Planet History

Geschichtsblog

Fundstücke

Von Stefan Sasse- Ein 1917 vermisster Soldat wurde gefunden- Bildband American Odyssee. Klingt interessant, aber zu teuer. – Abiturtexte aus dem Ersten Weltkrieg- Der Tag, an dem Washington von den Briten im Krieg von 1812 niedergebrannt wurde (En…

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Eine ausführliche Rezension von Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“

– Eine Gegenrede von Heinrich August Winkler zu Clarks „Schlafwandler“. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, als ob er deutlich mehr in das Buch reinliest, als drinsteht – ganz so wie seine Gegner, im Übrigen.

– Interview mit Götz Aly über Euthanasie im Dritten Reich.  

– 40 Karten, die das Römische Reich erklären (Englisch). Ich bin nicht überzeugt dass die irgendwas „erklären“, aber es ist eine nette Kartensammlung. 

Legende und Geschichte – die römische Königszeit, Teil 3

Von Stefan Sasse
Dies ist der dritte Teil der Artikelserie. Im ersten Teil besprachen wir die ersten beiden mythischen Könige Roms, Romulus und Numa. Im zweiten Teil besprachen wir die folgenden beiden Könige, Hostilius und Marcius. In dieser Folge widmen wir uns den zwei nächsten Königen, Tullius und Priscus.

Lucius Tarquinius Priscus
Der vierte König Roms, Ancus Marcius, hatte zwei Söhne. Da sich in der römischen Gesellschaft jener Tage das Erbschaftsprinzip noch nicht durchgesetzt hatte, leitete sich daraus auch kein Herrschaftsanspruch ab. Da beide Söhne bei Marcius‘ Tod nicht in der Stadt waren, hatte es der fünfte König, der etruskische Adelige Lucius Tarquinius Priscus, leicht, den Senat von der Eignung seiner eigenen Wahl zu überzeugen. Tarquinius Priscus war aus Etruria gekommen, wo er wegen seiner griechischen Wurzeln von einer politischen Laufbahn ausgeschlossen war. Bei seiner Ankunft in Rom hatte ein Adler ihm die Mütze weggenommen und wieder auf den Kopf gesetzt, ein Zeichen künftiger Größe, das Ancus Marcius dazu gebracht hatte, ihn zum Vormund seiner Kinder zu ernennen. Tarquinius vergrößerte den Senat (unter anderem um die Familie der Octavii, aus denen Augustus hervorgehen würde), führte Krieg gegen die Latiner und Sabiner, in deren Rahmen er die Zahl der equites verdoppelte, und brachte die Kriege mit Landgewinn für Rom zum Abschluss. In Rom selbst baute er den Circus Maximus, begann den Bau des Jupitertempels auf dem Kapitol und errichtete die Cloaka Maxima, um das Problem der Abwässer und Versumpfung in den Griff zu bekommen. Auf seine Herrschaft gehen außerdem viele römische Symbole zurück, etwa das Purpur als Königsfarbe oder der herrschaftliche, von vier Pferden gezogene Streitwagen. 

Es scheint, als ob wir mit Lucius Tarquinius Priscus langsam das Gelände der Mythen und Sagen verlassen und in belastbareres Territorium vorstoßen. Rom war in seiner Gründerzeit immer noch politisch von den Etruskern abhängig, so dass ein etruskischer Adeliger als römischer König durchaus Sinn macht. Tarquinius Priscus erwirbt auch gleich die notwendigen legitimatorischen Zeichen, die römische Herrscher sich später noch oft zusprechen würden: eine Prophezeiung (der Adler mit der Mütze), die den Herrscher als göttergewollt betrachtet, und militärischer Erfolg. Tarquinius Priscus besiegte Sabiner und Latiner und eroberte diverse Städte, was den Griff Roms auf das Umland festigte, und kehrte im Triumphzug nach Rom zurück, eine Praxis, die auch später die höchste Ehrung der Stadt sein und in der Kaiserzeit ausschließlich den Kaisern vorbehalten sein würde. Auf diese Art und Weise hatte er die Referenzen beisammen, die einen großen Römer in den Augen der Zeitgenossen ausmachten. Es fällt auf, die mundän diese Tätigkeiten sind. Die Sabiner und Latiner werden nicht entscheidend geschlagen, und einige Städte werden erobert – ein Erfolg, gewiss, aber nicht mehr legendär wie frühere Könige.
Cirus Maximus in einem Modell
Interessanter sind da seine politischen Reformen. Die Vergrößerung des Senats brachte eine Welle neuer, ihm getreuer Gefolgsleute in Roms Legislative, eine Taktik, die auch spätere Generationen gerne anwenden werden. Er verdoppelte außerdem die Ränge der equites, was eine deutliche Vergrößerung der Armee mit sich brachte, deren Ränge sich in jener Zeit noch aus den Besitzenden rekrutierten. Gleichzeitig verschaffte es Roms Mittelschicht eine breitere Basis, was für das spätere Wachstum der Stadt bedeutsam sein dürfte. Interessant sind auch seine baulichen Maßnahmen: der Circus Maximus, eines der Wahrzeichen der Stadt, wird auf ihn zurückgeführt und erlaubt das aristrokratische Vergnügen der Wagenrennen. Livius vermerkt in seinen Darstellungen, dass Patrizier und Senatoren sich im Circus eigene, erhöhte Logen bauten, was den legitimatorischen Charakter des Bauwerks unterstreicht, indem es Besuchern deutlich die Rangunterschiede zeigt. Gleiches gilt für den Bau des Jupitertempels, mit dem sich Tarquinius Priscus als legitimer König zeigt, der den Göttern huldigt. 
Der Bau der Cloaka Maxima schließlich ist für Rom von kaum zu überschätzender Bedeutung, da er das Problem von Seuchen reduziert und große Gebiete für den Bau von Gebäuden befreit, so dass auch das Gebiet zwischen den sieben Hügeln Roms bewohnbar wurde. Die Bedeutung des Königs liegt daher in einer Konsolidierung Roms, weniger in seiner Erweiterung. In Tarquinius Priscus‘ angeblicher Herrschaft wurden die Grundlagen gelegt, die es später zu einer Metropole und zur Herrscherin des Mittelmeers machten. Wie immer ist die tatsächliche Existenz sehr fraglich: Priscus regierte angeblich 38 Jahre lang, bevor er in einer Revolte ermordet wurde, und die vielen Bauvorhaben sind für einen Mann trotz dieser Länge beachtlich. Nichtsdestotrotz erreichen wir ein Stadium der römischen Geschichte, das glaubhafter erscheint als das vorhergehende. 
Servius Tullius
Die angesprochene Revolte war laut Livius eine Intrige der Söhne Ancus Marcius‘, um Tarquinius Priscus zu ermorden und selbst die Herrschaft zu übernehmen. Tarquinius Frau Tanaquil aber behauptete, der König sei nur verwundet und nutzte die Zeit, um Servius Tullius als Regenten zu proklamieren. Danach wurde der Tod Priscus‘ bestätigt und Tullius als neuer König ausgerufen. Weder Marcius‘ Söhne noch die Priscus‘ wurden so neue Könige – das Erbschaftsprinzip wurde ein letztes Mal abgewendet. Es bleibt unklar, ob Roms letzter König – Tarquinius Superbus – ein Sohn oder Enkel Tarquinius Priscus‘ war. So oder so würde zuerst Servius Tullius für, wir ahnen es, eine Periode von rund 40 Jahren herrschen.
Bereits sein Herrschaftsantritt ist von Unklarheiten überschattet: war er der erste König, der direkt vom Volk ausgerufen und vom Senat nicht bestätigt wurde, oder wurde er vom Senat gewählt, ohne dass das Volk gefragt wurde? So oder so war seine Wahl die erste ihrer Art. Wie so häufig umgibt auch ihn eine Prophezeiung: laut Livius erschien ein Feuerring um Tullius‘ Kopf, der zu seiner Königswahl führte. Niemand anderes als Kaiser Claudius erklärte dies später für Unsinn und erklärte ihn zu einem etruskischen Söldner. Servius‘ Herrschaft beginnt, wie könnte es anders sein, mit Krieg gegen Veiji und die Etrusker, was zu diesem Zeitpunkt als eine Art Mannbarkeitsprobe für römische Herrscher angesehen werden kann. Wie bereits bei Tarquinius Priscus ist das Resultat dieser Konflikte wenig relevant; bedeutsam ist, dass die militärischen Siege Tullius die notwendige Legitimität in den Augen der Römer verschafften. 
SPQR-Standarte
Bedeutsam aber sind die so genannten Servianischen Reformen, die Roms Entwicklung zu einer Republik zementierten. Unter Tullius erhielten wesentlich größere Teile der Bevölkerung das Wahlrecht, als dies bisher der Fall gewesen war. Das Wahlrecht wurde außerdem formalisiert (indem die Bevölkerung entsprechend ihres Vermögens und ihrer Steuerleistung in Klassen eingeteilt wurde, deren Stimmen unterschiedlich viel Gewicht besaßen, die so genannten Zenturien) und gleichzeitig das Gerichtswesen auf eine deutlich rechtsstaatlichere Grundlage gestellt, als dies bisher der Fall gewesen war – Grundlage des späteren Siegeszugs römischen Rechts. Unter Tullius wurden zudem die verbliebenen, bisher unerschlossenen drei der sieben römischen Hügel (besiedelt und die Stadt damit deutlich vergrößert (was gleichzeitig auch die Gruppe der Wahlberechtigten, die durch die Reformen bereits vergrößert worden war, noch einmal explodieren ließ). Für das einfache Volk und die Armen, die er mit einigen Sozialprogrammen bedachte, wurde Servius Tullius damit zu einem großen Helden und zum wohl beliebtesten Politiker seiner Zeit. Tullius machte sich damit allerdings viele Feinde. Tarquinius Superbus hatte eine seiner Töchter geheiratet, mit der konspirierte und Tullius auf den Stufen des Senats ermorderte, um selbst die Herrschaft anzutreten.
Auch die Herrschaft des Servius Tullius passt etwas zu gut in den römischen Gründungsmythos, um wahr zu sein, aber die Details seiner Herrschaft selbst lassen den Schluss zu, dass sie vergleichsweise akkurat sind. Die weitere Besiedlung Roms auf einen speziellen Herrscher festzuschreiben macht wenig Sinn, dürfte aber erst mit der städtischen Infrastruktur Tarquinius Priscus‘ wirklich möglich geworden sein. Gleichzeitig sind die Servianischen Reformen geradezu das Anlegen einer Straße zur Republik, auf die die späteren Gründer um Brutus nur zurückgreifen mussten. Die Republik konnte sich somit effektiv mit dem Willen des letzten „guten“ König Roms legitimieren, was einfach zu günstig ist, um blanker Zufall zu sein. Die Aufteilung des römischen Elektorats durch Tullius würde für eine sehr lange Zeit die konstitutionelle Grundlage Roms bilden, ebenso das von ihm eingeführte Zensuswahlrecht und die „rule of law„, die auf ihn zurückgeht. Letztere ist von gewaltiger Bedeutung und ohne die durch die Legende des Numa von der Schwurtreue der Römer auch nicht vorstellbar; die Königslegenden greifen hier also direkt ineinander über. Ohne dass die Römer die Gesetze kodifizieren und einhalten ist das Funktionieren einer Republik nicht vorstellbar, würde sie unter dem Ansturm skrupelloser, ambitionierter Männer zerbrechen – wie es denn auch im 1. Jahrhundert vor Christus geschah.
Neuzeitliche Darstellung einer Senatssitzung (Cicero vs. Catalina)

Es ist auch interessant, dass nun bereits zwei römische Könige ermordet wurden. Die Umstände verweisen dabei jedes Mal auf ambitionierte Männer, die selbst an die Macht kommen wollen, und dabei auch noch Verwandte oder enge Berater des jeweils letzten Königs. Die Machtmechanismen der späteren Republik aber waren so gestaltet, dass gerade solche Szenarien verhindert werden: der Cursus Honorum, also die Ämterabfolge (Ädile, Prästoren, Tribune, Konsuln und so weiter), die mit ihren Mindestabständen (meist zehn Jahre) und Mindestaltern kometenhafte Aufstiege verhinderte, die Wahlen, die Nepotismus erschwerten, weil die direkte Abstammung weniger zählte als der Ruf des jeweiligen Aristokraten, die kurze Amtsdauer und das Kollegialitätsprinzip – alle diese Mechanismen scheinen geradezu mit der Blaupause der römischen Könige im Kopf gestaltet worden zu sein. Oder aber natürlich, die römischen Königslegenden wurden genauso geschrieben, dass sie ein abschreckendes Beispiel darstellten, um Kritiker an der etwas schwerfälligen republikanischen Regierungswechselei schnell abfertigen zu können. Hier zeigt sich die legitimatorische Wirkmacht der historischen Legenden.

So oder so dienen die ersten sechs römischen Könige allesamt als Sagen, anhand derer zum einen die Entwicklung Roms als auch die klassischen römischen Tugenden – Treue, Tapferkeit, (politische) Ambition, Führungsstärke, Entschlossenheit – illustriert werden konnten. Die Könige sind überlebensgroße Figuren, oftmals durch göttliche Fügung limitiert und mit langen Regierungszeiten gesegnet, die aber gleichzeitig stets durch andere ambitionierte Männer unter Druck geraten. Was also passiert, wenn diese Männer kein Ventil für ihre Ambitionen finden, und wenn der König selbst nicht ein weiser, fähiger Mann, sondern stattdessen ein hochmütiger Tyrann ist? Nun, dann wird es wohl Zeit, eine Republik zu gründen, nicht wahr?

Bildhinweise: 
Tarquinius Priscus – Guillaume Rouille (Public Domain)
Modell Roms – Pradigue (CC-BY-SA 3.0)
Servius Tullius – Guillaume Rouille (Public Domain)
SPQR-Standarte – Bascavia10 (CC-BY-SA 3.0)
Senatssitzung – Cesare Maccari (Public Domain)
Buchhinweise:

Widerstand – aber wofür?

Von Stefan Sasse
Widerstand - aber wofür?
Stauffenberg
Wenn jemand Widerstand leistet, dann muss er sich zwei Fragen stellen: wogegen und wofür. Es liegt in der Sache, dass man sich beim „wogegen“ häufig schneller einig ist als beim „wofür“. Widerstandsbewegungen finden sich meist zusammen, weil sich viele Menschen in dem einig sind, was sie ablehnen. Nach ihrem Sieg zerfallen sie dann häufig sehr rasch, weil sie sich nicht einig sind, wofür sie das eigentlich tun. Man sieht dies an der Koalition gegen die Taliban (der „Nordallianz“ von 2001), an der gegen Ghaddafi (2011), man sieht es an den Gegnern Francos im spanischen Bürgerkrieg (1936-39) und man sieht es an Hitlers Gegnern während dessen Regentschaft (1933-1945). Deren Versuch, den Diktator zu ermorden, jährt sich 2014 zum 70. Mal. Bekanntlich scheiterten sie. Das Nachkriegsdeutschland verdrängte ihre Erinnerung und behielt ihre Verurteilung als Staatsfeinde und Verräter bei, ein Schandfleck, der erst ab den 1960er Jahren langsam beseitigt wurde. Heute werden die Attentäter des 20. Juli gerne geehrt und es wird ihrer gerne gedacht, schon allein, weil man damit vermeidet, dubiose Einzeltäter oder, Gott bewahre, Kommunisten an ihre Stelle zu setzen. Aber was wollten Stauffenberg und seine Mitverschwörer eigentlich erreichen?

Ihr eigentlicher Plan ist schnell erzählt: Stauffenberg, nach einer Verwundung Stabsoffizier in Hitlers Hauptquartier, sollte eine Bombe platzieren und den Diktator so töten, während Mitverschwörer die Kommunikation lahmlegen und so die Kommandostruktur der Nazis unterbrechen sollten. In Berlin würde man sich Kontrolle über das in Deutschland stationierte Ersatzheer verschaffen, die ranghohen Nazis verhaften, die Kontrolle übernehmen und den (West-)Alliierten ein Friedensangebot machen. Bekanntlich scheiterte der Plan, an Pech sowie an Planungsfehlern und grundsätzlichen Pannen. Was selten gefragt wird (besonders nicht in Bryan Singers Verfilumg „Walküre“) ist, wie diese neue deutsche Regierung hätte aussehen sollen, und was sie mit dem Krieg mit der Sowjetunion zu tun gedachte. 
Widerstand - aber wofür?
Gedenkstätte (Phaeton, CC-BY-SA 3.0)
Hierzu muss man etwas mehr ausholen. Stauffenberg und seine Mitverschwörer bestanden vor allem aus zwei sozialen Gruppen: dem alt-liberalen, konservativen Bürgertum Weimars und noch mehr des Kaiserreichs (etwa Goerdeler) sowie dem ostelbischen Junkertum, der Trägerschicht des alten, konservativ-adeligen Preußen. Beide Schichten hatten sicherlich nicht zu den Gegnern Hitlers gehört, als dieser Weimar den Garaus gemacht hatte, und waren bereits eifrige Unterstützer jener autoritären Regime gewesen, die vor ihm kamen: Brünin, von Papen, von Schleicher. Ihre Gegnerschaft zu Hitler erwuchs aus den steigenden Exzessen des Regimes und dem Gang des Krieges, der sich nach Lage der Dinge nicht mehr gewinnen ließ. Diesen Realitätssinn für das Militärische hatten sie Hitler voraus. Auf politischem Gebiet waren sie mindestens ebenso naiv wie dieser. Ihre Vorstellung war ein Friede, vielleicht sogar Bündnis nach Westen, um den Krieg gegen die Sowjetunion zu einem Abschluss bringen zu können, und den Erhalt eines Deutschland in den Grenzen von 1937, vielleicht sogar mit einem Teil der Gewinne der Jahre 1938 und 1939. Das allerdings war 1944 pure Fantasterei. 
Innenpolitisch wollten die Verschwörer ein autoritäres Deutschland, das ihrer Meinung nach eine „natürlichere“ Regierungsform war als die republikanische Demokratie oder Hitlers populistische Diktatur. Eine Volksbeteiligung sollte es allenfalls stark gefiltert geben. Doch das wichtigste Ziel überhaupt war Stauffenberg und seinen Mitverschwörern, das alte Deutschland am Leben zu erhalten, nicht so sehr die genaue Organisationsform im Politischen. Dieses „alte Deutschland“ hatte bereits die Weimarer Republik dominiert und damit einen verlorenen Weltkrieg überstanden. Den Männern des 20. Juli war klar, dass sie einen weiteren nicht überstehen würden, denn dieses „alte Deutschland“ verkörperten sie. Sollten Hitler und die Alliierten ihren Willen bekommen und das Reich bis zur totalen Niederlage weiterkämpfen, bedingungslos kapitulieren, dann wäre dies auch das Ende der Schicht, die ihn an die Macht gebracht hatte. 
Widerstand - aber wofür?
Stauffenberg 1926
Die einzige Möglichkeit, die Existenz der eigenen Klasse zu retten – und den gesamten kulturellen Ballast des „alten Deutschland“ – bestand darin, in den Worten von Treschkows, „vor der Weltöffentlichkeit den entscheidenden Wurf gewagt zu haben“ und so die moralische Lage zu verbessern und dem unvermeidlichen Strafgericht der Alliierten zu entkommen. Vermutlich hätte diese Strategie sogar halbwegs Erfolg haben können, wenn sie nicht durch die Ereignisse ohnehin redundant geworden wäre: das Land, in dem das „alte Deutschland“ kulturell verwurzelt war (Ostelbien) wurde durch den Angriff der Sowjets und die Nachkriegspläne der Alliierten – Stichwort Westverschiebung Polens – deutschem Zugriff (wie sich zeigen sollte: dauerhaft) entzogen. Und die Junkerklasse selbst wurde im letzten halben Jahr faktisch ausgerottet, einerseits durch Hitler selbst, andererseits im Kampf gegen die anstürmende Rote Armee. Der Selbstmord einer Bismarck im heimischen ostpreußischen Gut nur Stunden vor dem Eintreffen der Roten Armee steht exemplarisch für diesen Untergang. 
Gegenüber der Gesamttragödie des Krieges und den Folgen für die Deutschen und ihre Nachbarn geriet der Tod dieser Klasse schnell ins Hintertreffen und wurde kaum beachtet. Die Politik der entstehenden Bundesrepublik bestimmte sie nicht mehr, und ihre Überreste in dem, was früher Mitteldeutschland gewesen war und nun „Sowjetische Besatzungszone“ hieß, bevor sich die „Deutsche Demokratische Republik“ gründete, wurden von den sowjetischen Besatzungsbehörden mit Eifer ausgerottet. Stauffenberg und seine Mitverschwörer taugen daher wenig als demokratische Symbole. Sie taugen wesentlich mehr als Symbole moralischer Größe. Sie waren fähig, ihren Irrtum einzusehen und die ultimative persönliche Verantwortung dafür zu übernehmen. Ihre Ziele haben sie damit zwar nicht erreicht. Hätten jedoch mehr Menschen gedacht wie sie, so wäre die vernichtende Hitler-Diktatur früher zu Fall gekommen. Ob das langfristig besser gewesen wäre, ist eine ganz andere, düsterere Frage.

Legende und Geschichte – die römische Königszeit, Teil 2

Von Stefan Sasse
Dies ist der zweite Teil der Artikelserie. Im ersten Teil besprachen wir die ersten beiden mythischen Könige Roms, Romulus und Numa.

Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 2
Münze mit dem Abbild Tullus Hostilius

Der dritte König Roms war ein Mann names Tullus Hostilius. Er war ein Enkel des Romulus (mütterlicherseits) und von Natur aus wie Numa ein friedlicher Mann, der jedoch diese Natur nicht ausleben konnte. Stattdessen wurde er zu einem der kriegerischsten Anführer Roms. In mehreren Kriegen stellte er sich Roms Erzfeinden: Alba Longa und Veji. Im Krieg gegen Alba Longa schloss er einen Pakt mit dessen Feldherrn, einem Mann namens Mettius Fufetius, anstatt einer gewaltigen Schlacht ein Duell den Krieg entscheiden zu lassen. Jede Seite sollte Drillinge antreten lassen. Auf römischer Seite kämpften die Horatier, auf albanischer Seite die Curatier. Diese töteten recht schnell zwei ihrer römischen Gegner, ehe der dritte Horatier durch eine angetäuschte Flucht die Curatier einen nach dem anderen stellen und erschlagen konnte. Der Krieg gegen Veji und dessen Nachbarn Fidenae involvierte Alba Longa erneut: Mettius, so die Sage, habe die beiden Städte aufgestachelt, gegen Rom zu Felde zu ziehen, mit dem er zu diesem Zeitpunkt wegen der Niederlage der Curatier verbündet war. In der Schlacht hielt er sich zurück und ließ die Römer im Stich, die nichts desto trotz siegten, Mettius gefangennahmen und hinrichteten, Alba Longa einebneten und seine Einwohner mitsamt römischem Bürgerrecht in Rom ansiedelten. Tullius führte noch weitere Kriege, doch seine letzte bleibende Tat war die Errichtung der Curia Hostilia, dem späteren Senatssitz. 

Wie auch bei den anderen Königen steht Tullus Hostilius eher für Teile des römischen Gründungsmythos, als dass man ihn als eine reale Person sehen könnte. Nachdem die Geschichte um Numa die Römer als friedliche Bauern etabliert hatte, deren Weisheit weithin gerühmt war, musste nun die in der Zeit der Republik, als die Legenden um die Könige entstanden, unzweifelhaft vorhandene Kriegslust der Römer vorkommen. Da die Römer sich stets als die Angegriffenen in Szene zu setzen wussten, liegt es nahe, den kriegerischen Sündenfall auch hier äußeren Kräften zuzuschreiben. So ist es dem eigentlich friedlichen Tullus Hostilius nicht vergönnt, Numas Erbe zu verwalten. Er muss in einer feindlichen Umwelt zu den Waffen greifen und sein geliebtes Rom verteidigen – ein Narrativ, von dem die Römer auch nicht lassen konnten als sie in Mesopotamien, Schottland, an der Elbe oder in Nordafrika ihr Imperium verteidigten. 
Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 2
Kampf gegen Veji und Fidernae

Da man nun bereits am Kämpfen und Krieg führen war (aufgezwungen von außen), brauchte es auch einen anständigen Gegner. Dieser musste einerseits böse genug sein, um die Römer auf den Kriegspfad zu zwingen, und mächtig genug, um den Sieg bedeutsam erscheinen zu lassen. andererseits aber auch später zum Guten bekehrt werden können, denn die damaligen Nachbarn Roms bildeten zur Zeit der späteren Legendenbildung ja bereits den Kern der römischen Bürgerschaft. Es lag daher nahe, Alba Longa und Veji zu Feinden zu erklären. Alba Longa war ohnehin die erste Stadt, gegründet vom mythischen Urvater Äneas, die zu übertrumpfen den Römern ein Herzensanliegen gewesen sein muss, die jedoch gleichzeitig nicht einfach ausgelöscht werden konnte. Ein „böser Berater“ in Form des Feldherrn Mettius Fufetius von dem man die Albaner befreien konnte kam da gerade Recht. Veji, auf der anderen Seite, sollte Rom noch viele weitere Male als Erzfeind beschäftigen. Seine Etablierung zur Königszeit kann als Möglichkeit nachträglicher Legitimation gesehen werden. 

Im Kampf der Horatier gegen die Curatier sehen wir eine weitere römische Tugend, die man sich gerne zuschrieb: die unbedingte Tapferkeit im Kampf. Man beachte die mystische Grundkonstellation: jede Seite hatte als beste Kämpfer jeweils Drillinge zur Verfügung, die man in einer Art Götterurteil aufeinander hetzen konnte. Interessant ist, dass sich trotz allen römischen Heldenmuts die Entscheidung effektiv nur durch eine Kriegslist herbeiführen lässt: der Horatier täuscht eine eigentlich wenig ehrenhafte Flucht an, ehe er die verletzten Curatier einzeln niedermacht. Das Ergebnis heiligte den Römern schon immer die Mittel. 
Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 2
Schwur der Horatier

Daher ist natürlich auch ihr schmerzliches Gefühl des Verrats gegenüber Mettius heuchlerisch. Wäre Mettius ein Römer gewesen, so wäre seine Geschichte eine Heldengeschichte: clever gewinnt er Bundesgenossen, die einen Krieg gegen den verhassten Erzfeind schlagen, ohne dass man die eigenen Eide brechen muss, die einem aufgezwungen wurden – denn nichts anderes taten die Römer nach dem Sieg des Horatiers gegen Alba Longa. Nur, das Ergebnis passte nicht, und so wurde Mettius zwischen zwei Streitwagen gespannt und für seine Niederlage in Stücke gerissen. Der Verrat selbst spielte hier keine so große Rolle – die Römer würden ihren unterlegenen Gegnern später auch ohne vorherige Intrigen ein ähnliches Schicksal zudenken. Verrat hin oder her, die tapferen und ruhmreichen Römer schlagen Veji und Fidenae natürlich auch ohne Unterstützung. Eine zweifache Übermacht schreckt einen Enkel Romulus nicht. Im Gegensatz zu Alba Longa bleiben beide Städte unberührt – man braucht sie ja später noch als Herausforderung, auf dass eine neue Generation an Römern sich an ihnen bewähren kann. 

Zuletzt ist Tullus Hostilius auch für den Bau des Senatsgebäudes verantwortlich. Es ist interessant, dass die Römer es ihm und nicht dem ihre politischen Bräuche gründenden Numa zuschrieben. Auf diese Art und Weise wurde die Republik in die kriegerische Tradition der frühen Römer gestellt. 
Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 2
Münze mit Abbild Ancus Marcius

Tullus Hostilius‘ Nachfolger im Amt war Ancus Marcius, ein Sohn eines engen Freundes des zweiten Königs Numa. Seine erste Amtshandlung als Pontifex Maximus war, die Einhaltung der von Numa institutionalisierten Sitten und Riten sicherzustellen. Wie auch sein Vorgänger führte er zahlreiche Kriege, vor allem gegen die Latiner, deren ursprüngliche Siedlungsgebiete er praktisch vollständig vernichtete. Die geschlagenen Latiner selbst wurden in Rom auf dem Aventin angesiedelt. In die von den Römern entvölkerten Landstriche nachziehende Latiner wurden ihrerseits wieder bekämpft. Er besiegte außerdem die reiche latinische Stadt Medullia und kehrte mit reicher Beute heim. Auch als Städtebauer tat er sich hervor: er baute neue Befestigungen, das erste große Gefängnis und, vor allem, den Hafen von Ostia.

Ancus Marcius repräsentiert mehr oder weniger die Konsolidierungsphase Roms. Die Kriege gegen die Latiner dienten wie zu Romulus Zeiten der Vergrößerung der Bevölkerung, die einfach im eigenen Territorium angesiedelt wurde (und das Bürgerrecht erhielt). Das römische Bürgerrecht dient hier bereits als eine Art Zuckerbrot, das begleitend zum Gebrauch der militärischen Peitsche benutzt wird.

Gleichzeitig aber sind die anderen in Ancus Marcius fallenden Vorgänge interessant. Seine weiteren Stadtbefestigungen vergrößerten und konsolidierten das römische Siedlungs- und Wirtschaftsgebiet. So schloss er den Hügel Janiculum an Rom an, der westlich des Tibers lag und trotz seiner Größe nicht zu den ursprünglichen „Sieben Hügeln“ von Rom zählt. Hierzu wurde eine Brücke gebaut, die die römische Dominanz beider Tiber-Ufer besiegelte. Neue Stadtbefestigungen und ein öffentliches Gefängnis zementierten diesen Status Quo auch gegen Feinde der öffentlichen Ordnung.

Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 2
Marktplatz in Ostia (GNU 1.2 FoekeNoppert)

Auch erschloss sich Rom in dieser Zeit eine Quelle zu neuem Wohlstand. Während es immer noch stets willkommen war, den Reichtum anderer Städte zu plündern, sorgte der Anschluss an die italienischen Handelsrouten über die neue Tiberbrücke sowie der Bau des Hafens von Ostia an der Mittelmeerküste dafür, dass Rom aktiver am Handel der antiken Welt teilnehmen konnte – eine unabdingbare Bedingung für weiteres Wachstum und das Entwickeln einer ernsthaften Zivilisation, die über einen reinen plündernden rogue state in der Region hinausgehen sollte. Moralisch wird das Ganze für die Römer durch die Rückbesinnung auf den weisen Numa und seine religiösen Bräuche legitimiert. 

In der Tradition römischer Geschichtsschreibung waren die römischen Könige bis zu diesem Zeitpunkt ware Übermenschen. Von praktisch untadeliger Lebensführung herrschten sie über ein kleines Reich, das sie ohne Rückschläge größer und größer machten. Gleichzeitig gingen sämtliche Charakteristika des republikanischen Rom von ihnen aus und wurden von ihnen erfunden. Insgesamt ist diese Abfolge von narrativ so passend aufeinander aufbauenden Ereignissen eher unglaubwürdig. Es fällt auch auf, wie viele spätere römische Kontrahenten hier bereits ihre Aufwartung machen: Veji, der Erzfeind späterer Tage, dem die Römer ihren eigenen trojanischen Kriegsmythos aufzupropfen versuchten (inklusive einer zehnjährigen Belagerung der Stadt), die Latiner und Sabiner, mit denen zahlreiche Kriege um ihre Rolle im römischen Staatswesen führen würde, und viele andere. 
Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 2
George Washington

Auch entspricht der Fortschritt viel zu sehr einer linearen Entwicklung, als dass er realistisch wäre. Von einem Haufen mordernder Schläger unter ihrem Erobererkönig zum weisen, pazifistischen Bauernvolk und dann zum (aus römischer Sicht) perfekten Amalgam zwischen beiden, ehe unter dem vierten König dann wie als Belohnung die wahre Zivilisation losgeht und Wohlstand unter die Römer kommt – das alles ist in höchstem Maße allegorisch zu verstehen und nicht als eine reale Geschichte. Dasselbe gilt für die verwendeten Zahlen und Symbole. Drillinge, die gegeneinander antreten, mächtige Zeichen, Gegner, die die Größe Roms anerkennen und von seiner Vernichtung Abstand nehmen – all das entspricht nicht der Realität, ganz gleich, welch große Männer diese Könige auch gewesen sein wollen.

Es ist allerdings interessant zu sehen, dass die Römer offensichtlich Bedarf an Erklärungen und Legitimation ihrer Herkunftsgeschichte zu entwickeln begannen, Jahrhunderte, nachdem diese mythischen Ereignisse angeblich stattgefunden haben sollen. Die Personalisierung erlaubte es außerdem, eine Heldenvehrung in der römischen Zivilreligion zu erlauben, die durchaus mit der Mythologisierung der amerikanischen Gründerväter vergleichbar ist. Spätere Politiker griffen immer wieder auf das in diesen Geschichten etablierte Symbolsammelsurium zurück, von der römischen Tapferkeit über die verwendeten Prophezeiungen hin zu der Bedeutung des Schwurs für den politischen Alltag. Der gemeinsame Herkunftsmythos in der Königszeit wob den Stoff, der die römische Gesellschaft zusammenhielt, mystifizierte und überhöhte ihn.
Buchhinweise:

Hans-Ulrich Wehler ist tot

Von Stefan Sasse
Hans-Ulrich Wehler ist heute im Alter von 82 Jahren gestorben. Wehler gehört zu den profiliertesten deutschen Historikern des 20. Jahrhunderts. Seit den 1970er Jahren pionierte er die Sozialgeschichte als neues, ja dominantes Feld der deutschen Geschichtsforschung und kann damit das Verdienst für sich an Anspruch nehmen, von den ewigen Geschichten großer Männer, politischer Konferenzen und Kriege als Haupterklärmuster der Geschichtswissenschaft abgekommen zu sein, unter dem gerade die angelsächsische Geschichtsforschung sehr häufig noch leidet. 

Gleichzeitig ist meine eigene Beziehung zu Wehler sehr zwiespältig. Als ich seinerzeit 2005 mein Geschichtsstudium begann, setzte sich mein allererster Proseminar ausgerechnet mit seiner Sonderwegsthese auseinander. Sie gehört immer noch zu den Standarderklärmustern der neueren deutschen Geschichte, auch wenn sie gerade durch das Weltkriegsjubiläum dieses Jahr stärker unter Beschuss gerät als je zuvor. Die Idee, dass Deutschland gewissermaßen unnatürlich sei und daher der Weg in den Nationalsozialismus erklärbar, ging immer davon aus, dass Frankreich und Großbritannien irgendwie ein Normalfall wären – was sie leider nicht sind. Wehler beging damit ironischerweise denselben Fehler wie Fritz Fischer, dessen Alleinschuld-Narrativ er mit zu verdrängen half. 
Doch bleiben wird Wehlers Leistung auf anderem Gebiet: der Sozialforschung. Er entwarf in fünf dicken Bänden ein detailliertes Bild der deutschen Gesellschaft zwischen 1800 und der Wiedervereinigung, auf der man heute noch aufbaut. Dazu inspirierte er zahllose weitere Historiker, von liebgewonnen Klischees und Betrachtungsweisen abzukommen und öffnete die Tür für eine Reihe emanzipatorischer Geschichtsbilder, die eine ungeheuer vielschichtere Lesart der Geschichte ermöglichen als ehedem. Mit Wehler geht eine Menge Sicherheit über die deutsche Geschichte verloren, wird alles diffuser und komplexer. Er hat den Zugang zur Geschichte sicher nicht vereinfacht, wie so mancher Schüler sicher bestätigen kann. Aber er hat sie präziser gemacht und der Politisierung entrückt. Das ist eine Leistung, die wir ihm nie vergessen werden.

Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts

Crosspost von The Nerdstream Era. 

Can you make a game about World War I? An adventure game, no less? Ubisoft tried its hand at it. The result is a game called „Valiant Hearts“, built on the Rayman2-engine, that was released end of June. The concept is a daring one: You experience the first World War from the perspective of an aging French conscript, Emile, his German son-in-law, Karl, a Belgian nurse, Anna, and an American volunteer, Freddy. The game jumps between these characters as they meet and advances three years through the war. The question remains, though – is it possible to adequatly convey the horrors of the war in a comic-style adventure game? The answer is Yes, at times. 

Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts

Emile is a farmer in France, whose German farmhand, Karl, has a little son with his daughter Marie. When the war breaks out, Karl is thrown out of France and conscripted in the German army, while Emile is conscripted in the French one. Emile meets Freddy, an American who volunteered into the French army to avenge the death of his French wife, killed by the evil Baron von Dorf. Anna’s father, a scientist, was abducted by von Dorf to develop new and deadly weapons. Through the events of 1914-1917, the characters are drawn together and seperated by the waving fortunes of war. 
Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts
Strong art doesn’t require dialogue
The gameplay is pretty simple: you command your figure to move left or right, hit objects with your fist or shovel, and interact with other objects. In many levels, you can also command your dog companion to fetch items or pull levers. You can always carry exactly one item, which can also be thrown. The levels either require you to solve a series of simple puzzles most of the time involving machinery with gears and levers or to escape death in equally simple reaction games. Clearly, the gameplay isn’t the core of the game and serves more to transport a certain mood or plot. 
Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts
Press Space to cut wire.
For example, when the Germans first use Chlorin Gas in 1915, Emile needs to find the underground machine pumping it out, redirecting the vents so the gas is blown at the Germans. When Anna patches someone up, you have to push keys in a quick succession as to complete the healing process. In one level, you drive a tank and have to shoot at mines and planes before they hit you. Anna, commandeering a civilian car, has to evade roadblocks and enemy by driving left or right at the right time.

Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts
Just like the real thing.
The focus, therefore, lies on the narrative. There is no spoken dialogue and only occasional voice-over narration. The game instead relies on gibberish sounding French, German or English, with the occasional real words thrown in between, and the bubbles over the characters heads with symbols depicting what to do. An officer, for example, might shout at you with an arrow to the right in the bubble over his head, so you know you have to walk right. This becomes a tad more complex when you get instructions on what puzzle to solve, but it never really gets anywhere near „difficult“. 
Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts
I guess he wants me to oil the dog.
The style of the graphics is very comic-y, obfuscating the eyes of the characters and pronouncing their torsos and heads over the lims, creating a very distinct style. It serves the scenario well enough, and the engine is able to convey colorful towns as well as the bleak mud stretches of the trenches. The music is also very underplayed, supporting rather than dominating the scenery. When in the trenches, you often see soldiers collapsed, dead, wounded or looking absently into the void. This creates a very vivid and depressing image of the trenches despite the seemingly jolly art style, a cognitive dissonance that is very welcome. There are also lighter scenes, like soldiers celebrating in town. 
Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts
Not a light scene.
These stylistic decisions work best for Emile’s and Karl’s storylines. Anna never gets to the trenches, instead raoming the countryside and aiding soldiers of both sides as necessary. The most tonally off sequences involve Freddy and Baron von Dorf. Both are totally over the top (especially von Dorf’s ludicrous arsenal of super weapons that belongs more into the Indiana-Jones-Nazi-variety) and don’t really fit tonally. Their storyline is also ended at about two-thirds in the game in an abrupt and entirely unexplained turn of events that seems very unfinished. Freddy’s superhero-antics mercifully stop then, making more room for the more realistic feeling of Karl and Emile, whose personal story is much more touching than Freddy’s.

Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts
Defeating von Dorf’s Zeppelin, one handgrenade at a time
It is in these moments that the dissonance of tone becomes a much bigger, more disrupting. It is then not the First World War anymore, but some kind of fantasy land more reminiscent of „Tannhäuser“ than of the reality. These parts of the game should have better been excluded in favor of more Emile and Karl. 
Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts
Shamelessly abusing a dog for emotional value.
In its strong moments, however, the game can really touch you and convey the feeling and hopelessness of the war. In one of the last sequences, for example, Emile takes part in the Neville offensive, one of the biggest and most futile bloodbaths in the war. You have to go through a sheer endless variance of trenches, survive bombardements and MG fire, without any objective that would make any sense. The officer just commands you to go on as your comrades die around you. The whole loss of purpose is masterfully captured in this sequence (which ends in the soldier’s mutiny). Another strong scenario involves the tunnel warfare where Emile rescues a German soldier, has to solve some puzzles with him (that require two people) and is then rescued by him, only to be forced to kill him later. 
Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts
Dying for the fatherland in 2D.
On the other hand, scenarios like the capture of Fort Douamont are too focused on the bravery of the soldiers and drip of pathos. The same is true for much of the voice-overs. The developers were too hesitant of making a true anti-war-game, trying to have it both ways. This is almost certainly better for sales, and if it is the price to educate the youth about this conflict, I guess we have to be willing to pay it. But it stands in the way of true artistic greatness, since it continually diminishes the message of the stronger, more emotional sequences. 
Der Erste Weltkrieg als Spiel: Valiant Hearts
No wonder when you have villains like this.
In the end, though, I can only recommend the game. It has its flaws, but it’s a brave experiment that needs to be rewarded and is generally touching and even entertaining most of the time. Plus, there isn’t exactly a host of World War I games laying around.

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Beeindruckender Mashup von D-Day Bildern mit den gleichen Orten heute

– Ein englischsprachiges Interview mit einem Buchautor der argumentiert, dass wir pures Glück hatten nicht irgendwo aus Versehen eine Atombombe zu zünden.  

– Vox.com (englischsprachig) hat eine Sammlung Karten, die den Ersten Weltkrieg erklären sollen. Der Claim kann natürlich nicht gehalten werden, aber das Kartenmaterial ist sehr interessant. 

– „Serben wurden von Österreich-Ungarn vernachlässigt“

Legende und Geschichte – die römische Königszeit, Teil 1

Von Stefan Sasse
Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 1
Romulus und Remus werden von der Wölfin gesäugt

Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto weniger können wir auf das zurückgreifen, was Historiker die „Multiperspektivität von Quellen“ nennen. Das heißt, wir haben weniger Quellen – Schriftstücke, Statuen, Bilder – die aus verschiedenen Perspektiven geschrieben wurden. Besonders auffällig ist dies bei der römischen Geschichte, für die wir in weiten Strecken auf römische Quellen angewiesen sind. Was auf den ersten Blick logisch erscheinen mag stellt den Historiker jedoch schnell vor Probleme. In einem Zeitalter ohne freie Meinungsäußerung und publizierte Öffentlichkeit sind viele Geschichtsschreibungen entweder reine Geschichten zur Unterhaltung oder Propagandastücke. Oder beides. Die Sagen und Legenden von ohnedem wörtlich zu nehmen ist daher ein sicherer Weg, der Selbstdarstellung der Römer auf den Leim zu gehen oder ihre Absichten misszuverstehen. 

So ist eine unserer besten Quellen zur frühen römischen Geschichte Livius, der in seiner Reihe „Ab Urbe Condita“ die römische Geschichte niederschrieb. Nur lebte Livius 59 v. Chr. bis 17 n. Chr. und konnte seinerseits nur auf Geschichten und Legenden zurückgreifen und diese wiedergeben. Zudem musste er aufpassen, nicht den Kaiser zu verärgern, der ein scharfes Auge für Public Relations hatte. Seine Berichte sind daher mit großer Vorsicht zu genießen. Auch Polybios‘ Darstellungen der Punischen Kriege sind nicht gerade unparteiisch – er war immerhin ein enger Freund Scipio Africanus des Jüngeren, der Karthago dem Erdboden gleichmachte. Doch selbst die Römer wussten über ihre Frühzeit praktisch nichts. Sie verlor sich bereits für sie in Legenden, deren Wahrheitsgehalt sie anzweifelten (kaum ein gebildeter Römer glaubte wirklich, eine Wölfin habe Romulus und Remus gesäugt). 
Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 1
Entdeckung von Romulus und Remus

In den Legenden, die sie von der römischen Königszeit übertragen haben, können wir jedoch einige interessante Erkenntnisse vergraben finden. Im Folgenden soll daher der Versuch unternommen werden, die Legenden beiseite zu schieben und hinter den sagenhaften römischen Königen zu erkennen, warum diese Geschichten erzählt wurden und welche Wahrheit sich dahinter verbergen könnte. Die Legenden selbst sollen im Folgenden in Kürze wiedergegeben werden, bevor sie einer ausführlicheren Dekonstruktion unterzogen werden.

Der erste römische König war der Stammvater Roms: Romulus, einer von zwei Zwillingen, die ihre Herkunft auf Aeneas zurückführen konnten (einen Troja-Flüchtling) und deren Vater angeblich Mars persönlich war, der ihre Mutter vergewaltigt hatte. Die Kinder wurden auf dem Tiber ausgesetzt, überlebten aber und wurden von einer Wölfin gesäugt, ehe ein Hirte sie aufzog. Sie erfuhren später von ihrer Herkunft, befreiten einen von bösen Mächten gefangen gehaltenen König Alba Longas und durften zum Dank Land am Tiber besiedeln, wo sie eine Stadt gründeten. In einem Streit über die Stadtmauern erschlug Romulus im Zorn seinen Bruder Remus. Romulus füllte seine neue, kleine Stadt mit dem Abschaum der näheren Umgebung, indem er jedem einen neuen Anfang versprach. Unter diesen Elementen befanden sich wenig Frauen, und die umgebenden Gemeinschaften wollten ihre Töchter nicht mit den Römern verheiraten. 
Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 1
Raub der Sabinerinnen

Romulus griff daraufhin zu einer List, indem er zu einem gewaltigen Fest einlud. Auf diesem Fest entführten die Römer die Frauen des benachbarten Sabinerstamms und machten sich mit ihnen davon. Der folgende Krieg zwischen Römern und Sabinern wurde dadurch beendet, dass sich die Sabinerinnen zwischen die Kämpfenden warfen und baten, bei den Römern bleiben zu dürfen, weil sie nicht wollten, dass ihre Verwandten starben (Brüder und Väter bei den Sabinern, Männer und Kinder bei den Römern). Sabiner und Römer vereinten sich daraufhin zu einer Doppelherrschaft von Romulus und Sabinerkönig Titus Tatius, die Romulus nach Titus‘ Tod jedoch an sich riss. Romulus regierte für insgesamt 38 Jahre, die voller Krieg und Kampf gegen die umliegenden Stämme waren, bei denen sich die Römer holten, was sie brauchten, ehe er von den Göttern auf einer Heerschau auf dem Marsfeld entrückt wurde. 

Romulus zeigt deutlich, dass die Römer bestrebt waren, eine heroische „Origin Story“ auf die Beine zu stellen. So stammen sie nicht nur von den Trojanern ab, einer gewaltigen und mystifizierten Kultur (über Aenas, den Gründer Alba Longas) sondern auch von Mars persönlich, dem Kriegsgott, der die reinste mögliche Person als Mutter auswählte: eine Vestalin. Die unbefleckte Empfängnis ist also ebenfalls im Paket der römischen Gründungsgeschichte enthalten. Dazu kommt noch ein Hauch von ödipeischem Schicksal, natürlich ohne den Inzest, und Kampf gegen übermächtige Gewalten. Der Aufstieg Roms liegt also im Willen der Götter (Mars‘ Zeugungsakt), der Geschichte (Abkunft von Aeneas) und dem Charakter der Römer (bodenständige Kämpfer) begründet. Zumindest ist es das, was die Römer glauben wollten und als Gründungsgeschichte kolportierten.

Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 1
Romulus kehrt siegreich aus dem Krieg zurück

Doch auch Romulus‘ tatsächliche Regierungszeit ist interessant. Sie ist zum einen mit 38 Jahren extrem lang. Diese Länge ist aus der Notwendigkeit gespeist, die Zeit von 753 v. Chr. und dem offiziellen Gründungsdatum der Republik (das mit Sicherheit auch falsch ist) von 510 v. Chr. mit nur sieben Königen zu füllen. Wir werden dem Phänomen bei den anderen Königen wieder begegnen. Romulus nun herrschte als ein Kriegerkönig. Seine Herrschaft ist wenig vergleichbar mit der mittelalterlicher Könige. So finden wir weder ein Lehenssystem noch eine Bindung seines Volks durch Schwüre. Stattdessen war es seine kriegerische Fähigkeit, die über allem stand, und die Römer führten viele unprovozierte Kriege.

Die Ehrlichkeit in diesem Teil des Gründungsmythos ist überraschend. Nicht nur sind Romulus und Remus uneheliche Kinder (wenngleich mit göttlichem Vater). Rom selbst ist auch eine Stadt des Abschaums der Region, die ihr Überleben nur durch einen Bruch des Gastrechts und Massenvergewaltigungen sichert. Dass die Römer eine solche Herkunftsgeschichte nicht als ehrabschneidend betrachteten, sondern sie stattdessen mit Stolz erzählten, spricht Bände über ihr Selbstverständnis. Doch ein Staat war Rom noch nicht. Vielmehr muss man es sich als ein großes Militärcamp vorstellen, das seinen Nachbarn ein ziemlich großer Dorn im Auge war und mit dem nicht verhandeln konnte, weil es offensichtlich keine Konventionen einhielt. Besonders kultiviert waren die Römer auch nicht. Das stieß ihren Nachkommen sauer auf, aber da Romulus nicht alle guten Taten vollbracht haben konnte, brauchte es einen weiteren mystischen Urvater: Numa Ompilius.

Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 1
Porträt Numas

Der zweite römische König Numa Pompilia war ein Sabiner und lebte mit seiner Frau in aller Ruhe auf einem bescheidenen Landgut im Sabinerland. Sein Ruf war tadellos, denn nach Romulus‘ Entrückung beriefen ihn die Römer auf den Thron, eine Ehre und Pflicht, die er nicht wollte und ablehnte. Erst auf Drängen seiner Familie nahm er schließlich an. Als König schaffte er die Leibgarde ab, da nichts so sehr schützt wie die Liebe des eigenen Volkes, und legte den Streit zwischen den verschiedenen Einwanderergruppen in Rom bei, indem er die bisherigen Stammesstrukturen auflöste und an ihre Stelle Stadtbezirke (paci) und Gilden setzte. Er förderte das Gewerbe, besonders aber die Landwirtschaft (bisher konnte Rom sich nicht ernähren und stellte nichts her, was die Plünderei zum einzigen regelmäßigen Erwerb machte). Die so gewalttätigen Römer wurden unter seiner Herrschaft pazifiziert. Nicht nur legten sie die Schwerter zugunsten der Pflugscharen beiseite. Sie wurden auch gottesfürchtig: Numa schuf die Priesterklasse, legte den Vestallinen das Keuschheitsgelübde auf und errichtete zahllose Tempel. Auch die Einteilung des Jahres in 12 Monate (die erst Cäsar verändern würde) geht auf ihn zurück. Während seiner Regierungszeit von sage und schreibe 46 Jahren wurde Rom nicht ein einziges Mal angegriffen – die Nachbarn hielten sich aus Respekt vor Numa zurück und riefen ihn umgekehrt häufig als Schiedsrichter bei ihren eigenen Streitigkeiten an. Als er starb, war die ganze Region in Trauer.

Mit Numa beginnt, was sich später als dauerhafte Tradition römischer Intellektueller erweisen sollte: die Glorifizierung der Vergangenheit. Die Gestalten sind titanisch, von reiner Gesinnung und überbordender Weisheit. Sie sind Verkörperungen des virtus, der unübersetzbaren römischen Tugend. So weist Numas Geschichte einige Züge auf, die die Römer in ihren Herrschern sehen wollten: das Pflichtbewusstsein und das Zögern der Annahme der Herrschaft. Nie sollte die Macht um ihrer selbst willen erstrebt werden, sondern stets als Ausdruck des Pflichtgefühls gegenüber dem Staat verstanden werden. So sind die römischen Könige auch nicht miteinander verwandt; sie werden als „beste Männer“ berufen. Zahlreiche republikanische Politiker würden später vorgeben, diesem Ideal zu folgen, und selbst die Kaiser inszenierten sich zu Zeiten als selbstlose Diener des Staates. Seinen neuzeitlichen Ausdruck findet es dann etwa in Friedrich dem Großen, der ebenfalls gerne die Illusion aufrecht erhielt, bescheidener Staatsdiener Nummer 1 zu sein.

Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 1
Ein Augur erklärt Numa zum König

Mindestens ebenso wichtig wie dieser Verhaltenskodex aber war die Berufung der Römer auf die Götter und das Einhalten von Schwüren, auf das Numa sie verpflichtete. Die Römer selbst sahen dies als den Akt ihrer Domestizierung: von den gewissenlosen Halsabschneidern der Romulus-Ära wurden sie nun, wenigstens im Umgang mit Ihresgleichen, zu Ehrenmännern. Die Ehre eines Römers hieß, seinen Schwüren Folge zu leisten. Da die Annahme der Grundlage des späteren römischen Rechtssystems – die Zwölf Tafeln – ebenfalls von religiöser Mystik begleitet war, kann dieses Fakt gar nicht hoch genug bewertet werden. Ohne die römische Ehrfurcht vor dem geleisteten Schwur wäre ihr Rechtssystem kaum möglich gewesen, hätte der Grundpfeiler ihrer Zivilisation keinen Bestand. Kein Wunder, dass sie ihn auf einen schier heiligen König zurückführten, der ihnen diese Segnungen überbrachte.

Der letzte Aspekt Numas – die Pazifizierung der Römer und ihre Umwandlung in eine Gesellschaft von Bauern – hatte offensichtlich keinen Bestand. Bereits unter Numas Nachfolger, Tullus Hostilius, werden die Römer wieder fleißig Kriege führen. Wichtig ist diese Episode vor allem für den zunehmenden Zivilisationsgrad der jungen Gemeinde: nicht nur wandelt sie sich langsam in den „melting pot„, der sie auch später sein würde und in dem die zahlreichen italischen Volksstämme „Römer“ wurden. Die Landwirtschaft behielt in der römischen Mentalität immer einen besonderen Stellenwert: der Patrizier von Rang besaß eine Farm in Italien, von der er seinen Lebensunterhalt bezog. Der Stand eines Bürgers bemaß sich am Landbesitz. Und der Ruf nach einer Rückkehr zu den Wurzeln (sprichwörtlich) war in der römischen politischen Kultur nie fehl am Platz. Wann immer es in der Hauptstadt turbulent und dekadent zuging, wandte man sich sehnsüchtig an die Agrargesellschaft „von einst“, die so wohl nie bestanden hatte, aber ein steter Fixpunkt im öffentlichen Bewusstsein war.

Sie findet sich etwa auch bei Tacitus wieder, der ein komplettes Buch „Über die Landwirtschaft“ verfasst hat, das sich weniger in konkreten Techniken ergötzt (obwohl auch diese natürlich eine Rolle spielen), sondern vielmehr die Bedeutung der Landwirtschaft für das römische Seelenleben unterstreichen. Die Soldaten der frühen römischen Legionen waren allesamt Bauern, die nach dem Feldzug auf ihre Scholle zurückkehrten. Nach der Heeresreform des Marius war das Ende der Dienstzeit eines Soldaten mit einem Stückchen Land verbunden, und die Veteranen verlangten natürlich nach Land in Italien – das gar nicht zur Verfügung stand, weil die Patrizier es in erträgliche Latifundien verwandelt hatten. Eine der größten Krisen der Republik, der Aufstieg und Fall der Gebrüder Gracchus, wurde über die populistische Forderung einer Aufteilung des Landes unter die Armen vom Zaun gebrochen. Es verwundert daher nicht, dass spätere Generationen diese Fixierung auf die Landwirtschaft in der Mystik der römischen Frühgeschichte suchen würden – auch wenn dies der Erfindung eines weisen Friedensfürsten bedurfte, der den Namen Numa Pompeius trug.

Buchhinweise:
Klaus Bringmann – Römische Geschichte – Von den Anfängen bis zur Spätantike
Alfred Heuss – Römische Geschichte
Simon Baker – Rom – Aufstieg und Untergang einer Weltmacht
Martin Jehne – Die römische Republik – Von der Gründung bis Caesar
Guy de la Bedoyere – Die Römer für Dummies

6. Juni 2014 – Auch für Deutsche ein Grund zur Freude?

Von Stefan Sasse
6. Juni 2014 - Auch für Deutsche ein Grund zur Freude?
Amerikanische Truppen bei der Anfahrt auf „Omaha“, 6.6.1944
Am 6. Juni 2014 jährt sich die Invasion der Alliierten in der Normandie zum 70. Mal. Seit 2004 sind auch deutsche Vertreter bei den Jubiläumsfeierlichkeiten in Frankreich zugegen, bei denen der alliierten Opfer gedacht wird. Wie in der Debatte um den 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen deutschen Kapitulation, stellt sich für uns die Frage, ob wir diesen Tag ebenfalls mitfeiern können. Die Antwort darauf ist nicht ganz so einfach, wie sie scheint. Selbstverständlich kann es für uns Deutsche keine Alternative sein, den Gang der Ereignisse an jenen Tagen zu bedauern. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs müssen unsere Sympathien bei der alliierten Sache liegen, so schizophren das für uns als Deutsche manchmal auch anmuten mag. 

Warum also entsteht überhaupt eine Debatte zum Thema? Schließlich war die Eröffnung einer zweiten Front in der Normandie am 6. Juni 1944 ein weiterer Sargnagel für das Regime und brachte das Kriegsende binnen eines letzten, blutigen Jahrs herbei. Ein erstes Argument betrifft den westlichen Fokus des Tags. Historisch war die Westfront wesentlich unbedeutender als die Ostfront, wo am 21. Juni 1944 die Bagration-Offensive der Sowjetunion die Heeresgruppe Mitte pulverisierte und die Front über 300km nach Westen verschob. 9 von 10 deutschen Soldaten kämpften im Osten; die Sowjets mobilisierten (und verloren) ungleich mehr Soldaten als die Westmächte. Sollte daher nicht ihnen der Löwenanteil des Danks an der Niederwerfung Nazi-Deutschlands zukommen? 
6. Juni 2014 - Auch für Deutsche ein Grund zur Freude?
Wladimir Putin (CC-BY-SA 3.0 Kremlin.ru)
So bedenkenswert dieses Argument auch ist, es hat in den politischen Realitäten des Jahres 2014 wenig Boden. In Berlin fuhr die Springerpresse noch vor kurzem eine erfolglose Kampagne, die sowjetischen Denkmäler (etwa die ausgestellten Panzer und Kanonen) entfernen zu lassen. Nach den Ereignissen in der Ukraine und der völligen propagandistischen Zweckentfremdung des „Großen Vaterländischen Krieges“ durch Putin ist eine unvoreingenommene Auseindersetzung mit dieser Frage von keiner Seite zu erwarten; das Eingeständnis der sowjetischen Bedeutung würde im aktuellen Konflikt Putin stärken, was für die Bundesregierung offensichtlich keine Option darstellt. 
Es bleibt daher die Frage, ob dem (wesentlich kleiner dimensionierten) westlichen Gegenentwurf zu dieser aktuellen russischen Propaganda – dem Verschweigen des sowjetischen Anteils und einer Konzentration auf die Landung als scheinbar kriegsentscheidendes Ereignis – ein deutscher Anteil zukommen sollte. Die politischen Erwägungen sprechen derzeit klar dafür, da man sich für das westliche Bündnis gegen Russland positionieren will. Doch auch hier gibt es ein Problem, das man nicht wegdiskutieren kann: die Gedenkveranstaltungen des 6. Juni drehen sich hauptsächlich um die alliierten Opfer, die an diesem Tag zu beklagen waren.
6. Juni 2014 - Auch für Deutsche ein Grund zur Freude?
Kanadischer Soldatenfriedhof, Normandy (Burtonpe, GNU 1.2)
Haben deutsche Politiker also überhaupt das Recht, die Deutschen nun gewissermaßen nachträglich auf die Seite der Sieger zu stellen und mitzufeiern und damit dem Eindruck Vorschub zu leisten, dass der Zweite Weltkrieg und der Nationalsozialismus eigentlich keine wirklich deutsche Sache waren, sondern den Deutschen vielmehr unwillig aufgezwungen worden seien? Diese Frage ist keinesfalls einfach von der Hand zu weisen, denn sie hat Implikationen. Die Veteranen des D-Day, so sie noch leben, könnten daran durchaus Anstoß nehmen, und nicht ganz zu Unrecht. Und für unsere Vergangenheitsbewältigung ist der entsprechende Eindruck auch ein Problem. 
Nichts desto trotz bin ich trotzdem dafür, den 6. Juni (und natürlich auch den 8. Mai) als Gedenktag zu begehen und auch an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Wir müssen uns aber gleichzeitig immer des Spagats bewusst sein, der hier begangen wird. Deutschland ist nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer Rekordgeschwindigkeit nicht nur als Nation wieder aufgenommen, sondern auch als Freund begrüßt worden. Das ist keine Selbstverständlichkeit, bei allem Eigennutz, den die Sieger daraus zogen. Es steht uns auch 70 Jahre später nicht an, dies einfach zu vergessen. Unsere historische Verantwortung zwingt uns, dem Nationalsozialismus eine klare Absage zu erteilen, zu der aber eben auch die Akzeptanz seiner Lasten gehört. Und die verbietet eine allzu billige Fraternisierung mit den Siegern, nicht nur des guten Geschmacks willens, sondern aus dem Respekt ihnen gegenüber. Und das betrifft auch die sowjetischen Monumente am Brandenburger Tor.

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Es gab eine Gedächtnisveranstaltung zum Ausbruch aus Stalag III (Luft) 1944 (Englischer Artikel). Mir war gar nicht klar, dass 50 der Gefangenen erschossen wurden. Da sieht man mal, was für Langzeitwirkungen die schrottigen Time-Life-Geschichtsbücher haben, die ich als Jugendlicher fast auswändig gelernt habe, weil sie die einzigen Sachbücher zum Thema in der Stadtbibliothek waren…

– SZ hat was über den Spanischen Bürgerkrieg. 

– Belgien bezahlt Wellingtons Erben immer noch Geld. (Englisch)

– Der Pillenknick ist ein Mythos. 

Dinge wachsen im Garten, nicht in der Historie

Von Stefan Sasse
Dinge wachsen im Garten, nicht in der Historie
Bequemer Sündenbock: Nikita Chruschtschow
In der Diskussion um die Krimkrise des Jahres 2014 konnte man das Argument vernehmen, die Grenzen entsprächen keiner „historisch gewachsenen“ Situation und die Ukraine sei ein junges Land, das innerlich zerrissen sei. Auch von einem unnatürlichen Gebilde konnte man – ich paraphrasiere – lesen. Hintergrund ist dabei, dass die Krim 1954 in einem innerparteilichen Machtkampf an die damalige Sowjetrepublik Ukraine abgegeben wurde – obwohl dort ethnische Russen leben. Bei der Unabhängigkeit 1991 blieb die Krim dann beim neuen ukrainischen Staat. Putins Apologeten stützen sich nun auf zwei Argumente: einerseits sei die Ukraine ein Staat, dessen Grenzziehung willkürlich vonstatten ging (in diesem Fall Chruschtschows Zug 1954) und er gewissermaßen „historisch“ keine Berechtigung habe und zum anderen lebten dort nicht mehrheitlich Ukrainer. Ich halte beide Argumente für Unsinn. 

Um die Diskussion vernünftig führen zu können müssen wir erst einmal klären, wann Grenzen überhaupt legitim sind. Viele Grenzen sind und wahren stets Gegenstand heftiger Streitereien, und Grenzrevisionen gehören nach wie vor zum Standardforderungskatalog in vielen Länder. War etwa die deutsche Staatsgrenze in Elsass-Lothringen 1871-1919 legitim? Ist die Grenze des heutigen Kosovo legitim? Aus Fällen der Vergangenheit wie der Gegenwart lassen sich einige Kriterien herausarbeiten, die offensichtlich die Legitimität einer Grenze schaffen. 
Dinge wachsen im Garten, nicht in der Historie
Bismarck und Napoleon III. bei Sédan
1) Das Völkerrecht. Gibt es irgendeine Art von völkerrechtlicher Festschreibung einer Grenze (etwa die 2+4-Verträge für die deutsche Oder-Neisse-Grenze oder den deutsch-französischen Friedensschluss von 1871), so gilt die Grenze im allgemeinen als legitim. 
2) Die Anerkennung. Erkennen wichtige Staaten (Großmächte und direkte Nachbarn) die Grenze an, so gilt sie als legitim. Die Grenze des Kosovo etwa wird von der NATO und mit ihr assoziierten Staaten anerkannt und garantiert, während die deutsche Nachkriegsgrenze von 1871 nie von Frankreich anerkannt wurde. Die späteren Entente-Mächte schlossen sich dieser Meinung später an, was den Boden für die Revision in Versailles bereitete (Deutschland erkannte die Grenze erst nach 1945 an). 
3) Die Zustimmung der Bevölkerung. Es ist im allgemeinen schwierig, gegen den expliziten Wunsch der Bevölkerung eine Grenze aufrechtzuerhalten. Möchte die Bevölkerung das Land überwiegend verlassen, sie es durch Unabhängigkeit, sei es durch Anschluss an einen Nachbarn, so steht die Legitimität der Grenze in Frage. Wir können dies etwa im Falle Montenegros oder des Sudans sehen. 
Dinge wachsen im Garten, nicht in der Historie
Verteidigungsministerium in Belgrad, 1999
4) Machtpolitische Realitäten. Haben wichtige Staaten (Großmächte und bedeutende Nachbarn) ein Interesse am aktuellen Grenzverlauf und garantieren ihn, so werden andere Faktoren selten eine Rolle spielen. Deutschlands Macht etwa garantierte, dass ohne Krieg keine Revision in Elsass-Lothringen zu erreichen war; die Menge an Feinden, die Serbien auf sich vereinigte, machte es dagegen unmöglich, an seinen in Frage gestellten Grenzverläufen festzuhalten. 
Zu diesen Fakten kommen einige legitimatorische Konstrukte. Dazu gehören sowohl irgendwelche ethnischen Betrachtungen (wie etwa auf der Krim oder 1938 im Sudetenland), geographische Gegebenheiten (der Wahn der „natürlichen Grenzen“, der besonders im 19. Jahrhundert gepflegt wurde) als auch das Argument der Geschichte (von „gewachsenen“ Grenzen). Ebenfalls beliebt ist der Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, was auf den ersten Blick identisch mit Punkt 3 zu sein scheint, dies aber nicht ist: Vorgebracht wird dieses Argument nämlich gerne von jenen, die überhaupt nicht dort leben, sei es die nazi-deutsche Regierung im Fall des Sudetenlandes oder jetzt Putin im Falle der Krim. 
Das war übrigens zu allen Zeiten so. Das Mittelalter etwa kannte ebenfalls hochkomplexe Konstrukte zur Legitimierung von Grenzen, ebenso die Neuzeit und die Antike. Fast immer spielten irgendwelche Schriftstücke eine Rolle (die Römer beriefen sich auf irgendwelche Verträge, im Mittelalter spielten die Lehensurkunden und Lehensverträge eine entscheidende Rolle und in der Neuzeit wurden diese um verschriftlichte Absprachen zwischen den Monarchen ergänzt) oder aber die Berufung auf die Tradition (alte Siedlungsräume und ehemalige Kolonien, die lange Dauer des Lehensvertrags, frühere Zugehörigkeit zu einem Vorfahren).

Gemein ist aber all diesen Konstrukten, dass es stets um Legitimation ging. Der reale Grenzverlauf wurde einzig und allein durch die Akzeptanz der Nachbarn bestimmt – wie in den vier Punkten beschrieben. Kein mittelalterlicher Fürst ließ sich von einem Verweis auf Tradition und gewachsene historische Grenzen von einem Anspruch auf ein Land abbringen, Friedrich der Große interessierte sich nicht für die lange Zugehörigkeit Schlesiens zur Habsburger Erbmasse, niemand kümmerte sich in den polnischen Teilungen um die Existenz des polnischen Großreichs.

Das Argument von der jungen Lebensdauer der Ukraine und der „unnatürlichen“ Grenzziehung ist daher wenig tragfähig. Grenzziehungen sind immer willkürlich. Vollkommen absurd wird es, wenn einem Staat wie Frankreich die Legitimität seiner Grenzen zugesprochen wird, weil diese eben „historisch gewachsen“ seien, der Ukraine aber nicht. Grenzen wachsen grundsätzlich nicht. Sie werden festgelegt, entweder in gegenseitiger Übereinkunft in einem Vertrag (selten) oder durch die Beilegung vorangegangener kriegerischer Aktivitäten (häufig). Die Grenzen des heutigen Frankreich entstanden in einem historischen Prozess von Ausbreitung und Konflikt, der jederzeit hätte unterbrochen werden können. Genauso ist es durchaus nicht realitätsfern anzunehmen, dass die Ukraine in hundert Jahren ein ungeheuer stabiles Gebilde wäre, mit eigener Identität ähnlich der heutigen französischen, das sich niemand mehr aus Europa wegdenken kann. Eine Grenze kann nur dann Gewohnheit werden, wenn man sie lässt. 
Bildnachweise: 
Verteidigungsministerium in Belgrad – David Orlovic, CC-BY-SA 3.0

Der Wahn vom Wiederholen der Geschichte – Deutschlands Nationalisten 1919-1945

Von Stefan Sasse
Der Wahn vom Wiederholen der Geschichte - Deutschlands Nationalisten 1919-1945
Waffenstillstandsuntersuchung in Compiègne 1918

Der Erste Weltkrieg war ein einschneidendes Ereignis. Das alte Kaiserreich, das sich als eine klare Klassengesellschaft empfand, würde an seinem Ende einer zunehmenden Auflösung entgegensehen. Diese Auflösung bereitete den Raum für die Modernisierungswelle der 1920er Jahre, als deren Gegner sich viele Rechtsextreme – vor allem, aber bei weitem nicht nur die NSDAP – definierten. Die spätere Gegnerschaft vieler Konservativer zu der deutschen Republik speiste sich aus dem diffusen Wunsch heraus, in die „gute alte Zeit“ zurückzukehren und das, was man als Fehler wahrnahm, zu korrigieren. Dazu gehörte auch das Ergebnis des Ersten Weltkriegs, das man als Unfall wahrnahm, als etwas, das nicht hätte passieren dürfen. Diese Einstellung teilten die Konservativen mit ihren linken und liberalen Opponenten, obgleich diese den Konflikt als solchen als Fehler betrachteten. Die Konservativen dagegen dachten den Krieg von seinem Ende her. 

Die anfängliche Begeisterung der SPD für den Konflikt, die sich aus der Gegnerschaft zum autokratischen, zaristischen Russland gespeist hatte, machte schnell der Ernüchterung Platz. Die  Partei gehörte zu den vorderen Akteuren eines Friedensversuchs, besonders, wenn man die sich 1917 abspaltende USPD weiter hinzuzählen möchte – eines Friedens ohne Sieger und ohne Besiegte. Die Linke betrachtete den kompletten Krieg als eine unbedingt zu stoppende Katastrophe für alle Beteiligten. Ganz anders sahen es die Konservativen. Für ihre Sicht der Dinge kann Kuno Graf von Westarp von der Deutsch-Konservativen Partei in seiner Reichstagsrede vom 19.07.1917 als exemplarisch gelten:  
Den heldenhaften Taten unserer Truppen zu Lande und Wasser wird der volle Sieg beschieden sein. Gebiete von der Größe des Deutschen Reiches sind mit dem Blut unserer Brüder und Söhne gewonnen. An den ehernen Mauern weit in Feindesland wird wie bisher jeder Anprall einer Welt von Feinden zerschellen. Dem bevorstehenden feindlichen Ansturm, in dem Flandern das Losungswort heißt, werden wir standhalten. Unsere U-Boote fügen England, das die ganze Welt gegen uns ins Geld führt, Monat für Monat, unüberwindlich und unabwendbar, einen Schaden zu, den es auf Dauer nicht ertragen wird. Auf das Urteil unserer Heerführer gestützt, erwarten wir mit der unerschütterlichen Zuversicht den vollen Sieg unserer Waffen. Ihm allein werden wir den Frieden verdanken. Bis er eintritt, muss, will und kann unser Volk aller Entbehrungen, aller Schwierigkeiten unserer wirtschaftlichen Lage Herr werden.
Zu Friedensverhandlungen wird Deutschland bereit sein, sobald die Feinde unter uneingeschränktem Verzicht auf ihre Forderungen zwangsweiser Gebietserwerbungen und Entschädigungen sie anbieten. Dann wird es die Aufgabe sein, den Frieden so zu gestalten, dass er Deutschland und seinen Verbündeten Dasein, Zukunft und Entwicklungsfreiheit wirksam sichert. Unsere Grenzmarken müssen für alle Zeiten besser geschützt sein; Ostpreußen darf nicht wieder den Gräueln eines Russeneinfalls ausgesetzt werden. An unseren stets vertretenen Auffassungen über das, was der Friede dem deutschen Vaterlande bringen soll, halten wir auch heute unbeirrt fest.
Durch Verständigung, die allein auf dem guten Willen der Feinde beruht, lassen sich diese Ziele nicht erreichen. Von entscheidender Bedeutung für die Gestaltung des Friedens wird die militärische Lage sein, wie sie sich zur Stunde der Verhandlungen gestaltet haben wird.
Der Wahn vom Wiederholen der Geschichte - Deutschlands Nationalisten 1919-1945
Waffenstillstandsunterzeichnung in Compiègne, 1940

Für die Konservativen war klar, dass die bisherigen Opfer es beinahe zwangsläufig erforderten, dass eine Art von Ertrag gegenübersteht, andernfalls könne es keinen Frieden geben. Sie blendeten dabei bewusst aus, dass die Gegenseite ebenfalls Opfer zu beklagen hatte und vermutlich ebenso wenig ohne Ergebnis wegkommen wollte; die einzige Friedensinitiative, die überhaupt eine Chance haben konnte, war die eines Status-quo-Friedens. Den allerdings lehnte man entschieden ab. Dies führte zu der Dynamik, dass ein Land immer dann Friedensofferten machte, wenn – in den Worten Westarps – sich „die militärische Lage entsprechend gestaltet“ hatte, das heißt wenn man sich auf der Gewinnerseite fühlte. Natürlich lehnte die jeweils andere Seite dann in der Erwartung einer baldigen Wendung des Kampfgeschehens ab. Die Stunde für Friedensverhandlungen kam daher erst spät: 

In dürren Worten wurde [… ] der Reichsregierung mitgeteilt, dass die OHL, nachdem die Ereignisse in der Heimat dem Heer die Rückensicherung genommen haben, nicht mehr über die Möglichkeit verfüge, die Waffenstillstandsforderungen abzulehnen oder mit der Waffe eine Verbesserung der Lage zu erzwingen. Die Regierung zog die Folgerungen  und nahm die Bedingungen an.
Die Heeresleitung stellte sich bewusst auf den Standpunkt, die Verantwortung für den Waffenstillstand und alle späteren Schritte von sich zu weisen. Sie tat dies, streng juristisch gesehen, nur mit bedingtem Recht, aber es kam mir und meinen Mitarbeitern darauf an, die Waffe blank und den Generalstab für die Zukunft unbelastet zu erhalten. Ich bin aber auch heute noch der Überzeugung, dass wir ohne Revolution im Inneren an den Grenzen hätten Widerstand leisten können; ob die Nerven der Heimat noch durchgehalten hätten, erscheint mit sehr zweifelhaft; militärisch war sie denkbar. Zum letzten Kampf braucht man eine Heimat, die hinter dem Heer steht; unter diesen Voraussetzungen konnten wir versuchen, bessere Bedingungen zu erzwingen.
So wie sich aber in Wirklichkeit die Dinge im November gestaltet hatten, war eine Änderung der Lage durch das Heer nicht mehr herbeizuführen. Wenn nach dem Kriege Stimmen laut wurden, die meinten, das Heer hätte sich noch Monate, sei es in der – nicht ausgebauten – Antwerpen-Maas-Stellung, sei es weiter rückwärts, halten können, so muss ich das als Wunschtraum bezeichnen. Es blieb uns keine Wahl: Am 11. Wurde in Compiègne unterzeichnet, mittags 11,55 trat Waffenruhe ein.
Der Wahn vom Wiederholen der Geschichte - Deutschlands Nationalisten 1919-1945
Wilhelm Groener 1928
Diese Einschätzung Wilhelm Groeners anlässlich des Hochverratsprozesses gegen Friedrich Ebert zeigt deutlich die Befürchtungen des Militärs auf: eine Revolution im Inneren, gespeist durch die Unzufriedenheit an der Heimatfront. In einer völligen Verklärung der Tatsachen entstand unter den Rechten schnell der Mythos, dass die Armee selbst noch hätte weiterkämpfen können (Groeners obige Aussage tat da wenig), wenn die Heimat nur mitgemacht hätte, und dass ein Sieg erreichbar gewesen wäre. Aus dem Gefühl des Verratenwerdens speiste sich denn die Dolchstoßlegende, nach der es die Sozialdemokraten (und andere demokratische Elemente) gewesen seien, die einem eigentlich siegreichen Heer den „Dolchstoß in den Rücken“ verpasst hätten. 
Die Lehre für die Linken aus diesem Debakel war relativ klar: der Krieg hätte nie gekämpft werden dürfen, und man müsse in Zukunft solche Kriege verhindern, am besten durch internationale Systeme. Diese Position war von Anfang an dadurch kompromittiert, dass Ebert selbst in seiner Rede an die heimkehrenden Soldaten („niemand hat euch bezwungen“) den rechten Mythos gestärkt hatte und dass die Linken den Versailler Vertrag ebenfalls als Ungerechtigkeit empfanden und ihn revidieren wollten; ein Ziel, das die Rechte naturgemäß authentischer und nachdrücklicher vertreten konnte, was die Linke in dieser Frage permanent in die Defensive drängte und auch Enthüllungen wie die über die geheime und illegale Aufrüstung der Reichswehr ohne großes Echo ließ. 
Die Rechten dagegen zogen eine völlig andere Lehre aus dem Debakel. Für sie spielte der Anfang des Krieges bald nur noch aus Legitimationsgründen eine Rolle: Man wollte unbedingt den Kriegsschuldparagraphen des Versailler Vertrags widerlegen, der dessen Kern und Achse darstellte. Viel wichtiger aber erschien es, die Ergebnisse des Krieges zu revidieren und ihn dann noch einmal, dieses Mal aber „richtig“, auszufechten. Es ging schlichtweg darum, das Ergebnis des Ersten Weltkriegs dadurch ungeschehen zu machen, dass man einen weiteren Konflikt siegreich beendete. 
Der Wahn vom Wiederholen der Geschichte - Deutschlands Nationalisten 1919-1945
Kuno von Westarp

Um dies tun zu können, sah man diverse Dinge als notwendig an. Diese konstitutierten gewissermaßen den Kern der gesamten Rechten, über den sie sich einig war (in den Alternativen waren die Unterschiede deutlich drastischer). Dazu gehörten:

1) Ablehnung der pluralistischen Gesellschaft. Eine Gesellschaft mit dem, was man heute als Menschen- und Bürgerrechte ansieht (freie Meinungsäußerung, politische Mitbestimmung, etc.) wurde als einer der Kerngründe für den Verfall der Moral an der Heimatfront ausgemacht. Stattdessen strebten die Rechten Formen autoritärer Regierungen an, ob dies nun eine Rückkehr zu einer ständisch gegliederten Gesellschaft war (Konservative) oder die Errichtung einer Diktatur und einer radikal egalitären, aber ihrer Rechte beraubten „Volksgemeinschaft“ (NSDAP) – die Demokratie galt allen als Wurzel des Übels. 
2) Notwendigkeit von Propaganda. Die Propaganda des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg war in den Augen der Rechten nicht in der Lage gewesen, die notwendige Mobilisierung zu gewährleisten. Dem liegt ein wahrer Kern zugrunde; die kaiserliche Propagandamaschinerie war ihren alliierten Gegenstücken tatsächlich kreativ deutlich unterlegen gewesen. Die Rechte sah es als von Anfang an, auch in Friedenszeiten, notwendig, die öffentliche Meinung kontrollierter Propaganda zu unterwerfen und so den Pazifismus auszutreiben.  
3) Totale Mobilisierung. Anstatt den Staat als ein im Kern ziviles Instrumentarium beizubehalten, sollten sämtliche Organe dem Kriegseinsatz unterworfen werden. Dies war die Vorstufe dessen, was die Nationalsozialisten später als „Totaler Krieg“ bezeichnen (aber gleichwohl nicht vollständig umsetzen) würden. 
4) Bruch des Völkerrechts. Das Völkerrecht wurde als ernsthaftes Hindernis betrachtet. Dies schloss sowohl Vorstellungen wie „Neutralität“ von Ländern mit ein, deren Ressourcen oder strategischer Lage man sich bemächtigen wollte als auch die Einhaltung von Genfer Konvention und Hager Landkriegsordnung. Für die Rechten war klar, dass ein zukünftiger Krieg ohne diese „Zivilisationskrankheiten“ auskommen müsste. 
5) Vermeidung eines Zweifrontkriegs. Der gleichzeitige Kampf gegen Frankreich/England und Russland wurde als eine Hauptursache der schlussendlichen Niederlage betrachtet. Es schien daher notwendig, Frankreich/England als „härteste Nuss“ in einem zukünftigen Konflikt außen vor zu halten, während man aus Brest-Litowsk die Schlussfolgerung zog, Russland leicht bezwingen zu können. Der spätere Verlauf des Zweiten Weltkriegs zeigte, wie irrig die Annahme war, dass sich die strategische Situation Russlands und Frankreichs seit 1914 effektiv nicht verändert habe. 
Der Wahn vom Wiederholen der Geschichte - Deutschlands Nationalisten 1919-1945
Verhandlungen in München, 1938
Diese Gedanken lagen dem Kern der Weltkriegsrezeption zugrunde. In ihrer Gesamtheit lesen die Konservativen und Rechtsextremen aus diesen Punkten eine Handlungsanweisung heraus. Anstatt ihre Energie ähnlich den Linken in die Vermeidung eines künftigen Krieges zu investieren, ist ihre Absicht, die Kriegsziele, wie sie sich im Ersten Weltkrieg (und, im Falle der Alldeutschen, schon deutlich zuvor) herausgebildet hatten, durch einen erneuten Konflikt durchzusetzen, welcher dieses Mal unter Vermeidung der Fehler des Ersten Weltkriegs durchgeführt werden sollte. 
Es ist wohl Konsens zu sagen, dass sich in der Weimarer Republik zwar weder das linke noch das rechte Narrativ vollständig durchsetzen konnten; gleichwohl war die Vorstellung einer Revision des Versailler Vertrags wesentlich zu attraktiv für viele Deutsche, war ihre Verachtung für alles Östliche zu groß, als dass sie eine große Widerstandskraft gegen diese Vorstellungen hätten aufbringen können oder wollen. Während also keinesfalls große Begeisterung über den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs folgte, weil man eine Wiederholung des Ersten befürchtete, so stellte sich diese Begeisterung – und mit ihr eine nachträgliche Legitimierung des rechten Narrativs – nach den „Blitzsiegen“ der Jahre 1939 und 1940 ein, die sämtliche Befürchtungen als falsche und überängstliche Panikmache zu denunzieren schienen. 
Der Wahn vom Wiederholen der Geschichte - Deutschlands Nationalisten 1919-1945
Straße in Berlin, 1945
Erst als der Zweite Weltkrieg sich für die Deutschen selbst zu einer immer größeren und deutlicheren Horrorvorstellung entwickelte, fand endlich, mit über 30 Jahren Verspätung, der moralische Bankrott jener Eliten statt, die ihre falschen Schlüsse bereits aus dem Ersten Weltkrieg gezogen hatten. Krieg als Mittel der Politik und eine Verachtung für parteipolitischen Parlamentarismus wichen einer tief verinnerlichten Aversion gegen das militärische Interventionen und autoritären Regierungsstilen. Hätten  die Deutschen und ihre Eliten diese Schlüsse bereits 1918/19 gezogen, so wäre den Deutschen wie der Welt viel Leid erspart geblieben. 

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Erster Weltkrieg: Erziehung vor Verdun. Martin Schulz ist mir sympathisch. 

– Alternative Geschichtesschreibung scheint langsam hoffähiger zu werden. 

– In Großbritannien wird darüber gestritten, ob auch Pazifisten in die Erinnerung des Ersten Weltkriegs einbezogen werden dürfen oder ob es ein patriotisches Erinnern wird (Englisch). 

– Als 1861 die Sezession der Südstaaten stattfand, sanken die Sklavenpreise um ein Drittel, weil viele Investoren einen Sieg des Nordens erwarteten. (Englisch)

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Erster Weltkrieg: Erziehung vor Verdun. Martin Schulz ist mir sympathisch. 

– Alternative Geschichtesschreibung scheint langsam hoffähiger zu werden. 

– In Großbritannien wird darüber gestritten, ob auch Pazifisten in die Erinnerung des Ersten Weltkriegs einbezogen werden dürfen oder ob es ein patriotisches Erinnern wird (Englisch). 

– Als 1861 die Sezession der Südstaaten stattfand, sanken die Sklavenpreise um ein Drittel, weil viele Investoren einen Sieg des Nordens erwarteten. (Englisch)

Fundstücke

Von Stefan Sasse

– Erster Weltkrieg: Erziehung vor Verdun. Martin Schulz ist mir sympathisch. 

– Alternative Geschichtesschreibung scheint langsam hoffähiger zu werden. 

– In Großbritannien wird darüber gestritten, ob auch Pazifisten in die Erinnerung des Ersten Weltkriegs einbezogen werden dürfen oder ob es ein patriotisches Erinnern wird (Englisch). 

– Als 1861 die Sezession der Südstaaten stattfand, sanken die Sklavenpreise um ein Drittel, weil viele Investoren einen Sieg des Nordens erwarteten. (Englisch)

Erinnerungskultur und Erster Weltkrieg

Von Stefan Sasse
Der Beginn des Ersten Weltkriegs jährt sich dieses Jahr zum hundertsten Mal. Wenig überraschend ist daher, dass er in der öffentlichen Diskussion eine Rolle spielt wie seit der Fischer-Debatte nicht mehr. Ebenso wenig überraschend ist, dass die öffentliche Debatte andere Formen annimmt als die der historischen Zunft. Einige davon kann man belächeln, andere dagegen sind eher Besorgnis erregend. So fällt auf, dass besonders zwischen der deutschen und der britischen konservativ orientierten Presse (Blätter wie die Daily Mail auf der einen und die Welt auf der anderen Seite) geradezu ein neuer Streit über die Schuldfrage ausgetragen wird. Während im konservativen Teil Großbritanniens, wo die Erinnerungskultur ohnehin von den Tories massiv politisch vereinnahmt wird, die Ursache des Krieges als klare Notwehr gegen ein aggressiv-imperialistisches Deutschland gesehen wird, versucht die Welt, den deutschen Teil der Kriegsschuld in den größeren Kontext einer allgemein unvorteilhaften Atmosphäre zu stellen. Es ist im Kleinen ein Wiederaufflammen der Kriegsschulddebatte, die so unnötig wie ein Kropf und ähnlich gesund ist. 

Der Krieg ist mittlerweile 100 Jahre alt. Bereits vor diesem Jahr hat er als Vergleichsmaßstab ebenso wie die Endphase der Weimarer Republik im Kontext der Euro-Krise an Aufmerksamkeit gewonnen, wo er mal besser, mal schlechter als historischer Vergleichsmaßstab herhalten muss. In Deutschland rächt sich gerade der übermäßige Fokus, den der Zweite Weltkrieg und die Nazi-Zeit bislang in der öffentlichen Debatte hatten. Bis vor kurzem war der Erste Weltkrieg den meisten Menschen hauptsächlich als Vorbedingung für den Zweiten bekannt, und das zeigt sich in der Debatte. Nur so ist es erklärbar, dass viele Zeitungen die Erkenntnis, dass Fischers Thesen nicht unbedingt als Erklärung ausreichen, als gewaltigen Tabubruch feiern – eine Erkenntnis, die den Historikern seit 50 Jahren geläufig ist und seither unzählige Male relativiert wurde. Und selbst diese Relativierungen selbst sind inzwischen durch neue Relativierungen abgelöst worden (etwa Wehlers Sonderweg-These). 
Aber diese Historiker-Debatten haben, das macht die aktuelle Diskussion deutlich, die Öffentlichkeit offensichtlich nie erreicht. Stattdessen steigt man hier in ideologische Schützengräben, die man eigentlich seit den 1960er Jahren überwunden geglaubt hatte, und debattiert von Neuem die Frage der „Kriegsschuld“, ein moralisch aufgeladener Begriff, der kaum einen Erklärungswert besitzt und nachhaltig das Klima vergiftet. Nur so ist es möglich, dass Historiker Clark (dessen Buch „Die Schlafwandler“ derzeit eine ungeheure Popularität genießt) im konservativen Deutschland wie eine Art Schutzschild geschwungen wird, um die alleinige Kriegsschuld von sich zu weisen – als ob die noch von irgendjemandem außerhalb der Torie-Sphäre ernsthaft debattiert würde. 
Aber genau hier liegt der Kern des Problems, der der deutschen Nabelschau zu entgehen scheint: die anderen Länder haben den Krieg nicht wie wir Deutschen vergessen (mit Ausnahme der Russen, vermutlich). In Großbritannien wie in Frankreich, wo die Formulierung vom „Großen Krieg“ (Great War bzw. Grande Guerre) noch nicht durch die Nummerierung abgelöst wurde, ist die Erinnerung an 1914 noch wesentlich lebendiger. In Großbritannien finden sich prominent die Gefallenentafeln, ist die Erinnerung an Flandern noch immer wachgehalten. Auch die Franzosen haben aus naheliegenden Gründen den Ersten Weltkrieg nicht so schnell vergessen wie die Deutschen nach 1945. Für Großbritannien wie Frankreich ist der Sieg heute noch für die Psyche ein wichtiger Einschnitt, der in offiziellen Feiertagen (wie dem Armistice Day in Großbritannien am 11.11.) auch heute noch begangen wird. 
Gleichzeitig wird ein solcherart politisch erinnerter Konflikt, der wesentlich zur Bildung einer nationalen Identität verwendet wird, auch immer politisch vereinnahmt. Sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich ist die Frage nach dem Stolz auf die erbrachten Leistungen und Opfer stets auch ein Glaubensbekenntnis. So etwa wird in Großbritannien darum gestritten, ob auch pazifistische Einstellungen bei den offiziellen Feiern zu Wort kommen dürfen. Wenn es nach den Tories geht, würde jedenfalls das Narrativ eines tapferen Verteidigungskrieg gegen den üblen deutschen Imperialismus obsiegen, der vom gesamten britischen Volk einig geführt und gewonnen wurde. 
Solche Debatten führen wir in Deutschland nicht. Zurecht hat man sich davon verabschiedet, die Geschichte der Kriege als sinnstiftenden Identitätsquell zu nutzen. Dies führt jedoch gleichzeitig zu einem Unverständnis gegenüber den Vorstellungen und Mentalitäten der unmittelbaren Nachbarn, die den Krieg ganz anders erlebt haben und ihn auch ganz anders erinnern. Doch auch in Deutschland zeigen sich in der Debatte erneut die Risse und politischen Konflikte, die den Krieg noch immer umgeben. Das erklärt auch die Heftigkeit, mit der die Welt die britische Selbstdarstellung (die rein nach innen gerichtet ist und daher von uns genauso gut ignoriert werden könnte) attackiert. Die ständigen Vergleiche eines nach der europäischen Vorherrschaft strebenden Deutschland kommen zur politischen Unzeit. Schon länger greift die Linke etwa die Krisenpolitik Deutschlands als neues Hegemonieprojekt an, eine Sichtweise, die besonders in den betroffenen Ländern noch wesentlich virulenter ist. Ein Akzeptieren dieses Narrativs hätte daher in der heutigen europäischen Union Nebenwirkungen. 
Und so verbindet sich die Deutung des Ersten Weltkriegs in seinem Jubiläumsjahr aufs Neue mit politischen und ideologischen Zielsetzungen. Die eigentlichen Ansichten der Historiker, ihre Debatten und ihre differenzierten Analysen kommen dabei kaum zu Wort und werden allenfalls selektiv wahrgenommen. Es steht daher zu hoffen, dass die eigentlichen Gedenkfeierlichkeiten davon unbeeindruckt in einem nüchternen Rahmen ablaufen und sich der moralischen Fragen weitgehend zugunsten des Konsenses, dass das Trauma eines europäischen Krieges sich unter keinen Umständen wiederholen darf, enthalten werden. Die Frage der Kriegsschuld ist keine, die uns sonderlich weiter bringt. Viel wichtiger muss es sein, die richtigen Schlüsse aus den Ereignissen zu ziehen. 

Erinnerungskultur und Erster Weltkrieg

Von Stefan Sasse
Der Beginn des Ersten Weltkriegs jährt sich dieses Jahr zum hundertsten Mal. Wenig überraschend ist daher, dass er in der öffentlichen Diskussion eine Rolle spielt wie seit der Fischer-Debatte nicht mehr. Ebenso wenig überraschend ist, dass die öffentliche Debatte andere Formen annimmt als die der historischen Zunft. Einige davon kann man belächeln, andere dagegen sind eher Besorgnis erregend. So fällt auf, dass besonders zwischen der deutschen und der britischen konservativ orientierten Presse (Blätter wie die Daily Mail auf der einen und die Welt auf der anderen Seite) geradezu ein neuer Streit über die Schuldfrage ausgetragen wird. Während im konservativen Teil Großbritanniens, wo die Erinnerungskultur ohnehin von den Tories massiv politisch vereinnahmt wird, die Ursache des Krieges als klare Notwehr gegen ein aggressiv-imperialistisches Deutschland gesehen wird, versucht die Welt, den deutschen Teil der Kriegsschuld in den größeren Kontext einer allgemein unvorteilhaften Atmosphäre zu stellen. Es ist im Kleinen ein Wiederaufflammen der Kriegsschulddebatte, die so unnötig wie ein Kropf und ähnlich gesund ist. 

Der Krieg ist mittlerweile 100 Jahre alt. Bereits vor diesem Jahr hat er als Vergleichsmaßstab ebenso wie die Endphase der Weimarer Republik im Kontext der Euro-Krise an Aufmerksamkeit gewonnen, wo er mal besser, mal schlechter als historischer Vergleichsmaßstab herhalten muss. In Deutschland rächt sich gerade der übermäßige Fokus, den der Zweite Weltkrieg und die Nazi-Zeit bislang in der öffentlichen Debatte hatten. Bis vor kurzem war der Erste Weltkrieg den meisten Menschen hauptsächlich als Vorbedingung für den Zweiten bekannt, und das zeigt sich in der Debatte. Nur so ist es erklärbar, dass viele Zeitungen die Erkenntnis, dass Fischers Thesen nicht unbedingt als Erklärung ausreichen, als gewaltigen Tabubruch feiern – eine Erkenntnis, die den Historikern seit 50 Jahren geläufig ist und seither unzählige Male relativiert wurde. Und selbst diese Relativierungen selbst sind inzwischen durch neue Relativierungen abgelöst worden (etwa Wehlers Sonderweg-These). 
Aber diese Historiker-Debatten haben, das macht die aktuelle Diskussion deutlich, die Öffentlichkeit offensichtlich nie erreicht. Stattdessen steigt man hier in ideologische Schützengräben, die man eigentlich seit den 1960er Jahren überwunden geglaubt hatte, und debattiert von Neuem die Frage der „Kriegsschuld“, ein moralisch aufgeladener Begriff, der kaum einen Erklärungswert besitzt und nachhaltig das Klima vergiftet. Nur so ist es möglich, dass Historiker Clark (dessen Buch „Die Schlafwandler“ derzeit eine ungeheure Popularität genießt) im konservativen Deutschland wie eine Art Schutzschild geschwungen wird, um die alleinige Kriegsschuld von sich zu weisen – als ob die noch von irgendjemandem außerhalb der Torie-Sphäre ernsthaft debattiert würde. 
Aber genau hier liegt der Kern des Problems, der der deutschen Nabelschau zu entgehen scheint: die anderen Länder haben den Krieg nicht wie wir Deutschen vergessen (mit Ausnahme der Russen, vermutlich). In Großbritannien wie in Frankreich, wo die Formulierung vom „Großen Krieg“ (Great War bzw. Grande Guerre) noch nicht durch die Nummerierung abgelöst wurde, ist die Erinnerung an 1914 noch wesentlich lebendiger. In Großbritannien finden sich prominent die Gefallenentafeln, ist die Erinnerung an Flandern noch immer wachgehalten. Auch die Franzosen haben aus naheliegenden Gründen den Ersten Weltkrieg nicht so schnell vergessen wie die Deutschen nach 1945. Für Großbritannien wie Frankreich ist der Sieg heute noch für die Psyche ein wichtiger Einschnitt, der in offiziellen Feiertagen (wie dem Armistice Day in Großbritannien am 11.11.) auch heute noch begangen wird. 
Gleichzeitig wird ein solcherart politisch erinnerter Konflikt, der wesentlich zur Bildung einer nationalen Identität verwendet wird, auch immer politisch vereinnahmt. Sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich ist die Frage nach dem Stolz auf die erbrachten Leistungen und Opfer stets auch ein Glaubensbekenntnis. So etwa wird in Großbritannien darum gestritten, ob auch pazifistische Einstellungen bei den offiziellen Feiern zu Wort kommen dürfen. Wenn es nach den Tories geht, würde jedenfalls das Narrativ eines tapferen Verteidigungskrieg gegen den üblen deutschen Imperialismus obsiegen, der vom gesamten britischen Volk einig geführt und gewonnen wurde. 
Solche Debatten führen wir in Deutschland nicht. Zurecht hat man sich davon verabschiedet, die Geschichte der Kriege als sinnstiftenden Identitätsquell zu nutzen. Dies führt jedoch gleichzeitig zu einem Unverständnis gegenüber den Vorstellungen und Mentalitäten der unmittelbaren Nachbarn, die den Krieg ganz anders erlebt haben und ihn auch ganz anders erinnern. Doch auch in Deutschland zeigen sich in der Debatte erneut die Risse und politischen Konflikte, die den Krieg noch immer umgeben. Das erklärt auch die Heftigkeit, mit der die Welt die britische Selbstdarstellung (die rein nach innen gerichtet ist und daher von uns genauso gut ignoriert werden könnte) attackiert. Die ständigen Vergleiche eines nach der europäischen Vorherrschaft strebenden Deutschland kommen zur politischen Unzeit. Schon länger greift die Linke etwa die Krisenpolitik Deutschlands als neues Hegemonieprojekt an, eine Sichtweise, die besonders in den betroffenen Ländern noch wesentlich virulenter ist. Ein Akzeptieren dieses Narrativs hätte daher in der heutigen europäischen Union Nebenwirkungen. 
Und so verbindet sich die Deutung des Ersten Weltkriegs in seinem Jubiläumsjahr aufs Neue mit politischen und ideologischen Zielsetzungen. Die eigentlichen Ansichten der Historiker, ihre Debatten und ihre differenzierten Analysen kommen dabei kaum zu Wort und werden allenfalls selektiv wahrgenommen. Es steht daher zu hoffen, dass die eigentlichen Gedenkfeierlichkeiten davon unbeeindruckt in einem nüchternen Rahmen ablaufen und sich der moralischen Fragen weitgehend zugunsten des Konsenses, dass das Trauma eines europäischen Krieges sich unter keinen Umständen wiederholen darf, enthalten werden. Die Frage der Kriegsschuld ist keine, die uns sonderlich weiter bringt. Viel wichtiger muss es sein, die richtigen Schlüsse aus den Ereignissen zu ziehen. 

Erinnerungskultur und Erster Weltkrieg

Von Stefan Sasse
Der Beginn des Ersten Weltkriegs jährt sich dieses Jahr zum hundertsten Mal. Wenig überraschend ist daher, dass er in der öffentlichen Diskussion eine Rolle spielt wie seit der Fischer-Debatte nicht mehr. Ebenso wenig überraschend ist, dass die öffentliche Debatte andere Formen annimmt als die der historischen Zunft. Einige davon kann man belächeln, andere dagegen sind eher Besorgnis erregend. So fällt auf, dass besonders zwischen der deutschen und der britischen konservativ orientierten Presse (Blätter wie die Daily Mail auf der einen und die Welt auf der anderen Seite) geradezu ein neuer Streit über die Schuldfrage ausgetragen wird. Während im konservativen Teil Großbritanniens, wo die Erinnerungskultur ohnehin von den Tories massiv politisch vereinnahmt wird, die Ursache des Krieges als klare Notwehr gegen ein aggressiv-imperialistisches Deutschland gesehen wird, versucht die Welt, den deutschen Teil der Kriegsschuld in den größeren Kontext einer allgemein unvorteilhaften Atmosphäre zu stellen. Es ist im Kleinen ein Wiederaufflammen der Kriegsschulddebatte, die so unnötig wie ein Kropf und ähnlich gesund ist. 

Der Krieg ist mittlerweile 100 Jahre alt. Bereits vor diesem Jahr hat er als Vergleichsmaßstab ebenso wie die Endphase der Weimarer Republik im Kontext der Euro-Krise an Aufmerksamkeit gewonnen, wo er mal besser, mal schlechter als historischer Vergleichsmaßstab herhalten muss. In Deutschland rächt sich gerade der übermäßige Fokus, den der Zweite Weltkrieg und die Nazi-Zeit bislang in der öffentlichen Debatte hatten. Bis vor kurzem war der Erste Weltkrieg den meisten Menschen hauptsächlich als Vorbedingung für den Zweiten bekannt, und das zeigt sich in der Debatte. Nur so ist es erklärbar, dass viele Zeitungen die Erkenntnis, dass Fischers Thesen nicht unbedingt als Erklärung ausreichen, als gewaltigen Tabubruch feiern – eine Erkenntnis, die den Historikern seit 50 Jahren geläufig ist und seither unzählige Male relativiert wurde. Und selbst diese Relativierungen selbst sind inzwischen durch neue Relativierungen abgelöst worden (etwa Wehlers Sonderweg-These). 
Aber diese Historiker-Debatten haben, das macht die aktuelle Diskussion deutlich, die Öffentlichkeit offensichtlich nie erreicht. Stattdessen steigt man hier in ideologische Schützengräben, die man eigentlich seit den 1960er Jahren überwunden geglaubt hatte, und debattiert von Neuem die Frage der „Kriegsschuld“, ein moralisch aufgeladener Begriff, der kaum einen Erklärungswert besitzt und nachhaltig das Klima vergiftet. Nur so ist es möglich, dass Historiker Clark (dessen Buch „Die Schlafwandler“ derzeit eine ungeheure Popularität genießt) im konservativen Deutschland wie eine Art Schutzschild geschwungen wird, um die alleinige Kriegsschuld von sich zu weisen – als ob die noch von irgendjemandem außerhalb der Torie-Sphäre ernsthaft debattiert würde. 
Aber genau hier liegt der Kern des Problems, der der deutschen Nabelschau zu entgehen scheint: die anderen Länder haben den Krieg nicht wie wir Deutschen vergessen (mit Ausnahme der Russen, vermutlich). In Großbritannien wie in Frankreich, wo die Formulierung vom „Großen Krieg“ (Great War bzw. Grande Guerre) noch nicht durch die Nummerierung abgelöst wurde, ist die Erinnerung an 1914 noch wesentlich lebendiger. In Großbritannien finden sich prominent die Gefallenentafeln, ist die Erinnerung an Flandern noch immer wachgehalten. Auch die Franzosen haben aus naheliegenden Gründen den Ersten Weltkrieg nicht so schnell vergessen wie die Deutschen nach 1945. Für Großbritannien wie Frankreich ist der Sieg heute noch für die Psyche ein wichtiger Einschnitt, der in offiziellen Feiertagen (wie dem Armistice Day in Großbritannien am 11.11.) auch heute noch begangen wird. 
Gleichzeitig wird ein solcherart politisch erinnerter Konflikt, der wesentlich zur Bildung einer nationalen Identität verwendet wird, auch immer politisch vereinnahmt. Sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich ist die Frage nach dem Stolz auf die erbrachten Leistungen und Opfer stets auch ein Glaubensbekenntnis. So etwa wird in Großbritannien darum gestritten, ob auch pazifistische Einstellungen bei den offiziellen Feiern zu Wort kommen dürfen. Wenn es nach den Tories geht, würde jedenfalls das Narrativ eines tapferen Verteidigungskrieg gegen den üblen deutschen Imperialismus obsiegen, der vom gesamten britischen Volk einig geführt und gewonnen wurde. 
Solche Debatten führen wir in Deutschland nicht. Zurecht hat man sich davon verabschiedet, die Geschichte der Kriege als sinnstiftenden Identitätsquell zu nutzen. Dies führt jedoch gleichzeitig zu einem Unverständnis gegenüber den Vorstellungen und Mentalitäten der unmittelbaren Nachbarn, die den Krieg ganz anders erlebt haben und ihn auch ganz anders erinnern. Doch auch in Deutschland zeigen sich in der Debatte erneut die Risse und politischen Konflikte, die den Krieg noch immer umgeben. Das erklärt auch die Heftigkeit, mit der die Welt die britische Selbstdarstellung (die rein nach innen gerichtet ist und daher von uns genauso gut ignoriert werden könnte) attackiert. Die ständigen Vergleiche eines nach der europäischen Vorherrschaft strebenden Deutschland kommen zur politischen Unzeit. Schon länger greift die Linke etwa die Krisenpolitik Deutschlands als neues Hegemonieprojekt an, eine Sichtweise, die besonders in den betroffenen Ländern noch wesentlich virulenter ist. Ein Akzeptieren dieses Narrativs hätte daher in der heutigen europäischen Union Nebenwirkungen. 
Und so verbindet sich die Deutung des Ersten Weltkriegs in seinem Jubiläumsjahr aufs Neue mit politischen und ideologischen Zielsetzungen. Die eigentlichen Ansichten der Historiker, ihre Debatten und ihre differenzierten Analysen kommen dabei kaum zu Wort und werden allenfalls selektiv wahrgenommen. Es steht daher zu hoffen, dass die eigentlichen Gedenkfeierlichkeiten davon unbeeindruckt in einem nüchternen Rahmen ablaufen und sich der moralischen Fragen weitgehend zugunsten des Konsenses, dass das Trauma eines europäischen Krieges sich unter keinen Umständen wiederholen darf, enthalten werden. Die Frage der Kriegsschuld ist keine, die uns sonderlich weiter bringt. Viel wichtiger muss es sein, die richtigen Schlüsse aus den Ereignissen zu ziehen.