Planet History

Geschichtsblog

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Bericht über einen moralischen SS-Richter. (Englisch)

– Die Washington Post erklärt die verschiedenen Traditionen, die sich aus der US-Unabhängigkeitserklärung ergeben haben, besonders in Bezug auf die Sklaverei. (Englisch)

–  Bei Slate gibt es eine animierte Grafik des Sklavenhandels. (Englisch)

– Und wer schon immer mal wissen wollte, die wie Parteitage der US-Nazis und US-Kommunisten am Vorabend des Zweiten Weltkriegs aussahen – hier. (Englisch) Besonders interessant, wie sie die Präsidenten für sich zu vereinnahmen suchen.

Fundstücke

Von Stefan Sasse- Woher kamen die Verluste der Roten Armee? – Geschichte des deutschen U-Boots, das die Geheimwaffen nach Japan bringen sollte – Die SZ hat eine Fotostrecke zur italienischen Front im Ersten Weltkrieg.- Vox hat was zur Geschic…

Fundstücke

Von Stefan Sasse- Woher kamen die Verluste der Roten Armee? – Geschichte des deutschen U-Boots, das die Geheimwaffen nach Japan bringen sollte – Die SZ hat eine Fotostrecke zur italienischen Front im Ersten Weltkrieg.- Vox hat was zur Geschic…

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Beeindruckender Bericht von einer 70jährigen, die mit ihrer Familie Auschwitz besuchte.

– Wie Kohl die Welt sieht

– Nazi-Versteck im Dschungel Argentiniens entdeckt. Die Typen waren selbst auf der Flucht besessen von megalomanischen, völlig unpraktischen Lösungen. 

– Türkische Geschichtsbücher sind ein gutes Beispiel dafür, warum ein halbwegs ideologiefreier Geschichtsunterricht wichtig ist.

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Beeindruckender Bericht von einer 70jährigen, die mit ihrer Familie Auschwitz besuchte.

– Wie Kohl die Welt sieht

– Nazi-Versteck im Dschungel Argentiniens entdeckt. Die Typen waren selbst auf der Flucht besessen von megalomanischen, völlig unpraktischen Lösungen. 

– Türkische Geschichtsbücher sind ein gutes Beispiel dafür, warum ein halbwegs ideologiefreier Geschichtsunterricht wichtig ist.

Die unwahrscheinlichen Weltkriege

Von Stefan Sasse
Hitler in Paris, 1940
Aus der Retrospektive betrachtet wirkt es häufig so, als ob die zwei Weltkriege, die im 20. Jahrhundert von Deutschland ausgingen, unvermeidbar und gewissermaßen in vorbestimmt gewesen waren. Diese Sicht täuscht jedoch. Weder der erste noch der zweite Weltkrieg waren unvermeidliche Ereignisse, nicht einmal bis kurz vor (oder nach) ihrem jeweiligen Beginn. Dies mag zuerst etwas merkwürdig erscheinen. Es soll hier auch kein Revisionismus betrieben werden; vielmehr geht es darum, einige Mythen zu entzaubern, die einem unverstellten Blick auf die Geschehnisse entgegenstehen. Zu diesem Zweck sollen im Folgenden beide Weltkriege auf die Wahrscheinlichkeit hin untersucht werden, dass sie sich zu der Katastrophe entwickeln, die sie schlussendlich darstellten.

Der Erste Weltkrieg entstand letztlich aus der Kette von Ereignissen, die sich nach dem Attentat auf den habsburgischen Thronfolger in Sarajevo herausbildete. Die untereinander verbundenen Großmächte und entstehenden Zwänge sind hinreichend bekannt und brauchen hier nicht wiederholt werden; Furcht vor dem Verlust der Initiative, dem Verlust der strategischen Lage (etwa durch Statusverlust gegenüber Bündnispartnern oder Bruch eines Bündnisses) und die Unmöglichkeit, die gegnerischen Intentionen akkurat einzuschätzen sorgten bis zum August für den Beginn eines blutigen Reigens, der vier Jahre lang andauern sollte. Oftmals hört man auch heute noch, dass die waffenstarrenden, stets kriegsbereiten Bündnisse einen Konflikt zu irgendeinem Zeitpunkt praktisch unvermeidlich machten. Dass dies nicht zutreffend ist, habe ich bereits an anderer Stelle im Essay „Blick in den Abgrund“ deutlich gemacht.
Alfred von Schlieffen
Die Reaktionen der verschiedenen Diplomaten und Außenpolitiker während der Juli-Krise besitzen selbst keinen Automatismus. Bis zu den Mobilmachungen und den mit ihnen verbundenen Kriegserklärungen gab es zahlreiche Möglichkeiten, die Krise zu entschärfen. Aber was, wenn die Julikrise gar nicht erst ausgebrochen wäre, etwa weil Franz Ferdinand nicht noch ins Krankenhaus fährt? Wäre dann schlicht irgendwann später ein Ereignis eingetreten, das den Waffengang doch unvermeidlich gemacht hätte? An dieser Stelle lohnt es sich, die Fixierung besonders der deutschen Militärs auf die sich strategisch verschlechternde Lage Deutschlands einzugehen. Die russische Armee steigerte zwischen 1913 und (dem 1914 noch hypothetischen) 1916 ihre Kampfbereitschaft deutlich, sowohl durch technische Modernisierungen als auch durch mit französischem Kapital gebaute strategische Eisenbahnlinien. Die offensive deutsche Kriegsplanung aber sah vor, wegen der praktischen Unmöglichkeit einen Abnutzungskrieg gegen die Entente zu gewinnen einen schnellen Schlag vor der russischen Mobilmachung gegen Frankreich zu führen. Die die Militärs nicht müde wurden zu betonen wäre diese Strategie ab 1916 nicht mehr möglich gewesen, ja, hätte sich hier das Zeitfenster für jeden ernsthaften Offensivplan geschlossen. 
Angenommen, es hätte nun bis 1916 (oder, um das Argument sogar noch deutlicher zu machen, 1920) keinen bewaffneten Konflikt gegeben. Für Deutschland konnte die Konsequenz nur sein, den Krieg nicht mehr als Option zu betrachten, so wie es in den 1920er Jahren praktisch alle Großmächte auch taten. Wenn aber Krieg keine Option mehr ist, muss dem eine diplomatische Umgewichtung entgegenstehen. Abrüstungsinitiativen wie etwa die amerikanischen zu Beginn der 1920er Jahre (wie ich sie in „Aufstieg und Fall der liberalen Weltordnung“ beschrieben habe) wären hier eine Möglichkeit. Das Szenario ist nicht so absurd, wie es auf den ersten Blick scheint. In der Haager Konferenz, aus der schließlich die Haager Landkriegsordnung von 1907 hervorging, hatte Russland ähnliche Vorschläge gemacht, weil es sich damals in einer ähnlich unterlegenen Position sah wie Deutschland zehn Jahre später. Der Unterschied aber wäre, dass der Rüstungswettlauf gerade in den Jahren zwischen 1900 und 1914 immer gewaltigere Kosten verursachte, die kaum mehr zu stemmen waren, was die Anreize für alle Beteiligten gegenüber 1907 erhöhte. 
Abzeichen der französischen Maginot-Besatzung
Gleichzeitig ist es denkbar, dass sich die Einsicht durchgesetzt hätte, dass die Unmöglichkeit eines Offensivkriegs eine Defensivstrategie notwendig macht. Wenn auf allen Seiten die korrekte Analyse gezogen worden wäre, dass mit dem damals aktuellen Waffenarsenal die Defensive die Oberhand über die Offensive hatte (eine Lektion, die 1915 erst blutig gelernt werden musste) wäre ein weiterer Anreiz für das Suchen nichtmilitärischer Lösungen gefunden gewesen. Der Erste Weltkrieg erscheint unter diesem Gesichtspunkt als ein Unfall, eine Anomalie, und nicht als ein unabwendbares Ereignis. Dies sollte gerade im Hinblick auf Krisen der heutigen Zeit hoffnungsvoll stimmen und uns eine bessere Performance von unseren eigenen Außenpolitikern erwarten lassen. 
Mit dem Zweiten Weltkrieg ist die Sache anders gelagert. Wenn ich sage, dass der Zweite Weltkrieg ein unwahrscheinliches Ereignis war, so will ich nicht den rechtsradikalen Revisionisten das Wort reden die glauben, dass Hitler eigentlich Frieden wollte und nur durch ein kriegslüsternes Albion auf den Kriegspfad getrieben wurde. Ab 1934 war ein deutscher Krieg in Europa unvermeidlich, solange Hitler die Macht in Händen hielt. Er arbeitete auf ihn hin, er wollte ihn von Anfang an und er ließ sich von Realitäten und Fakten nicht abhalten. 
Ebenso möglich wie Pearl Harbor: ein Rückzug aus China
Unwahrscheinlich ist vielmehr etwas anderes: dass Hitlers Krieg sich zu dem mörderischen Weltkrieg ausweitet, der er denn dann wurde. An mindestens fünf Punkten bis 1941 alleine wäre für Nazideutschland ein ziemlich schnelles und unvorteilhaftes Kriegsende das wesentlich wahrscheinlichere Ergebnis gewesen, und der japanische Angriff auf Pearl Harbor, der den Krieg überhaupt erst zum Weltkrieg machte, indem er die Kriegsschauplätze über die Klammer der mächtigen USA verband, war keine feste, sondern vielmehr gegenüber anderen Szenarien unwahrscheinlichere Entwicklung, wie Eri Hotta in seinem Buch „Japan 1941: Countdown to Infamy“ dargelegt hat. 
Hätte Hitler seinen Willen bekommen, hätte die Wehrmacht bereits 1938 die Tschechoslowakei angegriffen, ein Unternehmen, dessen Ausgang selbst gegen die Tschechen alleine keineswegs sicher war und das aller Wahrscheinlichkeit nach die Alliierten zur Internvention gebracht hätte – sofern die deutschen Generäle nicht ohnehin die Courage besessen hätten, aus ihren Plänen Ernst zu machen und Hitler in diesem Falle zu putschen. Mit dem Angriff auf Polen 1939 exponierte Deutschland seine Westflanke ungeheuer. Hätten die Franzosen damals nicht den „Sitzkrieg“ geführt ohne Deutschland ernsthaft anzugreifen sondern wären, notfalls mit improvisierten Plänen und unzureichender Ausrüstung, mit ihrer Million Mann im deutschen Südwesten einmarschiert, hätte das Dritte Reich einen Überlebenskampf führen müssen, dessen Chancen kaum vorteilhaft waren, besonders wenn man zunehmende Unterstützung durch Großbritannien hinzunimmt. Ein solcher Kriegsverlauf hätte vielleicht sogar Stalin zum Bruch des Pakts bewogen, so dass Polen ein wesentlich größerer militärischer Faktor gewesen wäre. 
Der „Sitzkrieg“ im Westen gab Deutschland Zeit
Als Hitler dann 1940 den Angriff auf den Westen befahl, standen die Chancen eigentlich völlig gegen ihn. Die deutsche Armee war den Westmächten zahlenmäßig gerade ebenbürtig. Die Alliierten hatten wesentlich mehr Panzer, Flugzeuge und Artillerie als die Deutschen, besaßen extrem starke Festungsanlagen und eine leistungsfähigere Wirtschaft. Wie Adam Tooze in seiner Betrachtung der deutschen Wirtschaft im Dritten Reich „Wages of Destruction“ nahelegt erlaubte der Stand der damaligen deutschen Kriegswirtschaft kaum, den Krieg länger als ein Dreivierteljahr zu führen bevor der Nachschub vor allem an Munition zur Neige ging. Die alliierte Strategie, sich an der französischen Grenze auf die Maginotlinie und das undurchdringliche, schlecht erschlossene Terrain der Ardennen zu verlassen und die deutschen Truppen bei ihrem unvermeidlichen Vormarsch durch Belgien und die Niederlande aufzufangen ist sehr solide. Sie hielten viele Reserven zurück, die nach Bestimmung der deutschen Stoßrichtung analog zu 1914 den Vormarsch zum Halt bringen konnten und entweder sofort das Rückgrat der technisch unterlegenene Wehrmacht brechen oder den dann entstehenden Abnutzungskrieg klar gewinnen würden. 
Und ohne einen absurden Zufall wäre es vermutlich auch so gekommen; nicht umsonst waren die deutschen Generäle sehr pessimistisch was ihre Chancen gegen die Westalliierten anging, die von der ungleich besseren deutschen Armee des Ersten Weltkriegs schon nicht hatten geschlagen werden können. Der deutsche Angriffsplan sah im Wesentlichen so aus wie die Alliierten ihn vorhersahen. Die Wahrscheinlichkeit, dass „Fall Rot“ in einem Desaster geendet und der Krieg 1940 mit einer Niederlage Hitlers geendet hätte war hoch. Der absurde Zufall jedoch änderte die Gleichung: ein deutscher Offizier verflog sich im Nebel, landete in Belgien, wurde verhaftet und hatte in seiner Tasche die deutschen Angriffspläne. Dies zwang die Deutschen zu einer hastigen Änderung der Pläne und zu einem gewaltigen Risiko: einem Angriff durch die Ardennen. Die Idee war deswegen so unglaubwürdig für die Alliierten, weil auf den wenigen Straßen durch die Ardennen Panzerkolonnen zwangsläufig zum „größten Verkehrsstau der Geschichte“ aufstauen würden und leichte Beute für die überlegene alliierte Luftwaffe wären. Der Krieg wäre in diesem Fall in zwei Wochen entschieden gewesen. Zum gewaltigsten Verkehrsstau aller Zeiten kam es. Zu einer Entdeckung durch die alliierte Luftaufklärung nicht. Der Rest ist Geschichte. 
Deutsche Soldaten im Winter 1941
Noch einmal begann Deutschland einen Feldzug mit einem ähnlichen Glücksspiel: das „Unternehmen Barbarossa“, der Angriff auf die Sowjetunion, basierte auf halsbrecherisch optimistischen Annahmen. Ohne die aktive Mitwirkung von Hitlers bestem Verbündeten, Stalin, hätten wesentlich größere Teile der Roten Armee den Kesselschlachten von 1941 entkommen und eine wesentlich frühere Verteidigungsstellung als Moskau aufbauen können, die den Krieg deutlich verkürzt hätte. Noch wesentlich bedeutsamer aber ist die Schlacht von Moskau im Winter 1941/42 selbst, in der die Wehrmacht nur äußerst knapp einem sowjetischen Durchbruch und der Vernichtung der Heeresgruppe Mitte entkam (ein Ereignis, das so bis Juni 1944 auf sich warten lassen sollte). In all diesen fünf Situationen wäre ein rascher militärischer Zusammenbruch des Dritten Reichs oder zumindest seine Einhegung in Zentraleuropa ein nicht unwahrscheinliches Ergebnis gewesen, das gegenüber dem tatsächlichen, weltumspannenden Gemetzel um ein vielfaches kleiner ausgefallen wäre. Und in keinem dieser Szenarien kommt das Deutsche Reich auch nur annähernd in die Situation, den Holocaust durchführen zu können. 
Was aber sind die Schlüsse, die wir heute aus diesen Geschehnissen ziehen können? Es ist wichtig, nicht den Propagandamythen des Dritten Reichs auf den Leim zu gehen. Die deutsche Wehrmacht war keine unüberwindbare Super-Armee, sondern profitierte extrem von Zufall, massiven Fehlern ihrer Gegner und deren schlechter Moral. Als dem Dritten Reich in USA und Sowjetunion ab 1943/44 ernsthafte Gegner erwuchsen, war sein Zusammenbruch ein nicht mehr aufzuhaltendes Faktum. Wir sollten uns daher nicht vom scheinbaren Determinismus der Ereignisse mitreißen lassen. Die Frage, ob Deutschland den Krieg nicht hätte doch gewinnen können oder wo der entscheidende Fehler lag, die man so oft hört, ist falsch gestellt. Vernünftigerweise müsste man fragen, welche Aneinanderreihung von Faktoren notwendig war, um es überhaupt so weit kommen zu lassen.

Die unwahrscheinlichen Weltkriege

Von Stefan Sasse
Hitler in Paris, 1940
Aus der Retrospektive betrachtet wirkt es häufig so, als ob die zwei Weltkriege, die im 20. Jahrhundert von Deutschland ausgingen, unvermeidbar und gewissermaßen in vorbestimmt gewesen waren. Diese Sicht täuscht jedoch. Weder der erste noch der zweite Weltkrieg waren unvermeidliche Ereignisse, nicht einmal bis kurz vor (oder nach) ihrem jeweiligen Beginn. Dies mag zuerst etwas merkwürdig erscheinen. Es soll hier auch kein Revisionismus betrieben werden; vielmehr geht es darum, einige Mythen zu entzaubern, die einem unverstellten Blick auf die Geschehnisse entgegenstehen. Zu diesem Zweck sollen im Folgenden beide Weltkriege auf die Wahrscheinlichkeit hin untersucht werden, dass sie sich zu der Katastrophe entwickeln, die sie schlussendlich darstellten.

Der Erste Weltkrieg entstand letztlich aus der Kette von Ereignissen, die sich nach dem Attentat auf den habsburgischen Thronfolger in Sarajevo herausbildete. Die untereinander verbundenen Großmächte und entstehenden Zwänge sind hinreichend bekannt und brauchen hier nicht wiederholt werden; Furcht vor dem Verlust der Initiative, dem Verlust der strategischen Lage (etwa durch Statusverlust gegenüber Bündnispartnern oder Bruch eines Bündnisses) und die Unmöglichkeit, die gegnerischen Intentionen akkurat einzuschätzen sorgten bis zum August für den Beginn eines blutigen Reigens, der vier Jahre lang andauern sollte. Oftmals hört man auch heute noch, dass die waffenstarrenden, stets kriegsbereiten Bündnisse einen Konflikt zu irgendeinem Zeitpunkt praktisch unvermeidlich machten. Dass dies nicht zutreffend ist, habe ich bereits an anderer Stelle im Essay „Blick in den Abgrund“ deutlich gemacht.
Alfred von Schlieffen
Die Reaktionen der verschiedenen Diplomaten und Außenpolitiker während der Juli-Krise besitzen selbst keinen Automatismus. Bis zu den Mobilmachungen und den mit ihnen verbundenen Kriegserklärungen gab es zahlreiche Möglichkeiten, die Krise zu entschärfen. Aber was, wenn die Julikrise gar nicht erst ausgebrochen wäre, etwa weil Franz Ferdinand nicht noch ins Krankenhaus fährt? Wäre dann schlicht irgendwann später ein Ereignis eingetreten, das den Waffengang doch unvermeidlich gemacht hätte? An dieser Stelle lohnt es sich, die Fixierung besonders der deutschen Militärs auf die sich strategisch verschlechternde Lage Deutschlands einzugehen. Die russische Armee steigerte zwischen 1913 und (dem 1914 noch hypothetischen) 1916 ihre Kampfbereitschaft deutlich, sowohl durch technische Modernisierungen als auch durch mit französischem Kapital gebaute strategische Eisenbahnlinien. Die offensive deutsche Kriegsplanung aber sah vor, wegen der praktischen Unmöglichkeit einen Abnutzungskrieg gegen die Entente zu gewinnen einen schnellen Schlag vor der russischen Mobilmachung gegen Frankreich zu führen. Die die Militärs nicht müde wurden zu betonen wäre diese Strategie ab 1916 nicht mehr möglich gewesen, ja, hätte sich hier das Zeitfenster für jeden ernsthaften Offensivplan geschlossen. 
Angenommen, es hätte nun bis 1916 (oder, um das Argument sogar noch deutlicher zu machen, 1920) keinen bewaffneten Konflikt gegeben. Für Deutschland konnte die Konsequenz nur sein, den Krieg nicht mehr als Option zu betrachten, so wie es in den 1920er Jahren praktisch alle Großmächte auch taten. Wenn aber Krieg keine Option mehr ist, muss dem eine diplomatische Umgewichtung entgegenstehen. Abrüstungsinitiativen wie etwa die amerikanischen zu Beginn der 1920er Jahre (wie ich sie in „Aufstieg und Fall der liberalen Weltordnung“ beschrieben habe) wären hier eine Möglichkeit. Das Szenario ist nicht so absurd, wie es auf den ersten Blick scheint. In der Haager Konferenz, aus der schließlich die Haager Landkriegsordnung von 1907 hervorging, hatte Russland ähnliche Vorschläge gemacht, weil es sich damals in einer ähnlich unterlegenen Position sah wie Deutschland zehn Jahre später. Der Unterschied aber wäre, dass der Rüstungswettlauf gerade in den Jahren zwischen 1900 und 1914 immer gewaltigere Kosten verursachte, die kaum mehr zu stemmen waren, was die Anreize für alle Beteiligten gegenüber 1907 erhöhte. 
Abzeichen der französischen Maginot-Besatzung
Gleichzeitig ist es denkbar, dass sich die Einsicht durchgesetzt hätte, dass die Unmöglichkeit eines Offensivkriegs eine Defensivstrategie notwendig macht. Wenn auf allen Seiten die korrekte Analyse gezogen worden wäre, dass mit dem damals aktuellen Waffenarsenal die Defensive die Oberhand über die Offensive hatte (eine Lektion, die 1915 erst blutig gelernt werden musste) wäre ein weiterer Anreiz für das Suchen nichtmilitärischer Lösungen gefunden gewesen. Der Erste Weltkrieg erscheint unter diesem Gesichtspunkt als ein Unfall, eine Anomalie, und nicht als ein unabwendbares Ereignis. Dies sollte gerade im Hinblick auf Krisen der heutigen Zeit hoffnungsvoll stimmen und uns eine bessere Performance von unseren eigenen Außenpolitikern erwarten lassen. 
Mit dem Zweiten Weltkrieg ist die Sache anders gelagert. Wenn ich sage, dass der Zweite Weltkrieg ein unwahrscheinliches Ereignis war, so will ich nicht den rechtsradikalen Revisionisten das Wort reden die glauben, dass Hitler eigentlich Frieden wollte und nur durch ein kriegslüsternes Albion auf den Kriegspfad getrieben wurde. Ab 1934 war ein deutscher Krieg in Europa unvermeidlich, solange Hitler die Macht in Händen hielt. Er arbeitete auf ihn hin, er wollte ihn von Anfang an und er ließ sich von Realitäten und Fakten nicht abhalten. 
Ebenso möglich wie Pearl Harbor: ein Rückzug aus China
Unwahrscheinlich ist vielmehr etwas anderes: dass Hitlers Krieg sich zu dem mörderischen Weltkrieg ausweitet, der er denn dann wurde. An mindestens fünf Punkten bis 1941 alleine wäre für Nazideutschland ein ziemlich schnelles und unvorteilhaftes Kriegsende das wesentlich wahrscheinlichere Ergebnis gewesen, und der japanische Angriff auf Pearl Harbor, der den Krieg überhaupt erst zum Weltkrieg machte, indem er die Kriegsschauplätze über die Klammer der mächtigen USA verband, war keine feste, sondern vielmehr gegenüber anderen Szenarien unwahrscheinlichere Entwicklung, wie Eri Hotta in seinem Buch „Japan 1941: Countdown to Infamy“ dargelegt hat. 
Hätte Hitler seinen Willen bekommen, hätte die Wehrmacht bereits 1938 die Tschechoslowakei angegriffen, ein Unternehmen, dessen Ausgang selbst gegen die Tschechen alleine keineswegs sicher war und das aller Wahrscheinlichkeit nach die Alliierten zur Internvention gebracht hätte – sofern die deutschen Generäle nicht ohnehin die Courage besessen hätten, aus ihren Plänen Ernst zu machen und Hitler in diesem Falle zu putschen. Mit dem Angriff auf Polen 1939 exponierte Deutschland seine Westflanke ungeheuer. Hätten die Franzosen damals nicht den „Sitzkrieg“ geführt ohne Deutschland ernsthaft anzugreifen sondern wären, notfalls mit improvisierten Plänen und unzureichender Ausrüstung, mit ihrer Million Mann im deutschen Südwesten einmarschiert, hätte das Dritte Reich einen Überlebenskampf führen müssen, dessen Chancen kaum vorteilhaft waren, besonders wenn man zunehmende Unterstützung durch Großbritannien hinzunimmt. Ein solcher Kriegsverlauf hätte vielleicht sogar Stalin zum Bruch des Pakts bewogen, so dass Polen ein wesentlich größerer militärischer Faktor gewesen wäre. 
Der „Sitzkrieg“ im Westen gab Deutschland Zeit
Als Hitler dann 1940 den Angriff auf den Westen befahl, standen die Chancen eigentlich völlig gegen ihn. Die deutsche Armee war den Westmächten zahlenmäßig gerade ebenbürtig. Die Alliierten hatten wesentlich mehr Panzer, Flugzeuge und Artillerie als die Deutschen, besaßen extrem starke Festungsanlagen und eine leistungsfähigere Wirtschaft. Wie Adam Tooze in seiner Betrachtung der deutschen Wirtschaft im Dritten Reich „Wages of Destruction“ nahelegt erlaubte der Stand der damaligen deutschen Kriegswirtschaft kaum, den Krieg länger als ein Dreivierteljahr zu führen bevor der Nachschub vor allem an Munition zur Neige ging. Die alliierte Strategie, sich an der französischen Grenze auf die Maginotlinie und das undurchdringliche, schlecht erschlossene Terrain der Ardennen zu verlassen und die deutschen Truppen bei ihrem unvermeidlichen Vormarsch durch Belgien und die Niederlande aufzufangen ist sehr solide. Sie hielten viele Reserven zurück, die nach Bestimmung der deutschen Stoßrichtung analog zu 1914 den Vormarsch zum Halt bringen konnten und entweder sofort das Rückgrat der technisch unterlegenene Wehrmacht brechen oder den dann entstehenden Abnutzungskrieg klar gewinnen würden. 
Und ohne einen absurden Zufall wäre es vermutlich auch so gekommen; nicht umsonst waren die deutschen Generäle sehr pessimistisch was ihre Chancen gegen die Westalliierten anging, die von der ungleich besseren deutschen Armee des Ersten Weltkriegs schon nicht hatten geschlagen werden können. Der deutsche Angriffsplan sah im Wesentlichen so aus wie die Alliierten ihn vorhersahen. Die Wahrscheinlichkeit, dass „Fall Rot“ in einem Desaster geendet und der Krieg 1940 mit einer Niederlage Hitlers geendet hätte war hoch. Der absurde Zufall jedoch änderte die Gleichung: ein deutscher Offizier verflog sich im Nebel, landete in Belgien, wurde verhaftet und hatte in seiner Tasche die deutschen Angriffspläne. Dies zwang die Deutschen zu einer hastigen Änderung der Pläne und zu einem gewaltigen Risiko: einem Angriff durch die Ardennen. Die Idee war deswegen so unglaubwürdig für die Alliierten, weil auf den wenigen Straßen durch die Ardennen Panzerkolonnen zwangsläufig zum „größten Verkehrsstau der Geschichte“ aufstauen würden und leichte Beute für die überlegene alliierte Luftwaffe wären. Der Krieg wäre in diesem Fall in zwei Wochen entschieden gewesen. Zum gewaltigsten Verkehrsstau aller Zeiten kam es. Zu einer Entdeckung durch die alliierte Luftaufklärung nicht. Der Rest ist Geschichte. 
Deutsche Soldaten im Winter 1941
Noch einmal begann Deutschland einen Feldzug mit einem ähnlichen Glücksspiel: das „Unternehmen Barbarossa“, der Angriff auf die Sowjetunion, basierte auf halsbrecherisch optimistischen Annahmen. Ohne die aktive Mitwirkung von Hitlers bestem Verbündeten, Stalin, hätten wesentlich größere Teile der Roten Armee den Kesselschlachten von 1941 entkommen und eine wesentlich frühere Verteidigungsstellung als Moskau aufbauen können, die den Krieg deutlich verkürzt hätte. Noch wesentlich bedeutsamer aber ist die Schlacht von Moskau im Winter 1941/42 selbst, in der die Wehrmacht nur äußerst knapp einem sowjetischen Durchbruch und der Vernichtung der Heeresgruppe Mitte entkam (ein Ereignis, das so bis Juni 1944 auf sich warten lassen sollte). In all diesen fünf Situationen wäre ein rascher militärischer Zusammenbruch des Dritten Reichs oder zumindest seine Einhegung in Zentraleuropa ein nicht unwahrscheinliches Ergebnis gewesen, das gegenüber dem tatsächlichen, weltumspannenden Gemetzel um ein vielfaches kleiner ausgefallen wäre. Und in keinem dieser Szenarien kommt das Deutsche Reich auch nur annähernd in die Situation, den Holocaust durchführen zu können. 
Was aber sind die Schlüsse, die wir heute aus diesen Geschehnissen ziehen können? Es ist wichtig, nicht den Propagandamythen des Dritten Reichs auf den Leim zu gehen. Die deutsche Wehrmacht war keine unüberwindbare Super-Armee, sondern profitierte extrem von Zufall, massiven Fehlern ihrer Gegner und deren schlechter Moral. Als dem Dritten Reich in USA und Sowjetunion ab 1943/44 ernsthafte Gegner erwuchsen, war sein Zusammenbruch ein nicht mehr aufzuhaltendes Faktum. Wir sollten uns daher nicht vom scheinbaren Determinismus der Ereignisse mitreißen lassen. Die Frage, ob Deutschland den Krieg nicht hätte doch gewinnen können oder wo der entscheidende Fehler lag, die man so oft hört, ist falsch gestellt. Vernünftigerweise müsste man fragen, welche Aneinanderreihung von Faktoren notwendig war, um es überhaupt so weit kommen zu lassen.

Filmbesprechung: Fury (Herz aus Stahl) – Orks in SS-Uniformen

April 1945. Deutschland steht kurz vor der Niederlage. Für die Besatzung des Sherman-Panzers „Fury“ unter ihrem Kommandaten „Wardaddy“ (Brad Pitt) ist oberste Priorität, den Krieg zu überleben, doch die überlegene Technik der deutschen Panzer macht jedes Gefecht zum Himmelfahrtskommando. Als der Hilfsfahrer getötet wird, braucht die Besatzung Ersatz. Die Besatzung grüßt den Neuling, Norman (Logan Lerman) nicht gerade mit großem Enthusiasmus. Sie befürchtet, dass er sie auf die letzten Tage noch alle umbringen wird…
Es gibt nicht gerade eine große Menge Kriegsfilme über Panzerbesatzungen; allein das macht „Fury“ (deutsch: Herz aus Stahl) zu einer Besonderheit. Und was man von Anfang an loben muss: Brad Pitts verdreckte Panzercrew macht uns die Enge in dem Stahlgefährt deutlich und erinnert teilweise an „Das Boot“. Hier enden die Parallelen zwischen dem gelobten Anti-Kriegsfilm der 1980er Jahre und „Fury“ allerdings schon. Denn obwohl die Produktionswerte des Films wenig zu wünschen übrig lassen und die Kämpfe spektakulär in Szene gesetzt sind, ist die Geschichte selbst zwischen „fragwürdig“ und „völlig lächerlich“ gefangen, mit einigen starken Szenen zwischendrin. 

Erschöpfte Fury-Besatzung
Der Film öffnet mit einer grau-in-grau-Stimmung einer erschöpften Armee. Die amerikanischen Truppen die wir hier zu sehen bekommen sind verroht, zynisch und völlig verbraucht und wollen eigentlich nur noch, dass der Krieg endet. Sie haben weder Empathie für ihre Kameraden noch für Zivilisten mehr übrig. Der Umgangston der Fury-Besatzung untereinander – trotz aller Kameradschaft – ist rau und aggressiv. Trotzdem fühlt sich das Setting so eher deplatziert an. Diese US-Army scheint eher die Wehrmacht von 1945 zu sein, während ihre Kontrahenten der US-Army ähneln. Die Amerikaner haben zu wenig Material und zu wenig Soldaten, so dass sie sogar den Sekretär als Panzerfahrer rekrutieren müssen. Dieses Szenario wäre vielleicht für „Market Garden“ zu verkaufen gewesen, aber im April 1945 ist es schwerlich als Gesamtbeschreibung der alliierten Armee vorstellbar, wird aber als solche verkauft. 
Wir begleiten die Fury-Crew dann zu einem Einsatz gegen Hitler-Jungen und Volkssturmsoldaten. Hier stimmt der Ton eher – die Hitlerjugend legt einen selbstmörderischen Hinterhalt mit Panzerfäusten, und das Zögern des unerfahrenen Neulings kostet einen Panzer samt Besatzung. Entlang der Straße finden die Amerikaner später gehängte Deutsche mit Schildern um den Hals, etwa „Ich wollte meine Kinder nicht für Deutschland kämpfen lasssen“ oder „Feigling“ und Ähnliches. Auch diese Stimmung passt, und die Verrohung der Soldaten, deren einzige Reaktion ist, den Kampf Deutscher gegen Deutsche als Erleichterung ihrer Arbeit zu begrüßen, ist durchaus glaubhaft. Gleichzeitig wird hier aber bereits die Grundlage für spätere Probleme gelegt: verantwortlich für die Massaker ist die SS, die uns als die richtig bösen, harten Elitetruppen vorgestellt werden. 
The Greatest Generation in action
Zuerst einmal aber verüben die Amerikaner nun Kriegsverbrechen an der überrannten Feindstellung. Panzerkommandant Wardaddy zwingt Norman, der unfähig ist auf die deutschen Soldaten zu schießen, einen Gefangenen zu ermorden, der verzweifelt versucht, mit Bildern seiner Familie Mitleid zu erwecken, was bei keinem einzigen anwesenden GI gelingt. Soweit erinnert die Szenerie an die Kriegsverbrechen der alliierten Landung in der Normandie aus „Der Soldat James Ryan“, aber genau wie dort verlaufen sie als Hintergrundrauschen im Sande, zeigen nur die Verrohung und Brutalität des Krieges ohne die Frage aufzuwerfen, was eigentlich Recht und Unrecht im Kriege noch für eine Bedeutung haben. Schlimmer noch: Das Kalkül des Kommandten, den Neuling quasi im Schnelldurchlauf zum Soldaten zu machen, geht auf. Ab sofort bedient er das MG, wie er es sollte, und passend zum Erkenntnisgewinn laufen ihm ab sofort keine Volkssturmmänner und Jugendliche mehr vor die Flinte, sondern die böse Waffen-SS. Der Film rutscht auf dem eigenen moralischen Morast aus und sinkt. 
Mit eine der stärksten Szenen erlebt der Film nach der Einnahme einer kleinen Stadt (und der Ermordung eines gefangenen SS-Offiziers, für dessen Verbrechen gegenüber der deutschen Bevölkerung sich die Amerikaner plözlich doch interessieren). Während die Soldaten überall mehr oder weniger freiwillige Frauen prostituieren, quartiert sich der Kommandant mit dem Neuling bei zwei schönen Damen (Emma und Irmgard) ein, um sich zu waschen und einige Spiegeleier zu essen. Erneut halb freiwillig lässt er dann Norman und Emma miteinander schlafen. Die Situation eskaliert jedoch, als die anderen Panzerfahrer kommen und aus unklaren Gründen versuchen, die halbwegs zivilisierte Situation zu zerstören. Dass im ganzen Film völlig unklar bleibt, warum die Männer sich benehmen wie sie sich benehmen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Die Besatzung bleibt uns fremd, ihre Traumatisierung durch den Krieg macht sie unberechenbar, unangenehm und gefährlich, gerade auch für Norman, der die Identifikationsfigur des Publikums bildet.
Sherman gegen Tiger
Nach einem deutschen Artillerieüberfall auf die Stadt stirbt Emma, und die Besatzung zieht weiter. Mit fünf weiteren Shermanpanzern laufen sie in einen Tiger-Kampfpanzer, und ein verzweifeltes Gefecht entbrennt, in dessen Verlauf es „Fury“ gelingt, den Tiger auszuschalten – alle anderen Panzer werden aber abgeschossen. Während die Überlegenheit des Tiger gegenüber dem Sherman zu den wohl bestbekanntesten technischen Fakten des Zweiten Weltkriegs gehört, stellt die Szene den stimmungsmäßigen Problemfall des Films erneut stark heraus: die Vorstellung, dass eine technologisch und taktisch überlegen deutsche Armee die wenigen Amerikaner vor gewaltige Herausforderungen stellt gibt gutes Heldenkino her, gewiss. 
Gleichzeitig ist sie aber furchtbar ahistorisch. 1945 waren an der Ostfront insgesamt 12 Tiger im Einsatz, die zudem bereits technisch veraltete waren. Die allgegenwärtige Furcht der Amerikaner, in einen solche hineinzurennen, ist ebenso unrealistisch wie eine Elitearmee der Waffen-SS, die noch voll einsatzfähig ist. Stattdessen sind gerade die Waffen, die am ehesten eine Bedrohung darstellen – Pak, Panzerfäuste und Minen – merkwürdig harmlos. Insgesamt ist diese Schlacht aber spannend gefilmt und inszeniert, und am Ende sind die erschöpften Soldaten viele ihrer Kameraden los. Eigentlich sollte mit der Niederlage des Tigers der Weg nun frei sein. Würde der Film nun enden, wäre er trotz der Probleme mit dem Finden des richtigen Tons insgesamt noch ein passabler Anti-Kriegsfilm, der die Traumatisierung, Erschöpfung und Verrohung der Truppen aufzuzeigen weiß. Leider fängt an dieser Stelle ein komplett neuer Film an, und der wirkt eher so, als ob der Sherman nun nach Helms Klamm teleportiert worden wäre und dort Horden von angreifenden Orks – für Rohan! – abwehren muss. Zur besseren Freund-Feind-Erkennung tragen die Orks hier SS-Uniformen. 
Angriff auf Helms Klamm
Fury läuft auf eine Mine und bleibt liegen. Eine Reparatur erscheint möglich, aber Norman (der plötzlich über die Fähigkeit der Raum-Zeit-Verzerrung verfügt, die feindliche Truppen genau so schnell marschieren lässt wie nötig um eine Rede zu halten) erspäht eine Abteilung SS-Soldaten, die genau auf sie zukommt, um die 100 oder 200 Mann, mechanisiert. Die Soldaten tragen alle brandneue Uniformen, sind ausgerüstet als ob immer noch Juni 1941 wäre und marschieren singend die Straße entlang. Der Liedtext? „SS marschiert“, vorgetragen in einer Tonlage, die Verwechslung mit den Kriegsschreien der Orks aus dem „Herr der Ringe“ problemlos ermöglicht. Der Film ist jetzt solide in lächerlichem Territorium. „Wardaddy“, der bislang den Film damit verbrachte zu erklären, dass es „mein Job ist, die Jungs sicher nach Hause zu bringen“ beschließt nun aus heiterem Himmel „dieser Panzer ist mein zuhause“ und den liegengebliebenen Sherman gegen die Masse der Waffen-SS zu verteidigen. Natürlich beschließen die anderen, mit ihm für die Blechbüchse zu sterben. Dieser Wandel passt so wenig zu allem was vorher kam und ist so wenig erklärt, dass es ein völlig misstönender Effekt ist. 
Was dann folgt ist eine rund zwanzigminütige Schlacht gegen eine mehr als fünfzigfache Übermacht in einem bewegungsunfähigen Panzer. Die amerikanischen Soldaten tragen plötzlich Plotrüstung, und die tausenden von Kugeln, die in ihre Richtung abgeschossen werden, treffen schlicht nicht, während sie die SS-Orks im Dutzend billiger töten. Wenn dann die Panzerbesatzung doch langsam Mann für Mann erledigt wird (meist nachdem die jeweilige Waffe keine Munition mehr hat), braucht es mehrere Treffer in Zeitlupe mit epischen Todesszenen. Allein Brad Pitt wird mehrfach getroffen, tötet noch mehrere Männer und wird zusammen mit einem Kamerad und Norman im Panzer eingeschlossen. Eine Handgranate, die in den Panzer geworfen wird explodiert nicht, bis Wardaddy sich von Norman verabschiedet, die soldatische Männlichkeit attestiert und ihn durch eine Bodenklappe in den Matsch unter dem Panzer entlassen hat. Dort wird Norman von einem SS-Soldaten gesehen, der ihn aber leben lässt – ein bemerkenswerter Kontrast zu dem Mord an dem Kriegsgefangenen zu Beginn, an den sich aber irgendwie niemand mehr zu erinnern scheint. 
Wenig Ehre, aber umso mehr Glory und War
Gereift und als echter Soldat kann Norman dann, einsamer Überlebender, am nächsten Tag von der US-Army aufgelesen werden. Die fünf Mann Besatzung des Sherman-Panzers hat mit einem bewegungsunfähigen Gerät sicherlich 150 Elitesoldaten getötet, die in Welle um Welle den Panzer angriffen, als wollte man den sowjetischen Angriff in Stalingrad aus „Duell – Enemy at the Gates“ nachstellen. Die ganze Szenerie ist so absurd, dass man lachen und schreien zugleich mag. 
„Fury“ kann daher nur als gescheitert betrachtet werden. Der Tonfall bleibt völlig dissonant, interessante moralische Ambivalenzen werden einfach fallengelassen und verkommen zu einem Hintergrundrauschen. Eine Entscheidung darüber, ob man einen Kriegsfilm oder Anti-Kriegsfilm machen will trifft man einfach nicht und macht stattdessen beides auf einmal. Historisch genau ist der Film auch nicht; dazu wird wesentlich zu freizügig mit bekannten Bildern gearbeitet, um diese in den Dienst des verworrenen Narrativs zu stellen. Es gibt daher besseres, was man mit seiner Zeit anfangen kann. 

Filmbesprechung: Fury (Herz aus Stahl) – Orks in SS-Uniformen

April 1945. Deutschland steht kurz vor der Niederlage. Für die Besatzung des Sherman-Panzers „Fury“ unter ihrem Kommandaten „Wardaddy“ (Brad Pitt) ist oberste Priorität, den Krieg zu überleben, doch die überlegene Technik der deutschen Panzer macht jedes Gefecht zum Himmelfahrtskommando. Als der Hilfsfahrer getötet wird, braucht die Besatzung Ersatz. Die Besatzung grüßt den Neuling, Norman (Logan Lerman) nicht gerade mit großem Enthusiasmus. Sie befürchtet, dass er sie auf die letzten Tage noch alle umbringen wird…
Es gibt nicht gerade eine große Menge Kriegsfilme über Panzerbesatzungen; allein das macht „Fury“ (deutsch: Herz aus Stahl) zu einer Besonderheit. Und was man von Anfang an loben muss: Brad Pitts verdreckte Panzercrew macht uns die Enge in dem Stahlgefährt deutlich und erinnert teilweise an „Das Boot“. Hier enden die Parallelen zwischen dem gelobten Anti-Kriegsfilm der 1980er Jahre und „Fury“ allerdings schon. Denn obwohl die Produktionswerte des Films wenig zu wünschen übrig lassen und die Kämpfe spektakulär in Szene gesetzt sind, ist die Geschichte selbst zwischen „fragwürdig“ und „völlig lächerlich“ gefangen, mit einigen starken Szenen zwischendrin. 

Erschöpfte Fury-Besatzung
Der Film öffnet mit einer grau-in-grau-Stimmung einer erschöpften Armee. Die amerikanischen Truppen die wir hier zu sehen bekommen sind verroht, zynisch und völlig verbraucht und wollen eigentlich nur noch, dass der Krieg endet. Sie haben weder Empathie für ihre Kameraden noch für Zivilisten mehr übrig. Der Umgangston der Fury-Besatzung untereinander – trotz aller Kameradschaft – ist rau und aggressiv. Trotzdem fühlt sich das Setting so eher deplatziert an. Diese US-Army scheint eher die Wehrmacht von 1945 zu sein, während ihre Kontrahenten der US-Army ähneln. Die Amerikaner haben zu wenig Material und zu wenig Soldaten, so dass sie sogar den Sekretär als Panzerfahrer rekrutieren müssen. Dieses Szenario wäre vielleicht für „Market Garden“ zu verkaufen gewesen, aber im April 1945 ist es schwerlich als Gesamtbeschreibung der alliierten Armee vorstellbar, wird aber als solche verkauft. 
Wir begleiten die Fury-Crew dann zu einem Einsatz gegen Hitler-Jungen und Volkssturmsoldaten. Hier stimmt der Ton eher – die Hitlerjugend legt einen selbstmörderischen Hinterhalt mit Panzerfäusten, und das Zögern des unerfahrenen Neulings kostet einen Panzer samt Besatzung. Entlang der Straße finden die Amerikaner später gehängte Deutsche mit Schildern um den Hals, etwa „Ich wollte meine Kinder nicht für Deutschland kämpfen lasssen“ oder „Feigling“ und Ähnliches. Auch diese Stimmung passt, und die Verrohung der Soldaten, deren einzige Reaktion ist, den Kampf Deutscher gegen Deutsche als Erleichterung ihrer Arbeit zu begrüßen, ist durchaus glaubhaft. Gleichzeitig wird hier aber bereits die Grundlage für spätere Probleme gelegt: verantwortlich für die Massaker ist die SS, die uns als die richtig bösen, harten Elitetruppen vorgestellt werden. 
The Greatest Generation in action
Zuerst einmal aber verüben die Amerikaner nun Kriegsverbrechen an der überrannten Feindstellung. Panzerkommandant Wardaddy zwingt Norman, der unfähig ist auf die deutschen Soldaten zu schießen, einen Gefangenen zu ermorden, der verzweifelt versucht, mit Bildern seiner Familie Mitleid zu erwecken, was bei keinem einzigen anwesenden GI gelingt. Soweit erinnert die Szenerie an die Kriegsverbrechen der alliierten Landung in der Normandie aus „Der Soldat James Ryan“, aber genau wie dort verlaufen sie als Hintergrundrauschen im Sande, zeigen nur die Verrohung und Brutalität des Krieges ohne die Frage aufzuwerfen, was eigentlich Recht und Unrecht im Kriege noch für eine Bedeutung haben. Schlimmer noch: Das Kalkül des Kommandten, den Neuling quasi im Schnelldurchlauf zum Soldaten zu machen, geht auf. Ab sofort bedient er das MG, wie er es sollte, und passend zum Erkenntnisgewinn laufen ihm ab sofort keine Volkssturmmänner und Jugendliche mehr vor die Flinte, sondern die böse Waffen-SS. Der Film rutscht auf dem eigenen moralischen Morast aus und sinkt. 
Mit eine der stärksten Szenen erlebt der Film nach der Einnahme einer kleinen Stadt (und der Ermordung eines gefangenen SS-Offiziers, für dessen Verbrechen gegenüber der deutschen Bevölkerung sich die Amerikaner plözlich doch interessieren). Während die Soldaten überall mehr oder weniger freiwillige Frauen prostituieren, quartiert sich der Kommandant mit dem Neuling bei zwei schönen Damen (Emma und Irmgard) ein, um sich zu waschen und einige Spiegeleier zu essen. Erneut halb freiwillig lässt er dann Norman und Emma miteinander schlafen. Die Situation eskaliert jedoch, als die anderen Panzerfahrer kommen und aus unklaren Gründen versuchen, die halbwegs zivilisierte Situation zu zerstören. Dass im ganzen Film völlig unklar bleibt, warum die Männer sich benehmen wie sie sich benehmen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Die Besatzung bleibt uns fremd, ihre Traumatisierung durch den Krieg macht sie unberechenbar, unangenehm und gefährlich, gerade auch für Norman, der die Identifikationsfigur des Publikums bildet.
Sherman gegen Tiger
Nach einem deutschen Artillerieüberfall auf die Stadt stirbt Emma, und die Besatzung zieht weiter. Mit fünf weiteren Shermanpanzern laufen sie in einen Tiger-Kampfpanzer, und ein verzweifeltes Gefecht entbrennt, in dessen Verlauf es „Fury“ gelingt, den Tiger auszuschalten – alle anderen Panzer werden aber abgeschossen. Während die Überlegenheit des Tiger gegenüber dem Sherman zu den wohl bestbekanntesten technischen Fakten des Zweiten Weltkriegs gehört, stellt die Szene den stimmungsmäßigen Problemfall des Films erneut stark heraus: die Vorstellung, dass eine technologisch und taktisch überlegen deutsche Armee die wenigen Amerikaner vor gewaltige Herausforderungen stellt gibt gutes Heldenkino her, gewiss. 
Gleichzeitig ist sie aber furchtbar ahistorisch. 1945 waren an der Ostfront insgesamt 12 Tiger im Einsatz, die zudem bereits technisch veraltete waren. Die allgegenwärtige Furcht der Amerikaner, in einen solche hineinzurennen, ist ebenso unrealistisch wie eine Elitearmee der Waffen-SS, die noch voll einsatzfähig ist. Stattdessen sind gerade die Waffen, die am ehesten eine Bedrohung darstellen – Pak, Panzerfäuste und Minen – merkwürdig harmlos. Insgesamt ist diese Schlacht aber spannend gefilmt und inszeniert, und am Ende sind die erschöpften Soldaten viele ihrer Kameraden los. Eigentlich sollte mit der Niederlage des Tigers der Weg nun frei sein. Würde der Film nun enden, wäre er trotz der Probleme mit dem Finden des richtigen Tons insgesamt noch ein passabler Anti-Kriegsfilm, der die Traumatisierung, Erschöpfung und Verrohung der Truppen aufzuzeigen weiß. Leider fängt an dieser Stelle ein komplett neuer Film an, und der wirkt eher so, als ob der Sherman nun nach Helms Klamm teleportiert worden wäre und dort Horden von angreifenden Orks – für Rohan! – abwehren muss. Zur besseren Freund-Feind-Erkennung tragen die Orks hier SS-Uniformen. 
Angriff auf Helms Klamm
Fury läuft auf eine Mine und bleibt liegen. Eine Reparatur erscheint möglich, aber Norman (der plötzlich über die Fähigkeit der Raum-Zeit-Verzerrung verfügt, die feindliche Truppen genau so schnell marschieren lässt wie nötig um eine Rede zu halten) erspäht eine Abteilung SS-Soldaten, die genau auf sie zukommt, um die 100 oder 200 Mann, mechanisiert. Die Soldaten tragen alle brandneue Uniformen, sind ausgerüstet als ob immer noch Juni 1941 wäre und marschieren singend die Straße entlang. Der Liedtext? „SS marschiert“, vorgetragen in einer Tonlage, die Verwechslung mit den Kriegsschreien der Orks aus dem „Herr der Ringe“ problemlos ermöglicht. Der Film ist jetzt solide in lächerlichem Territorium. „Wardaddy“, der bislang den Film damit verbrachte zu erklären, dass es „mein Job ist, die Jungs sicher nach Hause zu bringen“ beschließt nun aus heiterem Himmel „dieser Panzer ist mein zuhause“ und den liegengebliebenen Sherman gegen die Masse der Waffen-SS zu verteidigen. Natürlich beschließen die anderen, mit ihm für die Blechbüchse zu sterben. Dieser Wandel passt so wenig zu allem was vorher kam und ist so wenig erklärt, dass es ein völlig misstönender Effekt ist. 
Was dann folgt ist eine rund zwanzigminütige Schlacht gegen eine mehr als fünfzigfache Übermacht in einem bewegungsunfähigen Panzer. Die amerikanischen Soldaten tragen plötzlich Plotrüstung, und die tausenden von Kugeln, die in ihre Richtung abgeschossen werden, treffen schlicht nicht, während sie die SS-Orks im Dutzend billiger töten. Wenn dann die Panzerbesatzung doch langsam Mann für Mann erledigt wird (meist nachdem die jeweilige Waffe keine Munition mehr hat), braucht es mehrere Treffer in Zeitlupe mit epischen Todesszenen. Allein Brad Pitt wird mehrfach getroffen, tötet noch mehrere Männer und wird zusammen mit einem Kamerad und Norman im Panzer eingeschlossen. Eine Handgranate, die in den Panzer geworfen wird explodiert nicht, bis Wardaddy sich von Norman verabschiedet, die soldatische Männlichkeit attestiert und ihn durch eine Bodenklappe in den Matsch unter dem Panzer entlassen hat. Dort wird Norman von einem SS-Soldaten gesehen, der ihn aber leben lässt – ein bemerkenswerter Kontrast zu dem Mord an dem Kriegsgefangenen zu Beginn, an den sich aber irgendwie niemand mehr zu erinnern scheint. 
Wenig Ehre, aber umso mehr Glory und War
Gereift und als echter Soldat kann Norman dann, einsamer Überlebender, am nächsten Tag von der US-Army aufgelesen werden. Die fünf Mann Besatzung des Sherman-Panzers hat mit einem bewegungsunfähigen Gerät sicherlich 150 Elitesoldaten getötet, die in Welle um Welle den Panzer angriffen, als wollte man den sowjetischen Angriff in Stalingrad aus „Duell – Enemy at the Gates“ nachstellen. Die ganze Szenerie ist so absurd, dass man lachen und schreien zugleich mag. 
„Fury“ kann daher nur als gescheitert betrachtet werden. Der Tonfall bleibt völlig dissonant, interessante moralische Ambivalenzen werden einfach fallengelassen und verkommen zu einem Hintergrundrauschen. Eine Entscheidung darüber, ob man einen Kriegsfilm oder Anti-Kriegsfilm machen will trifft man einfach nicht und macht stattdessen beides auf einmal. Historisch genau ist der Film auch nicht; dazu wird wesentlich zu freizügig mit bekannten Bildern gearbeitet, um diese in den Dienst des verworrenen Narrativs zu stellen. Es gibt daher besseres, was man mit seiner Zeit anfangen kann. 

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Interview von T-Online (!) mit einem Historiker über Bismarck, Putin und die EU

– Maischberger beschäftigt sich mit dem Schlussstrich-Problem

– Der Atlantic hat zwei Bildersammlungen zum Vietnamkrieg, „Eskalation“ und „Rückzug„. Sehr eindringlich und teils sehr explizit; Bildbeschreibungen in Englisch.

– Im Kampf Russlands gegen eine kritische Geschichtswissenschaft steht das Historische Institut Moskau vor dem Aus

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Interview von T-Online (!) mit einem Historiker über Bismarck, Putin und die EU

– Maischberger beschäftigt sich mit dem Schlussstrich-Problem

– Der Atlantic hat zwei Bildersammlungen zum Vietnamkrieg, „Eskalation“ und „Rückzug„. Sehr eindringlich und teils sehr explizit; Bildbeschreibungen in Englisch.

– Im Kampf Russlands gegen eine kritische Geschichtswissenschaft steht das Historische Institut Moskau vor dem Aus

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– In den USA werden wieder ideologische Grabenkämpfe über den Geschichtslehrplan geführt (Englisch). Dagegen ist das hier blanke Wissenschaft.

– Das Interessante an dieser WWI-Propaganda ist, dass sie tatsächlich einen wunden Punkt ansprach

– Neue Theorie über Pestepidemien: Schuld war das Klima

– Falls noch jemand Argumente braucht warum der Vietnamkrieg ein Fehler war, dieser Artikel liefert sie (Englisch)

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– In den USA werden wieder ideologische Grabenkämpfe über den Geschichtslehrplan geführt (Englisch). Dagegen ist das hier blanke Wissenschaft.

– Das Interessante an dieser WWI-Propaganda ist, dass sie tatsächlich einen wunden Punkt ansprach

– Neue Theorie über Pestepidemien: Schuld war das Klima

– Falls noch jemand Argumente braucht warum der Vietnamkrieg ein Fehler war, dieser Artikel liefert sie (Englisch)

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Ein englischsprachiger Artikel über die Frage, wie es die Autoindustrie geschafft hat das Überqueren der Straße nur an bestimmten Stellen zu erlauben – absolute Voraussetzung für den Durchbruch des Kfz als Massenprodukt. 

– Die BILD (ich weiß, ich weiß) hat was zu sowjetischen Scharfschützinnen im Zweiten Weltkrieg. Man beachte die Emotionsleiste unten. 

– 6 Mythen über Cäsars Ermordnung an den Iden des März (Englisch)

– Die Allierten haben Italiens Marine in den 1930ern konstant überschätzt (Englisch)

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Ein englischsprachiger Artikel über die Frage, wie es die Autoindustrie geschafft hat das Überqueren der Straße nur an bestimmten Stellen zu erlauben – absolute Voraussetzung für den Durchbruch des Kfz als Massenprodukt. 

– Die BILD (ich weiß, ich weiß) hat was zu sowjetischen Scharfschützinnen im Zweiten Weltkrieg. Man beachte die Emotionsleiste unten. 

– 6 Mythen über Cäsars Ermordnung an den Iden des März (Englisch)

– Die Allierten haben Italiens Marine in den 1930ern konstant überschätzt (Englisch)

Eine kurze Geschichte der Kinderbetreuung

Barack Obama und seine Partei der Democrats haben ein neues Thema auf die Tagesordnung gesetzt: erste Priorität für die Betreuung und vorschulische Bildung von Kindern. Zumindest in Sonntagsreden ist dieses Thema auch hierzulande seit mehreren Jahren ein Dauertopos. Nur, woher kommt das eigentlich? Warum müssen Kinder inzwischen ganztags betreut werden? Reichen die Familien nicht mehr aus, handelt es sich hier um ein weiteres Ausgreifen eines wildgewordenen Wohlfahrtsstaats, der in die Familien hineinregiert?

Nein. Den Staat musste man hier eher zum Jagen tragen. Der gewaltige Bedarf an vorkindlicher Betreuung und Bildung, der zweifellos existiert, kommt durch die Eltern. Es gibt ihn aber noch nicht wirklich lange. Woher also kommt das? Die Antwort darauf finden wir bei einem kurzen Blick in die Geschichte, der vielleicht auch hilft, einen Kontext für die aktuellen Diskussionen herzustellen.

Die Idee, dass Kinder besondere Bedürfnisse haben und daher besondere Fürsorge benötigen – also nicht einfach nur „kleine Erwachsene “ oder „unfertig“ sind – ist noch nicht sehr alt und hat erst im 19. Jahrhundert begonnen, sich langsam durchzusetzen. Angesichts der sozialen Missstände jener Zeit – Stichwort Kinderarbeit – war die Frage vorkindlicher Betreuung ein reines Elitenproblem. Alle anderen mussten die Kinder so früh wie möglich für den Broterwerb einspannen und überließen sie vorher sich selbst, beziehungsweise häufig der Fürsorge einer Amme oder einer ähnlichen Einrichtung.

Tatsächlich ist überraschend, wie groß der Anteil der Eltern, die ihre kleinen Kinder in fremde Pflege gaben, früher tatsächlich war. Im Paris der Zeit vor der Französischen Revolution etwa waren über 90% der Kinder unter drei Jahren in Pflege, und zwar rund um die Uhr. Die Eltern gaben die Kinder häufig  direkt nach der Geburt weg und holten sie erst mit zwei bis vier Jahren wieder zu sich – mit oftmals traumatischen Folgen für die Kinder, die dabei ihre Bezugspersonen komplett verloren. Von den üblichen pädagogischen Maßnahmen jener Tage überhaupt nicht zu reden, die größtenteils aus Schlägen bestanden, oder von der Verfütterung von hochprozentigem Alkohol als Beruhigungsmittel selbst für Säuglinge.

Es dauerte bis ins 20. Jahrhundert hinein ehe sich die Idee durchgesetzt hatte, dass die Kindheit eine schützenswerte Phase im Leben der Kinder sei. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings etwas bemerkenswertes geschehen: der Kapitalismus, seiner übelsten Auswüchse durch progressive Gesetzgebung beraubt, hatte sich zu einer Wundermaschine für die Wohlstandsentwicklung entpuppt. Der Lebensstil des Bürgertums, früher nur einer schmalen Schicht vorbehalten, wurde nun von allen Schichten imitiert. Wir sehen dies in einem gewaltigen Rückgang der Frauenerwerbsquoten zugunsten des Ein-Ernährer-Modells selbst in den Arbeiterschichten.

Genau diese Entwicklung aber – die ökonomische Basis für das Ein-Ernährer-Modell – schaffte eine permanent verfügbare Bezugsperson, die sich zu 100% Haushalt und Kindeserziehung widmen konnte: die Ehefrau. Durch den größten Teil des 20. Jahrhunderts hindurch ermöglichte es dieser historische Ausnahmezustand, sowohl die Rechte der Kinder zu schützen und gewaltige Fortschritte in Fürsorge und Pädagogik zu machen, was zu den wohl gesündesten, gebildetsten und glücklichsten Kindergenerationen in der Geschichte der Menschheit führte. Doch durch die Entwicklung seit den 1980er Jahren, gerne landläufig unter „Neoliberalismus“ zusammengefasst, wurde die ökonomische Basis dieser Arbeitsteilung in Frage gestellt – flankiert von einem ideologischen Angriff auf das Rollenmodell der Hausfrau durch die beginnende Frauenbewegung, die darin zu Recht ein Unterdrückungsmodell erkannte.

Wenn jedoch sowohl Männer als auch Frauen dem freiheitsspendenden Vollerwerb nachgehen, so wiederholt sich das Dilemma des 19. Jahrhunderts auf materiell überlegendem Niveau: wer versorgt die Kinder, wenn man diese nicht frühzeitig in das System des Broterwerbs einbinden will (was heutzutage auch keine praktische Alternative mehr darstellt, selbst wenn man alle ethischen Bedenken beiseite lässt)? Da sich gleichzeitig auch die traditionellen Großfamilien aufgelöst haben, stehen die Großeltern nicht mehr als kostenlose Arbeitskräfte zur Verfügung. Angesichts der gewaltigen, von der Bevölkerungsmehrheit nicht zu stemmenden Kosten professioneller Betreuung bleibt als einzige Alternative daher der Staat übrig.

Das direkte Resultat ist ein rasch steigender Bedarf an Kinderbetreuungseinrichtungen, der auch in Zukunft kaum abebben dürfte. Er resultiert zwingend aus den Auflösungen traditioneller Familien- und Erwerbsstrukturen. In der bisherigen Debatte wurden diese Teile immer getrennt gedacht – das heißt, dass von konservativer Seite die Auflösung der Familie, von progressiver Seite häufig (und paradoxerweise) der Abschied vom Ein-Ernährer-Modell beklagt wurde. Beide hängen aber zwingend miteinander zusammen. Das Problem nur auf seine moralische oder nur seine ökonomische Komponente zu reduzieren hilft niemandem, am allerwenigsten den Kindern.

Was Atari und iPhone gemeinsam haben

Voraussagen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Das klassische Bonmot kann immer herausgeholt werden, wenn man sich im Nachhinein die Voraussagen anschaut, die alle nicht eingetroffen sind (und das sind die meisten). Kürzlich geisterte im Netz ein Artikel der Welt herum, in dem sich die Autoren über die Voraussage der Stiftung Warentest aus dem Jahre 1984 lustig machen, dass dem Heimcomputer keine große Zukunft beschieden sei, da sich keine vernünftigen Anwendungsmöglichkeiten finden ließen. Ho, ho, ho, die Trottel. Wenn man aber genau hinschaut, hatte die Stiftung Warentest jedoch mit ihrer Einschätzung völlig Recht. Um das zu verstehen, müssen wir ihre Prognose genauer anschauen. 

Problematisch empfanden die Tester, die „verzweifelt nach Anwendungsmöglichkeiten suchten“, nämlich nicht die Möglichkeiten des Geräts per se, sondern seine aktuellen Grenzen. Die schrottigen Eingabegeräte (effektiv unbrauchbare und völlig unergonomische Tastaturen), die grausame Grafikqualität, die teilweise das Lesen unmöglich machte, das Nicht-Vorhandensein von Speicherplatz und vieles andere Mankos machten die damaligen Heimcomputer (nicht zu verwechseln mit den als Arbeitsgeräte gedachten Personal Computern) zu ziemlich teuren technischen Spielzeugen, die damals eine Modeerscheinung wie das erste iPhone 2007 waren. Auch dem wurde keine Zukunft vorausgesagt, weil es letztlich für seinen Preis viel zu wenig Anwendungsmöglichkeiten bot (man denke daran, dass erst das iPhone 2 Apps besaß). 
Ebenfalls auffällig war, dass über die Hälfte der Käufer angab, gerne an den Geräten spielen zu wollen, was für rund 70% der stolzen Besitzer denn auch der Haupteinsatzzweck der Geräte wurde. Nicht gerade das Kompetenzfeld, das die Hersteller mit ihrer Betonung der Büro- und Verwaltungsoptionen immer anpriesen und das, wie die Stiftung Warentest korrekt vermerkte, angesichts der geringen Grafikfähigkeiten der Rechner auch eher ungenügend ausgefüllt wurde. 
Beide Voraussagen waren daher für ihr jeweiliges Produkt korrekt – sofern diese Mankos nicht ausgeräumt wurden, gab es für die breite Mehrheitsbevölkerung eigentlich keinen ernsthaften Grund, sich die überteuerte Hardware zuzulegen. Den Durchbruch auf den Massenmarkt schafften die Geräte daher auch erst, als eben diese Mankos ausgeräumt waren. Dies gelang für die Heimcomputer vor allem durch einfach zu bedienende Betriebssysteme und Programme, allen voran Microsofts DOS und die Office-Anwendungen dazu.
Man würde aber die Stiftung Warentest auffordern, ihr Mandat ziemlich zu missachten, wenn man sie aufforderte, einen Blick in die Glaskugel abzugeben und mögliche zukünftige Produkte einzuschätzen. Was sie bewerteten war das Produkt, das ihnen zur Verfügung stand – und das waren schwer defizitäre, völlig überteuerte Heimcomputer ohne vernünftige Anwendungsmöglichkeiten.

Aufstieg und Fall der ersten liberalen Weltordnung

Von Stefan Sasse
Woodrow Wilson 1919
Als der Erste Weltkrieg 1914 ausbrach und in der Folgezeit in den Schützengräben der Westfront zu einem erstickenden Abnutzungskrieg wurde, war dies für viele der Anlass, zu Friedensverhandlungen und dem Schmieden einer neuen Weltordnung aufzurufen. Besonders in liberalen und sozialistischen Kreisen sah man in Imperialismus und Militarismus die treibenden Kräfte hinter dem Ausbruch des Krieges, auch wenn man daraus unterschiedliche Schlüsse zog. Während die Sozialisten für die Revolution und die Überwerfung der Herrschaft von Bourgeoisie und Adel agitierten, sprachen sich die Liberalen für eine neue Weltordnung internationaler Organisationen, der Abrüstung und der gemeinsamen Sicherheitskontrollen aus. In den kriegführenden Staaten selbst war diese Ansicht naturgemäß nicht sonderlich weit verbreitet – dafür war man dem Krieg wesentlich zu nah. Ein gewichtiger Vertreter dieser Überzeugung aber regierte damals eine Nation, die in den Jahren des Ersten Weltkriegs mit ungeheurer Macht an die Spitze der Welt rücken sollte: Woodrow Wilson, der 28. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. 

Im Gegensatz zu Franklin D. Roosevelt im Zweiten Weltkrieg verspürte Wilson keine Verbundenheit mit Großbritannien oder Frankreich und noch viel weniger mit Russland. Auch Deutschland und Österreich-Ungarn schätzte er nicht gerade sonderlich. Ihm schwebte eine neue globale Sicherheitsarchitektur vor, in der die USA tonangebend sein würden – aber nicht durch die relative Stärke ihrer Armeen (die US-Armee war zum Kriegseintritt von 1917 schwächer als die Portugals) sondern durch ein dichtes System gegenseitiger Verträge und internationaler Institutionen, überwacht durch gegenseitige Kontrolle und, vor allem, das unerbittliche Diktat der Finanzmärkte. 
Wilson (rechts) in Versailles, 1919
Mit dieser Konzeption im Kopf schrieb Wilson seine berühmten 14 Punkte auf. In der Geschichtsschreibung und populären Erinnerung werden diese zumeist mit den Gedanken vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ in Verbindung gebracht, gerne mit dem Hinweis garniert, dass Wilson in idealistischer Verblendung die Konsequenzen für Deutschland – das die im Versailler Vertrag verlorenen Gebiete mit dieser Argumentation zurückfordern konnte – nicht bedachte. Dabei werden aber zwei Dinge vergessen. Erstens waren Wilsons Punkte zu einem Zeitpunkt gemacht worden, als sich das Deutsche Reich noch eher auf der Siegerstraße sah (eine Einschätzung, die die Alliierten und Amerikaner teilten) und hätten diesem eher geschadet, weswegen die Reichsregierung einen Friedensschluss unter amerikanischer Vermittlung auch ablehnte und erst im Herbst 1918 im Angesicht der Niederlage hervorkramte. Und zweitens hatte Wilson Deutschland nicht im Sinn. Seine 14 Punkte richteten sich gegen England und Frankreich und ihre vom freien Weltmarkt abgeschotteten Kolonialreiche. Dass Deutschland nach dem verlorenen Krieg würde zahlen müssen, stand für Wilson schon immer fest. Die Zähmung Deutschlands war für ihn eine ausgemachte Sache. Sein Fokus lag auf den Alliierten, zu denen nicht zu gehören Wilson stets sicherstellte (die USA galten als „assoziierte Macht“). 
Wie also sah die neue Weltordnung aus, die Wilson in Versailles zu installieren gedachte? In ihrem Kern sollte sie den Völkerbund besitzen. Dieser Vorläufer der heutigen UNO sollte als Schiedsrichter für zwischenstaatliche Streitigkeiten bereitstehen und im Falle eines Angriffs auf einen Mitgliedsstaat Truppen aller Mitglieder zu dessen Verteidigung bereitstellen: eine Garantie, dass niemand den Aggressionen von Kriegstreibern ausgesetzt sein würde. Diese Bedingung war vor allem für Frankreich wichtig, das einen Schutz vor Deutschland brauchte, dessen Zerschlagung ihm in Versailles nicht gestattet wurde. Gleichzeitig sollte der Völkerbund über das nächste Kernstück wachen, die Abrüstung. In den Waffenarsenalen der Großmächte vor dem Ausbruch des Ersten Weltriegs sahen viele die Ursache von dessen zerstörerischem Potential. Der Abbau der Waffenarsenale und die Begrenzung der Rüstung musste daher Priorität haben und gleichzeitig Mittel für die Friedenswirtschaft lösen, die Wohlstand für alle bringen und Kriege damit ohnehin überflüssig machen würde. 
Granatenproduktion im Ersten Weltkrieg
Es ist einfach zu sehen, warum Deutschland in Wilsons Überlegungen keine große Rolle spielte: der Völkerbund war wie die UNO nicht als universale Organisation angelegt, sondern als Organisation der Sieger. Deutschland hatte darin genausowenig einen Platz wie die Sowjetunion. Gleichzeitig war Deutschland durch den Versailler Vertrag ohnehin zur Abrüstung gezwungen. Es musste daher in das neue internationale System überhaupt nicht integriert werden. Relevanter waren Frankreich und Großbritannien. Beide wehrten sich gegen Wilsons Ideen. Ihre Kolonialreiche waren von den Ideen der 14 Punkte direkt bedroht, und Frankreichs Sicherheitsinteresse gegen Deutschland wie Großbritanniens Rolle als globale Handelsmacht durch Rüstungsbeschränkungen von Armee und Flotte aktiv bedroht. Zum Zuckerbrot der Sicherheitsgarantien durch den Völkerbund gebrauchte Wilson daher auch die Peitsche der Finanzpolitik. 
Besonders ab 1916 zeigte sich, dass die Alliierten amerikanische Hilfe benötigten, um Deutschland die Stirn bieten zu können. Sie kauften daher immer mehr in den USA ein, um Kapazitäten in der eigenen Kriegswirtschaft zu schaffen (die US-Rüstungsindustrie war damals noch nicht das „arsenal of democracy„, die Alliierten kauften eher Rohstoffe und Investitionsgüter und produzierten die Waffen damit selbst). Zu finanzieren waren diese letztlich kriegsentscheidenden Warenströme nur mit amerikanischem Kredit – und dessen Fluss setzte Wilson aktiv als Waffe ein, drohte mehrmals mit seinem Versiegen zwang Frankreich und Großbritannien somit dazu, viele amerikanische Forderungen als Grundlage der Friedensverhandlungen zu akzeptieren. Wilsons erklärtes Ziel war ein „Frieden ohne Sieger“, der vermutlich für Deutschland vorteilhaft gewesen wäre (zumindest verglichen mit Versailles). Ironischerweise war es Deutschland mit seiner Politik des unbegrenzten U-Boot-Kriegs, das Wilson zu dem Schritt zwang, den er eigentlich hatte vermeiden wollen: dem direkten Eintritt in den Krieg. 
Plenarsaal des Reichstags 1906
Denn dieser schwächte sofort die amerikanische Position gegenüber den Alliierten. Die amerikanische Hilfe hatten sie nun, so oder so. Sie waren daher auch nicht mehr gezwungen, Wilson so weit entgegenzukommen wie noch 1916, wo sie es Deutschland überlassen hatten, den schweren diplomatischen Fehler zu begehen und Wilsons Friedensangebote abzulehnen. Selbst leisten konnten sie sich diesen Schritt, den sie heimlich sehr begrüßten, nicht. Der Vertrag von Versailles enthielt daher am Ende zwar viele, aber längst nicht alle Vorstellungen des Präsidenten über die Nachkriegsordnung. So waren etwa die englischen und französischen Kolonialreiche effektiv ausgenommen und wurden durch die Völkerbundmandate über die ehemaligen deutschen und osmanischen Gebiete sogar effektiv erweitert. 
Gleichwohl wurde die Friedensordnung in den Folgejahren schnell weiter gefestigt. Die gewaltigen Schulden der Alliierten bei den Amerikanern zwangen diese weiterhin zu einer kooperativen Grundhaltung, gleichwohl sie sich auch dagegen aufzubäumen versuchten. Die Briten akzeptierten die neue amerikanische Vormachtsstellung schneller als die Franzosen, schon allein, weil sie sich nicht durch die Deutschen gefährdet sahen und mit der neuen, im Ersten Weltkrieg geschaffenen und stark weltweit agierenden US Navy ihre eigenen Verpflichtungen bei der Sicherung der Handelsrouten herunterfahren konnten. Auch die Franzosen reduzierten ihre Flotten letztlich auf das Niveau einer Regionalmacht und entlasteten so ihren Haushalt. Die Franzosen jedoch waren zur Bezahlung der amerikanischen Kredite massiv auf die deutschen Reparationszahlungen angewiesen, denn der Aufbau der im Krieg zerstörten französischen Gebiete verschlang Unsummen, die aktuell aus amerikanischen Krediten gespeist wurden – denn die Deutschen verzögerten die Reparationen, wo sie konnten. Für die Franzosen entstand ein Dilemma, denn sie bezahlten doppelt – einmal für den Wiederaufbau selbst, und dann noch einmal für die Zinsen an die USA. Der Versuch, den gordischen Knoten 1923 mit der Besetzung des Ruhrgebiets zu zerschlagen, endete für die Franzosen in einem außenpolitischen und für die Deutschen in einem innenpolitischen Desaster. 
Calvin Coolidge, Präsident ab 1923
In der Zwischenzeit hatte die internationale Ordnung jedoch einen schweren Schlag erhalten: Wilson, gesundheitlich ohnehin angeschlagen, verlor den innenpolitischen Machtkampf gegen seine Gegner. Deren Ablehnung des Völkerbundes und des Versailler Vertrags im Senat entzog der Institution ihren wichtigsten Unterstützer. Die Gegner Wilsons hatten jedoch einige Schwächen zielstrebig erkannt: effektiv zwang der Völkerbund nämlich seine Mitglieder, im Falle eines Angriffs eigene Truppen in ferne Kriege zu schicken. Taten sie dies nicht, würde der Völkerbund zusammenbrechen – was in den Dreißiger Jahren dann ja auch tatsächlich geschehen würde. Vorerst jedoch blieb die amerikanische Abstinenz folgenlos. Das eine Bein der amerikanischen Nachkriegsordnung, das institutionelle, war damit zwar geschwächt. Aber das andere stand dafür umso fester: die Kontrolle der Allliierten und Mittelmächte durch die internationalen Finanzmärkte. 
Unter Präsident Calvin Coolidge, dem Vizepräsidenten des 1923 überraschend verstorbenen Warren G. Harding, zogen sich die USA aus den letzten Verpflichtungen der Weltkriegszeit zurück. Mit Deutschland, dem Osmanischen Reich und Österreich hatte man separate Friedensverträge geschlossen, die letztlich den diplomatischen status quo ante wiederherstellten. Dies wird zwar weithin als „Isolationismus“ gesehen, aber dies trifft nur insofern zu, als dass man auf militärische und diplomatische Engagements der USA blickt. Wirtschaftlich und finanzpolitisch ist davon wenig zu sehen, denn diesen Kurs Wilsons setzte Coolidge wie auch Harding vor ihm entschieden fort. Als gläubige Jünger der neoklassischen „Laissez-Faire“-Politik ließen sie der Wirtschaft und der Wallstreet viele Freiheiten, die diese auch weidlich nutzten (und die sich bis 1929 zu einer gewaltigen Blase verdichteten). Gleichzeitig steuerte das Weiße Haus den Zugang der europäischen Staaten zu den Krediten der US-Banken. Ohne Garantien und Empfehlungen der US-Politik war hier nichts zu machen, und ohne diese Kredite musste Europa in wirtschaftlichem Chaos versinken (wie es es dann ab 1929 auch tat). 
Wahlkampf mit Goldstandard 1900
Entsprechend folgten mit Frankreich und Deutschland auch die beiden anderen großen europäischen Staaten Großbritannien in dessen Akzeptanz der neuen Weltordnung. Ihre sichtbarste Grundlage war der Goldstandard, dem Folge zu leisten hieß, sich den Gesetzen der Wallstreet zu unterwerfen. Diese lauteten vor allem: Liberalisierung der Märkte und Beschneidung der öffentlichen Ausgaben. Beides vertrug sich überhaupt nicht mit der Idee starker Armeen und einzelstaatlicher Prestigekämpfe, wie sie im Imperialismus üblich gewesen waren. Länder, die gegen diese Gesetze verstießen, verloren den Zugang zum Geld, und damit die Möglichkeit, den Goldstandard zu halten – die Eintrittskarte in die neue liberale Weltordnung. Der Goldstandard war daher nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine zutiefst politische Idee. Unter Kanzler Gustav Stresemann (und später Außenminister) steuerte Deutschland auf einen Kurs der Versöhnung mit Großbritannien und Frankreich, jedoch vor allem auf eine Umarmung der USA. Stresemanns Kalkül war es, Deutschland ganz bewusst in die völlige finanzielle Abhängigkeit von den USA zu bringen. Dies führte zu einem für die USA sehr profitablen Kreisverkehr: amerikanische Kredite finanzierten die deutschen Reparationszahlungen, die wiederum zur Rückzahlung amerikanischer Kredite dienten. Ein Perpetuum Mobile, das eine neue Festigkeit in die liberale Weltordnung brachte, so lange niemand auf die Idee kam, den Kreislauf gewaltsam zu durchbrechen, wie es Hoover 1931 tun würde. Deutschland auf der anderen Seite zwang damit die USA indirekt in die Rolle eines Sicherheitsgaranten: Frankreich war es fortan unmöglich, wie 1923 aggressiv gegen Deutschland vorzugehen, weil es für die USA nun elementates Selbstinteresse war, einen Zusammenbruch Deutschlands zu verhindern. Die Öffnung der Kreditschleusen bewirkte somit eine Bindung Deutschlands an die USA – gegen Frankreich und England. 
Unter diesem Druck brauch auch Frankreich, das am längsten Widerstand gegen die neue liberale Weltordnung geleistet hatte, schließlich ein und akzeptierte 1926 die neuen Spielregeln der Wallstreet. Es zeigte sich jedoch bereits in den Vorjahren, das – wie bereits Wilson erfahren musste – keiner dieser klugen Pläne den Kontakt mit der Innenpolitik unbeschadet überstand. Besonders in Deutschland wurde Stresemanns Politik von Anfang an von der anderen Neigung der deutschen Außenpolitik konterkariert, sich vom Westen zu emanzipieren und im Osten ein Gegengewicht zu finden. Der Vertrag von Rapallo 1924, in dem Deutschland ein freundschaftliches Verhältnis zur Sowjetunion aufbaute, zerstöre die Glaubwürdigkeit Berlins auf Jahre hinaus und belastete das Verhältnis zwischen den USA und den Alliierten auf der einen und Deutschland auf der anderen Seite schwer. Es war klar, dass das Deutsche Reich kein wirklich verlässlicher Baustein der liberalen Weltordnung war, selbst wenn es 1928 in einer amerikanisch-deutsch-französischen Trias, der sich auch Großbritannien anschloss, im Briand-Kellog-Pakt den Krieg als Mittel der Politik verdammte und sich damit eher zu liberalen Grundsätzen bekannte. 
Das japanische Flaggschiff Akashi, 1917
Für die Amerikaner war Europa jedoch stets nur ein Schauplatz. Ein anderer, fast wichtigerer, war Asien. Im russisch-japanischen Krieg von 1905 hatte Japan mit einem Knall die Weltbühne als Macht betreten und seither dazu angesetzt, die Region zu dominieren. Seine Mittel waren dabei denen der Amerikaner sehr ähnlich: auf liberale Prinzipien berufend und von einer starken Flotte unterstützt sorgte es für ein Zurückdrängen der Kolonialmächte und für Wachstumsperspektiven der eigenen Wirtschaft. Wir müssen sehr vorsichtig sein und das Bild des Japans der Dreißiger und Vierziger Jahre von dem der Zehner und Zwanziger Jahre trennen. In dieser Zeit war Japan ein liberaler Musterstaat. Es war eine der entscheidenden Stützen des Völkerbundes, setzte alle Regeln der neuen liberalen Weltordnung (sprich: Goldstandard und Liberalisierung) mustergültig um und gewährte eine große innenpolitische Freiheit. Paradoxerweise geriet es gerade dadurch in eine Konkurrenzstellung zu den USA, die ein großes Interesse am ungehinderten Zugang zu den sich entwickelnden chinesischen Märkten und keinerlei Interesse an einem Flottenwettrüsten im Pazifik hatten – genausowenig wie Japan.
Um einen solchen Antagonismus zu verhindern, riefen die USA 1922 zu einer großen Konferenz in Washington, der Ersten Flottenkonferenz. Die Amerikaner überraschten hierbei mit einer ungeheuer ambitionierten Antrittsrede, die nichts weniger als eine Abrüstung der weltweiten Flotten und ihre künftige Begrenzung forderte, und schafften es, diese Forderung zur Grundlage der Verhandlungen zu machen. Da Japan und Großbritannien grundsätzlich kooperationswillig waren und Frankreich und Italien flottenmäßig ohnehin allenfalls drittrangig war, ging es vor allem um die Details. Die Konferenz legte schließlich die Parität der beteiligten Mächte USA, GB, Japan, Frankreich und Italien auf 10:10:6:3:3 fest. Gleichzeitig wurde der Bau der teuren Schlachtschiffe effektiv verboten, die restlichen Flotten deutlich reduziert. Die Konferenz, die noch drei Nachfolgekonferenzen 1927, 1930 und 1935 haben sollte, war ein gewaltiger Erfolg der neuen liberalen Weltordnung, die nun dezidiert nicht auf militärischer Machtprojektion beruhte. 
Mussolinis „Marsch auf Rom“ 1922
Gegen diese neue liberale Weltordnung jedoch regte sich erbitterter Widerstand. Während in den USA weitgehender Konsens über die neuen Methoden herrschte, dem sich Großbritannien aus Neigung und Frankreich aus Resignation weitgehend anschloss, verweigerte sich Russland weiterhin vollständig und wirkte innerhalb dieser Ordnung wie ein Schwarzes Loch, was durch die pro-zaristischen Interventionen der Alliierten 1918-1921, die in Moskau nicht vergessen worden waren, noch befeuert wurde. Gleichzeitig lehnte die Rechte in Italien, Deutschland und Japan die liberale Weltordnung entschieden ab und setzte ihr eine eigene, nationalstaatlich organisierte entgegen: die Idee wirtschaftlicher Autarkie, abgesichert durch militärische Stärke, versprach Unabhängigkeit von den Zwängen des finanzpolitischen Korsetts, das die Grundlage der liberalen Ordnung bildete. Seit Mussolinis Machtübernahme in Italien 1922, die sich im Verlauf des Jahrzehnts immer mehr festigte und das Land auf einen Gegenkurs steuerte, gab es in Europa ein klar sichtbares Gegenkonzept zum Liberalismus. 
In Deutschland gewannen die Exponenten dieser Politik temporär immer wieder die Oberhand. 1925 siegte der von ihnen unterstützte Hindenburg in den Präsidentschaftswahlen und sorgte für einen scharfen Rechtsruck in der Innenpolitik. Die Außenpolitik Deutschlands blieb eine stetige schaukelige: zähneknirschender Ausgleich mit dem Westen bei gleichzeitig maximaler, gerade auch militärischer, Bewegungsfreiheit im Osten im Verbund mit dem anderen Pariah der liberalen Weltordnung, der Sowjetunion. In den Augen dieser Politiker war die liberale Ordnung ein Instrument der Unterdrückung unter das angelsächsische Diktat, unnatürlich und auferlegt, das nur durch innere und äußere Stärke abgeworfen werden konnte. Auch in Japan war eine Minderheit in diesen Jahren wütend über den Kurs der Regierung, den sie als ehrabschneidend betrachtete. In beiden Ländern war das Militär eine Inkubationskammer des neuen Kurses – nachvollziehbar, gehörte es doch zu den größten Verlierern dieser neuen Ordnung. 
Menschenauflauf auf der Wallstreet, 1929
Es brauchte jedoch den externen Schock der Weltwirtschaftskrise ab 1929, um die Ordnung ins Wanken zu bringen. Außerhalb Großbritanniens und der USA betrachteten große Mehrheiten die Krise als Beweis für das Scheitern der liberalen Wirtschaftsordnung. Dieses Gefühl wurde durch die desaströse Politik der USA verstärkt: die Regierung Hoover verweigerte praktisch sämtliche Staatseingriffe, sowohl im Inneren (was die ungeheure Not von 25% Arbeitslosigkeit bedingte) als auch im Äußeren. Die amerikanischen Banken, von Bank Runs und Insolvenz bedroht, riefen ihre europäischen Kredite ab. Damit versiegte der komplette Finanzfluss, auf dem die Weltwirtschaft seit 1919 basiert hatte. Europa wurde damit vollständig in den Strudel der Krise gerissen, während sämtliche Bande, die die europäische Nachkriegsordnung mit ökonomisch mit den USA verbunden hatten, zerrissen wurden. Institutionelle Bande hatte es seit der Ablehnung von Völkerbund und Versailler Vertrag ohnehin nicht gegeben. Deutschland nutzte die Gelegenheit und stellte die Zahlung der Reparationen endgültig ein, ein Zustand, den Herbert Hoover unter dem Druck der Ereignisse im Hoover-Moratorium von 1931 sanktionierte. 
Das Hoover-Moratorium erklärte effektiv unilateral einen völligen Stopp von sowohl Kriegs- als auch Reparationsschulden. Diesem späten Versuch, den Schaden der letzten zwei Jahre zu begrenzen, war jedoch kein Erfolg beschieden. Besonders Frankreich fühlte sich von USA und Deutschland verraten (und mauerte sich in der Folgezeit hinter der Maginot-Linie sprichwörtlich ein), die Briten ebenfalls von beiden, wenngleich nicht mit der Intensität der Franzosen, und die Deutschen machten sich international wieder zu Pariahs, indem sie die Nachkriegsordnung offen attackierten. Nachdem Deutschland sich so aus dem institutionellen und ökonomischen Gewebe der liberalen Ordnung gewunden hatte, versuchte Reichskanzler Brühning mit dem bekannten Erfolg, auch die politisch liberale Ordnung zu beseitigen und durch eine autoritäre zu ersetzen, die dann im Geiste autarker, auf militärischer Stärke beruhender Außenpolitik die deutsche Stellung sichern werde. 
Chinesische Soldaten im Häuserkampf in Shanghai, 1937
In Japan vollzog sich zeitgleich ebenfalls ein scharfer Rechtsruck. In einer Welle von politischer Gewalt und mehreren Morden wurden die liberalen Regierungen aus dem Amt gespült und auf einen nationalistischen Kurs gezwungen, während das Militär „Zwischenfälle“ mit China provozierte und einen Krieg heraufbeschwor, der eine Aufrüstung unabdingbar machte. Bis Mitte der Dreißiger Jahre hatte sich der japanische Flottenetat fast verfünffacht, und als das Land 1937 den Krieg mit China und den endgültigen Bruch mit den USA beschwor, wurde es bereits von einer autoritären Militärjunta regiert. Als Italien 1936 offen Äthiopien angriff, das Mitglied des Völkerbunds war, ohne dass die Weltgemeinschaft diesem zu Hilfe kommen würde, war auch das letzte institutionelle Standbein der liberalen Weltordnung zerschlagen.
Sie brach ab 1929 unter den Schlägen ihres Gegners, einer autoritären und auf militärischer Stärke angelegten nationalstaatlichen Ordnung vollständig zusammen. Ihre Schwäche gegenüber dem Ansturm dieser Feinde lag vor allem in zwei Faktoren begründet. Der eine Faktor war die institutionelle Schwäche. Die USA hatten sich nie verlässlich in das internationale System einbinden lassen und waren weder für Großbritannien und Frankreich auf der einen noch für Deutschland auf der anderen Seite ein verlässlicher Sicherheitsgarant. Der Völkerbund war daher stets ein tönerner Gigant, und die Wirtschaftsordnung zeigte sich angesichts des amerikanischen Egoismus 1929-1931 als genau die Würgeschlinge, als die ihre Gegner von rechts und links sie immer porträtiert hatten. 
Wahlplakat der NSDAP 1932
Der andere Faktor aber war die innenpolitische Folge der finanzpolitischen Ordnung. Das Einhalten des Goldstandards erforderte deflationäre Austeritätsmaßnahmen in allen Ländern (Japan, Deutschland und Frankreich mussten bei ihrer Annahme des Goldstandards jeweils herbe wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen). Während dies für die Finanzwirtschaft ein Segen war, die daraufhin planmäßig die Budgetkontrolle übernahm und überwiegend Abrüstung erzwang, war es für die Realwirtschaft und die Masse der Bevölkerung mehr Fluch als Segen, die mit hoher Sockelarbeitslosigkeit und stagnierenden oder sinkenden Reallöhnen leben musste, was ihre Unterstützung der liberalen Weltordnung in engen Grenzen hielt. Solange keine glaubhafte Alternative dazu bereit stand, war dies kein ernsthaftes Problem (in Deutschland etwa konnten weder die KPD noch die DNVP diese bieten). Als jedoch mit den gut organisierten und ideologisch flexiblen autoritären Kräften ein Gegenangebot gemacht wurde, stiegen die Spannungen im Inneren fast ins Unerträgliche – und brachten das Gebilde unter dem Druck äußerer Ereignisse krachend zum Einsturz.

Legende und Geschichte – die römische Königszeit, Teil 4

Von Stefan Sasse
Dies ist der dritte Teil der Artikelserie. Im ersten Teil besprachen wir die ersten beiden mythischen Könige Roms, Romulus und Numa. Im zweiten Teil besprachen wir die folgenden beiden Könige, Hostilius und Marcius. Im dritten Teil widmeten wir uns den zwei nächsten Königen, Tullius und Priscus. In diesem abschließenden Teil betrachten wir den letzten König von Rom, Tarquinius Superbus. 

Tarquinius Superbus
Die Geschichte des Aufstiegs von Tarquinius Superbus ist bereits der eines Bösewichts würdig. Er war der Sohn oder Enkel (es gibt widerstreitende Überlieferungen) des fünften Königs von Rom, Lucius Tarquinius Priscus, und mit einer Frau namens Tullia verheiratet, die in bester römischer Tradition, die nur zwei weibliche Extremfiguren kennt – entweder die tugendhafte, vorbildliche Ehefrau oder die intrigante, ambitionierte und böse Schwiegermutter -, ihren Ehemann zum Putsch gegen König Nummer sechs, Servius, anstachelte. Tarquinius, von Haus aus eitel und leicht von solchen Schandtaten zu überzeugen (daher auch sein Name „Superbus“, was sich als arrogant oder eitel übersetzen lässt), machte sich auch gleich daran und marschierte mit einer Bande bewaffneter Unterstützer in den Senat, wo er sich breitbeinig auf den Königsthron setzte (ein Hauch von Machismo gibt der Geschichte hier die notwendige Würze) und die Senatoren aufforderte, ihm zu huldigen, weil Servius ohnehin ein schlechter König sei.
Die Begründung, die Tarquinius Superbus hierfür gibt, ist, abgesehen von den obligatorischen ad-hominem-Attacken (Servius ist ein Sklave, der von einer Frau auf den Thron gesetzt wurde) von geradezu lächerlicher Ironie: Servius habe die unteren Klassen Roms den oberen vorgezogen und deren Reichtum öffentlich sichtbar gemacht, so dass die unteren Klassen unzufrieden wurden. Wenn man bedenkt, dass gerade diese Probleme die Republik zu Fall bringen würden ist das schon eine interessante Vorwegnahnme. Tarquinius etablierte sich danach als Bösewicht, indem er den heraneilenden Servius (der die exakt gleichen Vorwürfe in Richtung Tarquinius schleudert) die Treppen des Senatsgebäudes hinunterwerfen und den Verletzten danach niederstechen lässt. Seine Frau, ebenfalls im Public-Relations-Sektor tätig, trieb danach ihren eigenen Streitwagen über die Leiche, so dass die komplett bespritzt mit dem Blut des Königs zuhause ankam. Tarquinius weigerte sich später, den toten König beerdigen zu lassen.
Tarquinius Thronergreifung, Comic aus den 1850er Jahren
Diese Geschichte der Thronergreifung alleine ist schon viel zu gut, um wahr zu sein. Sie enthält alle Elemente, die die Römer in ihren Geschichten liebten: intrigante Frauen, Gewalt und den Konflikt vom virtus gegen die niederen Instinkte. Tarquinius und seine Frau Tullia werden als geradezu karikaturhaft böse dargestellt, was die Bühne für eine passende Regierungszeit ebnet. Diese beginnt auch gleich mit einigen Schauprozessen gegen feindlich gesinnte Senatoren. Deren Plätze füllte er danach nicht wieder auf, was den Senat effektiv verkrüppelte und zu einem reinen Akklamationsorgan machte. Dieser Zug bewies erneut seine Tyrannei: wären die Senatoren schuldig gewesen, spräche schließlich nichts gegen Nachernennungen. 
Tarquinius wandte seine Aufmerksamkeit dann nach außen, nach Latium, das er vollständig unter römische Kontrolle bringen wollte. Mit einer Reihe von geschickten Bündnissen und Verrat fiel Stadt um Stadt unter seine Kontrolle und vereinte ihre Truppen mit Rom. Seine Taktiken waren alles andere als fein: er versteckte etwa bei einer Konferenz mit latinischen Anführern Waffen in deren Hütten, die danach gefunden wurden – und die Latiner wegen Verrats getötet. Die Überlebenden und Nachfolger verstanden den Hinweis und folgten ihm. Eine andere renitente Stadt fiel, als sein Sohn, einen Bruch mit dem Vater vortäuschend, die Kontrolle übernahm und die örtliche Nobilität hinrichtete. Die Erfolge des Tarquinius waren daher auch von einer Aura des Ruchlosen und Ehrlosen umgeben. Ein ordentlicher Römer gewann schließlich in der männlichen, offenen Feldschlacht. Tarquinius konnte jedoch auch auf  eine Reihe genuiner Erfolge zurückblicken. Einige Ausbauten Roms, so etwa der Bau des großen Jupiter-Tempels und der Bau der Cloaka Maxima gehen auf sein Konto.
Michaelangelos Darstellung der Sibyll
Tarquinius gehört außerdem zum Rahmenprogramm einer der merkwürdigeren Sagen der römischen Frühzeit, der Legende der sibyllenischen Bücher. Sibyll war eine Art Orakel, die Tarquinius neun Bücher mit Prophezeiungen zu einem gewaltigen Preis anbot. Tarquinius lehnte ab, woraufhin Sibyll drei der Bücher verbrannte  und die restlichen sechs zum gleichen Preis erneut anbot. Tarquinius war schon unsicher, lehnte aber erneut ab, woraufhin Sibyll drei weitere verbrannte. Die restlichen drei kaufte Tarquinius nun. Die Römer konsultierten diese Bücher, die von speziellen Aristokraten bewacht wurden, bis zum Brand des Jupitertempels 85 v. Chr., woraufhin sie eine neue Sammlung sibyllischer Prophezeiungen aus dem ganzen Mittelmeerraum zusammenkauften, die sie bis zum Aufstieg des Christentums vor wichtigen Entscheidungen konsultierten. Hätte Tarquinius nur alle neun Bücher gekauft! 
Der Fall des Tarquinius kam, wie auch sein Aufstieg, durch eine Frau. Bei der Belagerung einer reichen Stadt namens Rutuli, die Tarquinius nur der Beute wegen belagerte, langweilten sich die adeligen Jungspunde mit Offiziersrang so sehr, dass sie begannen, gegenseitig die Treue ihrer Ehefrauen zu prüfen. Die einzige Frau, die der Prüfung standhielt, war Collatia – erneut sehen wir die typisch römische Figur der tugendhaften Ehefrau -, was die Leidenschaft von Tarquinius‘ Sohn Sextus erregte, der sie erpresste und zum Sex zwang. Collatia aber machte die Affäre danach öffentlich und beging dann Selbstmord. Als Reaktion auf diese Ehrverletzung der Nobilität schwor Collatius zusammen mit seinen Freunden Lucius Junius Brutus und Publius Valerius, die Tarquinier aus Rom zu vertreiben. Die ruinöse Baupolitik des Königs, der die Kassen Roms geleert hatte und angesichts des Misserfolgs der Belagerung von Rutini auch keine Aussicht auf Besserung hatte, tat sein Übriges. 
Lucius Junius Brutus
Da Brutus zur Leibgarde Tarquinius‘ gehörte, besaß er das Recht, die Ständeversammlung (comitia) einzuberufen, was er tat – und als Bühne für eine vernichtende Anklagerede gegen den König nutzte. Tarquinius, seine Frau Tullia und sein Sohn (der kurz darauf ermordet wurde) flüchteten aus der Stadt, und Brutus und Collatius wurden zu den ersten beiden Konsuln Roms gewählt. Natürlich wäre dies keine römische Geschichte ohne einen ordentlichen Verrat, und so zwang Brutus kurz darauf Collatius zum Rücktritt, um einen genehmeren Kollegen zu bekommen. Tarquinius indessen verbündete sich mit Roms altem Feind Veji und marschierte auf Rom, wurde aber von Brutus‘ Armee zurückgeschlagen. In der blutigen Schlacht fand Brutus den Tod; er hatte zuvor jedoch auch eine innenpolitische Verschwörung entdeckt und die Loyalisten Tarquinius‘ ohne viel Federlesens exekutieren lassen, darunter auch zwei eigene Söhne. Ohne Verbündete in der Stadt, die nun fest in den Händen der Republikaner war, wandte sich Tarquinius an den König von Clusium, Porsena. Der marschierte mit einer großen Armee auf Rom, das eine blutige Verteidigungsschlacht schlug, die ebenfalls in die römische Legende einging: angeblich gelang es Porsena fast, eine Brücke über den Tiber unter Kontrolle zu bekommen, bevor die Römer sie zerstören konnten. Ein tapferer Aristokrat namens Horatius hielt die feindliche Armee im Alleingang lange genug auf, dass die Brücke hinter ihm zerstört werden konnte und schwamm danach in Sicherheit. 
Solche angeblichen Heldentaten hin oder her, Rom wurde danach von Porsenas Armee belagert. Es ist unklar, ob Porsena Rom eroberte und kurzzeitig besetzte oder ob die Römer die Belagerung überstanden; so oder so zog Porsena aber bald ab und überließ Tarquinius dessen letztem Versuch, Rom zurückzuerobern. Dieses Mal stellte sich der Armee Tarquinius (im Bündnis mit der latinischen Stadt Tusculum) der erste Diktator Roms entgegen, Albus Postumius Albus, der in der Schlacht ebenfalls den Tod fand. Die Römer siegten knapp, und Tarquinius verschwand endgültig im Exil. Rom war eine Republik. 
Tyrannenmord
Zu den Gründungskernen der Republik gehörte die ungeheure Feindseligkeit gegenüber allem, was nach Tyrannei und Königtum roch. Zahlreiche Politiker der Republik fanden den Tod (oder ein abruptes Karriereende), weil man ihnen Aspirationen nach dem Königstitel unterstellte. Das letzte Opfer dieser Königs-Paranoia war Julius Cäsar, der allerdings in der Angelegenheit kaum als unschuldig gelten darf. Die ungeheure Bosheit des Tarquinius (die vermutlich deutlich übertrieben ist) diente den Römern dabei immer als bequeme Rechtfertigung dieser Ablehnung des Königstitels. Jeder, der die Alleinherrschaft anstrebte, musste sich mit Tarquinius vergleichen lassen – ein PR Albtraum. Letztlich aber diente auch die Geschichte von Tarquinius vor allem als ein pädagogisches Werk: wie die Könige vor ihm war Tarquinius immer dazu gut, bestimmte Lektionen über das, was die Römer als ihr Selbstverständnis betrachteten – virtus – zu erläutern. 
Die Könige waren keine historischen Figuren, sondern mystische Verzerrungen realer, historischer Persönlichkeiten. Vermutlich gab es auch mehr als sieben von ihnen. Ihre Geschichte aber wurde erst zu einer Zeit aufgeschrieben, als die ältesten Einwohner der Stadt allenfalls Großeltern hatten, die bei Tarquinius‘ Vertreibung dabeigewesen waren. Es verwundert daher nicht, dass die Geschichten zwar hervorragend die Lektionen hergeben, die die Römer gerne weitergeben wollten, aber vermutlich wenig auf historische Genauigkeit geben. Für uns sind sie daher eher ein Fenster ins Innenleben der römischen Seele als in das ihrer Vorgeschichte. 
Bildnachweise: 
Tarquinius Münze – Guillaume Rouille (Public Domain)
Comic – John Leech (Public Domain)
Sibyll – Michelangelo (Public Domain)
Brutus Büste  – Jastrow (Public Domain)
Tyrannenmord – Karl von Piloty (Public Domain)

Fundstücke

Von Stefan Sasse- Ein 1917 vermisster Soldat wurde gefunden- Bildband American Odyssee. Klingt interessant, aber zu teuer. – Abiturtexte aus dem Ersten Weltkrieg- Der Tag, an dem Washington von den Briten im Krieg von 1812 niedergebrannt wurde (En…