Engelbrecht, Ernst - Nachtkaschemmen


Gerade Mitternacht war es, als wir uns am Bahnhof Friedrichstraße trafen. Bankdirektor W., zwei alte Kriegskameraden mit ihren Damen, und wir beide „vom Bau“, Kriminalassistent Krähe und ich. Interessant sollte die Nacht werden für die fünf „Stubben“, welche sich meiner Führung durch einige Kaschemmen Berlins anvertrauten, und ich glaube, daß die wenigen Stunden allen vier Bekannten unvergeßlich bleiben werden.
Zunächst zum …..kasino in der Marienstraße. Eine Kaffeeklappe mittlerer Größe, hinter dem vorderen Schankraum ein großes Hinterzimmer. Der weißhaarige Boost empfängt uns mit einem lachenden und einem weinenden Auge, gibt aber sofort die Tür zum hinteren Raume frei. Ein ungewohntes Bild bietet sich uns, etwa 30 Männer-Paare wiegen sich nach den Klängen eines Walzers, den ein Junge von den Tasten haut, im Tanze. Ganz vereinzelt nur ein weiblicher Gast, alles andere nur Männer, meist junge Leute, aber auch bejahrte Greise unter ihnen. Die Paare scheinen sich untereinander gut zu verstehen, manch liebevoller Blick gleitet von einem zum andern, ja mitten im Saal, beim Tanz, tauschen die Männer unter sich Liebkosungen, Umarmungen und Küsse aus. Wir befinden uns in Berlins bekanntestem Päderastenlokal, in welchem ausschließlich nur Homosexuelle männlichen Geschlechts verkehren. Und auch die wenigen weiblichen Gäste entpuppten sich bald als „Transvestiten“, Männer, die gewohnheitsgemäß Frauenkleidung tragen, meist junge Leute mit ausgesprochenen weiblichem Typ, welche nur der Eingeweihte als Männer zu erkennen vermag.
„Ach, Herr Kommissar, setzen Sie sich doch ein bussel zu uns“, bittet eine dieser „Damen“. Und wir folgen gern der freundlichen Aufforderung, die „Trudchen“ an uns richtet. Trudchen ist ein schönes junges „Mädchen“ von etwa 25 Jahren und gehört mit seiner schlanken Frauenfigur und seinem echten, wirklich echten langen Haar zu den schönsten seiner Art. Und „Trudchen“ weiß alles, kennt alle „Pupen“ und alle „Raben“ und weiß immer etwas Neues, Interessantes zu berichten. Als Paul H. geboren, wurde „Trudchen“ 1912 einem Bäcker in die Lehre gegeben und 1918 als Rekrut eingestellt. Hier kommte man ihn aber doch nicht brauchen, und „Grenadier Trudchen“ wurde als D. u. bald wieder entlassen. Durch diese, seine kurze Dienstzeit hat „Trudchen“ in den homosexuellen Kreisen Berlins eine gewisse Berühmtheit erlangt. Er erzählt jedem davon und weiß seine Angaben auch immer gleich durch ihn betreffende Zeitungsausschnitte und Urlaubsscheine zu belegen. „Trudchen“ bummelt unter den Linden wie die anderen auch, er hat aber auch feste Freunde. Einer von diesen sitzt bei ihm und bewacht eifersüchtig jedes Wort und jede Bewegung seiner „Liebsten“. Argwöhnisch betrachtet „Trudchen“ die beiden Damen. Er ist sich scheinbar nicht klar darüber, ob es wirklich Frauen sind oder auch Männer in „Frauenschale“. Erst als er sich durch einen kühnen Griff von der Legitimität der Damen überzeugt hat, ist er beruhigt und schlürft zufrieden den ihm spendierten „Mocka“.
Aber weiter wollen wir, in ein anderes Milieu!
Es ist 1.30 Uhr nachts. Am Oranienburger Tor ist trotz der späten Stunde noch reges Leben. Die „Lotte“ trifft hier ihren „Emil“ und von hier und den zahlreichen Kaschemmen der angrenzenden Straßen aus wird mancher nächtliche Streif- und Raubzug unternommen. Zwei „Gannoven“ begrüßen uns, der ältere, ein alter Zuchthäusler „Boulettenede“, der andere, jüngere, ein berüchtigter Zuhälter. Im Augenblick ists bekannt, daß wir hier sind, viele verwegene Gestalten schieben sich vorbei, uns sorgfältig und mißtrauisch musternd. Plötzlich vor uns drei Jungens von der Einbrecherzunft. Wo ist Engelbrecht? Der soll hier sein, wir wollen ihn totschlagen, prahlt schreiend der eine. Aber als er sich mir und dem langen Krähe, dem „Schlangengreifer“, gegenübersieht, verläßt ihn und seinen Kumpanen ihr Mut, und sie sind froh, unangefochten wieder fortzukommen.
Als wir Linienstraße … angelangen, ist’s 2 Uhr geworden. Karl, der „Spanner“, läßt uns ein, und zwölf Treppenstufen bringen uns in den Keller. Wir sind angenehm überrascht, denn peinlich sauber ist alles, ganz frisch gestrichen und neu tapeziert, und saubere Stühle und Tische laden zum Verweilen ein.
Das Publikum ist durchweg etwas besser, als in den anderen „Bouillonkellern“, besteht aber vorwiegend auch aus bekannten „Gannoven“ und ihren Mädchen. Alle aber sind bemüht, ihr Benehmen auch mit dem Aussehen des Lokales in Einklang zu bringen und Ruhe und Ordnung zu halten. „Lattenotto“ gibt seine Polizei-Erlebnisse zum Besten, er weiß noch genau, wie ihn der lange Krähe überlistete, und kann es dem Kommissar nicht vergessen, daß dieser bei Überrumpelung eines Spielklubs in der Jerusalemerstraße gerade ihn „alle werden“ ließ. Aber er bleibt gemütlich und versichert seine Feinde, die Beamten der Kriminalpolizei, trotzdem hoch zu achten. Auch die Mädchen betragen sich „gesittet“. Als „Lattenotto“ du dreist wird, weißt ihn die „blonde Grete“ darauf hin, daß auch Damen „unten“ wären und erzählt nun ihren Lebensgang. Seit sechs Monaten hat sie nun die Kontrolle. Sie sei aber trotzdem ein anständiges Mädchen, sagte sie.
Auguststrape … ist kein „Spanner“ zu sehen, der Keller ist geschlossen. In einer Entfernung stehen zwei Schupobeamte, die interessiert das Haus beobachten. Im letzten Fenster des Kellers ein Mann im Nachthemd. Leise ruft er uns, als wir vorübergehen, zu: „Wenn die „Grünen“ weg sind“. Und wir gehen alle sechs fort, kommen aber 10 Minuten später zurück, und man öffnet uns.
Wieder ein anderes Bild! In den drei Kellerstuben etwa 40 Gäste. Verbissene Gesichter zeigen uns, daß hier „schwere Jungen“ zu verkehren pflegen. „Gannoven“, welche der Gefahr gewöhnt, nur „ganze Arbeit verrichten“, „Geldschränke knacken“ und mit der Handhabung von „Elle und Tandel“ gut vertraut sind. Im Hinterzimmer ein Sofa, an dem nur noch an der Lehne ein Fetzen roter Rips seine ehemalige Pracht ahnen läßt. Nach einer Tasse Kaffee geht’s weiter, trotzdem der „Boost“ Einspruch erhebt und uns flehentlich bittet, noch dazubleiben und ihm nicht seine „Ruhe“ mit hinauszutragen.
Fast 4 Uhr morgens ist es, als uns Hans, der „Spanner“, in den berüchtigten „Katakombenkeller“ in der Linienstraße … einläßt. Kein Stuhl ist mehr zu bekommen, ein Teil der meist kragenlosen Gäste rekelt sich schon auf Tischen und auf der „Theke“ herum, in der Hand die Flasche mit der üblichen „kalten Bouillon“. Gläser sind Luxus und gerade „kalte Bouillon“, - wie das echte Patzenhofer Bräu genannt wird - , schmeckt ja aus der Flasche am besten. Die Toilette birgt besondere Reize, doch ich darf nicht indiskret sein und möchte darüber schweigen. Der „Boost“ meldet sich und macht ein zufriedenes Gesicht. Das Geschäft geht gut, die Gäste haben Durst und „Marie“, d.h. Geld. Ein blasses, junges Mädchen in der Ecke erregt unser Interesse. Bescheiden, fast schüchtern schweifen ihre Augen zur Tür. Unsere Damen können es nicht verstehen, wie solch nettes Mädchen in derartige Gesellschaft kommen kann. Da leuchten plötzlich des Mädchens Augen auf. Ein junger Mann ist eben in den Keller gekommen, tritt auf sie zu und faßt sie brutal an den Arm. Lächelnd begrüßt sie ihn: „Icke hab‘ schon gut vadient, ick will ma ma ausruhn, wa?“ Wir sind im Bilde und verstehen. Die Damen drängen zum Aufbruch und wir verlassen den Keller. Alle haben genug gesehen und Einblick in die Tiefen des menschlichen Daseins getan, der sie zu ernsten Gedanken zwingt. Nachdenklich und schweigsam bleiben sie auf der Heimfahrt, auch als wir uns am Sophie-Charlotte-Platz die Hand zum Abschied drücklen.

Quelle

Heller, Leo: Berliner Razzien, 1924.




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