kameradschaft – Schriften junger

Continue Reading

#31 – Ein Komplott und eine bemerkenswerte Frau

Ganze zwei Wochen bleibt die “Deutsche Jugendfront” bestehen. Zumindest in dem, was sie sich zum Ziel gesetzt hatte: sich als offizieller Vertreter der deutschen Jugendverbände zu positionieren und damit die Hitlerjugend aus dem Rennen zu werfen. Sie scheitert an einem Komplott, geschmiedet vom Berliner Publizisten Arnold Littmann. Der wiederum dadurch versucht hat, sich selbst aus

Continue Reading

#29 – Das Kreuz mit dem Kreuz

Bevor mein Großvater zusammen mit seinem Weggefährten Plato im Juli 1937 die Widerstandszeitschrift “Die Kameradschaft” gründet, schreibt er bereits für andere Publikationen. Eine davon: Der Deutsche Weg – eine katholische Widerstandszeitschrift, die 1934 vom Jesuitenpater Friedrich Muckermann im niederländischen Oldenzaal gegründet wurde. Die Mitarbeit an dieser Zeitschrift war meinem Großvater aus zweierlei Gründen wichtig: Zum

Continue Reading

#28 – Von Widerstand und Terrorismus

1937 nimmt die Geschichte meines Großvaters so langsam wieder Fahrt auf. Und endlich finden die Protagonisten zusammen, die im Juli 1937 entscheiden werden: Es ist Zeit für eine weitere Widerstandszeitschrift. Für einige von ihnen das Todesurteil. Es ist immer wieder einigermaßen verrückt, eine Geschichte rückwärts zu lesen, deren Ende man schon kennt. Vielleicht ist das

Continue Reading

#27 – Beste Kontakte ins Reich (2)

Kennt ihr die Theorie von der wellenförmigen Bewegung, die Zivilisationen durchlaufen? Wir entwickeln uns, erreichen ein zivilisatorisches Hoch gekennzeichnet durch schnelle Entwicklung, Reichtum und Frieden, und dann geht’s wieder eine Runde abwärts. Menschen werden ärmer, die Entwicklung stagniert und statt friedlich miteinander zu leben, brechen wir einen Krieg vom Zaun, nur um in der Folge

Continue Reading

Eindhoven: Eine schicksalhafte Begegnung

Neben aller politischer Aktivität, war mein Großvater auch um das Wohl seiner Familie besorgt. So wie in Helmond konnte es nicht weitergehen. Es gab keine Möglichkeit, den Reformladen weiterzuführen, mit seiner Frau lag er ständig im Streit und sein Sohn hatte sich in Ermangelung anderer Spielkameraden bei den Wasserratten mit einer fiesen Hautkrankheit angesteckt. Nein,

Continue Reading

Helmond: Noch ein Spion?

Es war nicht ratsam, sich bei meinem Großvater in Helmond blicken zu lassen. Und doch haben es einige versucht. Einer davon war Hubert Giffels, ebenfalls Mitglied der bündischen Jugend. Mein Vater erinnert sich seltsamerweise ziemlich genau an diesen Besuch. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass die Zeit in Helmond ansonsten so ereignislos war. Wenn mein

Continue Reading

Plato und Pläne

In der Biografie meines Großvaters erscheint die Zeit in Helmond wie ein Loch. Eine Zeit ohne Ereignisse. Zäh wie Kaugummi. Und doch entspinnen sich hier die ersten Fäden zu einer später absolut waghalsigen Geschichte. Aber eben langsam – und sehr, sehr leise. Die Wohnung in Helmond liegt direkt über einer Kneipe. Wahrscheinlich eine Art Gästezimmer.

Continue Reading

Over de Waterkant

Als Ende 1934 die Freunde meines Großvaters reihenweise verhaftet und zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt werden, wird es still in dem kleinen Bauernhaus an der holländischen Grenze. In einem Film wäre das die Stelle, wo die Nadel vom Plattenteller rutscht, ein Glas zerbricht – und statt schallendem Gelächter und Musik plötzlich nur noch der Wind rauscht.

Continue Reading

Ein Geheim-Gefängnis und große Pläne

Wo immer Bilder von Widerstandskämpfern auftauchen, suche ich nach dem Gesicht meines Großvaters. Auch in der Topographie des Terrors gab es eine große Bilderwand. Darauf zu sehen: bekannte Häftlinge des Gestapo-Hausgefängnisses in Berlin. Das Gesicht meines Großvater war nicht dabei. Dafür ist mir ein anderes Portrait ins Auge gesprungen: das von Franz Dahlem. Gerade wünsche

Continue Reading

Erste Station: Melick

Wir befinden uns im Sommer 1933, im niederländischen Örtchen Melick – ca. 10 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Zu Fuß braucht man ungefähr fünf Stunden bis Mönchengladbach. Mit dem Fahrrad braucht man knapp zwei Stunden. Hier hat mein Großvater das erste Mal versucht, sich nach der Flucht eine neue Existenz aufzubauen. Es ist ein

Continue Reading

Zwischen den Zeiten – Teil 3

Historische Orte sind immer ein bisschen seltsam. Und Berlin hat ganz schön viele davon. Vor allem da, wo die ganzen Regierungsgebäude sind, schreien einen die Epochen regelrecht an. Ich bin in der Niederkirchner-Straße 8 verabredet in der Topografie des Terrors. Direkt gegenüber dem Abgeordnetenhaus und dem Martin-Gropius-Bau. Vor mir fahren doppelstöckige Touribusse vorbei. Und ich

Continue Reading

Zwischen den Zeiten – Teil 1

Berlin. Dorthin haben sie meinen Großvater gebracht, nachdem sie ihn in Antwerpen mit gefälschten Lebensmittelmarken erwischt und festgenommen haben. Zuerst ins Marinegefängnis nach Wilhelmshaven – und dann nach Berlin. Ins “Hausgefängnis” der Geheimen Staatspolizei im Reichssicherheitshaupt. Prinz-Albrecht-Straße 8. Da will ich hin. Dienstag früh bin ich los. Statt Klamotten für drei Tage habe ich vor

Continue Reading