Heller, Leo - Plünderer


Ein typisch grauer Novembertag. Eine Straße des Westens, die auf einen Platz mündet. Auf dem Platz steht der Sipoposten: ein Mann, der gelangweilt auf und nieder geht, die Hände in den Manteltaschen vergraben und den Tschako ins Gesicht geschoben. Die Straße selbst sieht wie alle Tage aus. Sie ist von einigen Fußgängern, den selten gewordenen Straßenbahnwagen und den dahinrasenden Privatautos belebt. Da kommt plötzlich auf einem der Bürgersteige ein Trupp junger Burschen, achtzehn bis zwanzigjährige Jungen, die Mützen auf den Köpfen und wollene Tücher um die Hälse geschlungen tragen. Sie haben den schweren, schleppenden Gang, der doch mit einer gewissen Nonchalance verbunden ist. Drei von ihnen, im ganzen sind es acht, qualmen Zigaretten. Während sie dahintrotten, lugen ein paar nach der Polizei aus, die anderen prüfen den Inhalt der Schaufenster der Läden, die sie passieren.
Die paar Passanten, die dem Trupp begegnen, bleiben stehen und gaffen die Jungen an, die ihren Mund zu breitem Grinsen verziehen und einen sehr kessen Eindruck machen wollen. Ein älterer Mann, anscheinend ein Arbeiter, stellt sich ihnen in den Weg und fragt sie in jenem familiären Ton, den Proletarier untereinander anschlagen, wohin sie denn gehen.
"Det siehste nich, olla Affe?" antwortete der Junge, der an der Spitze des Zuges geht, "plundan jehn wa!" Und in parodistischem Klageton setzt er hinzu: "Weil wa Hunger ham!"
Der Trupp ist vor einem kleinen Bäckerladen angekommen, in dessen niedrigem Schaufenster sich zwei Brote und ein paar Semmel befinden, die in Berlin "Schrippen" genannt werden. Die Spitze des Trupps, drei Burschen, öffnen die Ladentür und treten in das Geschäft, während die anderen fünf vor der Tür Posto fassen, um teils "Schmiere zu stehen", teils den Wünschen ihrer Genossen im Laden mehr Nachdruck zu verleihen. Während die Burschen im Laden unter der Ware ihre Auswahl treffen, erscheinen, angelockt durch die kleine Menschenansammlung, die Besitzer der Nachbarläden vor den Türen: Der Raseur mit seinen Gehilfen, der Schuhmacher, der Drogist. Sie beobachten alle die Vorgänge in und außer dem Bäckerladen, aber es fällt keinem von ihnen ein, die Bäckersfrau gegen die Erpressungen in Schutz zu nehmen. Es ist, als ob sich die bedrohte Frau nicht in einer Hauptverkehrsstraße Berlins, sondern mutterseelenallein auf weiter Flur befunden hätte. Auf die Hilfe seiner Mitmenschen kann man in Berlin in diesen Zeiten nicht mehr rechnen.
Die Burschen verlassen den Laden, große Kuchenstücke in den Händen, in die sie herzhaft einhauen. Sie teilen ihre Beute ungeniert mit den wartenden Genossen, dann geht es ein paar Häuser weiter, in ein Delikatessengeschäft. Drin sind vier Verkäufer in blendend weißen Jacken, aber keiner von ihnen wagt auch nur den Mund zu öffnen, als die Jungen mit ihrer stereotypen Visitenkarte: "Wa ham Hunger! Seid jutwillich, oda wa dreschen alles kurz und kleen!" eintreten. Die Burschen nehmen Würste, Käse, Sardinen, Südfrüchte und Schokolade: soviel sie nur schleppen können. Als Quittung sagen sie nur: "So, det hett'n wa jeschafft!" Dann drücken sie sich hinaus, und die Verkäufer lassen hinter ihnen die Rolläden der Schaufenster hinunter und verschließen und verriegeln die Tür. Die Jungen ziehen weiter...
Auf dem Platz aber, ein paar Schritte weiter, steht der Sipoposten, ein Mann, der gelangweilt auf und nieder geht, die Hände in den Manteltaschen vergraben und den Tschako ins Genick geschoben...
Das waren die "sanften" Plünderungen in Berlin.
Im Berliner Scheunenviertel. Um den Alex herum. Die Heimat der Gannoven und der polnischen Juden. Münz- Dragoner-, Grenadier-, Weinmeisterstraße. Auch zu gewöhnlichen Zeiten tagsüber von drängendem Leben erfüllt. In diesen Tagen aber fast unpassierbar. Auf Fahrdämmen und Fußsteigen ein Menschenknäuel. Leib an Leib. Es liegt etwas in der Luft. Keiner weiß noch recht, was es sein wird. Man erwartet ein Anfangssignal, den Anlaß zu irgendeiner Sache. Das Reden der Tausende, die sich dort durch die Straßen schieben oder sich schieben lassen, wird zu einem dumpfen Rollen. An der Ecke der Grenadierstraße stehen ein paar Kaftanträger, die mit bangen, melancholischen Augen in das Gewirre starren. Sie drücken sich scheu an die Häuserwände. Die Vorüberdrängenden regalieren sie mit rohen Witzen, aber das sind sie gewöhnt, die Bewohner der Grenadierstraße. Wenn nur nichts Schlimmeres kommt.
Da steht auch so ein Paria mit einem langen schwarzen Bart, der ein blasses Gesicht umrahmt, aus dem die Backenknochen stark hervorragen. Und dieser Kerl hat den unglücklichen Einfall, so gut er das in der qualvollen Enge zu tun vermag, in die Brusttasche seines schmierigen Rockes zu greifen, und daraus eine handvoll kleiner ausländischer Geldscheine zu ziehen und den Nächstbesten am Rock zu fassen und ihn zu fragen:
„Wollen der Herr Böß-Dollars“ verkaufen?“
Diese rasche, bang hervorgestoßene Frage, mitten in dem dumpfen Rollen von tausenden noch gezähmter Stimmen war das Anfangssignal, der Anlaß zur Sache. Der, den der Jude angesprochen hatte, war stehen geblieben, hatte ihn mit einer höhnischen Grimasse angesehen und dann den weithin schallenden Ruf ausgestoßen: „Hier ist ein Itzig, der uns das Blut aussaugen will!!!“ Und blitzschnell hatte er dem Polen das Päckchen Geldscheine aus der Hand gerissen und da schrie und gellte es auch schon: „Schlagt’n tot den Juden! Schlagt sie tot, die Juden!“ Und das geschah alles so schnell, daß man es gar nicht denken konnte. Fäußte erfaßten den Polen, Fäuste schlugen ihm in das blasse, melancholische Gesicht, Fäuste rissen ihn an den Haaren, gierige Hände verkrallten sich in seinen Lumpen und rissen ihm die Kleider vom Leibe: den Rock mit den Devisen, die Weste mit Uhr und Kette, die Stiefel herunter, die Socken herunter. „Schlagt sie tot, die Juden!“ Und aus allen Nachbarstraßen kommt es einhergewälzt und alles, alles in die Grenadierstraße hinein. Stöcke fallen in die Scheiben der Schaufenster, erbrochene Türen krachen, genagelte Militärstiefel stampfen gegen schnell geschlossene Haustore. „Schlagt sie tot, die Juden!“
Schon sind die Stimmen vom Gebrüll heiser geworden, da gellen Weiberschreie in einer fremden Sprache. Die schaffen eine Sekunde Stille. Da tönt Kinderwimmer in sie hinein. Dann wieder: „Schlagt sie tot, die Juden!“.
Ein jüdischer Schlächter hat das Hackbeil gegen die, die seinen Laden stürmten, gebraucht. Ein paarmal hat er es aufgerissen und irgendwohin niedersausen lassen. Ein wahnsinniges Heulen jagt auf die Straße hinaus: „Zu Hilfe, zu Hilfe, ein Jude erschlägt Christen!“ Und die Hilfe kommt. „Wo? Wo?“ – „Dort!“ - - „Hier“ Übermacht stampft in den Laden. Schwerverwundet sinkt der Schlächter zu Boden.
Blut, Kleiderfetzen, Glasscherben, Trümmer…
Autohupen. Die Sipos kommen! Grüne auf den Lastautos. Sie springen herunter, drängen die Massen zurück. Pistolen schußfertig in den Händen.
Die Polizei kam. Sie sah: Blut, Kleiderfetzen, Glasscherben, Trümmer…
Dann wurde das Scheunenviertel abgesperrt.

Quelle

Heller, Leo: Berliner Razzien, 1924.




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