Planet History

Malwida von Meysenbug

31. März 1848: Vorparlament in der Paulskirche

Märzrereignisse in Frankfurt

Ehe sich dieses Problem klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.

Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 



aus: Malwida und der Demokrag

mehr zu Vormärz und Revolution: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Bildquelle: 
Der Einzug des Vorparlaments in die Paulskirche am 31. März 1848, Frankfurt am Main
gemeinfrei bei Wikipedia

28. Oktober 1816: Malwida von Meysenbug wird in Kassel geboren











1816 Malwida von Meysenbug wird am 28. Oktober  in Kassel geboren

1830 Familie muss Kassel verlassen.

1832 Umzug nach Detmold

1843 Predigt von Theodor Althaus in Detmold

1844/45 Winteraufenthalt in Hyères in der Provence, Liebe zu Theodor
1847 Tod des Vaters in Frankfurt

1848 Vorparlament in Frankfurt,  Distanz zu Theodor

1849 Reise nach Ostende

1850 Hamburger Frauenhochschule

1851 Theodors Erkrankung

1852 Theodors Tod, Emigration nach London, wohnt zunächst bei Johanna  und Gottfried Kinkel

1853 Erzieherin bei Alexander Herzen in London

1857 Bekanntschaft mit Guiseppe Mazzini

1859 Paris

1861 London

1865 Florenz

1869 „Memoiren einer Idealistin“ in französischer Sprache

1876 mit Nietzsche, Bree und Brenner in Sorrent

1877 Wohnung in der Via Polveriera in Rom

1882 bei Cosima und Richard Wagner in Bayreuth

1890 Begegnungen mit Roman Rolland in Rom

1903 Tod Malwida von Meysenbugs am 26. April in Rom



DOWNLOAD ► Malwida und der Demokrat (1845-1852)



Nordischer Wintergarten. Gedichte für Malwida

Wie ein Nordischer Wintergarten musste Theodor Althaus die kleine Welt in Detmold vorgekommen sein, als seine Freundin Malwida von Meysenbug Ende September 1844 für einige Monate in die Provence gereist war. Ohne berufliche Perspektive nach dem Abschluss seines Studiums waren die Gespräche mit ihr mehr als nur Lichtblicke. Er hatte sich verliebt in die Frau, die seit seiner ersten Predigt in ihm einen jungen Apostel sah, dessen Botschaften sie im tiefsten Herzen trafen. Seine poetischen Abschiedsgrüße gab er ihr mit auf den Weg und schrieb weitere Gedichte, die er ihr widmete.


Leseprobe:








Mir ist in geistigem Schauern
Eines Liedes Seele erwacht
Ein Lied voll heiligem Trauern
            Wie die süße Sternennacht

Es glüht, es ist unverloren
Noch ruft es wankend in mir.
Doch es sehnt sich zu werden geboren
Und zu rufen im Herzen nach dir.




18. Mai 1848: Erste Sitzung der Nationalversammlung

Am 18. Mai 1848 fand die erste Sitzung des ersten vom deutschen Volke gewählten Parlamentes in der Frankfurter Paulskirche statt. Malwida war inzwischen wieder mit Mutter und Schwester in Detmold, nachdem sie an einer der Versammlungen des Vorparlamentes knapp zwei Monate zuvor hinter einem Vorhang zugegen war. Ihr Freund Theodor Althaus dagegen war als Korrespondent der „Bremer Zeitung“ dabei. Hier ein Auszug aus Theodor Althaus – Revolutionär in Deutschland:
Unerwartet flatterte plötzlich wieder ein Angebot in die elterliche Wohnstube. Wieder kam es aus Bremen, doch diesmal war es die Bremer Zeitung, die nach ihm verlangte. Der leitende Redakteur Karl Theodor Andree machte Althaus den Vorschlag, für die Bremer Zeitung über die Frankfurter Nationalversammlung zu berichten. Da gab es nichts zu überlegen. Auf nach Frankfurt!
Welche Gefühle und Gedanken mussten ihn bewegt haben, als er in der Stadt ankam, in der seit Wochen die politische Musik spielte, gerade rechtzeitig, um am 18. Mai 1848 dabei zu sein, als 400 Abgeordnete der verfassunggebenden Nationalversammlung bei Kirchengeläute und Kanonendonner, umsäumt von schwarz-rot-goldenen Fahnen, Girlanden und Parolen, zwischen dem Jubelspalier von Tausenden vom Kaisersaal zur Paulskirche zogen? Und was mag in ihm vorgegangen sein, als er seine Mitstreiter aus Leipzig, Robert Blum, Georg Günther, Moritz Hartmann und Arnold Ruge in der Menge der Gewählten entdeckte? Er war einer der vielen Zuschauer auf der Tribüne des eigens für den Zweck umgestalteten runden Kirchenraumes, mit deutschen Farben geschmückt und dem Bild der Germania hoch oben thronend über Sitzreihen, Podium und Galerie. Trotz wilder Debatten einigte man sich in dieser ersten Versammlung auf den vorübergehenden Alterspräsidenten Lang aus Hannover und auf den Termin für die nächste Sitzung des Parlamentes.

Am 19. Mai 1848 wurde der neunundvierzigjährige Heinrich von Gagern mit überragender Mehrheit zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt. Als ehemaliger Burschenschaftler, Mitglied des Hallgartenkreises und seit der Märzrevolution Ministerpräsident von Hessen-Darmstadt genoss er Respekt und großes Vertrauen durch alle Gruppierungen. Man traute ihm zu, dieses schwierige Amt zu meistern. Weder fehlte es ihm an Fachkompetenz und Glaubwürdigkeit, noch an Selbstbewusstsein und persönlicher Ausstrahlung. Seine Antrittsrede mit dem Versprechen, eine Verfassung für Deutschland auf der Grundlage der Souveränität der Nation zu schaffen, wurde mit heftigem Beifall von Versammlung und Publikum aufgenommen. Am 31. Mai wurde Gagern mit einem Fackelzug vor dem Mumm’schen Haus geehrt. Darüber berichtete Korrespondent Althaus nach Bremen. Es gebe auch kritische Stimmen, doch sei es Gagerns Glaube und Hoffnung, dass man mit ihm schöne Zeiten erleben werde. Er sei ein Mann des Volks, las man am 5. Juni 1848 in der Bremer Zeitung.

Nach den Beobachtungen in den ersten zwei Wochen des Frankfurter Politgeschehens war dem Visionär aus der Detmolder Dichterstube mehr denn je klar geworden, wie verworren die politische Situation war und wie schwierig es werden würde, einen Konsens für ein deutsches Staatsgebilde zu finden. Gab es doch so viele verschiedene Bedürfnisse und Interessen, so viele unterschiedliche Auslegungen von Begriffen, so viele unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen. Ueberall Konfusion und Gegeneinanderzücken von Parteiungen und provinziellen Sonderinteressen, sah er in seinen Genrebildern aus Frankfurt, die am 7. Juni 1848 auf der Titelseite der Bremer Zeitung erschienen, Impressionen von sogenannten Klubversammlungen in der Sokrates-Loge, im Hof von Holland, Deutschen Haus und im Weidenbusch.

Wie sollte man das Werk auf die Füße stellen, so dass es stehen bleibe und auch gehen könne, fragte er sich und seine Leser. Nach seiner Meinung gab es unter den Abgeordneten zu viele, die Konfrontation anstatt Ausgleich suchten und denen Profilierung um jeden Preis wichtiger war als das gemeinsame Ziel. Und es gab zu wenige Männer, die aufgrund ihrer Begabung, sachlicher Herangehensweise und persönlicher Ausstrahlung Respekt und Sympathie gewannen. Zu Letzteren gehörte unbedingt Julius Fröbel. Im Juni gab es ein herzliches Wiedersehen mit dem verehrten Freund aus Dresden. Nicht als Mitglied der Nationalversammlung war Fröbel in Frankfurt, sondern als Deputierter des ersten Demokratenkongresses, der am 14. Juni 1848 imDeutschen Hof begann. Fröbel redete so glaubwürdig und überzeugend, dass er mit großer Mehrheit zum Präsidenten des demokratischen Vereins gewählt wurde. Die Arbeit am Programm machte er hervorragend, so dass man auch über die Vereinsmitglieder hinaus auf ihn aufmerksam wurde. Bald war er für kurze, doch sachgerechte Diskussionen mit schnellen und guten Ergebnissen bekannt. Voller Bewunderung für diesen integren Mann verfolgte Althaus die Veranstaltung.“

1845: Ausflug zum Burgberg in Hyères



Ausflug zum Burgberg in Hyères

Im Schatten der hohen Palmen, die diesem Platz seinen Namen gegeben hatten, ging sie zum Palais von Bürgermeister Denis. Auch an ihn und seine Vorträge über die Erkundung der hiesigen pittoresken Landschaft würde sie sich gerne erinnern. Alphonse Denis hatte jahrelang Geschichten, Bilder, Geschichten und Informationen über seinen Ort gesammelt. Ein wunderbares Buch über Hyères, die Umgebung und die Inseln war daraus entstanden, das ihnen im Hause Arnauld zur Verfügung stand. Im Bürgermeisterhause wohnte Pauline. Sie kam aus Straßburg und hatte ebenfalls den Winter in der Provence verbracht. Zusammen wollten die Freundinnen einen Ausflug in die Berge machen, wie sie es oft getan hatten in den vergangenen Monaten.

Durch das geöffnete Fenster drang Musik nach draußen, eine Klaviersonate von Beethoven. Das war Pauline. Im Schatten einer Palme blieb Malwida stehen und stellte sich vor, wie die Freundin mit unglaublicher Leichtigkeit ihre Finger über die Tasten gleiten ließ. Klavierspielen war eine der Leidenschaften dieser talentierten jungen Frau. Die Melodie klang nach Abschied. Auch Pauline war in Abschiedsstimmung. Sie und ihre Schwester würden auch bald dieses gastliche Haus verlassen und abreisen.

Erst als das Musikstück verklungen war, ging Malwida hinein und ließ sich vom Hausdiener zu Pauline führen. Wie erwartet, saß die in Gedanken versunken vor dem Klavier. So kannte sie dieses sensible Wesen. Manchmal war die Freundin beim Musizieren so ergriffen, dass ihr Tränen über das Gesicht liefen. Malwida verstand das gut, erinnerte sie sich doch an die Zeit, als sie selbst achtzehn gewesen war, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Lieber war ihr die heitere Pauline. Die wanderte plaudernd neben ihr, sammelte Pflanzen für ihre biologischen Forschungen und war immer auf der Suche nach Motiven zum Zeichnen.

Vorsichtig näherte sie sich der Pianospielerin und strich ihr sanft über die Schulter. Pauline schnellte herum und sprang auf. Sofort erhellte sich ihr Gesicht. Die Freundinnen schlossen einander in die Arme.

„Lass uns keine Zeit verlieren. Es ist ein Frühlingstag wie im Bilderbuch. Ich hole nur schnell Tasche und Sonnenhut aus meinem Zimmer. Wir treffen uns vor dem Haus“, rief sie und lief zur Tür.

Die beiden Frauen schlenderten durch die Gassen der Altstadt, vorbei an dem mächtigen runden Turm, überquerten den Marktplatz und gingen hinaus aus der Stadt, wo der Weg auf den Burgberg führte. Mit großen Steinen war er gepflastert und sehr holprig. Als sie eine Weile steil bergauf gegangen waren, blieb Pauline stehen.

„Puh, ist das anstrengend“, hechelte sie, „fühle mal mein Herz.“ Sie nahm Malwidas Hand und drückte sie an ihre Brust.

„Es pocht heftig, meine Kleine. Du brauchst eine Pause. Doch die paar Meter bis zu unserer Nische schaffst du noch“, ermunterte die Ältere und zog ihre Freundin hinter sich her, bis sie die Klostermauer erreicht hatten, wo sie sich im Schatten der bogenförmigen Mauernische ausruhen konnten.

„Wie schön es hier wieder ist und so still, als sei nichts geschehen“, sagte Pauline. „Kaum vorstellbar, dass hier noch vor einer Woche ein Derwisch an der Pinie gezerrt hat, weißt du noch?“

„Sicher. Der Mistral gehört zu dieser Gegend wie Felsen, Sand und Meer. Ich hatte auch Angst um den zierlichen Baum. Deshalb habe ich ihn schnell gemalt.“

Sie holte ihr Skizzenbuch hervor und blätterte darin, bis sie die Zeichnung gefunden hatte. „Hier siehst du das stürmische Intermezzo. Gut, dass es Papier und Bleistift gibt.“ Sie blätterte weiter. „Und das da bist du, Pauline. Wie dir der Sturm den Rock über den Kopf fegt.“

Sie lachten.

„Und das bist du auch“, fuhr Malwida fort, „am Bachufer sammelst du Pflanzen.“

„Für mein Herbarium. Da hast du mich heimlich gemalt, du kleine liebe Freundin. Du, jetzt juckt es mich in den Fingern. Lass uns auf Motivsuche gehen“, schlug Pauline vor.

„Einverstanden“

Sie wanderten hoch bis zum alten Gemäuer der Burganlage von wo sie in der südlichen Richtung das Meer mit den Inseln sahen und nach Osten hin endlos scheinende Bergketten.

Was hältst du von diesem Blickwinkel?“, fragte Malwida und zeigte auf die weite Ebene mit einem von Zypressen und Laubbäumen gesäumten Flusslauf, einer Kirche zwischen vereinzelten Häusern, idyllisch eingebettet vor der Kulisse des Massivs.

„Ausgezeichnet“, bestätigte die Freundin.

Auf einer Mauer ließen sie sich nieder und packten ihre Zeichensachen aus. Malwida hatte  eine Idee. Sie legte ihr Skizzenbuch der Freundin in den Schoß.

 „Heute machen wir es einmal ganz anders. Du zeichnest in mein Buch und ich in deines. Dann hat jede eine schöne Erinnerung an diesen Tag und all die gemeinsamen Tage vorher.“
Den Vorschlag fand Pauline ausgezeichnet und so zauberte jede Strich für Strich mit spitzem Bleistift das unbeschreibliche Panorama in das Buch der anderen.
‚Erinnerung an gemeinsam verbrachte Stunden in Freiheit und Liebe’, schrieb Malwida unter das ihrer Weggefährtin gewidmete Bild.

Auch Pauline schrieb eine Widmung unter ihr Werk:

‚Dort erhebt sich niemals Lärm….

Seinen Traum kann man träumen,

bis er endet

und ihn dann von vorne beginnen,

4. Mai 1845, P.’

Jede sah sich noch einmal die gesamte Bildersammlung der anderen an und ließ die provençalische Winterreise an sich vorbeiziehen. Dann tauschten sie die Bücher zurück und blieben schweigend nebeneinander sitzen, bis die Sonne sich schon zur Felsspitze hinuntersenkte.

„Kann eine Landschaft schöner sein? Berge, Täler und herrliche Gärten bis zum Meer. Ich kann mich gar nicht satt sehen“, begann Malwida.

„Die Sonne geht im Meer auf und in den Bergen unter. Das fällt mir jetzt erst auf. Traumhaft schön ist es hier oben, ich könnte ewig so sitzen bleiben“, schwärmte auch die Jüngere.

„Das Zusammenspiel von Formen, Farben und Licht, gerade zu dieser Stunde der tief stehenden Sonne. Genauso wie mein Lehrer es beschrieb“, erinnerte sich Malwida. „Jetzt erst verstehe ich, was Carl Morgenstern damit gemeint hat, das Schweben in der einzigartigen Landschaft, als wären wir selbst ein Teil davon. Wäre er doch jetzt hier! “

„Schweben in der Landschaft. Das hört sich gut an. Er muss ein faszinierender Lehrer sein. Du hast eine Menge von ihm gelernt.“

„Stimmt. Einige seiner Gemälde haben mich so gefesselt, dass ich sie unter seiner Anleitung nachgemalt habe. Terraccina zum Beispiel, mein Lieblingsbild von ihm.“

„War Carl Morgenstern auch hier in Südfrankreich zum Malen?“

„In Italien war er, aber die Landschaften auf seinen Bildern sind dieser hier sehr ähnlich. Felsen, Meer und Weite, Kompositionen in Orange- und Violetttönen, wie es sie in unseren nördlichen Gegenden gar nicht gibt.“

„War er nur dein Lehrer oder hat er dir mehr bedeutet?“

„In Frankfurt hatte ich einen Winter lang Unterricht bei ihm. Im vergangenen Jahr war das. 
Die Stunden hatte ich meinem Vater abgetrotzt. Von den Ölfarben habe ich ihm nichts erzählt. Für die habe ich eine goldene Kette und noch anderen Schmuck verkauft.“

„So etwas macht man doch nur, wenn man sich etwas ganz stark wünscht. Warst du in Carl Morgenstern verliebt?“

„In der Familie wurde gemunkelt. Du kennst das vielleicht, Pauline. Die Verbindung zu einem Maler hätte man nicht gern gesehen. Brotlose Kunst nannte man seine Arbeit.“

„Ja, ja, das kenne ich. Doch erzähl weiter.“

„Oft habe ich meinen Malerfreund im Stillen beobachtet in seinem Atelier auf der Zeil, wenn er an der Staffelei stand, in seine Arbeit versunken, ein schöner Mann. Ein bisschen war ich verliebt in ihn. Aber jetzt ist es vorbei.“

Pauline legte den Arm um Malwidas Schultern und drückte sie fest an sich.
„Und dann?“

„Es gibt nicht mehr viel. Ich bewunderte ihn. Ja, ich mochte ihn sehr. Der Abschied tat weh, als ich mit Mutter und Schwester zurückkehren musste nach Detmold. Von dort habe ich ihm einmal Skizzen geschickt und er hat mir per Brief Ratschläge gegeben.“

„Konntest du nicht in Frankfurt bleiben?“

„Das hätte mein Vater niemals erlaubt, Pauline. Niemals.“

„In Detmold hast du weiter gemalt.“

„Manchmal bin mit Malutensilien in der Tasche hinauf gewandert in den Palaisgarten, wo ich einen schönen Blick auf Stadt und Umgebung hatte.“

„Na, siehst du.“

„Beim Malen fehlte er mir sehr.“

„Wer? Ach ja, dein Morgenstern“, scherzte die Freundin.

„Jetzt bist du mein Abendstern, Pauline“, entgegnete Malwida lachend. „Schau mal, wie tief die Sonne steht.“



Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat


Bild aus: Promenades pittoresques a Hyères von M. Alph. Denis (um 1845)

1848 Märzereignisse in Frankfurt


Ehe sich dieses Problem [Unstimmigkeiten nach dem Tod des Vaters im Dezember 1847] klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.

Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 

28. Oktober 1816

Am 28. Oktober 1816 wurde Malwida von Meysenbug in Cassel (Kassel schrieb man derzeit mit C) geboren. Sie war das neunte von zwölf Kindern der Familie. Ihre Mutter Ernestine Hansell kam aus einer hochangesehenen Bürgersfamilie und ihr Vater Phillippe Rivalier war höchster Minister des hessischen Kurfürsten, der ihm neun Jahre später den Adelstitel von Meysenbug verlieh. Nach schweren vormärzlichen Unruhen zog der Vater im Gefolge des Kurfürsten an verschiedene Orte in Hessen. Die Mutter zog mit den Kindern in die lippische Residenzstadt Detmold. Hier entdeckte Malwida ihre Liebe zu dem sechs Jahre jüngeren Pfarrerssohn Theodor Althaus, einem leidenschaftlichen Kämpfer für ein demokratisches Deutschland. Trotz ihrer Zugehörigkeit zum Adelsstand entwickelte sie sich zu einer überzeugten Demokratin. Nach dem Scheitern der deutschen Revolution 1848/49 stand sie zu ihren Überzeugungen und nahm die bittere Konsequenz einer Trennung von der Familie in Kauf. Ihrer Liebe zu Theodor Althaus blieb sie auch nach seinem frühen Tod treu. Unermüdlich kämpfte Malwida von Meysenbug um wirtschaftliche Unabhängigkeit und für die Gleichstellung der Frau. Nach dem Londoner Emigrantenleben zog es sie zunächst nach Florenz und schließlich nach Rom, wo sie eine Heimat fand und im Jahre 1903 starb. 


In ein offenes Herz hatte er [Theodor Althaus] ein Jahr zuvor gesät. Die sechs Jahre ältere Malwida von Meysenbug hatte nicht vergessen, was der große junge Mann mit den langen dunklen Locken ein Jahr zuvor [1843] von der Kanzel der Detmolder Stadtkirche gepredigt hatte. Seine Botschaften hatten ihre aristokratisch geprägten Ansichten ins Wanken gebracht, Zweifel ausgeräumt, Fragen beantwortet und ihr den Impuls zu einer für eine junge Frau in ihren Kreisen ungewöhnliche Aktion gegeben. Sie gründete einen Verein für Arme, in dem Mädchen und junge Frauen der besser gestellten Gesellschaft sich zusammenfanden, um mit Hilfe von Sammlungen und Spenden arme Familien zu unterstützen, von denen es nicht wenige in Detmold gab. Im Rahmen dieser Treffen entstand eine Freundschaft zwischen ihr und der siebzehnjährigen Elisabeth, der Schwester ihres Apostels, so nannte Malwida den verehrten Prediger insgeheim. Es blieb nicht aus, dass im vertrauten Gespräch hin und wieder über ihren Bruder und dessen Gedanken und Ideen geredet wurde.
Als Malwida von Meysenbug zusammen mit ihrer Schwester Laura eines Abends in die Althaus’sche Wohnstube eingeladen war, erfolgte die erste persönliche Begegnung mit Theodor Althaus. Beide fühlten sich sofort einer vom anderen angezogen und empfanden eine auffallende Übereinstimmung ihrer Gedanken zu vielen Themen aus Gesellschaft, Religion und Politik.. Beim nächsten Treffen, das im Meysenbug’schen Palais stattfand, konnte die im Gedankenaustausch erlebte Nähe nicht intensiviert werden, weil Malwida in der elterlichen Umgebung eine seltsame Befangenheit spürte. Jedoch stellten beide weitere Gemeinsamkeiten fest. Und sie teilten ihre Zuneigung zu Theodors Schwester Elisabeth, die sie die Kleinenannten. Die Kleine war dann auch in den folgenden Sommerwochen immer dabei, wenn die beiden sich trafen. Sie war ihre Vertraute und spielte den Briefboten vom Pfarrhaus zum Palais der Meysenbugs in der Hornschen Straße. Elisabeth war auch dabei, als Theodor den ersten Schritt auf seine Freundin zuging, um ihr zu zeigen, wie sehr er sie mochte. Überraschend standen Bruder und Schwester eines frühen Morgens an der Post, um Malwida zu verabschieden, die sich auf den Weg in südliche Gegenden machte, um zusammen mit ihrer Schwägerin, deren Kindern und Dienstpersonal den Winter in angenehmem Klima zu verbringen. Theodor übergab ihr einen Blumenstrauß mit Briefanhang, auf dem ein Zitat aus einem Gedicht von Torquato Tasso zu lesen war: I suoi pensieri in lui dormir non ponno. Die Botschaft war zwar in italienischer Sprache verfasst, jedoch klar. Er wollte der Angebetenen mitteilen, dass er immer an sie dachte und sie ihm schlaflose Stunden bereitete.
Der Zweiundzwanzigjährige hatte sich verliebt und die Geliebte war viele Tagesreisen entfernt in Hyères an der französischen Mittelmeerküste. Er vermisste ihre Zuneigung, die vertrauten Gespräche, in denen er sich mit seinen Ideen und Vorstellungen verstanden fühlte. Sie war diejenige, die bedingungslos hinter ihm stand, wenn jemand ihn kritisierte. Und Kritiker hatte er nicht wenige. Es war schwierig für ihn im beschaulichen Detmold. Die meiste Zeit verbrachte er am Schreibtisch in seiner Studierstube mit Ausblick in südwestliche Richtung, wo hoch über den Buchenwäldern auf der Grotenburg der Sockel des Hermannsdenkmals entstand. Häufig schaute er sehnsüchtig nach links hinüber zum Haus der von Meysenbugs in der Hornschen Straße mit dem Fenster von Malwida, der er so oft in einsamen Nachtstunden seine Wolkenträume herübergeschickt hatte. In gereimter Form  bewahrte er sie nun in seinem Nordischen Wintergarten auf, um sie ihr nach ihrer Rückkehr im nächsten Frühjahr zu schenken.
Gedichte für Malwida: Nordischer Wintergarten

31. März 1848 Vorparlament in der Paulskirche

31. März 1848 Vorparlament in der Paulskirche

31. März 1848 Vorparlament in der Paulskirche

31. März 1848 Vorparlament in der Paulskirche

Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 


Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat

Fotos: Renate Hupfeld in Frankfurt 2011

Und hier geht’s zur Zeitreise aus dem Jahre 2048 in das Jahr 1848:
TimeTravelTerminal … Achtundvierziger (Kurzgeschichte)

Malwida und die Revolution 1848


Malwida und die Revolution 1848
Für die Hinterbliebenen begann das Jahr 1848 in Frankfurt mit der Verlesung des Testamentes von Carl Rivalier von Meysenbug  [* 2. Oktober 1779 in Kassel; † 30. Dezember 1847 in Frankfurt am Main]. Dabei stellte sich heraus, dass das Vermögen des Familienoberhauptes unerwartet gering war. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Malwida mit der Frage konfrontiert, wie in Zukunft ihr Leben zu finanzieren sei. Malen war zwar immer ihre liebste Beschäftigung gewesen, jedoch konnte sie das aufgrund ihrer Augenschwäche nicht in großem Umfange betreiben. Blieb ihr das Schreiben. Das konnte sie, hatte auch schon einige Novellen und Essays an Zeitungen und Verlage geschickt, jedoch nie Honorar dafür bekommen. Sie wusste gar nicht, was sie tun musste, um mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Also war sie auf Unterstützung von Mutter und Brüdern angewiesen. Ernestine von Meysenbug war selbst noch nicht klar, wie die materielle Zukunft ohne ihren Gatten aussehen würde
Ehe sich dieses Problem klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.

Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 


Malwida und die Revolution 1848


Malwida und die Revolution 1848
Für die Hinterbliebenen begann das Jahr 1848 in Frankfurt mit der Verlesung des Testamentes von Carl Rivalier von Meysenbug  [* 2. Oktober 1779 in Kassel; † 30. Dezember 1847 in Frankfurt am Main]. Dabei stellte sich heraus, dass das Vermögen des Familienoberhauptes unerwartet gering war. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Malwida mit der Frage konfrontiert, wie in Zukunft ihr Leben zu finanzieren sei. Malen war zwar immer ihre liebste Beschäftigung gewesen, jedoch konnte sie das aufgrund ihrer Augenschwäche nicht in großem Umfange betreiben. Blieb ihr das Schreiben. Das konnte sie, hatte auch schon einige Novellen und Essays an Zeitungen und Verlage geschickt, jedoch nie Honorar dafür bekommen. Sie wusste gar nicht, was sie tun musste, um mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Also war sie auf Unterstützung von Mutter und Brüdern angewiesen. Ernestine von Meysenbug war selbst noch nicht klar, wie die materielle Zukunft ohne ihren Gatten aussehen würde
Ehe sich dieses Problem klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.

Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 


Malwida und die Revolution 1848


Malwida und die Revolution 1848
Für die Hinterbliebenen begann das Jahr 1848 in Frankfurt mit der Verlesung des Testamentes von Carl Rivalier von Meysenbug  [* 2. Oktober 1779 in Kassel; † 30. Dezember 1847 in Frankfurt am Main]. Dabei stellte sich heraus, dass das Vermögen des Familienoberhauptes unerwartet gering war. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Malwida mit der Frage konfrontiert, wie in Zukunft ihr Leben zu finanzieren sei. Malen war zwar immer ihre liebste Beschäftigung gewesen, jedoch konnte sie das aufgrund ihrer Augenschwäche nicht in großem Umfange betreiben. Blieb ihr das Schreiben. Das konnte sie, hatte auch schon einige Novellen und Essays an Zeitungen und Verlage geschickt, jedoch nie Honorar dafür bekommen. Sie wusste gar nicht, was sie tun musste, um mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Also war sie auf Unterstützung von Mutter und Brüdern angewiesen. Ernestine von Meysenbug war selbst noch nicht klar, wie die materielle Zukunft ohne ihren Gatten aussehen würde
Ehe sich dieses Problem klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.

Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 


Eiszeit in Detmold

Eiszeit in Detmold
Die Eiszeit für die Verbindung zwischen Malwida von Meysenbug und Theodor Althaus hielt an. In der Detmolder Gesellschaft gerieten die zwei Liebenden immer weiter ins Abseits. Wenn sie in der Öffentlichkeit zusammen gesehen wurden, gab es böse Anfeindungen, selbst von Menschen, die sie für ihre Freunde gehalten hatten. Das hatte zur Folge, dass beide sich weitgehend vom gesellschaftlichen Leben zurückzogen. Malwida verbrachte die Zeit schreibend und lesend in ihrem Zimmer [im Meysenbugschen Palais]. Zu ihrem Lesestoff gehörte eines der ersten Drucke von Theodors Schrift „Die Zukunft des Christenthums“ sowie seine Artikel in der Bremer „Weser-Zeitung“ und in literarischen Magazinen. Ihr Freund arbeitete weiter an Veröffentlichungen zu seinen Gedanken und Idealen. In seiner Studierstube im Elternhaus bereitete er außerdem eine Sammlung von Erzählungen vor, Zeitbilder unter dem Titel „Mährchen aus der Gegenwart“, in die seine Eindrücke von der Detmolder Beschaulichkeit sowie Begegnungen und Beobachtungen auf seinen einsamen Wanderungen an Weser und Rhein einflossen.

Im Juni des Jahres 1847 war für die zwei klar, dass sie Detmold verließen, jedoch nicht zusammen. Ihre Wege trennten sich. Theodor schaffte den Absprung nach Leipzig, wo er in der von Autoren und Verlegern geprägten Szenerie Gleichgesinnte fand. Mit Essays, Rezensionen, Übersetzungen und Beiträgen in Publikationen von Arnold Ruge und Robert Blum gelang es ihm, auf eigene Beine zu kommen. Malwida fuhr mit der Mutter und Schwester Laura in südliche Richtung nach Hessen. Mit der Postkutsche fuhren sie bis Hamm, von dort mit der Eisenbahn nach Köln und von dort mit dem Schiff rheinaufwärts nach Bingen und über Frankfurt nach Homburg, wo der Vater für den Sommer eine Wohnung gemietet hatte.

In dem beliebten Badeort im Taunus trafen sich nicht nur Heilungsuchende. Homburg hatte sich zu einem Ort der glanzvollen Feste und Vergnügungen entwickelt. Jedoch hofften die Eltern von Meysenbug vergeblich, die dreißigjährige Tochter in diesem Umfeld mit einem standesgemäßen Mann zusammen und unter die Haube zu bringen. Malwida blieb weiterhin ihrem Prinzip treu, das sie sich beim Sonnenaufgang in der Provence gelobt hatte. Im Übrigen sprach ihr Herz eine Sprache, die Eltern und Geschwister nicht verstanden. Treu ihrem Gelöbnis und in ihrem Schmerz über die Trennung von Theodor mied sie die Vergnügungen in den Ballsälen und suchte die Einsamkeit. In stillen Eckchen im Homburger Schlosspark verweilte sie viele Stunden an einem stillen Gewässer unter alten Bäumen, im Zwiegespräch mit ihrem Skizzenbuch und Gedichten von Friedrich Hölderlin. In den Werken des verehrten Verfassers, der in den Diotimagedichten seinen unerfüllbaren Traum bearbeitet hatte, fand sie eine Parallele zu ihrer unglücklichen Liebe. Wie Friedrich und Suzette konnten auch Theodor und sie nicht zusammenkommen, zu groß war der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit. Einzige Freude in dieser traurigen Zeit war der Briefwechsel zwischen Leipzig und Homburg.

Und es wurde noch trauriger. Ein nicht vorherzusehendes Ereignis beendete den Sommeraufenthalt im Taunus eher als geplant. Der Vater erkrankte ernsthaft und konnte seiner Familie nicht in das Sommerhaus folgen. Ernestine von Meysenbug zog mit ihren Töchtern zu ihm in die Frankfurter Wohnung. Nach aufreibenden Jahrzehnten als Staatsmann erholte sich der Achtundsechzigjährige nicht mehr. im Dezember des Jahres 1847 starb Carl Rivalier von Meysenbug.  


(1847)

Foto: © Renate Hupfeld (Meysenbugsches Palais in der Hornschen Straße Nr. 19 in Detmold 2006)

Leseprobe aus:


Eiszeit in Detmold

Eiszeit in Detmold
Die Eiszeit für die Verbindung zwischen Malwida von Meysenbug und Theodor Althaus hielt an. In der Detmolder Gesellschaft gerieten die zwei Liebenden immer weiter ins Abseits. Wenn sie in der Öffentlichkeit zusammen gesehen wurden, gab es böse Anfeindungen, selbst von Menschen, die sie für ihre Freunde gehalten hatten. Das hatte zur Folge, dass beide sich weitgehend vom gesellschaftlichen Leben zurückzogen. Malwida verbrachte die Zeit schreibend und lesend in ihrem Zimmer [im Meysenbugschen Palais]. Zu ihrem Lesestoff gehörte eines der ersten Drucke von Theodors Schrift „Die Zukunft des Christenthums“ sowie seine Artikel in der Bremer „Weser-Zeitung“ und in literarischen Magazinen. Ihr Freund arbeitete weiter an Veröffentlichungen zu seinen Gedanken und Idealen. In seiner Studierstube im Elternhaus bereitete er außerdem eine Sammlung von Erzählungen vor, Zeitbilder unter dem Titel „Mährchen aus der Gegenwart“, in die seine Eindrücke von der Detmolder Beschaulichkeit sowie Begegnungen und Beobachtungen auf seinen einsamen Wanderungen an Weser und Rhein einflossen.

Im Juni des Jahres 1847 war für die zwei klar, dass sie Detmold verließen, jedoch nicht zusammen. Ihre Wege trennten sich. Theodor schaffte den Absprung nach Leipzig, wo er in der von Autoren und Verlegern geprägten Szenerie Gleichgesinnte fand. Mit Essays, Rezensionen, Übersetzungen und Beiträgen in Publikationen von Arnold Ruge und Robert Blum gelang es ihm, auf eigene Beine zu kommen. Malwida fuhr mit der Mutter und Schwester Laura in südliche Richtung nach Hessen. Mit der Postkutsche fuhren sie bis Hamm, von dort mit der Eisenbahn nach Köln und von dort mit dem Schiff rheinaufwärts nach Bingen und über Frankfurt nach Homburg, wo der Vater für den Sommer eine Wohnung gemietet hatte.

In dem beliebten Badeort im Taunus trafen sich nicht nur Heilungsuchende. Homburg hatte sich zu einem Ort der glanzvollen Feste und Vergnügungen entwickelt. Jedoch hofften die Eltern von Meysenbug vergeblich, die dreißigjährige Tochter in diesem Umfeld mit einem standesgemäßen Mann zusammen und unter die Haube zu bringen. Malwida blieb weiterhin ihrem Prinzip treu, das sie sich beim Sonnenaufgang in der Provence gelobt hatte. Im Übrigen sprach ihr Herz eine Sprache, die Eltern und Geschwister nicht verstanden. Treu ihrem Gelöbnis und in ihrem Schmerz über die Trennung von Theodor mied sie die Vergnügungen in den Ballsälen und suchte die Einsamkeit. In stillen Eckchen im Homburger Schlosspark verweilte sie viele Stunden an einem stillen Gewässer unter alten Bäumen, im Zwiegespräch mit ihrem Skizzenbuch und Gedichten von Friedrich Hölderlin. In den Werken des verehrten Verfassers, der in den Diotimagedichten seinen unerfüllbaren Traum bearbeitet hatte, fand sie eine Parallele zu ihrer unglücklichen Liebe. Wie Friedrich und Suzette konnten auch Theodor und sie nicht zusammenkommen, zu groß war der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit. Einzige Freude in dieser traurigen Zeit war der Briefwechsel zwischen Leipzig und Homburg.

Und es wurde noch trauriger. Ein nicht vorherzusehendes Ereignis beendete den Sommeraufenthalt im Taunus eher als geplant. Der Vater erkrankte ernsthaft und konnte seiner Familie nicht in das Sommerhaus folgen. Ernestine von Meysenbug zog mit ihren Töchtern zu ihm in die Frankfurter Wohnung. Nach aufreibenden Jahrzehnten als Staatsmann erholte sich der Achtundsechzigjährige nicht mehr. im Dezember des Jahres 1847 starb Carl Rivalier von Meysenbug.  


(1847)

Foto: © Renate Hupfeld (Meysenbugsches Palais in der Hornschen Straße Nr. 19 in Detmold 2006)

Leseprobe aus:


Auszeit in Berlin

Auszeit in Berlin
In dieser unerträglichen Situation lud Anna Koppe, eine Freundin Elisabeths, sie in ihre Wohnung nach Berlin [Kochstraße] ein. Dort könnte sie eine Zeit verbringen und Abstand gewinnen. Sie nahm das Angebot an.

Schon während der Fahrt in der Eisenbahn spürte sie, wie sie freier atmen konnte. Als dann die Gastgeberin ihr ein herzliches Willkommen bereitete und sie sich zusammen mit deren Freunden frei austauschen konnte, wurde ihr wieder einmal bewusst, dass es noch etwas anderes gab, als die drückende Enge in Residenz und Elternhaus.

In den Straßen von Berlin war sie unterwegs auf den Spuren der politischen Entwicklungen nach den Ereignissen im März 1848. Die von den jeweiligen Herrschenden der deutschen Länder zum Teil hastig gemachten Zugeständnisse schwammen nach und nach davon. Nach dem Septemberaufstand in Frankfurt und der Oktoberrevolution in Wien hatten Österreich und Preußen mit militärischer Gewalt die Ruhe wieder hergestellt.

Auch in Berlin war es unruhig, erwartete man doch von der Regierung und der preußischen Nationalversammlung, dass sie die Arbeit im Frankfurter Parlament unterstützten und Verordnungen im Sinne der Märzforderungen auf den Weg brachten. Doch die Unterstützer waren in der Minderheit. Einer von ihnen ging bei Anna Koppe ein und aus. Voller Sorge berichtete er, dass der preußische König alles daran setze, um seine alte Macht wieder zu festigen. So hatte er bestimmt, dass der Landtag nicht mehr im Schauspielhaus in der Charlottenstraße tagen sollte, sondern in der Stadt Brandenburg, was einer Auflösung gleich kam. Malwida und Anna waren dabei, als sich eine große Menschenmenge auf dem Gendarmenmarkt versammelte, um gegen diese Maßnahme zu demonstrieren. Sie erlebten, wie Soldaten unter Oberbefehl von General von Wrangel mit Waffengewalt den Platz räumten.

Drei Tage später, am 12. November 1848, unterschrieb der Oberbefehlshaber der Truppen den Erlass zur Verhängung des Belagerungszustandes in Berlin. Angesichts dieser undurchsichtigen Situation die Stadt riet Anna ihrer Freundin, die Stadt auf schnellstem Wege zu verlassen. Sie begleitete Malwida zum Bahnhof, wo sich schon Massen von Ausreisenden unter militärischer Bewachung versammelt hatten, um einen Platz zu ergattern. Wegen eines Sabotageaktes an den Gleisen kam der Zug nur bis Potsdam. Auch dort war wieder dichtes Gedränge auf dem Bahnhof. Malwida stand mitten darin und war dankbar, als ein junger Offizier, der sie von einer Festveranstaltung kannte, ihr seine Hilfe anbot. Von ihm ließ sie sich zum Haus von Theodors Großvater Dräseke bringen, der sich nach seiner Magdeburger Bischofszeit in Potsdam zur Ruhe gesetzt hatte. Obwohl es sehr spät war, wurde sie von Bischof Dräseke und zwei seiner Töchter herzlich aufgenommen.

Als sie eines Tages in diesem unruhigen November 1848 erfuhr, dass Robert Blum in Wien kurzerhand mit den Gewehren hingerichtet worden war und dass Theodors Freund Julius Fröbel, der ebenfalls den Wiener Aufstand unterstützt hatte, das gleiche Schicksal drohte, war sie zutiefst schockiert. Ihr wurde klar, wie stark die Reaktion in Deutschland inzwischen geworden war.

Dennoch endete das Jahr in Frankfurt mit einem großen Erfolg. Die vom deutschen Volk gewählten Delegierten in der Paulskirche hatten beharrlich an ihrer Aufgabe gearbeitet  und den ersten Teil ihres Werkes fertig gestellt. Am 21. Dezember 1848 wurden auf Beschluss der Reichsversammlung die „Grundrechte des deutschen Volkes“ als Gesetz verkündet. Mit großer Freude wurde dieses Ereignis in der gesamten Bevölkerung aufgenommen. Der Text wurde in großen Mengen gedruckt und in ganz Deutschland an die Menschen verteilt.

Schon bald war das schön gestaltete Plakat mit den neun Artikeln auch in Detmold überall an den Wänden angeschlagen, selbst in den kleinsten Hütten. Malwida versorgte ihre Armen und freute sich an der Hoffnung, die in die Herzen gesät wurde.

Besonders freute sie sich am Artikel VI, in dessen Paragraphen es um Wissenschaft und Lehre ging. Nicht nur privilegierten, sondern allen Menschen sollte Bildung zugänglich sein und zuteil werden. Alle Kinder und Jugendlichen sollten in öffentlichen Schulen unterrichtet werden, egal ob arm oder reich, ob männlich oder weiblich. Malwida konnte sich gar nicht satt sehen an den Formulierungen dieses Artikels und hoffte, in irgendeiner Form an der Verwirklichung dieser schönen Paragraphen mitwirken zu können. Im Vordergrund stand vor allem der Gedanke an Chancengleichheit von Männern und Frauen.

Am letzten Tag des Jahres gab es wieder ein unerwartetes Zusammentreffen mit Theodor. Es fand statt im Pfarrhaus unter der Wehme und hatte einen traurigen Anlass. Theodors Mutter Julie Althaus war im Alter von fünfzig Jahren gestorben. Der älteste Sohn war zur Beerdigung für ein paar Stunden angereist aus Hannover, wohin er erst einige Tage zuvor seine Redaktion verlegt hatte. Nach der Beerdigung begleitete er Malwida ein Stück. Sie redeten über den  bitteren Verlust, den der Tod der Mutter für den jungen Redakteur und auch für Malwida bedeutete, und über seine „Zeitung für Norddeutschland“, deren erste Ausgabe am 1. Januar 1849 er gerade vorbereitete. Er war freundlich, jedoch distanziert. Sie nahm sich vor, auch weiterhin seine Leitartikel zu lesen. 


(1848)

Leseprobe aus:



Foto: © Renate Hupfeld 

Auszeit in Berlin

Auszeit in Berlin
In dieser unerträglichen Situation lud Anna Koppe, eine Freundin Elisabeths, sie in ihre Wohnung nach Berlin [Kochstraße] ein. Dort könnte sie eine Zeit verbringen und Abstand gewinnen. Sie nahm das Angebot an.

Schon während der Fahrt in der Eisenbahn spürte sie, wie sie freier atmen konnte. Als dann die Gastgeberin ihr ein herzliches Willkommen bereitete und sie sich zusammen mit deren Freunden frei austauschen konnte, wurde ihr wieder einmal bewusst, dass es noch etwas anderes gab, als die drückende Enge in Residenz und Elternhaus.

In den Straßen von Berlin war sie unterwegs auf den Spuren der politischen Entwicklungen nach den Ereignissen im März 1848. Die von den jeweiligen Herrschenden der deutschen Länder zum Teil hastig gemachten Zugeständnisse schwammen nach und nach davon. Nach dem Septemberaufstand in Frankfurt und der Oktoberrevolution in Wien hatten Österreich und Preußen mit militärischer Gewalt die Ruhe wieder hergestellt.

Auch in Berlin war es unruhig, erwartete man doch von der Regierung und der preußischen Nationalversammlung, dass sie die Arbeit im Frankfurter Parlament unterstützten und Verordnungen im Sinne der Märzforderungen auf den Weg brachten. Doch die Unterstützer waren in der Minderheit. Einer von ihnen ging bei Anna Koppe ein und aus. Voller Sorge berichtete er, dass der preußische König alles daran setze, um seine alte Macht wieder zu festigen. So hatte er bestimmt, dass der Landtag nicht mehr im Schauspielhaus in der Charlottenstraße tagen sollte, sondern in der Stadt Brandenburg, was einer Auflösung gleich kam. Malwida und Anna waren dabei, als sich eine große Menschenmenge auf dem Gendarmenmarkt versammelte, um gegen diese Maßnahme zu demonstrieren. Sie erlebten, wie Soldaten unter Oberbefehl von General von Wrangel mit Waffengewalt den Platz räumten.

Drei Tage später, am 12. November 1848, unterschrieb der Oberbefehlshaber der Truppen den Erlass zur Verhängung des Belagerungszustandes in Berlin. Angesichts dieser undurchsichtigen Situation die Stadt riet Anna ihrer Freundin, die Stadt auf schnellstem Wege zu verlassen. Sie begleitete Malwida zum Bahnhof, wo sich schon Massen von Ausreisenden unter militärischer Bewachung versammelt hatten, um einen Platz zu ergattern. Wegen eines Sabotageaktes an den Gleisen kam der Zug nur bis Potsdam. Auch dort war wieder dichtes Gedränge auf dem Bahnhof. Malwida stand mitten darin und war dankbar, als ein junger Offizier, der sie von einer Festveranstaltung kannte, ihr seine Hilfe anbot. Von ihm ließ sie sich zum Haus von Theodors Großvater Dräseke bringen, der sich nach seiner Magdeburger Bischofszeit in Potsdam zur Ruhe gesetzt hatte. Obwohl es sehr spät war, wurde sie von Bischof Dräseke und zwei seiner Töchter herzlich aufgenommen.

Als sie eines Tages in diesem unruhigen November 1848 erfuhr, dass Robert Blum in Wien kurzerhand mit den Gewehren hingerichtet worden war und dass Theodors Freund Julius Fröbel, der ebenfalls den Wiener Aufstand unterstützt hatte, das gleiche Schicksal drohte, war sie zutiefst schockiert. Ihr wurde klar, wie stark die Reaktion in Deutschland inzwischen geworden war.

Dennoch endete das Jahr in Frankfurt mit einem großen Erfolg. Die vom deutschen Volk gewählten Delegierten in der Paulskirche hatten beharrlich an ihrer Aufgabe gearbeitet  und den ersten Teil ihres Werkes fertig gestellt. Am 21. Dezember 1848 wurden auf Beschluss der Reichsversammlung die „Grundrechte des deutschen Volkes“ als Gesetz verkündet. Mit großer Freude wurde dieses Ereignis in der gesamten Bevölkerung aufgenommen. Der Text wurde in großen Mengen gedruckt und in ganz Deutschland an die Menschen verteilt.

Schon bald war das schön gestaltete Plakat mit den neun Artikeln auch in Detmold überall an den Wänden angeschlagen, selbst in den kleinsten Hütten. Malwida versorgte ihre Armen und freute sich an der Hoffnung, die in die Herzen gesät wurde.

Besonders freute sie sich am Artikel VI, in dessen Paragraphen es um Wissenschaft und Lehre ging. Nicht nur privilegierten, sondern allen Menschen sollte Bildung zugänglich sein und zuteil werden. Alle Kinder und Jugendlichen sollten in öffentlichen Schulen unterrichtet werden, egal ob arm oder reich, ob männlich oder weiblich. Malwida konnte sich gar nicht satt sehen an den Formulierungen dieses Artikels und hoffte, in irgendeiner Form an der Verwirklichung dieser schönen Paragraphen mitwirken zu können. Im Vordergrund stand vor allem der Gedanke an Chancengleichheit von Männern und Frauen.

Am letzten Tag des Jahres gab es wieder ein unerwartetes Zusammentreffen mit Theodor. Es fand statt im Pfarrhaus unter der Wehme und hatte einen traurigen Anlass. Theodors Mutter Julie Althaus war im Alter von fünfzig Jahren gestorben. Der älteste Sohn war zur Beerdigung für ein paar Stunden angereist aus Hannover, wohin er erst einige Tage zuvor seine Redaktion verlegt hatte. Nach der Beerdigung begleitete er Malwida ein Stück. Sie redeten über den  bitteren Verlust, den der Tod der Mutter für den jungen Redakteur und auch für Malwida bedeutete, und über seine „Zeitung für Norddeutschland“, deren erste Ausgabe am 1. Januar 1849 er gerade vorbereitete. Er war freundlich, jedoch distanziert. Sie nahm sich vor, auch weiterhin seine Leitartikel zu lesen. 


(1848)

Leseprobe aus:



Foto: © Renate Hupfeld 

Auszeit in Berlin

Auszeit in Berlin
In dieser unerträglichen Situation lud Anna Koppe, eine Freundin Elisabeths, sie in ihre Wohnung nach Berlin [Kochstraße] ein. Dort könnte sie eine Zeit verbringen und Abstand gewinnen. Sie nahm das Angebot an.

Schon während der Fahrt in der Eisenbahn spürte sie, wie sie freier atmen konnte. Als dann die Gastgeberin ihr ein herzliches Willkommen bereitete und sie sich zusammen mit deren Freunden frei austauschen konnte, wurde ihr wieder einmal bewusst, dass es noch etwas anderes gab, als die drückende Enge in Residenz und Elternhaus.

In den Straßen von Berlin war sie unterwegs auf den Spuren der politischen Entwicklungen nach den Ereignissen im März 1848. Die von den jeweiligen Herrschenden der deutschen Länder zum Teil hastig gemachten Zugeständnisse schwammen nach und nach davon. Nach dem Septemberaufstand in Frankfurt und der Oktoberrevolution in Wien hatten Österreich und Preußen mit militärischer Gewalt die Ruhe wieder hergestellt.

Auch in Berlin war es unruhig, erwartete man doch von der Regierung und der preußischen Nationalversammlung, dass sie die Arbeit im Frankfurter Parlament unterstützten und Verordnungen im Sinne der Märzforderungen auf den Weg brachten. Doch die Unterstützer waren in der Minderheit. Einer von ihnen ging bei Anna Koppe ein und aus. Voller Sorge berichtete er, dass der preußische König alles daran setze, um seine alte Macht wieder zu festigen. So hatte er bestimmt, dass der Landtag nicht mehr im Schauspielhaus in der Charlottenstraße tagen sollte, sondern in der Stadt Brandenburg, was einer Auflösung gleich kam. Malwida und Anna waren dabei, als sich eine große Menschenmenge auf dem Gendarmenmarkt versammelte, um gegen diese Maßnahme zu demonstrieren. Sie erlebten, wie Soldaten unter Oberbefehl von General von Wrangel mit Waffengewalt den Platz räumten.

Drei Tage später, am 12. November 1848, unterschrieb der Oberbefehlshaber der Truppen den Erlass zur Verhängung des Belagerungszustandes in Berlin. Angesichts dieser undurchsichtigen Situation die Stadt riet Anna ihrer Freundin, die Stadt auf schnellstem Wege zu verlassen. Sie begleitete Malwida zum Bahnhof, wo sich schon Massen von Ausreisenden unter militärischer Bewachung versammelt hatten, um einen Platz zu ergattern. Wegen eines Sabotageaktes an den Gleisen kam der Zug nur bis Potsdam. Auch dort war wieder dichtes Gedränge auf dem Bahnhof. Malwida stand mitten darin und war dankbar, als ein junger Offizier, der sie von einer Festveranstaltung kannte, ihr seine Hilfe anbot. Von ihm ließ sie sich zum Haus von Theodors Großvater Dräseke bringen, der sich nach seiner Magdeburger Bischofszeit in Potsdam zur Ruhe gesetzt hatte. Obwohl es sehr spät war, wurde sie von Bischof Dräseke und zwei seiner Töchter herzlich aufgenommen.

Als sie eines Tages in diesem unruhigen November 1848 erfuhr, dass Robert Blum in Wien kurzerhand mit den Gewehren hingerichtet worden war und dass Theodors Freund Julius Fröbel, der ebenfalls den Wiener Aufstand unterstützt hatte, das gleiche Schicksal drohte, war sie zutiefst schockiert. Ihr wurde klar, wie stark die Reaktion in Deutschland inzwischen geworden war.

Dennoch endete das Jahr in Frankfurt mit einem großen Erfolg. Die vom deutschen Volk gewählten Delegierten in der Paulskirche hatten beharrlich an ihrer Aufgabe gearbeitet  und den ersten Teil ihres Werkes fertig gestellt. Am 21. Dezember 1848 wurden auf Beschluss der Reichsversammlung die „Grundrechte des deutschen Volkes“ als Gesetz verkündet. Mit großer Freude wurde dieses Ereignis in der gesamten Bevölkerung aufgenommen. Der Text wurde in großen Mengen gedruckt und in ganz Deutschland an die Menschen verteilt.

Schon bald war das schön gestaltete Plakat mit den neun Artikeln auch in Detmold überall an den Wänden angeschlagen, selbst in den kleinsten Hütten. Malwida versorgte ihre Armen und freute sich an der Hoffnung, die in die Herzen gesät wurde.

Besonders freute sie sich am Artikel VI, in dessen Paragraphen es um Wissenschaft und Lehre ging. Nicht nur privilegierten, sondern allen Menschen sollte Bildung zugänglich sein und zuteil werden. Alle Kinder und Jugendlichen sollten in öffentlichen Schulen unterrichtet werden, egal ob arm oder reich, ob männlich oder weiblich. Malwida konnte sich gar nicht satt sehen an den Formulierungen dieses Artikels und hoffte, in irgendeiner Form an der Verwirklichung dieser schönen Paragraphen mitwirken zu können. Im Vordergrund stand vor allem der Gedanke an Chancengleichheit von Männern und Frauen.

Am letzten Tag des Jahres gab es wieder ein unerwartetes Zusammentreffen mit Theodor. Es fand statt im Pfarrhaus unter der Wehme und hatte einen traurigen Anlass. Theodors Mutter Julie Althaus war im Alter von fünfzig Jahren gestorben. Der älteste Sohn war zur Beerdigung für ein paar Stunden angereist aus Hannover, wohin er erst einige Tage zuvor seine Redaktion verlegt hatte. Nach der Beerdigung begleitete er Malwida ein Stück. Sie redeten über den  bitteren Verlust, den der Tod der Mutter für den jungen Redakteur und auch für Malwida bedeutete, und über seine „Zeitung für Norddeutschland“, deren erste Ausgabe am 1. Januar 1849 er gerade vorbereitete. Er war freundlich, jedoch distanziert. Sie nahm sich vor, auch weiterhin seine Leitartikel zu lesen. 


(1848)

Leseprobe aus:



Foto: © Renate Hupfeld 

Auf dem Friedhof der Märzgefallenen

Auf dem Friedhof der Märzgefallenen
Auf dem Friedhof der Märzgefallenen
Auf dem Hügel vor den Toren der Stadt hörte Malwida die Geräusche der Pferdedroschken und der triumphierenden Soldaten nur ganz schwach. So ein bisschen klang es  sogar wie leises Meeresrauschen. Ganz entfernt hörte sie eine Nachtigall und über ihrem Kopf flüsterten die Blätter, als wollten sie die Stille der hier Ruhenden nicht stören. Sie setzte sich neben eines der Gräber, bewachsen mit frischgrünem Efeu und atmete tief ein. Weit entfernt erstreckte sich die preußische Hauptstadt in der weiten Ebene, über der die Sonne langsam unterging.

Hier fern jeglichen Lärms war sie allein mit den Toten. So schön ruhig hier. Nur langsam ordnete sich das Chaos in ihrer Brust. Die unachtsam hin geschleuderten Pfeile trieben immer wieder Tränen in die Augen, die sie wie einen wohltuenden Schleier empfand. Auf keinen Fall konnte sie zurück in den Schoß der Familie. Wie stellte William sich das denn vor? Weibliche Demut? Das ging nicht. Nicht mehr. Auch nicht der Mutter zuliebe. Sie ließ sich nicht mehr verbieten, ihren Verstand zu gebrauchen. Sie hatte ihre eigenen Vorstellungen. Und sie hatte ja bereits ihren Weg gefunden, heraus aus der Enge. Aber das würde William niemals verstehen, obwohl er sie doch lange genug kannte. Er dachte ja nur an sich und seine Position im Ministerium. Die demokratische Schwester war ihm peinlich. Was hatte er gesagt? Teuflischer Verführer? Irrwege? Gescheitert? Sie spürte ihr Herz klopfen. Nein! nein! Nein! Aus sich selbst heraus hatte sie ihre Überzeugungen. Nicht sie, sondern William war auf Irrwegen. Er würde scheitern, nicht sie. Wenn du etwas brauchst, Malwida. Heuchler. Diese Hilfe brauchte sie schon lange nicht mehr. Warum wollten sie das denn nicht begreifen? Sie fühlte sich zwar schwach, doch das würde vorübergehen. Niemals würde sie ihre Ideale verraten, ihre Ideen von einem freien Land mit freien selbstbestimmten Frauen mit denselben Rechten wie Männer sie haben. Selbst, wenn sie gegen Geflogenheiten und geschriebene und ungeschriebene Gesetze handelte. Sie musste auf ihre innere Stimme hören. Wie Antigone. Ja, sie konnte nicht anders handeln, auch nicht der Familie zuliebe.

Wie Antigone.

War ihr jemand gefolgt? Plötzlich kam es ihr vor, als wäre sie nicht allein. Zwei junge Menschen blickten aus einiger Entfernung zu ihr hinüber. Wie lange standen sie wohl schon da? Als sie sich entdeckt sahen, kamen sie ein paar Schritte auf sie zu. Sie stand auf und ging ihnen entgegen, die beiden kamen auch näher.

„Verzeihen Sie, wenn wir Ihre Ruhe gestört haben“, sagte der Mann. „Wir haben Sie lange angesehen, wie Sie da so traurig und gedankenvoll saßen. Sie müssen eine von uns sein.“

Die junge Frau nickte zu seinen Worten.

„Wenn die Arbeit uns mal ein Stündchen Zeit lässt, kommen wir hierher zu den Gräbern unserer toten Freunde.“

„Kannten Sie viele der jungen Menschen, die hier begraben sind?“, fragte Malwida.

„Einige aus dem Handwerkerverein und aus der Fabrik. Dort haben sie gearbeitet wie wir. Carl war erst achtzehn. Und am achtzehnten März ist er gestorben.“
„So viele sind gestorben. Auch ich war einige Male hier“, sagte Malwida.  „In Anwesenheit der Toten finde ich Trost.“
„Sie haben auch jemanden zu betrauern. Das sehe ich Ihnen doch an“, sagte die junge Frau.

„Er war nicht einmal dreißig. Sein einsames Grab ist auch auf einem Hügel vor der Stadt, doch nicht hier, sondern in Gotha. Efeu mochte er so gern, hellgrün, wie das hier auf den Gräbern der jungen Kämpfer.“

„Gestorben im Kampf für die Freiheit des Volkes. Sehen Sie, dort steht es eingemeißelt.“ Der Mann zeigte auf das einfache Denkmal.

„Das Wertvollste haben sie gegeben …“

„… und doch selbst nach vier Jahren noch nicht den verdienten Lohn errungen“, bedauerte Malwida. „Deshalb müssen wir weiterkämpfen, gegen das Joch der Einschränkung und Bevormundung. Gleiche Rechte für alle Menschen. Mitbestimmung brauchen wir, eine freie Presse. Freiheit und Selbstbestimmung auch für uns Frauen.“

„Und den Handwerkerverein“, sagte der junge Mann. „Seitdem der verboten ist, werden wir förmlich in die Schenke getrieben, anstatt in ordentlichen Versammlungen unsere wirklichen Interessen zu wahren und in Freiheit unsere Zukunft zu schmieden.“

Mit dem Versprechen, alles ihnen Mögliche zu tun, damit das Blut der Gefallenen vom 18. März 1848 nicht umsonst geflossen war, verabschiedeten sie sich mit einem festen Händedruck. Das junge Paar ging eng umschlungen seinen Weg und Malwida kehrte getröstet und in ihren Grundsätzen gefestigt zurück in das hektische Treiben der Straßen von Berlin.



(April 1852)

Leseprobe aus:




Fotos: © Renate Hupfeld (Auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Berlin Friedrichshain fotografiert am 19. September 2013)

Auf dem Friedhof der Märzgefallenen

Auf dem Hügel vor den Toren der Stadt hörte Malwida die Geräusche der Pferdedroschken und der triumphierenden Soldaten nur ganz schwach. So ein bisschen klang es  sogar wie leises Meeresrauschen. Ganz entfernt hörte sie eine Nachtigall und über ihrem Kopf flüsterten die Blätter, als wollten sie die Stille der hier Ruhenden nicht stören. Sie setzte sich neben eines der Gräber, bewachsen mit frischgrünem Efeu und atmete tief ein. Weit entfernt erstreckte sich die preußische Hauptstadt in der weiten Ebene, über der die Sonne langsam unterging.

Hier fern jeglichen Lärms war sie allein mit den Toten. So schön ruhig hier. Nur langsam ordnete sich das Chaos in ihrer Brust. Die unachtsam hin geschleuderten Pfeile trieben immer wieder Tränen in die Augen, die sie wie einen wohltuenden Schleier empfand. Auf keinen Fall konnte sie zurück in den Schoß der Familie. Wie stellte William sich das denn vor? Weibliche Demut? Das ging nicht. Nicht mehr. Auch nicht der Mutter zuliebe. Sie ließ sich nicht mehr verbieten, ihren Verstand zu gebrauchen. Sie hatte ihre eigenen Vorstellungen. Und sie hatte ja bereits ihren Weg gefunden, heraus aus der Enge. Aber das würde William niemals verstehen, obwohl er sie doch lange genug kannte. Er dachte ja nur an sich und seine Position im Ministerium. Die demokratische Schwester war ihm peinlich. Was hatte er gesagt? Teuflischer Verführer? Irrwege? Gescheitert? Sie spürte ihr Herz klopfen. Nein! nein! Nein! Aus sich selbst heraus hatte sie ihre Überzeugungen. Nicht sie, sondern William war auf Irrwegen. Er würde scheitern, nicht sie. Wenn du etwas brauchst, Malwida. Heuchler. Diese Hilfe brauchte sie schon lange nicht mehr. Warum wollten sie das denn nicht begreifen? Sie fühlte sich zwar schwach, doch das würde vorübergehen. Niemals würde sie ihre Ideale verraten, ihre Ideen von einem freien Land mit freien selbstbestimmten Frauen mit denselben Rechten wie Männer sie haben. Selbst, wenn sie gegen Geflogenheiten und geschriebene und ungeschriebene Gesetze handelte. Sie musste auf ihre innere Stimme hören. Wie Antigone. Ja, sie konnte nicht anders handeln, auch nicht der Familie zuliebe.

Wie Antigone.

War ihr jemand gefolgt? Plötzlich kam es ihr vor, als wäre sie nicht allein. Zwei junge Menschen blickten aus einiger Entfernung zu ihr hinüber. Wie lange standen sie wohl schon da? Als sie sich entdeckt sahen, kamen sie ein paar Schritte auf sie zu. Sie stand auf und ging ihnen entgegen, die beiden kamen auch näher.

„Verzeihen Sie, wenn wir Ihre Ruhe gestört haben“, sagte der Mann. „Wir haben Sie lange angesehen, wie Sie da so traurig und gedankenvoll saßen. Sie müssen eine von uns sein.“

Die junge Frau nickte zu seinen Worten.

„Wenn die Arbeit uns mal ein Stündchen Zeit lässt, kommen wir hierher zu den Gräbern unserer toten Freunde.“

„Kannten Sie viele der jungen Menschen, die hier begraben sind?“, fragte Malwida.

„Einige aus dem Handwerkerverein und aus der Fabrik. Dort haben sie gearbeitet wie wir. Carl war erst achtzehn. Und am achtzehnten März ist er gestorben.“
„So viele sind gestorben. Auch ich war einige Male hier“, sagte Malwida.  „In Anwesenheit der Toten finde ich Trost.“
„Sie haben auch jemanden zu betrauern. Das sehe ich Ihnen doch an“, sagte die junge Frau.

„Er war nicht einmal dreißig. Sein einsames Grab ist auch auf einem Hügel vor der Stadt, doch nicht hier, sondern in Gotha. Efeu mochte er so gern, hellgrün, wie das hier auf den Gräbern der jungen Kämpfer.“

„Gestorben im Kampf für die Freiheit des Volkes. Sehen Sie, dort steht es eingemeißelt.“ Der Mann zeigte auf das einfache Denkmal.

„Das Wertvollste haben sie gegeben …“

„… und doch selbst nach vier Jahren noch nicht den verdienten Lohn errungen“, bedauerte Malwida. „Deshalb müssen wir weiterkämpfen, gegen das Joch der Einschränkung und Bevormundung. Gleiche Rechte für alle Menschen. Mitbestimmung brauchen wir, eine freie Presse. Freiheit und Selbstbestimmung auch für uns Frauen.“

„Und den Handwerkerverein“, sagte der junge Mann. „Seitdem der verboten ist, werden wir förmlich in die Schenke getrieben, anstatt in ordentlichen Versammlungen unsere wirklichen Interessen zu wahren und in Freiheit unsere Zukunft zu schmieden.“

Mit dem Versprechen, alles ihnen Mögliche zu tun, damit das Blut der Gefallenen vom 18. März 1848 nicht umsonst geflossen war, verabschiedeten sie sich mit einem festen Händedruck. Das junge Paar ging eng umschlungen seinen Weg und Malwida kehrte getröstet und in ihren Grundsätzen gefestigt zurück in das hektische Treiben der Straßen von Berlin.



(April 1852)

Leseprobe aus:

Lebensgeschichte von Theodor Althaus:  

Theodor Althaus – Revolutionär in Deutschland (KIndle)


Fotos: © Renate Hupfeld (Auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Berlin Friedrichshain fotografiert am 19. September 2013)

Auf dem Friedhof der Märzgefallenen

Auf dem Friedhof der Märzgefallenen
Auf dem Friedhof der Märzgefallenen
Auf dem Hügel vor den Toren der Stadt hörte Malwida die Geräusche der Pferdedroschken und der triumphierenden Soldaten nur ganz schwach. So ein bisschen klang es  sogar wie leises Meeresrauschen. Ganz entfernt hörte sie eine Nachtigall und über ihrem Kopf flüsterten die Blätter, als wollten sie die Stille der hier Ruhenden nicht stören. Sie setzte sich neben eines der Gräber, bewachsen mit frischgrünem Efeu und atmete tief ein. Weit entfernt erstreckte sich die preußische Hauptstadt in der weiten Ebene, über der die Sonne langsam unterging.

Hier fern jeglichen Lärms war sie allein mit den Toten. So schön ruhig hier. Nur langsam ordnete sich das Chaos in ihrer Brust. Die unachtsam hin geschleuderten Pfeile trieben immer wieder Tränen in die Augen, die sie wie einen wohltuenden Schleier empfand. Auf keinen Fall konnte sie zurück in den Schoß der Familie. Wie stellte William sich das denn vor? Weibliche Demut? Das ging nicht. Nicht mehr. Auch nicht der Mutter zuliebe. Sie ließ sich nicht mehr verbieten, ihren Verstand zu gebrauchen. Sie hatte ihre eigenen Vorstellungen. Und sie hatte ja bereits ihren Weg gefunden, heraus aus der Enge. Aber das würde William niemals verstehen, obwohl er sie doch lange genug kannte. Er dachte ja nur an sich und seine Position im Ministerium. Die demokratische Schwester war ihm peinlich. Was hatte er gesagt? Teuflischer Verführer? Irrwege? Gescheitert? Sie spürte ihr Herz klopfen. Nein! nein! Nein! Aus sich selbst heraus hatte sie ihre Überzeugungen. Nicht sie, sondern William war auf Irrwegen. Er würde scheitern, nicht sie. Wenn du etwas brauchst, Malwida. Heuchler. Diese Hilfe brauchte sie schon lange nicht mehr. Warum wollten sie das denn nicht begreifen? Sie fühlte sich zwar schwach, doch das würde vorübergehen. Niemals würde sie ihre Ideale verraten, ihre Ideen von einem freien Land mit freien selbstbestimmten Frauen mit denselben Rechten wie Männer sie haben. Selbst, wenn sie gegen Geflogenheiten und geschriebene und ungeschriebene Gesetze handelte. Sie musste auf ihre innere Stimme hören. Wie Antigone. Ja, sie konnte nicht anders handeln, auch nicht der Familie zuliebe.

Wie Antigone.

War ihr jemand gefolgt? Plötzlich kam es ihr vor, als wäre sie nicht allein. Zwei junge Menschen blickten aus einiger Entfernung zu ihr hinüber. Wie lange standen sie wohl schon da? Als sie sich entdeckt sahen, kamen sie ein paar Schritte auf sie zu. Sie stand auf und ging ihnen entgegen, die beiden kamen auch näher.

„Verzeihen Sie, wenn wir Ihre Ruhe gestört haben“, sagte der Mann. „Wir haben Sie lange angesehen, wie Sie da so traurig und gedankenvoll saßen. Sie müssen eine von uns sein.“

Die junge Frau nickte zu seinen Worten.

„Wenn die Arbeit uns mal ein Stündchen Zeit lässt, kommen wir hierher zu den Gräbern unserer toten Freunde.“

„Kannten Sie viele der jungen Menschen, die hier begraben sind?“, fragte Malwida.

„Einige aus dem Handwerkerverein und aus der Fabrik. Dort haben sie gearbeitet wie wir. Carl war erst achtzehn. Und am achtzehnten März ist er gestorben.“
„So viele sind gestorben. Auch ich war einige Male hier“, sagte Malwida.  „In Anwesenheit der Toten finde ich Trost.“
„Sie haben auch jemanden zu betrauern. Das sehe ich Ihnen doch an“, sagte die junge Frau.

„Er war nicht einmal dreißig. Sein einsames Grab ist auch auf einem Hügel vor der Stadt, doch nicht hier, sondern in Gotha. Efeu mochte er so gern, hellgrün, wie das hier auf den Gräbern der jungen Kämpfer.“

„Gestorben im Kampf für die Freiheit des Volkes. Sehen Sie, dort steht es eingemeißelt.“ Der Mann zeigte auf das einfache Denkmal.

„Das Wertvollste haben sie gegeben …“

„… und doch selbst nach vier Jahren noch nicht den verdienten Lohn errungen“, bedauerte Malwida. „Deshalb müssen wir weiterkämpfen, gegen das Joch der Einschränkung und Bevormundung. Gleiche Rechte für alle Menschen. Mitbestimmung brauchen wir, eine freie Presse. Freiheit und Selbstbestimmung auch für uns Frauen.“

„Und den Handwerkerverein“, sagte der junge Mann. „Seitdem der verboten ist, werden wir förmlich in die Schenke getrieben, anstatt in ordentlichen Versammlungen unsere wirklichen Interessen zu wahren und in Freiheit unsere Zukunft zu schmieden.“

Mit dem Versprechen, alles ihnen Mögliche zu tun, damit das Blut der Gefallenen vom 18. März 1848 nicht umsonst geflossen war, verabschiedeten sie sich mit einem festen Händedruck. Das junge Paar ging eng umschlungen seinen Weg und Malwida kehrte getröstet und in ihren Grundsätzen gefestigt zurück in das hektische Treiben der Straßen von Berlin.



(April 1852)

Leseprobe aus:




Fotos: © Renate Hupfeld (Auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Berlin Friedrichshain fotografiert am 19. September 2013)

Malwida und Theodor

Malwida und Theodor

Die Eiszeit für die Verbindung zwischen Malwida von Meysenbug und Theodor Althaus hielt an. In der Detmolder Gesellschaft gerieten die zwei Liebenden immer weiter ins Abseits. Wenn sie in der Öffentlichkeit zusammen gesehen wurden, gab es böse Anfeindungen, selbst von Menschen, die sie für ihre Freunde gehalten hatten. Das hatte zur Folge, dass beide sich weitgehend vom gesellschaftlichen Leben zurückzogen. Malwida verbrachte die Zeit schreibend und lesend in ihrem Zimmer. Zu ihrem Lesestoff gehörte eines der ersten Drucke von Theodors Schrift „Die Zukunft des Christenthums“ sowie seine Artikel in der Bremer „Weser-Zeitung“ und in literarischen Magazinen. Ihr Freund arbeitete weiter an Veröffentlichungen zu seinen Gedanken und Idealen. In seiner Studierstube im Elternhaus bereitete er außerdem eine Sammlung von Erzählungen vor, Zeitbilder unter dem Titel „Mährchen aus der Gegenwart“, in die seine Eindrücke von der Detmolder Beschaulichkeit sowie Begegnungen und Beobachtungen auf seinen einsamen Wanderungen an Weser und Rhein einflossen.

Im Juni des Jahres 1847 war für die zwei klar, dass sie Detmold verließen, jedoch nicht zusammen. Ihre Wege trennten sich. Theodor schaffte den Absprung nach Leipzig, wo er in der von Autoren und Verlegern geprägten Szenerie Gleichgesinnte fand. Mit Essays, Rezensionen, Übersetzungen und Beiträgen in Publikationen von Arnold Ruge und Robert Blum gelang es ihm, auf eigene Beine zu kommen. Malwida fuhr mit der Mutter und Schwester Laura in südliche Richtung nach Hessen. Mit der Postkutsche fuhren sie bis Hamm, von dort mit der Eisenbahn nach Köln und von dort mit dem Schiff rheinaufwärts nach Bingen und über Frankfurt nach Homburg, wo der Vater für den Sommer eine Wohnung gemietet hatte.

In dem beliebten Badeort im Taunus trafen sich nicht nur Heilungsuchende. Homburg hatte sich zu einem Ort der glanzvollen Feste und Vergnügungen entwickelt. Jedoch hofften die Eltern von Meysenbug vergeblich, die dreißigjährige Tochter in diesem Umfeld mit einem standesgemäßen Mann zusammen und unter die Haube zu bringen. Malwida blieb weiterhin ihrem Prinzip treu, das sie sich beim Sonnenaufgang in der Provence gelobt hatte. Im Übrigen sprach ihr Herz eine Sprache, die Eltern und Geschwister nicht verstanden. Treu ihrem Gelöbnis und in ihrem Schmerz über die Trennung von Theodor mied sie die Vergnügungen in den Ballsälen und suchte die Einsamkeit. In stillen Eckchen im Homburger Schlosspark verweilte sie viele Stunden an einem stillen Gewässer unter alten Bäumen, im Zwiegespräch mit ihrem Skizzenbuch und Gedichten von Friedrich Hölderlin. In den Werken des verehrten Verfassers, der in den Diotimagedichten seinen unerfüllbaren Traum bearbeitet hatte, fand sie eine Parallele zu ihrer unglücklichen Liebe. Wie Friedrich und Suzette konnten auch Theodor und sie nicht zusammenkommen, zu groß war der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit. Einzige Freude in dieser traurigen Zeit war der Briefwechsel zwischen Leipzig und Homburg.

Und es wurde noch trauriger. Ein nicht vorherzusehendes Ereignis beendete den Sommeraufenthalt im Taunus eher als geplant. Der Vater erkrankte ernsthaft und konnte seiner Familie nicht in das Sommerhaus folgen. Ernestine von Meysenbug zog mit ihren Töchtern zu ihm in die Frankfurter Wohnung. Nach aufreibenden Jahrzehnten als Staatsmann erholte sich der Achtundsechzigjährige nicht mehr. im Dezember des Jahres 1847 starb Carl Rivalier von Meysenbug.  


„1847 – Detmold und Homburg im Taunus“ aus:

Malwida und der Demokrat (Kindle)
Malwida und der Demokrat (Beam)

Malwida und Theodor

Malwida und Theodor

Die Eiszeit für die Verbindung zwischen Malwida von Meysenbug und Theodor Althaus hielt an. In der Detmolder Gesellschaft gerieten die zwei Liebenden immer weiter ins Abseits. Wenn sie in der Öffentlichkeit zusammen gesehen wurden, gab es böse Anfeindungen, selbst von Menschen, die sie für ihre Freunde gehalten hatten. Das hatte zur Folge, dass beide sich weitgehend vom gesellschaftlichen Leben zurückzogen. Malwida verbrachte die Zeit schreibend und lesend in ihrem Zimmer. Zu ihrem Lesestoff gehörte eines der ersten Drucke von Theodors Schrift „Die Zukunft des Christenthums“ sowie seine Artikel in der Bremer „Weser-Zeitung“ und in literarischen Magazinen. Ihr Freund arbeitete weiter an Veröffentlichungen zu seinen Gedanken und Idealen. In seiner Studierstube im Elternhaus bereitete er außerdem eine Sammlung von Erzählungen vor, Zeitbilder unter dem Titel „Mährchen aus der Gegenwart“, in die seine Eindrücke von der Detmolder Beschaulichkeit sowie Begegnungen und Beobachtungen auf seinen einsamen Wanderungen an Weser und Rhein einflossen.

Im Juni des Jahres 1847 war für die zwei klar, dass sie Detmold verließen, jedoch nicht zusammen. Ihre Wege trennten sich. Theodor schaffte den Absprung nach Leipzig, wo er in der von Autoren und Verlegern geprägten Szenerie Gleichgesinnte fand. Mit Essays, Rezensionen, Übersetzungen und Beiträgen in Publikationen von Arnold Ruge und Robert Blum gelang es ihm, auf eigene Beine zu kommen. Malwida fuhr mit der Mutter und Schwester Laura in südliche Richtung nach Hessen. Mit der Postkutsche fuhren sie bis Hamm, von dort mit der Eisenbahn nach Köln und von dort mit dem Schiff rheinaufwärts nach Bingen und über Frankfurt nach Homburg, wo der Vater für den Sommer eine Wohnung gemietet hatte.

In dem beliebten Badeort im Taunus trafen sich nicht nur Heilungsuchende. Homburg hatte sich zu einem Ort der glanzvollen Feste und Vergnügungen entwickelt. Jedoch hofften die Eltern von Meysenbug vergeblich, die dreißigjährige Tochter in diesem Umfeld mit einem standesgemäßen Mann zusammen und unter die Haube zu bringen. Malwida blieb weiterhin ihrem Prinzip treu, das sie sich beim Sonnenaufgang in der Provence gelobt hatte. Im Übrigen sprach ihr Herz eine Sprache, die Eltern und Geschwister nicht verstanden. Treu ihrem Gelöbnis und in ihrem Schmerz über die Trennung von Theodor mied sie die Vergnügungen in den Ballsälen und suchte die Einsamkeit. In stillen Eckchen im Homburger Schlosspark verweilte sie viele Stunden an einem stillen Gewässer unter alten Bäumen, im Zwiegespräch mit ihrem Skizzenbuch und Gedichten von Friedrich Hölderlin. In den Werken des verehrten Verfassers, der in den Diotimagedichten seinen unerfüllbaren Traum bearbeitet hatte, fand sie eine Parallele zu ihrer unglücklichen Liebe. Wie Friedrich und Suzette konnten auch Theodor und sie nicht zusammenkommen, zu groß war der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit. Einzige Freude in dieser traurigen Zeit war der Briefwechsel zwischen Leipzig und Homburg.

Und es wurde noch trauriger. Ein nicht vorherzusehendes Ereignis beendete den Sommeraufenthalt im Taunus eher als geplant. Der Vater erkrankte ernsthaft und konnte seiner Familie nicht in das Sommerhaus folgen. Ernestine von Meysenbug zog mit ihren Töchtern zu ihm in die Frankfurter Wohnung. Nach aufreibenden Jahrzehnten als Staatsmann erholte sich der Achtundsechzigjährige nicht mehr. im Dezember des Jahres 1847 starb Carl Rivalier von Meysenbug.  


„1847 – Detmold und Homburg im Taunus“ aus:

Malwida und der Demokrat (Kindle)
Malwida und der Demokrat (Beam)

1882 Parsifal in Bayreuth

1882 Parsifal in Bayreuth
1882 Parsifal in Bayreuth
1882 Parsifal in Bayreuth

Der Sommer 1882 rief mich nun wieder nach Bayreuth und zwar schon früh, um allen Proben zu Parsifal beizuwohnen, der zum ersten Mal aufgeführt werden sollte. Als ich einige Jahre früher, im Sommer 78, zu Besuch bei Wagners war, kam der Meister eines Tags aus seinem Arbeitszimmer oben im Haus zu uns herunter und sagte: „So, nun habe ich meinen zweiten Akt fertig gemacht. Das ist mir schwer geworden, so etwas schreib ich nicht wieder.“ Dann hörte ich Liszt aus dem ersten Akt spielen und drei Jahre später in Neapel, wie erwähnt, die erste Gralsscene singen. Nun war das Werk vollendet und zur Aufführung bereitet und um nichts in der Welt hätte ich versäumen mögen, dieser ersten Aufführung beizuwohnen. Schon im Jahr vorher in Neapel hatte mich Joukoffski, der ein Haus in der Nähe von de Hause Wagners gemietet hatte, aufgefordert, mich in dem Parterre, welches er nicht benutzte, einzumieten, und ich war gern darauf eingegangen, da ausser mir nur noch Stein im Hause wohnte, und dies mir also ein sehr sympathisches Trio wurde, welches die Stimmung zuliess, wie sie zur Anhörung des erhabenen Kunstwerks einzig sein musste. Wie sich nun in den Proben nach und nach diese Wunderwelt der Töne vor mir auftat, steigerte sich von Tag zu Tag meine Ergriffenheit. In der Generalprobe, wo nur wenige Eingeweihte zugelassen waren, sass ich neben Liszt, welcher die Partitur vor sich hatte; plötzlich in Ekstase ergriff er meinen Arm und sagte ganz ausser sich: „Ce n’est pas à croire à ses oreillies!“ Seine älteste Enkelin, die feurige Daniela von Bülow, die auf der anderen Seite neben mir sass, sagte, als das Liebesmahl im Gralstempel zu Ende war und die 3 Ritter sich den Bruderkuss gaben: „Ich wollte, ich hätte einen Todfeind, um ihm in diesem Moment zu vergeben.“ Da waren alles Zeugnisse der Wirkung, die von diesem Werke ausging und die sich durch das Anhören sämtlicher Aufführungen nicht abschwächte, sondern eher noch wuchs.

[…]

Auszug aus Malwida von Meysenbug, Lebensabend einer Idealistin,  März 1898, Verlag Schuster und Löffler Berlin und Leipzig 1903, Seite 206 / 207



Auf den Spuren von Richard Wagner in Bayreuth

1882 Parsifal in Bayreuth

1882 Parsifal in Bayreuth
1882 Parsifal in Bayreuth
1882 Parsifal in Bayreuth

Der Sommer 1882 rief mich nun wieder nach Bayreuth und zwar schon früh, um allen Proben zu Parsifal beizuwohnen, der zum ersten Mal aufgeführt werden sollte. Als ich einige Jahre früher, im Sommer 78, zu Besuch bei Wagners war, kam der Meister eines Tags aus seinem Arbeitszimmer oben im Haus zu uns herunter und sagte: „So, nun habe ich meinen zweiten Akt fertig gemacht. Das ist mir schwer geworden, so etwas schreib ich nicht wieder.“ Dann hörte ich Liszt aus dem ersten Akt spielen und drei Jahre später in Neapel, wie erwähnt, die erste Gralsscene singen. Nun war das Werk vollendet und zur Aufführung bereitet und um nichts in der Welt hätte ich versäumen mögen, dieser ersten Aufführung beizuwohnen. Schon im Jahr vorher in Neapel hatte mich Joukoffski, der ein Haus in der Nähe von de Hause Wagners gemietet hatte, aufgefordert, mich in dem Parterre, welches er nicht benutzte, einzumieten, und ich war gern darauf eingegangen, da ausser mir nur noch Stein im Hause wohnte, und dies mir also ein sehr sympathisches Trio wurde, welches die Stimmung zuliess, wie sie zur Anhörung des erhabenen Kunstwerks einzig sein musste. Wie sich nun in den Proben nach und nach diese Wunderwelt der Töne vor mir auftat, steigerte sich von Tag zu Tag meine Ergriffenheit. In der Generalprobe, wo nur wenige Eingeweihte zugelassen waren, sass ich neben Liszt, welcher die Partitur vor sich hatte; plötzlich in Ekstase ergriff er meinen Arm und sagte ganz ausser sich: „Ce n’est pas à croire à ses oreillies!“ Seine älteste Enkelin, die feurige Daniela von Bülow, die auf der anderen Seite neben mir sass, sagte, als das Liebesmahl im Gralstempel zu Ende war und die 3 Ritter sich den Bruderkuss gaben: „Ich wollte, ich hätte einen Todfeind, um ihm in diesem Moment zu vergeben.“ Da waren alles Zeugnisse der Wirkung, die von diesem Werke ausging und die sich durch das Anhören sämtlicher Aufführungen nicht abschwächte, sondern eher noch wuchs.

[…]

Auszug aus Malwida von Meysenbug, Lebensabend einer Idealistin,  März 1898, Verlag Schuster und Löffler Berlin und Leipzig 1903, Seite 206 / 207



Auf den Spuren von Richard Wagner in Bayreuth

1882 Parsifal in Bayreuth

Der Sommer 1882 rief mich nun wieder nach Bayreuth und zwar schon früh, um allen Proben zu Parsifal beizuwohnen, der zum ersten Mal aufgeführt werden sollte. Als ich einige Jahre früher, im Sommer 78, zu Besuch bei Wagners war, kam der Meister eines Tags aus seinem Arbeitszimmer oben im Haus zu uns herunter und sagte: „So, nun habe ich meinen zweiten Akt fertig gemacht. Das ist mir schwer geworden, so etwas schreib ich nicht wieder.“ Dann hörte ich Liszt aus dem ersten Akt spielen und drei Jahre später in Neapel, wie erwähnt, die erste Gralsscene singen. Nun war das Werk vollendet und zur Aufführung bereitet und um nichts in der Welt hätte ich versäumen mögen, dieser ersten Aufführung beizuwohnen. Schon im Jahr vorher in Neapel hatte mich Joukoffski, der ein Haus in der Nähe von de Hause Wagners gemietet hatte, aufgefordert, mich in dem Parterre, welches er nicht benutzte, einzumieten, und ich war gern darauf eingegangen, da ausser mir nur noch Stein im Hause wohnte, und dies mir also ein sehr sympathisches Trio wurde, welches die Stimmung zuliess, wie sie zur Anhörung des erhabenen Kunstwerks einzig sein musste. Wie sich nun in den Proben nach und nach diese Wunderwelt der Töne vor mir auftat, steigerte sich von Tag zu Tag meine Ergriffenheit. In der Generalprobe, wo nur wenige Eingeweihte zugelassen waren, sass ich neben Liszt, welcher die Partitur vor sich hatte; plötzlich in Ekstase ergriff er meinen Arm und sagte ganz ausser sich: „Ce n’est pas à croire à ses oreillies!“ Seine älteste Enkelin, die feurige Daniela von Bülow, die auf der anderen Seite neben mir sass, sagte, als das Liebesmahl im Gralstempel zu Ende war und die 3 Ritter sich den Bruderkuss gaben: „Ich wollte, ich hätte einen Todfeind, um ihm in diesem Moment zu vergeben.“ Da waren alles Zeugnisse der Wirkung, die von diesem Werke ausging und die sich durch das Anhören sämtlicher Aufführungen nicht abschwächte, sondern eher noch wuchs.

[…]

Auszug aus Malwida von Meysenbug, Lebensabend einer Idealistin,  März 1898, Verlag Schuster und Löffler Berlin und Leipzig 1903, Seite 206 / 207



Auf den Spuren von Richard Wagner in Bayreuth

1846 Pfingstwanderung zum Hermannsdenkmal

1846 Pfingstwanderung zum Hermannsdenkmal

1846 Pfingstwanderung zum Hermannsdenkmal
Malwida war sehr früh aufgewacht. Wie immer, wenn ein Wiedersehen mit Theodor bevorstand, war sie aufgeregt. Den ganzen Winter über hatte sie ihn nicht gesehen, nur ab und zu Briefe von ihm erhalten. Das war im vergangenen Sommer noch anders gewesen. Bei literarischen Abenden im Salon der Mutter hatte er den zweiten Teil von Goethes „Faust“ vorgetragen. Das konnte niemand so wie er. Niemand konnte die Zuhörer mit Worten so fesseln wie Theodor. Allein seine Stimme. Sie bekam nie genug davon, wenn er sprach. Doch seitdem er seine freiheitlichen Gedanken zu Religion und Gesellschaft in Magazinen und Broschüren publizierte, redete man in der lippischen Residenz über ihn. Und nichts Gutes. Vor allem in Malwidas Familie war ihre Verbindung zu ihm ein Ärgernis. Von Bruder Carl von Meysenbug und Schwager Funck von Senftenau heftig abgelehnt und für die Mutter war er längst nicht mehr der erwünschte Partner für die Tochter, den sie sich drei Jahre zuvor noch gut als Partner für die Tochter hätte vorstellen können. Verächtlich nannte man ihn nun einen Demokraten, von dem die heiratsfähige Tochter sich fernzuhalten hatte.

So hatte Malwida auch niemanden im Hause über ihr Vorhaben an diesem Pfingsttage informiert. Zusammen mit Theodor und dessen Schwester und Bruder plante sie einen Ausflug zum halb fertig gestellten Hermannsdenkmal auf die Grotenburg. Ihrer Mutter hatte sie nur gesagt, dass sie mit Freunden in der freien Natur spazieren gehe. Längst hatte Ernestine von Meysenbug es aufgegeben,  von ihrer Tochter gemeinsame Kirchgänge zu erwarten. Sie und Laura würden nicht verstehen, warum ihr diese Demonstration für das Denkmal zur Einheit des deutschen Volkes so wichtig war, gehörten sie doch zu denjenigen in der lippischen Residenz, die sich weigerten, den Erbauer Ernst von Bandel  zu unterstützen. Ein Wunder, dass der Mann überhaupt noch an dem Vorhaben weiter arbeitete. Wie lange noch? Das Geld war ausgegangen, das Bauwerk war viel teurer geworden, als vorgesehen. Und die Figur des Cheruskerfürsten Hermann? Das war die Frage. Immerhin war der Sockel fast fertig gestellt. Man hatte das Bauwerk für diesen Festtag zur Besichtigung frei gegeben.

Es war noch ruhig auf der Hornschen Straße, kein Mensch zu sehen. Theodor würde über die Leopoldstraße kommen. Doch es war noch früh. Malwida nutzte die Zeit und schlug ihr Reisebuch auf. So nannte sie das Skizzenbuch jetzt. Auch ein Jahr nach der Rückkehr aus der Provence war es noch immer ihr bester Freund. Erinnerungen an Monsieur Hugo am Place de Palmiers, die bescheidene Fischerfamilie und deren glückliches Leben, die einsam verträumte Abendstunde am Lac du Bourget und die zwei Bäume im Wind am Rande der Passstraße zum Col Bayard, ein kleiner und ein großer, nachträglich vorsichtig koloriert in warmen Grüntönen vor schneebedeckten Berggipfeln. Wie Morgenstern es sie gelehrt hatte, zum Hintergrund hin heller werdend, um Tiefenwirkung zu erzielen. Sie wusste selbst nicht, ob ihr das gelungen war, doch dieses Bild gefiel ihr von allen am besten, weil es sie daran erinnerte, was sie dem großen Weltgeist auf dem Weg zur Passhöhe gelobt hatte. Den unbequemen Weg wollte sie gehen, der zur Wahrheit führte. Wie seltsam, dass sie das Bild gerade jetzt vor sich hatte, gezeichnet am Pfingstfest vor einem Jahr. Zwei Bäume im eisigen Wind warten auf den Frühling.

Endlich war es so weit. Zusammen mit Schwester und Bruder bog ihr Apostel um die Ecke und schaute gleich hoch zu ihrem Fenster. Sie winkte hinaus und lief die Treppe hinunter. Das schwere Eichenportal schloss sie so leise wie möglich, damit niemand geweckt würde.  Theodor kam ihr schon entgegen. Sie reichte ihm die Hände und ein Blick in seine Augen sagte, er hatte sie noch lieb. In stiller Übereinkunft gingen sie entlang des Wassergrabens durch die Allee, am Palaisgarten vorbei, bis sie die Wiesen vor der Stadt erreichten. Dann durchquerten sie die Felder und wanderten zwischen jungen Birken und Kiefern, bis sie den Pfad im Wald erreichten, der hinauf führte zum Denkmal auf der Grotenburg. Elisabeth und Friedrich gingen  voraus, so dass sie nach einer Wegbiegung gar nicht mehr zu sehen waren.

Angenehm war es hier im Schatten zwischen den schlanken Buchenstämmen, umgeben vom hellen Grün der frischen Blätter. Als sich ihre Hände berührten und seine Finger sanft die ihren umschlossen, fühlte sie sich glücklich wie lange nicht mehr. Ihr Traum am Lac du Bourget war Wirklichkeit in dem Moment. Lass mich mit ihm weiter gehen, immer weiter diesen Weg, lass es nie zu Ende sein, wünschte sie insgeheim.
„Elisabeth und Friedrich sind gar nicht mehr zu sehen“, sagte er und da war der Traum auch schon wieder zu Ende geträumt. Überall wurden sie beobachtet, nie waren sie allein.

„Wir werden sie bald einholen.“

„Ist Ihre Frau Mutter wohlauf, Malwida?“

Was sollte sie ihm antworten? Die Mutter würde ihr am liebsten verbieten, ihn zu sehen. Sollte sie ihm das sagen?

„Ach, Theodor“, seufzte sie. „Mutter sorgt sich sehr um den Vater. Er zieht immer noch durch die hessischen Lande mit dem alten Kurfürsten, während sein Sohn in Kassel die Regierungsgeschäfte wahrnimmt. Er kommt nicht zur Ruhe und der Vater auch nicht. Dabei sind sie doch auch nicht mehr die Jüngsten. Die Eltern sehnen die guten Kasseler Jahre zurück.“

„Besser wird es nicht, Malwida.“

Wie sanft seine Stimme klang. Sie sah zu ihm hoch. Nein, sie konnte nicht von ihm lassen. Die blauen Augen und das klare Profil. Er war nicht nur ein schöner Mann, er war ein ganz besonderer Mann. Sie liebte ihn, dachte an die vielen Stunden in kleinen Kreisen, in denen sie sich in so vielen Gedanken einig waren. Seine Ideen waren ihre Ideen und umgekehrt.

„Wie sich auch für uns die Zeiten verändert haben.“

„Die Luft ist kalt geworden“, antwortete er und sie dachte an die zwei Bäume im eisigen Wind auf dem Weg zur Passhöhe, den großen und den kleinen.

„Seitdem man Sie aus der Ressource ausgeschlossen hat, ist es noch frostiger um uns herum.“

„Hach, der Leseverein.“ Er lachte bitter. „Dabei sollte der Saal im Rathaus doch für jedermann sein, so steht es in den Statuten. Da sehen Sie die Heuchelei, liebe Freundin. Nur Leute ohne eigene Meinung dürfen da hinein.“

„Es sei denn, sie sagen sie nicht.“ Malwida spürte Zorn aufsteigen. „Dabei haben Sie in Ihrem Artikel zum Fürstenjubiläum nur gesagt, was viele denken. Das Volksfest hatte diesen Namen nie und nimmer verdient. Das Volk war nur Staffage, wie sie es geschrieben haben. So viel Geld für ein Feuerwerk. Wie vielen Armen hätte man damit helfen können? Und das Theater verschlingt viel zu viel Geld. Sie haben nur die Wahrheit geschrieben. Frank und frei.“

„Wie können Sie so reden, Fräulein von Meysenbug? Was sagt Ihr Bruder dazu und Ihr Schwager, der Intendant? Sind die doch in herausragender Stellung am Hofe.“

Den Zynismus in seinem Ton konnte sie nur schwer ertragen. Dabei sagte er auch ihr nur, was er dachte. Sollte sie ihm erzählen, dass Bruder Carl und Schwager Funck ihn einen durch und durch unmoralischen Menschern nannten, ihr ständig Vorwürfe machten und spotteten, wie sie sich so herablassen könne und sich mit einem Demokraten einlassen? Er würde es klar ausdrücken, aber ihre Art war es nicht, fürchtete sie doch zu sehr, jemandem Unrecht zu tun. Doch wenn sie recht überlegte, taten die beiden Männer doch nicht nur Theodor Unrecht, sondern auch ihr, indem sie vorschrieben, wen sie lieben sollte oder nicht lieben durfte.

„Diese Kluft, Theodor, von der Sie geschrieben haben, zwischen denen, die in der Reitbahn stundenlang tafeln und denen, die ihr karges Mittagessen in einem Topfe kochen, die hat sich auch zwischen uns aufgetan.“

„Was soll ich dazu sagen? Ich denke an manche Abende im Salon in Ihrem Palais. Schon vor dem Artikel war ich ein Fremdkörper in Ihrem Hause.“

„Theodor“, entrüstete sie sich.

„Sie haben getan, was Sie konnten, Malwida, immer wieder die Wogen geglättet, mich beschwichtigt in Ihren Briefen. Und ich weiß warum. Weil sie mich zu sehr lieben.“

„Sehen Sie, so ist es auch. Ich war Ihnen nie gram, wenn sie so direkt die Wahrheit sprachen und damit aneckten.“

„Das weiß ich, Malwida, und weiß auch zu schätzen, dass Sie immer zu mir hielten und es weiterhin tun. Doch vor Tatsachen können wir nicht die Augen verschließen. Sie sind Aristokratin. Sie könnten in Adelskreisen eine gute Partie abgeben. Haben Sie nicht immer gerne getanzt mit den jungen Prinzen im Ballsaal des Schlosses?“

„Das ist lange her, Theodor. Machen Sie mich nicht wütend. Ich habe Ihnen doch erzählt von meiner Erkenntnis beim Sonnenaufgang über dem Meer auf der Straße von Toulouse nach Hyères. Warum glauben Sie mir denn nicht, dass mir der schwierige Weg lieber ist als der bequeme, der mich vielleicht zum Anhängsel eines Mannes von Stand macht. Ach, es ist doch schon alles schwierig genug.“

„Durch mich haben Sie Schwierigkeiten, liebe Freundin, vergessen Sie das nicht. Nur durch mich. Ohne mich sähe ihr Leben anders aus. Werden Sie denn überhaupt noch zu Gesellschaften im fürstlichen Hause eingeladen?“

„Nicht mehr so oft.“

„Das heißt, überhaupt nicht. Man redet über uns beide in dieser beschaulichen Residenz. Unsere Wanderung heute wird doch auch wieder ein böses Geschwätz geben.“

„Darüber gräme ich mich überhaupt nicht. Meinen Sie, es macht mir Freude mit Menschen zusammen zu sein, bei denen ich nicht denken darf, wovon ich überzeugt bin? Muss ich denn an Orten sein, wo ich nicht sagen darf, was ich denke? Ich bin nicht mehr so sanft und nachgiebig, wie man von mir glaubt.“

Er lachte, legte zärtlich seinen Arm um ihre Schultern und sie ihren auf seine Hüfte. So gingen sie eng umschlungen, so eng, wie möglich. Am Ende des Waldweges führte nach einer Biegung ein breiter Weg geradeaus zum Denkmal. Der Bau aus hellgelbem Sandstein leuchtete vor strahlend blauer Kulisse. Wie ein Tempel sah er aus mit den Säulen rundherum. Rechts waren Schiebekarren und Schaufeln in einem Schuppen abgestellt und auf dem Rasenplatz zu Füßen des Gebäudes hatten sich Menschen friedlich plaudernd niedergelassen. Theodors Geschwister warteten dort  schon und gemeinsam gingen sie um das mächtige Gebäude herum.

„Es ist alles schön“ sagte Theodor,  „aber so recht fehlt mir die Harmonie. Mir scheint, die einzelnen Teile passen nicht zusammen. Die glatte runde Form des unteren Teils, die gotisch anmutenden Säulen, die aber dann nicht in spitze gotische Formen münden, das Eichenlaub, Ich kriege das nicht zusammen.“

„Die Figur des Hermann fehlt ja auch noch. Dadurch wirkt das Denkmal noch unfertig, was es ja auch ist“, meinte Malwida.

Über eine schmale Wendeltreppe stiegen sie zwischen engen dunklen Mauern hinauf auf die Plattform. Dort hatten sie freie Sicht und konnten über die Ebene der Senne weit hinwegsehen. Malwida war, als könnte sie sogar fern im Westen den Rhein sehen. Sie stellte sich vor, an der Hand des geliebten Mannes in diese Richtung zu gehen, immer weiter, bis sie gefunden hätten, was sie sich mehr wünschten, als alles andere auf der Welt. Der Mann, den sie liebte, stand still an ihrer Seite und schaute ebenfalls in die Ferne, als hätte er gerade dieselben Gedanken von Freiheit und Liebe.

Als die Töne einer Kirchenglocke aus dem Tal heraufdrangen, nahm Elisabeth ihren Bruder an die Hand und bat ihn, zu den Leuten zu sprechen, die dort so andächtig standen, als würden sie darauf warten, dass jemand das tat.

„Die Menschen haben es verdient, dass in dieser festlichen Stunde jemand zu ihnen spricht, Theodor“, meinte auch Malwida.

„Und wer sollte das tun? Etwa ein Prediger ohne Anstellung?“

„Wer könnte das besser, als Sie, mein lieber Freund? Sie haben ihnen doch eine ganze Menge zu sagen. Sie warten auf eine Botschaft. Denken Sie doch an Ihr Buch.“

Damit meinte sie seine Schrift von der Zukunft des Christentums, an der er all die Wintermonate lang gearbeitet und jetzt fertig gestellt hatte.

Nach einigem Bedenken legte er seinen schwarzen Hut auf eine Bank, sodass ihm die dunklen Locken auf die Schultern fielen, und schaute einige Landmänner und Handwerker an, die in  der Nähe standen. Als die auch ihre Kopfbedeckung ablegten,  begann er seine Predigt. Er sprach vom Gott, der nicht in Tempeln wohne, sondern überall auf der Welt sein Reich habe, und vom Geist des Pfingstfestes als dem Geist der Freiheit und der Liebe und er redete von einer Welt, in der es genügend Brot für alle gebe. Zum Schluss sprach er noch einige Worte zum Denkmal und der damit verbundenen Verpflichtung zur Einigkeit der ganzen deutschen Nation.

Die Umstehenden verharrten noch eine Weile und nickten dem jungen Prediger zu, als wollten sie ihm mitteilen, dass seine Worte ihnen Hoffnung auf bessere Zeiten gegeben hatten. Ein Mann kam auf ihn zu, gab ihm die Hand und bedankte sich für die feierliche Stunde. Aus Leipzig kam er, wo er eine Buchhandlung hatte, erfuhren sie. Die Reise an die Weser hatte er gemacht, um das Grab seiner verstorbenen Frau zu besuchen und fühlte sich nun getröstet.

Malwida fühlte sich an den jungen Prediger in der Detmolder Stadtkirche erinnert, den Kandidaten der Theologie nach dem Studium. Seine erste öffentliche Predigt. Einen schwarzen Talar hatte er getragen und dunkle Locken bis auf die Schultern wie jetzt. Ganz still war es zwischen den Bänken, als er seine Gedanken und Ideen zu einem Leben in Freiheit und Liebe formulierte, so glänzend, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Damit hatte er sie von ihren zerstörerischen Zweifeln befreit und seitdem hatte er einen Platz ganz tief in ihrem Herzen.

Auf dem Heimweg ging ihr Apostel schweigend an ihrer Seite. Sie fühlte, was ihn bedrückte. Was nützte ihm der Zuspruch der Menschen, wenn diejenigen, die zu bestimmen hatten, ihm keine Möglichkeiten zur Entfaltung seiner Fähigkeiten gaben? Sein Vater hatte einmal als junger Prediger in einer lippischen Landgemeinde begonnen und war jetzt Generalsuperintendent des Fürstentums. So eine Laufbahn hätte er für Theodor auch gewünscht. Doch daran war gar nicht zu denken, zu klar seine Überzeugungen, zu ehrlich und zu offen vorgetragen, seine Vorstellungen von Erneuerungen in Kirche und Staat.

Die Geschwister waren wieder voraus gegangen. Es war schwierig ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Sie nahm seine Hand.

„Wenn es doch so einfach wäre“, seufzte er.

„Warum machen Sie es sich so schwer?“

„Malwida, habe ich den Menschen Hoffnungen gemacht, die nicht erfüllt werden können?“

„Sie haben den Menschen sehr viel gegeben, Theodor.“

„Nein, nein, etwas anderes brauchen sie.“ 

„Haben Sie denn nicht ihre Augen gesehen? Hoffnung und Zuversicht waren darin zu lesen.“

„Von Gerechtigkeit habe ich gesprochen. Gibt es die denn in diesem Lande?“

„Wir müssen Geduld haben.“

„Meine Geduld ist erschöpft, lange schon.“

Unter einer großen Kastanie im Palaisgarten blieb sie stehen. Hier hatte sie oft gesessen, auf die Stadt hinunter geschaut, gezeichnet und Gedichte geschrieben. Sollte denn dieser schöne Tag einfach davon fliegen?

„Sehen Sie doch die herrliche Natur, Theodor. Vögel zwitschern und bauen Nester.“

„Und die Menschen bauen Häuser, das wollen Sie doch sagen.“

„Immer wieder tun sie das. Sie geben die Hoffnung nicht auf.“

„Doch ist dort Gerechtigkeit? Nein. Rauchende Öfen in niedrigen Stuben und schreiende Kinder. Was nützt den Menschen die herrliche Natur, wenn sie nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überleben sollen. So ist es doch in unserem Lande. Die meisten leiden Not. Allergrößte Not. Sie wissen es doch selbst von Ihren Besuchen bei den armen Familien, Malwida. “

Ein Ausdruck von Härte war in seinen Augen.

„Das ist schon wahr. Doch es braucht Zeit, Theodor.“

„Sehen wir es doch, wie es ist. Wenigen geht es gut und die vielen anderen sind bitterarm. Dabei müssen die Armen von dem Wenigen den Reichen noch abgeben. Ist das denn gerecht? Freiheit und Liebe ist nur möglich, wenn es allen Menschen gut geht.“

Ja, das war ein weites Feld. Sie waren den Weg hinunter gegangen bis zur Hornschen Straße und erreichten das Meysenbugsche Palais.

„Wie soll das nur weiter gehen mit uns?“, sagte Malwida traurig.

Sanft nahm er ihre Arme, zog sie an sich. „Wenn es hier nur nicht so eng wäre. Ich bin mir sicher, dass tausend Augen uns jetzt in diesem Moment aus den Fenstern beobachten. Diese erbärmliche Feigheit ödet mich an.“

„Mir geht es nicht anders. Was sollen wir nur tun, Theodor?“

„Wir haben unsere Liebe. Und doch. Wir brauchen Freiheit.“

„Von der sind wir weit entfernt.“

„In dieser Enge kann Liebe nicht reifen, Malwida.“ 


aus dem E-Book Malwida und der Demokrat

auch gedruckt im Taschenbuch Wenn wir von Liebe reden

1846 Pfingstwanderung zum Hermannsdenkmal

1846 Pfingstwanderung zum Hermannsdenkmal

1846 Pfingstwanderung zum Hermannsdenkmal
Malwida war sehr früh aufgewacht. Wie immer, wenn ein Wiedersehen mit Theodor bevorstand, war sie aufgeregt. Den ganzen Winter über hatte sie ihn nicht gesehen, nur ab und zu Briefe von ihm erhalten. Das war im vergangenen Sommer noch anders gewesen. Bei literarischen Abenden im Salon der Mutter hatte er den zweiten Teil von Goethes „Faust“ vorgetragen. Das konnte niemand so wie er. Niemand konnte die Zuhörer mit Worten so fesseln wie Theodor. Allein seine Stimme. Sie bekam nie genug davon, wenn er sprach. Doch seitdem er seine freiheitlichen Gedanken zu Religion und Gesellschaft in Magazinen und Broschüren publizierte, redete man in der lippischen Residenz über ihn. Und nichts Gutes. Vor allem in Malwidas Familie war ihre Verbindung zu ihm ein Ärgernis. Von Bruder Carl von Meysenbug und Schwager Funck von Senftenau heftig abgelehnt und für die Mutter war er längst nicht mehr der erwünschte Partner für die Tochter, den sie sich drei Jahre zuvor noch gut als Partner für die Tochter hätte vorstellen können. Verächtlich nannte man ihn nun einen Demokraten, von dem die heiratsfähige Tochter sich fernzuhalten hatte.

So hatte Malwida auch niemanden im Hause über ihr Vorhaben an diesem Pfingsttage informiert. Zusammen mit Theodor und dessen Schwester und Bruder plante sie einen Ausflug zum halb fertig gestellten Hermannsdenkmal auf die Grotenburg. Ihrer Mutter hatte sie nur gesagt, dass sie mit Freunden in der freien Natur spazieren gehe. Längst hatte Ernestine von Meysenbug es aufgegeben,  von ihrer Tochter gemeinsame Kirchgänge zu erwarten. Sie und Laura würden nicht verstehen, warum ihr diese Demonstration für das Denkmal zur Einheit des deutschen Volkes so wichtig war, gehörten sie doch zu denjenigen in der lippischen Residenz, die sich weigerten, den Erbauer Ernst von Bandel  zu unterstützen. Ein Wunder, dass der Mann überhaupt noch an dem Vorhaben weiter arbeitete. Wie lange noch? Das Geld war ausgegangen, das Bauwerk war viel teurer geworden, als vorgesehen. Und die Figur des Cheruskerfürsten Hermann? Das war die Frage. Immerhin war der Sockel fast fertig gestellt. Man hatte das Bauwerk für diesen Festtag zur Besichtigung frei gegeben.

Es war noch ruhig auf der Hornschen Straße, kein Mensch zu sehen. Theodor würde über die Leopoldstraße kommen. Doch es war noch früh. Malwida nutzte die Zeit und schlug ihr Reisebuch auf. So nannte sie das Skizzenbuch jetzt. Auch ein Jahr nach der Rückkehr aus der Provence war es noch immer ihr bester Freund. Erinnerungen an Monsieur Hugo am Place de Palmiers, die bescheidene Fischerfamilie und deren glückliches Leben, die einsam verträumte Abendstunde am Lac du Bourget und die zwei Bäume im Wind am Rande der Passstraße zum Col Bayard, ein kleiner und ein großer, nachträglich vorsichtig koloriert in warmen Grüntönen vor schneebedeckten Berggipfeln. Wie Morgenstern es sie gelehrt hatte, zum Hintergrund hin heller werdend, um Tiefenwirkung zu erzielen. Sie wusste selbst nicht, ob ihr das gelungen war, doch dieses Bild gefiel ihr von allen am besten, weil es sie daran erinnerte, was sie dem großen Weltgeist auf dem Weg zur Passhöhe gelobt hatte. Den unbequemen Weg wollte sie gehen, der zur Wahrheit führte. Wie seltsam, dass sie das Bild gerade jetzt vor sich hatte, gezeichnet am Pfingstfest vor einem Jahr. Zwei Bäume im eisigen Wind warten auf den Frühling.

Endlich war es so weit. Zusammen mit Schwester und Bruder bog ihr Apostel um die Ecke und schaute gleich hoch zu ihrem Fenster. Sie winkte hinaus und lief die Treppe hinunter. Das schwere Eichenportal schloss sie so leise wie möglich, damit niemand geweckt würde.  Theodor kam ihr schon entgegen. Sie reichte ihm die Hände und ein Blick in seine Augen sagte, er hatte sie noch lieb. In stiller Übereinkunft gingen sie entlang des Wassergrabens durch die Allee, am Palaisgarten vorbei, bis sie die Wiesen vor der Stadt erreichten. Dann durchquerten sie die Felder und wanderten zwischen jungen Birken und Kiefern, bis sie den Pfad im Wald erreichten, der hinauf führte zum Denkmal auf der Grotenburg. Elisabeth und Friedrich gingen  voraus, so dass sie nach einer Wegbiegung gar nicht mehr zu sehen waren.

Angenehm war es hier im Schatten zwischen den schlanken Buchenstämmen, umgeben vom hellen Grün der frischen Blätter. Als sich ihre Hände berührten und seine Finger sanft die ihren umschlossen, fühlte sie sich glücklich wie lange nicht mehr. Ihr Traum am Lac du Bourget war Wirklichkeit in dem Moment. Lass mich mit ihm weiter gehen, immer weiter diesen Weg, lass es nie zu Ende sein, wünschte sie insgeheim.
„Elisabeth und Friedrich sind gar nicht mehr zu sehen“, sagte er und da war der Traum auch schon wieder zu Ende geträumt. Überall wurden sie beobachtet, nie waren sie allein.

„Wir werden sie bald einholen.“

„Ist Ihre Frau Mutter wohlauf, Malwida?“

Was sollte sie ihm antworten? Die Mutter würde ihr am liebsten verbieten, ihn zu sehen. Sollte sie ihm das sagen?

„Ach, Theodor“, seufzte sie. „Mutter sorgt sich sehr um den Vater. Er zieht immer noch durch die hessischen Lande mit dem alten Kurfürsten, während sein Sohn in Kassel die Regierungsgeschäfte wahrnimmt. Er kommt nicht zur Ruhe und der Vater auch nicht. Dabei sind sie doch auch nicht mehr die Jüngsten. Die Eltern sehnen die guten Kasseler Jahre zurück.“

„Besser wird es nicht, Malwida.“

Wie sanft seine Stimme klang. Sie sah zu ihm hoch. Nein, sie konnte nicht von ihm lassen. Die blauen Augen und das klare Profil. Er war nicht nur ein schöner Mann, er war ein ganz besonderer Mann. Sie liebte ihn, dachte an die vielen Stunden in kleinen Kreisen, in denen sie sich in so vielen Gedanken einig waren. Seine Ideen waren ihre Ideen und umgekehrt.

„Wie sich auch für uns die Zeiten verändert haben.“

„Die Luft ist kalt geworden“, antwortete er und sie dachte an die zwei Bäume im eisigen Wind auf dem Weg zur Passhöhe, den großen und den kleinen.

„Seitdem man Sie aus der Ressource ausgeschlossen hat, ist es noch frostiger um uns herum.“

„Hach, der Leseverein.“ Er lachte bitter. „Dabei sollte der Saal im Rathaus doch für jedermann sein, so steht es in den Statuten. Da sehen Sie die Heuchelei, liebe Freundin. Nur Leute ohne eigene Meinung dürfen da hinein.“

„Es sei denn, sie sagen sie nicht.“ Malwida spürte Zorn aufsteigen. „Dabei haben Sie in Ihrem Artikel zum Fürstenjubiläum nur gesagt, was viele denken. Das Volksfest hatte diesen Namen nie und nimmer verdient. Das Volk war nur Staffage, wie sie es geschrieben haben. So viel Geld für ein Feuerwerk. Wie vielen Armen hätte man damit helfen können? Und das Theater verschlingt viel zu viel Geld. Sie haben nur die Wahrheit geschrieben. Frank und frei.“

„Wie können Sie so reden, Fräulein von Meysenbug? Was sagt Ihr Bruder dazu und Ihr Schwager, der Intendant? Sind die doch in herausragender Stellung am Hofe.“

Den Zynismus in seinem Ton konnte sie nur schwer ertragen. Dabei sagte er auch ihr nur, was er dachte. Sollte sie ihm erzählen, dass Bruder Carl und Schwager Funck ihn einen durch und durch unmoralischen Menschern nannten, ihr ständig Vorwürfe machten und spotteten, wie sie sich so herablassen könne und sich mit einem Demokraten einlassen? Er würde es klar ausdrücken, aber ihre Art war es nicht, fürchtete sie doch zu sehr, jemandem Unrecht zu tun. Doch wenn sie recht überlegte, taten die beiden Männer doch nicht nur Theodor Unrecht, sondern auch ihr, indem sie vorschrieben, wen sie lieben sollte oder nicht lieben durfte.

„Diese Kluft, Theodor, von der Sie geschrieben haben, zwischen denen, die in der Reitbahn stundenlang tafeln und denen, die ihr karges Mittagessen in einem Topfe kochen, die hat sich auch zwischen uns aufgetan.“

„Was soll ich dazu sagen? Ich denke an manche Abende im Salon in Ihrem Palais. Schon vor dem Artikel war ich ein Fremdkörper in Ihrem Hause.“

„Theodor“, entrüstete sie sich.

„Sie haben getan, was Sie konnten, Malwida, immer wieder die Wogen geglättet, mich beschwichtigt in Ihren Briefen. Und ich weiß warum. Weil sie mich zu sehr lieben.“

„Sehen Sie, so ist es auch. Ich war Ihnen nie gram, wenn sie so direkt die Wahrheit sprachen und damit aneckten.“

„Das weiß ich, Malwida, und weiß auch zu schätzen, dass Sie immer zu mir hielten und es weiterhin tun. Doch vor Tatsachen können wir nicht die Augen verschließen. Sie sind Aristokratin. Sie könnten in Adelskreisen eine gute Partie abgeben. Haben Sie nicht immer gerne getanzt mit den jungen Prinzen im Ballsaal des Schlosses?“

„Das ist lange her, Theodor. Machen Sie mich nicht wütend. Ich habe Ihnen doch erzählt von meiner Erkenntnis beim Sonnenaufgang über dem Meer auf der Straße von Toulouse nach Hyères. Warum glauben Sie mir denn nicht, dass mir der schwierige Weg lieber ist als der bequeme, der mich vielleicht zum Anhängsel eines Mannes von Stand macht. Ach, es ist doch schon alles schwierig genug.“

„Durch mich haben Sie Schwierigkeiten, liebe Freundin, vergessen Sie das nicht. Nur durch mich. Ohne mich sähe ihr Leben anders aus. Werden Sie denn überhaupt noch zu Gesellschaften im fürstlichen Hause eingeladen?“

„Nicht mehr so oft.“

„Das heißt, überhaupt nicht. Man redet über uns beide in dieser beschaulichen Residenz. Unsere Wanderung heute wird doch auch wieder ein böses Geschwätz geben.“

„Darüber gräme ich mich überhaupt nicht. Meinen Sie, es macht mir Freude mit Menschen zusammen zu sein, bei denen ich nicht denken darf, wovon ich überzeugt bin? Muss ich denn an Orten sein, wo ich nicht sagen darf, was ich denke? Ich bin nicht mehr so sanft und nachgiebig, wie man von mir glaubt.“

Er lachte, legte zärtlich seinen Arm um ihre Schultern und sie ihren auf seine Hüfte. So gingen sie eng umschlungen, so eng, wie möglich. Am Ende des Waldweges führte nach einer Biegung ein breiter Weg geradeaus zum Denkmal. Der Bau aus hellgelbem Sandstein leuchtete vor strahlend blauer Kulisse. Wie ein Tempel sah er aus mit den Säulen rundherum. Rechts waren Schiebekarren und Schaufeln in einem Schuppen abgestellt und auf dem Rasenplatz zu Füßen des Gebäudes hatten sich Menschen friedlich plaudernd niedergelassen. Theodors Geschwister warteten dort  schon und gemeinsam gingen sie um das mächtige Gebäude herum.

„Es ist alles schön“ sagte Theodor,  „aber so recht fehlt mir die Harmonie. Mir scheint, die einzelnen Teile passen nicht zusammen. Die glatte runde Form des unteren Teils, die gotisch anmutenden Säulen, die aber dann nicht in spitze gotische Formen münden, das Eichenlaub, Ich kriege das nicht zusammen.“

„Die Figur des Hermann fehlt ja auch noch. Dadurch wirkt das Denkmal noch unfertig, was es ja auch ist“, meinte Malwida.

Über eine schmale Wendeltreppe stiegen sie zwischen engen dunklen Mauern hinauf auf die Plattform. Dort hatten sie freie Sicht und konnten über die Ebene der Senne weit hinwegsehen. Malwida war, als könnte sie sogar fern im Westen den Rhein sehen. Sie stellte sich vor, an der Hand des geliebten Mannes in diese Richtung zu gehen, immer weiter, bis sie gefunden hätten, was sie sich mehr wünschten, als alles andere auf der Welt. Der Mann, den sie liebte, stand still an ihrer Seite und schaute ebenfalls in die Ferne, als hätte er gerade dieselben Gedanken von Freiheit und Liebe.

Als die Töne einer Kirchenglocke aus dem Tal heraufdrangen, nahm Elisabeth ihren Bruder an die Hand und bat ihn, zu den Leuten zu sprechen, die dort so andächtig standen, als würden sie darauf warten, dass jemand das tat.

„Die Menschen haben es verdient, dass in dieser festlichen Stunde jemand zu ihnen spricht, Theodor“, meinte auch Malwida.

„Und wer sollte das tun? Etwa ein Prediger ohne Anstellung?“

„Wer könnte das besser, als Sie, mein lieber Freund? Sie haben ihnen doch eine ganze Menge zu sagen. Sie warten auf eine Botschaft. Denken Sie doch an Ihr Buch.“

Damit meinte sie seine Schrift von der Zukunft des Christentums, an der er all die Wintermonate lang gearbeitet und jetzt fertig gestellt hatte.

Nach einigem Bedenken legte er seinen schwarzen Hut auf eine Bank, sodass ihm die dunklen Locken auf die Schultern fielen, und schaute einige Landmänner und Handwerker an, die in  der Nähe standen. Als die auch ihre Kopfbedeckung ablegten,  begann er seine Predigt. Er sprach vom Gott, der nicht in Tempeln wohne, sondern überall auf der Welt sein Reich habe, und vom Geist des Pfingstfestes als dem Geist der Freiheit und der Liebe und er redete von einer Welt, in der es genügend Brot für alle gebe. Zum Schluss sprach er noch einige Worte zum Denkmal und der damit verbundenen Verpflichtung zur Einigkeit der ganzen deutschen Nation.

Die Umstehenden verharrten noch eine Weile und nickten dem jungen Prediger zu, als wollten sie ihm mitteilen, dass seine Worte ihnen Hoffnung auf bessere Zeiten gegeben hatten. Ein Mann kam auf ihn zu, gab ihm die Hand und bedankte sich für die feierliche Stunde. Aus Leipzig kam er, wo er eine Buchhandlung hatte, erfuhren sie. Die Reise an die Weser hatte er gemacht, um das Grab seiner verstorbenen Frau zu besuchen und fühlte sich nun getröstet.

Malwida fühlte sich an den jungen Prediger in der Detmolder Stadtkirche erinnert, den Kandidaten der Theologie nach dem Studium. Seine erste öffentliche Predigt. Einen schwarzen Talar hatte er getragen und dunkle Locken bis auf die Schultern wie jetzt. Ganz still war es zwischen den Bänken, als er seine Gedanken und Ideen zu einem Leben in Freiheit und Liebe formulierte, so glänzend, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Damit hatte er sie von ihren zerstörerischen Zweifeln befreit und seitdem hatte er einen Platz ganz tief in ihrem Herzen.

Auf dem Heimweg ging ihr Apostel schweigend an ihrer Seite. Sie fühlte, was ihn bedrückte. Was nützte ihm der Zuspruch der Menschen, wenn diejenigen, die zu bestimmen hatten, ihm keine Möglichkeiten zur Entfaltung seiner Fähigkeiten gaben? Sein Vater hatte einmal als junger Prediger in einer lippischen Landgemeinde begonnen und war jetzt Generalsuperintendent des Fürstentums. So eine Laufbahn hätte er für Theodor auch gewünscht. Doch daran war gar nicht zu denken, zu klar seine Überzeugungen, zu ehrlich und zu offen vorgetragen, seine Vorstellungen von Erneuerungen in Kirche und Staat.

Die Geschwister waren wieder voraus gegangen. Es war schwierig ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Sie nahm seine Hand.

„Wenn es doch so einfach wäre“, seufzte er.

„Warum machen Sie es sich so schwer?“

„Malwida, habe ich den Menschen Hoffnungen gemacht, die nicht erfüllt werden können?“

„Sie haben den Menschen sehr viel gegeben, Theodor.“

„Nein, nein, etwas anderes brauchen sie.“ 

„Haben Sie denn nicht ihre Augen gesehen? Hoffnung und Zuversicht waren darin zu lesen.“

„Von Gerechtigkeit habe ich gesprochen. Gibt es die denn in diesem Lande?“

„Wir müssen Geduld haben.“

„Meine Geduld ist erschöpft, lange schon.“

Unter einer großen Kastanie im Palaisgarten blieb sie stehen. Hier hatte sie oft gesessen, auf die Stadt hinunter geschaut, gezeichnet und Gedichte geschrieben. Sollte denn dieser schöne Tag einfach davon fliegen?

„Sehen Sie doch die herrliche Natur, Theodor. Vögel zwitschern und bauen Nester.“

„Und die Menschen bauen Häuser, das wollen Sie doch sagen.“

„Immer wieder tun sie das. Sie geben die Hoffnung nicht auf.“

„Doch ist dort Gerechtigkeit? Nein. Rauchende Öfen in niedrigen Stuben und schreiende Kinder. Was nützt den Menschen die herrliche Natur, wenn sie nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überleben sollen. So ist es doch in unserem Lande. Die meisten leiden Not. Allergrößte Not. Sie wissen es doch selbst von Ihren Besuchen bei den armen Familien, Malwida. “

Ein Ausdruck von Härte war in seinen Augen.

„Das ist schon wahr. Doch es braucht Zeit, Theodor.“

„Sehen wir es doch, wie es ist. Wenigen geht es gut und die vielen anderen sind bitterarm. Dabei müssen die Armen von dem Wenigen den Reichen noch abgeben. Ist das denn gerecht? Freiheit und Liebe ist nur möglich, wenn es allen Menschen gut geht.“

Ja, das war ein weites Feld. Sie waren den Weg hinunter gegangen bis zur Hornschen Straße und erreichten das Meysenbugsche Palais.

„Wie soll das nur weiter gehen mit uns?“, sagte Malwida traurig.

Sanft nahm er ihre Arme, zog sie an sich. „Wenn es hier nur nicht so eng wäre. Ich bin mir sicher, dass tausend Augen uns jetzt in diesem Moment aus den Fenstern beobachten. Diese erbärmliche Feigheit ödet mich an.“

„Mir geht es nicht anders. Was sollen wir nur tun, Theodor?“

„Wir haben unsere Liebe. Und doch. Wir brauchen Freiheit.“

„Von der sind wir weit entfernt.“

„In dieser Enge kann Liebe nicht reifen, Malwida.“ 


aus dem E-Book Malwida und der Demokrat

auch gedruckt im Taschenbuch Wenn wir von Liebe reden

1846 Pfingstwanderung zum Hermannsdenkmal

1846 Pfingstwanderung zum Hermannsdenkmal

1846 Pfingstwanderung zum Hermannsdenkmal
Malwida war sehr früh aufgewacht. Wie immer, wenn ein Wiedersehen mit Theodor bevorstand, war sie aufgeregt. Den ganzen Winter über hatte sie ihn nicht gesehen, nur ab und zu Briefe von ihm erhalten. Das war im vergangenen Sommer noch anders gewesen. Bei literarischen Abenden im Salon der Mutter hatte er den zweiten Teil von Goethes „Faust“ vorgetragen. Das konnte niemand so wie er. Niemand konnte die Zuhörer mit Worten so fesseln wie Theodor. Allein seine Stimme. Sie bekam nie genug davon, wenn er sprach. Doch seitdem er seine freiheitlichen Gedanken zu Religion und Gesellschaft in Magazinen und Broschüren publizierte, redete man in der lippischen Residenz über ihn. Und nichts Gutes. Vor allem in Malwidas Familie war ihre Verbindung zu ihm ein Ärgernis. Von Bruder Carl von Meysenbug und Schwager Funck von Senftenau heftig abgelehnt und für die Mutter war er längst nicht mehr der erwünschte Partner für die Tochter, den sie sich drei Jahre zuvor noch gut als Partner für die Tochter hätte vorstellen können. Verächtlich nannte man ihn nun einen Demokraten, von dem die heiratsfähige Tochter sich fernzuhalten hatte.

So hatte Malwida auch niemanden im Hause über ihr Vorhaben an diesem Pfingsttage informiert. Zusammen mit Theodor und dessen Schwester und Bruder plante sie einen Ausflug zum halb fertig gestellten Hermannsdenkmal auf die Grotenburg. Ihrer Mutter hatte sie nur gesagt, dass sie mit Freunden in der freien Natur spazieren gehe. Längst hatte Ernestine von Meysenbug es aufgegeben,  von ihrer Tochter gemeinsame Kirchgänge zu erwarten. Sie und Laura würden nicht verstehen, warum ihr diese Demonstration für das Denkmal zur Einheit des deutschen Volkes so wichtig war, gehörten sie doch zu denjenigen in der lippischen Residenz, die sich weigerten, den Erbauer Ernst von Bandel  zu unterstützen. Ein Wunder, dass der Mann überhaupt noch an dem Vorhaben weiter arbeitete. Wie lange noch? Das Geld war ausgegangen, das Bauwerk war viel teurer geworden, als vorgesehen. Und die Figur des Cheruskerfürsten Hermann? Das war die Frage. Immerhin war der Sockel fast fertig gestellt. Man hatte das Bauwerk für diesen Festtag zur Besichtigung frei gegeben.

Es war noch ruhig auf der Hornschen Straße, kein Mensch zu sehen. Theodor würde über die Leopoldstraße kommen. Doch es war noch früh. Malwida nutzte die Zeit und schlug ihr Reisebuch auf. So nannte sie das Skizzenbuch jetzt. Auch ein Jahr nach der Rückkehr aus der Provence war es noch immer ihr bester Freund. Erinnerungen an Monsieur Hugo am Place de Palmiers, die bescheidene Fischerfamilie und deren glückliches Leben, die einsam verträumte Abendstunde am Lac du Bourget und die zwei Bäume im Wind am Rande der Passstraße zum Col Bayard, ein kleiner und ein großer, nachträglich vorsichtig koloriert in warmen Grüntönen vor schneebedeckten Berggipfeln. Wie Morgenstern es sie gelehrt hatte, zum Hintergrund hin heller werdend, um Tiefenwirkung zu erzielen. Sie wusste selbst nicht, ob ihr das gelungen war, doch dieses Bild gefiel ihr von allen am besten, weil es sie daran erinnerte, was sie dem großen Weltgeist auf dem Weg zur Passhöhe gelobt hatte. Den unbequemen Weg wollte sie gehen, der zur Wahrheit führte. Wie seltsam, dass sie das Bild gerade jetzt vor sich hatte, gezeichnet am Pfingstfest vor einem Jahr. Zwei Bäume im eisigen Wind warten auf den Frühling.

Endlich war es so weit. Zusammen mit Schwester und Bruder bog ihr Apostel um die Ecke und schaute gleich hoch zu ihrem Fenster. Sie winkte hinaus und lief die Treppe hinunter. Das schwere Eichenportal schloss sie so leise wie möglich, damit niemand geweckt würde.  Theodor kam ihr schon entgegen. Sie reichte ihm die Hände und ein Blick in seine Augen sagte, er hatte sie noch lieb. In stiller Übereinkunft gingen sie entlang des Wassergrabens durch die Allee, am Palaisgarten vorbei, bis sie die Wiesen vor der Stadt erreichten. Dann durchquerten sie die Felder und wanderten zwischen jungen Birken und Kiefern, bis sie den Pfad im Wald erreichten, der hinauf führte zum Denkmal auf der Grotenburg. Elisabeth und Friedrich gingen  voraus, so dass sie nach einer Wegbiegung gar nicht mehr zu sehen waren.

Angenehm war es hier im Schatten zwischen den schlanken Buchenstämmen, umgeben vom hellen Grün der frischen Blätter. Als sich ihre Hände berührten und seine Finger sanft die ihren umschlossen, fühlte sie sich glücklich wie lange nicht mehr. Ihr Traum am Lac du Bourget war Wirklichkeit in dem Moment. Lass mich mit ihm weiter gehen, immer weiter diesen Weg, lass es nie zu Ende sein, wünschte sie insgeheim.
„Elisabeth und Friedrich sind gar nicht mehr zu sehen“, sagte er und da war der Traum auch schon wieder zu Ende geträumt. Überall wurden sie beobachtet, nie waren sie allein.

„Wir werden sie bald einholen.“

„Ist Ihre Frau Mutter wohlauf, Malwida?“

Was sollte sie ihm antworten? Die Mutter würde ihr am liebsten verbieten, ihn zu sehen. Sollte sie ihm das sagen?

„Ach, Theodor“, seufzte sie. „Mutter sorgt sich sehr um den Vater. Er zieht immer noch durch die hessischen Lande mit dem alten Kurfürsten, während sein Sohn in Kassel die Regierungsgeschäfte wahrnimmt. Er kommt nicht zur Ruhe und der Vater auch nicht. Dabei sind sie doch auch nicht mehr die Jüngsten. Die Eltern sehnen die guten Kasseler Jahre zurück.“

„Besser wird es nicht, Malwida.“

Wie sanft seine Stimme klang. Sie sah zu ihm hoch. Nein, sie konnte nicht von ihm lassen. Die blauen Augen und das klare Profil. Er war nicht nur ein schöner Mann, er war ein ganz besonderer Mann. Sie liebte ihn, dachte an die vielen Stunden in kleinen Kreisen, in denen sie sich in so vielen Gedanken einig waren. Seine Ideen waren ihre Ideen und umgekehrt.

„Wie sich auch für uns die Zeiten verändert haben.“

„Die Luft ist kalt geworden“, antwortete er und sie dachte an die zwei Bäume im eisigen Wind auf dem Weg zur Passhöhe, den großen und den kleinen.

„Seitdem man Sie aus der Ressource ausgeschlossen hat, ist es noch frostiger um uns herum.“

„Hach, der Leseverein.“ Er lachte bitter. „Dabei sollte der Saal im Rathaus doch für jedermann sein, so steht es in den Statuten. Da sehen Sie die Heuchelei, liebe Freundin. Nur Leute ohne eigene Meinung dürfen da hinein.“

„Es sei denn, sie sagen sie nicht.“ Malwida spürte Zorn aufsteigen. „Dabei haben Sie in Ihrem Artikel zum Fürstenjubiläum nur gesagt, was viele denken. Das Volksfest hatte diesen Namen nie und nimmer verdient. Das Volk war nur Staffage, wie sie es geschrieben haben. So viel Geld für ein Feuerwerk. Wie vielen Armen hätte man damit helfen können? Und das Theater verschlingt viel zu viel Geld. Sie haben nur die Wahrheit geschrieben. Frank und frei.“

„Wie können Sie so reden, Fräulein von Meysenbug? Was sagt Ihr Bruder dazu und Ihr Schwager, der Intendant? Sind die doch in herausragender Stellung am Hofe.“

Den Zynismus in seinem Ton konnte sie nur schwer ertragen. Dabei sagte er auch ihr nur, was er dachte. Sollte sie ihm erzählen, dass Bruder Carl und Schwager Funck ihn einen durch und durch unmoralischen Menschern nannten, ihr ständig Vorwürfe machten und spotteten, wie sie sich so herablassen könne und sich mit einem Demokraten einlassen? Er würde es klar ausdrücken, aber ihre Art war es nicht, fürchtete sie doch zu sehr, jemandem Unrecht zu tun. Doch wenn sie recht überlegte, taten die beiden Männer doch nicht nur Theodor Unrecht, sondern auch ihr, indem sie vorschrieben, wen sie lieben sollte oder nicht lieben durfte.

„Diese Kluft, Theodor, von der Sie geschrieben haben, zwischen denen, die in der Reitbahn stundenlang tafeln und denen, die ihr karges Mittagessen in einem Topfe kochen, die hat sich auch zwischen uns aufgetan.“

„Was soll ich dazu sagen? Ich denke an manche Abende im Salon in Ihrem Palais. Schon vor dem Artikel war ich ein Fremdkörper in Ihrem Hause.“

„Theodor“, entrüstete sie sich.

„Sie haben getan, was Sie konnten, Malwida, immer wieder die Wogen geglättet, mich beschwichtigt in Ihren Briefen. Und ich weiß warum. Weil sie mich zu sehr lieben.“

„Sehen Sie, so ist es auch. Ich war Ihnen nie gram, wenn sie so direkt die Wahrheit sprachen und damit aneckten.“

„Das weiß ich, Malwida, und weiß auch zu schätzen, dass Sie immer zu mir hielten und es weiterhin tun. Doch vor Tatsachen können wir nicht die Augen verschließen. Sie sind Aristokratin. Sie könnten in Adelskreisen eine gute Partie abgeben. Haben Sie nicht immer gerne getanzt mit den jungen Prinzen im Ballsaal des Schlosses?“

„Das ist lange her, Theodor. Machen Sie mich nicht wütend. Ich habe Ihnen doch erzählt von meiner Erkenntnis beim Sonnenaufgang über dem Meer auf der Straße von Toulouse nach Hyères. Warum glauben Sie mir denn nicht, dass mir der schwierige Weg lieber ist als der bequeme, der mich vielleicht zum Anhängsel eines Mannes von Stand macht. Ach, es ist doch schon alles schwierig genug.“

„Durch mich haben Sie Schwierigkeiten, liebe Freundin, vergessen Sie das nicht. Nur durch mich. Ohne mich sähe ihr Leben anders aus. Werden Sie denn überhaupt noch zu Gesellschaften im fürstlichen Hause eingeladen?“

„Nicht mehr so oft.“

„Das heißt, überhaupt nicht. Man redet über uns beide in dieser beschaulichen Residenz. Unsere Wanderung heute wird doch auch wieder ein böses Geschwätz geben.“

„Darüber gräme ich mich überhaupt nicht. Meinen Sie, es macht mir Freude mit Menschen zusammen zu sein, bei denen ich nicht denken darf, wovon ich überzeugt bin? Muss ich denn an Orten sein, wo ich nicht sagen darf, was ich denke? Ich bin nicht mehr so sanft und nachgiebig, wie man von mir glaubt.“

Er lachte, legte zärtlich seinen Arm um ihre Schultern und sie ihren auf seine Hüfte. So gingen sie eng umschlungen, so eng, wie möglich. Am Ende des Waldweges führte nach einer Biegung ein breiter Weg geradeaus zum Denkmal. Der Bau aus hellgelbem Sandstein leuchtete vor strahlend blauer Kulisse. Wie ein Tempel sah er aus mit den Säulen rundherum. Rechts waren Schiebekarren und Schaufeln in einem Schuppen abgestellt und auf dem Rasenplatz zu Füßen des Gebäudes hatten sich Menschen friedlich plaudernd niedergelassen. Theodors Geschwister warteten dort  schon und gemeinsam gingen sie um das mächtige Gebäude herum.

„Es ist alles schön“ sagte Theodor,  „aber so recht fehlt mir die Harmonie. Mir scheint, die einzelnen Teile passen nicht zusammen. Die glatte runde Form des unteren Teils, die gotisch anmutenden Säulen, die aber dann nicht in spitze gotische Formen münden, das Eichenlaub, Ich kriege das nicht zusammen.“

„Die Figur des Hermann fehlt ja auch noch. Dadurch wirkt das Denkmal noch unfertig, was es ja auch ist“, meinte Malwida.

Über eine schmale Wendeltreppe stiegen sie zwischen engen dunklen Mauern hinauf auf die Plattform. Dort hatten sie freie Sicht und konnten über die Ebene der Senne weit hinwegsehen. Malwida war, als könnte sie sogar fern im Westen den Rhein sehen. Sie stellte sich vor, an der Hand des geliebten Mannes in diese Richtung zu gehen, immer weiter, bis sie gefunden hätten, was sie sich mehr wünschten, als alles andere auf der Welt. Der Mann, den sie liebte, stand still an ihrer Seite und schaute ebenfalls in die Ferne, als hätte er gerade dieselben Gedanken von Freiheit und Liebe.

Als die Töne einer Kirchenglocke aus dem Tal heraufdrangen, nahm Elisabeth ihren Bruder an die Hand und bat ihn, zu den Leuten zu sprechen, die dort so andächtig standen, als würden sie darauf warten, dass jemand das tat.

„Die Menschen haben es verdient, dass in dieser festlichen Stunde jemand zu ihnen spricht, Theodor“, meinte auch Malwida.

„Und wer sollte das tun? Etwa ein Prediger ohne Anstellung?“

„Wer könnte das besser, als Sie, mein lieber Freund? Sie haben ihnen doch eine ganze Menge zu sagen. Sie warten auf eine Botschaft. Denken Sie doch an Ihr Buch.“

Damit meinte sie seine Schrift von der Zukunft des Christentums, an der er all die Wintermonate lang gearbeitet und jetzt fertig gestellt hatte.

Nach einigem Bedenken legte er seinen schwarzen Hut auf eine Bank, sodass ihm die dunklen Locken auf die Schultern fielen, und schaute einige Landmänner und Handwerker an, die in  der Nähe standen. Als die auch ihre Kopfbedeckung ablegten,  begann er seine Predigt. Er sprach vom Gott, der nicht in Tempeln wohne, sondern überall auf der Welt sein Reich habe, und vom Geist des Pfingstfestes als dem Geist der Freiheit und der Liebe und er redete von einer Welt, in der es genügend Brot für alle gebe. Zum Schluss sprach er noch einige Worte zum Denkmal und der damit verbundenen Verpflichtung zur Einigkeit der ganzen deutschen Nation.

Die Umstehenden verharrten noch eine Weile und nickten dem jungen Prediger zu, als wollten sie ihm mitteilen, dass seine Worte ihnen Hoffnung auf bessere Zeiten gegeben hatten. Ein Mann kam auf ihn zu, gab ihm die Hand und bedankte sich für die feierliche Stunde. Aus Leipzig kam er, wo er eine Buchhandlung hatte, erfuhren sie. Die Reise an die Weser hatte er gemacht, um das Grab seiner verstorbenen Frau zu besuchen und fühlte sich nun getröstet.

Malwida fühlte sich an den jungen Prediger in der Detmolder Stadtkirche erinnert, den Kandidaten der Theologie nach dem Studium. Seine erste öffentliche Predigt. Einen schwarzen Talar hatte er getragen und dunkle Locken bis auf die Schultern wie jetzt. Ganz still war es zwischen den Bänken, als er seine Gedanken und Ideen zu einem Leben in Freiheit und Liebe formulierte, so glänzend, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Damit hatte er sie von ihren zerstörerischen Zweifeln befreit und seitdem hatte er einen Platz ganz tief in ihrem Herzen.

Auf dem Heimweg ging ihr Apostel schweigend an ihrer Seite. Sie fühlte, was ihn bedrückte. Was nützte ihm der Zuspruch der Menschen, wenn diejenigen, die zu bestimmen hatten, ihm keine Möglichkeiten zur Entfaltung seiner Fähigkeiten gaben? Sein Vater hatte einmal als junger Prediger in einer lippischen Landgemeinde begonnen und war jetzt Generalsuperintendent des Fürstentums. So eine Laufbahn hätte er für Theodor auch gewünscht. Doch daran war gar nicht zu denken, zu klar seine Überzeugungen, zu ehrlich und zu offen vorgetragen, seine Vorstellungen von Erneuerungen in Kirche und Staat.

Die Geschwister waren wieder voraus gegangen. Es war schwierig ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Sie nahm seine Hand.

„Wenn es doch so einfach wäre“, seufzte er.

„Warum machen Sie es sich so schwer?“

„Malwida, habe ich den Menschen Hoffnungen gemacht, die nicht erfüllt werden können?“

„Sie haben den Menschen sehr viel gegeben, Theodor.“

„Nein, nein, etwas anderes brauchen sie.“ 

„Haben Sie denn nicht ihre Augen gesehen? Hoffnung und Zuversicht waren darin zu lesen.“

„Von Gerechtigkeit habe ich gesprochen. Gibt es die denn in diesem Lande?“

„Wir müssen Geduld haben.“

„Meine Geduld ist erschöpft, lange schon.“

Unter einer großen Kastanie im Palaisgarten blieb sie stehen. Hier hatte sie oft gesessen, auf die Stadt hinunter geschaut, gezeichnet und Gedichte geschrieben. Sollte denn dieser schöne Tag einfach davon fliegen?

„Sehen Sie doch die herrliche Natur, Theodor. Vögel zwitschern und bauen Nester.“

„Und die Menschen bauen Häuser, das wollen Sie doch sagen.“

„Immer wieder tun sie das. Sie geben die Hoffnung nicht auf.“

„Doch ist dort Gerechtigkeit? Nein. Rauchende Öfen in niedrigen Stuben und schreiende Kinder. Was nützt den Menschen die herrliche Natur, wenn sie nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überleben sollen. So ist es doch in unserem Lande. Die meisten leiden Not. Allergrößte Not. Sie wissen es doch selbst von Ihren Besuchen bei den armen Familien, Malwida. “

Ein Ausdruck von Härte war in seinen Augen.

„Das ist schon wahr. Doch es braucht Zeit, Theodor.“

„Sehen wir es doch, wie es ist. Wenigen geht es gut und die vielen anderen sind bitterarm. Dabei müssen die Armen von dem Wenigen den Reichen noch abgeben. Ist das denn gerecht? Freiheit und Liebe ist nur möglich, wenn es allen Menschen gut geht.“

Ja, das war ein weites Feld. Sie waren den Weg hinunter gegangen bis zur Hornschen Straße und erreichten das Meysenbugsche Palais.

„Wie soll das nur weiter gehen mit uns?“, sagte Malwida traurig.

Sanft nahm er ihre Arme, zog sie an sich. „Wenn es hier nur nicht so eng wäre. Ich bin mir sicher, dass tausend Augen uns jetzt in diesem Moment aus den Fenstern beobachten. Diese erbärmliche Feigheit ödet mich an.“

„Mir geht es nicht anders. Was sollen wir nur tun, Theodor?“

„Wir haben unsere Liebe. Und doch. Wir brauchen Freiheit.“

„Von der sind wir weit entfernt.“

„In dieser Enge kann Liebe nicht reifen, Malwida.“ 


aus dem E-Book Malwida und der Demokrat

auch gedruckt im Taschenbuch Wenn wir von Liebe reden

1845 Ausflug zum Burgberg

1845 Ausflug zum Burgberg
Zeichnung: Entrée d’Hyères aus: Promenade Pittoresque a Hyères ou notice statisitque sur cette Ville, ses environs et les Iles, par M. Alphonse Denis, Maire de la ville d’Hyères et Deputé du Var, 1841


Die beiden Frauen schlenderten durch die Gassen der Altstadt, vorbei an dem mächtigen runden Turm, überquerten den Marktplatz und gingen hinaus aus der Stadt, wo der Weg auf den Burgberg führte. Mit großen Steinen war er gepflastert und sehr holprig. Als sie eine Weile steil bergauf gegangen waren, blieb Pauline stehen.„Puh, ist das anstrengend“, hechelte sie, „fühle mal mein Herz.“ Sie nahm Malwidas Hand und drückte sie an ihre Brust.
„Es pocht heftig, meine Kleine. Du brauchst eine Pause. Doch die paar Meter bis zu unserer Nische schaffst du noch“, ermunterte die Ältere und zog ihre Freundin hinter sich her, bis sie die Klostermauer erreicht hatten, wo sie sich im Schatten der bogenförmigen Mauernische ausruhen konnten.
„Wie schön es hier wieder ist und so still, als sei nichts geschehen“, sagte Pauline. „Kaum vorstellbar, dass hier noch vor einer Woche ein Derwisch an der Pinie gezerrt hat, weißt du noch?“

„Sicher. Der Mistral gehört zu dieser Gegend wie Felsen, Sand und Meer. Ich hatte auch Angst um den zierlichen Baum. Deshalb habe ich ihn schnell gemalt.“

Sie holte ihr Skizzenbuch hervor und blätterte darin, bis sie die Zeichnung gefunden hatte. „Hier siehst du das stürmische Intermezzo. Gut, dass es Papier und Bleistift gibt.“ Sie blätterte weiter. „Und das da bist du, Pauline. Wie dir der Sturm den Rock über den Kopf fegt.“

Sie lachten.

„Und das bist du auch“, fuhr Malwida fort, „am Bachufer sammelst du Pflanzen.“

„Für mein Herbarium. Da hast du mich heimlich gemalt, du kleine liebe Freundin. Du, jetzt juckt es mich in den Fingern. Lass uns auf Motivsuche gehen“, schlug Pauline vor.

„Einverstanden“

Sie wanderten hoch bis zum alten Gemäuer der Burganlage von wo sie in der südlichen Richtung das Meer mit den Inseln sahen und nach Osten hin endlos scheinende Bergketten.

Was hältst du von diesem Blickwinkel?“, fragte Malwida und zeigte auf die weite Ebene mit einem von Zypressen und Laubbäumen gesäumten Flusslauf, einer Kirche zwischen vereinzelten Häusern, idyllisch eingebettet vor der Kulisse des Massivs.

„Ausgezeichnet“, bestätigte die Freundin.

Auf einer Mauer ließen sie sich nieder und packten ihre Zeichensachen aus. Malwida hatte  eine Idee. Sie legte ihr Skizzenbuch der Freundin in den Schoß.

 „Heute machen wir es einmal ganz anders. Du zeichnest in mein Buch und ich in deines. Dann hat jede eine schöne Erinnerung an diesen Tag und all die gemeinsamen Tage vorher.“
Den Vorschlag fand Pauline ausgezeichnet und so zauberte jede Strich für Strich mit spitzem Bleistift das unbeschreibliche Panorama in das Buch der anderen.
‚Erinnerung an gemeinsam verbrachte Stunden in Freiheit und Liebe’, schrieb Malwida unter das ihrer Weggefährtin gewidmete Bild.

Auch Pauline schrieb eine Widmung unter ihr Werk:

‚Dort erhebt sich niemals Lärm….

Seinen Traum kann man träumen,

bis er endet

und ihn dann von vorne beginnen,

4. Mai 1845, P.’

Jede sah sich noch einmal die gesamte Bildersammlung der anderen an und ließ die provençalische Winterreise an sich vorbeiziehen. Dann tauschten sie die Bücher zurück und blieben schweigend nebeneinander sitzen, bis die Sonne sich schon zur Felsspitze hinuntersenkte.

„Kann eine Landschaft schöner sein? Berge, Täler und herrliche Gärten bis zum Meer. Ich kann mich gar nicht satt sehen“, begann Malwida.

„Die Sonne geht im Meer auf und in den Bergen unter. Das fällt mir jetzt erst auf. Traumhaft schön ist es hier oben, ich könnte ewig so sitzen bleiben“, schwärmte auch die Jüngere.

„Das Zusammenspiel von Formen, Farben und Licht, gerade zu dieser Stunde der tief stehenden Sonne. Genauso wie mein Lehrer es beschrieb“, erinnerte sich Malwida. „Jetzt erst verstehe ich, was Carl Morgenstern damit gemeint hat, das Schweben in der einzigartigen Landschaft, als wären wir selbst ein Teil davon. Wäre er doch jetzt hier! “

„Schweben in der Landschaft. Das hört sich gut an. Er muss ein faszinierender Lehrer sein. Du hast eine Menge von ihm gelernt.“

„Stimmt. Einige seiner Gemälde haben mich so gefesselt, dass ich sie unter seiner Anleitung nachgemalt habe. Terraccina zum Beispiel, mein Lieblingsbild von ihm.“

„War Carl Morgenstern auch hier in Südfrankreich zum Malen?“

„In Italien war er, aber die Landschaften auf seinen Bildern sind dieser hier sehr ähnlich. Felsen, Meer und Weite, Kompositionen in Orange- und Violetttönen, wie es sie in unseren nördlichen Gegenden gar nicht gibt.“

„War er nur dein Lehrer oder hat er dir mehr bedeutet?“

„In Frankfurt hatte ich einen Winter lang Unterricht bei ihm. Im vergangenen Jahr war das. Die Stunden hatte ich meinem Vater abgetrotzt. Von den Ölfarben habe ich ihm nichts erzählt. Für die habe ich eine goldene Kette und noch anderen Schmuck verkauft.“

„So etwas macht man doch nur, wenn man sich etwas ganz stark wünscht. Warst du in Carl Morgenstern verliebt?“

„In der Familie wurde gemunkelt. Du kennst das vielleicht, Pauline. Die Verbindung zu einem Maler hätte man nicht gern gesehen. Brotlose Kunst nannte man seine Arbeit.“

„Ja, ja, das kenne ich. Doch erzähl weiter.“


Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat

1845 Ausflug zum Burgberg

1845 Ausflug zum Burgberg
Zeichnung: Entrée d’Hyères aus: Promenade Pittoresque a Hyères ou notice statisitque sur cette Ville, ses environs et les Iles, par M. Alphonse Denis, Maire de la ville d’Hyères et Deputé du Var, 1841


Die beiden Frauen schlenderten durch die Gassen der Altstadt, vorbei an dem mächtigen runden Turm, überquerten den Marktplatz und gingen hinaus aus der Stadt, wo der Weg auf den Burgberg führte. Mit großen Steinen war er gepflastert und sehr holprig. Als sie eine Weile steil bergauf gegangen waren, blieb Pauline stehen.„Puh, ist das anstrengend“, hechelte sie, „fühle mal mein Herz.“ Sie nahm Malwidas Hand und drückte sie an ihre Brust.
„Es pocht heftig, meine Kleine. Du brauchst eine Pause. Doch die paar Meter bis zu unserer Nische schaffst du noch“, ermunterte die Ältere und zog ihre Freundin hinter sich her, bis sie die Klostermauer erreicht hatten, wo sie sich im Schatten der bogenförmigen Mauernische ausruhen konnten.
„Wie schön es hier wieder ist und so still, als sei nichts geschehen“, sagte Pauline. „Kaum vorstellbar, dass hier noch vor einer Woche ein Derwisch an der Pinie gezerrt hat, weißt du noch?“

„Sicher. Der Mistral gehört zu dieser Gegend wie Felsen, Sand und Meer. Ich hatte auch Angst um den zierlichen Baum. Deshalb habe ich ihn schnell gemalt.“

Sie holte ihr Skizzenbuch hervor und blätterte darin, bis sie die Zeichnung gefunden hatte. „Hier siehst du das stürmische Intermezzo. Gut, dass es Papier und Bleistift gibt.“ Sie blätterte weiter. „Und das da bist du, Pauline. Wie dir der Sturm den Rock über den Kopf fegt.“

Sie lachten.

„Und das bist du auch“, fuhr Malwida fort, „am Bachufer sammelst du Pflanzen.“

„Für mein Herbarium. Da hast du mich heimlich gemalt, du kleine liebe Freundin. Du, jetzt juckt es mich in den Fingern. Lass uns auf Motivsuche gehen“, schlug Pauline vor.

„Einverstanden“

Sie wanderten hoch bis zum alten Gemäuer der Burganlage von wo sie in der südlichen Richtung das Meer mit den Inseln sahen und nach Osten hin endlos scheinende Bergketten.

Was hältst du von diesem Blickwinkel?“, fragte Malwida und zeigte auf die weite Ebene mit einem von Zypressen und Laubbäumen gesäumten Flusslauf, einer Kirche zwischen vereinzelten Häusern, idyllisch eingebettet vor der Kulisse des Massivs.

„Ausgezeichnet“, bestätigte die Freundin.

Auf einer Mauer ließen sie sich nieder und packten ihre Zeichensachen aus. Malwida hatte  eine Idee. Sie legte ihr Skizzenbuch der Freundin in den Schoß.

 „Heute machen wir es einmal ganz anders. Du zeichnest in mein Buch und ich in deines. Dann hat jede eine schöne Erinnerung an diesen Tag und all die gemeinsamen Tage vorher.“
Den Vorschlag fand Pauline ausgezeichnet und so zauberte jede Strich für Strich mit spitzem Bleistift das unbeschreibliche Panorama in das Buch der anderen.
‚Erinnerung an gemeinsam verbrachte Stunden in Freiheit und Liebe’, schrieb Malwida unter das ihrer Weggefährtin gewidmete Bild.

Auch Pauline schrieb eine Widmung unter ihr Werk:

‚Dort erhebt sich niemals Lärm….

Seinen Traum kann man träumen,

bis er endet

und ihn dann von vorne beginnen,

4. Mai 1845, P.’

Jede sah sich noch einmal die gesamte Bildersammlung der anderen an und ließ die provençalische Winterreise an sich vorbeiziehen. Dann tauschten sie die Bücher zurück und blieben schweigend nebeneinander sitzen, bis die Sonne sich schon zur Felsspitze hinuntersenkte.

„Kann eine Landschaft schöner sein? Berge, Täler und herrliche Gärten bis zum Meer. Ich kann mich gar nicht satt sehen“, begann Malwida.

„Die Sonne geht im Meer auf und in den Bergen unter. Das fällt mir jetzt erst auf. Traumhaft schön ist es hier oben, ich könnte ewig so sitzen bleiben“, schwärmte auch die Jüngere.

„Das Zusammenspiel von Formen, Farben und Licht, gerade zu dieser Stunde der tief stehenden Sonne. Genauso wie mein Lehrer es beschrieb“, erinnerte sich Malwida. „Jetzt erst verstehe ich, was Carl Morgenstern damit gemeint hat, das Schweben in der einzigartigen Landschaft, als wären wir selbst ein Teil davon. Wäre er doch jetzt hier! “

„Schweben in der Landschaft. Das hört sich gut an. Er muss ein faszinierender Lehrer sein. Du hast eine Menge von ihm gelernt.“

„Stimmt. Einige seiner Gemälde haben mich so gefesselt, dass ich sie unter seiner Anleitung nachgemalt habe. Terraccina zum Beispiel, mein Lieblingsbild von ihm.“

„War Carl Morgenstern auch hier in Südfrankreich zum Malen?“

„In Italien war er, aber die Landschaften auf seinen Bildern sind dieser hier sehr ähnlich. Felsen, Meer und Weite, Kompositionen in Orange- und Violetttönen, wie es sie in unseren nördlichen Gegenden gar nicht gibt.“

„War er nur dein Lehrer oder hat er dir mehr bedeutet?“

„In Frankfurt hatte ich einen Winter lang Unterricht bei ihm. Im vergangenen Jahr war das. Die Stunden hatte ich meinem Vater abgetrotzt. Von den Ölfarben habe ich ihm nichts erzählt. Für die habe ich eine goldene Kette und noch anderen Schmuck verkauft.“

„So etwas macht man doch nur, wenn man sich etwas ganz stark wünscht. Warst du in Carl Morgenstern verliebt?“

„In der Familie wurde gemunkelt. Du kennst das vielleicht, Pauline. Die Verbindung zu einem Maler hätte man nicht gern gesehen. Brotlose Kunst nannte man seine Arbeit.“

„Ja, ja, das kenne ich. Doch erzähl weiter.“


Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat

1845 Ausflug zum Burgberg

Zeichnung: Entrée d’Hyères aus: Promenade Pittoresque a Hyères ou notice statisitque sur cette Ville, ses environs et les Iles, par M. Alphonse Denis, Maire de la ville d’Hyères et Deputé du Var, 1841


Die beiden Frauen schlenderten durch die Gassen der Altstadt, vorbei an dem mächtigen runden Turm, überquerten den Marktplatz und gingen hinaus aus der Stadt, wo der Weg auf den Burgberg führte. Mit großen Steinen war er gepflastert und sehr holprig. Als sie eine Weile steil bergauf gegangen waren, blieb Pauline stehen.„Puh, ist das anstrengend“, hechelte sie, „fühle mal mein Herz.“ Sie nahm Malwidas Hand und drückte sie an ihre Brust.
„Es pocht heftig, meine Kleine. Du brauchst eine Pause. Doch die paar Meter bis zu unserer Nische schaffst du noch“, ermunterte die Ältere und zog ihre Freundin hinter sich her, bis sie die Klostermauer erreicht hatten, wo sie sich im Schatten der bogenförmigen Mauernische ausruhen konnten.
„Wie schön es hier wieder ist und so still, als sei nichts geschehen“, sagte Pauline. „Kaum vorstellbar, dass hier noch vor einer Woche ein Derwisch an der Pinie gezerrt hat, weißt du noch?“

„Sicher. Der Mistral gehört zu dieser Gegend wie Felsen, Sand und Meer. Ich hatte auch Angst um den zierlichen Baum. Deshalb habe ich ihn schnell gemalt.“

Sie holte ihr Skizzenbuch hervor und blätterte darin, bis sie die Zeichnung gefunden hatte. „Hier siehst du das stürmische Intermezzo. Gut, dass es Papier und Bleistift gibt.“ Sie blätterte weiter. „Und das da bist du, Pauline. Wie dir der Sturm den Rock über den Kopf fegt.“

Sie lachten.

„Und das bist du auch“, fuhr Malwida fort, „am Bachufer sammelst du Pflanzen.“

„Für mein Herbarium. Da hast du mich heimlich gemalt, du kleine liebe Freundin. Du, jetzt juckt es mich in den Fingern. Lass uns auf Motivsuche gehen“, schlug Pauline vor.

„Einverstanden“

Sie wanderten hoch bis zum alten Gemäuer der Burganlage von wo sie in der südlichen Richtung das Meer mit den Inseln sahen und nach Osten hin endlos scheinende Bergketten.

Was hältst du von diesem Blickwinkel?“, fragte Malwida und zeigte auf die weite Ebene mit einem von Zypressen und Laubbäumen gesäumten Flusslauf, einer Kirche zwischen vereinzelten Häusern, idyllisch eingebettet vor der Kulisse des Massivs.

„Ausgezeichnet“, bestätigte die Freundin.

Auf einer Mauer ließen sie sich nieder und packten ihre Zeichensachen aus. Malwida hatte  eine Idee. Sie legte ihr Skizzenbuch der Freundin in den Schoß.

 „Heute machen wir es einmal ganz anders. Du zeichnest in mein Buch und ich in deines. Dann hat jede eine schöne Erinnerung an diesen Tag und all die gemeinsamen Tage vorher.“
Den Vorschlag fand Pauline ausgezeichnet und so zauberte jede Strich für Strich mit spitzem Bleistift das unbeschreibliche Panorama in das Buch der anderen.
‚Erinnerung an gemeinsam verbrachte Stunden in Freiheit und Liebe’, schrieb Malwida unter das ihrer Weggefährtin gewidmete Bild.

Auch Pauline schrieb eine Widmung unter ihr Werk:

‚Dort erhebt sich niemals Lärm….

Seinen Traum kann man träumen,

bis er endet

und ihn dann von vorne beginnen,

4. Mai 1845, P.’

Jede sah sich noch einmal die gesamte Bildersammlung der anderen an und ließ die provençalische Winterreise an sich vorbeiziehen. Dann tauschten sie die Bücher zurück und blieben schweigend nebeneinander sitzen, bis die Sonne sich schon zur Felsspitze hinuntersenkte.

„Kann eine Landschaft schöner sein? Berge, Täler und herrliche Gärten bis zum Meer. Ich kann mich gar nicht satt sehen“, begann Malwida.

„Die Sonne geht im Meer auf und in den Bergen unter. Das fällt mir jetzt erst auf. Traumhaft schön ist es hier oben, ich könnte ewig so sitzen bleiben“, schwärmte auch die Jüngere.

„Das Zusammenspiel von Formen, Farben und Licht, gerade zu dieser Stunde der tief stehenden Sonne. Genauso wie mein Lehrer es beschrieb“, erinnerte sich Malwida. „Jetzt erst verstehe ich, was Carl Morgenstern damit gemeint hat, das Schweben in der einzigartigen Landschaft, als wären wir selbst ein Teil davon. Wäre er doch jetzt hier! “

„Schweben in der Landschaft. Das hört sich gut an. Er muss ein faszinierender Lehrer sein. Du hast eine Menge von ihm gelernt.“

„Stimmt. Einige seiner Gemälde haben mich so gefesselt, dass ich sie unter seiner Anleitung nachgemalt habe. Terraccina zum Beispiel, mein Lieblingsbild von ihm.“

„War Carl Morgenstern auch hier in Südfrankreich zum Malen?“

„In Italien war er, aber die Landschaften auf seinen Bildern sind dieser hier sehr ähnlich. Felsen, Meer und Weite, Kompositionen in Orange- und Violetttönen, wie es sie in unseren nördlichen Gegenden gar nicht gibt.“

„War er nur dein Lehrer oder hat er dir mehr bedeutet?“

„In Frankfurt hatte ich einen Winter lang Unterricht bei ihm. Im vergangenen Jahr war das. Die Stunden hatte ich meinem Vater abgetrotzt. Von den Ölfarben habe ich ihm nichts erzählt. Für die habe ich eine goldene Kette und noch anderen Schmuck verkauft.“

„So etwas macht man doch nur, wenn man sich etwas ganz stark wünscht. Warst du in Carl Morgenstern verliebt?“

„In der Familie wurde gemunkelt. Du kennst das vielleicht, Pauline. Die Verbindung zu einem Maler hätte man nicht gern gesehen. Brotlose Kunst nannte man seine Arbeit.“

„Ja, ja, das kenne ich. Doch erzähl weiter.“


Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat

1845 Abschied von der Provence

1845 Abschied von der Provence


Der Winter war vergangen und sie wusste nicht, ob sie sich über den strahlenden Frühlingsmorgen freuen sollte. Abschied lag in der Luft. Malwidas letzter Sonntag in dieser unvergleichlichen Gegend. Allein der Blick aus dem Fenster würde ihr fehlen, wenn sie in vier Tagen das Paradies verlassen musste. Die Landschaft, so reich an Schönheit, so angenehm zum Leben.

Machte die üppige Natur in dem milden Klima das Leben leichter? Zauberte die Schönheit der Landschaft ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen? Sie dachte an die Fischersleute, deren zwei hübsche Töchter sie vor einigen Tagen gemalt hatte und die sich gestern mit einem Korb herrlicher Früchte und Blumen bedankt hatten. Sie wohnten beengt, doch lachten sie viel und von den Früchten des Baumes vor ihrem Häuschen konnten sie noch anderen etwas abgeben. Eigentlich waren sie arm, doch es war eine andere Armut, als die der Menschen in der nordischen Heimat, die sich an bitterkalten Wintertagen eng zusammendrängten und um das tägliche Brot bangen mussten.

Malwida von Meysenbug schaute über den Orangenhain hinweg bis hinunter zum Meer. Auch sie fühlte sich reicher hier, bewegte sich freier, machte Dinge, die ihr in Detmold unmöglich schienen. Unsichtbare Lasten waren von ihren Schultern gefallen in den vergangenen Monaten. Das spürte sie beim Zusammenleben mit ihrer Schwägerin und deren Bediensteten, auf langen Wanderungen in die Umgebung, bei Gesprächen mit gut gelaunten Menschen auf Straßen und Plätzen und in den Salons und Gärten, wo sie in kleinen Kreisen ihr Miteinander mit einer erstaunlichen Leichtigkeit pflegten.

Diese neue Heiterkeit wollte sie nicht wieder hergeben, nicht in die Schwermut mancher Tage zurückkehren. Wie könnte sie dieses gewonnene Lebensgefühl mitnehmen, wenn die Kutsche unter der Palme vor dem Portal des Hauses Arnaud stehen würde, um die siebenköpfige Reisegruppe mit Sack und Pack für die Rückfahrt aufzunehmen?

Se beobachtete Herrn Ludwig mit den Kindern den Weg hinunter zum Meer gehen. Auch die beiden Jungen hatten sich verändert während der vergangenen Monate. Vor allem der lebhafte Wilhelm war ruhiger geworden. Daheim in Frankfurt würden sie ihrem Vater und ihrer Schwester Mathilde eine Menge zu erzählen haben.


1845 Abschied von der Provence

1845 Abschied von der Provence


Der Winter war vergangen und sie wusste nicht, ob sie sich über den strahlenden Frühlingsmorgen freuen sollte. Abschied lag in der Luft. Malwidas letzter Sonntag in dieser unvergleichlichen Gegend. Allein der Blick aus dem Fenster würde ihr fehlen, wenn sie in vier Tagen das Paradies verlassen musste. Die Landschaft, so reich an Schönheit, so angenehm zum Leben.

Machte die üppige Natur in dem milden Klima das Leben leichter? Zauberte die Schönheit der Landschaft ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen? Sie dachte an die Fischersleute, deren zwei hübsche Töchter sie vor einigen Tagen gemalt hatte und die sich gestern mit einem Korb herrlicher Früchte und Blumen bedankt hatten. Sie wohnten beengt, doch lachten sie viel und von den Früchten des Baumes vor ihrem Häuschen konnten sie noch anderen etwas abgeben. Eigentlich waren sie arm, doch es war eine andere Armut, als die der Menschen in der nordischen Heimat, die sich an bitterkalten Wintertagen eng zusammendrängten und um das tägliche Brot bangen mussten.

Malwida von Meysenbug schaute über den Orangenhain hinweg bis hinunter zum Meer. Auch sie fühlte sich reicher hier, bewegte sich freier, machte Dinge, die ihr in Detmold unmöglich schienen. Unsichtbare Lasten waren von ihren Schultern gefallen in den vergangenen Monaten. Das spürte sie beim Zusammenleben mit ihrer Schwägerin und deren Bediensteten, auf langen Wanderungen in die Umgebung, bei Gesprächen mit gut gelaunten Menschen auf Straßen und Plätzen und in den Salons und Gärten, wo sie in kleinen Kreisen ihr Miteinander mit einer erstaunlichen Leichtigkeit pflegten.

Diese neue Heiterkeit wollte sie nicht wieder hergeben, nicht in die Schwermut mancher Tage zurückkehren. Wie könnte sie dieses gewonnene Lebensgefühl mitnehmen, wenn die Kutsche unter der Palme vor dem Portal des Hauses Arnaud stehen würde, um die siebenköpfige Reisegruppe mit Sack und Pack für die Rückfahrt aufzunehmen?

Se beobachtete Herrn Ludwig mit den Kindern den Weg hinunter zum Meer gehen. Auch die beiden Jungen hatten sich verändert während der vergangenen Monate. Vor allem der lebhafte Wilhelm war ruhiger geworden. Daheim in Frankfurt würden sie ihrem Vater und ihrer Schwester Mathilde eine Menge zu erzählen haben.